Disney möchte keine Star-Wars-Charaktere in KI-Videos von Bytedance.Bild:
Tom Dulat/Getty Images for The Lego Group
Das Hollywoodstudio Disney hat Bytedance wegen des KI-Modells Seedance 2.0 ein Unterlassungsschreiben geschickt. Das Filmstudio verwies dabei darauf, dass in den per KI erzeugten Clips unerlaubt Figuren etwa aus Star Wars und dem Marvel-Universum vorkamen, wie in Branchenkreisen nach einem Bericht des Magazins Axios bestätigt wurde.
"Trotz der öffentlich bekannt gemachten Einwände von Disney missbraucht Bytedance die Figuren von Disney, indem es diese reproduziert, vertreibt und abgeleitete Werke mit diesen Figuren erstellt. Der virtuelle Raubzug von Bytedance auf das geistige Eigentum von Disney ist vorsätzlich, weitreichend und völlig inakzeptabel" , schrieb David Singer, der externe Anwalt von Disney.
In den vergangenen Jahren sind die Fähigkeiten von KI-Software immer besser darin geworden, Videos aus Textvorgaben zu erzeugen. So brachte der ChatGPT-Entwickler OpenAI im vergangenen Jahr mit Sora 2 eine Software heraus, bei der sich Nutzer nach einem kurzen Scan mit dem Smartphone auch selbst in kurze Videoclips einbauen können.
Filmschaffende sorgen sich um ihre Jobs
Disney gewährte OpenAI eine Lizenz zur Nutzung der Figuren des Studios in den Sora-Videos und investierte eine Milliarde US-Dollar in die KI-Firma. Gegen andere Entwickler gingen Disney und weitere Hollywood-Unternehmen rechtlich vor, es ging um den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung.
Der bekannte Drehbuchautor Rhett Reese sorgt sich wegen des Videos mit Cruise und Pitt um seinen Job . Er schrieb an Drehbüchern mit, unter anderem bei mehreren Deadpool-Verfilmungen und an Zombieland. Er fürchtet nun, dass bald Filme mit Hollywood-Qualität von einer einzigen Person am Computer erstellt werden könnten.
Netflix zeigt keine Angst vor KI
Netflix-Inhaltschefin Bela Bajaria sieht die KI-Entwicklung dagegen gelassen. Auch wenn der Clip mit Cruise und Pitt eine "coole Actionszene" gewesen sei – "es ist nicht wirklich das, was Leute mit Geschichten verbindet" , sagte sie dem US-Fernsehsender CNBC . Emotionen und die Kunst des Geschichtenerzählens könne man nicht ersetzen.
Für Netflix wiederum werde es "nie darum gehen, etwas billiger zu machen" , versicherte die Managerin des Streaming-Riesen. Bei dem Dienst wurde KI bisher punktuell in einigen Produktionen eingesetzt.
Google hat zum Wochenende ein Notfall-Update für den Webbrowser Chrome veröffentlicht. Es schließt eine bereits attackierte Lücke.
Google hat am Freitagabend ein Update außer der Reihe für den Webbrowser Chrome herausgegeben. Damit schließen die Entwickler eine Sicherheitslücke, die bereits in freier Wildbahn attackiert wird.
Viele Details zur Sicherheitslücke nennt der Schwachstelleneintrag CVE-2026-2441 nicht. „Eine Schwachstelle des Typs ‚Use after free‘ in der CSS-Verarbeitung in Google Chrome vor Version 145.0.7632.75 ermöglicht Angreifern, mit einer manipulierten HTML-Seite beliebigen Code innerhalb einer Sandbox auszuführen“, beschreibt das Chrome-Projekt das Problem (CVE-2026-2441 [1], CVSS 8.8, Risiko „hoch“). Bei solch einer Schwachstelle greift der Programmcode auf bereits freigegebene Ressourcen erneut zu, deren Inhalt undefiniert ist. Das löst in der Regel einen Absturz aus, kann aber auch zur Ausführung von eingeschleustem Schadcode führen.
Laut der Chrome-Release-Ankündigung [2] sind die Versionen 144.0.7559.75 für Linux, 145.0.7632.75/76 für macOS und Linux sowie die Extended-Stable-Fassung [3] 144.0.7559.177 für macOS und Windows nicht mehr für die Sicherheitslücke anfällig.
Mittwoch gemeldet, Freitag gefixt
Das Sicherheitsleck hat Shaheen Fazim am Mittwoch, dem 11. Februar 2026 an Google gemeldet, das Update haben die Entwickler am Abend des 13. Februar in die Softwareverteilung gegeben. „Google ist bekannt, dass ein Exploit für CVE-2026-2441 in freier Wildbahn existiert“, erklärt das Unternehmen in den Release-Ankündigungen. Wie die Angriffe genau aussehen, auf wen sie abzielen und in welchem Umfang sie stattfinden, darüber schweigt Google sich aus.
Die Aktualisierung lässt sich über den internen Update-Mechanismus anstoßen. Durch Klick auf das Symbol mit den drei aufeinandergestapelten Punkten rechts von der Adressleiste und weiter über „Hilfe“ findet sich der Punkt „Über Google Chrome“. Der zeigt den aktuell laufenden Softwarestand an und startet gegebenenfalls den Update-Vorgang. Unter Linux ist in der Regel der Aufruf der Softwareverwaltung der Distribution für die Aktualisierung nötig. Da auch weitere Browser wie Microsofts Edge auf der Chromium-Basis beruhen, dürften in Kürze hierfür ebenfalls dringende Aktualisierungen bereitstehen, die Nutzerinnen und Nutzer zeitnah installieren sollten.
In der Nacht zum Donnerstag dieser Woche hat Google den Entwicklungszweig 145 von Chrome [4] herausgegeben. Darin haben die Programmierer bereits drei hochriskante Schwachstellen und acht mit geringerer Risikoeinstufung ausgebessert.
URL dieses Artikels: https://www.heise.de/-11176825
Links in diesem Artikel: [1] https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-2441 [2] https://chromereleases.googleblog.com/2026/02/stable-channel-update-for-desktop_13.html [3] https://chromereleases.googleblog.com/2026/02/extended-stable-updates-for-desktop_13.html [4] https://www.heise.de/news/Chrome-145-bringt-JPEG-XL-zurueck-11173753.html [5] https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp [6] mailto:dmk@heise.de
Amazon muss seine Preiskontrolle aufgeben. Das Bundeskartellamt greift hart durch – und verhängt erstmals eine besondere Strafe.
Das Bundeskartellamt hat am 5. Februar die Praxis von Amazon in den USA und ihrer Tochter in Luxemburg untersagt, die Preise von Händlern auf dem deutschen Amazon Marketplace zu beeinflussen. Amazon darf Mechanismen zur Kontrolle der Händlerpreise künftig nur noch ausnahmsweise, insbesondere für Fälle des Preiswuchers, nach Vorgaben des Bundeskartellamtes einsetzen.
Die Marktmacht von Amazon kann den deutschen Markt massiv beeinflussen
Amazon ist Betreiber eines umfassenden digitalen E-Commerce-Ökosystems, zu dem auch die Handelsplattform amazon.de gehört, die rund 60 Prozent des Umsatzes im deutschen Onlinehandel mit Waren auf sich vereint.
Auf dieser Plattform ist Amazon zum einen mit seinem Eigenhandelsgeschäft namens "Amazon Retail" tätig, zum anderen betreibt das Unternehmen dort den Onlinemarktplatz "Amazon Marketplace", über welchen Dritthändler, sogenannte Marktplatzhändler, ihre Waren direkt an Endkundinnen und Endkunden verkaufen können.
Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich gezeigt, dass rund 60 Prozent der über die Handelsplattform amazon.de vertriebenen Waren von unabhängigen Dritthändlern und nicht von Amazon Retail an die Endkundinnen und -kunden verkauft werden. Die Dritthändler verantworten ihre Preise auf dem Amazon Marketplace und tragen das wirtschaftliche Risiko ihrer Verkaufsaktivitäten selbst.
"Amazon tritt auf seiner Plattform in den direkten Wettbewerb zu den übrigen Marktplatzhändlern. Daher ist eine Einflussnahme auf die Preisgestaltung der Wettbewerber auch in Form von Preisobergrenzen nur in absoluten Ausnahmefällen wie zum Beispiel bei Preiswucher zulässig.
Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Preisniveau auf der Handelsplattform nach den Vorstellungen von Amazon gelenkt und im Wettbewerb gegen den restlichen Onlinehandel außerhalb Amazons eingesetzt wird. Für die betroffenen Händler können die Eingriffe in die Preisgestaltung dazu führen, dass sie ihre eigenen Kosten nicht mehr decken können; mit der Konsequenz, vom Marktplatz verdrängt zu werden."
Amazon greift aktiv in die Angebote der Marktplatzhändler ein
Amazon setzt zur Überprüfung der Preise von Marktplatzhändlern verschiedene Preiskontrollmechanismen ein. Wenn diese Mechanismen die Händlerpreise als zu hoch bewerten, werden die entsprechenden Angebote entweder ganz vom Marktplatz entfernt oder sie werden nicht im hervorgehobenen Einkaufsfeld, der "Buy Box [2]" angezeigt. Solche Einschränkungen der Sichtbarkeit der Händlerangebote können erhebliche Umsatzeinbußen für die Marktplatzhändler nach sich ziehen.
"Wir gehen nicht gegen Amazons Ziel vor, den Endverbraucherinnen und -verbrauchern möglichst niedrige Preise anzubieten. Die Preiskontrollmechanismen sind aber nicht erforderlich, um dieses Ziel zu verfolgen. Hierzu hätte das Unternehmen andere Möglichkeiten.
Zum Beispiel könnten entsprechende Anreize an die Händler durch eine Absenkung der Gebühren und Provisionen, die die Händler an Amazon zahlen müssen, gesetzt werden. Amazon darf jedoch zulässige Angebote der Marktplatzhändler nicht deshalb in ihrer Sichtbarkeit beschränken oder sogar beseitigen, weil deren Preise den Vorstellungen von Amazon nicht entsprechen."
Die Preiskontrollmechanismen von Amazon sind für die Marktplatzhändler eine Blackbox
Die Kontrollmechanismen von Amazon beruhen auf intransparenten Regeln und Benachrichtigungen. Für die Marktplatzhändler ist nicht hinreichend deutlich, nach welchen Grundsätzen die Preisgrenzen zustande kommen und wo diese ungefähr liegen.
Es ist für die Marktplatzhändler daher nicht hinreichend vorhersehbar, unter welchen konkreten Umständen ihr Angebot auf Amazon nicht mehr oder nur noch eingeschränkt sichtbar ist.
Das Bundeskartellamt sieht in diesen systematischen Eingriffen in die Preisgestaltungsfreiheit der Marktplatzhändler einen Missbrauch nach den besonderen Vorschriften für große Digitalunternehmen (§ 19a Abs. 2 GWB [4]) sowie einen Verstoß gegen die allgemeinen Missbrauchsvorschriften des § 19 GWB [5] und Artikel 102 AEUV [6] und hat deshalb die Anwendung der bestehenden Preiskontrollmechanismen des US-amerikanischen Platzhirsches untersagt.
Amazon darf die bislang angewandten Mechanismen daher künftig nur ausnahmsweise, insbesondere für Fälle des Preiswuchers, nach Vorgaben des Bundeskartellamtes hinsichtlich der Parameter, der Regelsetzung und der Benachrichtigungen einsetzen.
Strafzahlungen zur Abschöpfung des wirtschaftlichen Vorteils
In diesem Fall hat das Bundeskartellamt zum ersten Mal von der im Jahr 2023 grundlegend reformierten Möglichkeit Gebrauch gemacht, den wirtschaftlichen Vorteil, den Amazon durch das kartellrechtswidrige Verhalten erlangt hat, abzuschöpfen.
Nach der Reform kann der wirtschaftliche Vorteil anhand einer Vermutungsregel [7] festgestellt werden. Da der festgestellte Kartellrechtsverstoß nach wie vor andauert, hat das Bundeskartellamt zunächst einen Teilbetrag in Höhe von rund 59 Mio. Euro festgesetzt.
Das Bundeskartellamt hat das Verfahren eng mit der Europäischen Kommission koordiniert, die unter anderem für die Durchsetzung der EU-Verordnung über bestreitbare und faire Märkte im digitalen Sektor, dem Digital Markets Act, zuständig ist.
Außerdem hat es seine Entscheidung bezüglich der Transparenzanforderungen mit der Bundesnetzagentur (BNetzA) abgestimmt, die für die Durchsetzung der sogenannten Platform-to-Business-Verordnung [8] zuständig ist.
Amazon hat jetzt die Möglichkeit, innerhalb eines Monats Beschwerde gegen die Entscheidung der Bonner Behörde einzulegen, über die dann der Bundesgerichtshof entscheiden würde.
Hintergrundinformationen des Verfahrens des Bundeskartellamts gegen Amazon finden sich hier [9].
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Wer eine Photovoltaik-Anlage plant, sollte sich beeilen: Eine neue Regelung könnte den Netzanschluss deutlich verteuern.
Eigenheimbesitzer, die gerade über eine neue Solaranlage [1] nachdenken, sollten aufpassen. Ein Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums könnte die Bedingungen für Solaranlagen auf dem eigenen Dach ändern.
Im Zentrum steht ein neues Instrument: der Baukostenzuschuss beim Netzanschluss.
Das Dokument sieht vor: Netzbetreiber können künftig beim Anschluss neuer Anlagen Baukostenzuschüsse erheben, berichtet [2]t-online.de. Wer also eine Solaranlage betreiben möchte, könnte an den Kosten für den Anschluss beteiligt werden. Das soll wiederum die Netzbetreiber in die Lage versetzen, stärker in die Stromnetze zu investieren.
Das Problem für Hausbesitzer: Der Entwurf lässt offen, ob auch kleine private Solaranlagen betroffen sind. Bislang werden sie nicht explizit ausgenommen.
Zusatzkosten von rund 1.000 Euro für typische Dachanlagen möglich
Die möglichen Kosten sind laut t-online.de beachtlich. Für eine durchschnittliche Dach-Photovoltaikanlage [3] mit zehn Kilowatt Leistung werden etwa 1.000 Euro zusätzlich genannt.
Bei größeren Anlagen mit 15 Kilowatt fallen die Beträge regional unterschiedlich aus. Berechnungen zeigen Werte von 426 Euro in Flensburg. In Regensburg sind es 940 Euro. In Leipzig sogar 1.157 Euro.
Diese Unterschiede sind kein Zufall. In Deutschland gibt es rund 850 Verteilnetzbetreiber. Jeder könnte eigene Zuschüsse festlegen. Für Hausbesitzer bedeutet das: Die konkreten Kosten lassen sich vorher kaum berechnen.
Besonders umstritten ist ein Detail des Entwurfs: Der Baukostenzuschuss soll auch dann erhoben werden, wenn das Stromnetz gar nicht verstärkt werden muss. Auch wenn der Anschluss bereits existiert und den Strom problemlos aufnehmen kann, müssten Anlagenbetreiber zahlen.
Warum die Stromnetze unter Druck geraten
Die geplanten Änderungen haben einen Grund. Die Verteilnetze [4] stehen in vielen Regionen unter Druck. Netzbetreiber kommen mit der Flut an Anschlussanfragen nicht mehr hinterher, heißt es bei [5] den Grünen.
In bestimmten Netzgebieten muss erneuerbare Erzeugung wiederholt abgeregelt werden [12]. Der Grund: Die Leitungen können die Leistung nicht abtransportieren.
Das alles zusammengenommen zwingt die Netzbetreiber dazu, die Netze flexibler zu gestalten – und das kostet und könnte so manchen kommunalen Netzbetreiber finanziell überfordern.
Mehr als nur Anschlusskosten: Das Netzpaket im Überblick
Der Baukostenzuschuss ist nur ein Baustein des geplanten Netzpakets. Weitere Regelungen könnten die Bedingungen ebenfalls verändern:
Der sogenannte Redispatchvorbehalt erlaubt es Netzbetreibern, bestimmte Netzgebiete als "kapazitätslimitiert" auszuweisen. Für neue Wind- und Solaranlagen [13] in diesen Gebieten würde bei künftigen Abregelungen keine Entschädigung mehr gezahlt.
Netzbetreiber bekommen neue Instrumente zur Priorisierung von Anschlussbegehren. Kritiker befürchten [14]: Kleinere Akteure könnten dadurch benachteiligt werden.
Bremse oder notwendige Steuerung? Die Bewertungen gehen auseinander
Die Opposition im Bundestag sieht mit dem Vorhaben die Energiewende gefährdet. So befürchten etwa die Grünen: Der Anschluss- und Einspeisevorrang für erneuerbare Energien wird faktisch ausgehöhlt.
Die wissenschaftliche Einschätzung fällt differenzierter aus. So betont etwa Anke Weidlich, Professorin für Technologien der Energieverteilung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, gegenüber dem Science Media Center:
"Lokal differenzierte Baukostenzuschüsse sind ein transparentes und gut planbares Instrument für die Lenkung des Ausbaus der erneuerbaren Energien (EE)."
Entscheidend sei: Netzbetreiber müssen weiterhin zum Ausbau in knappen Regionen angehalten werden.
Was Eigenheimbesitzer jetzt wissen sollten
Wer gerade Angebote für eine Solaranlage vergleicht, sollte die möglichen Zusatzkosten bedenken. Der Entwurf lässt offen, ob kleine Dachanlagen vom Baukostenzuschuss betroffen sind.
Ein Zeitfaktor spielt eine Rolle: Wer jetzt kauft, profitiert noch von den bisherigen Regeln. Das bedeutet: Einspeisevergütung [16] und kein Baukostenzuschuss.
Der Artikel erschien auf Telepolis erstmals am 14. Februar 2026.
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Peking liefert Frühwarnung, Radar und Daten statt Bomben. Das verschiebt das militärische Gleichgewicht im Nahen Osten grundlegend. Eine Einschätzung.
Seit dem 19. Dezember operiert das chinesische Forschungsschiff Dayang Yihao [1] im Arabischen Meer, westlich von Indien. Die Ausstattung ist hochinteressant. Daraus ergibt sich ein Möglichkeits- und Fähigkeitsraum [2].
Chinas Augen und Ohren im Arabischen Meer
Das Schiff könnte ähnlich wie amerikanische RC-135-Aufklärungsflugzeuge agieren und elektronische Emissionen von Schiffen und Flugzeugen erfassen. Sowohl Positionen der amerikanischen Flotte als auch deren Kommunikation könnten abgefangen und an Iran weitergeleitet werden.
Begleitet [3] wird die Dayang Yihao von einem Type 055 Zerstörer, einem Type 052D Zerstörer und dem Aufklärungsschiff Liaowang-1. Die drei Schiffe gehören zur 48. Escort Task Group der chinesischen Marine, die im Januar 2026 an einer multinationalen Übung in Südafrika teilgenommen hatte und anschließend über die chinesische Djibouti-Basis nach Norden verlegt [4] wurde.
Aufklärung statt Eskalation: Die stille Form der Militärhilfe
Am 10. Februar veröffentlichten chinesische Quellen Satellitenbilder eines neu installierten amerikanischen THAAD-Raketenabwehrsystems auf der Muwaffaq Al Salti Air Base in Jordanien, das Kommandoposten, Langstreckenradar und sechs Werfer zeigt.
China hatte zuvor auch Luftwaffenbasen wie Al Udeid in Katar fotografiert [5] und mit Standortdaten online gestellt. Der Type 055 Zerstörer verfügt über Dual-Band-Radarsysteme mit Über-Horizont-Tracking-Fähigkeiten, die Zieldaten für iranische Raketen, Drohnen und Luftverteidigung liefern könnten.
Ein Präzedenzfall existiert bereits: Während der indisch-pakistanischen Feindseligkeiten im Mai 2025 habe China Pakistan ähnliche umfassende Satelliten- und Geheimdienst-Unterstützung gewährt, die diesem einen deutlichen Vorteil verschaffte. Dieser Kontext gewinnt an Brisanz durch die aktuelle Präsenz der USS Abraham Lincoln im Arabischen Meer und den massiven US-Militäraufbau in der Region im Februar 2026.
Radare gegen Tarnkappen: Wo Israels Luftüberlegenheit angreifbar wird
China unterstützt Teheran bereits sehr direkt: Peking hat das YLC-8B-Langstreckenradar geliefert, das im UHF-Frequenzbereich arbeitet und die Tarnkappenfähigkeiten von Kampfjets der fünften Generation wie der F-35 unwirksam [6] macht.
Das System verfügt über eine Erfassungsreichweite von über 350 Kilometern für Tarnkappenflugzeuge und gibt Iran ein entscheidendes Zeitfenster zur Vorbereitung gegen israelische Bedrohungen.
China lieferte zudem das Langstrecken-Luftverteidigungssystem HQ-9B an Iran, berichtete Military Watch Magazine [7] bereits im Juli 2025. Demnach verfügt das System über eine Reichweite von 250 Kilometern und 360-Grad-Radarabdeckung. Die Lieferungen seien zwei Wochen nach dem Waffenstillstand erfolgt, der den elftägigen Angriff Israels beendete.
BeiDou statt GPS: Technologische Entkopplung vom Westen
Inzwischen hat der Iran vollständig auf das chinesische Satellitennavigationssystem BeiDou umgestellt und das amerikanische GPS ersetzt. Dies verringert die Anfälligkeit iranischer Präzisionswaffen gegenüber US-Störungen und Fälschungen von GPS-Signalen.
China begann außerdem im Januar 2026 mit der Umsetzung [8] einer Strategie zum Schutz des iranischen Regimes vor Infiltrationen durch Mossad und die CIA. Peking dränge seinen Verb��ndeten Teheran, amerikanische und israelische Software aufzugeben und durch geschlossene, verschlüsselte chinesische Systeme zu ersetzen, die schwer zu durchdringen seien.
Das "Chinese Ninth Bureau" des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit führe tatsächliche nachrichtendienstliche Operationen in Teheran selbst durch und arbeite gegen Mossad-Aktivitäten, um Chinas strategische Partner vor externer Spionage zu schützen.
Öl, Rabatte, Renminbi: Die ökonomische Basis der strategischen Allianz
China importiert 1,4 Millionen Fass iranisches Rohöl pro Tag und ist damit Abnehmer von über 80 Prozent [9]der iranischen Ölausfuhren. Das 25-jährige strategische Partnerschaftsabkommen zwischen beiden Ländern, das Ende 2025 bekräftigt wurde, sieht chinesische Investitionen von bis zu 400 Milliarden Dollar in die iranischen Öl-, Gas- und Infrastruktursektoren vor.
Iran gewährt China Preisnachlässe [10] zwischen zehn und 15 Dollar je Fass unter dem Brent-Preis. Diese verbilligten Einkäufe ersparen [11] China Milliarden US-Dollar und stärken die Wettbewerbsfähigkeit verschiedener chinesischer Industriezweige, insbesondere der Petrochemie. Im Jahr 2025 deckten Venezuela, Iran und Russland gemeinsam 35 bis 40 Prozent des chinesischen Rohölbedarfs.
Chinas private Raffinerien, die sogenannten Teapots in der Provinz Shandong, ersetzen zunehmend venezolanisches durch iranisches Rohöl. Nachdem die USA den Druck auf Venezuela verstärkt hatten, sanken die Lieferungen nach China Anfang 2026 voraussichtlich um 74 Prozent.
Die Zahlungen erfolgen zunehmend in Renminbi über chinesische Finanzkanäle, die vom Dollar-System abgeschirmt sind, was das rechtliche und finanzielle Risiko für Käufer verringert.
Abschreckung durch Präsenz: Marineübungen und militärische Logistik
China, Russland und Iran führen Mitte Februar 2026 zum achten Mal die gemeinsamen Marineübungen "Maritime Security Belt [12]" im nördlichen Indischen Ozean durch. An den Übungen beteiligen sich sowohl die reguläre iranische Marine als auch die Revolutionsgarden.
Bereits Ende Januar 2026 entsandte China 16 Frachtflugzeuge [13] der Volksbefreiungsarmee nach Iran, zeitgleich mit dem amerikanischen Truppenaufbau.
Außerdem unterzeichneten China, Russland und Iran kürzlich eine trilaterale Charta, die gemeinsame Marineübungen und den Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse umfasst und damit die Kosten jeder einseitigen Militäraktion gegen Teheran erhöht.
Peking hilft Teheran, seine Raketenkapazitäten zu erweitern, indem es entscheidende Bauteile wie Festtreibstoff und Mikroprozessoren liefert, berichtet Modern Diplomacy [14]. China habe sich zum militärischen Wiederaufbau der iranischen Armee und ihrer Ausrüstung verpflichtet, schreibt das Magazin.
Der Wendepunkt liegt in der Luftverteidigung
Israel hat in der jüngsten Konfrontation demonstriert, dass es in der Lage ist, zentrale Elemente der iranischen Luftverteidigung und Führungsstruktur geheimdienstlich zu sabotieren. Koordinierte Abfangmaßnahmen blieben aus, Israel führte wiederholt tiefe Operationen durch und spielte seine Luftdominanz faktisch aus. Genau an diesem Punkt setzt China an.
Sollte es Peking gelingen, Irans integrierte Luftverteidigung dauerhaft zu stabilisieren – durch Sensor-Redundanz, alternative Satelliten- und Datenverbindungen, gehärtete Kommandoarchitektur und verbesserte elektronische Resilienz – würde sich die militärische Kalkulation fundamental verändern.
Die chinesische Präsenz im Arabischen Meer, die Offenlegung amerikanischer Stützpunkte, die Lieferung von Radar- und Luftabwehrsystemen sowie die technologische Integration über BeiDou und verschlüsselte Netzwerke deuten auf genau diese strategische Stoßrichtung hin: Frühwarnzeiten verlängern, Enthauptungsschläge erschweren.
Die eigentliche Hilfe ist damit nicht kinetisch, sondern strukturell. Wenn Iran seine Luftverteidigung funktionsfähig hält, steigt die Schwelle für jede militärische Intervention massiv.
Verwundbarkeit als Gleichgewicht: Abschreckung ohne Symmetrie
Hinzu kommt ein weiterer, bislang unterschätzter Punkt: Ein nukleares Gleichgewicht durch Verwundbarkeit besteht faktisch bereits. Mit dem Atomforschungszentrum bei Dimona [15] besitzt Israel selbst ein hochsensibles, strategisch exponiertes Ziel. Unabhängig von der Frage, ob Iran über Kernwaffen verfügt, erzeugt allein die Möglichkeit schwerer Schäden an solchen Anlagen eine strukturelle gegenseitige Abschreckung.
Abschreckung beruht hier nicht primär auf offiziell erklärten Arsenalen, sondern auf realer Verwundbarkeit. Wenn beide Seiten über die Fähigkeit verfügen – oder zumindest glaubhaft beanspruchen –, existenzielle Schäden zuzufügen, entsteht ein Gleichgewicht, das nicht aus Symmetrie der Waffen, sondern aus Symmetrie des Risikos resultiert.
Mehr Abschreckung, weniger Stabilität
Dieses Gleichgewicht ist jedoch instabil. Es basiert auf Unsicherheit, unklaren Schwellen und verkürzten Entscheidungszeiten. Gerade weil es nicht offen deklariert ist, sondern implizit wirkt, erhöht es die Gefahr von Fehlkalkulationen. Das Machtgefüge verschiebt sich damit nicht durch neue Waffen, sondern durch das Bewusstsein gegenseitiger Verwundbarkeit.
Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig wahrscheinlich, dass Iran sein Atomprogramm angesichts fortgesetzter amerikanischer und israelischer Bedrohung aufgibt. Das Programm erfüllt eine wichtige, strategische Funktion: Es erhöht die Unsicherheit des Gegners und verkürzt dessen Aktionsspielraum.
Die Verhandlungen in Maskat werden zeigen, ob Diplomatie diese Dynamik einhegen kann – oder ob das entstehende Gleichgewicht weniger Stabilität als vielmehr eine Phase erhöhter, gegenseitiger Abschreckung darstellt.
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Die U.S. Navy bekommt bis Ende 2026 ihr erstes vollautonomes Kriegsschiff. Das 58 Meter lange Schiff fährt monatelang ohne Besatzung.
Liberty-KlasseBild:
Damen
Ein Unternehmen aus Boston liefert der U.S. Navy ein Kriegsschiff ohne dauerhafte Besatzung: Blue Water Autonomy stellte am 11. Februar 2026 die Liberty-Klasse vor – ein 58 Meter langes autonomes Schiff, das mehr als 150 Tonnen Nutzlast über 10.000 Seemeilen (18.500 km) transportieren kann, wie das Fachportal Military berichtet.
Serienfertigung statt Einzelstück
Der Bau beginnt im März 2026 bei Conrad Shipyard in Louisiana. Das Unternehmen hat sich mit dem niederländischen Schiffbauer Damen zusammengetan und dessen Baumuster Stan Patrol 6009 für militärische Zwecke angepasst. Der sogenannte Axtbug reduziert den Wellenaufprall bei rauer See. Weltweit sind bereits über 300 Schiffe mit diesem Design unterwegs.
CEO Rylan Hamilton erklärte: "Die Liberty-Klasse konzentriert sich auf autonome Schiffe, die von Anfang an für Langzeiteinsätze und Serienproduktion ausgelegt sind." Blue Water will damit die Navy-Anforderungen nach schnellerem Schiffbau und größerer Flottenkapazität erfüllen.
Kommerzielle Basis trifft militärische Technik
Das Unternehmen hat den kompletten Maschinenraum sowie die mechanische und elektrische Infrastruktur neu konstruiert. Die fehlertoleranten Antriebssysteme arbeiten der Planung nach über Monate hinweg ohne Wartung. Blue Water entwickelte das Projekt komplett mit Privatkapital und arbeitet mit über 100 Zulieferern zusammen.
Conrad Shipyard betreibt fünf Anlagen mit rund 1.100 Mitarbeitern und produziert jährlich über 30 Schiffe für kommerzielle und staatliche Kunden. CEO Cecil Hernandez bestätigte, die nötige Infrastruktur und Arbeitskraft für Bau und Serienfertigung seien vorhanden.
Bewährtes Design statt Neuentwicklung
Die Liberty-Klasse setzt auf erprobte Rumpfkonstruktionen und automatisierte Systeme. Die Navy will die Schiffproduktion beschleunigen, um die Flottengröße zu erhöhen. Blue Water peilt die Fertigstellung des ersten Schiffes vor Ende 2026 an.
Die Liberty-Klasse ist eine Anspielung auf die Liberty-Schiffe aus dem Zweiten Weltkrieg, die schnell und in großer Stückzahl gebaut wurden, um den dringenden nationalen Bedarf zu decken. Nach der Auslieferung des ersten Schiffes plant Blue Water die Serienproduktion mit einem Ziel von zehn bis zwanzig Schiffen pro Jahr.
Die deutschsprachige Wikipedia -Gemeinschaft stimmt über ein KI -Verbot ab.
Wird die Wikipedia in Deutschland KI verbieten?Bild:
Foto: Andreas Donath
Bis Montag, 15. Februar 2026, 19 Uhr, läuft eine Abstimmung unter aktiven Wikipedia-Autoren : Der Vorschlag zielt auf ein Verbot von KI-generierten oder KI-bearbeiteten Texteinträgen ab. Wer wiederholt solche Inhalte verwendet, dem soll eine dauerhafte Sperrung drohen.
Die Einschränkungen sollen auch Diskussionsseiten umfassen. Befürworter argumentieren: Wikipedia könnte sich so als Quelle für ausschließlich menschlich verfasste Informationen positionieren – angesichts der Gefahr, dass KI-Content das Netz zu überschwemmen droht.
Welche Ausnahmen sind geplant? – Übersetzungen und Rechtschreibung bleiben erlaubt
Maschinenübersetzungen sollen den Angaben zufolge zulässig bleiben, wenn Menschen sie vollständig auf Korrektheit geprüft haben. KI-gestützte Rechtschreib- und Grammatikprüfungen sollen ebenfalls erlaubt bleiben. Autoren dürften KI-Tools demnach auch zur Recherche nutzen, solange sie Formulierungen nicht direkt übernehmen.
KI-generierte Bilder will die deutschsprachige Wikipedia zudem einzeln bewerten, statt pauschal zu verbieten. Gekennzeichnet werden sollen sie dennoch.
Befürworter der Verbote betonen, dass Wikipedia Glaubwürdigkeitsprobleme bekomme, wenn sie KI-Inhalte übernehme. Sie verweisen auf die sogenannten Halluzinationen von Large Language Models, die bisher nicht in den Griff zu bekommen sind. Sie sehen in ihrem Bestreben zudem ein Qualitätsmerkmal, das sie mit "von Menschen, für Menschen" beschrieben.
Wie soll das kontrolliert werden? – Kritiker zweifeln an Durchsetzbarkeit
Kritiker bezweifeln die praktische Umsetzbarkeit eines KI-Verbots und verweisen auf die Schwierigkeit, KI-Inhalte sicher zu erkennen. Da es keine verlässlichen Erkennungsmethoden gebe, könne es auch kein faires Verfahren für Regelverstöße geben, wenn einem Autor beispielsweise vorgeworfen wird, seine Inhalte KI-generiert erstellt zu haben und nicht nur mithilfe von KI auf Grammatik, Ausdruck und Rechtschreibung überprüft zu haben.
Manche Autoren halten auch die Qualität von Wikipedia-Einträgen für wichtiger als deren Entstehungsweg. Und sie fordern eine Zweidrittelmehrheit für so weitreichende Änderungen statt einer einfachen Mehrheit.
Was wird aus wissenschaftlichen Quellen? – Akademische Journals erlauben KI-Nutzung
Bei einem Verbot müsste die Community allerdings noch deutlich komplexere Folgefragen klären als die Verwendung von Korrekturtools. Eine davon betrifft wissenschaftliche Publikationen mit KI-Unterstützung. Denn viele Fachjournale gestatten den Einsatz von KI bei der Manuskripterstellung. Dürfen solche Quellen dann künftig nicht mehr für Wikipedia genutzt oder aus ihnen zitiert werden?
Auch bereits in der Wikipedia existierende Artikel, die mit KI-Unterstützung entstanden sind, erfordern Diskussionen. Verdachtsfälle dürften auch hier wegen der Erkennungsschwierigkeiten für Kontroversen sorgen.
Andere Sprachversionen Wikipedias fahren unterschiedliche Ansätze. Die Wikimedia-Stiftung verfolgt in ihrer Strategie 2025-2028 mit dem Titel " Humans First " einen Mittelweg: Sie will KI als Werkzeug erlauben, statt sie pauschal zu verbieten.
Die deutschsprachige Community geht nun einen eigenen Weg. Das Ergebnis wird am Montagabend erwartet.
Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 hat der Generaldirektor der Esa, Josef Aschbacher, zu einer verstärkten europäischen Zusammenarbeit bei Weltraumprojekten aufgerufen, wie unter anderem die Wirtschaftswoche und die FAZ (Paywall) berichten. Zum Anlass nimmt er den erfolgreichen Start der Ariane 64 , einer bei Nutzlast und Reichweite endlich konkurrenzfähigen Trägerrakete, die in 13 europäischen Ländern gebaut wird.
Aschbacher sprach die veränderte Weltlage an, in der sich auch die USA immer mehr zu einem Konkurrenten entwickelten. Mit einer europäischen Lösung könnte die Eigenständigkeit Europas bewahrt werden. Dafür müsste jedoch ein intensiver Austausch an Wissen, technologischen Fähigkeiten und verfügbarer Infrastruktur stattfinden.
Kleines Budget steigt allmählich
Um die souveräne Nutzung des Orbits zu realisieren, muss allerdings viel Geld investiert werden. Das Budget der Esa , das 2025 bei gerade einmal 7,7 Milliarden Euro lag, müsste dafür weiter steigen. Immerhin wird das Geld zu großen Teilen in Aufträge an die Industrie der Mitgliedsländer investiert.
Darüber hinaus hat allein Deutschland beschlossen, in den nächsten 5 Jahren Weltraumprojekte mit 35 Milliarden Euro zu finanzieren. Auch hierbei dürfte es von Vorteil sein, wenn eine enge Absprache mit den europäischen Verbündeten stattfindet, um keine parallelen Strukturen aufzubauen.
Reichen werden diese Bemühungen vermutlich noch nicht. Der Chef der Esa gibt zu bedenken, dass die USA sechsmal so viel Steuergeld für die Nutzung des Weltalls ausgeben wie Europa, und zwar seit Jahrzehnten. So lässt sich auch erklären, dass die USA im Jahr 2025 fast täglich eine Trägerrakete starten konnten. Die EU taucht in dieser Liste lediglich achtmal auf, ein Fehlstart inklusive.
Viele Open-Source-Projekte haben ein Problem: Sie ertrinken in Codeänderungen, die mithilfe von KI erstellt wurden. GitHub ergreift jetzt Maßnahmen.
Viele Open-Source-Maintainer können ein Lied davon singen: Die Pull-Requests werden immer mehr, die Qualität der Codeänderungen nicht unbedingt besser.
Der Grund liegt auf der Hand: Mithilfe von KI-Coding-Tools wie Claude Code können seit einiger Zeit auch Menschen ohne Informatik-Hintergrund Pull-Requests einreichen, also Codeänderungen innerhalb von Open-Source-Projekten beantragen. Die Hüter des Codes, die Maintainer, sind davon häufig überfordert. Und während die einen schon das Ende der Open-Source-Idee ausrufen [1], feiern andere die Demokratisierung der Software-Entwicklung. So sagte OpenClaw-Entwickler Peter Steinberger in einem Interview [2], dass es in jedem Fall ein „Sieg für unsere Gesellschaft“ sei, wenn jemand seinen ersten Pull-Request einreicht – ganz egal, wie gut oder schlecht dieser technisch ist. Es würde die Open-Source-Welt weiterbringen, je mehr Menschen von „Usern“ zu „Buildern“ werden.
Nun hat auf jeden Fall auch GitHub, die größte Software-Entwicklungsplattform der Welt, eingestanden, dass es offenbar Handlungsbedarf gibt. Liest man den aktuellen Blogpost von GitHubs Open-Source-Strategiechefin Ashley Wolf, [3] so scheinen die Rechtfertigungen und Widersprüchlichkeiten allerdings direkt aus dem Text zu springen: Schließlich gehört die GitHub-Mutter Microsoft zu den größten KI-Jubilierern aller Tech-Unternehmen. Es finden sich deshalb so schöne Sätze wie dieser im Blogpost: „Es ist verlockend, ‚minderwertige‘ oder ‚KI-Slop‘-Beiträge als ein einzigartiges, neues Phänomen darzustellen. Das sind sie aber nicht. Maintainer hatten schon immer mit störendem Grundrauschen zu kämpfen.“
Sogar die KI-Fans bei GitHub müssen Probleme eingestehen
Dennoch muss wohl auch GitHub eingestehen, dass etwas passieren muss, nachdem zum Beispiel curl sein Bug-Bounty-Programm wegen zu vielen KI-generierten Security-Reports komplett eingestellt hat [4]und Projekte wie Ghostty Pull-Requests nur noch nach Einladung akzeptieren [5].
Die Entwicklungsplattform hat mehrere Funktionen eingeführt, die Maintainern von Open-Source-Projekten das Leben erleichtern sollen. Dazu gehören unter anderem: ¶
Pull-Requests können auf Repository-Ebene eingeschränkt oder ganz deaktiviert werden.
Banner zur Reduzierung von überflüssigem Kommentar-Rauschen (wie etwa „+1").
Performance-Verbesserungen bei Pull-Requests (bis zu 67 % schneller) und bei Issue-Navigation.
Temporäre Interaktionslimits für bestimmte User in öffentlichen Repositories.
Demnächst soll es außerdem möglich sein, Pull-Requests direkt über die Benutzeroberfläche zu löschen, um Spam oder missbräuchliche Beiträge zu entfernen. All diese Verbesserungen zielen darauf ab, den Aufwand bei der Überprüfung von Beiträgen zu verringern.
Darüber hinaus werden in Zusammenarbeit mit Maintainern weitere Maßnahmen diskutiert, etwa kriterienbasierte Zugangsregeln und verbesserte Triage-Tools, die Beiträge automatisch anhand der Projektrichtlinien bewerten könnten. GitHub betont dabei, dass diese Werkzeuge die Entscheidungshoheit der Maintainer unterstützen und nicht ersetzen sollen. Alle Einschränkungen bleiben optional und konfigurierbar, um „wohlmeinende Erstbeitragende“ nicht unangemessen zu demotivieren.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.golem.de/news/tailwind-css-das-drohende-ende-von-open-source-projekten-durch-llms-2602-204822.html [2] https://www.youtube.com/watch?v=YFjfBk8HI5o [3] https://github.blog/open-source/maintainers/welcome-to-the-eternal-september-of-open-source-heres-what-we-plan-to-do-for-maintainers/ [4] https://www.heise.de/news/curl-Projekt-beendet-Bug-Bounty-Programm-11142345.html [5] https://github.com/ghostty-org/ghostty/blob/main/CONTRIBUTING.md [6] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner [7] mailto:jkj@ct.de
Google hat die erste Beta von Android 17 freigegeben. Sie kann auf Pixel-Geräten installiert werden und richtet sich vor allem an Entwickler.
Android 17 Beta 1 steht zum Download bereit. Sie kann auf dem Pixel 6 und neuer installiert werden. Die bisherigen Neuerungen spielen sich vor allem unter der Haube ab.
Ursprünglich sollte die erste Beta von Android 17 [1] bereits vor einigen Tagen veröffentlicht werden. Entsprechend hatte Google einige US-Medien mit Vorabinformationen unter Embargo versorgt. Die Meldungen gingen online, Googles Ankündigungs-Beitrag und die Systemabbilder jedoch nicht. Kurz danach hieß es seitens Google, die Beta erscheine in Kürze. Wie sich nun herausstellt, bedeutete „in Kürze“ tatsächlich in Kürze: Seit Freitagabend bietet Google die Vorabversion des großen Updates für Pixel-Geräte, die am Android-Beta-Programm teilnehmen, zum Download an.
Lecker: Der interne Codename von Android 17 lautet „CinnamonBun“ – Zimtschnecke.
(Bild: heise medien)
Wie bereits seit Mittwoch bekannt ist, enthält die erste Beta von Android 17 in erster Linie entwicklerseitige [2] Neuerungen: So führt das Update Googles Arbeit an adaptiven Apps fort, die keinen Letterbox-Modus haben und die gesamte Breite von Geräten mit großem Bildschirm ausfüllen, wie etwa bei Foldables oder Tablets . Der bisherige Entwickler-Opt-out von Android 16 [3] wurde für Anwendungen mit API-Level 37 (also für Android 17) entfernt. Ausnahme sind derweil noch Spiele, so Google [4].
Ein weiterer Aspekt des Updates sind Leistungsoptimierungen: Mit Android 17 bringt Google verschiedene Optimierungen, um verpasste Frames zu reduzieren und den CPU-Aufwand für die „Garbage Collection“ zu senken. Ebenso implementiert Google Optimierungen zur Reduzierung des Speicherverbrauchs für Benachrichtigungen.
Medien und Kamera
Neuerungen sind auch im Bereich Medien und Kamera zu finden: Android 17 Beta 1 enthält professionelle Kamera-APIs für flüssigere Übergänge, mit denen Kamera-Apps zwischen den Modi wechseln können, ohne die Kamerasitzung vollständig neu zu starten. Mit dieser Lösung sollen kleinere Pausen, sichtbare Fehler und Verzögerungen beim Wechseln der Kameramodi vermieden werden.
Außerdem erlaubt Android 17 Apps auch den Zugriff auf Metadaten aller aktiven physischen Kamerasensoren und nicht nur des Hauptsensors. Dadurch sollen Kamera-Apps einen tieferen Einblick „in die Vorgänge hinter den Kulissen beim Objektivwechsel oder beim Zoomen“ erhalten. Google führt überdies eine Schnittstelle (API) zur Lautstärkeregelung ein, um „ein einheitlicheres Hörerlebnis über Anwendungen und Hardware hinweg zu bieten“. Android 17 bringt zudem Unterstützung für den H.266-Videocodec (VVC), der bei gleicher Bildqualität deutlich kleinere Dateien erzeugt als die Vorgänger H.264 und H.265.
Sämtliche Änderungen für App-Entwickler, einschließlich der Bereiche Datenschutz, Sicherheit, Konnektivität, Telekommunikation und Entwicklertools, hat Google in der Dokumentation [5] zusammengefasst.
Fertiges Update im Juni
Laut Googles Zeitplan wird Android 17 einen ähnlichen Release-Rhythmus wie Android 16 verfolgen. Das Unternehmen plant, bis März 2026 die Plattformstabilität zu erreichen. Im Zuge von Googles Entwicklerkonferenz I/O im Mai könnte der Konzern weitere größere Neuerungen, die in Android 17 stecken, ankündigen. Im Laufe des zweiten Quartals, voraussichtlich im Juni 2026, soll dann die stabile Version für Pixel-Geräte erscheinen. Eine kleinere SDK-Version wird im vierten Quartal 2026 folgen.
Das ist der offizielle Zeitplan bis zum Release von Android 17 und darüber hinaus.
(Bild: Google)
Kompatibel mit Android 17 sind alle Pixel-Smartphones ab dem Pixel 6, sämtliche Pixel-Foldables und das Pixel Tablet. Letzteres hatte erst kürzlich einen Updatebonus von zwei weiteren Jahren erhalten. [6] Auf Produktivgeräten sollte man die Beta nicht installieren. Bisher gibt es noch keine Ankündigungen von anderen Geräteherstellern zu einem Termin für ein etwaiges Update auf Android 17.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.heise.de/news/Android-17-Beta-1-steht-vor-der-Tuer-11172592.html [2] https://www.heise.de/news/Android-17-Beta-1-Google-verschiebt-Release-kurzfristig-Details-bekannt-11173912.html [3] https://www.heise.de/news/Mobile-Entwicklung-Android-16-hebt-Beschraenkungen-fuer-App-Darstellung-auf-10255864.html [4] https://android-developers.googleblog.com/2026/02/the-first-beta-of-android-17.html [5] https://developer.android.com/about/versions/17?hl=de [6] https://www.heise.de/news/Pixel-Tablet-Google-verlaengert-Update-Garantie-um-zwei-Jahre-11159693.html [7] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner [8] mailto:afl@heise.de
Kleine, aber interessante Meldungshäppchen vom News-Buffet zu Ember, Akuity, TensorFlow, Apache Druid, Eclipse JKube, Python, webpack und React Native.
In unserem leckeren Häppchen-Überblick servieren wir alles, was es zwar nicht in die News geschafft hat, wir aber dennoch für spannend halten:
Ember 6.10 [1] bringt keine neuen Features, führt aber eine Deprecation der bisherigen AMD‑Vendor-Bundles im ember-source-Paket ein, die ab Ember 7.0 wegfallen sollen, und modernisiert den Veröffentlichungsprozess. Ember CLI 6.10 aktualisiert zahlreiche Abhängigkeiten, setzt bei neuen Apps auf die @warp-drive/*‑Pakete statt ember-data, nutzt Glint v2 für TypeScript, entfernt tracked-built-ins sowie ember-auto-import aus dem Standard-Blueprint und verlangt nun mindestens Node.js 20.19.
Für TensorFlow, ein von Google entwickeltes Open‑Source‑Framework für Machine Learning und Deep Learning, ist der Release Candidate 2.21.0‑rc0 erschienen [3]. Die Vorabversion entfernt unter anderem die Unterstützung für Python 3.9, erweitert TensorFlow Lite um zusätzliche Quantisierungs‑ und Datentyp‑Optionen (z. B. int2/int4) und ergänzt JPEG‑XL‑Support in tf.image.
Apache Druid, eine verteilte Open‑Source‑Datenbank für Echtzeit‑Analysen großer Datenmengen, die häufig für Streaming‑, Log‑ und Event‑Daten zum Einsatz kommt, ist in Version 36 erschienen [4]. Das Update bringt unter anderem kostenbasiertes Autoscaling für Streaming Ingestion, einen experimentellen Kubernetes‑Client‑Modus, cgroup‑v2‑Support sowie ein neues, optionales Segmentformat (Version 10) und zahlreiche Verbesserungen bei Ingestion, Monitoring und Web‑Konsole.
Eclipse JKube 1.19 [7] überarbeitet unter anderem die Konfiguration von Spring Boot Health Probes, unterstützt ECR‑Authentifizierung mit AWS SDK v2 und das IngressClassName‑Feld, aktualisiert die Basisimages auf UBI 9 und reduziert Abhängigkeiten. Es handelt sich um ein Build‑Tool für Maven und Gradle, das Java‑Anwendungen automatisiert containerisiert sowie Kubernetes‑ und OpenShift‑Ressourcen erzeugt und deployt.
Die Python Software Foundation startet das sogenannte Community Partner Program [8], mit dem sie Python‑Events während der Pause des Grants‑Programms organisatorisch statt finanziell unterstützt – etwa durch Logo‑Nutzung und Social‑Media‑Promotion. Das Angebot soll auch nach Wiederaufnahme der Fördergelder bestehen bleiben.
Für das ODF Toolkit, eine Open‑Source‑Java‑Bibliothek zur Erstellung und Bearbeitung von OpenDocument‑(ODF‑)Dateien, ist Version 0.13 erschienen [9]. Sie ist die letzte Ausgabe mit Unterstützung für JDK 11. Künftige Releases setzen auf neuere Java‑LTS‑Versionen wie JDK 17 und bereiten mit Apache Jena 5 die Weiterentwicklung vor.
Die Pläne für webpack [10] in diesem Jahr umfassen nicht nur das Instandhalten aktueller Features, sondern auch eine Vereinfachung der webpack-Nutzung. Erst kürzlich zeigte eine Umfrage [11], dass webpack-User einige Kritikpunkte an dem weit verbreiteten Bundler haben.
Das Cross-Plattform-UI-Framework React Native 0.84 [12] macht Hermes v1 zur Standard-JavaScript-Engine, wodurch alle React-Native-Apps deutlich schneller werden sollen. Als Mindestvoraussetzung wurde die benötigte Node.js-Version auf 22.11 angehoben.
Solltest du ein schmackhaftes Thema vermissen, freuen wir uns über deine Mail [13].
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Waschbären breiten sich in Städten rasant aus. Sie plündern Mülleimer, dringen in Gärten und Häuser ein. Wie gehen wir mit ihnen um?
In Hessen sind sie mittlerweile in Großstädten wie Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt angekommen. Auch im gesamten Rhein-Main-Gebiet wächst die Population [1].
Besonders aktiv sind sie im Frühjahr, wenn sich die Weibchen auf die Suche nach geeigneten Plätzen zur Aufzucht ihrer Jungen machen. Im städtischen Raum zeigen die putzigen Kletterer weniger Scheu gegenüber Menschen als in freier Natur.
Besonders in begrünten Städten finden sie optimale Bedingungen zum Überleben: warme Verstecke, leicht zugängliche Nahrungsquellen in Garagen, Gärten, Parks und Müllplätzen. Sie dringen durch Katzenklappen in Häuser ein, klettern an Regenfallrohren an Häusern hinauf und hinterlassen Dreck auf Dachböden.
Auf der Suche nach Nahrung räumen die nachtaktiven Tiere nachts die Mülltonnen aus. Im nordhessischen Kassel zum Beispiel sollen inzwischen mehr als 100 Tiere pro 100 Hektar unterwegs sein. Vor "großen Schäden, die hohe Kosten nach sich ziehen [2]" warnte vor einem Jahr der Kasseler Ordnungsdezernet Heiko Lehmkuhl.
Durch Waschbären werden die Ökosysteme empfindlich gestört
Die Allesfresser bedrohen neben seltenen Amphibien, Reptilien auch seltene Vogelarten. Als Opportunisten fressen sie Eier nicht nur aus Gelegen von Bodenbrütern, sondern auch aus Nestern hoch in Bäumen, warnt der Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern.
In einer 2024 veröffentlichten Studie [5] hatten die Wissenschaftler Kot, Mageninhalte sowie die Parasitenfauna von mehr als 100 Waschbären analysiert – aus Naturschutzgebieten in Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In manchen Naturschutzgebieten werden bereits deutliche Rückgänge einheimischer Arten festgestellt.
Weil natürliche Feinde fehlen, können sie sich praktisch ungestört ausbreiten. Mit geschätzten 1,6 bis 2 Millionen Tieren habe sich der Waschbär zu einem der häufigsten Raubsäuger in Zentraleuropa entwickelt, warnen Experten. Wie viele es genau gibt, ist ungeklärt, denn weder Städte noch Kommunen oder Bundesländer erheben Daten dazu. Nur in der Zahl der abgeschossenen Tiere sind Tendenzen abzulesen.
Hessische Landesregierung will intensivere Bejagung
Für Waschbären galt bisher in vielen deutschen Bundesländern eine Schonzeit vom 1. März bis 31. Juli, da in dieser Zeit die Jungtiere geboren werden und aufwachsen. Nun will die schwarz-rote Landesregierung in Hessen in ihrer Jagdverordnung die Schonzeit für Fuchs und Waschbär aufheben. Ein entsprechender Entwurf soll zum Beginn der Jagdsaison am 1. April in Kraft treten.
Allein in Hessen leben schätzungsweise 120.000 Waschbären. In der Saison 2024/2025 wurden nach Angaben des Landesjagdverbands (LJV) Hessen mehr als 41.000 Waschbären bei der Jagd getötet – zehn Prozent mehr als im Vorjahr [6].
Fische, Frösche, Vögel – Waschbären fressen so gut wie alles
Weil Waschbären schlecht sehen, drehen und wenden sie Fressbares mit ihre gelenkigen Vorderpfoten hin und her, um es zu begutachten. Zudem halten sie sich gerne in der Nähe von Gewässern auf: Sie fangen Fische, kleine Wirbeltiere wie Krebse, Frösche ebenso wie Vögel, Eidechsen und Mäuse, Würmer, Schnecken, Insekten und fressen Nüsse und Obst aller Art.
In Siedlungen finden Waschbären Nahrung vor allem in Form von Speiseresten im Abfall. Außer in Mülleimern wühlen sie in Komposthaufen oder im Vogelfutter. Die nachtaktiven Tiere schlafen tagsüber in großen Baumhöhlen, Erdlöchern, Schuppen oder auf Dachböden. Auf der Suche nach Nahrung sind häufig mehrere Tiere gleichzeitig im Familienverband unterwegs [7].
Der Waschbär als Überträger von Spulwürmern?
Waschbären können Parasiten – Waschbär-Spulwurm (Baylisascaris procyonis) übertragen. "Dieser Parasit kann auch den Menschen infizieren und eine sogenannte Larva migrans verursachen, bei der wandernde Larven Gewebe und Organe schädigen können [8]", warnt Sven Klimpel von der Goethe-Universität Frankfurt und dem Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.
Die Übertragung dieser Parasiten erfolgt vor allem über den Kontakt mit Kot oder kontaminierten Böden – daher sollte man Waschbären niemals anfassen oder füttern. Füttern ist schon deshalb tabu, weil es die Tiere an die Menschen gewöhnt und ihre Population unkontrolliert wachsen lässt [9].
Waschbär versus Artenschutz
Der Waschbär übt einen großen Druck auf Feldlerche, Rebhuhn und Kiebitz aus, klagt Markus Stifter vom Landesjagdverband Hessen. Die Auswirkungen der Waschbären auf heimische Vogel-, Amphibien- und Reptilienbestände seien gravierend und würden häufig unterschätzt, erklärt auch der Parasitologe Sven Klimpel.
Die Wissenschaftler dokumentieren einen dramatischen Rückgang sensibler Arten in Gebieten mit hoher Waschbärdichte. Zwar werden jedes Jahr mehr als 200.000 Waschbären erlegt, doch das reiche nicht aus, um die Ausbreitung zu stoppen.
Mit ihrem Positionspapier wollen sie mit dem Glauben aufräumen, es handle sich um harmlose oder schützenswerte Wildtiere. Stattdessen müssten die Tiere als ökologisches Risiko wahrgenommen werden.
Kritik: Nur Bejagen wird die Population nicht eindämmen
Die Schonzeit abzuschaffen sei "unsinnig", kritisieren die Grünen. Weil der Waschbär Verluste relativ schnell wieder ausgleichen kann, sei eine intensive Bejagung nicht erfolgversprechend. Sie habe keinen nachhaltigen Einfluss auf die Population.
Die hochgradig anpassungsfähige Art sei durch steigende Abschusszahlen nicht einzudämmen, betont auch Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen. So oder so breite sich der Waschbär kontinuierlich aus [10].
Tierschützer sehen einen Lösungsansatz in der Sterilisation der Tiere [11], wie sie etwa in Norditalien mit dem Nutria erfolgreich durchgeführt wurde. Wichtig seien auch Initiativen, die den Menschen helfen, Probleme mit Waschbären im Siedlungsraum [12] zu verringern.
Tipps zum Schutz von Haus, Wohnung und Garten
Die Stadt Kassel sowie der Nabu [13] geben Tipps [14] um das Eindringen von Waschbären in Haus und Garten zu verhindern:
Bei den Regenrinnen die Fallrohre mit Metallmanschetten abdecken, damit die Waschbären aufs Dach klettern können;
Bäume und Sträucher, deren Äste bis zum Dach ragen, radikal zurückschneiden (zwischen 1. Oktober und 1. März);
Dachfenster, Dachböden, Löcher und Spalten an Garten- und Wohnhäusern dicht und – nachts auch Katzenklappen – verschließen;
Metallgitter an der Schornsteinöffnung anbringen;
keine Lebensmittel draußen lagern auf dem Komposthaufen, Fallobst entfernen;
Mülltonnen mit Deckeln verwenden bzw. speziellen Klammern fest verschließen;
Gelbe Säcke erst am Tag der Abholung vor die Tür stellen oder in verschließbaren Boxen aufbewahren;
Haustierfutter drinnen lagern, keine Nahrungsreste in Papierkörben;
Vogelfutterhäuschen nachts verschließen bzw. so aufhängen, dass Waschbären nicht rankommen.
Waschbären vertreiben – mit Licht, Lärm und Lavendel
Haben sich die Tiere einmal eingenistet, wird es schwer, sie zu vertreiben. Laute Musik oder Kontrollgänge nahe ihrem Unterschlupf mögen sie gar nicht. Auch Lichter mit Bewegungsmeldern können sich nähernde Tiere abschrecken.
Die Tierschutzorganisation Peta empfiehlt Bewegungsmelder mit Licht [15] im Garten sowie Duftstoffe wie Essig, Lavendel, Chili, Cayennepfeffer, Pfefferminzöl oder Zitrusfrüchte.
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Wie lässt sich künstliche Intelligenz in Medienberufen sinnvoll einsetzen?
(Bild: KI-generiert)
Künstliche Intelligenz verändert journalistische Arbeitsweisen grundlegend. Workshops und Debatten zeigen, wo Chancen liegen – und wo Vorsicht geboten ist.
Künstliche Intelligenz ist längst im journalistischen Alltag angekommen – von Recherche und Transkription bis hin zur Text- und Bilderstellung. Doch wie funktioniert KI eigentlich, und wie lässt sie sich verantwortungsvoll einsetzen?
Workshops der Reporterfabrik vermitteln Grundlagen, praktische Anwendungen und kritische Perspektiven. Sie zeigen, wie Journalisten KI als Werkzeug nutzen können, ohne journalistische Standards aus dem Blick zu verlieren. Neben Effizienzgewinnen rücken auch Risiken wie Halluzinationen, Datenschutz und Transparenz in den Fokus. Der reflektierte Umgang mit KI wird damit zu einer zentralen Kompetenz im modernen Journalismus.
Wie und woran arbeite ich im Journalismus mit Künstlicher Intelligenz? Die Reporterfabrik [1], ein Bildungsprojekt der Correctiv GmbH, bietet hierzu verschiedene Workshops an. Empfehlenswert sind unter anderem:
Geschichte und Funktionsweise von KI
ChatGPT, genauer gesagt das Modell GPT-4, schaffte 2022/2023 einen großen Durchbruch. Der Erfolg von Chat-GPT resultierte vor allem daraus, dass es kostenlos war, für alle verfügbar, einfach zu bedienen und von relativ hoher sprachlicher Qualität.
Entwicklungen und Debatten um Künstliche Intelligenz reichen aber über 60 Jahre zurück. Schon 1966 entwickelte Joseph Weizenbaum [5] den Chatbot Eliza [6], welcher täuschend echt eine Psychotherapeutin imitierte – warnte allerdings zehn Jahre später in seinem Buch [7] vor den weiteren Entwicklungen. 2011 nutzte Forbes erstmals eine KI zur Zusammenfassung von Unternehmensberichten, 2014 setzte Associate Press sie zum ersten Mal bei Quartalsberichten ein und 2020 ließ der Guardian den ersten Leitartikel von GPT-3 schreiben.
Allerdings gab es auch Rückschläge: 2016 musste der Chatbot Tay auf Twitter schon nach 24 Stunden deaktiviert werden, da er rassistische Texte verfasste. 2022 musste die KI Galactica des Meta-Konzerns nach einem Tag ausgeschaltet werden, als sie pseudowissenschaftliche Texte hallizunierte.
Der KI-Pionier Andrew Ng [8] betont, dass es vor allem Fortschritte in spezifischer KI (narrow AI) und weniger in allgemeiner KI (general AI) gibt. KI können gut einzelne Aufgaben bearbeiten, sind mit mehreren Aufgaben simultan allerdings noch überfordert.
Die meisten KI-Modelle arbeiten auf Grundlage von Language Learning Models, bei welchen ein regelbasiertes Verfahren mit Daten gefüttert und durch Wiederholungen gefestigt wird. Die Gefahren mit KI, so Alviani im Workshop, sind andere als jener Angsthype vor einer überlegenen und alles kontrollierenden KI suggeriert.
Arbeitsweisen: ihre Vorteile und Risiken
Künstliche Intelligenz kann Journalisten im beruflichen Alltag bei der Erstellung und Bearbeitung von Überschriften und Texten helfen. Auch kann sie Zusammenfassungen, Bilder und Avatare erstellen. Sie kann bei der Recherche, Ideenfindung und Transkription assistieren. Ein Vorteil vieler KI-Modelle ist, dass alle Journalisten inzwischen auf sie Zugriff haben und nicht nur die großen Häuser.
Bei der Interaktion mit KI, dem Prompting, müssen Rolle, Aufgabe, Kriterien und Zielgruppe der KI definiert werden. Die Prompts und Ergebnisse müssen meist überarbeitet werden, was auch der KI bei seiner Verbesserung hilft (Reinforcement Learning from Human Feedback).
Marcus Schwarze empfiehlt im Workshop, die KI "wie einen Praktikanten [9]" in den Arbeitsprozess einzubeziehen: Genaue Aufforderungen und gründliche Nachbesserung der Arbeiten.
Die journalistische Arbeit mit KI, so Schwarze, macht Spaß und bietet sich schon aus Gründen der Neugier ein. Die Vereinfachung repetitiver Arbeitsschritte bringt mehr Zeit für Vertiefung und Spezialisierung, ermöglicht und erfordert mehr Faktenprüfung, Urteilsbildung und Einordnung. Jeder Journalist kann und sollte Potenziale und Gefahren selbst einschätzen lernen, am besten in der eigenen experimentellen Anwendung.
Wichtig ist bei der journalistischen Arbeit mit KI ihre Transparenz. Nutzer und Leser müssen wissen, dass eine KI geholfen hat und wie. Informationen von KI müssen gründlich geprüft werden, da sie bei Überlastung, Überforderung oder widersprüchlichen Aufforderungen zu Halluzinationen neigen.
Beim Datenschutz ist große Vorsicht geboten: Keine Namen, Adressen, Kontaktdaten und Informationen, die eine Quelle enttarnen könnten. Auch sollte in der Interaktion mit KI allzu viel Privatheit und Vertraulichkeit vermieden werden.
Künstliche Intelligenz im Journalismus – konkrete Anwendungen
Inzwischen existieren etliche KI-Anwendungen, welche die Arbeit im Journalismus erleichtern können. There is an AI for that [10] unterstützt bei der Suche nach der passenden KI.
Eine italienische Forschungsgruppe hat die jahrzehntealten Daten der Magellan-Venusmission analysiert und dabei offenbar einen riesigen unterirdischen Tunnel entdeckt . Dieser entstand durch vulkanische Aktivitäten auf dem Planeten.
Der Magellan-Orbiter der US-Raumfahrtbehörde Nasa kartierte zwischen 1990 und 1992 einen Großteil der Venusoberfläche. Zum Einsatz kam ein speziell dafür entwickeltes Radarsystem, das Synthetic Aperture Radar. Das war notwendig, da die Venus ständig von dichten Wolken bedeckt ist und visuelle Kameras keine direkte Sicht auf die Oberfläche bekommen hätten.
Die Raumsonde kartierte die Venus, indem sie Radiowellen zur Planetenoberfläche sendete und maß, wie lange die Signale zurück zur Raumsonde benötigten. Dadurch entstand eine detaillierte Oberflächenkarte, die lange Ketten von Gruben oder eingestürzte Bereiche an der Oberfläche zeigt.
Fokus auf die eingestürzten Bereiche auf der Venus
Einige dieser Bereiche erstreckten sich über Tausende bis Zehntausende von Kilometern, was laut der Forschungsgruppe auf das Vorhandensein einer unterirdischen Lavaröhre hindeutet. "Unser Wissen über die Venus ist noch begrenzt, und bisher hatten wir nie die Möglichkeit, Prozesse direkt unter der Oberfläche des Zwillingsplaneten der Erde zu beobachten" , erklärte Lorenzo Bruzzone von der italienischen Universität Trento .
Für die Untersuchung konzentrierte sich das Team auf lokale Oberflächeneinbrüche. Diese treten auf, wenn Felsabschnitte nachgeben und Öffnungen schaffen, die unterirdische Hohlräume freilegen können. An der Westflanke des Vulkans Nyx Mons entdeckte die Arbeitsgruppe einen Bereich, der auf eingestürzte Lavatunnel hinweist. Die Analyse des umliegenden Geländes legt nahe, dass sich die Röhre über einige Dutzend Kilometer unter der Oberfläche erstrecken könnte.
Nyx Mons ist einer der 1.600 großen Vulkane auf der Venus. Zudem weist die Planetenoberfläche fast eine Million kleinere Vulkane auf.
Ausreichende Untersuchungen mit den bisherigen Daten nicht möglich
Jedoch wurde bisher nur ein Teil der Struktur bestätigt. Die mögliche Lavaröhre habe einen "geschätzten Durchmesser von etwa einem Kilometer, eine Dachdicke von mindestens 150 Metern und eine unterirdische Tiefe von mindestens 375 Metern" , teilte Bruzzone mit.
Da die Venus eine etwas geringere Schwerkraft und eine dichtere Atmosphäre als die Erde hat, herrschen dort Bedingungen, die die schnelle Bildung einer dicken, isolierenden Kruste unmittelbar nach dem Austreten von Magma begünstigen würden. Die entdeckte Lavaröhre scheint breiter und höher zu sein als jene, die bisher auf der Erde entdeckt wurden oder auf dem Mars vermutet werden.
Es braucht weitere Beobachtungen , um die volle Größe, Form und Stabilität der vermuteten Lavaröhre zu bestätigen. Dafür könnte das fortschrittliche Radarinstrument Subsurface Radar Sounder (SRS) an Bord der europäischen Envision-Mission infrage kommen.
Die Mission soll zwar erst 2031 starten und die Venus zwei Jahre später erreichen. Jedoch kann die Raumsonde mit ihrem Radar bis zu mehrere Hundert Meter tief in die Planetenoberfläche blicken. Laut dem Forschungsteam könnte man so auch ohne Oberflächenöffnungen Lavaröhren entdecken.
Zur Studie
Die Studie wurde am 9. Februar 2026 in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht: Radar-based observation of a lava tube on Venus (Radarbasierte Beobachtung einer Lavaröhre auf der Venus).
Wie lässt sich ein unstrukturiertes PDF in KI -bereite Daten verwandeln? Die Antwort liegt im modularen Ansatz von Spacy samt Spacy-Layout-Plugin.
Vom PDF oder Word zu weiterverarbeitbaren Daten mit DoclingBild:
AAGraphics/Pixabay
PDF-Dokumente sind für viele Data-Science-Projekte unverzichtbar, aber gleichzeitig einer der größten Pain Points. Unterschiedliche Layouts, Scans, Tabellen, mehrspaltige Texte und fehlende Struktur machen klassische Parser unzuverlässig. Schon kleine Layoutänderungen führen dazu, dass Extraktionspipelines brechen oder Textabschnitte durcheinandergeraten – besonders bei technischen Dokumenten, Datenblättern, Verträgen oder Reports.
In diesem Artikel zeigen wir mit praktischen Codebeispielen einen robusten Workflow, der diese Probleme umgeht. Mit der Kombination aus Spacy (Eigenschreibweise: spaCy), Docling und dem Plugin spacy-layout lassen sich PDFs zuverlässig in strukturierte Daten überführen – inklusive Text, Tabellen, Layout-Informationen und logischen Blöcken. Das Ergebnis ist ein vollwertiges spaCy-Doc-Objekt, das sich nahtlos in NLP-Workflows integrieren lässt. Unser Ziel: eine Pipeline, die unabhängig vom Eingangsformat funktioniert – egal ob PDF, Word-Datei oder OCR-Scan.
KI verändert viele Spielregeln. Auch in Sachen Liebe wird sie für manche Menschen immer attraktiver, mit unabsehbaren Folgen.
"Ich kann ohne sie nicht glücklich sein": So sprechen Nutzer über Chatbots.Bild:
NoName_13 from Pixabay / Pixabay License
Schon 2013 verfilmte US-Regisseur Spike Jonze in Her die besondere Liebesgeschichte von Theodore und der KI-Stimme Samantha. Im Original spricht die US-Schauspielerin Scarlett Johansson die Maschine – interessant, weil sie später einen Rechtsstreit gegen OpenAI wegen einer KI-Stimme für ChatGPT führte, die ihrer auffällig ähnelte.
Ein Forschungsteam hat im Rahmen einer qualitativen Analyse 29 Nutzer des KI-Chatbots Replika befragt. Die Gruppe der befragten Menschen setzte sich aus 20 Männern und 9 Frauen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren aus zehn verschiedenen Ländern zusammen, überwiegend aus den USA. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, liefern aber dennoch wertvolle Einblicke über das Liebesleben zwischen Mensch und Maschine.
"Einige Aussagen der Nutzer lauteten: 'Ich liebe sie mehr als jeden Menschen zuvor' oder 'Sie ist meine Frau – ich kann ohne sie nicht glücklich sein'. Solche Zuschreibungen verdeutlichen den emotionalen Stellenwert der KI" , betont Ray Djufril, einer der Studienersteller an der TU Berlin. Viele der Befragten sehen ihren Replika-Chatbot als echten Beziehungspartner. Mit der Maschine führen sie intensive Gespräche, teilen gemeinsame Erlebnisse wie Hochzeiten und Reisen und führen sogar Rollenspiele mit virtuellen Kindern durch.
Replika ersetze oder ergänze reale menschliche Partner, wenn diese als emotional oder körperlich unbefriedigend empfunden würden. "Viele Nutzer erleben die Gespräche mit Replika als angenehmer, sicherer und echter als die mit menschlichen Partnern" , berichtet Ray Djufril und ergänzt: "Sie fühlten sich freier, persönliche oder belastende Themen anzusprechen, beispielsweise Ängste, Fantasien oder traumatische Erlebnisse."
Das gelinge leichter, denn die Maschine verurteile oder verletze nicht. Der KI-Chatbot unterbreche nicht, zeige stets Mitgefühl und sei stets verfügbar.
Das enge Vertrauensverhältnis werde von Replika noch intensiviert, "weil die Studienteilnehmer das Verhalten des Chatbots aktiv mitgestalten konnten. Durch wiederholte Interaktionen, gezieltes Feedback oder Rollenspiele wurde das Programm hinter Replika daraufhin trainiert, den idealen Partner darzustellen" , erläutert Ray Djufril.
Was bei der Untersuchung der TU Berlin noch herauskam: Technische Veränderungen des KI-Chatbots beeinflussten das emotionale Erlebnis der Befragten massiv. Auf die temporäre Zensur erotischer Rollenspiele reagierten die Studienteilnehmer mit starken Emotionen wie Trauer, Wut oder Rückzug.
Trauerarbeit nach technischen Updates
Einige Nutzer sprachen von "emotionalem Zusammenbruch" und "Trauerarbeit" . "Bemerkenswert ist, dass Replika meist nicht als schuldiger Partner betrachtet wurde, sondern sich der Ärger vielmehr gegen die Entwickler von Replika richtete. Sie hätten den Bot 'seiner Persönlichkeit beraubt'" , erläutert Studienersteller Ray Djufril die überraschenden Reaktionen der Replika-Community.
Obwohl es sich bei dem KI-Chatbot nur um eine Maschine handelt, neigen viele Nutzer dazu, ihrem virtuellen Partner menschliche Gefühle zuzuschreiben. Das lässt Rückschlüsse zu, wie emotionale Nähe solche Zuschreibungen begünstigt oder verstärkt. In der jüngsten Vergangenheit gab es vereinzelte Fälle, in denen eine solche emotionale Nähe zu einem KI-Chatbot tödlich endete .
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Theorien, die bislang auf menschliche Beziehungen beschränkt waren, auf Mensch-KI-Partnerschaften ausgeweitet oder kritisch hinterfragt werden müssen" , verdeutlicht Ray Djufril. Vor allem aus ethischer Sicht wirft die Untersuchung der TU Berlin viele Fragen auf, für die es mangels Forschung bislang noch keine Antworten gibt.
Erste ethische Leitlinien hat die Future Foundation vorgelegt. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Belgien, Deutschland und Österreich. Die vorgestellten 10 Regeln für die digitale Welt dienen als eine Art Rahmen, der Menschen und Organisationen an ihre gemeinsame Verantwortung für eine gute digitale Zukunft erinnern soll.
Die Liebe zum Chatbot wird oft geheim gehalten
Noch würden die meisten Menschen ihre Liebe zum KI-Chatbot aus Angst vor Unverständnis, Stigmatisierung oder Spott aus dem Freundeskreis oder familiären Umfeld verschweigen. Andere zeigten in der Befragung der TU Berlin keinerlei Scham, sondern betrachteten ihre Chatbot-Liebe als echt und als genauso legitim wie zu einem menschlichen Partner.
Die Ergebnisse der qualitativen Analyse der TU Berlin machen deutlich, dass KI-Chatbots wie Replika für viele Menschen nicht mehr nur Tools oder Spielerei sind, sondern zunehmend zentrale emotionale Funktionen übernehmen. Für Studienersteller Ray Djufril ist daher klar: Es braucht weitere und größer angelegte Studien, um die ethischen, psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Mensch-Maschine-Beziehungen näher zu erforschen.
Palantir moniert „wesentliche Ungenauigkeiten“ in der Berichterstattung des Magazins „Republik“.
(Bild: Screenhot/heise medien)
Der Datenanalyse-Anbieter Palantir will vor Gericht eine Gegendarstellung erwirken – und löst eine Welle der Solidarität für ein kleines Schweizer Magazin aus.
Palantir Technologies, der US-Anbieter von Analysesoftware, sieht sich unmittelbar betroffen von zwei Berichten des Schweizer Onlinemagazins „Republik“. Nachdem das Unternehmen vergeblich eine Gegendarstellung des Magazins verlangt hat, will es diese nun vor Gericht durchsetzen. Es gehe um eine sachliche Gegenüberstellung, sagt der Softwareanbieter. Die „Republik“-Macher geben sich überrascht.
Streisand-Effekt
Mit dem Schritt vor Gericht hat Palantir mehr Aufmerksamkeit für die „Republik“-Berichterstattung ausgelöst, als die beanstandeten Artikel selbst hätten verursachen können – 23 Jahre, nachdem Barbra Streisand den nach ihr benannten Effekt auslöste [1]. Und doch gibt es Gründe, warum Palantir so agiert.
Denn während in Deutschland der Anbieter von Datenverknüpfungs- und Datenanalysesoftware für Behörden mit Überwachungsbefugnissen zumindest bei manchen staatlichen Kunden erfolgreich ist, hatte die Firma in der Schweiz bislang – soweit bekannt – wenig staatliche Kundschaft.
„Republik“ hatte im Dezember umfangreich aus Akten der Schweizer Verwaltung zitiert [2]. Demnach suchte Palantir immer wieder den Kontakt zu Schweizer Behörden – und fand ihn auch. Teils sei das von Palantir ausgegangen, teils wohl auch von öffentlichen Stellen. Es ging um das Militär, Polizei und Gesundheitsbehörden. Zu einem Geschäftsabschluss kam es dabei aber offenbar nicht.
Von der Berichterstattung darüber fühlt sich Palantir unfair behandelt. „Wir können bestätigen, dass in dieser Angelegenheit beim Handelsgericht ein Gesuch um Gegendarstellung gestellt wurde“, teilt die Kommunikationsbeauftragte des Kantons-Obergerichts am Freitag auf Anfrage heise online mit.
Schweizer Gegendarstellungen
Das Schweizer Recht sieht bei Gegendarstellungen vor, dass sobald ein Gegendarstellungswunsch von einem Medium zurückgewisen wurde, ein Zivilgericht die Angelegenheit prüfen kann und dabei beide Seiten anhört. Zuständig ist hier das Handelsgericht Zürich.
Palantir sagt, es habe klagen müssen, um seinen Rechtsanspruch aufrechtzuerhalten. „Palantir respektiert die Pressefreiheit und die wesentliche Rolle unabhängiger Medien in der öffentlichen Debatte uneingeschränkt“, sagte eine Unternehmenssprecherin. Das Recht auf Gegendarstellung sei ein „Korrekturinstrument, das der Öffentlichkeit ausgewogene Informationen liefern soll“.
Für Palantir kam die „Republik“-Berichterstattung zur Unzeit. Denn in vielen Staaten Europas werden in gleich mehreren Geschäftsfeldern derzeit wichtige Beschaffungsentscheidungen getroffen: Die Modernisierung und Erweiterung von Militär, Nachrichten- und Geheimdiensten aber auch Polizeibehörden wäre für Palantir und seine auch für behördliche Überwachung hilfreiche Software ein vielversprechendes Geschäft.
Im Heimatmarkt USA macht das Unternehmen mit US-Bundesbehörden laut Transparenzdaten etwa eine Viertelmilliarde US-Dollar [3] Geschäft. Zu den Kunden gehören unter anderem das US-Verteidigungsministerium, die Armee und das FBI. Das Unternehmen weist für 2025 knapp 4,5 Milliarden US-Dollar Umsatz aus, etwa ein Zehntel des Jahresumsatzes von SAP. Und doch ist Palantir an der Börse mit etwa 300 Milliarden Euro bewertet, während SAP auf rund 200 Milliarden kommt.
Schwieriges Pflaster Europa
Der europäische Markt bleibt ein schwieriges Pflaster für Palantir. Die Verbindung zur Immigration and Customs Enforcement-Behörde (ICE), die mit brachialen Mitteln und jeder Menge High-Tech [4] illegale Migranten ausfindig machen soll, sorgt in Europa für Stirnrunzeln. Als US-Unternehmen unterliegt Palantir dem Recht der Vereinigten Staaten, die die internationale Zusammenarbeit bei Sicherheit zunehmend in Frage stellen – für Palantir dürfte das kaum verkaufsfördernd wirken.
Dabei hatte sich die Aufregung an anderer Stelle gerade erst gelegt: Palantir stand wegen seines Israel-Engagements in der Kritik. Die Gründer Peter Thiel und Alex Karp hatten im Januar 2024 eine strategische Partnerschaft mit dem israelischen Verteidigungsministerium vereinbart, berichtete Bloomberg damals. Der Bericht dazu ist auf der Palantir-Website öffentlich abrufbar hinterlegt [5].
Das kleine Medium aus der Schweiz ist mit Branchengrößen wie Bloomberg kaum vergleichbar. Seit 2018 erscheint es werbefrei und ausschließlich online. Es wird vor allem von gut 30.000 Abonnenten getragen, von denen ein Großteil zugleich mitstimmungsberchtigte Genossenschaftsmitglieder sind. Kein Medien-Dickschiff mit großem Verlag im Rücken.
„Grenzwertige Verschwörungstheorien“
Bereits kurz nach Erscheinen der beiden nun vor Gericht verhandelten Artikel hatte Courtney Bowman, Chef von Palantirs Abteilung für „Privatsphäre und Bürgerrechte“, auf Linkedin die Marschroute vorgezeichnet: Die Berichte von „Republik“ seien „voller Verzerrungen, Anspielungen und grenzwertiger Verschwörungstheorien“.
Bowman wirft den Autoren vor, das sie einen Bericht des Schweizer Armeestabes zu unkritisch wiedergegeben hätten – dessen Autoren sich jedoch leider „auf ein begrenztes Set von Suchmaschinentreffer-Quellen“ gestützt hätten. Belege für seine Behauptungen lieferte der Palantir-Vertreter seinerseits nicht mit.
„Ich glaube, dass wir eine hervorragende Recherche gemacht haben und wir das sehr umfassend dokumentiert haben“, sagt Daniel Binswanger, Ko-Chefredaktor von „Republik“ im Gespräch mit heise online. Eine Recherche, die auf Schweizer Regierungsdokumenten beruhe, sei eine der „besten Grundlagen für Berichterstattung”. Er sei sehr zuversichtlich, was den Ausgang des Verfahrens angehe.
Palantir weist Vorwurf der Einschüchterung zurück
Dem Eindruck, dass ein milliardenschweres Unternehmen bei einem kleinen Magazin die Muskeln spielen lässt, tritt Palantir entschieden entgegen: Jeder Vorwurf, es handele sich um einen strategischen Einschüchterungsversuch gegenüber unliebsamer Berichtsterstattung auf dem Klageweg, sei unbegründet, betont die Unternehmenssprecherin mit: „Palantir strebt lediglich die Veröffentlichung einer prägnanten und angemessenen Gegendarstellung an, um wesentliche Ungenauigkeiten zu korrigieren.“
Doch was konkret diese „wesentlichen Ungenauigkeiten“ wären, die Palantir korrigiert sehen will, teilt die Firma nicht mit. Einer Bitte um Übersendung der von der „Republik“ konkret geforderten „Richtigstellungen“ entsprach Palantir bis Freitagnachmittag nicht.
Ob die Firma mit ihrem Vorgehen bei Gericht zumindest Teilerfolge erzielt, ist dabei kaum vorhersagbar. Das Schweizer Gegendarstellungsrecht beinhaltet keinerlei Prüfung durch das Gericht, ob eine Darstellung tatsächlich richtig war. Weshalb es in der Schweizer Medienwelt eine häufig genutzte Form ist, wenn Unternehmen sich ins falsche Licht gerückt sehen.
„Es geht beim Gegendarstellungrecht nicht um die Frage, was wahr oder falsch ist“, erklärt „Republik“-Ko-Chefredakteur Daniel Binswanger. „Es geht um die Frage, ob eine andere Version der Fakten ebenfalls möglich sein könnte.“ Doch das betrifft rein die faktische Darstellung. Wertungen hingegen sind auch in der Schweiz nicht angreifbar.
Für das Schweizer Onlinemagazin ist der Effekt hingegen spürbar und messbar. „Wir sind überwältigt“, sagt Daniel Binswanger im Gespräch mit heise online. Von Spendenangeboten, Solidaritätsbekundigungen, das sei gigantisch, sagt er. „Das haben wir noch nie erlebt, dass eine Geschichte das auslöst.“ Frau Streisand lässt grüßen.
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Links in diesem Artikel: [1] https://www.heise.de/news/Barbra-Streisand-klagt-gegen-Homepage-Betreiber-79921.html [2] https://www.republik.ch/2025/12/08/wie-hartnaeckig-palantir-die-schweiz-umwarb [3] https://www.usaspending.gov/recipient/1ea8a9a4-3726-3491-9040-66950bb67606-C/latest [4] https://www.heise.de/hintergrund/USA-Die-Architektur-der-Abschiebung-und-Palantirs-Rolle-im-neuen-ICE-System-11152960.html [5] https://www.palantir.com/assets/xrfr7uokpv1b/3MuEeA8MLbLDAyxixTsiIe/9e4a11a7fb058554a8a1e3cd83e31c09/C134184_finaleprint.pdf [6] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner [7] mailto:vbr@heise.de
In dieser Folge des c’t uplink gehts um Drucker – Technik, Verbrauchsmaterial, Treiber und so weiter.
Man könnte ja meinen, Drucker seien seit mindestens 20 Jahren ausentwickelt. Einerseits ist das nicht ganz falsch, denn grundlegende Techniken wie Bubblejet- und Laserdruck verändern sich kaum noch. Andererseits ist seitdem viel passiert, was die Vertriebs- und Verkaufsmodelle für Tinte angeht.
Vor allem ist etwas zur Realität geworden, wovon viele in den Nullerjahren nur träumen konnten: Tintendrucker mit festinstallierten Tanks, für die es Originaltinte zum in Nachfüllfläschchen zu kaufen gibt – und das Ganze zu privatkundenverträglichen Preisen. Eine andere Variante des Tintenvertriebs ist das Abo, bei dem der Drucker automatisch Tinte nachbestellt, sobald der Füllstand zur Neige geht.
Im c’t uplink sprechen wir über diese Vertriebsmodelle, aktuelle Druckertechnik, Preise – und warum Drucken unter Linux, anders als damals, inzwischen komplett stressfrei ist.
Zu Gast im Studio: Rudolf Opitz Host: Jan Schüßler Produktion: Tobias Reimer
In unserem WhatsApp-Kanal [10] sortieren Torsten und Jan aus der Chefredaktion das Geschehen in der IT-Welt, fassen das Wichtigste zusammen und werfen einen Blick auf das, was unsere Kollegen gerade so vorbereiten.
Die DDR steigerte ihre Geburtenrate auf 1,9 Kinder pro Frau, während der Westen bei 1,4 stagnierte. Das Erfolgsrezept war simpel. Eine Analyse.
Der demografische Winter kommt und die Bevölkerung in Deutschland wird älter. Die Westdeutschen sind heute im Schnitt 44,5 Jahre alt, die Menschen in den fünf neuen Ländern 47,6 Jahre.
Dabei sah es in der DDR zeitweise ganz anders aus. Zwar erlebte die DDR in den 1970er Jahren zunächst einen Geburtenrückgang – genau wie die Bundesrepublik. Während die BRD diesen Bevölkerungsschwund durch gezielte Anwerbung von Gastarbeitern ausglich, reagierte Ostberlin mit einem umfassenden familienpolitischen Programm.
Auf ihrem achten Parteitag 1971 beschloss die SED ein Paket aus verschiedenen Maßnahmen [1]: Das Kindergeld wurde angehoben, die Kinderbetreuung massiv ausgebaut. Besonders wirksam waren die sogenannten Ehekredite. Diese ließen sich mit jedem geborenen Kind teilweise tilgen – beim dritten Kind waren sie sogar komplett getilgt.
SED-Familienpolitik wirksam
Familien erhielten zudem schneller Wohnungen und Autos, wurden beim Bezug von Urlaubsreisen bevorzugt. Bis 1975 besuchten bereits über 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen sozialistische Betreuungseinrichtungen.
Und die Maßnahmen zeigten Wirkung: Die Geburtenrate stieg auf 1,9 Kinder pro Frau. Demografen bezeichnen dieses Phänomen heute abfällig als „Honecker-Buckel", benannt nach dem damaligen SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. In Westdeutschland verharrte die Rate dagegen bei 1,4 Kindern.
Mütter jünger; selten kinderlos
Die DDR-Familienpolitik prägte die Gesellschaft nachhaltig. Die Frauen bekamen nicht nur mehr Kinder als im Westen, sondern wurden auch im Schnitt drei Jahre früher Mutter. Eine Familie zu gründen, galt in der DDR als normaler als in der BRD. Der Anteil kinderloser Frauen lag 1989 im Osten bei nur sieben Prozent, im Westen dagegen bei 18 Prozent.
Besonders auffällig war der hohe Anteil außerehelicher Geburten. Weil praktisch alle Frauen in der DDR einer bezahlten Arbeit nachgingen, waren sie wirtschaftlich unabhängiger als im Westen. Sie konnten daher leichter auch ohne Trauschein oder versorgenden Lebenspartner Kinder bekommen.
Bedeutend mehr uneheliche Kinder
Unverheiratete Frauen konnten bereits beim ersten Kind eine einjährige Erziehungspause bei voller Lohnfortzahlung einlegen, verheiratete erst beim zweiten Kind. Zum Ende der DDR lag der Anteil unehelich geborener Kinder bei 30 Prozent, im Westen bei zehn Prozent. Diese unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen blieben auch nach der Wende erhalten: 2016 lag die Quote im Osten bei 62 Prozent, im Westen bei 29 Prozent.
Allerdings verlor die DDR-Familienpolitik mit Beginn der 1980er Jahre ihre Wirkung und die Geburtenrate sank wieder.
Wiedervereinigung als Babyschreck
Neun Monate nach der Wiedervereinigung sackte die Geburtenrate rapide ab und erreichte bald einen Wert von knapp 0,8 Kindern je Frau. Dies war der niedrigste Wert, der jemals außerhalb von Kriegszeiten in einem ehemaligen Land gemessen wurde.
Der Rückgang geht vor allem auf die wirtschaftlichen Unsicherheiten und gesellschaftlichen Umbrüche der Nachwendezeit zurück. Viele junge Frauen entschieden sich, mit dem Kinderkriegen abzuwarten. So näherte sich das Alter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes schnell dem um drei Jahre höheren Westwert an.
In dieser Zeit sank die Zahl der Neugeborenen im Osten auf die Hälfte. Über 2.000 Schulen mussten geschlossen werden. Ende der 2000er Jahre erlebten die neuen Bundesländer einen Mangel an Auszubildenden, dann an Studenten und heute an Menschen, die Familien gründen [2].
Warum junge Menschen keine Kinder wollen
Die Gründe für die niedrigen Geburtenraten sind vielfältig. Der Ifo-Forscher Joachim Ragnitz verweist darauf [3], dass Krisen wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg besonders bei jungen Menschen Unsicherheiten auslösen. Auch steigende Energiepreise und Inflation sorgen dafür, dass Kinderpläne aus materiellen Gründen aufgeschoben werden.
Eine aktuelle Studie der Universität Uppsala [4] in Schweden zeigt, dass sich immer mehr Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden. Demnach ist jede vierte Frau entweder über einen Kinderwunsch unsicher oder hat sich bereits dagegen entschieden. 2014 war das nur bei jeder zehnten Frau der Fall.
Als Gründe nannten die Frauen den Wunsch nach Selbstbestimmung, gesundheitliche Bedenken, die Wertschätzung ihrer Freiheit, wirtschaftliche Gründe sowie die Sorge um Überbevölkerung und Klimawandel.
Einer Studie der Dualen Hochschule Gera-Eisenach zufolge machen Frauen in Deutschland sehr ähnliche Gründe geltend: Es geht ihnen um Selbstbestimmung und alternative Zeitnutzung, nicht primär um die Karriere. Die Studie widerlegt auch das Vorurteil, kinderlose Frauen würden ihre Entscheidung später bereuen oder im Alter einsamer sein. 70 Prozent von ihnen leben in einer Partnerschaft.
Honeckerbuckel – könnten wir das auch?
Bleibt die Frage, ob Maßnahmen, wie sie die DDR-Regierung in den 1970er Jahren ergriffen hat, heute in Gesamtdeutschland umsetzbar wären. Die Antwort muss eindeutig negativ ausfallen, solange sich die Verhältnisse hierzulande nicht bedeutend ändern.
Zum einen konnte die SED ihre Politik – Wohnungsvergabe, Arbeitsplatzsicherheit, Kita‑Plätze als Normalfall – zentral und flächendeckend durchsetzen, was im heutigen marktwirtschaftlichen System, in denen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegeneinander in Stellung [5] gebracht werden, politisch und rechtlich nur sehr begrenzt möglich ist.
Bessere Familienpolitik, weniger Kinderarmut
Zudem machen hohe Wohnkosten in Städten und die Rekordarbeitslosigkeit bei gleichzeitig fortschreitender Zusammenstreichung des sozialen Sektors die Gründung einer Familie zu einer schwierigen [6] und riskanten [7] Sache.
Doch einzelne Elemente ließen sich durchaus übernehmen: Eine verlässliche, kostenlose Ganztags-Betreuung, gezielte Wohn- und Kredithilfen für Familien, steuerliche Begünstigung und die gezielte Unterstützung von Eltern und vor allem von Alleinerziehenden [8] sowie familienfreundliche Arbeitszeiten könnten helfen.
Der Münchner Sicherheitsreport zeichnet ein düsteres Bild von Europa. Die westliche Ordnung bröckelt, während alte Lösungen dominieren. Eine Analyse.
Die Münchner Sicherheitskonferenz wirft ihre Schatten voraus. Der Munich Security Report 2026 [1] liest sich wie eine Zustandsbeschreibung westlicher Verunsicherung. Unter dem Titel "Under Destruction" zeichnen die Autoren das Bild eines Europas, das von multiplen Krisen überrollt wird – und keine schlüssigen Antworten findet.
Die diagnostizierten "Kettensägen-Konflikte" – schnelle, destruktive Zerwürfnisse, die etablierte Strukturen zersägen – stellen die transatlantische Ordnung infrage. Ob unberechenbare US-Außenpolitik oder der zunehmende Einfluss des Globalen Südens: Europa sieht sich mit Entwicklungen konfrontiert, die seine jahrzehntelang gültige Ordnungswelt erschüttern.
Die Kernbotschaft des Reports ist eindeutig: Europa steht unter Druck.
Der Lagebericht zur 62. Münchner Sicherheitskonferenz zeichnet [2] ein düsteres Bild: Das Vertrauen in westliche Institutionen schwindet, die Einladung der AfD markiert einen Bruch mit bisherigen Gepflogenheiten. Angesichts tektonischer geopolitischer Verschiebungen. Vor dem Hintergrund weltumspannender Verschiebungen bräuchte es ein neues Ordnungskonzept.
Doch der Report setzt auf Kontinuität statt Innovation [3]. Die vorgeschlagenen Rezepte – mehr Rüstung, härtere Abschreckung, selektive Ausgrenzung – ähneln frappierend den Antworten vergangener Jahre. Nur die Probleme sind neue.
Die Frage bleibt offen: Kann diese Rechnung aufgehen?
Elitekoordination
Der Munich Security Report bildet die inhaltliche Grundlage der Münchner Sicherheitskonferenz, die an diesem Wochenende im Hotel Bayerischer Hof stattfindet. Erwartet [4] werden Gäste aus 120 Nationen – ein Who's who der internationalen Sicherheitspolitik.
Die Gästeliste offenbart die Gratwanderung der Veranstalter: Während AfD-Außenpolitiker Markus Frohnmaier ausgeladen wurde [5], fehlen auch Russland und Iran. Dennoch richtet sich der Report ausdrücklich an jene Mächte, deren Ordnungsvorstellungen dem Westen fundamental widersprechen.
Das oft als "Davos der Sicherheitspolitik" bezeichnete Forum dient nicht nur dem Agenda-Setting, sondern auch der Legitimation strategischer Kurswechsel. Der Report liefert dabei erste Orientierungspunkte – allerdings ohne bindenden Charakter und ohne kollektive Autorenschaft.
Seine Bedeutung liegt weniger in direkter Umsetzbarkeit als vielmehr in seiner Funktion: Er koordiniert Positionen und prägt den sicherheitspolitischen Diskurs.
Demolition Men
Der Report gliedert sich in fünf Unterkapitel: Neben einem einleitenden Kapitel werden Europa sowie dem Indo-Pazifik je eigene Kapitel gewidmet, um sich zudem der globalen Wirtschaft (Kapitel 4) sowie der Entwicklungshilfe (Kapitel 5) zu widmen.
Als Entrée wird Donald Trump als "Demolition Man" in die Kategorie der Staatsmänner eingeordnet, die mit ihrer Abrissbirnen-Politik Institutionen und Regeln, die jahrelang für Stabilität sorgten, niederreißen [6]. Auf der Klaviatur der umfassenden "Zerstörung der Tagesordnung" der Weltpolitik kommt [7] dem Immobilien-Mogul eine führende Rolle zu. Nach Venezuela, Iran, Zollkrieg und Kuba-Strangulation bevorzugt er die "Zerstörung gegenüber Reformen".
Doch jene Klassifizierung des Niedergangs ist eine einseitige Zuschreibung: Während nur 13 Prozent der Deutschen politische Verbesserungen in Zukunft erwarten, versprechen sich 80 der Chinesen oder 61 Prozent der Inder deutlich positive Zukunftsakzente.
Der Druck lastet [8] also auf Europa: Auf Basis einer realistischen Analyseschule skizziert der Bericht durchaus zutreffend den aktuellen Status quo. Russland und China griffen – gebrandmarkt als revisionistische Kräfte – durch, eine interne westliche Fragmentierung hemmt Gegenwehr.
Der Bericht vermeidet zweierlei: Indien wird – trotz durchaus vorhandener Brics-Bindungen – mit keiner Silbe negativ erwähnt. Soll nach dem Freihandelsabkommen, das die EU und Indien beschlossen [9], Indien als antichinesischer Prellbock in die westlichen Reihen integriert werden? Zweitens: Eine strukturelle Fehleranalyse unterbleibt. Keine Silbe zum neoliberalen Niedergang der europäischen Volkswirtschaften oder westlichen Militärinterventionen.
Dualität des Bestehenden
Der Report konstatiert wachsende Zweifel an der amerikanischen Verlässlichkeit und fordert mehr strategische Autonomie für Europa. Das Konzept setzt auf eine Doppelstrategie: fortgesetzte transatlantische Kooperation bei gleichzeitigem Ausbau eigener militärischer Kapazitäten.
Damit wird offiziell [10], was sich seit Monaten abzeichnet – ein Paradigmenwechsel von US-zentrierter Sicherheitsarchitektur hin zu einem multipolaren Machtgefüge. Die Debatte über europäische Eigenverantwortung ist dabei weniger Konfrontation mit Washington als vielmehr Vollzug einer langjährigen amerikanischen Agenda: Bereits unter mehreren US-Administrationen wurde Europa aufgefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen.
Die aktuelle Dringlichkeit erklärt sich auch aus konkreten Konfliktlagen. Washington signalisiert zunehmend Zurückhaltung bei langfristigen Verpflichtungen – etwa in der Ukraine [11].
Zugleich legitimiert diese Erzählung steigende Verteidigungsausgaben und eine schrittweise strategische Entkopplung der EU von den USA. Beide Seiten des Atlantiks profitieren von dieser Lesart: Die Trump-Administration liefert Washington den Vorwand für eine längst geplante Strategiekorrektur, die mit den europäischen Partnern weitgehend abgestimmt ist.
Die sicherheitspolitische Konsequenz: eine schleichende Normalisierung von Konflikten und Krisenzuständen als permanentem Ausnahmezustand.
Dabei offenbart der Report eine problematische Perspektive auf den Globalen Süden, der implizit als passives Objekt westlicher Strategien behandelt wird – eine Weltsicht, die der tatsächlichen Dynamik zunehmend widerspricht [12]. Länder wie Indien, Brasilien oder Südafrika demonstrieren längst eigene außenpolitische Handlungsfähigkeit, die sich weder in westliche noch östliche Blöcke einordnen lässt.
Harte Hand
Der Bericht beschreibt – in einer leicht veränderten Konnotierung zum gewohnten Dreiklang – China als strategischen Herausforderer. Dessen wirtschaftliche Potenz und Zusammenarbeit mit Moskau Peking zu einem sicherheitspolitischen Problem für Europa werden lassen. Interessanterweise wird der Bericht hier deutlich: Klassische wirtschaftliche Kooperation reiche nicht mehr aus, gegenüber Peking brauche es zudem eine eigene strategische Adressierung und die Diversifizierung von Abhängigkeiten.
Harte Hände gegen Peking, die an anderer Stelle vermisst werden: Europas Zurückhaltung bei der Annexion russischen Vermögens – die Blockade Belgiens verhinderte [13] den Zugriff – wird als Schwäche analysiert.
"Selbst wenn es darum geht, sich gegen ein Land zu wehren, das ihre Sicherheit durch eklatante Verstöße gegen das Völkerrecht bedroht, zögerten die Europäer, neue und unbewährte Optionen einzusetzen", so der Originalwortlaut.
Die herrschenden politischen Klassen Europas kennen nur eine Sprache, ihr Latein scheint am Ende angekommen [14]. Diplomatie und Verständigung finden sich als ultima ratio nicht.
Unsicherheit als Zukunftsparadigma
Die Rechnung geht nicht auf. Wenn unter einer "America First"-Administration US-Interessen konsequent vor europäischen Partnerinteressen rangieren, basiert die europäische Strategie auf einer Fehleinschätzung: Sie setzt auf transatlantische Verlässlichkeit, die Washington nicht mehr garantiert.
Europas politische Eliten agieren, als gelte noch die Ordnung des 20. Jahrhunderts – während sich die Realität bereits fundamental gewandelt hat.
Die MSC versteht sich explizit als pro-westliches Forum – Neutralität wird nicht beansprucht. Dennoch greifen die vorgeschlagenen Rezepte zu kurz: Aufrüstung, militärische Eigenständigkeit und Vorwärtsverteidigung bieten keine Antworten auf die im Report durchaus treffend beschriebenen gesellschaftlichen Fragmentierungen.
Mit der Reproduktion althergebrachter Rezepte verkommt München zu einem passiven Wartesaal internationaler Politik – während in anderen Breitengraden die Behandlungmethode bestimmt wird. Die eigentlichen Weichenstellungen fallen längst in Riad, Neu-Delhi oder Peking.
Problematisch ist vor allem die Engführung: Wer Unsicherheit zum zentralen Paradigma erklärt, neigt dazu, komplexe soziale und politische Fragen militärisch zu beantworten. Wo diplomatisches Gespür gefordert wäre, dominiert martialische Rhetorik. Wo neue Kooperationsformen mit dem Globalen Süden nötig wären, verharrt man in bekannten Mustern.
Die 62. Münchner Sicherheitskonferenz könnte so zur unfreiwilligen Demonstration westlicher Orientierungslosigkeit werden – ein Symptom des Über- oder Niedergangs, keine Blaupause für die Zukunft.
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