
Selbstbestimmte Teams sind produktiver, diese Erkenntnis ist alles – nur nicht neu.
Immer wieder beschäftige ich mich mit Ansätzen und Organisationsformen, um besser verstehen zu können, was uns eigentlich oft daran hindert, eine Veränderung (wie Agilität) erfolgreich und nachhaltig umzusetzen. Dabei bin über den sogenannten soziotechnischen Ansatz gestolpert, der bereits in den 50er-Jahren entwickelt wurde. Dieser gründet sich auf der Erkenntnis, dass soziotechnische Systeme vor allem deswegen langfristiger und nachhaltiger ausgerichtet sind, da sie die Organisation ganzheitlich betrachten, das heißt sowohl den menschlichen/sozialen Aspekt als auch den technischen/wirtschaftlichen.
Mittels unterschiedlicher Forschungen und empirischen Untersuchungen konnte man nachweisen, dass teilautonome, selbstbestimmte Arbeitsgruppen produktiver sind, wenn ihnen die Verantwortung für größere, zusammenhängende Aufgaben übertragen werden und sie diese dann selbstorganisierend bearbeiten können. Im Vergleich dazu schnitten die Gruppen schlechter ab, bei denen die Aufgaben erst in kleinere Funktionen untergliedert und diese dann an einzelne Mitarbeiter übergeben wurden, die dann auch lediglich für diesen Funktionsteil zuständig waren (Stichwort: Taylorismus). Weiterhin wurde erkannt, dass bei den teilautonomen und selbstbestimmt arbeitenden Gruppen eher Generalisten benötigt werden, die sich gegenseitig vertreten können.
Diese gegenseitige Vertretung trug dazu bei, dass alle voneinander lernen konnten, wodurch sich auch nachweislich die intrinsische Motivation erhöhte. Außerdem wurden diese Gruppen dadurch in die Lage versetzt, ständig (kleine) Verbesserungen bezüglich der Umsetzung der Aufgaben vorzunehmen. Der organisatorische Nutzen davon war (neben der eben angesprochenen höheren Motivation und größeren Zufriedenheit der Mitarbeiter) vor allem auch eine größere Flexibilität, Qualität, Innovationsfähigkeit und eben auch Produktivität.
Dies wurde, wie gesagt, vor circa 70 Jahren erkannt. Zu dieser Zeit steckte die IT noch in den Kinderschuhen, vor allem aber die Softwareentwicklung in Teams. Und obwohl "wir" damals eine neue Disziplin begründeten und keine echten Altlasten hatten, waren wir dennoch der Ansicht, dass es sinnvoller wäre, tayloristisch vorzugehen. Das heißt, die Arbeit sollte funktional untergliedert und an einzelne Mitarbeiter übergeben werden, wie das unter anderem bei einem linearen Vorgehen zum Beispiel nach Wasserfall üblich ist. Das heißt, unser Verständnis, wie Arbeit zu bewältigen ist, basiert(e) auf Überlegungen aus dem Ende des vorletzten/Beginn des letzten Jahrhunderts.
Heutzutage, unter anderem mit dem Siegeszug der Agilität, fällt uns "plötzlich" ein, dass die Übergabe von größeren zusammenhängenden Aufgaben an selbstorganisierende Teams viel erfolgreicher sei. Ich frage mich, wieso haben wir 50 Jahre benötigt – das Agile Manifest ist ja mittlerweile auch schon 16 Jahre alt – bis wir das erkannt haben?
URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3633011

Neulich nach dem Yoga erzählt eine Teilnehmerin lautstark davon, dass ihr Sohn jetzt tatsächlich Informatik studieren würde.
Ich brauchte erst eine ganze Zeit, bis mir klar war, dass ihre Lautstärke nicht daher kam, dass sie darauf super stolz sei, sondern dass sie es ganz furchtbar finde, dass ihr Sohn jetzt Informatiker werden möchte.
Wir sind in dieser Yogaklasse eine sehr kleine Gruppe (maximal 6 Personen), und die meisten wissen, dass ich ITlerin bin. Diese Teilnehmerin hatte das aber anscheinend verdrängt. Natürlich schauten mich jetzt alle anderen an. Erst mal drückte ich meine Begeisterung aus: "Das ist ja super, wir brauchen eh mehr ITler." Dann fragte ich nach, was denn so furchtbar wäre. Sie antwortete zunächst mit einem Beispiel, das nicht auf meine Frage einging, sondern ihren Unglauben auf eine für mich lustige Art untermauerte:
"Dann waren wir in der Stadt, und mein Sohn wollte unbedingt noch ein Mathematikbuch für das Studium kaufen. Als ich das Buch gesehen habe – ein richtig richtig dickes Buch –, hatte ich schon meine Zweifel. Das schaut der sich ja im Leben nicht an. Zu Hause dann, das Buch war noch eingeschweißt, habe ich mir genau gemerkt, wo er das Buch hingelegt hat. Ich war mir sicher, dass es auch in zwei Monaten exakt an der Stelle (und eingeschweißt) liegen wird. Aber nicht zu fassen, bereits am Abend war das Buch ausgepackt, und er schaute tatsächlich ausgiebig in das Buch. Das ist doch schrecklich!"
Ich kam wieder auf meine Frage zurück, was denn so schrecklich wäre? Die Hauptantwort war, dass er wohl gerne Computerspiele spielt und jetzt mit dem Studium dann ja nur noch in den Monitor starren und sich nicht mehr mit anderen Menschen auseinandersetzen würde. Mein Einwand, dass er seinem Hobby Computerspiele vermutlich auch bei einer anderen Studienwahl weiter frönen würde. Dass auch bei vielen anderen Studiengängen die Arbeit am Rechner unvermeidbar wäre, ließ sie nicht gelten.
Allerdings hörte sie mir staunend zu, als ich meinte, dass ITler üblicherweise im Team und nicht alleine arbeiten würden. Womit sie dann zu ihrer eigentlichen Sorge kam – ob er denn mit diesem Studiengang eine Chance auf einen Job hätte? ...
Dieses Gespräch hat mich wieder einmal darin bestätigt, wie schlecht "wir" im Vermarkten und damit im Aufbau einer guten (!) Reputation [1] sind. Und obwohl sich besagter Sohn für die IT entschieden hat, ist es ja nicht so, dass die Studienzahlen für IT durch die Decke gehen und dieses Missverständnis ein Generationenproblem ist. Aus diesem Grund sind Aktionen wie die Münchner Erklärung [2] (auch die Initiative dazu auf der letzten OOP [3]) wichtig, aber lange nicht ausreichend. Das heißt, "dieser Weg wird kein leichter sein".
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/developer/artikel/Hilfe-ausgerechnet-Informatik-3577750.html
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/developer/artikel/Der-Informatiker-als-Sozialarbeiter-352931.html
[2] http://muenchner-erklaerung.de/
[3] http://www.oop-konferenz.de/oop2017/konferenz/muenchner-erklaerung.html