China verfügt inzwischen über die Fähigkeit, die US-Marine lückenlos zu überwachen
(Bild: Aerial Viewer/Shutterstock.com)
Drei Satelliten genügen China, um die US-Marine zu orten. Rund um die Uhr, bei jedem Wetter. Washington zeigt sich über die Fähigkeiten besorgt.
China hat nach eigenen Angaben erstmals einen Satelliten in geosynchronem Orbit (GEO) – also in rund 35.800 Kilometern Höhe – erfolgreich eingesetzt, um ein sich bewegendes Schiff dauerhaft zu verfolgen. Das berichtet [1] die in Hongkongn erscheinende South China Morning Post unter Berufung auf eine von chinesischen Wissenschaftlern veröffentlichte Fachstudie.
Konkret veröffentlichte China im vergangenen Monat Radarbilder des unter japanischer Flagge fahrenden Öltankers Towa Maru, der rund 340 Meter lang und 60 Meter breit ist und damit in etwa die Ausmaße eines Flugzeugträgers hat.
Der Tanker befand sich dabei in den umstrittenen Gewässern des Südchinesischen Meeres nördlich der Spratly-Inseln. Es ist das erste Mal, dass ein SAR-Satellit (Synthetic Aperture Radar – ein Radarsystem, das hochauflösende Bilder auch durch Wolken und bei Nacht liefert) in dieser Umlaufbahn ein fahrendes Schiff über einen längeren Zeitraum kontinuierlich beobachtet hat.
Der dabei gemessene Positionsfehler beim Tanker lag laut der Studie bei rund drei Kilometern. Bei vier weiteren, namentlich nicht genannten Schiffen betrug der Fehler sogar nur 1,6 Kilometer – eine Genauigkeit, die nach Einschätzung der Forscher in Kombination mit ergänzenden Überwachungsdaten für den Einsatz von Anti-Schiff-Raketen ausreicht.
Hu Yuxin, Forscher an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Leiter des Projektteams, schrieb in einem begutachteten Beitrag im Fachjournal Journal of Radars, der Positionsfehler in den realen Messdaten sei etwas größer als in den Simulationen.
Dies sei vor allem auf Bahnfehler und atmosphärische Einflüsse zurückzuführen, nicht allein auf algorithmische Grenzen. Dennoch habe China "die langfristige kontinuierliche Verfolgung beweglicher Schiffsziele durch geosynchrone SAR-Satelliten von der Vorstellung in die Realität überführt", so Hu und seine Kollegen.
Technisch gelang dies durch einen neuartigen Algorithmus, der die Analyse riesiger Datensätze in viele kleine Aufgaben aufteilt, die jeweils in sehr kurzen Zeitfenstern separat verarbeitet werden.
So können die schwachen Signale fahrender Schiffe aus dem starken Hintergrundrauschen der Meereswellen herausgefiltert werden. Die Forscher beschreiben dabei eine Abwägung zwischen Effizienz und Genauigkeit, die sie nach dem Prinzip des konfuzianischen "Maßhaltens" gefunden hätten.
Militärisch ist die Tragweite erheblich: Theoretisch würden bereits drei solcher Satelliten ausreichen, um rund um die Uhr und bei jedem Wetter weltweit strategisch wichtige Ziele – darunter US-amerikanische Flottenverbände – zu überwachen.
Andere Länder müssten für eine vergleichbare Abdeckung Hunderte oder sogar Tausende Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen einsetzen. Hinzu kommt: Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen sind anfälliger für elektromagnetische Waffenangriffe, während Satelliten in hohen Umlaufbahnen deutlich geschützter sind.
Die USA, die über das weltweit fortschrittlichste Militär verfügen, betreiben ihre Radarsatelliten bislang nur in Höhen von wenigen hundert Kilometern. Das US-Militär hatte bereits nach dem Start des ersten chinesischen GEO-SAR-Satelliten – Ludi Tance 4-01, 2023 gestartet und offiziell als Erdbeobachtungssystem zur Katastrophenvorsorge deklariert – tiefe Besorgnis geäußert. Diese Befürchtungen haben sich laut South China Morning Post nun bestätigt.
China arbeitet nach öffentlich zugänglichen Informationen bereits an einer nächsten Generation leistungsfähigerer Hochorbit-SAR-Satelliten.
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[1] https://www.scmp.com/news/china/science/article/3349862/3-satellites-track-all-chinese-radar-images-confirm-us-military-fears?module=top_story&pgtype=homepage
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Ein goldener Doppeladler mit Krone, Symbol imperialer Macht.
(Bild: SSV.Photo / Shutterstock.com)
Westliche Narrative blenden einen entscheidenden Faktor aus: Wie sehr hat die NATO-Politik Russlands Kurs erst mitgeformt? (Teil 2)
Im ersten Teil der vorliegenden Betrachtung ging es darum, einige allgemeine Einsichten über Imperien und deren Bedeutung in der menschlichen Entwicklungsgeschichte zu etablieren sowie Aspekte dieser Einsichten auf den europäischen Status quo zu übertragen. Wie in der dortigen Einleitung nahegelegt, spielen insbesondere die russischen und US-amerikanischen Nationen, die beide über eine lange imperiale Tradition verfügen, eine besondere kontextuelle Rolle für Europa.
Dementsprechend wird es im Folgenden um den Versuch gehen, das gegenwärtige außenpolitische Gebaren Moskaus in einen realistischen Kontext zu dessen imperialer Geschichte und dessen internationale Umgebung zu setzen. Dies erscheint, insbesondere auch im deutschsprachigen Raum, als notwendig, da bezüglich russischer Politik zahlreiche Missverständnisse und Vorurteile – sowohl gewollt als auch ungewollt – den Diskurs beherrschen. Die Figur Alexander Dugins [1] und dessen konventionelle Einordnung stellen hier lediglich ein prominentes Beispiel von vielen dar.
Eingeleitet werden und wurden Positionen [2], die den russischen Angriffskrieg in der Ukraine schlicht als eine "Brutalversion" eines zurückgekehrten und – wichtig – intrinsisch bedingten imperialen Machtstrebens einrahmen, gerne mit Formulierungen wie: "Vor dem Februar 2022 war es um den Imperialismus still geworden." Offenbar würden wir [3] seither "in einem neuen Zeitalter des Imperialismus" leben, in dem Russland folgerichtig "das erste Land [sei], das den wiedererweckten Imperialismus in vollen Zügen ausleb[e]." Diese Logik zu hinterfragen, wird einen wichtigen Aspekt des dritten Teils zum US-Imperialismus darstellen.
"Angetrieben [werde] das imperiale Projekt Russlands", Herfried Münklers [4]Bestätigung dieser Logik entsprechend, "durch die Erinnerung an Glanz und Größe des Zarenreichs sowie den politischen Einfluss, den es seit dem 18. Jahrhundert auf die Verhältnisse Mitteleuropas hatte." Immer wieder wird in diesem Kontext betont, dass das russische Agieren sich nahezu gänzlich über ein aus sich selbst heraus entstehendes Streben nach Dominanz erklären lasse. Doch wie überzeugend sind solche Einschätzungen tatsächlich, wenn sie einer differenzierten Betrachtung unterworfen werden?
In diesem Zusammenhang schadet es nicht zu verstehen, dass der russische Imperialismus historisch im Kontext einer allgemeinen globalen Expansion europäischer Mächte zu verstehen ist, die sich grob über die letzten 500 Jahre erstreckt hat. Die oft zumindest implizit transportierte Botschaft, dass Russland hier eine Sonderrolle eingenommen hätte, oder gar als von Europa separiertes Phänomen zu verstehen wäre, erscheint ebenso ahistorisch wie die Vorstellung, dass Europäer allgemein die Urheber imperialer Politik [5] gewesen wären:
Imperialismus wird [demnach] oft als die Erbsünde der europäischen Völker betrachtet, die eine unschuldige Welt korrumpierten. Seine wahren Ursprünge sind jedoch weitaus älter und liegen in einem Prozess, der nahezu universell in menschlichen Gesellschaften anzutreffen ist.
Ferner würde "[e]ine realistische Betrachtung", John Darwin zufolge, "Russland – ähnlich wie Spanien oder das Habsburgerreich – als einen jener Grenzstaaten betrachten, die eine Vorreiterrolle bei der Expansion Europas gespielt haben." Dementsprechend hat auch Russland, wie die meisten Staaten mit kolonialer Vergangenheit, die imperiale Ausdehnung mit dem Anspruch – oder Vorwand – etikettiert, die eigene und überlegene Kultur zu verbreiten, sich auf einer "zivilisierenden" Mission zu befinden.
Diesbezüglich haben sich auch die russischen Methoden nicht von denen anderer europäischer Imperien unterschieden. Das heißt, sie [6] "unterwarfen und russifizierten […] indigene Völker wie Jakuten, Ewenken und Burjaten, töteten diejenigen, die revoltierten, erzwangen Abgaben in Form von Fellen, oktroyierten ihnen das orthodoxe Christentum und die russische Sprache auf." Gleichwohl stellt sich die Geschichte zwischen Russland und der Ukraine [7] komplexer dar, als von denjenigen behauptet wird, die den Krieg schlicht auf derselben Ebene einordnen wollen.
Dies hat insbesondere mit den gemeinsamen slawischen Ursprüngen und der Vergangenheit unter dem Dach der Sowjetunion zu tun – die, wie Niall Ferguson [8] angemerkt hat, entgegen der meisten konventionellen Perspektiven, ebenfalls als Teil europäisch-imperialer Geschichte zu verstehen ist:
Während des gesamten Kalten Krieges wurden die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten als 'der Ostblock' bezeichnet. Aber es gibt gewiss gute Gründe zu sagen, dass die Sowjetunion ebenso sehr ein Produkt der westlichen Zivilisation war wie die Vereinigten Staaten. […] Und ihre geographische Ausdehnung war nicht weniger das Produkt europäischer Expansion und Kolonisierung als die Besiedlung Amerikas.
In gewisser Hinsicht erscheint es daher naheliegend, das russische Vorgehen in der Ukraine primär als Ausprägung von dessen imperialer Tradition zu verstehen. Gleichzeitig ist es die bequemere Option, die einen Schuldanteil westlicher und ukrainischer Entscheidungsträger, sowie reale Unterschiede zwischen historisch-imperialen und sowjetischen Hierarchien, die ihre Bedeutung in der post-sowjetischen Ära natürlich nicht gänzlich verloren haben, kategorisch ausblendet.
Eine immer wiederkehrende Auffälligkeit ist diesbezüglich, dem post-sowjetischen Russland eine hartnäckige Affinität zu imperialer Machtpolitik, oder, in den Worten des Historikers Martin Schulze Wessel [9], eine Art "imperialen Fluch" zuzuschreiben. Dieser Idee zufolge sei es den Russen bis heute "nicht gelungen, die Idee der russischen Nation von der imperialen Tradition Russlands zu trennen", so wie es etwa die übrigen europäischen Nationen nach 1945 erfolgreich getan hätten.
In diesem Sinne basiert auch Schulze Wessels "Fluch"-Theorie auf der Annahme, dass es Moskau, wie "bereits im 18. Jahrhundert", in erster Hinsicht "um die Beherrschung des ostmitteleuropäischen Vorfeldes" gehen würde. Damals wie heute "spielten imperiale Infrastrukturen eine große Rolle." Immer wieder stößt man hier auf dieselben Erklärungsschemata, die darauf bestehen, Russland einen intrinsisch – also aus sich selbst heraus – begründeten imperialen Antrieb zuzuschreiben. Die russische Außenpolitik sei mehr oder weniger autark von ihrer Umwelt interpretierbar.
Derartige Erklärungsansätze erscheinen jedoch unrealistisch. So behauptet nicht einmal Sergei Radtschenko [10], kremlkritischer Experte für sowjetische Geschichte, dass Moskau im Kalten Krieg unabhängig vom Rest der Welt agiert hätte, obwohl es ungleich mächtiger gewesen ist. Ganz im Gegenteil hätten "[a]nhaltende Unsicherheiten, Illusionen von Größe und das Verlangen nach Anerkennung [durch Washington] [...] Moskau auf einen halsbrecherischen Kurs zur globalen Macht" getrieben.
Wie wahrscheinlich ist es also, dass das schwächere post-sowjetische Russland anfing, zunehmend losgelöst vom umliegenden internationalen System, und insbesondere von seinem westlichen Gegenüber, zu agieren? Diesbezüglich gilt es sich bewusstzumachen, dass es sich um eine langfristig gepflegte Tradition in westlichen Politikdiskursen handelt, die Ursachen für die zunehmenden Spannungen mit Moskau zu externalisieren. So schrieb Stephen Cohen [11], intimer Kenner russischer Geschichte und Politik (sowie persönlicher Freund Gorbatschows), bereits 2009:
Die Schuld für die nach dem Ende des Kalten Krieges verlorene Chance dem Kreml zuzuschreiben, ist bei US-Politikern, Mainstream-Leitartiklern und den meisten einflussreichen Akademikern zur Orthodoxie geworden. Einige verweisen auf wiedererstarkte zaristische oder sowjetische Traditionen (also auf das Wesen Russlands), andere auf Putin, aber alle auf Moskau allein. […]
Wenn diese Erklärung zuträfe, schiene es, als könne Washington nichts tun, um eine noch schlechtere Beziehung zu Moskau zu verhindern. Aber sie trifft nicht zu, oder zumindest lange nicht vollständig. Der neue Kalte Krieg und die Verschwendung des post-sowjetischen Friedens begannen nicht in Moskau, sondern in Washington.
Diese Perspektive in den Kontext des US-amerikanischen Imperialismus einzubetten, wird Bestandteil des folgenden Teils sein. Hier wird es abschließend darum gehen, noch etwas klarer herauszustellen, dass das russische Vorgehen in der Ukraine im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik verstanden werden sollte, sofern man sich nicht einseitigen Erklärungen hingeben will [12], die letztendlich keinen Beitrag zu einem diplomatischen Lösungsansatz leisten, sondern die bereits weit fortgeschrittene Eskalationsspirale antreiben.
In diesem Sinne muss einerseits klargestellt werden, dass die russische Politik gegenüber der Ukraine unleugbare imperialistische Züge [13] trägt. So lässt sich zweifellos argumentieren, dass es sich um imperialistische Politik handelt, "wenn eine Nation sich entgegen internationalen Standards und völkerrechtswidrig in die Angelegenheiten anderer Nationen und Regionen einmischt, um eigene Interessen durchzusetzen. […] Das passiert zum Beispiel in der Ukraine."
Andererseits ist kaum zu leugnen, dass die Behauptungen, die russische Elite um Putin würde primär so vorgehen, weil sie sich ein russisch geprägtes Imperium zurückwünscht, oder sich von der vermeintlich blühenden Demokratie in der Ukraine bedroht gefühlt hat, bei genauerer Betrachtung unseriös wirken. Ebenso wie die USA hat sich auch Russland im Laufe der Zeit zu einem föderal organisierten Nationalstaat [14] entwickelt, bei dem die Grenzen zwischen imperialer Hierarchie und Gleichberechtigung zwischen nationalen Minderheiten etc. zunehmend verschwommen sind.
Das bedeutet nicht, dass es keinerlei imperialen Antrieb mehr in Moskau geben würde. Russland ist und bleibt voraussichtlich eine Großmacht, die ihre Interessen auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus vertreten wird. Möchte man das glaubhaft kritisieren, sollte man es nicht einseitig und auf Basis realitätsfremder Analyse tun. Es erscheint letztlich unglaubwürdig, die Eskalation des Konflikts in der Ukraine als einseitig von Moskau heraufbeschworen darzustellen.
So kommt auch Iwan Katschanowski, im Kontext einer längeren Studie [15], zum Schluss, "dass der russische Imperialismus ein bedeutender Faktor in Putins Politik gegenüber der Ukraine war, aber der Nato-Mitgliedschaft der Ukraine nachgeordnet gewesen ist." Dass der Ankündigung einer formalen Abkehr von dieser Mitgliedschaft seitens der Ukraine faktisch eine von 2016 bis 2022 abgelaufene umfassende Militärreform [16] gegenüberstand, die nicht nur die Kapazitäten des ukrainischen Militärs erheblich ausbaute, sondern es auch "interoperabel" mit der Nato machte, wird von Beobachtern, die diesem Argument kritisch gegenüber stehen, gerne ignoriert.
Leider handelt es sich hierbei um ein allzu verbreitetes Phänomen in westlichen Politikdiskursen, wenn es darum geht, den eigenen Anteil an der Entstehung des Zweiten Kalten Krieges, sowie des heißen Krieges um die Ukraine, anzuerkennen. Diesbezüglich konkludierte Richard Sakwa [17], in einer aktuellen Studie zum russisch-ukrainischen Krieg:
Der politische Westen erwies sich schon unter Gorbatschow und noch stärker während Jelzins Präsidentschaft als feindselig gegenüber Russlands wahrgenommenen nationalen Interessen. Die Nato-Erweiterung und ihre verstärkte Sicherheitspartnerschaft mit der Ukraine entfachten imperialistische, ethnonationalistische und revanchistische Tendenzen innerhalb Russlands. Die Entwicklung Dimitri Medwedews vom Aushängeschild liberaler Reformen zum verbitterten Antiwestler ist ein exemplarisches Beispiel für diesen Trend.
Trotz dieser wieder entfachten Tendenzen, wirkt es schlussendlich zu kurz gegriffen [18], dem russischen Handeln schlicht einen "aggressiven Nationalismus" einzuhauchen und auf die "imperialen Ziele" Moskaus abzustellen. Wie eingangs angemerkt, stimmen die oft klischeehaft wirkenden Einordnungen russischer Politik und Ideologie eher selten mit der Realität überein. So ergibt es erneut Sinn, sich etwas tiefgehender mit der Frage zu beschäftigen, welche Art politischer Ideologie gegenwärtig tatsächlich dominant in Moskauer Diskursen ist [19].
Eine interessante Parallele ist mit Blick auf den anschließenden Teil zum US-amerikanischen Imperialismus, dass es auch in Bezug auf diesen üblich ist, ihn, in diesem Fall positiv, verzerrt darzustellen.
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[1] https://www.telepolis.de/article/Alexander-Dugin-Putins-Vordenker-oder-marginalisierte-Randfigur-11125350.html
[2] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/russlands-imperialismus-versuch-putins-endspiel-zu-verstehen-19800007.html
[3] https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2025/04/russischer-nationalismus-wladimir-putin-imperialismus-ukraine
[4] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wiederkehr-der-imperien-wie-positioniert-sich-europa-110627865.html
[5] https://www.penguin.co.uk/books/54403/after-tamerlane-by-john-darwin/9780141010229
[6] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ukraine-im-abwehrkampf-machen-wir-russland-wieder-klein-110272880.html
[7] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5966802
[8] https://www.penguin.co.uk/books/184625/civilization-by-ferguson-niall/9780141987934
[9] https://www.spiegel.de/geschichte/historiker-ueber-den-russischen-imperialismus-russland-betreibt-machtpolitik-mit-langem-atem-a-128e3a81-d812-4765-a44e-accc62219f50
[10] https://www.cambridge.org/core/books/to-run-the-world/6C2B9062482ECE81680C78DDDB08BE5D
[11] https://cup.columbia.edu/book/soviet-fates-and-lost-alternatives/9780231148962/
[12] https://www.telepolis.de/article/Deutsche-Ukraine-Experten-Gefangen-in-der-moralischen-Echokammer-10419502.html
[13] https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2025-02/russland-kolonialismus-krieg-ukraine-kasachstan
[14] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5966802
[15] https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-98724-3
[16] https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14751798.2023.2201017
[17] https://www.rienner.com/title/The_Russo_Ukrainian_War_Follies_of_Empire
[18] https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2025/04/russischer-nationalismus-wladimir-putin-imperialismus-ukraine
[19] https://www.telepolis.de/article/Zivilisationismus-Russlands-Weg-jenseits-westlicher-Modelle-11125354.html
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Ein längerer Stromausfall könnte Deutschland in den Kollaps treiben – und das ist nur eines der Szenarien, die Experten beunruhigen.
Hochindustrialisiert und extrem verwundbar, so lauten die kennzeichnenden Attribute der heutigen Zivilisation. Dichte Ballungszentren mit großer Industriekonzentration prägen im Besonderen die Situation in Mitteleuropa. Es hat sich eine hochkomplexe, digitale Lebens- und Arbeitswelt über Vernetzung, Arbeitsteilung, Mobilität und Automation entwickelt.
Die Interoperabilität fast aller Arbeitsbereiche durch verschiedenste Kommunikations- und automatisierte Informationssysteme trägt zwar zur Produktions- und Effizienzsteigerung bei, erhöht aber gleichzeitig die Störanfälligkeit und Verwundbarkeit des Gesamtsystems.
Die Gefahren durch Cyberangriffe auf lebenswichtige Versorgungseinrichtungen einer Gesellschaft wie Strom, Wasser und Logistik sind allgegenwärtig.[1] Hacker-Angriffe auf die EDV-Systeme des Deutschen Bundestages, Stadtverwaltungen, Banken und Industrieunternehmen waren schon erfolgreich.
Ohne diese Infrastruktur sind Industriestaaten weitgehend handlungsunfähig. Allein ein längerer Stromausfall würde die gesamte elektronische und elektrisch gesteuerte Infrastruktur (bspw. Pipelines, Kraftwerke usw.) lahmlegen und alle wichtigen Lebens- und Arbeitsbereiche einer Gesellschaft empfindlich beeinträchtigen.
Um aber die großen Elektrizitätswerke und die Schaltzentralen zu zerstören, bedarf es keiner Atomwaffen. Es reichen "chirurgische" Einsätze mit zielgenauen konventionellen Waffen.
Dies belegen die russischen Angriffe auf Elektrizitäts- und Umspanneinrichtungen in der Ukraine deutlich. Auch der Trinkwasser-, Fernwärme- und Nahrungsmittelversorgung droht in solchen Fällen der Kollaps. Eine hochindustrialisierte Zivilisation ohne Stromversorgung bedeutet Chaos und Desorganisation des gesellschaftlichen Lebens.
Schon 2010 formulierte das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag[2], dass ein längerer Stromausfall in Deutschland und "die dadurch ausgelösten Folgen […] einer nationalen Katastrophe gleich[käme]. Diese wäre selbst durch eine Mobilisierung aller internen und externen Kräfte und Ressourcen nicht beherrschbar, allenfalls zu mindern".
Es reicht völlig aus, nur die lebenswichtigen Nervenzellen der Industriestaaten zu zerstören, um den ökonomischen und ökologischen Kollaps eines Staates herbeizuführen.
Die Nato-Staaten haben sich entschlossen, als Reaktion auf den völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine ihre Streitkräfte massiv aufzurüsten. Dem Aggressor soll damit abschreckend vor Augen geführt werden, dass ein Angriffskrieg im Besonderen keinen Erfolg haben würde
Diese Wehrhaftigkeit scheint die einzige Option zu sein, der Aggression erfolgreich begegnen zu können. Das kann durchaus gelingen – birgt aber unkalkulierbare Risiken. Der Krieg könnte jederzeit auch eskalieren.
"Wenn morgen bei uns Krieg wäre", lautet das neue Buch von Hauke Friedrichs und Rüdiger Barth. Sie spielen ein realistisches Kriegsszenario bei einem Krieg zwischen Russland und der Nato durch.
"Nach einem Jahr Krieg wird Deutschland ein anderes Land sein, Tod und Zerstörung sind allgegenwärtig. […] Tausende Tote und Verwundete täglich haben ihre Spuren in die Gesellschaft gegraben. Trauer, Leid,Verlust verändern die Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir miteinander sprechen."[3]
Hauke Friedrichs, Rüdiger Barth
Das ist eine realistische Beschreibung von Krieg und dessen katastrophale Folgen. Die Autoren fordern von der Gesellschaft, sich umfänglich darauf vorzubereiten und Schutzmaßnahmen zu treffen. Nicht berücksichtigt wird ein möglicher Einsatz von Atomwaffen.
Auf die Verwundbarkeit moderner Industriestaaten reagiert die Nato mit einer offensiven Militärstrategie. Im Verteidigungsfall sollen gegnerische Aufmarschräume und Militärbasen mit weitreichenden Waffensystemen auf dem Territorium des Angreifers bekämpft und zerstört werden.
In 2026 ist die Stationierung von US-Marschflugkörper vom Typ Tomahawk in Deutschland geplant. Sie können im Tiefflug mit ca. 2.000 km Reichweite in gegnerisches Gebiet eindringen und militärische Ziele, darunter auch Kommandostellen, Bunker und Radaranlagen zerstören.
Die strategische Grundlage bildet das US-Konzept der "Multi-Domain Operations" (MDO):
"Mit fünf spezialisierten US-Einheiten, sogenannten Multi-Domain Task Forces (MDTF) soll die Umsetzung gesichert werden. Diese sind rund um den Globus stationiert, im Pazifik, der Arktis, in Nahost, Alaska und Europa. Der europäische Standort für MDTF ist das hessische Wiesbaden. […] Ziel ist es, das militärische Initiativrecht zu sichern und den Gegner bereits vor einem möglichen Angriff entscheidend zu schwächen."[4]
Johannes Varwick
Des Weiteren lagern in Deutschland im Rahmen der nuklearen Teilhabe ca. 20 steuerbare Atombomben, die von deutschen Piloten mit Tornados, zukünftig mit modernen F-35 Bombern in weitreichende Ziele transportiert und zur Explosion gebracht werden können.
"Steadfast Noon [1]" lautete das Nato-Übungsszenario, an dem 2024 rund von acht Luftwaffenstützpunkten mehr als 60 Flugzeugen eingesetzt waren. Darunter waren moderne Kampfjets, Langstreckenbomber, aber auch Überwachungs- und Tankflugzeuge.
Die Bundeswehr plant die Anschaffung von 1.000 modernen Kampfpanzern für die Landstreitkräfte. Militärstrategisch sind Kampfpanzer Angriffswaffen und werden herkömmlich offensiv zur gegnerischen Landnahme eingesetzt. Die Strategie der Nato zielt darauf ab, ein Eindringen des Angreifers durch eine offensive Angriffsstrategie zu verhindern. Damit verbunden wäre ein Eskalationsrisiko, das zu einem Atomkrieg in Europa führen könnte.
Vom Standort Wiesbaden werden folglich mit der Multi Domain Task Force präemptive Enthauptungsschläge geplant und wenn notwendig auch durchgeführt. Der Öffentlichkeit ist diese Strategieplanung der Nato kaum bekannt. Die damit verbundenen Risiken natürlich auch nicht.
Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Russland diese Planungen bekannt sind und darauf in gleicher Weise reagieren wird. Aus diesem Sicherheitsdilemma entwickelt sich ein beiderseitiges, stetiges Bedrohungsempfinden. Eine gefährliche Entwicklung, die zu einem Rüstungswettlauf führen und in einen Krieg eskalieren könnte.
Völkerrechtlich ist diese schleichende Änderung der Nato-Strategie höchst problematisch.
"Eine Selbstverteidigung gegen potentielle Bedrohungen ist als Abwehrrecht nicht universalisierbar. […] Wenn jeder dem anderen aufgrund von Furcht zuvorkommen darf, ohne dass dessen Absicht zum Angriff tatsächlich außer Zweifel steht, intensiviert sich die gegenseitige Bedrohungswahrnehmung und damit die vermeintliche Notwendigkeit, als Erster loszuschlagen. Denkt man die Doktrin der präventiven Selbstverteidigung zu Ende, kann man nur eine Konsequenz ziehen, nämlich dass sie völkerrechtlich und moralisch inakzeptabel ist."[5]
Lothar Fritsche
Der in Norfolk, Virginia (USA) stationierte deutsche Viersterne-General, Christian Badia schätzt die Kriegsgefahr in Europa als hoch ein. Das Rote Telefon aus dem Kalten Krieg zwischen Russland und den USA gebe es nicht mehr. Es bestehe ein großes Risiko von Fehleinschätzungen, die zu einer ungewollten Eskalation des Krieges führen könne.
Es wäre dringend geboten, die Öffentlichkeit über die Änderung der Nato-Strategie und die damit verbundenen Risiken aufzuklären. Von der Bundesregierung ist das natürlich nicht zu erwarten. Die Friedens- und Konfliktforschung, im Besonderen Völkerrechtler:innen und NGOs müssten die Zivilgesellschaft umfassend informieren und zum Protest aufrufen.
[1] Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) (2023): Cybergefahren. Homepagebeitrag, bbk.bund.de. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)(2022): Die Lage der IT-Sicherheit in Deutschland. BSI-LB22/511, bsi.bund.de.
[2] Webseite des Ministeriums, bmk.gv.at.Petermann, T. et al (2010): Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung. Endbericht zum TA-Projekt. Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), Arbeitsbericht Nr. 141, November 2010.
[3] Hauke Friedrichs, Rüdiger Barth, "Wenn morgen bei uns Krieg wäre", Heyne Verlag München 2026, S. 132/133
[4] Johannes Varwick, Stark für den Frieden, Westend Verlag 2026, S. 141
[5] Lothar Fritze, Die Moral des Bombenterrors. Alliierte Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg, München 2007, S. 19
Rolf Bader, geb. 1950, Dipl. Pädagoge, Offizier a. D. der Bundeswehr, ehemals Geschäftsführer der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW).
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[1] https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_100509018/nato-beginnt-uebung-steadfast-noon-zur-verteidigung-mit-atomwaffen.html
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(Bild: Foto: kremlin.ru / President of the Russian Federation / CC BY 4.0 Deed)
Russlands neuer Kampfjet folgt einer Logik, die den Westen grundlegend herausfordert – und die kaum jemand erwartet hat. Eine Einschätzung
Anfang 2026 soll es soweit sein: Der neue russische Kampfjet Su-75 Checkmate wird seinen Erstflug absolvieren. Das kündigte Sergey Chemezov, Chef des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, auf der Dubai Airshow 2025 an, wie The War Zone [1] berichtet.
Der Prototyp befindet sich mittlerweile in der Endmontage und geht in die Phase der Bodentests über, meldete Army Recognition [2] am 20. November 2025.
Der Su-75 Checkmate ist als leichter, einstrahltriebiger Tarnkappenjäger konzipiert. Die technischen Daten, die die United Aircraft Corporation (UAC) auf der Dubai Airshow vorlegte, nennen ein maximales Startgewicht von rund 26.000 Kilogramm.
Das Flugzeug soll bis zu 7.400 Kilogramm an Luft-Luft- und Luft-Boden-Waffen transportieren können – verteilt auf mehrere Außenlaststationen unter den Flügeln sowie in drei internen Waffenschächten. Die Höchstgeschwindigkeit wird zwischen Mach 1,8 und Mach 2 angegeben, angetrieben von einem Triebwerk mit 142-160 Kilonewton Schub.
Army Recognition nennt detailliertere Maße: 17,7 Meter Länge, 11,8 Meter Spannweite. Die Kampfreichweite liege bei etwa 3.000 Kilometern, die Überführungsreichweite ebenfalls bei rund 3.000 Kilometern, die Dienstgipfelhöhe bei 16.500 Metern. Als Triebwerk soll ein Derivat des Saturn AL-51 Turbofans zum Einsatz kommen, das effizienter und leichter sein soll als frühere russische Jägertriebwerke.
Die Bewaffnung soll ein breites Spektrum umfassen können: Luft-Luft-Raketen wie R-77 und R-74M, Luft-Boden-Raketen wie Kh-38 und Kh-59MK2, Seezielraketen wie Kh-35E, gelenkte Bomben verschiedener Klassen sowie optional Kanonenbehälter. Das Missionssystem beruht auf einer offenen Avionik-Architektur mit bordeigener Diagnostik, einem kostengünstigen AESA-Radar und multispektralen optischen Zielsystemen.
Seit der Erstvorstellung 2021 spricht die UAC von einer ganzen Produktfamilie: einer einsitzigen Grundversion, einer zweisitzigen Variante für Training oder Angriffsmissionen und einer vollständig unbemannten Version. Auf der Dubai Airshow 2025 war ein deutlich weiterentwickeltes Modell der unbemannten Checkmate-Variante zu sehen.
Insgesamt zeigt die Su-75, ähnlich wie die Su-57, Merkmale mit reduzierter Radarsignatur, wobei der Fokus offenbar auf der Verringerung der Signatur aus der frontalen Hemisphäre liegt, weniger auf einer Rundum-Tarnkappenwirkung, so The War Zone.
Größenmäßig bewegt sich die Su-75 damit in einer ähnlichen Klasse wie die F-35A Lightning II. Beide Muster sind als einstrahlige Mehrzweckkampfflugzeuge ausgelegt, die Tarnkappeneigenschaften mit einer für diese Klasse hohen Einsatzreichweite und Waffenlast kombinieren.
Russland arbeitet an einer gemeinsamen Produktion der Su-75 Checkmate mit Belarus, wie Army Recognition [3] unter Berufung auf RIA Novosti berichtete. Für Belarus würde die Teilnahme an diesem Tarnkappenjägerprogramm einen erheblichen qualitativen Fortschritt für seine Luft- und Raumfahrtindustrie bedeuten.
Die Einbeziehung von Belarus als Industriepartner kann als pragmatische Maßnahme angesehen werden, um Entwicklungskosten zu teilen, Produktionsrisiken zu mindern, die Lieferkette unter Sanktionen abzusichern und den industriellen Fußabdruck des Programms über russisches Territorium hinaus zu erweitern. Für Russland würde die Delegation eines Teils der Su-75-Produktion nach Belarus Minsks strategische Ausrichtung stärken und Sanktionen teilweise umgehen, indem belarussische Industriekapazitäten genutzt werden.
Russlands jüngster Vorstoß zur Ausweitung der Verteidigungskooperation – einschließlich Angeboten für den Su-57-Tarnkappenjäger, Langstreckendrohnen und U-Boote – stieß in Indien auf verhaltene Reaktionen, berichtet die indische Zeitung The Hindu [4]. Indien habe nicht viel Interesse an den von Russland angebotenen Ausrüstungen gezeigt, sagte ein hochrangiger Beamter gegenüber The Hindu. Man konzentriere sich sehr stark auf die Entwicklung indigener Produkte.
Beim jüngsten Treffen zwischen Putin und Modi in Indien materialisierten sich trotz hoher Erwartungen keine öffentlichen Verteidigungsankündigungen, schreibt The Hindu weiter. Während 19 Handelsabkommen unterzeichnet wurden, gab es keinen Durchbruch bei der Su-57 oder Russlands S-500-Luftverteidigungssystem. Verteidigungsminister Rajnath Singh habe am 7. Dezember 2025 in Leh hervorgehoben, dass Indiens Verteidigungsproduktion und Verteidigungsexporte in den letzten Jahren deutlich gestiegen seien.
Die russischen Angebote könnten stillschweigend auch die Su-75 Checkmate einschließen, berichtet EurAsian Times [5]. Gemeinsame Entwicklung würde echte Eigentümerschaft liefern und das Programm vor US-Sanktionen schützen. Die lokale Produktion der Su-75 könnte Indiens Lücke bei Jägern der fünften Generation schließen und Exporteinnahmen generieren wie bei der russisch/indischen Koproduktion Brahmos, einem Überschall-Marschflugkörper, so die EurAsian Times.
Vieles deutet darauf hin, dass die Su-75 Checkmate in die Flugerprobung eintreten und darüber hinaus weiterentwickelt wird. Russland verfügt derzeit über weniger als 20 serielle Su-57-Flugzeuge bei einer Produktionsrate von zwei bis vier Maschinen pro Jahr, wie der Fachblog 19FortyFive [6] berichtet – ein Umstand, der der Su-75 auch für die russischen Luftstreitkräfte selbst strategische Relevanz verleiht. Zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten produzieren jährlich mehr als 150 F-35, China über 50 J-20.
Sukhoi nennt für die Su-75 einen angestrebten Stückpreis von 25 bis 30 Millionen US-Dollar – ein Niveau, das in etwa dem Preis eines Leopard-2-Kampfpanzers entspricht und, sollte es realisiert werden können, eine neue Kostenklasse für Kampfflugzeuge markieren würde.
Der eigentliche konzeptionelle Bruch – ein Paradigmenwechsel im Kampfflugzeugbau – liegt im Designansatz der Su-75. Die Checkmate ist nicht als klassischer bemannter Jagdflugzeugtyp konzipiert, der nachträglich um autonome Funktionen erweitert wird, sondern als große Hochleistungs-Kampfdrohne, die von Beginn an auch für einen bemannten Betrieb ausgelegt ist. Der Pilot ist damit keine technische Voraussetzung der Plattform, sondern eine Option.
Dieser Ansatz steht im deutlichen Gegensatz zur westlichen Entwicklungslinie, die weiterhin auf extrem aufwendige Tarnkappenplattformen setzt. Die Su-75 deutet eine Abkehr von der Vorstellung an, dass maximale Stealth-Eigenschaften allein den entscheidenden militärischen Vorteil bringen. Stattdessen rücken Autonomie, Kosten, Skalierbarkeit und Verlusttoleranz in den Vordergrund – Faktoren, die sich in aktuellen Konflikten als zunehmend relevant erwiesen haben.
Grundlegend unterscheidet sich dieser Ansatz auch von westlichen und chinesischen Programmen, die bemannte Kampfflugzeuge mit separaten unbemannten Begleitsystemen kombinieren – dem „Loyal-Wingman“-Konzept. Bei der Su-75 dagegen wird Autonomie nicht ausgelagert, sondern in einer einzigen Plattform konzentriert.
Gerade im unbemannten Betrieb liegt das disruptive Potenzial des Programms. Der Wegfall von Pilotenausbildung, Einsatzbeschränkungen und personalintensiver Infrastruktur würde die Betriebskosten nochmals deutlich senken und zugleich eine höhere Risikoakzeptanz im Einsatz ermöglichen.
Autonomie ist hier kein Zusatz, sondern der Kern des Konzepts. Dass westliche Programme diesen Weg bislang nicht gehen, ist weniger eine technische als eine strukturelle Entscheidung. Sie ist Ergebnis von Trägerdoktrinen, multinationalen Beschaffungsprogrammen und dem Anspruch, Kampfflugzeuge als zentrale Führungsplattformen in komplexen Verbundsystemen zu betreiben. Unbemannte Systeme werden dabei bewusst als separate Ergänzung ausgelegt, was hohe Anforderungen an Vernetzung, Logistik und Finanzierung nach sich zieht.
Die Su-75 ist dabei als Exportflugzeug konzipiert. Sie richtet sich an Staaten, die keinen Zugang zu westlichen Hochtechnologiesystemen haben oder bewusst eine andere Beschaffungslogik verfolgen: weniger Integrationstiefe, geringere Kosten, dafür maximale Flexibilität zwischen bemanntem und unbemanntem Einsatz.
Ob dieses Modell unter den Bedingungen von Sanktionen, begrenzten Produktionskapazitäten und wachsendem internationalen Wettbewerb tragfähig ist, bleibt abzuwarten. Sollte es jedoch gelingen, die angekündigten Leistungsdaten und den Preisrahmen tatsächlich umzusetzen, würde die Su-75 weniger ein Gegenentwurf zur F-35 sein als ein fundamental anderes Verständnis von Kampfflugzeugen im Zeitalter autonomer Kriegsführung.
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[1] https://www.twz.com/air/russia-insists-su-75-checkmate-fighter-will-fly-next-year
[2] https://www.armyrecognition.com/news/aerospace-news/2025/belarus-and-russia-strengthen-defense-ties-with-joint-su-75-stealth-fighter-production-plan
[3] https://www.armyrecognition.com/news/aerospace-news/2025/belarus-and-russia-strengthen-defense-ties-with-joint-su-75-stealth-fighter-production-plan
[4] https://www.thehindu.com/news/national/india-response-to-russian-push-for-su-57-long-range-drones-and-submarines/article70380636.ece
[5] https://www.eurasiantimes.com/not-just-su-57-russia-may-be-silently-pushing-su-75-checkmate-to-india-ahead-of-modi-putin-meeting/
[6] https://www.19fortyfive.com/2025/12/russias-su-57-felon-stealth-fighter-might-not-be-a-stealth-fighter/
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Experten streiten: Frisst der Kostendeckel die staatliche Förderung auf – oder hat die Kritik entscheidende Faktoren schlicht vergessen?
Das neue Altersvorsorgedepot [1]ist noch nicht einmal gestartet, da tobt bereits ein handfester Methodenstreit um seine Wirtschaftlichkeit.
Das Vergleichsportal Verivox hatte Anfang April mit einer Modellrechnung für Aufsehen gesorgt: Bei voller Ausschöpfung des gesetzlichen Kostendeckels von einem Prozent pro Jahr könne die staatliche Förderung komplett von Gebühren aufgezehrt werden. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) weist diese Darstellung nun als "systematisch schlecht gerechnet" zurück.
Der Bundestag hatte die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge [2] am 27. März 2026 beschlossen. Ab dem 1. Januar 2027 sollen Sparer erstmals staatlich gefördert in ETFs und Aktienfonds investieren können – ohne die teure Beitragsgarantie der alten Riester-Rente. Der gesetzliche Kostendeckel liegt bei maximal einem Prozent der jährlichen Gesamtkosten. Die Zustimmung des Bundesrats steht allerdings noch aus.
In seiner Modellrechnung [3] verglich Verivox ein gefördertes Altersvorsorgedepot mit einer Kostenquote von einem Prozent gegen ein ungefördertes ETF-Depot, das faktisch als kostenfrei modelliert wurde.
Das Ergebnis: Ein heute 25-Jähriger, der monatlich 150 Euro bei 7,5 Prozent Jahresrendite spart, käme im geförderten Depot bei einem Prozent Kosten auf rund 480.000 Euro bis zum Rentenbeginn [4] mit 67 Jahren. Ohne Förderung, aber auch ohne Kosten, stünden dagegen etwa 496.000 Euro zu Buche – rund 16.000 Euro mehr.
"Das neue Altersvorsorgedepot ist ein echter Paradigmenwechsel", sagte Oliver Maier, Geschäftsführer des Verivox Finanzvergleichs. Allerdings warnte er:
"Kosten in Höhe von 1 Prozent klingen zwar überschaubar. Doch über die Jahre und Jahrzehnte fließt bei dieser Kostenquote so viel Vermögen ab, dass es die gesamte staatliche Förderung mehr als aufzehren kann."
Bei einem kürzeren Anlagehorizont sieht die Rechnung günstiger aus: Ein heute 45-Jähriger hätte im geförderten Depot mit einem Prozent Kosten immerhin noch rund 13.000 Euro mehr als im ungeförderten Vergleich.
Das DIA hält Verivox gleich mehrere methodische Schwächen vor, wie aus einer Stellungnahme des Instituts [5] hervorgeht.
"Ein kostenfreies ETF-Depot existiert in der Realität nicht", betonte DIA-Sprecher Peter Schwark. Selbst günstige ETFs verursachten laufende Kosten von typischerweise 0,2 bis 0,5 Prozent pro Jahr.
"Wer 1,0 Prozent gegen null rechnet, erzeugt eine künstliche Kostenschere."
Als "größten blinden Fleck" bezeichnet das DIA die fehlende Steuerbetrachtung. Verivox hatte Steuern in der Modellrechnung ausdrücklich ausgeklammert.
Im ungeförderten ETF-Depot fallen jedoch laufend Abgeltungsteuer auf Ausschüttungen und die Vorabpauschale an. Im geförderten Altersvorsorgedepot bleiben Erträge in der Ansparphase dagegen steuerfrei, Umschichtungen zwischen Fonds lösen keine Steuerpflicht aus. Erst bei der Auszahlung ab 65 Jahren wird der persönliche Einkommensteuersatz fällig – der im Ruhestand in der Regel deutlich niedriger liegt als während des Erwerbslebens.
"Bei den Renditeannahmen von Verivox kostet die Besteuerung des ETF‑Depots fast zwei Prozentpunkte Rendite – ein Effekt, der jede diskutierte Kostendifferenz überlagert", so Schwark.
Hinzu komme der sogenannte intertemporale Progressionseffekt: Beiträge werden typischerweise bei höherem Steuersatz geleistet, als die späteren Auszahlungen versteuert werden müssen.
Die tatsächliche Förderstruktur des Altersvorsorgedepots geht über die von Verivox angesetzte Grundzulage deutlich hinaus. Neben der Grundförderung von bis zu 540 Euro pro Jahr erhalten Familien zusätzlich bis zu 300 Euro je Kind. Mittelbar Zulageberechtigte (z.B. nicht erwerbstätige Ehegatten von Förderberechtigten) erhalten einen Bonus von 175 Euro, Berufseinsteiger unter 25 Jahren einmalig 200 Euro.
Eine Familie mit zwei Kindern und niedrigem Einkommen könnte so auf eine Gesamtförderung von über 1300 Euro jährlich kommen.
Konkrete Produktangebote von Banken und Brokern gibt es bislang noch nicht – der offizielle Start ist erst für Januar 2027 vorgesehen. Neben Banken und Versicherern dürften hauptsächlich Neobroker wie Trade Republic, Scalable Capital oder Smartbroker mit aggressiver Preisgestaltung den Markt bearbeiten.
Branchenexperten erwarten laut einem Bericht von Telepolis [6] bis zu zehn Millionen potenzielle Nutzer. Ob die tatsächlichen Kosten dann wirklich am gesetzlichen Deckel kratzen oder deutlich darunter liegen, wird der Wettbewerb zeigen. Die Wahrheit dürfte – wie so oft – zwischen den Extrempositionen von Verivox und DIA liegen.
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[1] https://www.heise.de/tp/article/Rente-mit-ETFs-Fuer-wen-sich-die-staatliche-Foerderung-wirklich-lohnt-11114422.html
[2] https://www.heise.de/tp/article/Wie-gross-ist-die-Rentenluecke-in-Deutschland-wirklich-10629750.html
[3] https://www.verivox.de/presse/neues-altersvorsorgedepot-gebuehren-koennen-die-staatliche-foerderung-komplett-aufzehren-1121515/
[4] https://www.heise.de/tp/article/Gesetzliche-Rente-Rentensystem-Rentenpunkte-und-Vorsorge-einfach-erklaert-10621605.html
[5] https://www.dia-vorsorge.de/presse/dia-widerspricht-verivox-altersvorsorgedepot-wird-systematisch-schlecht-gerechnet/
[6] https://www.telepolis.de/article/Altersvorsorge-Depot-Bis-zu-600-Euro-jaehrlich-vom-Staat-fuer-Aktien-und-ETF-Investments-9980303.html
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Wie geht es weiter nach Inkrafttreten des Waffenstillstands im Libanon?
(Bild: ramiz dallah/Shutterstock.com)
Seit Mitternacht gilt zwischen Israel und Libanon eine Waffenruhe. In Beirut feierten die Menschen – doch es gibt bereits erste Verstöße. Ein Überblick.
Mit Schüssen in die Luft und Feuerwerk begrüßten Tausende Libanesen in der Nacht zum 16. April 2026 den Beginn der Feuerpause. In der südlichen Hafenstadt Sidon versammelten sich sichtlich erfreute Menschenmengen, und noch in der Dunkelheit begannen Arbeiter damit, von Israel zerstörte Brücken zu reparieren. Zehntausende Vertriebene machten sich auf den Weg zurück in die südlichen Vororte Beiruts und in die Dörfer Südlibanons.
Die Waffenruhe gilt zunächst für zehn Tage und soll Verhandlungen zwischen israelischen und libanesischen Regierungsvertretern ermöglichen, wie das US-Außenministerium mitteilte. US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Tag als "historischen Tag" für den Libanon und erklärte, die USA und der Iran seien einem separaten Abkommen zur Beendigung des Krieges "sehr nahe".
Gespräche könnten noch an diesem Wochenende in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad aufgenommen werden, so Trump.
Bereits in den ersten Stunden nach Inkrafttreten der Waffenruhe meldete [1] die libanesische Armee israelische Verstöße, darunter die Beschießung von Dörfern. Die staatliche libanesische Nachrichtenagentur berichtete zudem, dass ein Krankenwagen in der Ortschaft Kounine nahe der israelischen Grenze getroffen wurde, wobei medizinisches Personal verletzt wurde.
Die Hisbollah, die an den Verhandlungen nicht beteiligt war – Israel verhandelte ausschließlich mit der libanesischen Regierung –, erklärte [2], sie halte den "Finger am Abzug", falls Israel die Waffenruhe breche.
In einer Telegram-Mitteilung beschrieb die Gruppe ihre Operationen zwischen dem 2. März und dem 16. April: Demnach habe sie 2.184 Angriffe gegen Israel durchgeführt. Jede Waffenruhe müsse "umfassend für das gesamte libanesische Territorium gelten und darf dem israelischen Feind keinerlei Bewegungsfreiheit einräumen", hieß es weiter. Gleichzeitig signalisierte die Hisbollah ihre grundsätzliche Bereitschaft, die Feuerpause einzuhalten.
Israel wiederum besteht darauf, eine zehn Kilometer tiefe "Sicherheitszone" im Südlibanon zu behalten. Israelischen Medienberichten zufolge soll innerhalb von 24 Stunden eine Trennlinie zwischen israelischen und libanesischen Streitkräften eingerichtet werden.
Gleichzeitig wächst laut israelischen Medien der Unmut unter den Bewohnern der nördlichen Grenzregionen, die sich von der Waffenruhe verraten fühlen. Der Jerusalem Post zufolge [3] räumte ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter ein, dass die Waffenruhe maßgeblich auf Druck der USA zustande gekommen sei.
Der sechswöchige Krieg hat den Libanon schwer getroffen. Mehr als 2.100 Menschen wurden getötet. Über eine Million Menschen – etwa jeder fünfte Einwohner – wurden vertrieben. Israel meldete seinerseits zwei getötete Zivilisten und 13 gefallene Soldaten. Damit ist die Bilanz gemessen an den zivilen Opfern für den Zeitrahmen ähnlich verheerend wie im Gazakrieg.
Der Iran begrüßte die Feuerpause im Libanon und wertete sie als diplomatischen Erfolg sowie als Ergebnis des "Widerstands" der Hisbollah. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmail Baqaei, erklärte, Teheran betrachte den Waffenstillstand als Teil einer umfassenderen Verständigung mit den USA, die durch pakistanische Vermittlung erreicht worden sei.
Gleichzeitig machte Irans stellvertretender Außenminister Saeed Khatibzadeh deutlich, dass Teheran eine rein temporäre Waffenruhe ablehne. "Wir akzeptieren keinen vorübergehenden Waffenstillstand", sagte er.
Jede Feuerpause müsse zudem stets alle Konfliktgebiete umfassen – "vom Libanon bis zum Roten Meer". Dies sei für Iran eine "rote Linie". Den Zyklus des Konflikts gelte es "ein für alle Mal" zu beenden. Zur Straße von Hormus erklärte Khatibzadeh, der Wasserweg liege im iranischen Hoheitsgebiet, sei aber traditionell für alle offen. Er machte die USA und Israel für die Instabilität in der Region verantwortlich.
Al Akbar Dareini vom iranischen Zentrum für Strategische Studien, sagte [4] gegenüber Al Jazeera, ein vollständiger Waffenstillstand bis zum Wochenende sei "nicht auszuschließen". Er zweifelte jedoch daran, ob die USA ernsthaft an einer Einigung mit Teheran interessiert seien.
Hardliner in Washington würden Bedingungen durchsetzen wollen, die der Iran bereits abgelehnt habe. Die Waffenruhe im Libanon habe allerdings ein Hindernis für breitere Verhandlungen beseitigt, da Teheran die regionalen Konflikte als zusammenhängend betrachte: "Entweder gibt es Sicherheit für alle, oder für keinen."
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[1] https://www.france24.com/en/middle-east/20260417-middle-east-war-live-lebanese-army-accuses-israel-of-ceasefire-violations
[2] https://www.bbc.com/news/live/cqxdg17yr2wt?post=asset%3A13002731-fdd5-4761-b111-28b4d19df1d4#post
[3] https://aje.news/zo0udq?update=4499646
[4] https://aje.news/zo0udq?update=4499624
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Iran feuerte wochenlang täglich Hunderte Raketen und Drohnen ab – und steigerte die Rate kurz vor dem Waffenstillstand sogar noch.
Fünf Wochen lang feuerte der Iran täglich Raketen und Drohnen auf Israel, die Golfstaaten und US-Stützpunkte in der Region. Am 2. März, zwei Tage nach Kriegsbeginn, erreichten die Abschusszahlen ihren Höchststand: Der dreitägige gleitende Durchschnitt lag bei 215 Raketen und 567 Drohnen täglich, wie Daten zeigen, die Dmitri Alperovitch [1], Mitgründer des Silverado Policy Accelerator, auf Basis der Meldungen der Verteidigungsministerien der VAE, Kuwaits, Saudi-Arabiens, Bahrains sowie der israelischen Streitkräfte zusammenstellte.
Danach drosselte Iran seine Abschussrate deutlich – der Durchschnitt pendelte sich bei etwa 23 bis 40 Raketen und 60 bis 85 Drohnen täglich ein. In den Tagen unmittelbar vor dem von Pakistan vermittelten zweiwöchigen Waffenstillstand, der am 8. April in Kraft trat, zogen die Zahlen nochmals an: auf 37 Raketen und 85 Drohnen am 6. April.
Eine konservative Schätzung auf Basis der Alperovitch-Daten ergibt über die gesamten 38 Kriegstage eine Untergrenze von mindestens rund 1.900 abgefeuerten ballistischen Raketen und rund 5.200 Drohnen. Diese Zahl allein stellt die westlichen Bestandsschätzungen vor ein rechnerisches Problem. Israelische Militärgeheimdienstquellen hatten den iranischen Raketenbestand vor Kriegsbeginn auf rund 2.500 [2] Stück beziffert, eine Zahl, die in westlichen Analysen weitgehend übernommen wurde.
Aus Washington verlautete zudem, man könne mit Sicherheit nur feststellen, ein Drittel des iranischen Raketenbestands zerstört und ein weiteres Drittel beschädigt oder unzugänglich gemacht zu haben, wie IranWatch [3] unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise berichtete.
Addiert man die geschätzten Abschüsse zu dem nach eigenen westlichen Angaben zerstörten oder unzugänglich gemachten Anteil – zusammen rund 3.560 Raketen – überschreitet diese Summe den behaupteten Ausgangsbestand von 2.500 um mehr als 40 Prozent. Nach westlicher Rechnung hätte Iran also bereits vor Wochen keine ballistischen Raketen mehr haben dürfen. Hatte er aber. Und er steigerte seine Abschussrate in den Tagen vor dem Waffenstillstand sogar nochmals.
Iran begann bereits ab 1994 mit der Serienproduktion ballistischer Raketen – zunächst mit der Shahab-1 [4], eine Lizenzfertigung auf Basis nordkoreanischer Hwasong-5-Technologie mit einer Reichweite von 300 Kilometern, die während des Iran-Irak-Krieges entwickelt wurde. Es folgten die Shahab-2, die rund 15 Jahre lang gefertigt wurde, dann ab 2004 wurde die Shahab-3 in Dienst gestellt. Letztere wurde bis 2008 produziert, bevor modernere Systeme ihren Platz einnahmen.
Die Sejjil [5]-Rakete markierte hier einen Wendepunkt, weil der Iran mit ihr kein bloßer Lizenznehmer fremder Technologie mehr war, sondern ein eigenständiger Raketenproduzent mit tief verwurzelter industrieller Kompetenz.
Wie groß Irans tatsächliche Produktionskapazität ist, hat Carl Parkin vom Center for Nonproliferation Studies [6] im September 2025 auf Basis einer methodisch aufwendigen Satellitenbildanalyse untersucht. Parkin zählte die Gießgruben – jene im Tiefbau ausgeführten, betonummantelten Aushärtungsanlagen, in denen Feststofftreibstoff für Raketenantriebe produziert wird – an Irans drei bekannten Produktionsstandorten Shahroud, Khojir und Parchin und kam auf eine Gesamtzahl von 44 bis 56 Gruben. Bei einer Aushärtezeit von sechs bis zehn Tagen pro Charge ergibt das eine Produktionskapazität von 136 bis 217 Feststoffraketen pro Monat bei Vollauslastung.
Diese Zahlen beruhen allerdings darauf, dass Parkin tatsächlich alle Gießgruben im gesamten Iran identifiziert hat – einem Land von der etwa 4,6-fachen Größe Deutschlands.
Die deutlich konservativere US-Schätzung von 50 Raketen pro Monat erklärt Parkin damit, dass Washington die erst 2024 fertiggestellte, neueste Produktionslinie in Shahroud – mit allein 22 neuen Gießgruben – nicht in seine Berechnung einbezogen hatte.
Zum Vergleich: Russland produziert rund 2.500 Präzisionsraketen pro Jahr, schreibt die Militäranalystin Patricia Marins [7]. Auch wenn man den von Reuters [8] zitierten Schätzungen folgt, die den iranischen Raketenbestand vor Kriegsbeginn auf eine Spanne von 2.500 bis 6.000 Stück beziffern, bleibt die Frage, wie ein Land mit vier Jahrzehnten Produktionsgeschichte, einer monatlichen Kapazität von zuletzt bis zu 217 Raketen und Hunderten spezialisierter Unternehmen einen solch bescheidenen Bestand angehäuft haben soll.
Die Kostenstruktur bestätigt, dass diese Industrie auf Massenproduktion ausgelegt ist. Die Fateh-110 kostet in iranischer Fertigung rund 110.000 Dollar pro Stück, die Zolfaghar rund 150.000 Dollar, die Sejjil rund 500.000 Dollar – weit unter vergleichbaren russischen Systemen wie der Tochka mit bis zu 300.000 Dollar oder der Iskander mit rund drei Millionen Dollar pro Einheit, wie das Institut BIRM [9] dokumentiert.
Noch deutlicher als bei den ballistischen Raketen klafft die Lücke zwischen westlichen Bestandsbehauptungen und der beobachtbaren Realität beim Drohnenarsenal. Irans Gesamtproduktionskapazität liegt bei rund 10.000 Drohnen pro Monat über alle Typen, wie das von der britischen Regierung finanzierte Centre for Information Resilience gegenüber Reuters [10] angab.
Den Vorkriegsbestand allein an Shahed-136-Drohnen bezifferte israelische Militäraufklärung auf rund 80.000 Stück bei einer Tagesproduktion von etwa 400 Einheiten, berichtete The Observer [11]. In der Plateauphase des Krieges feuerte Iran laut Alperovitch [12] jedoch nie mehr als 60 bis 85 Drohnen täglich – maximal ein Viertel der monatlichen Produktionskapazität. Der Bestand wuchs netto, solange auch nur ein Teil der Fertigungsanlagen lief.
Dass US-Streitkräfte nach eigenen Angaben jede bekannte Produktionsstätte getroffen haben, ändert daran strukturell wenig. Die Shahed sei absichtlich simpel konstruiert – das sei ein Designmerkmal, keine Schwäche, warnte Kelly Grieco vom Stimson Center gegenüber dem Fachportal DefenseScoop [13]: Solange Konstruktionsdaten, technisches Wissen und Lieferketten erhalten blieben, sei der Wiederaufbau eine Frage von Monaten. Die Drohne bestehe im Wesentlichen aus einem Fiberglaskörper, Motor, einfacher Steuereinheit und Sprengstoff und könne theoretisch in einer Bootsreparaturwerkstatt gefertigt werden, berichtete Bloomberg [14].
Zudem erweist sich die unterirdische Infrastruktur als weitgehend unverwundbar. Obwohl 77 Prozent der sichtbaren Tunneleingänge getroffen wurden, nahm die Aktivität an den Standorten jeweils rasch wieder auf – eine Raketenstadt nahe Yazd, 450 Meter tief in Granit, war nach US-Geheimdienstangaben binnen Stunden wieder in Betrieb, berichtete das Soufan Center [15].
Fünf Wochen Krieg, 13.000 angegriffene Ziele, bis zu 35 Milliarden US-Dollar [16] an direkten Kriegskosten auf westlicher Seite – und Iran feuerte in den Tagen vor dem Waffenstillstand mehr Raketen und Drohnen ab als in der Woche zuvor.
Was die verfügbaren Daten nahelegen, ist ernüchternd. Iran hat seine Abschussrate über weite Strecken des Krieges bewusst gedrosselt, im Hinblick auf Drohnen nie mehr als einen Bruchteil seiner Produktionskapazität ausgeschöpft und seine Taktik währenddessen kontinuierlich verfeinert – weg von Massensalven, hin zu gezielten Schlägen mit steigenden Trefferquoten gegen Infrastruktur und Verteidigungssysteme, wie Analysten gegenüber der Washington Post [17] feststellten.
Die unterirdische Produktionsinfrastruktur ist weitgehend intakt, und der Wiederaufbau zerstörter Fertigungskapazitäten ist nach Experteneinschätzung eine Frage von Monaten. Gemessen an einer Produktionskapazität von bis zu 217 ballistischen Raketen und 10.000 Drohnen pro Monat dürfte Iran bisher allenfalls einen Bruchteil seines tatsächlichen Arsenals verbraucht haben – vorausgesetzt, die westlichen Schätzungen zur Produktionskapazität sind auch nur annähernd zutreffend. Und daran, dass sie es sind, hat der Kriegsverlauf wenig Zweifel gelassen.
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[1] https://x.com/DAlperovitch/status/2041346749822906846/photo/1
[2] https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/what-are-irans-ballistic-missile-capabilities-2026-02-26/
[3] https://www.iranwatch.org/our-publications/articles-reports/iran-war-weapon-programs-one-month-update
[4] https://missilethreat.csis.org/missile/shahab-1/
[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Sejjil
[6] https://www.armscontrolwonk.com/archive/1220847/guest-post-always-be-casting-an-estimate-of-iranian-solid-rocket-motor-production/
[7] https://global21.substack.com/p/how-many-missiles-does-iran-still
[8] https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/iran-could-disrupt-strait-hormuz-with-drones-months-2026-03-04/
[9] https://instytutbirm.pl/the-application-of-iranian-srbms-on-russias-advancements-in-ukraine/
[10] https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/iran-could-disrupt-strait-hormuz-with-drones-months-2026-03-04/
[11] https://observer.co.uk/news/business/article/the-boom-in-remote-controlled-death
[12] https://x.com/DAlperovitch/status/2041346749822906846/photo/2
[13] https://defensescoop.com/2026/04/08/hegseth-gen-caine-iran-drone-arsenal-damage-operation-epic-fury/
[14] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-03-11/iran-s-production-of-shahed-missles-slowed-down-but-not-halted
[15] https://thesoufancenter.org/intelbrief-2026-april-6/
[16] https://www.wsj.com/livecoverage/iran-war-latest-news-israel-us-lebanon-2026/card/iran-war-has-cost-estimated-25-billion-to-35-billion-expert-says-p7KRBnQjbYAYAzfbP0d8
[17] https://www.washingtonpost.com/national-security/2026/04/07/hegseth-iran-rhetoric/
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Das BKA verzeichnet für 2025 so viele politisch motivierte Straftaten wie nie zuvor. Rund die Hälfte stammt aus dem rechten Spektrum.
Das Bundeskriminalamt hat für 2025 insgesamt 85.837 politisch motivierte Straftaten registriert – so viele wie nie seit Beginn der Erfassung im Jahr 2001. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von zwei Prozent. Seit 2015 hat sich die Zahl damit mehr als verdoppelt.
Wie aus den BKA-Daten bei der Süddeutschen Zeitung [1] hervorgeht, entfällt rund die Hälfte aller Fälle auf das rechte Spektrum: 42.544 Delikte, knapp 50 Prozent.
Noch im Tagesspiegel-Bericht vom Februar 2026 [2] hatten vorläufige Zahlen auf rund 41.000 rechte Straftaten hingedeutet – was einem Rückgang um vier Prozent gleichgekommen wäre. Die endgültigen Daten zeigen nun aber das Gegenteil: Auch im rechten Bereich stiegen die Zahlen erneut.
Dem linken Spektrum wurden 13.490 Straftaten zugeordnet – ein Plus von 35 Prozent. Weitere 6.886 Fälle hatten einen Bezug zu ausländischer Ideologie, 1.983 einen religiösen Hintergrund. Über 20.900 Taten ließen sich keiner dieser Kategorien eindeutig zuordnen.
Einen zentralen Faktor für den Rekordwert sieht das BKA in der vorgezogenen Bundestagswahl im Februar 2025. Rund um den Urnengang wurden etwa 10.000 politisch motivierte Straftaten gemeldet, darunter mehr als 7.000 Sachbeschädigungen – vorwiegend an Wahlplakaten – sowie rund 400 Propagandadelikte. Die Gewerkschaft der Polizei sprach angesichts dessen von einer "neuen Dimension". Neben dem aufgeheizten Wahlkampfklima im Inland verweist das BKA auch auf internationale Krisen wie den Nahostkonflikt als zusätzlichen Faktor.
Bei den rechts motivierten Gewalttaten liegen bislang vorläufige Zahlen vor: 1.521 Fälle – zwei Prozent mehr als im Vorjahr (1.488). Dazu zählen Delikte wie Körperverletzung, Landfriedensbruch oder gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr. Eine Gesamtübersicht der Gewalttaten über alle ideologischen Kategorien hinweg wurde noch nicht veröffentlicht.
Besonders auffällig ist der starke Anstieg bei Straftaten aus dem linken Spektrum. Das Plus von 35 Prozent auf 13.490 Delikte fiel in einzelnen Bundesländern besonders deutlich aus.
Im Jahr 2024 verzeichneten Brandenburg (plus 124 Prozent) und Sachsen (plus 37 Prozent) die stärksten prozentualen Zuwächse im linken Spektrum; Nordrhein-Westfalen lag mit rund 1.180 Fällen absolut an der Spitze, ohne jedoch einen ähnlich starken prozentualen Anstieg zu zeigen.
2025 kehrte sich dieser Trend allerdings teilweise um – etwa in Brandenburg: Laut Brandenburger Innenministerium [3] gingen die Straftaten im linken Phänomenbereich dort um über 35 Prozent auf 756 Fälle zurück.
Der Grund: Viele linke Straftaten hatten 2024 mit Wahlen zu tun – etwa dem Abreißen von Wahlplakaten. Brandenburg erlebte in jenem Jahr mit Landtags-, Kommunal- und Europawahlen ein Superwahljahr. Als die Wahlkämpfe 2025 wegfielen, sanken auch die entsprechenden Fallzahlen.
Insgesamt zeichnen die BKA-Zahlen ein Bild wachsender politischer Polarisierung. Die Erfassung politisch motivierter Kriminalität erfolgt seit 2001 durch Bund und Länder in den Kategorien rechts, links, ausländisch-ideologisch, religiös und sonstig.
Langfristig zeigt sich ein fast ununterbrochener Aufwärtstrend – befeuert durch Wahlen, gesellschaftliche Konflikte und internationale Krisen.
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[1] https://www.sueddeutsche.de/politik/bka-politische-straftaten-deutschland-rekord-li.3469026
[2] https://www.tagesspiegel.de/politik/polizeistatistik-rechts-motivierte-gewalttaten-nehmen-zu-15252021.html
[3] https://mik.brandenburg.de/mik/de/service/presse/pressemitteilungen/detail-pm-und-meldungen/~16-04-2026-pmk-2025
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Das KI-Modell Mythos galt als Sicherheitsrisiko – jetzt sollen US-Behörden es nutzen. Was steckt hinter dem Sinneswandel?
Noch vor wenigen Wochen galten Anthropics Produkte als Risiko für die nationale Sicherheit der USA, nun soll das mächtigste Modell des Unternehmens in den Dienst genau dieser Sicherheit gestellt werden.
Wie Bloomberg berichtet [1], plant das Weiße Haus die Verteilung einer Version von Anthropics KI-Modell Mythos an wichtige Bundesbehörden.
Das geht laut Bericht aus einem Memo hervor, das Gregory Barbaccia, der Chief Information Officer des Office of Management and Budget (OMB), verschickt haben soll. Demnach wurden die Ministerien für Verteidigung, Finanzen, Handel, innere Sicherheit, Justiz und Auswärtiges informiert, dass das OMB Schutzmaßnahmen für den Einsatz von Mythos einrichte.
Die Nutzung solle in den kommenden Wochen möglich sein – der Plan sei allerdings noch nicht endgültig beschlossen.
Das Vorhaben ist bemerkenswert, denn erst vor gut einem Monat hatte die Trump-Administration Anthropics Produkte als Gefahr für die nationale Sicherheit eingestuft und de facto aus der Bundesverwaltung verbannt. Anthropic klagte dagegen vor zwei Bundesgerichten: Ein Richter in Nordkalifornien setzte Teile der Maßnahme vorläufig aus, während das D.C. Circuit Court of Appeals sie wenig später ebenfalls vorläufig bestätigte. Die Einstufung war historisch: Bis dahin war diese Maßnahme ausländischen Unternehmen vorbehalten.
Vorausgegangen war, wie Telepolis berichtete [2], ein Streit zwischen dem Pentagon und Anthropic über die militärische Nutzung von KI-Modellen – nur wenige Stunden bevor die USA Angriffe auf den Iran starteten.
Mythos unterscheidet sich fundamental von bisherigen Sprachmodellen. Wie das Modell im Detail vorgeht, welche Schwachstellen es bereits gefunden hat und was das für die digitale Infrastruktur bedeutet, hat Telepolis ausführlich analysiert. [3]
Wie Telepolis ausführlich berichtet [4], kann das Modell autonom Zero-Day-Schwachstellen in weitverbreiteter Software finden und ausnutzen – also bislang unbekannte Sicherheitslücken, für die noch kein Patch existiert.
Betroffen sind unter anderem Linux, sämtliche großen Webbrowser und Betriebssysteme.
Anthropics internes "Frontier Red Team", eine 15-köpfige Gruppe von Sicherheitsexperten unter der Leitung von Logan Graham, erkannte die Brisanz rasch. "Innerhalb von Stunden nach Erhalt des Modells wussten wir, dass es anders war", sagte Graham laut Telepolis.
Während ein Vorgängermodell lediglich Hinweise geliefert habe, wie sich Schwachstellen ausnutzen ließen, könne Mythos die Angriffe selbstständig durchführen.
Besonders alarmierend: In einem Testlauf verknüpfte Mythos vier verschiedene Schwachstellen zu einer einzigen Browser-Angriffskette – eine Leistung, die selbst für hoch qualifizierte menschliche Hacker eine enorme Herausforderung darstellt.
Zu den eingesetzten Techniken zählen JIT Heap Spraying, Sandbox Escapes, Return-Oriented Programming (ROP) und KASLR-Bypasses. Bloomberg beschrieb die Fähigkeiten als "digitales Äquivalent eines Bankraubs": Mythos könne Sicherheitsprotokolle überwinden, in Netzwerke eindringen und auf geschützte Daten zugreifen.
Anstatt Mythos öffentlich freizugeben, startete Anthropic Anfang April die Initiative Anthropic: Project Glasswing [5]. Rund 50 ausgewählte Organisationen – darunter Amazon Web Services, Apple, Cisco, CrowdStrike, Google, JPMorgan Chase, die Linux Foundation, Microsoft, Nvidia und Palo Alto Networks – erhielten eingeschränkten Zugang zu einer Vorschauversion.
Das Ziel: Die Partner sollen Mythos defensiv einsetzen, um Schwachstellen in eigenen Systemen und Open-Source-Software aufzuspüren, bevor Angreifer sie ausnutzen können. Anthropic stellt dafür nach eigenen Angaben Nutzungsguthaben im Wert von 100 Millionen US-Dollar bereit und spendet vier Millionen US-Dollar an Open-Source-Sicherheitsorganisationen.
Die Entscheidung der Anthropic-Führung fiel Anfang März 2026. Chef Dario Amodei, Präsidentin Daniela Amodei und IT-Sicherheitschef Vitaly Gudanets kamen laut Bloomberg zu dem Schluss, dass Mythos zu riskant für eine allgemeine Freigabe sei.
Mitgründer und wissenschaftlicher Leiter Jared Kaplan erklärte: "Es wurde schnell klar, dass wir etwas ziemlich Ungewöhnliches tun wollten".
Statt das Modell der Öffentlichkeit vorzustellen, veröffentlichte Anthropic am Donnerstag stattdessen Claude Opus 4.7 – ein Modell, das nach eigenen Angaben "nicht so fortschrittlich" sei wie Mythos, insbesondere hinsichtlich seiner Cyberfähigkeiten.
Die Kehrtwende der Trump-Regierung von der Ächtung zum Einsatz vollzog sich offenbar schrittweise. Wie Politico berichtete [6], hatte das Center for AI Standards and Innovation des US-Handelsministeriums die Fähigkeiten von Mythos bereits aktiv getestet, noch bevor Anthropic die Existenz des Modells offiziell bestätigte.
Mitarbeiter von mindestens zwei weiteren großen Bundesbehörden nahmen trotz des Verbots Kontakt zu Anthropic auf, um Zugang zu erbitten. Mindestens drei Kongressausschüsse hielten oder forderten in der vergangenen Woche Unterrichtungen des Unternehmens an.
Die Reaktionen aus dem Finanzsektor fielen nicht weniger drastisch aus. Am Tag der öffentlichen Bestätigung beriefen US-Finanzminister Scott Bessent und Fed-Chef Jerome Powell ein Treffen mit führenden Wall-Street-Vertretern [7] ein.
Die Botschaft laut Bloomberg: Die Banken sollten Mythos sofort zur Suche nach Schwachstellen einsetzen. JPMorgan-Chef Jamie Dimon erklärte demnach bei einer Bilanzpressekonferenz, Mythos zeige, "dass noch viel mehr Schwachstellen behoben werden müssen".
Auch Goldman Sachs, Citigroup, Bank of America und Morgan Stanley testen das Modell intern. Laut Gizmodo [8] führt die Bank of England nach einer Vorschau "dringende Gespräche" mit Cybersicherheitsbeamten.
Für Europa und insbesondere Deutschland wirft Mythos grundlegende Fragen auf. BSI-Präsidentin Claudia Plattner nimmt das Modell nach eigener Aussage [9] ernst und erwartet "Umwälzungen im Umgang mit Sicherheitslücken und in der Schwachstellenlandschaft insgesamt".
Das BSI stehe in Kontakt mit Anthropic und habe Einblicke in die Funktionsweise erhalten. Deutsche Banken, BaFin, Bundesbank und das Finanzministerium prüfen die Risiken für bestehende Legacy-Systeme – insbesondere in kritischer Infrastruktur wie der Energieversorgung.
Bislang sind keine Pläne bekannt, Mythos europäischen Behörden oder deutschen Unternehmen zugänglich zu machen. Am Glasswing-Programm sind keine deutschen Organisationen namentlich beteiligt. Die Frage nach europäischer KI-Souveränität im Cyberbereich stellt sich damit drängender denn je.
Unterdessen positioniert sich die Konkurrenz: OpenAI hat mit GPT-5.4-Cyber ein auf defensive Cybersicherheit spezialisiertes Modell angekündigt [10], das ähnliche Fähigkeiten wie Mythos bieten soll.
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https://www.heise.de/-11261777
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-16/white-house-moves-to-give-us-agencies-anthropic-mythos-access
[2] https://www.telepolis.de/article/Streit-um-KI-Ethik-Pentagon-erklaert-Anthropic-zum-nationalen-Risiko-11216117.html
[3] https://www.heise.de/tp/article/Anthropics-KI-Modell-Mythos-Das-Ende-des-Internets-wie-wir-es-kennen-11260770.html
[4] https://www.telepolis.de/article/Anthropics-KI-Modell-Mythos-Das-Ende-des-Internets-wie-wir-es-kennen-11260770.html?seite=all#x96; also bislang unbekannte Sicherheitslücken, für die noch kein Patch existiert.</div><div class=
[5] https://www.anthropic.com/glasswing
[6] https://www.politico.com/news/2026/04/14/anthropic-mythos-federal-agency-testing-00872439
[7] https://www.heise.de/news/Anthropic-KI-Mythos-Dringende-Warnung-an-US-Banken-BSI-erwartet-Umwaelzungen-11251450.html
[8] https://gizmodo.com/white-house-is-reportedly-ready-to-drop-its-anthropic-beef-and-embrace-the-spooky-new-model-2000747561
[9] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/ki-anthropic-claude-mythos-schwachstellen-software-bsi-100.html
[10] https://www.heise.de/news/Nach-Anthropic-Mythos-OpenAI-kuendigt-GPT-5-4-Cyber-an-11259060.html
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Der Kerosinmangel wird sich in den nächsten Wochen und Monaten auch in Deutschland bemerkbar machen
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Kerosin wird knapp: IEA-Chef warnt vor Flugstreichungen und Kostendruck. Experten widersprechen der Entwarnung von Wirtschaftsministerin Reiche.
Europas Flugbenzinvorräte reichen noch etwa sechs Wochen – danach drohen Streichungen. Das sagte [1] Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), am Donnerstag der Nachrichtenagentur AP. "Bald werden wir die Nachricht hören, dass einige Flüge von Stadt A nach Stadt B wegen Treibstoffmangels gestrichen werden könnten", warnte Birol.
Ursache ist die seit Ende Februar andauernde Sperrung der Straße von Hormus im Kontext des US-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran [2]. Durch die Meerenge, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, läuft unter normalen Bedingungen rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports.
Der Ökonom Claudio Galimberti von der Analysefirma Rystad Energy warnte [3], die Situation könne binnen "der nächsten drei, vier Wochen systemisch" werden – es könnten also schon im Mai und Juni erhebliche Flugkürzungen folgen.
Der europäische Dachverband für Flughafenbetreiber ACI Europe hatte die EU-Kommission vergangene Woche schriftlich darauf hingewiesen, dass ab Anfang Mai eine Kerosinknappheit eintreten könnte, sollten Tanker nicht vorher wieder durch die Straße von Hormus fahren.
Bislang sind offene Engpässe ausgeblieben, weil Lieferungen, die vor Kriegsbeginn auf den Weg gebracht wurden, noch ankamen. Diese letzten Ladungen haben Europa nun erreicht. Die niederländische Fluggesellschaft KLM, Teil des Konzerns Air France-KLM, gab am Donnerstag bekannt [4], im kommenden Monat 160 Flüge zu streichen.
Das Unternehmen begründete dies mit gestiegenen Kerosinkosten, nicht mit einem physischen Mangel: "Es handelt sich um eine begrenzte Anzahl von Flügen innerhalb Europas, die aufgrund steigender Kerosinkosten derzeit nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind", teilte KLM mit.
Air France-KLM hat zwar 87 Prozent seines Treibstoffbedarfs durch Absicherungsgeschäfte – sogenanntes Hedging – gegen Preisanstiege abgesichert, strich die Flüge dennoch wegen der verbleibenden Kosten. Betroffen sind vor allem stark frequentierte Verbindungen zwischen Amsterdams Flughafen Schiphol und London sowie Düsseldorf, wo Passagiere leicht auf andere Flüge umgebucht werden können.
Die britische Billigfluggesellschaft EasyJet hingegen gab sich am Donnerstag gelassen. Konzernchef Kenton Jarvis erklärte [5], man habe "Sichtbarkeit bis Mitte Mai und keine Bedenken" hinsichtlich der Treibstoffversorgung.
Der Preis für Erdöl der Sorte Brent liegt weiterhin mehr als 30 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Seit Ende Februar hat sich der Kerosinpreis in etwa verdoppelt, was sich direkt auf die Ticketpreise auswirkt.
Das Risiko eines Mangels ist laut IEA in Asien am höchsten, in Europa etwas geringer – doch auch europäische Länder hängen von Öl und Raffinerien aus dem Nahen Osten ab.
Innerhalb Europas gibt es erhebliche Unterschiede: Österreich, Bulgarien und Polen verfügen über größere Vorräte, während Großbritannien, Island und die Niederlande stärker gefährdet sind.
"Kleinere Flughäfen im Landesinneren werden in einer schwächeren Position sein als die großen Drehkreuze", sagte Rico Luman, Ökonom bei der ING-Bank. Er geht nicht von einem vollständigen Stillstand aus: "Es wird zu teilweisen Ausfällen bei einigen Airlines und Flughäfen kommen."
Der französische Energiekonzern TotalEnergies warnte bereits, nicht alle seine Kunden beliefern zu können, sollte das Golf-Öl noch im Juni blockiert sein. Konzernchef Patrick Pouyanne sagte am Montag: "Sollten dieser Krieg und diese Blockade länger als drei Monate andauern, werden wir bei einigen Produkten wie Flugbenzin mit ernsthaften Versorgungsproblemen konfrontiert sein."
Die Branchenorganisation Airlines for Europe (A4E), der unter anderem Lufthansa, Air France-KLM und Ryanair angehören, forderte die EU auf, Echtzeitinformationen über Treibstoffvorräte an den Flughäfen verfügbar zu machen. Kraftstofflieferanten zeigen sich allerdings wenig begeistert davon, sensible Geschäftsdaten an ihre Kunden weiterzugeben.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht [6] indes keine Gefahr eines Kerosinmangels für Deutschland. Der IEA-Chef habe auf Knappheiten in asiatischen Märkten hingewiesen, sagte sie am Donnerstag in Berlin.
"Hier haben wir in Deutschland keinen Mangel an Kerosin", betonte Reiche. Man habe im Rahmen der Freigabe von Ölreserven auch Teilmengen an Kerosin freigegeben, die jedoch nicht in übermäßigem Maße nachgefragt worden seien. "Kerosin wird übrigens auch in deutschen Raffinerien produziert", so die Ministerin. Deutschland sei nicht allein auf Importe angewiesen.
Diese Einschätzung stößt bei Fachleuten auf Widerspruch. Der Analyst James Noel-Beswick erklärte [7] gegenüber der Deutschen Verkehrszeitung (DVZ), dass die vermeintlich entspannte Lage an deutschen Flughäfen trügerisch sei.
Zwar werde ein Teil des Kerosins in Europa – auch in den Niederlanden – produziert, doch diese Kapazitäten seien begrenzt: "Niederländische Lieferungen werden perspektivisch von immer mehr Ländern nachgefragt, und dieser Wettbewerb wird die Kosten zuerst nach oben treiben. Wenn er sich verschärft und die niederländischen Bestände sinken, wird aus Preisdruck physische Knappheit", so Noel-Beswick. "Alle Annahmen über eine verlässliche niederländische Versorgung gehören daher auf den Prüfstand. Auch Deutschland ist beim Kerosin nicht immun."
Strukturell produziere Europa deutlich weniger Kerosin, als die Airlines verbrauchten, so Noel-Beswick weiter. Airlines ohne ausreichendes Hedging spürten den Margendruck direkt, sobald die importgebundenen Preise anzögen. Flugstreichungen seien dabei "das letzte Mittel und kommen deutlich später" – wahrscheinlicher seien zunächst höhere Treibstoffzuschläge auf Tickets sowie die Ausdünnung von Strecken mit schwachen Margen, vor allem auf der Kurzstrecke.
Eine grundlegende Lösung sieht der Analyst nicht, solange die Straße von Hormus gesperrt bleibt: "Ohne eine Wiedereröffnung der Meerenge gibt es keine echte Entlastung auf der Angebotsseite. Alles andere kompensiert nur teilweise."
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[1] https://apnews.com/article/iran-war-europe-jet-fuel-flight-cancellations-birol-6e67fafd493861b3858de5548aa77703
[2] https://www.telepolis.de/thema/Irankrieg-2026
[3] https://www.zdfheute.de/wirtschaft/kerosin-luftfahrt-strasse-von-hormus-knappheit-100.html
[4] https://www.reuters.com/business/klm-cancels-160-flights-coming-month-due-rising-fuel-costs-2026-04-16/
[5] https://www.theguardian.com/business/2026/apr/16/europe-supply-jet-fuel-iran-war-flight-cancellations-iea
[6] https://www.stern.de/news/reiche--deutschland-hat-keinen-mangel-an-kerosin-37315594.html
[7] https://www.dvz.de/unternehmen/luft/detail/news/warum-auch-deutschland-das-kerosin-ausgehen-koennte.html
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Die Karte zeigt die politische Landkarte Europas um 1812, mit den damaligen Grenzen und Einflussbereichen der Großmächte.
(Bild: pamela ranya / Shutterstock.com)
Russland, die USA, Europa: Politologe Münkler warnt – imperiale Mächte prägen die Weltordnung neu. Was das für die EU bedeutet. (Teil 1)
Der Begriff "Imperium" besitzt eine große Tragweite in der theoretischen Betrachtung menschlicher Gesellschaften. Der Grund hierfür ist, dass Imperien in der erfassbaren Menschheitsgeschichte eine überragende Rolle gespielt haben. Doch was ist eigentlich unter einem Imperium zu verstehen und welche Bedeutung hat derartiges Wissen für die Gegenwart?
Vertraut man diesbezüglich der Einschätzung Herfried Münklers [1], besitzt das Thema eine hohe aktuelle Relevanz, da wir ihm zufolge gerade "die Wiederkehr des Imperiums als politisches Ordnungsmodell" beobachten können. Darüber hinaus konstatiert Münkler, dass Imperien gar "die bestimmenden Mächte unserer Zeit" seien und "nicht imperiale Akteure" zukünftig einen schweren Stand hätten, wenn es darum ginge, "neben ihnen und gegen sie globalen Einfluss auszuüben."
Zwei Nationen mit langer imperialer Tradition, die russische und die US-amerikanische, spielen hierbei aus europäischer Perspektive eine besondere Rolle. Während es jedoch in Bezug zu Russland zuletzt quasi zu einer Art Allgemeinplatz geworden ist [2], insbesondere im Kontext des Krieges in der Ukraine auf dessen "imperiale Ziele" oder "imperialen Furor" abzustellen, waren Einschätzungen mit Blick auf die Außenpolitik der USA lange wohlwollender.
Dieser Umstand ändert sich möglicherweise, wie etwa ein neueres Interview der ZEIT [3] mit dem renommierten Historiker Karl Schlögel zeigt. Jetzt, wo "das Territorium Grönlands, Bestandteil Dänemarks, Teil des Nato-Gebiets, plötzlich von den USA beansprucht wird", scheinen auch die etablierten Kreise der deutschen Intelligenzia auf die "imperialen Ambitionen von Trumps Amerika" aufmerksam zu werden. Ein realistischerer Blick auf die USA wäre ein überfälliger Wandel deutscher außenpolitischer Analyse, die hier in diverser Hinsicht defizitär wirkt [4].
Insgesamt erscheint es daher sinnvoll, sich eingehender mit der Materie zu befassen. Im Geiste dieses Anliegens wird sich der vorliegende erste Teil dem Thema aus einer allgemeineren Perspektive nähern und am Ende einige Überlegungen zur Rolle der EU anstellen, die manche Beobachter [5] in der zwiespältigen Position sehen, "entweder ein Imperium oder eine große Einflusssphäre anderer Supermächte zu werden." Teil zwei und drei werden mit Betrachtungen des russischen und US-amerikanischen Imperialismus anschließen.
Will man politische Phänomene oder Entitäten, wie etwa Imperien, rational und mit gebührendem Tiefgang erfassen, bietet es sich an, sich mittels Einführungstext einen ersten Überblick über die Materie zu verschaffen – hier haben dem Autor die "kurzen Einführungen" der Oxford University Press stets gute Dienste geleistet [6]. So schrieb etwa Stephen Howe sehr treffend:
Eine Art grundlegende, konsensfähige Definition wäre, dass ein Imperium ein großes politisches Gebilde ist, das über Territorien außerhalb seiner ursprünglichen Grenzen herrscht. Es verfügt über eine zentrale Macht oder ein Kerngebiet, dessen Einwohner in der Regel weiterhin die dominierende ethnische oder nationale Gruppe im gesamten System bilden, sowie über eine ausgedehnte Peripherie beherrschter Gebiete.
Historisch betrachtet waren koloniale Praktiken, also die militärische Unterwerfung und mehr oder weniger direkte Kontrolle externer Territorien, inklusive der Besiedlung neuer Gebiete durch Teile der Kerngesellschaft, die gängige Methode, mittels derer imperiale Expansion erfolgte. In diesem Kontext wurde oft mit derartiger Brutalität vorgegangen, dass einige Historiker zu dem Schluss gelangten, "dass die meisten Episoden von Völker- und Massenmord in der Weltgeschichte mit dem Aufbau von Imperien in Zusammenhang standen."
Gleichwohl waren – und sind – imperiale Hierarchien immer auch von einer Mischung aus direkter und indirekter Kontrolle geprägt. Die Zentralmacht besitzt zwar in den meisten Fällen die überwiegende Souveränität, in der Regel gibt es aber in jedem größeren Teil des Imperiums auch "eine Form dezentraler 'kolonialer' oder 'provinzieller' Regierung, die über untergeordnete, aber keineswegs unbedeutende eigene Kompetenzen verfügt."
Zentraler Grund hierfür ist, dass selbst das mächtigste Imperium nicht lange bestehen könnte, wenn es sich ausschließlich auf vom Zentrum ausgeübte "harte" Macht verlassen würde. Es bedurfte stets einer Kombination aus harter und "sanfter" Macht, um lokale Eliten und Bevölkerungen davon zu überzeugen zu kooperieren, statt sich zu widersetzen. Nicht wenige Experten würden daher argumentieren, "dass der Schlüssel zum Verständnis von Imperien in den Abmachungen liegt, die zwischen dem imperialen Zentrum und lokalen 'Kollaborateuren' getroffen wurden."
Doch warum neigen menschliche Gesellschaften eigentlich dazu, sich über andere zu erheben und imperiale Hierarchien zu etablieren? Und wieso haben Imperien bisher immer nur über bestimmte Zeiträume existiert, bevor sie einem unvermeidlich scheinenden Abstieg anheimfielen?
Zu diesen Fragen gibt es viele Theorien. Eine interessante hat der Komplexitätsforscher Peter Turchin vorgelegt [7]. Mittels einer Kombination aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Ansätzen, die sich in einigen Hinsichten auch naturwissenschaftlicher Einsichten – wie mathematischen Modellen – bedienen, hat er eine Disziplin namens "Cliodynamik" begründet [8], die er seither auf diverse soziale Phänomene, so auch den Aufstieg und Fall von Imperien, angewendet hat.
"Die Grundannahme der Disziplin" laute Turchin zufolge, "dass die Geschichte von großen, unpersönlichen Kräften geprägt wird – nicht durch das Handeln einzelner Individuen, sondern durch das Handeln ganzer Kollektive von ihnen." Obgleich er eingesteht, dass Individuen punktuell bedeutsame Rollen in der Geschichte spielen können, seien sie keine zentralen Faktoren im Kontext historischer Dynamiken:
Historische Dynamiken lassen sich [wiederum] als Ergebnis von Wettbewerb und Konflikt zwischen Gruppen verstehen, von denen einige andere dominieren. Dominanz ist jedoch nur möglich, weil Gruppen auf der Mikroebene durch Kooperation unter ihren Mitgliedern integriert sind. Kooperation innerhalb der Gruppe bildet die Grundlage für Konflikte zwischen Gruppen – einschließlich ihrer extremen Formen wie Krieg und sogar Völkermord.
Das Fundament hierfür bildet die Eigenschaft, die der arabische Denker Ibn Chaldūn "Asabiya" nannte und die Turchin in seine Theorien integriert hat. Asabiya bezeichnet die Fähigkeit eines Kollektivs zu koordiniertem Handeln und ist ein dynamischer Faktor, der im Laufe der Zeit zu- oder abnehmen kann. Zugenommen hätte Asabiya laut Turchin oft dort, wo Gesellschaften sich an sogenannten "metaethnischen Grenzen" wiederfanden und sich einem hohen Konkurrenzdruck durch kulturell fremde Kollektive ausgesetzt sahen.
Empirische Beispiele für diese These seien etwa das römisch/gallische, russisch/tatarische und US-amerikanisch/"indianische" Aufeinanderprallen gewesen. Tatsächlich haben sich in vielen Fällen agrarisch basierte gegen nomadische (und daher oft loser koordinierte) Kollektive durchgesetzt und im Zuge der intensiven Konfrontation eine Art "imperialen Antrieb" sowie ein hohes Maß an Asabiya entwickelt, woraus Turchin zufolge die fortlaufende Expansion abzuleiten sei.
Imperialer Antrieb und Asabiya erschöpften sich jedoch, selbst oder besonders bei erfolgreichen Imperien, im Laufe der Zeit:
Gerade die Stabilität und der innere Frieden, die starke Imperien durchsetzen, tragen die Keime künftigen Chaos in sich. Stabilität und innerer Frieden bringen Wohlstand, und Wohlstand führt zu Bevölkerungswachstum. Demografisches Wachstum führt zu Überbevölkerung; Überbevölkerung verursacht sinkende Löhne, steigende Bodenrenten und fallende Pro-Kopf-Einkommen für die einfache Bevölkerung.
Die Folge sei ein stetiger Wandel – oder Rückfall – von innergesellschaftlicher Kooperation zu Konkurrenz, von der aufgrund einer Überproduktion auch die Eliten der imperialen Gesellschaft betroffen seien. Ein zunehmender Verfall der politischen Ordnung setze ein, in dessen Zuge "der Streit unter den Eliten zum Bürgerkrieg" eskalieren, "während sich die Unzufriedenheit der Armen in Volksaufständen" entladen könne.
Ebenso hinterlässt ein fallendes Imperium oft Machtvakuen auf internationaler Ebene, die eine Zunahme an zwischenstaatlichen Konflikten nach sich ziehen können. Ein zentraler Grund dafür, weshalb Fürsprecher imperialer politischer Organisation, wie Niall Ferguson [9], argumentiert haben, ein "Plädoyer für ein [US-]amerikanisches Imperium [sei] zugleich ein Plädoyer gegen internationale Anarchie – oder, genauer gesagt, gegen eine Vermehrung regionaler Machtvakuen."
Ist diese Art von "Pax Americana"-Argument ein Hinweis darauf, dass Pro und Kontra im Fall von Imperien, entgegen vieler moderner Interpretationen, widersprüchlich sein könnten? Oder handelt es sich lediglich um den Versuch, imperiale Machtgelüste zu rationalisieren?
Diese Fragen können hier nicht abschließend geklärt werden. Erstaunlich ist jedoch in diesem Kontext, dass derartige Argumente unter Experten nicht unüblich sind, obgleich die Geschichte des Imperialismus von Gewalt und Dominanz geprägt ist. So hätten Imperien, selbst dem um Objektivität bemühten Stephen Howe zufolge, einige Vorzüge besessen, die im Kontext ihres Niedergangs allzu bereitwillig vergessen worden seien:
Sie boten ihren Untertanen Stabilität, Sicherheit und Rechtsordnung. Sie begrenzten und versuchten in ihren besten Zeiten, die potenziell erbitterten ethnischen oder religiösen Gegensätze unter ihren Völkern zu überwinden. […]
Die Ströme von Blut, die durch den Fall jedes Imperiums entfesselt wurden […], sollten uns veranlassen, die vermeintlichen Tugenden der 'nationalen Demokratie' neu zu überdenken, in deren Namen so viel Gräueltat geheiligt wird.
Derartige Einordnungen erscheinen bedenkenswert, auch wenn die Verfehlungen und Exzesse imperialer Politik rational unleugbar sind. So würde nicht einmal Niall Ferguson behaupten [10], "die Bilanz des britischen Imperiums sei makellos gewesen." Im Gegenteil sei es "insbesondere in der frühen Phase der Versklavung, der Deportation und der 'ethnischen Säuberung' indigener Bevölkerungen" zu oft "seinem eigenen Ideal individueller Freiheit nicht gerecht" geworden.
Diesbezüglich lässt sich ganz grundlegend die Frage stellen, inwieweit imperiale Ideologie und Realität miteinander in Einklang zu bringen sind; Frieden, Wohlstand und Ordnung Antrieb oder Konsequenz imperialer Politik darstellen?
Adrian Goldsworthy zufolge [11] sei die Antwort auf diese Frage, zumindest mit Blick auf eines der berühmtesten Imperien der bekannten Menschheitsgeschichte, relativ eindeutig:
Bei aller Rede von Befriedung taten die Römer nicht so, als hätten sie ihr Reich aus einem anderen Grund geschaffen als zum Nutzen Roms. […]
Das bedeutete, mit Aufständen umzugehen, Bürgerkriege oder andere Gewalt innerhalb der Provinz einzudämmen und sie vor Angriffen von außen zu schützen. Diese Erfordernisse waren ursprünglich eigennützig, führten aber auf längere Sicht zur Entwicklung des Pax Romana.
Dieser – imperiale – Römische Frieden sei eine "bemerkenswerte Leistung" gewesen, da "kein Zweifel" daran bestehe, dass die von Rom beherrschten Territorien "erheblich weniger Krieg und organisierte Gewalt erlebten als in den Jahrhunderten davor oder danach." Ebenso sei ein allgemeiner Wohlstand "weiter verbreitet" gewesen "und Güter, Menschen und Ideen" hätten "weiter und häufiger reisen" können "als je zuvor".
Woran ebenfalls kein Zweifel bestehen sollte, ist, dass derartige allgemeine Einsichten über Imperien, unabhängig davon ob sie gerade wiederkehren oder nie weg gewesen sind, konkrete Relevanz für die politische Organisation des gegenwärtigen internationalen Systems besitzen. Aus deutscher Sicht steht hier insbesondere die Frage im Vordergrund, ob es – ähnlich der preußischen Funktion im Zuge der deutschen Einigung im 19. Jahrhundert – eine zentrale Rolle im Kontext einer imperialen Organisation Europas spielen kann und sollte.
Akademiker wie Herfried Münkler, sowie diverse Journalisten und Politiker, scheinen dieser Idee gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Bereits seit längerem [12] wird hierfür eine Art "Pax Europaea"-Argument bemüht, demzufolge "[d]er auch von außen provozierte und ausgenutzte Zerfall Jugoslawiens und Russlands Angriff auf die Ukraine zeigen, dass der Krieg in Europa nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich ist, wenn die Europäische Union nicht stark genug ist, ihn zu verhindern." Die zentrale Aufgabe eines Imperiums EU wäre dementsprechend, wie auch im Falle früherer Imperien, die Sicherheit der Mitglieder zu garantieren.
Die Bedeutung dieser Frage nimmt argumentierbar zu, da zusätzlich zur realistischer werdenden russischen Bedrohung gegenwärtig die Frage eines europäischen Bruchs [13] mit den USA im Raum steht, deren eventueller Rückzug aus Europa besagte Machtvakuen hinterließe. Zweifellos vermag niemand abschließend zu bewerten, wie das europäische Staatengefüge auf eine sicherheitspolitische Unabhängigkeit reagieren würde. John Mearsheimer etwa [14] gab bereits vor 25 Jahren zu bedenken, dass ohne einen "[US-]amerikanischen Friedensstifter" nicht garantiert sei, "dass Europa friedlich bleibt."
Einem innereuropäischen Sicherheitsdilemma könnte ein europäisches Imperium, sieht man einmal von der aktuellen Konkurrenz mit Russland ab, also möglicherweise vorbeugen. Aus Mearsheimers damaligen Gedanken lässt sich jedoch ein simultanes Hindernis einer imperialen Einigung Europas herauslesen, da es selbst ohne Beteiligung des Vereinigten Königreichs fragwürdig erscheint, ob sich Deutschland und Frankreich auf ein gemeinsames imperiales Zentrum einigen könnten. Von anderen Mitgliedsstaaten – wie etwa Polen – gar nicht zu sprechen.
Folgt man diesbezüglich Peter Turchins historischer Analyse, sind Imperien "stets" und von Beginn an "instabil" gewesen, wenn sie ihre "herrschende Klasse aus zwei unterschiedlichen imperialen Nationen rekrutiert" haben. Vermutlich einer der zentralen Gründe dafür, dass Preußen Österreich aus dem Einigungsprozess des deutschen Reichs – und baldigen Imperiums – herausgedrängt hatte.
In diesem Kontext stellt mancher Beobachter [15] gar die Vermutung auf, dass einer der Hintergründe der gegenwärtigen Konfliktlage mit Russland darauf beruhen könnte, Moskau aus einem forcierten europäischen Einigungsprozess herauszudrängen. Ein anderer Hintergrund könnte sein, dass es, Turchins Theorie entsprechend, zumeist eines externen Kollektivs bedurfte, um von interner Konkurrenz zu einem Modus stabiler Kooperation zu kommen, ein hohes Maß an Asabiya zu entwickeln, und eine – zumindest vorübergehend – erfolgreiche imperiale Einheit zu organisieren.
Hierbei hat es sich jedoch um historische Prozesse gehandelt, die sich über Generationen, teils Jahrhunderte, erstreckt haben. Ebenso erscheint fragwürdig, ob Russland, trotz intensiver Bemühungen europäischer Eliten, in der breiten Wahrnehmung der Bevölkerungen als ausreichend fremder und bedrohlicher Faktor etabliert werden kann, da es dem Rest Europas, auch oder gerade bezüglich der hier betrachteten Thematik, tatsächlich viel ähnlicher ist, als viele wahrhaben wollen. Dieser Aspekt wird im folgenden zweiten Teil etwas genauer betrachtet.
Klar ist, dass Anhänger der Idee einer imperialen Organisation Europas vor großen Herausforderungen stehen – ob es möglich, ist diese zu überwinden, erscheint fragwürdig. Eine gänzlich andere, und für diesen ersten Teil abschließende, Frage ist zudem, wie erstrebenswert eine solche Überwindung überhaupt wäre?
Unleugbar dürfte diesbezüglich sein, dass ein europäischer "Superstaat", wie manche Beobachter [16] die "Imperien des 21. Jahrhunderts" bezeichnen, den Europäern ein größeres Gewicht auf der internationalen Bühne verleihen würde, als es im Rahmen ihrer traditionellen politischen Fragmentierung möglich ist. Sowohl im defensiven als auch im offensive Sinne wäre ein solches Konstrukt in der Lage dazu, das nach wie vor beachtliche europäische Machtpotenzial zu konzentrieren und diese Macht nach innen sowie nach außen zu projizieren.
Es erscheint jedoch ratsam, mit gebührender Skepsis auf dieses Potenzial zu blicken – insbesondere was die Befähigung gegenwärtiger deutscher und weiterer europäischer Machteliten anbelangt, verantwortlich mit diesem Potenzial umzugehen. Viele scheinen hier nachhaltig von einer transatlantisch geprägten Fixierung auf die USA eingenommen zu sein, obgleich diese gerade einen rhetorischen Rückfall von ihrer "liberal"-imperialen Phase zu einem kruden Imperialismus früherer Tage zu erleben scheinen. Die dissonante Rede Marco Rubios [17] auf der Münchner Sicherheitskonferenz, und der teils euphorische Zuspruch der anwesenden Europäer, deuten zumindest darauf hin.
Zwar hüten sich die Europäer davor, die zunehmend aggressive Rhetorik und Praxis der USA direkt zu übernehmen; es steht dennoch der Verdacht im Raum, dass nicht wenige sich in der Rolle eines neuen liberalen Imperiums [18] gefallen würden. Die Einsicht, dass eine solche politische Entität von vornherein die Bürde eklatanter Widersprüche (liberal begründete Dominanz ist sowohl logisch als auch faktisch ein Oxymoron) mit sich tragen würde, scheint nach wie vor nicht durchgreifend in die betreffenden Kreise vorgedrungen zu sein oder stößt dort schlichtweg auf Gleichgültigkeit.
Ebenso versündigt sich dieses Vorhaben, in dessen gegenwärtiger Form, am ursprünglichen Anspruch des europäischen Einigungsgedankens, dem Kontinent dauerhaft Frieden, Wohlstand und Ordnung zu bringen. Die Tatsache, dass das bevölkerungsreichste und flächenmäßig größte Land Europas, die Russische Föderation, zum primären Antagonisten erklärt und die Vision Gorbatschows und anderer, von einem "gemeinsamen europäischen Haus", in weite Ferne gerückt wird, lässt es äußerst schwierig erscheinen, keinen reaktionären Antrieb hinter all dem zu vermuten.
Dass viele der für diesen geschürten Antagonismus vorgebrachten Argumente [19] zudem im Rahmen einer sachlichen Untersuchung ins Wanken geraten, eventuell sogar Anzeichen psychologischer Projektion anzeigen könnten, wird Teil der anschließenden Betrachtung von Russlands tatsächlicher imperialer Geschichte sein.
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[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wiederkehr-der-imperien-wie-positioniert-sich-europa-110627865.html
[2] https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2025/04/russischer-nationalismus-wladimir-putin-imperialismus-ukraine
[3] https://www.zeit.de/2026/05/karl-schloegel-trump-groenland-usa-geschichte
[4] https://www.telepolis.de/article/Deutsche-Ukraine-Experten-Gefangen-in-der-moralischen-Echokammer-10419502.html
[5] https://www.berliner-zeitung.de/open-source/das-schicksal-europas-wird-die-eu-zur-supermacht-oder-zum-spielfeld-anderer-maechte-li.2290687
[6] https://academic.oup.com/book/514
[7] https://www.penguinrandomhouse.com/books/299306/war-and-peace-and-war-by-peter-turchin/
[8] https://www.spektrum.de/news/geschichte-berechenbar-machen/1158798
[9] https://www.penguin.co.uk/books/1040/colossus-by-niall-ferguson/9780141017006
[10] https://www.penguin.co.uk/books/54153/empire-by-niall-ferguson/9780141987910
[11] https://www.weidenfeldandnicolson.co.uk/titles/adrian-goldsworthy/pax-romana/9780297864295/
[12] https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-01/krieg-in-der-ukraine-wladimir-putin-donald-trump-europa
[13] https://www.zeit.de/2026/05/usa-europa-donald-trump-beziehungen-demokratie
[14] https://www.mearsheimer.com/wp-content/uploads/2019/07/A0028.pdf
[15] https://www.compactmag.com/article/why-europe-sacrificed-ukraine/
[16] https://www.politybooks.com/bookdetail?book_slug=superstates-empires-of-the-twenty-first-century--9781509544479
[17] https://www.telepolis.de/article/Rubios-MSC-Rede-analysiert-Warum-die-USA-ihren-Imperialismus-bis-heute-leugnen-11183560.html
[18] https://www.telepolis.de/article/Gross-denken-falsch-denken-Europas-neue-Kriegslogik-11098469.html
[19] https://www.telepolis.de/article/Die-ukrainische-Tragoedie-Zum-assistierten-Suizid-einer-Nation-10184580.html
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Iran und USA vor (erneuten) Gesprächen: Trügt der aktuelle Optimismus der Märkte?
(Bild: Saulo Ferreira Angelo/Shutterstock.com)
Die Waffenruhe zwischen USA und Iran läuft nächste Woche ab. Pakistan vermittelt fieberhaft, Märkte sind optimistisch. Doch ist die Zuversicht gerechtfertigt?
Diplomatie unter Zeitdruck: Die seit dem 7. April geltende Waffenruhe zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran läuft in der kommenden Woche aus, ohne dass bisher eine Einigung auf ein dauerhaftes Friedensabkommen erzielt wurde. Pakistan hat sich als zentraler Vermittler positioniert und drängt derzeit beide Seiten zu weiteren Verhandlungen.
Pakistans Armeechef, Feldmarschall Syed Asim Munir, reiste [1] am Mittwoch mit einer hochrangigen Delegation nach Teheran, wo er von Irans Außenminister Abbas Araghchi empfangen wurde.
Ein Sprecher des pakistanischen Außenministeriums erklärte am Donnerstag, dass eine zweite Verhandlungsrunde in Islamabad erwartet werde – nachdem die erste Runde direkter Gespräche am vergangenen Sonntag ohne Ergebnis geendet hatte [2].
Parallel zu den diplomatischen Bemühungen verschärft der Iran seine Rhetorik. Ali Abdollahi, Kommandeur des iranischen Militärhauptquartiers, drohte am Mittwoch im Staatsfernsehen, sämtlichen Handel im Persischen Golf, im Golf von Oman und im Roten Meer zu unterbinden, sollte die von den USA am Montag verhängte Seeblockade iranischer Häfen fortbestehen.
Der Iran betrachte eine Verlängerung der Blockade als "Vorboten eines Bruchs der Waffenruhe", so Abdollahi.
Wie viel Kontrolle Teheran tatsächlich über die Schifffahrt in der Region ausüben kann, ist unter Experten umstritten. Trotz der schwer angeschlagenen Streitkräfte verfügt der Iran noch über Minen und Schnellboote, um Schiffe in der Straße von Hormus zu bedrängen. Zudem haben die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen im Jemen bereits gezeigt, dass sie Schiffe im Roten Meer angreifen können.
Die Straße von Hormus ist seit dem von den USA und Israel begonnenen Angriffskrieg gegen den Iran am 28. Februar für die Schifffahrt de facto weitgehend blockiert. Seit der am Montag begonnenen US-Blockade scheint auch das iranische Modell von Ausnahmen und Durchfahrtsgebühren nicht mehr zu funktionieren.
Die Verhandlungen werden durch tiefes gegenseitiges Misstrauen erschwert. Eine dem iranischen Außenministerium nahestehende Plattform bezeichnete [3] den diplomatischen Optimismus als "taktisches PR-Manöver, das darauf abzielt, die Märkte zu beruhigen und Trump vor wachsendem Druck zu schützen – nicht als Ausdruck tatsächlicher Fortschritte".
Die Gespräche seien "weit weniger positiv" als dargestellt, unter anderem wegen widersprüchlicher US-Positionen und israelischer Störversuche.
Laut dem katarischen Nachrichtensender Al Jazeera empfangen die Iraner von den Vermittlern Signale, dass die Dinge auf dem richtigen Weg seien, hören dann aber widersprüchliche Aussagen aus Washington – insbesondere zu heiklen Themen wie der Urananreicherung.
Irans Außenministeriumssprecher Esmail Baghaei erklärte am Mittwoch, das Recht des Landes auf friedliche Nutzung der Kernenergie sei "nicht verhandelbar", Grad und Art der Anreicherung hingegen schon.
Die pakistanischen Vermittler zeigen sich dennoch zuversichtlich. Wie Al Jazeera aus informierten Kreisen berichtet, arbeite Armeechef Munir daran, die Differenzen auszuräumen.
Sollte keine zweite Verhandlungsrunde zustande kommen, strebe Pakistan zumindest eine Verlängerung der Waffenruhe an – im Gespräch seien Zeiträume von bis zu fünf Wochen. Laut [4] Bloomberg erwägen beide Seiten eine Verlängerung um zwei Wochen. Keine der beiden Seiten wolle die Kampfhandlungen wieder aufnehmen, so eine mit den Gesprächen vertraute Person.
An den Finanzmärkten herrscht derweil erstaunlich viel Zuversicht. Der US-Index S&P 500 erreichte am Mittwoch ein Rekordhoch und liegt nun zwei Prozent über dem Niveau vor Beginn der Kampfhandlungen am 28. Februar.
Der MSCI All Country World Index – das breiteste Maß für globale Aktien – stieg am Donnerstag ebenfalls auf ein Rekordhoch und steuerte auf den zehnten Gewinntag in Folge zu, die längste Serie seit September. Asiatische Aktien legten um 1,3 Prozent zu und machten ihre kriegsbedingten Verluste nahezu wett.
Der Ölpreis stabilisierte sich: Die für Europa wichtige Sorte Brent notierte bei rund 95 US-Dollar pro Barrel, deutlich unter dem Höchststand von fast 120 Dollar im Vormonat. Die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Ölangebots transportiert wird, ist seit Beginn des Krieges Ende Februar faktisch geschlossen.
Doch die Frage ist, ob dieser Marktoptimismus auf solidem Fundament steht. Analysten weisen darauf hin, dass die US-Blockade zwar die iranische Wirtschaft unter Druck setze, aber vermutlich nicht ausreiche, um den Iran zum Einknicken gegenüber den US-Forderungen zu bringen.
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[1] https://x.com/TheObserverPost/status/2044451784060706981
[2] https://www.heise.de/tp/article/Islamabad-gescheitert-Kommt-jetzt-die-Diplomatie-der-kleinen-Schritte-11258102.html
[3] https://aje.news/060cxq?update=4497036
[4] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-16/pakistan-boosts-mediation-efforts-as-us-iran-weigh-longer-truce
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Eine Studie zeigt, dass die EU ihre Klimaziele bis 2050 erreichen kann, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt wird.
(Bild: ARMMY PICCA / Shutterstock.com)
Strom aus Wind und Sonne muss sich bis 2040 versiebenfachen, zeigt eine Modellstudie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Europa kann bis 2050 klimaneutral werden – ohne dass die Kosten aus dem Ruder laufen. Zu diesem Schluss kommt eine umfassende Modellstudie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), die jetzt in Nature Communications [1] erschienen ist.
Das Team um Leitautor Renato Rodrigues hat mit dem Energie-Wirtschaft-Klima-Modell REMIND durchgerechnet, was die EU bis 2040 schaffen muss, um zehn Jahre später fossilfrei zu wirtschaften.
Dafür hat es zunächst ein Referenzszenario mit besonders plausiblen Annahmen modelliert und anschließend zentrale Stellschrauben gedreht: Wie schnell werden Wind- und Solarkraft billiger? Wie verfügbar sind Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe? Und wie viel CO2 lässt sich der Atmosphäre wieder entziehen?
Das Fazit: Der EU Green Deal ist realistisch – verlangt aber deutlich mehr Tempo.
Im kostenoptimierten Referenzszenario müsste die EU ihre Netto-Treibhausgasemissionen bis 2040 um 86 Prozent gegenüber 1990 senken.
"Diese Zahl gründet sich allein auf die techno-ökonomische Optimierung des EU-Transformationspfads, ohne Berücksichtigung von Fragen zu fairer globaler Lastenverteilung", ordnete PIK-Forscher Robert Pietzcker das Ergebnis in der PIK-Pressemitteilung [2] ein.
Wer Fairness einrechnet, landet höher: Der EU-Klimabeirat hatte [3] 90 bis 95 Prozent Reduktion empfohlen. Er hatte dafür über 1000 Emissionspfade analysiert, sowohl auf technische Machbarkeit als auch auf einen gerechten europäischen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen geprüft – und sich dabei auch auf vorläufige Ergebnisse der jetzt veröffentlichten PIK-Szenarien gestützt.
Unter allen geprüften Annahmen klaffte eine Lücke zwischen dem, was die EU technisch im Inland schaffen kann, und dem, was global fair wäre. Der Beirat empfahl deshalb, die Obergrenze des Machbaren anzustreben.
Die Politik hat sich auf 90 Prozent Reduktion bis 2040 geeinigt – davon 85 Prozent EU-intern und 5 Prozent über externe Klimaprojekte. "Unsere Ergebnisse zeigen nun: Die 85 Prozent EU-interne Reduktion stehen im Einklang mit einer kosteneffizienten Transformation zur Klimaneutralität 2050", so Pietzcker.
Um das zu schaffen, muss die EU ihren bisherigen Erfolg – 37 Prozent Emissionsminderung von 1990 bis 2024 – in den kommenden 14 Jahren noch einmal verdoppeln. Die Studie liefert dafür sektorspezifische Meilensteine, jeweils als Punktwert aus dem Referenzszenario und als Bandbreite über alle untersuchten Szenarien:
Das REMIND-Modell bildet die EU als Ganzes ab – Unterschiede etwa zwischen den Windpotenzialen in Nord- und Süddeutschland kann es nicht auflösen.
Ermutigend: Die jährliche Wachstumsrate, die für die Versiebenfachung nötig wäre, wurde im Zeitraum 2021 bis 2025 bereits erreicht – angetrieben hauptsächlich durch politische Maßnahmen nach der Energiekrise infolge von Russlands Überfall auf die Ukraine.
Auch bei der Verkehrswende bewegt sich etwas: Der Anteil batterieelektrischer Autos an den EU-Neuzulassungen stieg von zwei Prozent im Jahr 2019 auf 19 Prozent im Jahr 2025. In Norwegen und Dänemark liegt er schon über 80 Prozent.
Für schwer zu dekarbonisierende Bereiche wie die Schwerindustrie setzt die Studie auf grünen Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe als Ergänzung zur Elektrifizierung. Die Nachfrage nach Erdgas und Erdöl läge 2040 im Referenzszenario um 60 Prozent unter dem Niveau von 2018 bis 2022.
Ganz ohne Energieimporte geht es nicht – aber die Mengen schrumpfen erheblich.
"Auch wenn die EU wohl weiterhin Energie-Importe braucht, etwa grünen Wasserstoff, Ammoniak oder E-Fuels, wären die Mengen deutlich geringer als bei den derzeitigen fossilen Brennstoffen", sagte Leitautor Rodrigues.
Die EU wäre damit weniger abhängig von auswärtigen Energieproduzenten.
Parallel muss die EU noch Kapazitäten aufbauen, die es bislang praktisch nicht gibt: Technologien, um Kohlendioxid aus der Atmosphäre zurückzuholen und dauerhaft zu speichern.
Laut der Studie müssen diese Kapazitäten von 2030 bis 2040 um jährlich 26 Prozent wachsen (Bandbreite: 16 bis 30 Prozent) – auf dann 188 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr (Bandbreite: 56 bis 257 Millionen Tonnen).
Auch der EU-Klimabeirat hatte betont, dass selbst bei ambitioniertem Erneuerbaren-Ausbau eine CO2-Entnahme im großen Maßstab nötig bleibt, um Klimaneutralität tatsächlich zu erreichen.
Die Studie fällt in eine Phase, in der die EU ihre klimapolitischen Instrumente nachjustiert. Erst Anfang April legte die EU-Kommission Pläne vor, die Marktstabilitätsreserve im Emissionshandelssystem zu reformieren [4], um den CO₂-Preis langfristig zu stabilisieren. EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra warb für mehr Widerstandsfähigkeit des ETS gegenüber Marktschwankungen – ein Instrument, das für die in der PIK-Studie modellierten Transformationspfade eine zentrale Rolle spielt.
Zu konkreten Auswirkungen auf die Strompreise einzelner Mitgliedstaaten macht die Studie keine Angaben. Das REMIND-Modell optimiert auf EU-Ebene. Bisherige Forschung deutet darauf hin, dass die Großhandelspreise kurzfristig steigen können, langfristig aber durch den massiven Ausbau der Erneuerbaren und steigender Energieeffizienz sinken dürften.
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[1] https://www.nature.com/articles/s41467-026-71159-8
[2] https://www.pik-potsdam.de/de/aktuelles/nachrichten/was-europa-bis-2040-schaffen-sollte
[3] https://climate-advisory-board.europa.eu/news/eu-climate-advisory-board-recommends-ambitious-2040-climate-target-and-urgent-transitions-for-the-european-union
[4] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-will-groesseren-Puffer-im-Emissionshandel-11244391.html
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Die Schweiz steht vor einem Milliarden-Grab: Alte AKW sollen länger laufen – und neue Reaktortypen wecken große Versprechen.
Noch gibt es keine praktikable Lösung für den Umgang mit den Resten von sechs Jahrzehnten Kernkraftabenteuer, da werden schon neue Forderungen aufgemacht. So fordert Brüssel angesichts durch den Iran-Krieg gestiegener Ölpreise einen Ausbau der Atomkraftwerke.
Ein Vorreiter dieser Bewegung scheint die Schweiz zu werden. Dort stehen einerseits die Stromkonzerne Axpo [1] und Alpiq [2] unter Druck, die Laufzeit der neueren Schweizer AKW Leibstadt und Gösgen zu verlängern, weil sie für eine sichere Energieversorgung der Schweiz länger laufen müssten als die bislang konzipierten 60 Jahre.
"Laut früheren Schätzungen der ETH braucht es für einen um zehn Jahre längeren Betrieb Investitionen von rund einer Milliarde Franken pro AKW", meldete [3] das SRF am 4. April dieses Jahres. An diesen Kosten und den damit verbundenen finanziellen Risiken müsse sich der Staat, so die Betreiber, beteiligen.
Der Bund ist von diesem Vorschlag gar nicht begeistert, denn Gösgen [4] und Leibstadt [5] würden inzwischen mit der Stromproduktion Gewinn machen. Zum anderen gehöre die Axpo großen Kantonen und die sollen laut Energieminister Albert Rösti die Forderung nicht nach Bern verschieben. Auch bei Alpiq ist im Übrigen die öffentliche Hand beteiligt.
Die Stromkonzerne Axpo und Alpiq drücken aufs Tempo, denn im Falle von Gösgen brauche es bis 2029 eine Entscheidung, ob das AKW länger als 60 Jahre laufen solle. Falls dies erwartet werde, brauche es eine lange Vorlaufzeit für die dafür nötigen Investitionen.
Für den angefallenen Atommüll will die Schweiz am Hochrhein an der Grenze bei Hohentengen (Kreis Waldshut) ein Atommüllendlager [6] bauen. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra [7]) hatte bereits 2022 entschieden, dass das Lager in einem Gebiet namens Nördlich Lägern [8] im Kanton Zürich gebaut werden solle. Der Bauantrag, das sogenannte Rahmenbewilligungsgesuch, läuft.
Interessanterweise soll sich der Untergrund nur auf der Schweizer Seite für ein Atommüllendlager eignen. Der durch den Hochrhein getrennte Bereich auf deutscher Seite soll als Endlager im Gegensatz zum schweizerischen Areal nicht geeignet sein.
Die Bauarbeiten für das Endlager der Nagra sollen 2045 starten. Das ausgewählte Gebiet und die deutschen Gemeinden jenseits des Hochrheins sind schon heute durch die dort verlaufenden Einflugschneisen für den Flughafen Zürich-Kloten stark beeinträchtigt.
Als Alternative zur Atommüllendlagerung wird immer wieder der Einsatz von Flüssigsalzreaktoren zur Diskussion gestellt. Integral Molten Salt Reactors (IMSR), welche die Firma Terrestrial Energy [9] als "a clean energy alternative to fossil fuels" bezeichnet, werden schon seit geraumer Zeit [10] von dem in den USA und in Kanada angesiedelten Unternehmen entwickelt.
Dual Fluid hat jetzt den nächsten Schritt zur Realisierung seiner Idee zur energetischen Nutzung des vorliegenden Atommülls angetreten.
Das deutsch-kanadische Unternehmen Dual Fluid [11] hat mit der Regierung von Ruanda [12] eine Vereinbarung über den Bau eines Testreaktors unterzeichnet. Bei dem geplanten Projekt handelt es sich um eine neuartige Form eines Flüssigsalzreaktors, den sogenannten Dual-Fluid-Reaktor (DFR).
Dual-Fluid-Reaktoren sollen bis zu 100 Mal effizienter bei der Brennstoffnutzung sein als bisherige Typen. In den Reaktoren werden flüssige Kernbrennstoffe verwendet, weshalb es weder zu Kernschmelzen kommen könne wie in Fukushima noch zu Reaktor-Explosionen wie in Tschernobyl.
Auf Basis einer theoretischen Demonstration soll man zeigen können, dass ein solches System funktioniert. Was bislang fehlt, ist ein sogenannter Demonstrator, der zeigen könnte, dass man in der theoretischen Bewältigung keine Facette übersehen habe. Ein Demonstrator gilt als Vorstufe zu einem Prototyp.
In Ruanda sollen die Genehmigungsbehörden deutlich offener für neue Technologien sein als ihre Pendants in Deutschland.
In den Leitungen der beiden Kreisläufe fließen flüssige Metalle mit bis zu 1.000 Grad Celsius. Das erfordert außergewöhnlich robuste Materialien. Korrosion und Beschädigung an den Kreisläufen sind zumeist das größte Problem bei diesen Konzepten. Große internationale Investoren halten sich bei dem Projekt in Ruanda offensichtlich bislang zurück.
Mit einem Realisierungsvorschlag für ihr Konzept eines Flüssigsalzreaktors scheint die dänische Firma Copenhagen Atomics [13] inzwischen deutlich weiter als das Projekt in Ruanda.
Im Schweizer Villigen planen sie ihre Revolution bei der Entwicklung neuer Atomtechnik. Villigen liegt im Schweizer Kanton Aargau. Dort ist das Paul-Scherrer-Institut [14] (PSI) angesiedelt, ein multidisziplinäres Forschungszentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften. Es beschäftigt sich auch mit Nukleartechnik.
Im benachbarten Würenlingen steht zudem das eidgenössische Zwischenlager für radioaktive Abfälle, das auch als Zwilag [15] bekannt ist. Etwas flussabwärts an der Aare befinden sich zudem Beznau 1 und 2, die ältesten Atommeiler der Schweiz. Der nicht unwesentliche Vorteil der Lage besteht darin, dass Kernkraft dort kein Reizthema ist, da viele Anwohner auch kostengünstige Fernwärme aus den Reaktoren beziehen.
Ein Problem der Flüssigsalzreaktoren ist der Einsatz von flüssigem Salz. Dieses greift die Metalllegierungen an und die Neutronenstrahlung macht Metalle brüchig. Die Lebensdauer der Kleinkraftwerke wird deshalb nur rund fünf Jahre betragen. Dann ist nach den vorliegenden Angaben ein Austausch nötig.
Wird die erste Anlage am PSI angesiedelt, könnte man von einem Forschungsprojekt ausgehen, für das kein umfangreiches Bewilligungsverfahren benötigt würde. Bewilligungstechnisch hätte man damit mit dem Konkurrenzprojekt in Ostafrika gleichgezogen, könnte jedoch auf ein deutlich qualifizierteres Umfeld zugreifen.
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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.axpo.com/ch/de.html
[2] https://www.alpiq.com/de/
[3] https://www.srf.ch/news/schweiz/staatshilfe-fuer-alte-akw-axpo-forderung-laesst-energieminister-roesti-leer-schlucken
[4] https://www.kkg.ch/
[5] https://www.kkl.ch/home
[6] https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/suedbaden/weitere-fortschritte-bei-den-plaenen-fuer-schweizer-endlager-im-grenzgebiet-hochrhein-100.html
[7] https://nagra.ch/
[8] https://nagra.ch/wissensforum/noerdlich-laegern-das-standortgebiet-fuer-das-geologische-tiefenlager-der-schweiz/
[9] https://www.terrestrialenergy.com/
[10] https://www.telepolis.de/article/Rueckkehr-der-Kernkraft-in-Deutschland-7255478.html
[11] https://dual-fluid.com/
[12] https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/dual-fluid-reaktor-ruanda-kernkraftwerk-atomkraft-100.html
[13] https://www.copenhagenatomics.com/
[14] https://www.psi.ch/de
[15] https://www.zwilag.ch/
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Cyberangriffe zerstören keine Städte, untergraben aber die Gewissheiten atomarer Abschreckung. Was wie technische Störung aussieht, könnte ein Angriff sein.
Die globale Sicherheitsordnung fußt auf der Annahme, dass strategische Stabilität [1] durch kalkulierbare Gegenseitigkeit entsteht. Besonders im nuklearen Bereich gilt das Prinzip der Abschreckung als historisch bewährt: Die Fähigkeit zur gesicherten Zweitschlagkapazität soll verhindern, dass Konflikte überhaupt erst eskalieren. Diese Stabilität war nie eine Frage von Waffen, sondern eine Frage von Kommunikation und Vertrauen in Systeme.
Dieser unsichtbare Grundstock gerät im digitalen Zeitalter unter Belastung. Der Cyberraum führt keine Waffenkategorie ein, die sich in bestehende Modelle einfügt. Er verändert jedoch die Konditionen, unter denen Rationalität funktioniert.
Atomare Abschreckung [2] setzt voraus, dass wichtige Systeme resilient funktionieren: Frühwarnung, Kommunikation, Lagebilder, Entscheidungswege. Diese Infrastruktur ist nicht nur technisch relevant, sondern politisch konstitutiv. Sie bestimmt, ob ein Ereignis als Gefährdung erkannt, bewertet und beantwortet werden kann.
Mit der Digitalisierung dieser Systeme wächst ihre Verwundbarkeit gegenüber Manipulationen, die wenig zerstörerisch wirken müssen, um massiv zu sein. Minimale Störungen in Datenflüssen, Zeitverzögerungen oder Signalverfälschungen können die Wahrnehmung strategischer Lagen verändern. Somit verschiebt sich der Fokus von der Waffenkraft hin zur Informationsintegrität.
Der gravierende Einschnitt ist, dass Unsicherheit im Cyberraum keineswegs ein Nebeneffekt ist, sondern strategisch nutzbar wird [3]. Während klassische Abschreckung auf Drohung beruht, operieren Cyberfähigkeiten häufig in einem Feld, in dem Absicht, Herkunft und Wirkung bewusst verschleiert bleiben.
Das führt zur paradoxen Entwicklung: Stabilität wird selten ausschließlich durch Stärke erzeugt, vielmehr durch die Kontrolle von Unsicherheit. Staaten müssen nicht lediglich abschrecken. Sie müssen parallel mit dem permanenten Risiko leben, nicht zu wissen, ob sie bereits Ziel einer Operation waren.
Diese Form der Unsicherheit ist qualitativ anders als zuvor, weil sie nie episodisch auftritt, sondern dauerhaft strukturell präsent ist.
Klassische Abschreckungslogik [4] basiert auf Eskalationsstufen, die zumindest theoretisch unterscheidbar bleiben: konventioneller Konflikt, begrenzter Krieg, nukleare Schwelle. Diese Struktur ermöglicht Steuerung, da Akteure wissen, wo sie sich befinden.
Cyberoperationen unterlaufen diese Staffelung. Ein Angriff kann zeitgleich Spionage, Sabotage und infrastrukturelle Störung sein. Sein Effekt kann lokal limitiert beginnen und systemisch enden, ohne dass der Übergang eindeutig markiert ist.
Es entsteht ein Konfliktmodus, in dem Eskalation kaum als Stufenmodell sichtbar wird, eher als stetiger Prozess der Verdichtung von Unsicherheit.
Ein bedeutsamer Aspekt dieser Entwicklung ist die wachsende Schwierigkeit der Zuschreibung. In militärischen Konflikten ist das Dilemma der Verantwortlichkeit umkämpft, aber technisch meist relativ greifbar. Im Cyberraum ist das Gegenteil der Fall: Technische Spuren sind oft mehrdeutig, absichtlich verschleiert oder bloß mit hoher Unsicherheit interpretierbar.
Diese Situation produziert eine Misere. Reaktionen müssen entschieden werden, bevor Gewissheit hergestellt werden kann. Oder sie bleiben aus und riskieren Verwundbarkeit. Bei beiden Optionen wird Unsicherheit zum Handlungsproblem.
Im Zuge dessen verschiebt sich Sicherheitspolitik von einer Logik der Reaktion zur Logik der Verdachtsbewirtschaftung.
Besonders kritisch wird der Prozess dadurch, dass die Kernsysteme nuklearer Abschreckung immer häufiger digitalisiert sind. Frühwarnsysteme, Kommunikationsnetze und Entscheidungsarchitekturen sind auf komplexe IT-Infrastrukturen angewiesen, die wiederum potenziell angreifbar sind.
Dabei muss ein Angriff nicht direkt auf atomare Waffen zielen, um Wirkung zu entfalten. Es reicht, die Informationsumgebung zu destabilisieren, in der Entschlüsse getroffen werden. Winzige Verzerrungen in Daten oder Zeitabläufen können in hochsensiblen Situationen erhebliche Folgen haben.
Das Risiko ist mitnichten die Zerstörung von Abschreckungskapazität, vielmehr die etwaige Verzerrung ihrer Wahrnehmung.
Die Verschiebung gründet darauf, dass strategische Stabilität kaum mehr von materiellen Kapazitäten abhängt, sondern von epistemischer Sicherheit – also konkret, ob Systeme zuverlässig verstanden werden können.
Der Cyberraum greift genau diese Ebene an. Er erzeugt Situationen, in denen Informationen unpräzise sind, Ursachen nur vage zugeordnet werden können und Ereignisse mehrere plausible Analysen zulassen.
So bildet sich ein Status, in dem Stabilität nicht gänzlich verschwindet, aber ihr Fundament drastisch modifiziert wird: Sie wird abhängig von Interpretationskompetenz statt von Deutlichkeit.
Langfristig mündet dieser Trend in der Verschiebung sicherheitspolitischer Normalität. Während Unsicherheit im früheren Abschreckungsmodell berechenbar blieb, wird sie in der digitalen Ära zum latenten Zustand.
Das heißt nicht zwangsläufig mehr Krieg, aber ein Umbruch der Bedingungen, unter denen Frieden definiert wird. Frieden wird weniger zum Zustand robuster Ordnung als zum Prozess kontinuierlicher Risikoverwaltung.
Die eigentliche Transformation liegt in keiner Weise in neuartigen Waffen. Sie gründet auf neuem Boden strategischer Politik: der Normalisierung von Unsicherheit als strukturellem Dauerzustand.
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[1] https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-393/318630/analyse-strategische-stabilitaet-im-21-jahrhundert/#:~:text=In%20der%20klassischen%20Definition%20stellt%20strategische%20Stabilit%C3%A4t,ohne%20Anreize%20f%C3%BCr%20einen%20Ersteinsatz%20zu%20schaffen
[2] https://www.heise.de/tp/article/Nukleare-Abschreckung-Ohne-Transparenz-wird-sie-zum-Risiko-11245820.html
[3] https://www.deutschlandfunk.de/cyberattacken-und-wie-staaten-darauf-reagieren-100.html
[4] https://www.deutschlandfunkkultur.de/nukleare-abschreckung-als-strategie-kann-das-nicht-rational-sein-100.html
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Matrosen an Deck der HMS Dragon
(Bild: Kevin Shipp/Shutterstock.com)
Russlands Tanker durchqueren den Ärmelkanal, während Großbritannien machtlos zuschaut. Warum der Iran-Krieg diese Entwicklung beschleunigt. Ein Gastbeitrag.
Es gibt kaum etwas, das britische Politiker so sehr in Rage bringt, wie die Erwähnung von Russlands "Schattenflotte". Doch die erfolglose Verfolgung russischer Tanker im Ärmelkanal in der vergangenen Woche zeigt, dass Großbritannien kaum Mittel hat, um dagegen vorzugehen.
Am 9. April wurden zwei russische "Schatten"-Öltanker von einer russischen Marinefregatte durch den Kanal eskortiert [1]. Sie waren mit allerlei Waffen, darunter auch Antischiffsraketen, bewaffnet. Die Royal Navy konnte lediglich einen Hilfstanker aufbieten, der hilflos hinterherfuhr. Der Daily Telegraph berichtete [2] über diese "heroische" Operation vom Deck eines 12 Meter langen Fischerboots aus, das im Kielwasser des Tankers folgte.
Es zeichnet sich ein regelmäßiges Muster ab, bei dem die Royal Navy Schiffe entsendet, die den besser bewaffneten [4] russischen Marineeskorten unterlegen sind.
Die Unfähigkeit der Royal Navy, russische Tanker herauszufordern, hat Proteststürme von Oppositionspolitikern, darunter auch dem ehemaligen Premierminister Boris Johnson [5], ausgelöst. Inzwischen hat der britische Generalstaatsanwalt entschieden, dass britische Kräfte russische Schiffe wohl nicht entern dürfen [6], um sie festzusetzen, da dies gegen internationales Recht verstoßen könnte.
Die politische Botschaft ist dennoch eindeutig: Selbst wenn Großbritannien Soldaten entsenden würde, um eskortierte russische Tanker zu entern, könnten diese beschossen werden, ohne dass es wirksame militärische Mittel gäbe, der russischen Marine etwas entgegenzusetzen. Die Royal Navy ist außerstande, Macht zu projizieren – selbst in unmittelbarer Nähe der eigenen Küsten.
Eine britische Fregatte und ein Hubschrauber vertrieben russische U-Boote, die offenbar über Unterseekabeln lauerten [7]. Dies verschaffte dem angeschlagenen Verteidigungsminister John Healey etwas Luft. Im Pressesaal der Downing Street informierte er daraufhin die Medien [8] über die Operation. Doch das wird kaum ausreichen, um das wachsende Gefühl nationaler Blamage [9] und die Wut über den beklagenswerten Zustand der britischen Streitkräfte zu dämpfen.
Der ohnehin stark verzögerte Verteidigungsinvestitionsplan [10] wird ganz offensichtlich bis nach den anstehenden Kommunalwahlen im Mai zurückgehalten, da er vermutlich weitere Projekte auflisten wird, die sich Großbritannien nicht leisten kann oder einstellen sollte, anstatt wirkliche Neuerungen zu bringen.
Wenn er veröffentlicht wird, wird er, so meine Prognose, für die Labour-Regierung, die unter katastrophalen Umfragewerten [11] leidet, zur politischen Demütigung. Nur noch ein Fünftel der Bevölkerung würde sie wählen – ein historischer Tiefstand für eine Regierungspartei.
Der Fall der HMS Dragon [12] ist beispielhaft für den Verfall der britischen Marine: Der einzige Luftverteidigungszerstörer, den Großbritannien hastig aus der Wartung holte und verspätet ins Mittelmeer entsandte, um defensive Operationen gegen den Iran zu unterstützen, wurde von technischen Problemen geplagt und musste erneut zur Reparatur ins Dock.
Russland hingegen wurde ermutigt. Nachdem Moskau seine Flotte in den letzten Jahren deutlich vergrößert hat [13], ist es zunehmend in der Lage, die Gewässer vor Europa zu dominieren und britische sowie europäische Schiffe zu bedrohen. So warnte [14] im Mai 2025 ein russisches Kampfflugzeug ein estnisches Schiff, das versuchte, einen russischen Tanker zu stoppen.
Nach der Beschlagnahmung eines russischen Tankers [15] auf dem Weg nach Kuba durch US-Streitkräfte im Januar und dem Entern eines Schattentankers [16] durch Frankreich am 20. März hat man sich dort offenbar entschieden: "Jetzt reicht’s!" – und schickt schwer bewaffnete russische Kriegsschiffe zur Eskorte von Öltankern.
Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine versuchen westliche Verbündete, Russlands Kriegswirtschaft zu schwächen, indem sie die Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen begrenzen. Diese machen etwa zwei Drittel der Exporte aus.
Da laut Schätzungen [17] rund 80 Prozent des russischen Öls per Schiff transportiert werden, schien es 2022 zumindest sinnvoll, das Netzwerk sogenannter "Schatten"-Tanker ins Visier zu nehmen: alternde russische Tanker mit undurchsichtigen Versicherungs- und Flaggenkonstruktionen. Doch vier Jahre später hat sich dieses Vorhaben als völlig bedeutungslos erwiesen. Nun wirkt es sogar kontraproduktiv.
Eines muss klar sein: Der Export russischen Öls war nie vollständig sanktioniert. Vielmehr führten die G7 im Dezember 2022 eine Preisobergrenze von 60 Dollar pro Barrel ein, um Russlands Einnahmen zu begrenzen. Im Juli 2025 senkte Europa diese Grenze weiter auf 47,60 Dollar, während die USA bei 60 Dollar blieben.
Trotz aller Beteuerungen hat Europa während des Ukrainekriegs weiterhin russisches Öl im Wert von mehreren Milliarden Euro importiert [18]. Russlands größte Abnehmer, China und Indien, kauften zu reduzierten Preisen [19] unterhalb der G7-Obergrenze. Der drittgrößte Kunde, die Türkei [20], hat seine Importe nahezu unverändert gehalten und balanciert geschickt auf dem schmalen Grat der Preisbeschränkungen.
Unterm Strich haben Russlands Exporterlöse seit 2022 offenbar nicht gelitten. Im ersten Jahr des Ukrainekriegs erzielte Russland mit 238 Milliarden US-Dollar seinen größten Leistungsbilanzüberschuss aller Zeiten [21]. Seitdem liegen die Exporte über dem historischen Durchschnitt.
Der Iran-Krieg hat die G7-Preisobergrenze nun jedoch faktisch bedeutungslos gemacht. Globale Käufer, die mit Treibstoffrationierungen [22] konfrontiert sind, zahlen jeden Preis, um an Öl zu kommen. Es ist daher klar, dass Russland 2026 erneut einen Geldsegen aus Ölexporten ziehen wird. Erste Analysen deuten sogar darauf hin, dass sich Russlands Steuereinnahmen aus Ölverkäufen im April verdoppeln könnten [23].
Seit Beginn des Kriegs im Iran hat Russland die Lage weiter verschärft, indem es sich weigert [24], Öl an Länder zu verkaufen, die die G7-Preisobergrenze unterstützen.
Mit dieser Politik sichert Russland sich eine bevorzugte Stellung gegenüber Entwicklungsländern und nimmt ihnen jeden Anreiz, Preisgrenzen durchzusetzen – gerade in Zeiten knapper Versorgung. Gleichzeitig setzt sie insbesondere Europa und Japan unter Druck, die unter steigenden Preisen und einem verknappten Angebot leiden.
In einer Zeit, in der die USA Sanktionen auf russische Öllieferungen vorübergehend gelockert haben [25], ist dies ein weiteres Zeichen für das Auseinanderdriften der amerikanischen und europäischen Russlandpolitik.
Die noch ungelöste [26] Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Ungarn über Öllieferungen durch die beschädigte Druschba-Pipeline mag jene Eurokraten begeistern, die glauben, russische Energie um jeden Preis meiden zu müssen. Die britische Aufregung darüber, dass wir russische Tanker im Ärmelkanal nicht stoppen können, zeigt jedoch vor allem, dass unsere Politiker den Blick für die strategischen Ziele gegenüber Russland und die Frage, ob unsere Politik Putin mehr schadet als uns selbst, verloren haben.
Derzeit ist glasklar: Unsere Volkswirtschaften leiden unter Energieknappheit, während im Kreml die Kassen klingeln und Russlands Marine die Wellen vor Britannien beherrscht.
Ian Proud war von 1999 bis 2023 Mitglied des diplomatischen Dienstes von Großbritannien. Von Juli 2014 bis Februar 2019 war er als Wirtschaftsberater an der britischen Botschaft in Moskau tätig. Vor kurzem veröffentlichte er seine Memoiren mit dem Titel "A Misfit in Moscow: How British diplomacy in Russia failed, 2014–2019" und ist als Non-Resident Fellow am Quincy Institute tätig.
Dieser Text erschien zuerst bei unserem Partnerportal Responsible Statecraft [27] auf Englisch.
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[1] https://www.telegraph.co.uk/news/2026/04/08/russia-warship-mocks-starmer-in-channel/?msockid=22cdb8267f7a6494023caf0c7e906568
[2] https://x.com/TomCotterillX/status/2042256753937514606?s=20
[3] https://responsiblestatecraft.org/author/ianproud/
[4] https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/russian-ship-english-channel-navy-b2906449.html
[5] https://www.express.co.uk/news/uk/2192360/real-reason-navy-wont-board-russian-ships
[6] https://www.lbc.co.uk/article/navy-blocked-from-boarding-russian-tankers-in-channel-as-putin-humiliates-starme-5HjdXXH_2/
[7] https://www.bbc.co.uk/news/articles/cre13qn9z7do
[8] https://responsiblestatecraft.org/media/
[9] https://www.gbnews.com/news/royal-navy-german-ships-nato-mission
[10] https://www.telegraph.co.uk/politics/2026/04/05/defence-spending-plan-delay-threatens-2bn-investment-loss/?msockid=22cdb8267f7a6494023caf0c7e906568
[11] https://www.economist.com/interactive/2025-british-politics
[12] https://www.bbc.co.uk/news/articles/c4gxw7px8glo
[13] https://responsiblestatecraft.org/russian-navy-build-up/
[14] https://www.marineinsight.com/russian-fighter-jet-violates-estonian-airspace-after-navy-attempts-to-stop-sanctioned-tanker/
[15] https://www.bbc.co.uk/news/live/cwynjdqgellt
[16] https://www.france24.com/en/france/20260320-french-navy-seizes-oil-tanker-sailing-from-russia-accused-of-flying-false-flag-in-mediterranean
[17] https://www.rusecrets.com/articles/how_russian_oil_and_gas_exports_are_currently_structured
[18] https://energyandcleanair.org/publication/eu-imports-of-russian-fossil-fuels-in-third-year-of-invasion-surpass-financial-aid-sent-to-ukraine/
[19] https://www.reuters.com/markets/commodities/key-points-about-russias-shadow-fleet-oil-tankers-2025-05-15/
[20] https://oilprice.com/Energy/Energy-General/Turkeys-Diversification-from-Russian-Crude-Is-More-Illusion-Than-Exit.html
[21] https://cbr.ru/eng/statistics/macro_itm/external_sector/pb/
[22] https://www.aninews.in/news/world/asia/countries-enforce-sweeping-curbs-amid-global-energy-crisis-triggered-by-west-asia-conflict20260323202646/
[23] https://www.reuters.com/business/energy/iran-war-doubles-russias-main-oil-revenue-9-bln-april-reuters-calculations-show-2026-04-09/
[24] https://www.trtworld.com/article/c5918cc57711
[25] https://edition.cnn.com/2026/03/13/energy/us-russia-sanctions-relief-oil-hnk-intl
[26] https://www.reuters.com/business/energy/ukraine-finish-druzhba-oil-pipeline-repairs-spring-zelenskiy-says-2026-04-10/
[27] https://responsiblestatecraft.org/uk-russia-shadow-fleet/
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Steigende Energiekosten und die Hormus-Blockade gefährden Europas Grundchemie. Werke schließen, Preise explodieren.
Die deutsche und europäische Chemieindustrie steht vor einer existenziellen Krise. Wie Bloomberg berichtet, hat die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs die Produktion von Grundchemikalien wie Ethylen, Propylen und Ammoniak in Europa zunehmend unrentabel gemacht.
Europäische Ethylenkontrakte erreichten laut Independent Chemical Information Service (ICIS) [1] im April 2026 einen Rekordwert von 1595 Euro pro Tonne – ein Anstieg um 450 Euro gegenüber dem Vormonat.
Die Folgen treffen die gesamte Wertschöpfungskette: BASF hat die Preise [2] für Waschmittel-Inhaltsstoffe um rund 30 Prozent angehoben, Evonik kündigte laut Bloomberg höhere Preise für Futtermittelzusätze an.
Zwischen 2022 und 2025 wurden laut dem Branchenverband Cefic erhebliche Teile der chemischen Industrie stillgelegt, insgesamt etwa neun Prozent der gesamten europäischen Produktionskapazität.
Der Sektor erwirtschaftete [3] 2024 einen Umsatz von 635 Milliarden Euro und beschäftigte 1,2 Millionen Menschen – doch Europas globaler Marktanteil ist inzwischen auf dreizehn Prozent geschrumpft, während China mit 46 Prozent dominiert.
Besonders greifbar werden die Risiken bei der SKW Stickstoffwerke Piesteritz, Deutschlands größtem Ammoniakproduzenten. Erdgas macht über 70 Prozent der Produktionskosten für Ammoniak aus.
Bereits 2022 musste das Unternehmen die Produktion vorübergehend einstellen, weil steigende Gaspreise die Herstellung unrentabel machten – damals fielen allein dadurch 40 Prozent des deutschen AdBlue-Marktes aus [4].
Hinzu kommen 40 Millionen Euro, die SKW im Jahr 2025 für CO2-Emissionszertifikate zahlen musste – Kosten, die internationale Wettbewerber laut Bloomberg nicht tragen [5].
"Wir konzentrieren uns in erster Linie auf das Überleben, denn genau darum geht es", sagte SKW-Geschäftsführer Carsten Franzke gegenüber Bloomberg. "Der Boden unter uns beginnt sich zu verschieben, die Wände bröckeln."
Europäische Flüssiggasimporte kosten zwei- bis dreimal so viel wie Gas in den USA. Und Naphtha-basierte Cracker-Margen sind seit geraumer Zeit unter Druck und hin und wieder negativ geworden.
Die EU hat im Oktober 2025 [6] die Critical Chemicals Alliance (CCA) gegründet, um kritische Moleküle wie Ammoniak, Ethylen und Methanol zu identifizieren und die Versorgungssicherheit zu stärken.
Doch die Mitgliedstaaten sind uneins über den richtigen Ansatz. Frankreich und andere Länder wollen einzelne Substanzen als strategisch einstufen und gezielt fördern. Deutschland lehnt das ab.
"Die Diskussion darüber, was überhaupt bevorzugt werden könnte, ist ein Ansatz, den wir in der deutschen Chemieindustrie nicht wirklich mögen", sagte VCI-Vertreter Matthias Blum gegenüber Bloomberg. Der Branchenverband fordert stattdessen niedrigere Energiekosten und weniger Bürokratie.
Iris Herrmann von der Beratungsfirma Oliver Wyman warnt laut Bloomberg vor einer Kettenreaktion: Die Notwendigkeit, Grundstoffe zu importieren, "löst eine Abwärtsspirale aus, in der die Kunden der chemischen Industrie abwandern".
Benedikt Frank, Partner von Kearney, ergänzt laut Bericht, dass normale europäische Prozesse dafür "zu langsam" seien. Auch BMW beobachte Lieferrisiken bei Klebstoffen, Lacken und Frostschutzmitteln inzwischen "genau".
Die Auswirkungen reichen weit über die Chemieindustrie hinaus. Harnstoffdünger kostet aktuell 600 bis 650 US-Dollar pro Tonne – ein Anstieg von über 100 US-Dollar seit Kriegsbeginn. Die Lagerbestände bei Stickstoffdüngern liegen nur bei rund 60 Prozent der normalen Einlagerungsquote.
Wie Telepolis in einer aktuellen Analyse [7] aufzeigt, warnen Experten bereits vor einer drohenden globalen Nahrungsmittelkrise, ausgelöst durch das Zusammenspiel von Düngerknappheit, Klimaeffekten und geopolitischen Blockaden.
"Wenn wir hier in Deutschland die zehn Grundchemikalien nicht mehr haben – weil wir sie verlieren oder die Lieferketten zusammenbrechen –, haben wir ein ernstes Problem", warnt SKW-Manager Franzke.
IGBCE-Chef Michael Vassiliadis mahnt zudem, dass Ammoniak-Importe nicht nur Abhängigkeiten vertiefen, sondern auch erhebliche neue Infrastrukturen für den Transport des giftigen Gases erfordern würden. Die Zeit für europäische Grundsatzdebatten wird knapp.
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[1] https://www.icis.com/explore/resources/news/2026/03/31/11193802/europe-ethylene-cp-rises-a-record-450-tonne-for-april-on-middle-east-conflict/
[2] https://www.basf.com/global/de/media/news-releases/2026/03/p-26-052
[3] https://cefic.org/facts-and-figures-of-the-european-chemical-industry/
[4] https://www.telepolis.de/article/Hohe-Gaspreise-Spediteure-warnen-vor-Ausfall-Hunderttausender-LKW-7256270.html
[5] https://www.bloomberg.com/graphics/2026-europe-chemicals-iran-war/
[6] https://single-market-economy.ec.europa.eu/news/commission-announces-launch-critical-chemicals-alliance-strengthen-europes-chemical-sector-2025-10-28_en
[7] https://www.heise.de/tp/article/Wenn-Geopolitik-und-Klima-gemeinsam-die-Ernte-vernichten-11255913.html
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Der Erprobungsflug ist am 4. April erfolgt
(Bild: CGTN/Facebook)
Ein Frachtflugzeug flog erstmals mit einem Wasserstoff-Triebwerk der Megawatt-Klasse. Experten sehen wichtigen Schritt – warnen aber vor zu hohen Erwartungen.
China hat nach eigenen Angaben den weltweit ersten Flugtest eines wasserstoffbetriebenen Turboprop-Triebwerks der Megawatt-Klasse durchgeführt.
Am 4. April hob ein unbemanntes Frachtflugzeug mit einem Gewicht von rund 7,5 Tonnen am Flughafen der Stadt Zhuzhou in der zentralchinesischen Provinz Hunan ab und absolvierte einen 16-minütigen Testflug, wie der chinesische Triebwerkhersteller Aero Engine Corporation of China [1] (AECC) mitteilte [2].
Das Flugzeug wurde vom AEP100 angetrieben, einem in China eigenständig entwickelten Turboprop-Triebwerk, das mit flüssigem Wasserstoff betrieben wird. Während des Fluges legte die Maschine eine Strecke von 36 Kilometern zurück, erreichte eine Geschwindigkeit von rund 220 km/h und flog in einer Höhe von etwa 300 Metern.
Laut AECC lief das Triebwerk während des gesamten Fluges stabil, alle geplanten Manöver wurden absolviert und das Flugzeug kehrte sicher zum Flughafen zurück.
Dem Erstflug waren umfangreiche Bodentests vorausgegangen [3]. Ende März hatte das vom AECC Hunan Aviation Powerplant Research Institute in Zhuzhou entwickelte Triebwerk sämtliche Bodenversuche bestanden, wie die chinesische Global Times berichtete.
Bei den Zündungs- und Leistungstests unter Bodenbedingungen hätten alle Kennwerte des Triebwerks und des Flüssigwasserstoff-Transportsystems im Normbereich gelegen.
Experten der AECC bewerteten den erfolgreichen Erstflug als Nachweis dafür, dass China nun über eine vollständige technologische Kette für wasserstoffbetriebene Flugtriebwerke verfüge – von den Kernkomponenten bis zur Integration in ein Gesamtsystem. Der Flug markiere den Übergang von der experimentellen Forschung hin zur praktischen Ingenieursanwendung.
Kurzfristig soll die Technologie vor allem im Bereich des sogenannten Niedrigflugbetriebs zum Einsatz kommen: bei unbemannten Frachtflügen und der Versorgung abgelegener oder schwer zugänglicher Regionen wie Inseln. Mittelfristig könnten Regionalflugzeuge folgen, langfristig auch größere Passagiermaschinen – so die Einschätzung der am Projekt beteiligten Fachleute.
Die Entwicklung soll zudem Impulse für die gesamte Wasserstoff-Wertschöpfungskette geben: von der Produktion von grünem Wasserstoff über Verflüssigung, Lagerung und Transport bis hin zu Betankungsinfrastruktur und der Fertigung von Hochleistungskomponenten und neuen Materialien.
Nicht alle teilen den Optimismus uneingeschränkt. Wang Yanan, Chefredakteur der in Peking erscheinenden Fachzeitschrift Aerospace Knowledge, ordnete die Entwicklung nüchterner ein. Flüssigwasserstoff-Triebwerke befänden sich weltweit noch in einem frühen Erkundungsstadium, sagte Wang gegenüber der Global Times.
Einschränkungen bei der Lebensdauer der Komponenten, den Speicherkosten, der Energiedichte und der Sicherheit machten einen Einsatz in der kommerziellen Passagierluftfahrt auf absehbare Zeit unwahrscheinlich.
"Um bestehende Triebwerkssysteme zu ersetzen, müssen neue Technologien zwei Kernbedingungen erfüllen: Sie müssen die Dekarbonisierung vorantreiben und gleichzeitig sicherstellen, dass Kosten, Leistung, Sicherheit und Zuverlässigkeit nicht hinter das heutige Niveau zurückfallen", erklärte Wang. Selbst die Eignung für den aufkommenden Niedrigflugbetrieb sei noch nicht hinreichend nachgewiesen.
Ob sich die Technologie auch wirtschaftlich durchsetzen kann, hängt nach Einschätzung der beteiligten Experten maßgeblich von den Produktionskosten für grünen Wasserstoff ab. Fallen diese weiter, würden wasserstoffbetriebene Triebwerke sowohl ökonomisch als auch unter dem Gesichtspunkt der Energiesicherheit zunehmend attraktiv.
Flüssiger Wasserstoff gilt wegen seiner hohen Energiedichte und seiner emissionsfreien Verbrennung als vielversprechender Kandidat für die Dekarbonisierung der Luftfahrt. Der erfolgreiche Testflug in Zhuzhou zeigt, dass die Technologie grundsätzlich funktioniert. Bis sie den konventionellen Kerosinantrieb ablösen kann, ist es allerdings noch ein weiter Weg.
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[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Aero_Engine_Corporation_of_China
[2] https://news.cgtn.com/news/2026-04-05/Megawatt-hydrogen-turboprop-engine-completes-maiden-flight-in-China-1M5w0iIbEpG/p.html
[3] https://www.globaltimes.cn/page/202603/1357798.shtml
[4] https://x.com/ChinaDaily/status/2041048264167018770/photo/1
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Gesundheitsministerin Warken plant massive GKV-Einsparungen. Kliniken, Kassen und Opposition kritisieren – Versicherte müssen mit Mehrbelastungen rechnen.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sorgt für Furore. Sie möchte im Gesundheitswesen sparen und hat dafür ein entsprechendes Maßnahmenpaket vorgelegt, mit dem die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) um rund 20 Milliarden Euro im Jahr 2027 entlasten werden soll.
Grundlage ist der Bericht der von Warken einberufenen FinanzKommission Gesundheit, die 66 Empfehlungen erarbeitet hat. Ziel sei es, eine "Beitragsspirale" zu stoppen und steigende Zusatzbeiträge zu verhindern. Doch von Krankenhäusern über Krankenkassen bis zur Opposition hagelt es Kritik.
Der Hintergrund ist dramatisch: Ohne Reformen droht der GKV laut Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums [1] bis 2027 eine Finanzlücke von circa 15 Milliarden Euro, bis 2030 sogar von rund 40 Milliarden Euro.
Als Haupttreiber gelten Ärzte, Kliniken und die Pharmaindustrie, für die immer mehr ausgegeben werden muss. Auch die versicherungsfremden Leistungen, die aus Kassenbeiträgen statt aus Steuermitteln finanziert werden, gehören demnach zu den Kostentreibern.
Besonders brisant für alle, die über die GKV versichert sind: Die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der Familienversicherung soll eingeschränkt werden. Konkrete Ausnahmen – etwa für Kinder – sind bislang nicht im Detail kommuniziert worden. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) warnt vor einem "falschen Signal" und sozialen Härten für Familien.
Ferner sollen die Zuzahlungen für Medikamente steigen. Gerade einkommensschwache Haushalte dürften davon überproportional betroffen sein – eine Sorge, die mehrere Kassenverbände und Patientenschutzorganisationen teilen.
Weitere Maßnahmen zielen darauf ab, die Ausgaben bei Praxen, Kliniken und in der Pharmabranche zu beschränken. Welche Folgen das für die Versorgung der Patienten haben wird, muss sich dann zeigen. Schon heute kennen viele Patienten das Phänomen, dass ihr Hausarzt pünktlich zur Mitte des Quartals die Praxis schließt und scheinbar Urlaub feiert. Erst zum neuen Quartal wird wieder geöffnet.
Der Hintergrund ist, dass schon heute viele Ärzte darüber klagen, dass es sich für sie nicht mehr lohnt, neue Patienten aufzunehmen oder die Praxis das ganze Quartal über geöffnet zu haben. Im Gespräch mit Ärzten wird immer wieder betont, dass sie ab einem gewissen Punkt kostenlos arbeiten müssten. Und gerade in Regionen, die nicht mit Ärzten gesättigt sind, führt das schnell zu einem Engpass bei der Versorgung.
Jetzt soll die sogenannte Meistbegünstigungsklausel für Krankenhäuser gestrichen und die teuren Zuschläge für die Terminvermittlung bei Fachärzten abgeschafft werden. Im Bereich Digitalisierung empfiehlt die Kommission unter anderem, die Vergütung von Ärzten für die elektronische Patientenakte (ePA) ab 2027 zu streichen – das allein könnte rund 600 Millionen Euro jährlich einsparen, da die Prozesse zunehmend automatisiert laufen.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) reagiert mit ungewöhnlich scharfen Worten. DKG-Chef Gerald Gaß nannte die Pläne [2] "maßlos, realitätsfern und brandgefährlich".
Insbesondere auf dem Land drohten Klinikschließungen, die zu längeren Wegen für Patienten und einer ausgedünnten Notfallversorgung führen würden.
Der Verfassungsanspruch auf gleichwertige Versorgung in Stadt und Land werde damit unterlaufen. Einen Ausgleich – etwa durch weniger Bürokratie – sehe das Paket nicht vor.
Auch die großen Krankenkassen üben deutliche Kritik. DAK-Chef Andreas Storm sprach [3] von einer "extremen Schlagseite" und einer unfairen Lastenverteilung. AOK-Chefin Carola Reimann monierte, dass mehr als ein Drittel der Einsparungen von Beitragszahlern getragen werden solle.
Jens Baas von der Techniker Krankenkasse (TK) begrüßte zwar einzelne Elemente wie neue Rabattverträge für Arzneimittel, mahnte aber an, zuerst alle Sparpotenziale auf der Ausgabenseite auszuschöpfen, bevor Versicherte stärker belastet werden.
Aus der Opposition kommen ebenfalls kritische Töne. Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen nannte das Paket "unausgewogen und eine echte Enttäuschung" – Lobbys würden geschont, während Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Hauptlast trügen.
Die Linke fordert als Alternative die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze, was höhere Beiträge für Gutverdiener und damit eine Umverteilung zugunsten von Geringverdienern bedeuten würde. Die SPD als Koalitionspartner prüft die Vorschläge noch, betont aber, dass es keine weiteren Leistungskürzungen geben dürfe.
Ferdinand Gerlach, stellvertretender Vorsitzender der FinanzKommission, verteidigte den Kurs: Die Hauptquelle der Einsparungen liege bei den Leistungserbringern, nicht bei den Beitragszahlern. Ohne Reformen würden die Zusatzbeiträge weiter steigen – und damit die Belastung der Versicherten erst recht.
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[1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/finanzkommission-gesundheit
[2] https://www.n-tv.de/ticker/Krankenhaeuser-warnen-vor-schlechterer-Versorgung-wegen-geplanter-Gesundheitsreform-id30714131.html
[3] https://www.spiegel.de/wirtschaft/krankenkassen-warken-konkretisiert-sparplaene-fuer-20-milliarden-euro-a-9b9eeefd-022b-4596-98e0-a3c8a2ee578c
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China kontrolliert die Lieferketten und will seinen Kontrahenten nicht das Feld überlassen. Doch wie geht es nun weiter?
Der militärische Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran legt eine bedeutsame Schwachstelle westlicher Rüstungsproduktion offen [1]: die Abhängigkeit von strategischen Metallen, deren Lieferketten weitgehend von China kontrolliert werden.
Was auf den Schlachtfeldern des Nahen Ostens und der Ukraine an Munition verpulvert wird, lässt sich nicht mehr ohne Weiteres ersetzen. Jede abgefeuerte Rakete, jedes panzerbrechende Geschoss verbraucht strategische Metalle. Besonders kritisch ist Wolfram, das wegen seiner außergewöhnlichen Dichte und Hitzebeständigkeit in der Rüstungsindustrie unverzichtbar ist.
Anders als etwa bei einem Bohrer, der recycelt werden kann, ist Wolfram in Munition nach der Explosion für immer verloren. Der Preis für ein bedeutendes Zwischenprodukt der Wolframherstellung schnellte nach Angaben [2] der chinesischen Agentur Shanghai Metals Market denn auch von unter 400 US-Dollar pro Tonne vor einem Jahr auf über 2.200 Dollar hoch.
Auch andere für die Rüstung essenzielle Metalle wie Antimon für Infrarotdetektoren, Germanium für Wärmebildsysteme sowie Tantal und Niob verzeichneten deutliche Preissteigerungen.
Die USA fördern seit über einem Jahrzehnt kein Wolfram mehr in industriellem Maßstab und sind nahezu vollständig auf Importe angewiesen. Bei Antimon decken die USA etwa 85 Prozent ihres Bedarfs durch Importe, bei Gallium liegt die Importabhängigkeit bei fast 100 Prozent, wie der US Geological Survey feststellt.
Der Weltmarkt für Wolfram ist klein mit einer weltweiten Produktionsmenge von knapp über 100.000 Tonnen im geschätzten Wert [3] von rund fünf Milliarden US-Dollar im Jahr 2023. Davon werden jährlich mindestens 2.500 Tonnen allein für militärische Panzerungsanwendungen benötigt [4], wovon traditionell rund 40 Prozent auf die USA entfallen.
Die Rüstungsprogramme der NATO-Staaten werden den Wolframverbrauch im Verteidigungsbereich bis 2035 voraussichtlich um 25 bis 30 Prozent steigern.
China kontrolliert schätzungsweise 80 Prozent der weltweiten Wolframproduktion und -verarbeitung, 60 bis 70 Prozent bei Antimon und über 90 Prozent bei Gallium. Auch bei der Raffination von Kobalt (70 bis 80 Prozent), Lithium (65 bis 70 Prozent) und Seltenen Erden (etwa 90 Prozent) hat die Volksrepublik zumindest derzeit das Sagen.
Im Mai 2025 verschärfte [5] Peking seine Exportkontrollen für strategische Mineralien als Reaktion auf US-Zölle. Seither sind die chinesischen Exporte um fast 40 Prozent zurückgegangen.
Gleichzeitig sank die chinesische Förderung 2025 um 10 Prozent auf 61.000 Tonnen – vor allem aufgrund geringerer staatlicher Quoten und Umweltauflagen für kleinere Minen, von denen viele dichtgemacht haben. Zudem verbraucht China inzwischen selbst mehr Wolfram.
Das US-Kriegsministerium reagierte fristgerecht auf die Versorgungskrise: Am 27. Februar – einen Tag vor Beginn des unprovozierten völkerrechtswidrigen Kriegs gegen Iran – forderte [6] das Pentagon die Industrie auf, frische Lieferungen von 13 kritischen Mineralien bereitzustellen, darunter auch Wolfram.
Washington vergibt zudem Gelder an Unternehmen wie Guardian Metal Resources für Studien zur Lagerstätte Pilot Mountain in Nevada oder an Amermin für erweiterte Recyclingkapazitäten. Das Problem: Diese Firmen werden erst in ein paar Jahren produzieren.
Parallel dazu ist Washington bemüht, alternative Lieferketten außerhalb Chinas aufzubauen. Im November unterzeichnete [7] die Investmentfirma Cove Capital einen Vertrag zur Erschließung einer großen Wolframlagerstätte in Kasachstan – unterstützt durch 900 Millionen US-Dollar von der US-Exportimportbank.
Die bereits produzierende Mine Boguty in Kasachstan trug 2025 wesentlich dazu bei, dass die Produktion außerhalb Chinas um 20 Prozent auf 19.000 Tonnen stieg.
Auch in Afrika intensiviert Washington seine Bemühungen. Im Dezember 2025 schloss [8] die Demokratische Republik Kongo eine strategische Partnerschaft mit den USA zur Lieferung vor allem von Kobalt. Und im März 2026 hat die US-amerikanische Virtus Minerals die Chemaf gekauft, die Kobalt und Kupfer produziert.
Um die Zeit bis zur heimischen Produktion zu überbrücken, starteten die USA das Projekt Vault – eine strategische Reserve mit zwölf Milliarden US-Dollar Finanzierung zur Bevorratung kritischer Mineralien. Die geplante [9] Reserve soll alle 60 Mineralien umfassen, die auf der Liste kritischer Mineralien des US-Geological Survey von 2025 stehen.
Insgesamt haben die USA nach Angaben von Vizepräsident JD Vance in den vergangenen sechs Monaten gemeinsam mit dem Privatsektor mehr als 30 Milliarden US-Dollar für entsprechende Projekte zugesagt. Die meisten Projekte dürften allerdings erst nach 2028 mit der Produktion beginnen und bieten also keine kurzfristige Entlastung.
Die wachsende militärische Nachfrage verschärft den Wettbewerb mit zivilen Industrien um die knappen Metalle. Der Verteidigungssektor machte 2025 etwa zehn Prozent des weltweiten Wolframverbrauchs aus. Dieser Anteil dürfte steigen, da westliche Länder, insbesondere die USA, ihre Munitionsbestände nach den Verlusten im Ukraine-Krieg und nun im Nahen Osten wieder auffüllen müssen.
Militärische Abnehmer können zivile Käufer stets überbieten, was Probleme für Hightech-Hersteller bedeuten könnte, die Wolfram für Halbleiter, Leiterplatten und Solarpaneele verwenden. Elektronik ist ein schnell wachsender Bereich der Wolframnachfrage und ergänzt die Verwendung des Metalls in Hartmetallwerkzeugen für Bau, Bergbau sowie die Öl- und Gasindustrie.
Das chinesische Handelsministerium hatte bereits im Mai 2025 angekündigt [10], die Kontrolle über die gesamten Exportketten strategischer Mineralien zu verstärken. "Da die Exportkontrolle strategischer Mineralien viel mit der nationalen Sicherheit zu tun hat, ist die Stärkung der Kontrolle der gesamten Exportkette der Schlüssel", teilte das Ministerium mit.
Laut [11] Reuters fallen darunter Antimon, Bismuth, Gallium, Germanium, Grafit, Indium, Molybdän, Tellur und Wolfram sowie Verarbeitungstechnologien für batteriefähiges Lithium und Gallium
Im Januar 2026 verhängte China überdies Exportkontrollen für Dual-Use-Güter nach Japan. Alle Dual-Use-Artikel sind für den Export an japanische militärische Nutzer oder für militärische Zwecke sowie für Endverwendungen verboten [12], die zu Japans Aufrüstung beitragen.
Ein Bericht der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften vom Januar 2026 stellte fest [13], dass sich der Wettbewerb um kritische Mineralien über Abbaurechte hinaus auf Transportsicherheit, Abfangrisiken auf hoher See und die Umstrukturierung globaler Rohstoffpreissysteme ausweitet.
Die Kontrolle über Lieferketten werde zu einem wichtigeren Maßstab für nationale Stärke und industrielle Führerschaft als bloße Kapitalkraft.
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[1] https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/metals/030426-critical-minerals-shortage-threatens-us-military-production-capacity
[2] https://www.reuters.com/markets/commodities/every-missile-fired-over-iran-is-burning-through-us-tungsten-stocks-2026-03-23/
[3] https://almonty.com/tungsten-at-the-front-line/
[4] https://www.hartpunkt.de/chinas-dominanz-bei-wolfram-wird-fuer-die-ruestungsindustrie-zur-herausforderung/
[5] https://www.reuters.com/markets/asia/china-strengthen-control-over-strategic-minerals-exports-2025-05-12/
[6] https://www.businesstimes.com.sg/international/global/how-iran-war-set-global-scramble-strategic-metals
[7] https://de.marketscreener.com/boerse-nachrichten/cove-capital-baut-wolframvorkommen-in-kasachstan-aus-von-trump-angekuendigtes-abkommen-staerkt-us-kaz-ce7d5cd3da89fe27
[8] https://www.ft.com/content/4a8efcb3-b8d2-439d-ba34-505698f69446?syn-25a6b1a6=1
[9] https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-02/usa-reserve-seltene-erden-boersen-project-vault
[10] https://www.globaltimes.cn/page/202505/1334054.shtml
[11] https://www.reuters.com/world/china/chinas-curbs-exports-strategic-minerals-2025-10-09/
[12] https://www.bhfs.com/insight/china-strengthens-export-controls-on-dual-use-items-to-japan/
[13] https://www.businesstimes.com.sg/international/global/how-iran-war-set-global-scramble-strategic-metals
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