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Wie entsteht der Strompreis in Deutschland?

Von Christoph Jehle
Verteilersteckdose mit Eurozeichen auf dem Ausschalter

Flexible Strompreise, Smart Meter, Regelenergie: Hinter jeder Kilowattstunde steckt ein komplexes System – das sich gerade grundlegend wandelt.

Nicht alle Stromangebote zu Beginn der Liberalisierung waren sauber kalkuliert und manches wilde Modell stellte sich im Laufe der Jahre als wirtschaftlich so wenig tragfähig heraus, dass der Anbieter sein Heil nur noch in der Insolvenz suchte.

Für die Kunden blieb in diesen Fällen meist nur der finanzielle Verlust, sie standen jedoch nicht plötzlich im Dunkeln, sondern konnten in die lokale Grundversorgung fallen, die zwar meist deutlich teurer war, aber zumindest den Strombezug sicherte.

Der Strommarkt verändert sich auch in Zukunft

Die Zeiten, als man für seinen Strom über elf Monate eine Abschlagsrechnung bekam und dann im zwölften die zwischen Abschlag und Jahresverbrauch entstandene Differenz bezahlen musste, gehen ihrem Ende entgegen. Oft wird der Zähler inzwischen nicht mehr abgelesen, sondern nur noch geschätzt. Dies gilt vor allem, wenn sich der Strompreis im Jahresgang verändert.

Mit den in Deutschland aufgrund eines schlechten Marktstarts bis heute nicht flächendeckend eingeführten Smart Meter soll der Strommarkt künftig deutlich agiler werden und der Kunde aktiver in den Markt eingebunden werden.

Er soll dann seinen Strom gezielt dann einkaufen, wenn dieser kostengünstig zur Verfügung steht und im Falle knapper verfügbarer Strommengen seinen Bezug einschränken, um seine Verbrauchskosten zu reduzieren.

Deutschland hinkt bei den Smart Metern hinterher

Der Smart-Meter-Rollout in Deutschland verläuft schleppend, mit Stand Mitte 2025 sind erst etwa drei Prozent der Haushalte mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet, obwohl gesetzliche Pflichten bestehen. Bei den Pflichtfällen, das sind Haushalte über 6.000 kWh/Jahr, lag die Einbauquote im ersten Quartal 2025 bei rund 15,1 Prozent, das sind etwa 760.000 von 4,64 Mio. Pflichtanschlüssen.

Das liegt deutlich hinter dem gesetzlichen Ziel von 20 Prozent bis Ende 2025, wobei aber große Messstellenbetreiber teilweise 20,4 Prozent erreichen. Viele kleinere Messstellenbetreiber haben jedoch Schwierigkeiten, sodass die Gesamtquote bei etwa drei Prozent aller Anschlüsse bleibt, was Deutschland im europäischen Vergleich nicht besonders gut dastehen lässt.

Skandinavische Länder wie Schweden, Norwegen oder Finnland sowie Frankreich und Spanien haben inzwischen nahezu flächendeckende Installationen erreicht.

Ohne Smart Meter sind jedoch Angebote wie flexible oder dynamische Strompreise ebenso wenig realisierbar wie flexible Netzentgelte, die auch variable oder zeitvariable Netzentgelte genannt werden.

Flexible Strompreise koppeln den Strompreis, den der Kunde bezahlen muss, direkt an die Börsenpreise, je nach Vertrag viertelstündlich oder sogar minütlich. Das ermöglicht bei einem hohen Anteil an erneuerbaren Energien günstigere Preise und zusätzliches Sparpotenzial, wenn man seinen Verbrauch in günstige Zeiten verlagern kann.

Die flexiblen Strompreise bergen aber auch das Risiko von beträchtlichen Preisanstiegen, weshalb ein aktives Preismonitoring notwendig ist.

Flexible Netzentgelte sind ein neues Strompreismodell in Deutschland, das Verbraucher belohnt, die ihren Stromverbrauch in Zeiten geringer Netzauslastung verlagern, um die Stromnetze zu entlasten, besonders wenn viel erneuerbarer Strom vorhanden ist, wodurch Kosten gesenkt werden können.

Seit April 2025 müssen Netzbetreiber diese flexiblen Modelle anbieten, die je nach Tageszeit unterschiedliche Entgelte haben können, was eine intelligente Steuerung von Geräten wie Wärmepumpen und Wallboxen erfordert. Im Gegensatz zu den flexiblen Strompreisen, die vom Stromanbieter angeboten werden, sind für die flexiblen Netzentgelte die jeweiligen Verteilnetzbetreiber zuständig.

Im Gegensatz zum Erdgas, bei dem mithilfe der sogenannten Netzatmung ein Puffer zwischen Einspeisung und Entnahme auf Kundenseite genutzt werden kann, gibt es im Stromnetz diese Möglichkeit nicht.

Wie wird der Ausgleich zwischen Stromangebot und -nachfrage geregelt?

Ist die Frequenz im Netz zu niedrig, fehlt Strom im Netz. Steigt die Frequenz an, befindet sich mehr Strom im Netz als benötigt. Will man die Netzfrequenz bei 50 Hz stabil halten, benötigt man einen Angebot-Nachfrage-Mechanismus sowie ein funktionierendes Regelenergiesystem.

Diese Regelenergie gleicht als Reserve Schwankungen in der Stromnetzfrequenz aus. Beim Einsatz von Regelenergie kann sowohl Strom in das Netz eingespeist werden, wofür man Kraftwerke oder Speicher benötigt, als auch Strom durch Drosselung der Einspeisung gezielt aus dem Netz entnommen werden.

Das Strommarktdesign muss erneuert werden

Mit dem steigenden Anteil an erneuerbaren Energien muss auch das Strommarktdesign an die neue Situation angepasst werden.

Um das zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass der Strommarkt aus drei Segmenten besteht: Dem Terminmarkt für den Handel von langfristigen Verträgen auf Termin, dem außerbörslichen Over-the-Counter (OTC)-Handel über Broker oder direkt zwischen Anbieter und Käufer sowie dem Spotmarkt, bei welchem Strom am Day-Ahead- oder Intraday-Markt gehandelt wird.

Die Bundesnetzagentur [1] visualisiert die Daten des Strommarkts unter Smard [2], wo sich auch Außenstehende über die aktuelle Situation des Strommarkts, die Zusammensetzung des Strommixes und die Prognosen informieren können.

Auf nationaler wie europäischer Ebene werden seit Jahren unterschiedliche Lösungsansätze für ein neues Strommarktdesign diskutiert. Dieses sollen die Strommärkte so gestalten, dass die Klimaneutralitätsziele bis 2045 erreicht werden. Gleichzeitig müssen regulatorische Vorgaben eingehalten und weder Versorgungssicherheit noch Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt werden.

Der europäische Gesetzgeber wurde mit seiner schon im Juli 2024 realisierten Strommarktreform [3] tätig. Durch die Reform der Elektrizitätsbinnenmarktverordnung (VO (EU) 2019/943) [4] setzt die EU künftig insbesondere auf power purchase agreements [5] sowie contracts for difference [6] als maßgebliche Instrumente.

Im August 2024 veröffentlichte dann das damalige Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz ein Diskussionspapier zum "Strommarktdesign der Zukunft [7]". Darin werden zentrale Handlungsfelder benannt. Dazu zählen verlässliche Investitionsbedingungen für erneuerbare Energien sowie eine Flexibilisierung der Nachfrage.

Im Koalitionsvertrag [8] kam das Strommarktdesign dann nicht mehr vor und die Koalition hat sich folglich auch nicht einschlägig bewegt.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11250577

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bundesnetzagentur.de/
[2] https://www.smard.de/home
[3] https://www.bbh-blog.de/alle-themen/design-oder-nicht-design-das-ist-hier-die-strommarkt-frage/
[4] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32019R0943
[5] https://www.pwc.de/en/energy-sector/renewable-energy/power-purchase-agreements-ppa.html
[6] https://www.diw.de/de/diw_01.c.670541.de/contracts_for_difference__differenzvertraege.html
[7] https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/20240801-strommarktdesign-der-zukunft.pdf?__blob=publicationFile&v=10
[8] https://www.bbh-blog.de/allgemein/das-strommarktdesign-der-zukunft-ein-blick-in-den-koalitionsvertrag/

Copyright © 2026 Heise Medien

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  • 12. April 2026 um 14:00

Bio und Fair: Warum nachhaltiger Kaffee die bessere Wahl ist

Von Susanne Aigner
Drei Kaffe-Tassen mit Aufdrucken für Röstung, Fair-Trade und Gesundheit

Klassische Kaffeesorten könnten bald verschwinden. Doch es gibt Alternativen, die Klima und Geschmack gleichermaßen zugutekommen.

Kaffee ist für viele Menschen nicht aus dem Alltag wegzudenken. Eine Tasse Kaffee hilft uns morgens wach zu werden. Mit Kaffee geht es weiter am Arbeitsplatz und nach dem Mittagessen. Laut dem Deutschen Kaffeeverband wurden 2024 hierzulande im Schnitt 163 Liter pro Kopf [1] getrunken. Das entspricht einem Pro-Kopf-Konsum von etwa 2,2 Tassen pro Tag.

Koffein ist eine stickstoffhaltige Verbindung, die auch in Teeblättern und Kakaobohnen enthalten ist. Über den Magen-Darm-Trakt in den Blutkreislauf aufgenommen, wirkt es etwa 15 bis 30 Minuten nach der Aufnahme [2]. Unter anderem führt es dazu, dass der Körper mehr Urin produziert.

Koffein wirkt zwar anregend, doch nicht bei allen Menschen gleich stark. Daher ist es schwierig, eine allgemeine Empfehlung für den Kaffeekonsum zu geben, zumal eine Tasse zwischen 30 und 175 Milligramm Koffein enthalten kann.

Als obere Grenze für den täglichen Koffein-Konsum gelten 400 Milligramm [3] – das entspricht etwa vier bis fünf Tassen Kaffee. Schwangere und Stillende allerdings sollten nicht mehr als 200 Milligramm Koffein pro Tag zu sich nehmen. Kinder und Jugendliche sollten nicht mehr als drei Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen.

Einer Studie [4] von 2020 zufolge schadet der moderate Kaffeekonsum bis maximal sechs Tassen Filterkaffee am Tag keineswegs.

Vorsicht bei konzentriertem Koffeinpulver!

Kaffee scheint dem Herzen selbst bei erhöhtem Konsum nicht zu schaden, wie eine britische Studie [5] nachwies. Dafür kann er wegen einer Vielzahl von bioaktiven Substanzen vor Lebererkrankungen schützen, darüber hinaus vor bestimmten Krebsarten wie Prostatakrebs, Leber-, Nieren- und Hautkrebs.

Bei Darmkrebs scheint zusätzlich entkoffeinierter Kaffee das Risiko einer fortschreitenden Erkrankung zu verringern. Hoch konzentriertes Koffeinpulver jedoch kann bereits in geringen Mengen schwere Vergiftungen hervorrufen [6], warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Manche Sportler nehmen das frei verkäufliche Produkt zwecks Leistungssteigerung [7] ein.

Acrylamid im Kaffee erhöht das Krebsrisiko

Die Bohnen enthalten zudem Acrylamid, ein Nebenprodukt des Röstvorgangs. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kann der chemische Stoff das Krebsrisiko bei Verbrauchern und Verbraucherinnen erhöhen. Ein weiterer Schadstoff in geröstetem Kaffee ist Furan, der langfristig die Leber schädigen kann. Hohe Furandosen erzeugten in Tierversuchen sogar Krebs.

In einem Test mit verschiedenen Kaffeesorten bewertete Öko-Test die Acrylamid-Gehalte in dreizehn Produkten als "erhöht". Für den Test [8] hatte das Team 20 Produkte mit gemahlenem Kaffee absatzstarker Marken aus (Bio-)Supermärkten und Discountern gekauft.

Deutsche Kaffeetrinker bevorzugen gemahlenen Filterkaffee

Denn der bietet – verglichen mit direkt aufgebrühtem Bohnenextrakt – gesundheitliche Vorteile. So haben einer schwedischen Studie [9] zufolge Menschen, die pro Tag zwei bis drei Tassen Filterkaffee trinken, ein um 60 Prozent niedrigeres Risiko für Diabetes Typ 2 [10] als jene, die weniger als eine Tasse Filterkaffee tranken.

Brühkaffee enthält Diterpene [11], die den Cholesterinspiegel erhöhen können. Diese werden beim Filterkaffee herausgefiltert, zudem sind organische Verbindungen wie Phenole [12] stärker ausgeprägt.

Wer spät am Abend Kaffee trinkt, dessen Gehirn bleibt auch im Schlaf aktiver

Um ihren Schlaf nicht zu gefährden, sollten besonders empfindliche Menschen nicht zu spät Kaffee trinken. In einer neueren Studie untersuchten Wissenschaftler die Gehirnströme von 40 Erwachsenen, die jeweils drei und eine Stunde vor dem Schlafengehen Koffein-Kapseln eingenommen hatten. Besonders aktiv waren die Gehirne der jüngeren Generation.

Bei älteren Menschen hingegen fiel die Koffeinwirkung geringer aus. Der wach machende Effekt zeigt sich überhaupt nur, wenn vorher ein Schlafdefizit vorlag, betont der Neurowissenschaftler David Elmenhorst vom Forschungszentrum Jülich. Bei Personen, die über einen längeren Zeitraum ausreichend schlafen, zeige Koffein in nur wenigen Studien überhaupt eine Wirkung [13].

Cold Brew Coffee – besser als eine heiße Tasse Kaffee im Sommer?

Mit kaltem Wasser aufgegosser Kaffee ist eine beliebte Alternative zu Eiskaffee. Er lässt sich ohne Energieaufwand herstellen und macht genauso wach wie heißer Kaffee [14]. Angeblich soll er mehr Antioxidantien, weniger Säuren und weniger unerwünschte Bitterstoffe im Vergleich zu normalem Kaffee enthalten. Dabei wird das Kaffeepulver über mehrere Stunden oder Tage in kaltes Wasser gegeben. So werden andere Röststoffe aus dem Kaffee herausgelöst als beim heißen Aufkochen.

Allerdings belegte eine Studie [15] bereits 2018, dass kalt gebrühter Kaffee nur unwesentlich weniger Säure enthält. Bei den Antioxidantien, die für die günstige gesundheitliche Wirkung verantwortlich sein sollen, schneidet dieser sogar schlechter ab als heiß zubereiteter Filterkaffee.

Treiber für Kaffeepreise: Logistikprobleme, hohe Nachfrage und Klimawandel

Um fast ein Viertel teurer [16] war der Kaffee im vergangenen August im Vergleich zum Vorjahr. Für diesen Preisanstieg kamen in diesem Jahr mehrere Faktoren zusammen: Zum einen nimmt die Nachfrage nach Kaffee [17] weltweit stetig zu. Zum Anderen gab es in den vergangenen Monaten teilweise Probleme mit hohen Transportkosten und Hafenstaus.

Kaffee wird vor allem entlang des Äquators im sogenannten Kaffeegürtel [18] angebaut. Denn da herrscht feucht-tropisches und subtropisches Klima. Bio-Bohnen stammen aus Peru, Nicaragua, Brasilien, Honduras, Costa Rica, El Salvador, Tansania, Äthiopien, Uganda, Kolumbien, Mexiko, Papua Neu Guinea sowie aus Kerala. Allesamt Länder in Äquator-Nähe.

Die Folgen des Klimawandels sind in den Anbaugebieten deutlich zu spüren: Trockenphasen, Frost, Stürme und Überschwemmungen fördern Pflanzenkrankheiten, Bodenerosion und die Auswaschung von Nährstoffen ins Grundwasser.

Von den 124 bisher bekannten Kaffeearten, die wild vorkommen, werden aktuell nur zwei Arten in großem Stil kommerziell genutzt: Coffea Arabica, ein Hochlandkaffee, der mild und zugleich aromatisch schmeckt und etwas weniger Koffein enthält als die zweite Sorte – Coffea Robusta.

Anbau gelingt nur noch mit anpassungsfähigen Sorten

Coffea Arabica reagiert besonders sensibel auf Veränderungen bei der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit. So grassierte im vergangenen Jahr in Brasilien eine starke Dürre [19], ähnlich wie in Ostafrika, während sich in Vietnam die Regenzeiten verschoben. Werde der Kaffee überall gleichzeitig geerntet, habe dies starke Auswirkungen auf den Preis, betont der Agrarwissenschaftler Christoph Gornott vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Coffea Robusta hingegen ist zwar weniger empfindlich, doch allein schmeckt die Sorte zu herb. Schon jetzt ist der Anbau in verschiedenen Regionen Brasiliens und Äthiopiens bedroht. Weite Teile der Anbauflächen könnten dort bis 2050 für den Kaffeeanbau nicht mehr nutzbar [20] sein.

Die hochwüchsige Art Liberica wird zwar bisher selten angebaut [21], doch sie ist resistent gegenüber Nematoden, die die Wurzeln schädigen, und zugleich immun gegenüber Kaffeerost, der häufig zu Ernteausfällen in Mittelamerika führt. Mit all diesen Eigenschaften würde sie mit dem Klimawandel vermutlich besser zurechtkommen.

Verzicht auf synthetischen Dünger und Pestizide nützt Klima und Umwelt

Im Anbau werden pro Tasse Kaffee ungefähr 140 Liter Wasser verbraucht. Zumeist werden erhebliche Mengen an Dünger und Pestizide eingesetzt. Oft wird Regenwald für Plantagen gerodet. Beim Genuss von Filterkaffee verursacht jede Tasse bereits ohne Milch zwischen 50 und 100 Gramm Kohlendioxid [22].

Laut einer Studie [23] von 2020 können weniger Dünger und Pestizide und nachhaltigere Transportwege die Kohlendioxidemissionen bei der Kaffee-Produktion um 77 Prozent reduzieren. In Ostafrika etwa gibt es häufig kleinbäuerliche Strukturen, die innerhalb von bestehenden Wäldern Kaffeebäume anpflanzten und den Kaffee dann verkauften.

Bio-Kaffee in Mischkultur dient der Vielfalt und schützt vor Erosion

Viele Bio-Kaffeeplantagen liegen über tausend Meter hoch. Hier reifen die Kaffeekirschen länger als in tieferen Regionen und sind vielfältiger im Geschmack. Die Pflanzen wachsen gemeinsam mit Bananen, Zitrusfrüchten, Mangos und Avocados. Im Schatten der Bäume bleiben die Kaffeekirschen vor Hitze und Starkregen geschützt. Mit dem Laub werden die Bäume gedüngt. Das wirkt Bodenerosion und Austrocknung entgegen. Die ausgereiften Kaffeekirschen werden von Hand geerntet und sorgfältig verarbeitet.

In seltenen Fällen wird auch Kaffee aus Wildsammlung genutzt. Jedes Land und jede Region bringt einen ganz eigenen Geschmack hervor. Kaffeespezialitäten mit Bohnen aus einer einzigen Region werden als "Single-Origin" bezeichnet. Meist kommt ein Blend – eine Mischung aus Bohnen verschiedener Herkunftsländer – in die Tüte.

Wo "Bio" draufsteht, ist meist auch "Fair" drin

Bio-Röstereien kaufen ihre rohen Kaffeebohnen zu fairen Preisen direkt bei einzelnen Bauern oder von Bio-Kooperativen, in denen sich viele Kaffeebauern zusammenschließen. Diese erhalten einen festen Preis für die Kaffee-Ernte.

Dieser liegt überwiegend über dem Weltmarktpreis. Zudem erhalten sie einen Bio-Aufschlag für den Anbau ohne Pestizide und synthetische Düngemittel. Die Zusammenarbeit ist immer auf langfristige Handelsbeziehungen angelegt.

Verschiedene Siegel kennzeichnen Faire Bio-Kaffees [24]: Etwa das Hand-in-Hand-Label [25] von Rapunzel, dem Naturland Fair-Siegel [26], Fair-Plus [27] von Gepa und dem Fair-Trade-Label [28] erkennen und viele andere Bio-Kaffees aus dem Bio-Laden, hinter dem faire Partnerschaften stehen.

Wer die Anbau-Kooperativen direkt unterstützen will, schließt sich in einer Gemeinschaft an, die den Kaffee direkt bei den Kaffee-Anbauern bestellt, wie zum Beispiel Teikei [29]: Die Initiative lässt die Kaffeebohnen mit dem Segelboot direkt aus Mexiko nach Hamburg transportieren, wo sie von Freiwilligen ausgeladen werden.

Mithilfe des Segelschiffs werden Verschmutzungen der Ozeane durch Schweröl und Lärm vermieden. Ein Ziel ist unter anderem, die Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu reduzieren.

Der Artikel erschien auf Telepolis zuerst am 01. Oktober 2025.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-10689647

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.kaffeeverband.de/de/presse/Deutscher-Kaffeemarkt-2024
[2] https://utopia.de/ratgeber/wie-viel-kaffee-ist-noch-gesund-diese-hoechstmenge-solltest-du-nicht-ueberschreiten_740236/
[3] https://www.telepolis.de/features/Wie-sich-abendlicher-Kaffeekonsum-auf-unseren-Schlaf-auswirkt-10423867.html
[4] https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMra1816604
[5] https://www.qmul.ac.uk/media/news/2019/smd/coffee-not-as-bad-for-heart-and-circulatory-system-as-previously-thought.html
[6] https://www.bfr.bund.de/cm/343/hochkonzentriertes-koffein-pulver-kann-bereits-in-geringen-mengen-schwere-vergiftungen-hervorrufen.pdf
[7] https://www.telepolis.de/features/Koffeinpulver-Wenn-der-Wachmacher-zur-Lebensgefahr-wird-9984104.html
[8] https://www.oekotest.de/essen-trinken/Gemahlener-Kaffee-im-Test-Krebsverdaechtige-Schadstoffe-gefunden_12205_1.html
[9] https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/joim.13009
[10] https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Diabetes-Typ-2-Symptome-Ursachen-und-Behandlung,diabetes196.html
[11] https://www.spektrum.de/lexikon/biochemie/diterpene/1747
[12] https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Phenole
[13] https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/kaffee-mythen-100.html
[14] https://utopia.de/ratgeber/cold-brew-kaffee-rezept-zum-selbermachen_56518/
[15] https://www.nature.com/articles/s41598-018-34392-w
[16] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/verbraucherpreise-august-warenkorb-100.html
[17] https://apps.fas.usda.gov/psdonline/circulars/coffee.pdf
[18] https://schrotundkorn.de/essen/bio-kaffee#wie-wird-kaffee-angebaut
[19] https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/brasilien-duerre-100.html
[20] https://schrotundkorn.de/essen/instant-kaffee#kaffee-von-der-bohne-in-die-tasse
[21] https://www.coffee-consulate.com/blog/liberica
[22] https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/kaffee-mythen-100.html
[23] https://rgs-ibg.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/geo2.96
[24] https://schrotundkorn.de/essen/was-fairtrade-kaffee-kostet
[25] https://www.rapunzel.de/fairtrade-hand-in-hand.html
[26] https://www.naturland.de/de/naturland/wofuer-wir-stehen/fair.html
[27] https://utopia.de/siegel/gepa/
[28] https://www.fairtrade.net/de-de/Was-ist-Fairtrade/der-fairtrade-ansatz/Fairtrade-Siegel.html
[29] https://www.teikeicoffee.org/projekt/

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  • 12. April 2026 um 12:20

Magdeburg: Zerstört, vergessen – und wieder bedeutend

Von Christian Bartels
Magdeburg, Dom und Festung

Bild: Christian Bartels

Vom "Magdeburgisieren" im Dreißigjährigen Krieg bis zu Industriepolitik, Fußball und Gegenwart: Warum die Stadt Geschichte schreibt (Teil 2 und Schluss).

Seine vielleicht größte Bedeutung besaß Magdeburg am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, als just zur Reformation der gewaltige Dom fertig gebaut war (siehe Teil 1).

"Unseres Herrgotts Kanzlei" – bis zum Untergang

Großstädtischer Reichtum finanzierte gewaltige, von der vorbeifließenden Elbe unterstützte Festungsanlagen, die sich im Schmalkaldischen (Religions-)Krieg bewährten.

Reformator Luther war gerade gestorben, die protestantischen Fürsten unterlagen seinem Gegenspieler, dem katholischen Weltreichs-Kaiser Karl V., der auch Spanien und damit Teile des gerade "entdeckten" Amerika regierte. Nur die mit Reichsacht belegte Festung Magdeburg überstand 1550/51 über ein Jahr Belagerung.

Auch wenn der Seitenwechsel des zunächst für den Kaiser, dann auf eigene Rechnung kämpfenden Fürsten Moritz von Sachsen eine Rolle spielte... Fortan nannte Magdeburg sich "Unseres Herrgotts Kanzlei".

Dieser Ruf als uneinnehmbare feste Burg des kämpferischen Protestantentums hielt achtzig Jahre – bis er bei der, nun von der Gegenseite polemisch so genannten "Magdeburger Hochzeit" pulverisiert wurde. Beziehungsweise "magdeburgisiert".

"Magdeburgisieren": Ein Wort für den Untergang

Im Dreißigjährigen Krieg, der noch blutiger um die Gemengelage von Religion/Konfession und Macht kreiste, wurde Magdeburg erneut von katholischen Feinden belagert. Nach nur wenigen Wochen gelang den Söldnertruppen des kaiserlichen Feldherrn Tilly und seines Generals von Pappenheim die Eroberung.

Die Kunde davon, wie die Stadt geplündert und zerstört, ihre Bevölkerung vergewaltigt und zu nach heutigen Schätzungen 90 Prozent massakriert wurde, verbreitete sich unter dem Begriff "Magdeburgisieren". Und trug zur weiteren Verschärfung der Exzesse in der noch länger währenden zweiten Hälfte des Krieges bei.

Nur der Dom wurde nicht zerstört – auch weil nochmals ein Kaisersohn als Erzbischof eingesetzt war (der sich freilich nicht lange halten konnte). Anno 2026 bereitet das lokalstolze Magdeburg bereits den 400. Jahrestag in fünf Jahren [1] vor und meint, das Schicksal der Stadt bleibe "ein Sinnbild für globale Menschheitsfragen" ...

Der Glanz war dahin, die Hoffnung auf Eigenständigkeit als Reichsstadt passé. Bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden wurde die Stadt der aufstrebenden Semi-Macht Brandenburg zugesprochen, die sich bald darauf Preußen nannte, und zu deren "stärkster Festung" ausgebaut.

Vom Militärstaat zur Industriekulisse

Als lokaler Gouverneur des alles dominierenden Militärs diente der "Alte Dessauer", der nebenbei als Kleinstaaten-Fürst das nahe Anhalt-Dessau (das heute den zweiten Teil des wiederum aus Magdeburg verwalteteten Bindestrich-Bundeslands Sachsen-Anhalt bildet) regierte.

Der Wiederaufstieg dauerte lange – auch wenn Magdeburg als "Ottostadt" sich heute auch gern auf Otto Guericke beruft, der im 17. Jahrhundert als Bürgermeister wie als experimentierender Wissenschaftler vor allem physikalisch Furore machte und längst nicht nur die Luftpumpe erfand.

Im späten wilhelminischen Kaiserreich war Magdeburgs Wiederaufstieg in vollem Gange. Davon zeugen noch allerhand pittoreske Industriebauten bis hin zur die "Diamant"-Brauerei, die bis in den 1990er-Jahren Bier ausstieß und nun als "lost place" nahe dem Bahnhof Magdeburg-Neustadt emporragt.

Denkmal der Goldene Reiter
Der Goldene Reiter. Foto: Christian Bartels

Gewaltige Hafenanlagen entstanden an der Elbe, zu denen in der Nazizeit die ingenieurtechnisch bewunderte Anbindung per Wasserstraßenkreuz an den Mittellandkanal kam. Nach 1945 wurde der Wasserweg nach Westen freilich nicht mehr gebraucht.

DDR-Glanz statt Shopping-Tristesse

Und heute ist auf der breiten Elbe kaum je ein Schiff zu sehen. Ob der Fluss sich künftig überhaupt noch als Wasserstraße eignet, zählt zu den Zukunftsfragen (Spiegel [2]), die vor lauter Gegenwartsaufregung kaum diskutiert werden.

Eher obsolet wäre die Frage, ob die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg kompletter ausfiel als im 30-jährigen. Jedenfalls wurde Magdeburgs Kern anschließend in der DDR zu einer der nach damaligen Überzeugungen geformten Prachtstädte umgemodelt.

Gelegenheit, sich zu denken, dass viele Schauseiten solcher ehemaligen Modernen erheblich ansehnlicher aussehen als die Nachwende-Shopping-Architekturen, die sich später ausdehnte, bietet sich in Magdeburg oft.

Über sich hinaus wirkte und wirkt die Stadt immer mal wieder aus unterschiedlichen Gründen. Der schon erwähnte Sport-Lokalstolz gilt insbesondere dem Handball, in dem der Magdeburger SC international Furore macht, der deutschen Lieblings-Fernsehsportart Fußball aber auch. Kaum ein Regionalbahn-Tunnel im weiteren Umland, der nicht mit "FCM" besprüht ist. ...

Ein Tor für die Geschichte – und heute Abstiegskampf

Schon zu Teilungszeiten erregte der FC Aufsehen bis in den Westen. Nicht nur, weil der Magdeburger Jürgen Sparwasser bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 das Siegtor der DDR gegen die BRD schoss (das dem westdeutschen Bundestrainer auf dem Weg zum Turniersieg bekanntlich ganz gut in den Kram gepasst haben dürfte ...), sondern weil der FCM im selben Jahr als einziger DDR-Verein überhaupt einen Fußball-Europapokal gewonnen hatte, den der Pokalsieger.

Wenn der FC einmal in die Bundesliga aufstiege, wäre das nur gerecht. Aktuell allerdings kämpft er, im meist vollen Stadion, gegen den Abstieg in die Dritte Liga.

Magdeburg im Brennpunkt der Gegenwart

Ob das Weihnachtsmarkt-Attentat, das 2024 auf dem Goldener-Reiter-Marktplatz sechs Tote und hunderte Verletzte forderte, exemplarisch für eine Epoche stehen wird, muss sich noch zeigen.

Und ob die im Jahr zuvor von der damaligen Ampel-Bundesregierung mit Milliardensubventionen herbeigeführte, pompös gefeierte Ankündigung einer "Weltspitzen" [3]-Chipfabrik durch den US-amerikanischen Intel-Konzern als Musterbeispiel einer fehlgeleiteten Industriepolitik gelten kann (oder womöglich dereinst als Beispiel einer strategischen Industriepolitik, der es geopolitisch bedurft hätte) – auch darüber wird sich streiten lassen.

Nicht streiten lassen wird sich darüber, dass der Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im kommenden September mindestens auf die ganze Bundesrepublik ausstrahlen wird.

Allen Umfragen zufolge dürfte die AfD zur stärksten Partei werden. Ob ihre Politiker dann in die Regierungsgebäude einziehen werden, oder eine breite Koalition aller anderen Parteien es verhindert, wird im Vorfeld und hinterher breiteste Beachtung erfahren.

Magdeburg kann man so oder so finden. Seine Bedeutung unterschätzen kann man kaum.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11250573

Links in diesem Artikel:
[1] https://friedensforum-johanniskirche.de/400-jahrestag-der-zerstoerung-magdeburgs
[2] https://www.spiegel.de/panorama/elbe-wasserstaende-gefaehrden-schifffahrt-und-werften-das-grosse-zittern-a-17a1cc91-33c9-4988-ac47-465a4ccfc0db
[3] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/investitionsentscheidung-intel-2198332

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  • 12. April 2026 um 12:00

Störungsmeldung vom 10.04.2026 14:50

Von heise online

Neue Störungsmeldung für Provider 1&1

Details

Beginn
10.04.2026 14:50
Region
Reisbach (Niederbay) (08734)
Provider
1&1
Zugangsart
ADSL

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  • 10. April 2026 um 14:50

Warum LED-Leuchtmittel nicht mehr so grässlich wie früher sind

Von Heise

Wisst ihr noch, wie grottig die ersten LEDs strahlten? Kalt, blass, Gesichter wirkten kränklich. Das ist inzwischen behoben, wenn man richtig auswählt.

Die ersten LED-Birnen Anfang der 2000er stießen auf wenig Gegenliebe: Auch wenn sie deutlich weniger Strom benötigten als die bisherigen Glühbirnen, strahlte ihr Licht kalt, Farben sahen blass aus, Personen wirkten fast kränklich. Und geflackert haben sie auch noch – vor allem beim Dimmen.

Tatsächlich täuschte dieser Eindruck nicht, sondern die ersten LED-Leuchtmittel strahlten ein Farbspektrum ab, dem vor allem Rot fehlte. Im Video erklären wir die Hintergründe und wie man anhand des CRI- oder Ra-Werts feststellen kann, wie farbecht Leuchtmittel sind. Ra/CRI beschreibt, wie gut acht Testfarben wiedergegeben werden. Sonnenlicht entspricht dem Maximalwert von 100, die alten LEDs erreichten vielleicht 60 bis 70. Inzwischen schreibt eine EU-Verordnung vor, dass nur noch Leuchtmittel ab 80 in den Handel gelangen dürfen. Farben und Gesichter wirken damit schon viel natürlicher.

Eine Stichprobe im Baumarkt zeigte, dass Leuchtmittel mit gängigen Fassungen wie E27 oder GU10 auch mit Ra=90 zu finden sind. Besonders farbstarke mit Ra=95 bietet der Versandhandel zu immer noch guten Preisen. Wer besonders kräftige Farben möchte, sucht zusätzlich nach dem Messwert für R9, der über 50 liegen sollte. Die Farbtemperatur ist davon übrigens weitgehend unabhängig, sie bleibt weiterhin ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl eines passenden Leuchtmittels.

Weiterhin beschreibt das Video, warum einige ältere LEDs flackerten. Das ist weitgehend gelöst, da die EU-Verordnung auch hierfür sinnvolle Grenzwerte festgelegt hat. Die zugehörigen Kennzahlen PstLM und SVM stehen allerdings nur auf wenigen LED-Verpackungen. Besser findet man die fürs Dimmen geeigneten Leuchtmittel.

c’t Phasenlage stellt Energiethemen wie Photovoltaik, Solarakkus, Balkonkraftwerke, dynamische Stromtarife, Wärmepumpen und Smart Home miteinander verzahnt dar und sammelt dazu das Know-How der Redaktionen von c’t, heise+ und den anderen heise-Magazinen. Sie finden c’t Phasenlage auf YouTube [4], auf Peertube [5] und auf den gängigen Podcast-Plattformen [6]. Alle zwei Wochen soll eine Folge erscheinen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11252486

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[1] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
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  • 12. April 2026 um 10:06

Ionos: Bei Inferenz können lokale KI-Anbieter mithalten

Von Achim Sawall
Während das Training gigantischer KI -Modelle oft als das Maß im globalen Wettbewerb gelte, verschieben sich die Gewichte. Markus Noga, CTO von Ionos, ordnet die Chancen deutscher Anbieter neu ein.
Serverrack bei Ionos (Bild: Ionos)
Serverrack bei Ionos Bild: Ionos

Deutsche KI-Anbieter hätten eine Chance, beim reinen Rechenvorgang (Inferenz) der KI international mitzuhalten, aber nicht beim Training. Das sagte Markus Noga, Chief Technology Officer bei Ionos, Golem auf Anfrage. "Beim Training von großen KI-Modellen werden es Deutschland und Europa sehr schwer haben, gegen die großen Anbieter aus Übersee zu bestehen. Anders sieht das beim Thema Inferenz aus" , erklärte Noga, "hier können lokale Anbieter sehr wohl mithalten" .

Zudem werde in Zukunft das Training von kleinen, spezialisierten Modellen für industrielle Anwendungen eine viel größere Rolle spielen, sagte er.

Mit dem AI Model Hub habe Ionos, das zu United Internet gehört, bereits vor zwei Jahren eine "souveräne Alternative für KI-Anwendungen" gestartet. Noga: "Im Model Hub werden ausschließlich Open-Source- und europäische Modelle angeboten – und das in europäischen Rechenzentren, und ohne dass die Daten unserer Kundinnen und Kunden für das Training verwendet werden."

Allerdings laufen dort neben der französischen Mistral-Familie (Mistral Nemo, Mixtral 8x7B) auch Metas Large Language Models (LLM) Llama 3.3 (70B) und Llama 3.1 (405B). Llama ist aktuell das leistungsfähigste Open-Source-Modell, kommt aber ursprünglich aus den USA.

EU: Ionos wartet bei KI-Factories auf Ausschreibungstext

Aktuell sind die Pläne einer EU-Förderung für KI-Rechenzentren noch nicht umgesetzt. Noga sagte: "Wir beabsichtigen nach wie vor, uns für eine der von der EU angekündigten AI-Gigafactories zu bewerben. Allerdings hat sich der Ausschreibungszeitpunkt mehrfach verschoben. Inzwischen gehen wir vom Mai 2026 aus." Wie das konkrete Modell zur Förderung durch die EU und die Mitgliedsstaaten letztlich aussehen werde, werde man erst wissen, wenn der Ausschreibungstext vorliege.

Tagesspiegel Background berichtete , dass die EU nun versucht, Hardwaresubventionen direkt mit dem AI Act zu verknüpfen. Wer EU-Förderung für Rechenzentren erhalten will, muss nachweisen, dass die dort trainierten KIs die Transparenzregeln der EU vorbildlich erfüllen. Rechenzentren, die KI-Kapazität zur Verfügung stellen, müssen zudem ihre Abwärmenutzung und ihren PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) transparent machen.

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  • 12. April 2026 um 11:51

Batterie Südostasiens: Größtes Solarstromprojekt in Südostasien geht ans Netz

Von Patrick Klapetz
In Laos geht ein gigantisches Photovoltaik -Projekt in Betrieb. Es ist in Zusammenarbeit mit China entstanden und soll die Kohlendioxidemissionen des Landes senken.
Das von China entwickelte Solarprojekt in Laos (Bild: CMG)
Das von China entwickelte Solarprojekt in Laos Bild: CMG

China hat mit einem 1-Gigawatt-Photovoltaikprojekt das größte Einzelstandort-Solarstromprojekt in Südostasien gebaut. Die Anlage befindet sich im Norden des Nachbarlands Laos und wurde am 7. April 2026 in Betrieb genommen.

Der Sonnenenergiepark markiert einen wichtigen Meilenstein in der regionalen Zusammenarbeit im Bereich der sauberen Energie und für Laos speziell den Übergang der Region zu grüner Energie.

Das Projekt wurde von dem chinesischen Atomkraftkonzern CGN (China General Nuclear Power Group) entwickelt. Mit einer installierten Leistung von einem Gigawatt in der ersten Phase ist es der China Media Group (CMG) zufolge auch das erste großflächige Berg-Photovoltaikprojekt in Laos.

Sobald das Projekt vollständig ans Netz geht, soll es jährlich um die 1,65 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen. Dies soll dem südostasiatischen Land dabei helfen, seine Kohlendioxidemissionen um rund 1,3 Millionen Tonnen pro Jahr zu reduzieren, indem etwa 500.000 Tonnen Standardkohle eingespart werden.

Der Kohleexport in Südostasien

Die Kohlereserven des Landes werden auf ungefähr 500 bis 800 Millionen Tonnen geschätzt . Einige geologische Schätzungen gehen bei Einbeziehung nicht voll erschlossener Vorkommen von bis zu einer Milliarde Tonnen aus. Das bedeutendste Abbaugebiet liegt in der Provinz Sayaboury (Hongsa-Region), wo sich die größten Braunkohlevorkommen des Landes befinden, aber auch in den Provinzen Xekong und Saravane existieren weitere Vorkommen.

Das Land produziert derzeit jährlich etwa 12 bis 15 Millionen Tonnen Kohle . Über 90 Prozent der geförderten Menge werden im Braunkohlekraftwerk Hongsa verfeuert. Der Strom wird größtenteils nach Thailand exportiert.

Zudem wurden im Jahr 2025 neue Verträge mit vietnamesischen Unternehmen wie dem staatlichen Bergbaukonzern Vinacomin unterzeichnet, um die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Kohlesektor zu stärken und jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Kohle von Laos nach Vietnam zu exportieren.

Die Batterie Südostasiens

Die Kohleproduktion und der Energieexport nehmen damit eine eher kleine, aber wirtschaftlich wichtige Rolle für Laos Energiewirtschaft ein. Das Land produziert circa 76 Prozent seines Energiebedarfs aus Wasserkraft . Es verfügt derzeit über etwa 80 größere Wasserkraftwerke, die aktiv Strom produzieren.

Die installierte Gesamtleistung der Wasserkraftwerke übersteigt mittlerweile 11.600 Megawatt (MW). Ferner befinden sich Dutzende weitere Projekte in verschiedenen Bau- und Planungsstadien. Allein am Mekong-Hauptstrom sind insgesamt neun große Staudämme geplant.

Rund 70 bis 80 Prozent des erzeugten Stroms werden exportiert, wobei Thailand der Hauptabnehmer ist, gefolgt von Vietnam und Kambodscha. Deswegen wird Laos auch als die Batterie Südostasiens bezeichnet.

Laos will grüner werden

Neben der Wasserkraft wird die Energie zu etwa 24 Prozent aus Kohle, zu 3 bis 5 Prozent aus Biomasse und nur zu 1 bis 2 Prozent aus Solar- und Windenergie gewonnen. Die laotische Regierung strebt eine 100-prozentige Elektrifizierung bis 2030 sowie eine Senkung des Endenergieverbrauchs um zehn Prozent an und will die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 60 Prozent senken.

Mit Projekten wie dem 1-Gigawatt-Photovoltaikpark in Nordlaos könnte dieses Ziel erreicht werden. Bisher seien rund 2,23 Millionen Solarmodule für die Anlage errichtet worden, teilte Wang Yang mit, der Leiter der Produktions- und Betriebsabteilung der Laos-Einheit von CGN Energy International.

Der grüne Strom wird in die China-Laos-500-Kilovolt-Verbindungsleitung eingespeist, die seit Februar 2026 beide Länder über eine insgesamt 177,5 Kilometer lange Übertragungsleitung verbindet. Insgesamt sollen saubere Energieprojekte in fünf nördlichen Provinzen von Laos beschleunigt werden.

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  • 12. April 2026 um 10:30

(g+) Transformer: Wie macht er das nur?

Von Bastian Grossenbacher-Rieck
Wenn es um KI geht, ist viel vom Transformer die Rede. Er kann viel und hat vor allem eine faszinierende Eigenschaft.
Aufgepasst! Denn der Attention-Mechanismus ist eine zentrale Grundlage für Transformer. (Bild: pfreedom/Pixabay)
Aufgepasst! Denn der Attention-Mechanismus ist eine zentrale Grundlage für Transformer. Bild: pfreedom/Pixabay

An KI-Modellen führt aktuell kaum ein Weg vorbei. Vermutlich hat jeder mittlerweile schon mal mit ChatGPT und Co. gespielt oder sie vielleicht schon produktiv eingesetzt. Was aber möglicherweise von außen gar nicht so klar ist: Alle diese Modelle basieren vermutlich (genau wissen wir Forscherinnen und Forscher es tatsächlich nicht, denn die großen Konzerne lassen sich ungern in die Karten blicken) auf den gleichen Bausteinen. Eine besondere Rolle spielt der sogenannte Transformer.

In ihrer Publikation mit dem augenzwinkernden Namen Attention Is All You Need (PDF) hat ein Forschungsteam von Google Brain und Google Research Maßstäbe gesetzt. Der Titel führte nicht nur zu unzähligen Memes auf KI-Konferenzen, sondern sollte sich als geradezu prophetisch erweisen. Denn in der Tat sind der Attention-Mechanismus (etwas holprig übersetzt: Aufmerksamkeitsmechanismus) und die zugehörige Transformer-Architektur inzwischen der zentrale Bestandteil von modernen KI-Modellen. Und ganz wie das Schweizer Taschenmesser ist der Transformer auch extrem vielseitig anwendbar.

Golem Plus Artikel

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  • 12. April 2026 um 10:00

Vitamin-D-Mangel: Diese Gruppen sind besonders gefährdet

Von Uwe Kerkow
Die Sonne scheint durch ein herbstliches Ahornblatt und bildet dabei ein

Foto: Alrandir, shutterstock

Rund die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland erreicht die empfohlenen Werte nicht. Die moderne Arbeitswelt verschärft das Problem zusätzlich.

Vitamin D nimmt eine Sonderstellung unter den Vitaminen ein. Streng genommen handelt es sich um ein Hormon, da der Körper es zu 80 bis 90 Prozent selbst produzieren kann. Diesen Job erledigt freundlicherweise unsere Haut – allerdings nur mithilfe der UV-B-Strahlung der Sonne. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung erklärt [1], dass eine hinreichende körpereigene Produktion in Deutschland nur zwischen März und Oktober möglich ist.

Moderne Lebensweise verstärkt das Problem

Anna-Katharina Doepfer von der OrthoGroup Hamburg weist gegenüber dem NDR darauf hin [2], dass bis zur Industrialisierung die meisten Menschen während der Vegetationsperiode immerzu draußen waren. Ihre Vitamin-D-Speicher seien dadurch im Herbst maximal gefüllt gewesen.

Heute arbeiten viele Menschen auch im Sommer drinnen, wodurch die Speicher nicht optimal gefüllt werden.

Rund die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland erreicht die empfohlenen Vitamin-D-Werte im Blut nicht. Das zeigen [3] repräsentative Studien des Robert Koch-Instituts. Besonders in den Wintermonaten kann es zu einem Mangel kommen, der schwerwiegende Folgen hauptsächlich für die Knochengesundheit haben kann.

Viele bleiben unter der Empfehlung

Das Robert Koch-Institut hat ermittelt, dass 15,2 Prozent der Erwachsenen einen Vitamin-D-Mangel mit Werten unter 30 Nanomol [4] pro Liter Blut aufweisen. Weitere 40,8 Prozent haben suboptimale Werte zwischen 30 und 50 Nanomol. Als ausreichend gelten Werte ab 50 Nanomol pro Liter Blut.

Die Folgen eines schweren Mangels sind gravierend. Bei Säuglingen und Kindern kann es zur Rachitis kommen – einer Erkrankung, bei der die Knochen weich bleiben und sich verformen. Pawel Bak von der orthopädischen Gelenkklinik Freiburg erklärt [5], dass bei Erwachsenen eine Osteomalazie möglich ist, die die Knochenstabilität beeinträchtigt.

Bestimmte Gruppen müssen besonders Acht geben

Experten haben mehrere Risikogruppen identifiziert, die häufig an Vitamin-D-Mangel leiden. Dazu gehören Menschen, die sich wenig im Freien aufhalten, etwa chronisch Kranke und Pflegebedürftige. Auch ältere Menschen sind betroffen, da ihre Haut mit zunehmendem Alter weniger Vitamin D produziert.

Menschen mit dunkler Hautfarbe benötigen deutlich mehr Sonnenlicht für die Vitamin-D-Produktion, als in Deutschland einfällt. Das staatliche österreichische Gesundheitsportal weist darauf hin [6], dass auch Personen gefährdet sind, die aus religiösen oder kulturellen Gründen nur mit bedecktem Körper ins Freie gehen.

Wann Präparate sinnvoll sind

Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt [7] grundsätzlich, sich je nach Hauttyp fünf bis 25 Minuten pro Tag mit unbedecktem Gesicht, Händen und Armen der Sonne auszusetzen. In der sonnenreichen Zeit zwischen März und Oktober kann der Körper so genügend Vitamin D für die Winterzeit speichern – auch ohne Sonnenbrand.

Also öfter raus an die frische Luft. Denn Besuche im Solarium nützen wenig. Die Geräte dort geben primär UV-A-Strahlen [8] ab. Für die Bildung von Vitamin D benötigt unsere Haut allerdings UV-B-Bestrahlung.

Der Körper kann nicht genug Vitamin D über die Ernährung [9] aufnehmen. Selbst bei sehr gesunder Kost können nur 10 bis 20 Prozent des täglichen Bedarfs durch Lebensmittel wie fetten Fisch [10], Eier oder Pilze gedeckt werden. Bei fehlender Eigenproduktion rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung deshalb zu einer täglichen Zufuhr [11] von 800 Internationalen Einheiten (I.E.) und 400 bei Säuglingen zur Rachitisprophylaxe.

��berdosierung kann unangenehm oder sogar gefährlich werden

Anders als wasserlösliche Vitamine scheidet der Körper überschüssiges Vitamin D nicht aus, sondern speichert es in den Muskeln und im Fettgewebe. Das Robert Koch-Institut warnt [12] daher vor einer Überdosierung, die zu erhöhten Kalziumspiegeln im Blut führen kann. Bei starker Überdosierung können auch Übelkeit, Erbrechen und ein starkes Durstgefühl auftreten. In schweren Fällen kann es zu Herzrhythmusstörungen kommen.

Generell empfehlen die meisten staatlichen oder öffentlichen Informationsangebote daher, den Vitamin-D-Spiegel vor der Einnahme von Vitamin D prüfen zu lassen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür allerdings nur, wenn eine medizinische Notwendigkeit [13] dafür besteht – also wenn der Arzt den Test verordnet hat.

Wechselwirkung mit Medikamenten

Bestimmte Medikamente wie Kortison, Diuretika oder Antiepileptika können die Vitamin-D-Wirkung beeinträchtigen. Wer dauerhaft Arzneimittel einnimmt, sollte die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten unbedingt mit seinem Arzt besprechen.

Zwar empfehlen viele Fachleute auch höhere Mengen Vitamin D zur Nahrungsergänzung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit nennt allerdings 4000 Internationale Einheiten (100 Mikrogramm) täglich als sichere Obergrenze [14].

Das Deutsche Krebsforschungszentrum stellte letztes Jahr anhand einer Metastudie allerdings fest [15], dass Vitamin D zwar nicht die Zahl der Tumorerkrankungen, wohl aber die Sterblichkeit in der Bevölkerung immerhin um bis zu zwölf Prozent reduzieren könnte – vorausgesetzt, das Vitamin wird täglich und in niedriger Dosis eingenommen.

Wissenschaft räumt mit Mythen auf

Viele Hoffnungen auf Gesundheitseffekte von Vitamin D haben sich dagegen nicht bestätigt. Bei neurologischen oder psychischen Erkrankungen wie Demenz, Depressionen oder Multipler Sklerose konnte dagegen keine eindeutige Schutzwirkung nachgewiesen werden. Bei gesunden Erwachsenen ohne Vitamin-D-Mangel kann die vorbeugende Gabe von Vitamin D auch nicht vor Frakturen schützen.

Anders sieht es bei Menschen mit bereits bestehenden Knochenerkrankungen aus – für sie ist die Behandlung mit Vitamin D und Kalzium fest etabliert.

Dieser Artikel erschien auf Telepolis erstmals am 10. November 2025.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11072194

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/faq/vitamin-d/#c3081
[2] https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/vitamin-d-mangel-ursache-symptome-dosierung-nebenwirkungen,vitamindmangel101.html
[3] https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Vitamin_D/Vitamin_D_FAQ-Liste.html#entry_16871796
[4] https://www.simply-onno.com/was-ist/nanomol-bedeutung-laborwerte
[5] https://gelenk-klinik.de/konservativ/vitamin-d.html
[6] https://www.gesundheit.gv.at/leben/ernaehrung/vitamine-mineralstoffe/fettloesliche-vitamine/vitamin-d.html
[7] https://www.bfr.bund.de/cm/343/ausgewaehlte-fragen-und-antworten-zu-vitamin-d.pdf
[8] https://www.dr-jetskeultee.de/blog/selbstvertrauen-uv-strahlung-hautkrebs/
[9] https://www.heise.de/tp/article/Die-Wahrheit-ueber-entzuendungshemmende-Ernaehrung-10670624.html
[10] https://www.heise.de/tp/article/Omega-3-Fettsaeuren-Schluessel-zu-einem-laengeren-Leben-10271150.html
[11] https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/vitamin-d/
[12] https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Vitamin_D/Vitamin_D_FAQ-Liste.html#entry_16871802
[13] https://www.der-niedergelassene-arzt.de/medizin-und-forschung/details/wann-zahlt-die-gesetzliche-krankenkasse-fuer-labor-und-supplemente/1
[14] https://www.akdae.de/arzneimittelsicherheit/drug-safety-mail/newsdetail/drug-safety-mail-2023-48
[15] https://www.dkfz.de/aktuelles/pressemitteilungen/detail/kein-hoeheres-risiko-fuer-nierensteine-oder-arterienverkalkung-bei-vitamin-d-einnahme

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  • 11. April 2026 um 17:45

Frankreich oder: Die Möglichkeiten des Glücks

Von Thomas Pany

Tisch im Restaurant von Cambon.

(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Für eine Kultur der Gelassenheit – auch im Winter. Warum eine Reise ins Hinterland Südfrankreichs den Horizont öffnet und die Laune hebt.

In den dunklen Monaten, immer wenn man merkt, dass man um den Mund herum grimmig wird, ist es am besten, man fährt nach Frankreich. Nach Südfrankreich. In meinem Fall ins Département de l'Hérault. Das funktioniert jedes Mal. Es geht aufwärts mit der Laune. Nachhaltig. Wie das? Und warum?

Wenn die Laune friert, hilft nur der Süden

Die Gründe sind einfach. Ein erster ist hier zu sehen.

Anhöhe St-Martin-du-Froid
(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.)

Der Anblick auf der Höhe, benannt nach der Kapelle St.-Martin-du-Froid, ist ein befreiender Schock. Noch klopft das Herz vom – leichten – Anstieg, dann nimmt der plötzlich offene Horizont, man sieht bis ans Meer einem den Atem, bis die Lungenflügel sich weiten und mit ihnen das gesamte Innenleben, dem es im herbstlichen Deutschland zu eng geworden war.

Dorthin zu finden, ist nicht ganz einfach. Aber das zwischenzeitliche Verlorengehen gehört zu der Art von Streifzügen, die eine Reise in den Süden Frankreichs zu einem Unterfangen machen, das einen noch wochenlang trägt. Weil es Möglichkeiten des Glücks vor Augen führt, die man verschwunden glaubte.

Das andere Südfrankreich

Es ist gegen die Intuition und gegen Sehnsüchte, die tief in uns stecken, wenn man der schönen Stadt im Süden, Montpellier den Rücken kehrt. Die Stadt voller lebendiger Cafés mit vielen Studenten und der grandiosen Mittelalterbauten ist nur eine halbe Stunde mit dem Bus von einer Küste entfernt, an der die Flamingos ihre rosa Farbstoffe aus den Etangs picken und die Sandstrände weit und herrlich leer ihr hellen einladenden Bänder ziehen.

Wer ins Hinterland fährt, fährt in die ungewohnte Richtung. Gibt es denn nichts Schöneres, als vor dem endlosen Blau des Meeres den stillen Frieden und die Wärme genießen?

Aber nicht doch, hieß es. Das kennst du schon.

Wir fuhren ins Hinterland. In die entgegengesetzte Richtung also. Du wirst sehen, es gibt neue Entdeckungen, neue Ziele für die Touristen, andere Erlebnisse als die, die man an den Stränden macht, sagten mir meine Begleiter. Andere Begegnungen. Auf die kommt es an.

Auf die Begegnungen kommt es an

Einen Vorgeschmack bekam ich am Vortag. Wir besuchten ein von außen unauffälliges Restaurant. Der Chef der Maison du Coquillage (wörtlich "Haus der Muschel"), an der Peripherie von Montpellier, ein "Ecailler", der seine Austern wie Juwelen anbot, erklärte uns – mit einem zwinkernden Blick auf den Gast aus Süddeutschland – dass er eine Crème Chantilly (Schlagsahne) servieren werde, die sämtliche Schlagsahne-Artisten aus der österreichisch-ungarischen k. und k.-Monarchie vor Neid zum Weinen gebracht hätte.

Der Mann behielt Recht. Er hatte der Sahne Gewürzspitzen zugesetzt, die einen verblüffenden Effekt hatten und Geschmackszonen ansprach, von denen ich nicht ahnte, dass es sie gibt. Aber ich war nicht zum Weinen gekommen. Ich wollte einen Teil Frankreichs sehen, den ich nicht kannte. Das rurale Südfrankreich. Nicht das Frankreich, in dem der Sprüche nach Gott am liebsten lebt und essen geht und die Reichen mit ihm am Tisch sitzen.

(Bild: Foto: T.P.)

Berge, die den Blick bis zum Meer tragen

Auf der Fahrt durchs Hinterland auf schnellen, kommod gewundenen Straßen geht es durch ein beinahe fantasy-artiges Panorama an Bergkämmen in einer Hügellandschaft mit einem sanft-freundlichen Grün bis ganz nach oben. Die Augen werden mild gestimmt, anders als in den felsigen Alpenlandschaften, derart, dass man keiner Sensation mehr bedarf.

Und doch gibt es sie. In der Bergkette der Monts de l'Espinouse, zum Beispiel, einem Gebirgsmassiv, das als Wasserscheide zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer fungiert. Dort ragt auch das Felsmassiv des Mont Caroux unübersehbar ins Blickfeld. Dessen helle Felsen sind weithin sichtbar, bis ans Meer, das etwa 30 bis 40 Kilometer entfernt ist.

Seeleute nutzten ihn früher als Navigationshilfe, heute erfreuen sich Wanderer an dem Blick bis hin zum Meer. Auch hier öffnet sich ein Horizont, der viele Fragen, die sich vor Bildschirmen auftürmen, in Luft auflöst.

Auf dem Gipfel von Caroux.
(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.)

Vorbei an der Tiefe, hinein in die Gegenwart

Wer da Anflüge erfährt für eine Ausweitung seiner Kenntnisse über Tiefenzeit und paläoalte Lebensspuren im Stein, der ist genau auf dem richtigen Terrain. Denn dort befindet sich ein Naturpark mit einer geologischen Tiefe bis ins Paläozoikum, der Géoparc Terres d'Hérault.

Wir aber fuhren vorbei an den paläozoitischen Zeitzeugen. Immer wieder zeigten meine Begleiter auf einen ungewöhnlichen Fahrradweg, ein paar hundert Meter von der Autostraße entfernt, der ähnlich wie eine Eisenbahntrasse durch Tunnels hindurch und auf Brücken verläuft und ein Landschaftserlebnis der eigenen Art bietet.

Wir machten uns im Auto auf leeren, schön gewundenen Straßen mit zeitlosen Blickfenstern auf den Weg, um etwas über die Gegenwart im Hinterland zu erfahren.

Auf dem Weg zu den Dörfern.
(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.)

Fraisse-sur-Agout, Bar Tabac, Begegnungen

Wir sollten eine Bürgermeisterin eines kleinen Ortes treffen, der vom "Aussterben" bedroht ist. Auf dem Weg dahin gab es naturellement eine Abschweifung. Ein zwischenzeitliches, etwas verwunschenes Verlorengehen in einem kleinen Ort namens Fraisse-sur-Agout.

(Bild: Foto: Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Schließlich kann man nicht reisen, ohne zwischendrin einen Kaffee zu trinken und mit Einheimischen die politische Lage des Landes zu besprechen. In Fraisse-sur-Agout gibt es noch, was in den großen kulturkritischen Anmerkungen zum Zustand des Landes bedauert wird: ein Restaurant Bar Tabac, ziemlich klein, ziemlich unspektakulär, nichts für sensationsgierige Besucher – bis auf die Betreiberinnen.

Ein Dorf, ein Kaffee, ein ganzes Land

Zwei Frauen, die laut Erzählungen weit über achtzig sind, wahrscheinlich über neunzig Jahre alt, halten die Bar in Schwung. Tatsächlich ist das Bild nicht übertrieben. Wer dort jemals einen Kaffee bestellt und das Glück hat, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen, erlebt eine Geistesgegenwart mit spitzen Bemerkungen, die einen wacher machen als der starke Espresso, den die Frauen mit sicherer Hand und einem angenehmen Klirren des Löffels servieren.

Die Gäste waren ausnahmslos Einheimische, die den Besuchern gegenüber freundliche Willkommensmiene zeigten, untereinander aber nach genüsslichen Lungenzügen aus den Gauloises Liberté toujours mit wenigen scharfen Worten die Steuerpolitik der wechselnden Regierungen abkanzelten. Nein, sie wollen auf keinen Fall weg von Fraisse-sur-Agout, gaben sie dem Besucher zu verstehen. Es sei ein Paradies, etwas versteckt vielleicht, aber magisch.

Fraisse-sur-Agout
(Bild: Foto: Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Paradies mit schwindenden Einwohnern

Das sagt auch die Bürgermeisterin von Cambon, einem Weiler, französisch "hameau", nur, dass dort die Einwohner schwinden, sie bleiben nicht. In den 1960er-Jahren zählte man noch etwa 600 Einwohner, Mitte der Achtzigerjahre waren es nur mehr 150. Jetzt sind es 56 und im Winter zehn.

Das Dörfchen am Fuß des Weges zur Kapelle von St-Martin-du-Froid liegt in einem paradiesischen Umfeld. Das wissen auch die Ausgewanderten. Viele, die dort aufgewachsen sind, haben das ererbte Haus oder Anwesen als Zweitwohnsitz behalten – für die Ferien. Leben wollen sie dort nicht mehr oder können es nicht, mangels Arbeitsmöglichkeiten.

Die Hoffnung

Das sei nicht nur hier, in Cambon, sondern im ganzen ruralen Frankreich, habe man mit diesem Problem zu kämpfen, sagt Marie Casares dem Besucher aus Deutschland. Sie listet die Fakten trocken auf, ohne Emotionen. Erst als es still wird und sie das Gespräch neu aufnimmt – "Wie kommen die Jüngeren dazu, dass sie sagen: Ich will mir von einem Haus nicht mein Leben blockieren lassen?" – lässt sie ihre tiefe Traurigkeit über die gegenwärtigen Zustände spüren.

Aber sie gibt nicht auf, sagt sie. Cambon sei den Kampf, der zu ihrer Lebensaufgabe geworden ist, wert. Rettung verspricht sie sich vom Tourismus. Und dafür hat sie besondere Angebote. Naturnah. Übernachten in einem Wagen auf einer Anhöhe, mit einem dieser Ausblicke, die den Horizont, die Lungenflügel und die Lebensgeister erweitern.

(Bild: Foto: Copyright Eric Brendle, herault-tourisme.com)

Der Tourismus hat sich verändert, sagt mein Begleiter. Er muss es wissen. Ich kenne ihn seit vierzig Jahren. Damals hab ich in Montpellier studiert und er war Radiojournalist. Mittlerweile arbeitet er im Tourismus.

Das "Dogma der Sonne", die Urlaube an Strand und Meer, die seit den 1950er Jahren als Paradigma der schönsten Zeit des Jahres propagiert wurden, seien nicht mehr alleingültiges Ferienglück. Jetzt entdecke man ein anderes Verhältnis zum Land und zur Natur, andere Begegnungen und andere Gefühle.

Dafür bieten sich andere Jahreszeiten zum Aufbruch an und andere Arten des Reisens.

Genaue Informationen zu Anfahrten, Touren, Übernachtungsmöglichkeiten und Radwegen finden sie bei herault-tourisme [1], auch auf Deutsch.

Dieser Text erschien auf Telepolis erstmals am 19. Dezember 2025.


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https://www.heise.de/-11121215

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.herault-tourisme.com/de/

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  • 11. April 2026 um 16:30

Joggen leicht gemacht: So überwinden Sie mentale Blockaden

Von Christian Kliver
Frau joggt über Feld in herbstlicher Landschaft

Frau joggt über das Feld in herbstlicher Landschaft. Bild: Mariia Boiko/ Shutterstock.com

Sie wollen regelmäßig joggen gehen? Doch Ihr innerer Schweinehund ist oft stärker als Ihr Wille? Wie Sie das schaffen können, erfahren Sie hier.

Lage Zeiten im Büro und viele Wege im Auto sind Gründe für schwindende Fitness und schlechtes Wohlbefinden. Krankenkassen, Gesundheitsexperten und Ärzte fordern immer wieder zu mehr Bewegung auf. Bei den Angesprochenen mangelt es oft nicht an dem Willen, wohl aber an der Motivation.

Für viele potenzielle Läufer ist es eine ständige Herausforderung, sich zum regelmäßigen Training zu motivieren. Es gibt zahlreiche Gründe, warum die Lust aufs Laufen manchmal verloren geht. Hier erfahren Sie die häufigsten Ursachen für Motivationsblockaden und gibt konkrete Tipps, wie Sie sie überwinden.

Stress, Druck und Überforderung als häufige Auslöser

Eine der Hauptursachen für nachhaltige Laufmotivation ist Stress im Alltag. Wenn man von Verpflichtungen, Terminen und Aufgaben überhäuft wird, führt das schnell zu mentaler Erschöpfung [1]. Anders als bei körperlicher Müdigkeit, lässt sich diese nicht einfach "weglaufen". Im Gegenteil: Zusätzlicher Leistungsdruck beim Sport verstärkt die Überforderung oft noch.

Experten raten deshalb, in stressigen Phasen auch mal Laufpausen einzulegen und sich nicht zu Höchstleistungen zu zwingen. Stattdessen sollte man lieber sanftere Formen der Bewegung wählen und generell kürzertreten.

Auch eine Anpassung der Tagesroutine, etwa durch mehr Erholungszeiten, kann helfen, den Stress zu reduzieren und so die Freude am Laufen wiederzufinden.

Fehlende Zielsetzung und Routinen

Ein weiterer Motivationskiller ist das Laufen ohne konkretes Ziel vor Augen. Wer einfach nur planlos seine Runden dreht, verliert schnell den Spaß an der Sache. Erfolgspsychologen empfehlen daher, sich regelmäßig neue, realistische Laufziele zu setzen [2]. Das können sowohl sportliche Ziele wie eine neue Bestzeit sein, als auch persönliche Meilensteine wie das Erreichen eines Wohlfühlgewichts.

Genauso wichtig wie Ziele sind feste Routinen. Indem man das Lauftraining in den Wochenablauf integriert, etwa immer montags und donnerstags nach der Arbeit, wird es leichter, sich aufzuraffen. Rituale wie das Packen der Laufsachen am Vorabend verstärken den Gewohnheitseffekt.

Mit der Zeit wird das Joggen so zu einer Selbstverständlichkeit, für die man keine Extra-Motivation mehr braucht.

Falsche Sichtweise auf den Sport

Oft ist es auch die eigene Einstellung, die einem die Lauffreude verdirbt. Wer Joggen nur als anstrengende Pflicht sieht, um Kalorien zu verbrennen, dem fällt der Start schwer. Ebenso demotivierend wirkt ein falsch verstandener Ehrgeiz, immer eine Schippe drauflegen zu müssen [3].

Laufexperten plädieren dafür, den Blickwinkel zu ändern und sich auf die positiven Seiten des Sports zu besinnen: Das Naturerlebnis, die frische Luft, das Freiheitsgefühl, die Auszeit vom Alltag. Schon während des Laufens kann man versuchen, die Gedanken gezielt auf diese Aspekte zu lenken. Eine kurze Meditation vor dem Lauf hilft, den Kopf freizubekommen.

Nicht zuletzt lohnt es sich, die tieferen Gründe fürs eigene Laufen zu reflektieren: Will ich aktiv und gesund bleiben? Brauche ich den Ausgleich zum Job? Genieße ich die Zeit für mich? Je klarer einem die persönliche Bedeutung des Sports wird, desto leichter überwindet man innere Widerstände.

Dieser Text erschien auf Telepolis erstmals am 30. Oktober 2024.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-10000094

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.runnersworld.de/lauftraining/motivationstief-ueberwinden/
[2] https://www.llc-marathon-regensburg.de/fileadmin/user_upload/Abteilungsnews/Einsteiger_Tipps/Artikel_8__Motivation.pdf
[3] https://www.runnerfeelings.com/post/keine-lust-aufs-laufen-woher-die-unlust-kommt-und-was-man-dagegen-tun-kann

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  • 11. April 2026 um 16:05

Jetzt patchen! Adobe veröffentlicht Notfall-Sicherheitsupdate für Acrobat Reader

Von Heise
Orangenes Warndreieck vor blauem Hintergrund

(Bild: Sashkin/Shutterstock.com)

Angreifer nutzen eine kritische Schwachstelle in Adobe Acrobat Reader aus. Nun ist ein Sicherheitspatch für macOS und Windows erschienen.

Um aktuell laufende Angriffe auf Adobe Acrobat Reader zu verhindern, müssen Nutzer der PDF-Anwendung die jüngst veröffentlichten reparierten Versionen installieren. Das alleinige Öffnen von manipulierten PDF-Dokumenten reicht aus, damit Attacken erfolgreich sind und Schadcode auf Computer gelangt.

Jetzt patchen!

Die Sicherheitslücke ist erst seit Kurzem bekannt [1], dem Entdecker der Schwachstelle zufolge nutzen Angreifer die Sicherheitslücke aber bereits seit vergangenem Dezember aus. In welchem Umfang die Angriffe ablaufen und gegen wen sie sich richten, ist bislang unklar. Nun hat Adobe Sicherheitsupdates veröffentlicht. Aus einer Warnmeldung geht hervor [2], dass die Lücke (CVE-2026-34621) mit dem Bedrohungsgrad „kritisch“ eingestuft ist.

Der Softwareentwickler versichert, die macOS- und Windows-Ausgaben Acrobat DC Continuous 26.001.21411, Acrobat Reader DC Continuous 26.001.21411 und Acrobat 2024 Classic 2024 Windows: 24.001.30362 | Mac: 24.001.30360 gegen die Angriffe gerüstet zu haben. In den Standardeinstellungen installieren sich die Updates Adobe zufolge automatisch.


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  • 11. April 2026 um 21:15

Einzelhändler frustriert über strenge Regeln bei KI-Kameras

Von Heise

(Bild: TimmyTimTim/Shutterstock.com)

Eine Studie von Ibi Research und der DIHK zeigt: Händler setzen auf KI-Kameras, fühlen sich aber durch die DSGVO und mangelnde Strafverfolgung ausgebremst.

Der deutsche Einzelhandel sieht sich einer wachsenden Welle von Kriminalität gegenüber und schlägt Alarm. Laut der Studie „Kameraeinsatz im Einzelhandel“, die Ibi Research an der Uni Regensburg mit Unterstützung der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) mit einem Fokus auf Präventionsoptionen durchgeführt hat, ist Ladendiebstahl längst keine Petitesse mehr: Mehr als die Hälfte der Handelsunternehmen in Deutschland wurde 2025 nachweislich von Dieben heimgesucht. Die Dunkelziffer gilt als hoch.

Dabei berichten die Betroffenen laut der Untersuchung [1] nicht nur von einer zunehmenden Professionalisierung der Täter. Auch die Gewaltbereitschaft steige. Viele Händler fühlen sich in dieser Situation von der Politik und den Sicherheitsbehörden im Stich gelassen, während die wirtschaftlichen Schäden durch Inventurdifferenzen Milliardenhöhe erreichen.

Ein zentraler Baustein in der Verteidigungsstrategie der Unternehmen ist moderne Videotechnik. Die Forscher verdeutlichen, dass Kameras heute mehr seien als passive Aufzeichnungsgeräte. Sie dienten der frühzeitigen Risikoerkennung, der Abschreckung und als psychologische Stütze für das Personal. Dieses könne in brenzligen Situationen ruhiger agieren, wenn es sich durch Videomaterial abgesichert wisse.

KI-Kameras gegen organisierte Banden

Besonders den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sieht der Handel als Hoffnungsträger. KI-gestützte Systeme könnten Verhaltensmuster analysieren [2], Personalengpässe an Kassen identifizieren oder zur Optimierung des Energiemanagements beitragen, indem sie Licht- und Kühlsysteme an die Kundenfrequenz koppeln. In Zeiten von akutem Personalmangel wird die Technik als Kompensationsinstrument verstanden, um die Aufmerksamkeit gezielt auf kritische Situationen zu lenken, die das Verkaufspersonal nicht immer im Blick haben kann.

Hier stößt der digitale Schutzwall auf rechtliche Hürden. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO [3]) wird vom Handel als größtes Hindernis für einen effektiven Kameraeinsatz wahrgenommen. Ein Streitpunkt ist die zulässige Speicherdauer der Aufzeichnungen.

In der Praxis gelten aktuell 48 bis 72 Stunden als datenschutzkonformer Richtwert. Für viele Händler ist dieser Zeitraum zu kurz, da professionelle Diebstähle häufig erst später bemerkt werden, etwa bei der nächsten Inventur oder Warenverräumug. Dann sind die entscheidenden Bilder oft bereits automatisiert überschrieben, was eine spätere Identifizierung der Täter und eine erfolgreiche Strafverfolgung vereitelt.

Rechtsunsicherheit bremst

Die Branche fordert daher praxistauglichere und einheitlichere Regeln. Es herrscht Unsicherheit darüber, was rechtlich zulässig ist. Während einfache Überwachungsmaßnahmen zum Schutz von Eigentum unter das „berechtigte Interesse“ fallen können, sind komplexere Anwendungen wie biometrische Gesichtserkennung zur Identifizierung bekannter Ladendiebe rechtlich problematisch und im stationären Handel in der Regel unzulässig.

Diese Lage führt laut der Analyse dazu, dass Pilotprojekte zur KI-gestützten Überwachung in Deutschland oft abgebrochen oder gar nicht gestartet werden. In anderen europäischen Ländern laufen den Autoren zufolge aufgrund einer weniger restriktiven Auslegung der DSGVO dagegen bereits Tests.

Zusätzlich sorgt die Überlastung von Justiz und Polizei für Frustration bei den Ladenbetreibern. Wenn Anzeigen wegen Geringfügigkeit eingestellt werden oder Wiederholungstäter trotz Hausverbot und Videobeweis keine spürbaren Konsequenzen fürchten müssen, sinkt die Motivation, Delikte zur Anzeige zu bringen. Der Handel wünscht sich daher auch eine konsequentere Strafverfolgung und eine engere Zusammenarbeit mit den Behörden.

Bedenken von Aufsichtsbehörden

Um die Lücke zwischen Sicherheitsbedarf und Datenschutz zu schließen, setzen die Verfasser auf Aufklärung und bieten praktische Leitlinien für Händler. Ohne eine Anpassung der Rahmenbedingungen werde die Schere zwischen technischem Potenzial und realem Schutz im deutschen Einzelhandel aber noch größer.

Datenschützer betonen die Notwendigkeit der Verhältnismäßigkeit sowie den Schutz von Grundrechten. Aus ihrer Sicht muss Videoüberwachung das letzte Mittel („Ultima Ratio“) bleiben, nachdem mildere Maßnahmen wie Warenetikettierung oder erhöhte Personalpräsenz nicht ausreichen. Bedenken haben die Aufsichtsbehörden wegen der Gefahr einer flächendeckenden Überwachung des öffentlichen Raums [4] sowie der unzulässigen Identifizierung Unbeteiligter durch biometrische Verfahren. Potenziell drohe eine Vorratsdatenspeicherung ohne konkreten Verdacht, befürchten sie. Vor allem bei KI-Systemen warnen Experten vor einer Blackbox-Problematik, bei der automatisierte Entscheidungsprozesse nicht nachvollziehbar sind und zu Diskriminierung führen können.


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[1] https://ibi.de/veroeffentlichungen/2026/kameraeinsatz-im-einzelhandel
[2] https://www.heise.de/news/Azena-Bosch-will-KI-Videoueberwachung-mit-Emotionserkennung-Co-befluegeln-6473509.html
[3] https://www.heise.de/thema/DSGVO
[4] https://www.heise.de/news/Datenschuetzer-Strenge-Auflagen-fuer-Videoueberwachung-und-Gesichtserkennung-4650376.html
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  • 11. April 2026 um 17:50

US-Regierung traf sich vor Mythos-Preview-Rollout mit KI-Herstellern

Von Heise
Anthropic-Logo auf einem Smartphone

(Bild: jackpress/Shutterstock.com)

Vor dem Mythos-Preview-Rollout diese Woche sprachen Regierungsvertreter mit den großen KI-Herstellern. Derweil testen US-Banken die neue KI.

US-Vizepräsident JD Vance und US-Finanzminister Scott Bessent haben sich mit den Köpfen führender Big-Tech-Unternehmen besprochen, um über KI-Sicherheit zu reden. Ein entsprechendes Telefonat soll vergangene Woche stattgefunden haben, etwa eine Woche, bevor Anthropics neues KI-Modell Mythos Preview ausgewählten Unternehmen zur Verfügung gestellt wurde. Mythos soll in jeder wichtigen Software Sicherheitslücken finden und auch gleich passende Angriffe entwickeln können.

Dem US-Nachrichtensender CNBC [1] zufolge sollen dem Anruf Anthropic-CEO Dario Amodei, xAI-Chef Elon Musk, Google-Chef Sundar Pichai, OpenAI-Chef Sam Altman, Microsoft-Chef Satya Nadella, CrowdStrike-Chef George Kurtz und Palo-Alto-Networks-Chef Nikesh Arora zugeschaltet gewesen sein. Als Quellen beruft sich CNBC auf zwei Personen, deren Namen aufgrund der Vertraulichkeit der Angelegenheit nicht bekannt werden sollen. Ein Anthropic-Sprecher wollte zu dem Thema keinen Kommentar abgeben, bestätigte aber, dass es am Freitag voriger Woche ein Treffen mit Spitzenvertretern der Regierung gegeben habe.

Noch vor jeglicher externer Veröffentlichung habe Anthropic hochrangige Vertreter der US-Regierung über den vollen Funktionsumfang von Mythos Preview informiert, einschließlich seiner offensiven und defensiven Cyber-Anwendungen, erklärte er. „Die Regierung frühzeitig einzubeziehen – darüber, was das Modell leisten kann, wo die Risiken liegen und wie wir damit umgehen – hatte von Anfang an Priorität“, so der Sprecher.

Den beiden anonymen Quellen zufolge sollen die Teilnehmer des Anrufs über die Sicherheitslage bei LLMs und ihren sicheren Einsatz gesprochen haben und auch darauf eingegangen sein, wie eine mögliche Reaktion aussehen könnte, falls sich die Modelle zugunsten der Angreifer entwickeln.

Weitere Banken testen Mythos

Im Zuge der jetzt vorgestellten Initiative „Project Glasswing“ hatte Anthropic nach eigenen Angaben [2] seine neue KI einer Reihe ausgewählter Unternehmen zur Verfügung gestellt. Dazu gehören demnach unter anderem Amazon Web Services (AWS), Apple, Broadcom, Cisco, CrowdStrike, Google, JPMorganChase, die Linux Foundation, Microsoft, NVIDIA und Palo Alto Networks. 40 weitere Organisationen, die Software für kritische Infrastruktur verantworten, seien ebenfalls beteiligt.

Bessent und der US-Notenbankchef Jerome Powell riefen die Chefs der wichtigsten US-Banken am selben Tag zu einem dringenden Treffen zusammen, um vor den Gefahren von Anthropics neuem KI-Modell Claude Mythos Preview zu warnen. Sie appellierten an die Finanzhäuser, die KI ernstzunehmen. Zu den Unternehmen mit Mythos-Zugang sollen dem Nachrichtensender Bloomberg zufolge [3] auch die Banken Goldman Sachs, Citigroup, Bank of America und Morgan Stanley zählen. Sie sind von der US-Regierung aufgefordert, mit Mythos nach Schwachstellen zu suchen. Bloomberg erfuhr das von eingeweihten Personen.

Hierzulande beschäftigt Mythos das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik [4]. Man erwarte „Umwälzungen im Umgang mit Sicherheitslücken und in der Schwachstellenlandschaft insgesamt“, sagte BSI-Präsidentin Claudia Plattner der dpa. Konsequent zu Ende gedacht, könnte es mittelfristig keine unbekannten klassischen Software-Schwachstellen mehr geben, meint sie. „Dies würde eine Verschiebung der Angriffsvektoren und einen Paradigmenwechsel mit Blick auf die Cyberbedrohungslage zur Folge haben.“


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[1] https://www.cnbc.com/2026/04/10/trump-white-house-ai-cyber-threat-anthropic-mythos.html
[2] https://www.anthropic.com/glasswing
[3] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-10/wall-street-banks-try-out-anthropic-s-mythos-as-us-urges-testing
[4] https://www.heise.de/news/Anthropics-neues-KI-Modell-Mythos-Zu-gefaehrlich-fuer-die-Oeffentlichkeit-11248034.html
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  • 11. April 2026 um 17:10

Bixonimania: KI-Chatbots fielen auf eine erfundene Krankheit herein

Von Andreas Donath
Eine Forscherin erfand eine nicht existierende Hautkrankheit – und mehrere KI -Systeme präsentierten diese bald als anerkannte Diagnose. Das sollte wachrütteln.
Ein hoffentlich gesundes Auge (Bild: Pexels)
Ein hoffentlich gesundes Auge Bild: Pexels

Eine Forscherin der Universität Göteborg hat ein kleines Experiment durchgeführt: Almira Osmanovic Thunström erfand eine Hautkrankheit namens Bixonimania , die angeblich durch langen Bildschirmgebrauch und Blaulicht verursacht wird und die Augenlider betrifft. Diese Krankheit existiert nicht. Trotzdem präsentierten ihr mehrere KI-Chatbots die Erfindung kurz darauf als echte Diagnose, wie Nature berichtet .

Osmanovic Thunström lud im Frühjahr 2024 zwei Preprints über die fiktive Krankheit auf ein akademisches Netzwerk hoch. Innerhalb weniger Wochen sprach Microsofts Bing Copilot von einem "faszinierenden und relativ seltenen Zustand" Google Gemini empfahl den Gang zum Augenarzt, Perplexity nannte eine genaue Prävalenz von einer auf 90 000 Personen, bei denen die Krankheit auftritt, und ChatGPT prüfte Symptome von Nutzern anhand der erfundenen Diagnosekriterien.

Absichtlich offensichtliche Fälschung

Osmanovic Thunström machte die Fälschung bewusst erkennbar. Der fiktive Erstautor trug den Namen Lazljiv Izgubljenovic und war einer nicht existierenden Institution namens Asteria Horizon University in einem Ort namens Nova City, Kalifornien, zugeordnet. Als Förderer wurden die Gemeinschaft des Rings und die Galaktische Triade angegeben, ein Dank galt einem Professor der Starfleet Academy auf der USS Enterprise. In einer der vermeintlich wissenschaftlichen Arbeiten hieß es, die Krankheit sei erfunden. Trotzdem blieben die Warnsignale für die KI-Systeme unsichtbar.

Falschinformation gelangt in Peer-Review-Journal

Das Experiment blieb nicht auf KI beschränkt. Die erfundenen Preprints wurden schließlich in einem peer-reviewten Artikel in Cureus zitiert , einem Journal der Springer-Nature-Gruppe. Der Artikel bezeichnete Bixonimania als aufkommende Form eines anerkannten Krankheitsbildes. Nachdem Nature die Zeitschrift kontaktiert hatte, wurde der Artikel Ende März 2026 zurückgezogen.

Formatierung beeinflusst die KI-Bewertung

Eine separate Studie der Harvard Medical School von Mahmud Omar liefert eine mögliche Erklärung: KI-Chatbots stufen zweifelhafte Behauptungen als glaubwürdiger ein, wenn sie wie professionelle Dokumente formatiert sind – etwa als klinische Abstracts oder Arztbriefe. Die Aufmachung, nicht der Inhalt, scheint das Urteil zu beeinflussen.

Die Entwickler der KI-Systeme reagierten inzwischen teilweise. ChatGPT beschrieb Bixonimania im März 2026 als "wahrscheinlich erfundenes oder pseudowissenschaftliches Label" – doch wenige Tage später, bei leicht veränderter Fragestellung, lieferte dasselbe System erneut eine medizinisch klingende Beschreibung der Krankheit.

Google und OpenAI erklärten gegenüber Nature, die zitierten Antworten stammten aus älteren Modellversionen. Microsoft äußerte sich nicht.

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  • 11. April 2026 um 13:35

Digitale Souveränität: 99 Prozent wollen Unabhängigkeit - aber wechseln nicht

Von Andreas Donath
Fast alle Deutschen halten digitale Unabhängigkeit für wichtig. Europäische Anbieter nutzen trotzdem die wenigsten.
Die Verbraucher wollen wechseln, sind aber teils zu bequem. (Bild: Pexels)
Die Verbraucher wollen wechseln, sind aber teils zu bequem. Bild: Pexels

99 Prozent der Menschen in Deutschland halten es für wichtig, dass das Land bei digitalen Technologien unabhängiger wird. Das ergab eine aktuelle Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 1.004 Personen ab 16 Jahren. Dass zwischen diesem Wunsch und dem tatsächlichen Verhalten ein erheblicher Graben klafft, zeigt dieselbe Umfrage.

Bewusstsein wächst, Handeln hinkt hinterher

93 Prozent sehen Deutschland als digital abhängig, 79 Prozent fordern mehr staatliche Investitionen in Schlüsseltechnologien. Nur ein Drittel der Befragten entschied sich nach eigenen Angaben bereits bewusst für ein europäisches Produkt oder einen europäischen Dienst. Weitere 27 Prozent denken zumindest darüber nach. 34 Prozent beschäftigten sich mit der Frage bisher noch gar nicht.

87 Prozent sehen auch die Bevölkerung in der Pflicht, 62 Prozent würden kurzfristige Nachteile akzeptieren, wenn das Land dadurch unabhängiger würde. Doch 55 Prozent bezeichnen den Wechsel zu europäischen Anbietern als zu aufwendig. Es handelt sich also nicht um einen Prinzipienstreit, sondern um ein Bequemlichkeitsproblem.

Europäische Angebote spielen eine Nebenrolle

Die Nutzungszahlen sind ernüchternd. 14 Prozent greifen auf europäische soziale Netzwerke zurück, 13 Prozent nutzen eine europäische Suchmaschine oder einen europäischen Browser, 11 Prozent einen europäischen Messenger. Bei KI-Anwendungen aus Europa liegt der Anteil bei 6 Prozent. Die Zahlen basieren auf Selbstauskunft – viele Nutzer dürften die Herkunft ihrer Apps schlicht nicht kennen.

Was folgt daraus? – Der Wille ist da, die Infrastruktur noch nicht

Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst mahnt, digitale Souveränität sei kein Soloprojekt. Es brauche internationale Kooperationen, mehr Investitionen, weniger Regulierung und eine öffentliche Beschaffung, die auch Start-ups eine Chance lassen.

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  • 11. April 2026 um 13:30

Digitale Souveränität: Frankreich wirft Windows raus

Von Andreas Donath
Frankreich zieht den Stecker bei Microsoft – und macht damit ernst, was andere EU-Staaten bisher nur diskutieren.
Frankreich will weg von Windows. (Bild: Pexels)
Frankreich will weg von Windows. Bild: Pexels

Die französische Regierung hat angekündigt , auf ihren Behördenrechnern Windows durch Linux zu ersetzen. Federführend ist die interministerielle Digitalbehörde Dinum, die den Schritt als Teil einer größeren Abkehrbewegung von US-amerikanischen Technologieplattformen einordnet. Weitere Institutionen wie die nationale Cybersicherheitsbehörde und die staatliche Beschaffungsdirektion sollen mitziehen. Ein konkreter Migrationsplan wird für den Herbst 2026 erwartet.

Windows-Abschied mit Ansage

Der Wechsel zu Linux ist kein Alleingang. Parallel dazu stellte Frankreich bereits 80.000 Mitarbeiter der nationalen Krankenkasse von Microsoft Teams, Zoom und Dropbox auf eigene Alternativen um – darunter Tchap, Visio und FranceTransfert, gebündelt unter dem Namen La Suite. Auch die staatliche Gesundheitsdatenplattform soll bis Ende 2026 auf eine vertrauenswürdige Lösung migriert werden.

Warum jetzt? – Kontrolle als Argument

Minister David Amiel formulierte es unverblümt: Frankreich müsse aufhören, von Plattformen abhängig zu sein, deren Regeln, Preise und Risiken es nicht selbst bestimmen könne. KI-Ministerin Anne Le Henanff sprach von digitaler Souveränität als strategischer Notwendigkeit. Ob die aktuellen Spannungen zwischen Europa und den USA den Zeitplan beschleunigen, lässt die Regierung offen.

Frankreich als Blaupause für Europa

Als gewichtiges EU-Mitglied sendet Frankreich ein Signal, das über die eigenen Grenzen hinauswirkt. Gelingt die Migration reibungslos, wird es für andere europäische Regierungen schwerer, den Status quo mit Verweis auf Komplexität oder Kosten zu verteidigen. 2026 könnte tatsächlich ein Wendepunkt für Linux in der europäischen Verwaltung werden – wenn Frankreich liefert.

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  • 11. April 2026 um 13:00

Störungsmeldung vom 10.04.2026 05:49

Von heise online

Neue Störungsmeldung für Provider T-Online

Details

Beginn
10.04.2026 05:49
Region
Kürten (02268)
Provider
T-Online
Zugangsart
VDSL

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  • 10. April 2026 um 05:49

Störungsmeldung vom 11.04.2026 18:25

Von heise online

Neue Störungsmeldung für Provider Vodafone Kabel

Details

Beginn
11.04.2026 18:25
Region
Eberbach (Baden) (06271)
Provider
Vodafone Kabel
Zugangsart
Kabel

Alle Details zur Störungsmeldung ansehen Eigene Internetstörung melden

  • 11. April 2026 um 18:25

Orbáns Ungarn: Illiberal oder zutiefst liberal?

Von Bernardo Cantz
Viktor Orban und andere ungarische Politiker auf einem Wahlplakat.

(Bild: arpasi.bence / Shutterstock.com)

Orbáns Ungarn gilt als "illiberale Demokratie". Doch ideengeschichtlich passt ein anderer Begriff viel besser: autoritärer Liberalismus. Ein Essay.

Es ist ein Tag im Juli 2014 gewesen, als der ungarische Premierminister Viktor Orbán vor seine Anhänger trat. Er sprach damals in einem Kulturzentrum im rumänischen Băile Tușnad und verkündete stolz: Er werde Ungarn in einen illiberalen Staat umbauen.

Gemeint war damit nicht, dass die Demokratie abgeschafft würde. Wahlen sollte es nach wie vor geben, aber von gewissen liberalen Prinzipien oder von Prinzipien, die das Etikett "liberal“ trugen, wollten sich Orbán und seine Getreuen verabschieden.

Seitdem sind Orbán und der Begriff der illiberalen Demokratie miteinander verbunden. Auch heute noch, kurz vor den Wahlen, wird über dieses Paar berichtet.

Doch es wird kaum gefragt, ob dieser Begriff überhaupt den Kern des Problems treffend beschreibt. Oder ob er nur beschreibt, dass es Probleme mit der Demokratie gibt, aber nicht erklärt, warum das politische System umgebaut wurde.

Mir scheint, dass es einen Begriff gibt, der das Phänomen genauer beschreibt, der erklärt, warum in Orbáns Ungarn die politischen Freiheiten schrumpfen, während der Markt ungestört weiterläuft.

Dieser Begriff lautet: autoritärer Liberalismus. Und es lohnt sich, näher mit ihm zu beschäftigen, da ihn sämtliche Rechtsparteien Europas anstreben, wie Herbert Schui und andere Autoren schon im Jahr 1997 mit ihrem Buch "Wollt ihr den totalen Markt?“ gezeigt haben.

Um den autoritären Liberalismus zu verstehen und zu verstehen, warum er so viel besser passt, müssen wir eine Reise unternehmen. Nicht nach Budapest, sondern in die Geschichte der Ideen. Denn dort zeigt sich, dass unser heutiges Verständnis von Liberalismus mit dem ursprünglichen Konzept erstaunlich wenig zu tun hat.

Was wir heute unter Liberalismus verstehen – und was er einmal war

Wer heute das Wort "Liberalismus" hört, denkt fast automatisch an Toleranz, Vielfalt, Menschenrechte und offene Gesellschaften. Das Wort hat einen warmen Klang. Es klingt nach Fortschritt, nach einer Welt, in der jeder Mensch frei und gleich an Würde ist.

Dieses Verständnis prägt unseren Alltag, unsere politischen Debatten und unsere Vorstellung davon, was eine gute Gesellschaft ausmacht.

Doch diese Bedeutung ist historisch gesehen erstaunlich jung. Die Gründerväter des Liberalismus hatten etwas völlig anderes im Sinn, wie der italienische Philosoph Domenico Losurdo in seinem Buch "Freiheit als Privileg“ nachwies.

Ihr Projekt drehte sich nicht um die Befreiung aller Menschen. Es drehte sich um den Schutz einer ganz bestimmten Gruppe: der Eigentümer.

Stellen wir uns das Europa des 17. Jahrhunderts vor. Kaufleute segelten mit ihren Schiffen über die Weltmeere, Fabrikbesitzer errichteten die ersten Manufakturen, Bankiers finanzierten ganze Königreiche.

Diese Männer hatten wirtschaftlich enormen Einfluss gewonnen. Doch politisch blieben sie der Willkür des absoluten Monarchen ausgeliefert. Ein König konnte jederzeit ihre Waren beschlagnahmen, ihre Steuern über Nacht verdoppeln oder ihre Geschäfte per Dekret schließen.

Es gab kein Gesetz, das sie davor schützte. Es gab keine Institution, die sie hätten anrufen können.

Begründet wurde das Recht der Monarchen, Steuern willkürlich zu erheben, unter anderem mit der Soziallehre der katholischen Kirche. Gott hatte demnach dem Menschen die Erde zur gemeinschaftlichen Nutzung übergeben, und das Privateigentum war nur eine menschliche Erfindung.

Die Folge davon: Was man als sein Eigentum wähnte, hatte man aber von der Gesellschaft zur Nutzung erhalten. Und es konnte jedermann wieder genommen werden, wenn es zum Wohl der Allgemeinheit oder zur Fürsorge der Armen benötigt wurde.

Die Protestanten hielten dagegen: Heißt es nicht in den Zehn Geboten "Du sollst nicht stehlen“? Und kann man etwas stehlen, wenn es kein Privateigentum gibt? Für die Protestanten galt damit das Privateigentum als Gott gegeben – und willkürliche Eingriffe galten demnach als Diebstahl.

Nur solche Steuern und Abgaben, denen man zugestimmt hatte, galten schließlich als legitim. Und zustimmen konnten die Steuerzahler nur durch Mitbestimmung, etwa durch ein Parlament. Dieses Prinzip war schließlich der Grund für den Aufstand der nordamerikanischen Siedler gegen die britische Krone, der zur Gründung der USA führte. Schließlich sollten die Siedler Steuern zahlen, waren aber nicht im britischen Parlament vertreten.

Diese vereinfachte Darstellung zeigt: Der frühe Liberalismus war eine Ideologie, um die Rechte der Eigentümer und Steuerzahler zu schützen. Er war ein Schutzschild des aufstrebenden Bürgertums und kein Menschheitsprojekt.

John Locke, den viele als Vater des Liberalismus feiern, brachte den Kern dieser Ideologie auf den Punkt: Privateigentum sei ein Naturrecht, das jedem Menschen von Geburt an zustehe. Kein Herrscher dürfe es antasten. Gewaltenteilung, Parlamente und Verfassungen dienten einem sehr konkreten Zweck – sie sollten verhindern, dass der Staat dem Eigentümer ohne seine Zustimmung in die Tasche greift.

Freiheit meinte in dieser Welt etwas sehr Spezielles. Sie meinte die Freiheit dessen, der etwas besaß. Wer kein Land und kein Kapital hatte, fiel schlicht aus der Gleichung heraus. Das klingt abstrakt, doch die Konsequenzen waren brutal konkret.

Derselbe John Locke, der glühende Texte über die Freiheit schrieb, besaß Anteile an der Royal African Company – dem Unternehmen mit dem britischen Monopol auf den Sklavenhandel. Er half bei einer Kolonialverfassung für Carolina, die jedem freien Mann "absolute Macht" über seine Sklaven garantierte. Der Sklave war in dieser Logik kein entrechteter Mensch. Er war Eigentum. Und Eigentum war heilig.

Auch Montesquieu, ein weiterer Held der Aufklärung, rechtfertigte die Sklaverei – mit dem Klima. In heißen Ländern seien die Menschen von Natur aus so träge, dass man sie nur durch Zwang zur Arbeit bewegen könne. Dieser brillante Denker bastelte sich eine geografische Grenze für Menschenrechte.

Und John Stuart Mill, der große Verteidiger der Meinungsfreiheit, hielt Despotismus gegenüber kolonisierten Völkern für ein völlig legitimes Mittel der Zivilisierung.

Die Botschaft dieser Gründerväter war klar: Freiheit galt nur innerhalb des Clubs der Eigentümer. Wer draußen stand – ob Sklave, Arbeiter oder Kolonisierter –, hatte auf diese Freiheit keinen Anspruch.

Warum der Liberalismus ein Problem mit der Demokratie hatte – und immer noch hat

Solange nur eine kleine Elite mitbestimmte, funktionierte dieses System weitgehend reibungslos.

Man kann es sich vorstellen wie einen exklusiven Club mit strengen Aufnahmeregeln. Drinnen herrschen faire Regeln, alle Mitglieder behandeln einander respektvoll, und die Getränkekarte bietet nur das Beste. Doch der Türsteher lässt ausschließlich Leute mit Grundbesitz und Kapital herein. Wer nichts besitzt, steht draußen im Regen.

Im 19. Jahrhundert drückte die Menge draußen immer stärker gegen die Tür. Arbeiter in den Fabriken schufteten sechzehn Stunden am Tag, Kinder arbeiteten in Bergwerken, und Familien hausten in feuchten Kellerwohnungen. Diese Menschen forderten das Wahlrecht. Sie wollten mitbestimmen, wie der Reichtum verteilt wird, den sie mit ihrer Arbeit schufen.

In den Salons des Bürgertums brach daraufhin kalte Panik aus. Die Rechnung war simpel wie ein Kassensturz: Wenn Millionen Besitzlose wählen dürfen, stimmen sie für höhere Löhne, für Steuern auf Vermögen, für Gewerkschaftsrechte und für soziale Sicherungssysteme.

Die demokratische Mehrheit könnte den Reichtum der besitzenden Minderheit ganz legal umverteilen. Nicht durch Aufstände oder Plünderungen, sondern durch Gesetze.

John Stuart Mill warnte vor der "Tyrannei der Mehrheit". Der Ökonom Ludwig von Mises, einer der radikalsten Marktdenker des 20. Jahrhunderts, nannte eine Demokratie ohne strikten Eigentumsschutz schlicht eine "hohle Form".

Für Ludwig von Mises war eine Demokratie nur dann akzeptabel, wenn sie den Markt und das Eigentum unangetastet ließ. Sobald die Mehrheit versuchte, ins Wirtschaftsleben einzugreifen, verlor die Demokratie in seinen Augen jede Berechtigung.

Friedrich August von Hayek, der einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts und Autor des berühmten Buches "Der Weg zur Knechtschaft", trieb diese Logik noch weiter.

Er verglich den freien Markt mit einem gigantischen Informationsnetzwerk. Wenn etwa irgendwo Kupfer knapp wird, steigt der Preis – und Millionen Menschen passen ihr Verhalten automatisch an, ohne dass ihnen jemand einen Befehl erteilt.

Dieses dezentrale System sei jedem menschlichen Planer überlegen. Jeder staatliche Eingriff – ob Mindestlohn, Mietpreisbremse oder progressive Steuer – zerstöre dieses feine Gleichgewicht und führe zwangsläufig in die Unfreiheit.

Das Paradoxe daran: Hayek glaubte fest daran, dass Wissen dezentral verteilt ist und kein einzelner Mensch die Gesellschaft von oben steuern kann. Doch genau dieses Argument hätte eigentlich für die Demokratie sprechen müssen – als dezentrales Instrument, das die Bedürfnisse und das Wissen von Millionen Bürgern an der Wahlurne bündelt.

Hayek sah das anders. Für ihn war die Wahlurne kein Preissignal. Sie war eine Bedrohung. Denn uninformierte Massen könnten über Dinge abstimmen, deren Konsequenzen sie nicht überblicken.

Ist dieses Spannungsverhältnis zwischen Liberalismus und Demokratie wirklich nur Geschichte? Oder steckt es bis heute in den Grundmauern westlicher Ordnungen – in Form von Zentralbanken, die keiner Wahl unterliegen, in Form von Handelsverträgen, die kein Parlament mehr ändern kann, in Form von überstaatlichen Institutionen, die bewusst dem Zugriff der Wähler entzogen sind?

Der Rechtsstaat: Schutzschild für wen genau?

Auch der Begriff "Rechtsstaat" klingt in unseren Ohren nach Gerechtigkeit für alle. Nach einem Staat, der aufpasst, dass niemand unter die Räder kommt.

Doch der liberale Rechtsstaat war ursprünglich als etwas ganz anderes konzipiert: als kalkulierbare Maschine, die formale Regeln aufstellt und durchsetzt – ohne sich darum zu kümmern, ob diese Regeln gerecht sind.

Man kann sich das wie Verkehrsregeln vorstellen. Der Staat stellt Ampeln auf und sagt: Bei Rot bleibst du stehen. Aber es interessiert ihn nicht, ob du im teuren SUV sitzt oder barfuß im Regen gehst.

Die Regel gilt für alle gleich – unabhängig davon, wie ungleich die Ausgangslage ist. Formale Gleichheit vor dem Gesetz, aber keine materielle Gleichheit im Leben.

Geschützt werden sollten Verträge, Konkurrenz und vor allem das Privateigentum. Alles, was darüber hinausging, galt als gefährlicher Eingriff. Mindestlöhne? Eine unzulässige Störung des Marktes. Verbot von Kinderarbeit? Ein Eingriff in die Produktionsfreiheit. Armenfürsorge? Ein tyrannischer Zugriff auf das Eigentum der Steuerzahler.

Der Rechtsstaat war in dieser Logik kein Instrument sozialer Gerechtigkeit. Er war ein institutioneller Bodyguard für das Kapital. Er sorgte dafür, dass die Spielregeln des Marktes eingehalten werden – aber er fragte nie, ob das Spiel selbst fair ist.

Und wenn eine demokratische Mehrheit beschloss, diesen Bodyguard wegzuschicken und die Spielregeln zu ändern, dann verlor diese Demokratie aus Sicht der Marktliberalen sofort ihre Legitimität.

Autoritärer Liberalismus: Die Formel, die alles erklärt

Was passiert also, wenn die demokratische Mehrheit trotzdem beginnt, den Markt zu regulieren? Wenn Gewerkschaften Macht gewinnen? Wenn Parlamente Sozialgesetze verabschieden und den Reichtum umverteilen?

Dann stehen überzeugte Marktliberale vor einer Zerreißprobe, die bis heute nachwirkt: Opfern sie die Demokratie für den Markt – oder den Markt für die Demokratie?

Die Geschichte zeigt, wie diese Frage immer wieder beantwortet wurde. Im Jahr 1932, mitten in der Weltwirtschaftskrise, trat der Jurist Carl Schmitt vor die versammelte Elite der deutschen Schwerindustrie. Er sprach vor dem sogenannten Langnamverein, einer Vereinigung mächtiger Industrieller, und bot ihnen einen Deal an. Seine Formel lautete: "Starker Staat und gesunde Wirtschaft."

Was sich wie ein harmloser Wahlslogan anhört, war in Wahrheit ein radikales Programm. Der Staat sollte politisch mit eiserner Faust regieren – Gewerkschaften zerschlagen, Sozialleistungen kürzen, jede Form von Opposition niederhalten.

Gleichzeitig sollte er sich aus der Wirtschaft vollständig heraushalten. Keine Steuern, keine Regulierungen, keine Eingriffe in den Markt. Maximale Härte nach unten, maximale Freiheit nach oben.

Der sozialdemokratische Jurist Hermann Heller erkannte damals sofort, was hinter dieser Formel steckte. Er prägte noch im selben Jahr den Begriff "autoritärer Liberalismus" – als scharfe Warnung an die Öffentlichkeit.

Ein Staat, der brutal zuschlägt, wenn Arbeiter bessere Löhne fordern, aber plötzlich behauptet, ihm seien die Hände gebunden, sobald es um Marktregulierung geht – das war für Heller keine Ordnungspolitik. Das war offene Heuchelei, verkleidet als Wirtschaftstheorie.

Muss man sich fragen, ob diese Formel wirklich nur ein Relikt der 1930er-Jahre ist? Oder ob sie in veränderter Form bis heute das Verhältnis von Staat, Markt und Demokratie prägt?

Chile: Als die Theorie zur blutigen Praxis wurde

Jahrzehnte später verwandelte sich der autoritäre Liberalismus von einer akademischen Theorie in ein reales Regierungsprogramm. Am 11. September 1973 putschte das Militär unter General Augusto Pinochet gegen die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende in Chile.

Was folgte, war eine der brutalsten Diktaturen Lateinamerikas. Das Regime sperrte Zehntausende in Stadien, ließ politische Gegner systematisch foltern und ermorden.

Gleichzeitig geschah etwas, das auf den ersten Blick nicht zu einer Militärdiktatur passt: Pinochet übergab die gesamte Wirtschaftspolitik einer Gruppe radikaler Marktökonomen, die als Chicago Boys bekannt wurden.

Diese jungen Ökonomen, ausgebildet an der Universität von Chicago unter dem Einfluss von Milton Friedman, setzten ein Programm um, das direkt aus den Lehrbüchern des freien Marktes stammte.

Sie privatisierten das staatliche Rentensystem. Sie privatisierten das Gesundheitswesen. Sie entzogen dem Staat fast alle wirtschaftlichen Steuerungsinstrumente und öffneten Chile radikal für ausländische Investoren.

Chile wurde zu einem Laboratorium. Einerseits verschwanden Menschen in Folterkellern, weil sie die falschen politischen Überzeugungen hatten. Indes blühte ein freier Markt, der keinerlei demokratische Kontrolle kannte. Politische Unfreiheit und wirtschaftliche Freiheit existierten nicht als Widerspruch – sie ergänzten einander.

Friedrich August von Hayek besuchte Chile unter Pinochet und lobte das Regime öffentlich. In einem Interview von 1981 sagte er einen Satz, der seine gesamte Philosophie in einer einzigen Zeile zusammenfasst: Er ziehe eine liberale Diktatur jederzeit einer demokratischen Regierung vor, der es an wirtschaftlichem Liberalismus mangele.

Für Hayek war Pinochets Regime keine Katastrophe. Es war eine notwendige Übergangsphase, in der der Markt vor dem Zugriff der Massen geschützt wurde.

Selbst Margaret Thatcher, die eiserne Lady und alles andere als eine Freundin von Gewerkschaften und der Arbeiterklasse, zog eine Grenze. Als Hayek ihr in einem Brief empfahl, das chilenische Modell auf Großbritannien zu übertragen, lehnte sie höflich, aber bestimmt ab.

In einer echten Demokratie brauche man Konsens, schrieb sie zurück. Man müsse sich an Parlament und Verfassung halten, auch wenn der politische Prozess dadurch quälend langsam und unperfekt sei.

Wenn selbst Thatcher jemandem sagt, seine Methoden seien zu autoritär, sagt das viel über dessen Demokratieverständnis.

Auch Ludwig von Mises hatte bereits Jahrzehnte zuvor das austrofaschistische Regime unter Engelbert Dollfuß in Österreich beraten. Dollfuß schaltete das Parlament aus, verbot die sozialdemokratische Partei und zerschlug die freie Gewerkschaftsbewegung.

Für Mises waren diese Maßnahmen völlig legitim, weil sie das Land vor dem Ruin durch sozialistische Umverteilung bewahrten. Der Markt brauchte offenbar immer wieder den starken Arm, um vor der Demokratie geschützt zu werden.

Vom Sozialstaat zum Strafstaat: Der unsichtbare Umbau

Ab den 1970er-Jahren formte der Neoliberalismus westliche Gesellschaften grundlegend um. Das Versprechen lautete: weniger Staat, mehr Freiheit. Doch wer genau hinschaut, erkennt, dass der Staat nicht einfach schrumpfte.

Sozialleistungen schrumpften in vielen westlichen Ländern. Hilfe für Arbeitslose knüpften Regierungen an immer härtere Bedingungen – oft an den Zwang zur Arbeit im Niedriglohnsektor.

Der klassische Wohlfahrtsstaat, der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden war, verwandelte sich in einen sogenannten Workfare-Staat. Wer Hilfe wollte, musste arbeiten – egal zu welchen Bedingungen.

Gleichzeitig wuchs der Straf- und Polizeiapparat. Konservative Denkfabriken wie das Manhattan Institute in den USA propagierten Zero-Toleranz-Strategien. Die Polizei griff schon bei Graffiti, Schwarzfahren oder einem kaputten Fenster mit maximaler Härte durch.

Was hier als Ordnungspolitik verkauft wurde, füllte in Wahrheit die Lücke, die der Abbau sozialer Sicherung gerissen hatte. Wo früher Sozialarbeiter standen, fuhren jetzt Streifenwagen.

Der Staat zog sich dort zurück, wo er Unternehmen im Weg stand – bei Steuern, Umweltauflagen und Arbeitnehmerrechten. Und er wuchs dort, wo er die Verlierer des Marktes disziplinierte.

Sollte man diesen Umbau wirklich als Rückzug des Staates bezeichnen? Oder eher als seine Neuausrichtung im Dienst des Marktes – eine moderne, weniger sichtbare Form des autoritären Liberalismus, die ohne Militärputsch auskommt?

Zurück nach Budapest: Warum "illiberal" der falsche Begriff ist

Hier schließt sich der Kreis. Und hier stellt sich die Frage, die den gesamten Ungarn-Diskurs auf den Kopf stellt: Ist "illiberale Demokratie" wirklich der richtige Begriff für das, was in Budapest geschieht?

Orbáns Regierung schränkt die Medienfreiheit massiv ein. Sie höhlt die Gewaltenteilung systematisch aus. Sie beschneidet Minderheitenrechte und ändert Wahlgesetze zu ihren Gunsten. All das ist dokumentiert und unbestritten.

Doch eine Sache tastet Orbáns System nicht an: die kapitalistische Eigentumsordnung. Internationale Konzerne investieren weiterhin in Ungarn. Neue Fabriken entstehen. Der Markt funktioniert. Die Bedingungen für Investoren bleiben günstig.

Wenn Liberalismus historisch vor allem eines meinte – den Schutz von Privateigentum und freiem Markt –, dann müsste ein wirklich illiberales System genau diese Ordnung abschaffen. Es müsste den Kapitalismus demontieren, Unternehmen verstaatlichen, den Markt durch zentrale Planung ersetzen.

Doch nichts davon geschieht in Ungarn. Sollte man Orbáns System also wirklich "illiberale Demokratie" nennen? Oder verdeckt dieses Etikett gerade den entscheidenden Punkt – nämlich, dass der ökonomische Kern des Liberalismus in Orbáns Ungarn vollständig intakt bleibt?

Der Begriff "autoritärer Liberalismus" trifft das Phänomen ideengeschichtlich weitaus präziser. Er beschreibt ein System, in dem politische Freiheiten schrumpfen, während wirtschaftliche Freiheiten unangetastet bleiben.

Ein System, in dem der Staat hart durchgreift, wo es um politische Kontrolle geht – und sich zurückhält, wo der Markt regiert. Carl Schmitts Formel von 1932 hallt nach: starker Staat und gesunde Wirtschaft.

Die Fassade in Budapest trägt ein neues Schild. Doch der Tresor im Keller ist derselbe. Und vielleicht liegt genau darin die unbequemste Erkenntnis dieser ideengeschichtlichen Reise: Dass das, was wir "illiberal" nennen, in Wahrheit zutiefst liberal ist – nur eben in einem Sinne, den wir längst vergessen haben.


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