Roboter erstellen KI-Inhalte in einer dytopischen Welt.
(Bild: Shutterstock AI)
Der renommierte Kryptologe Bruce Schneier sieht in KI das Potenzial, Software sicherer zu machen, warnt aber vor Monopolen. Er fordert eine starke Regulierung.
Er hat Verschlüsselungsalgorithmen entwickelt und warnte schon 2007 vor dem nicht-zufälligen Zufallszahlengenerator im NIST-Standard Dual_EC_DRBG. Zugleich gehört Bruce Schneier zu den „Techies“, die seit Jahren raten, Sicherheit für die Nutzer auch durch Regulierung und Wettbewerbsaufsicht abzusichern. Für KI gilt das ebenso, sagt der Harvard-Forscher und Buchautor bei der Münchner Cyber Sicherheitskonferenz [1]. Europa darf, so sein Rat, die gerade aufgestellten Regeln in diesem Bereich nicht abschwächen.
Sie sagen, KI kann uns in ein paar Jahren vollkommen sichere Software bescheren. Aktuell aber profitieren die Angreifer, weil sie sich die Technologie zum Aufspüren von Sicherheitslücken zu Nutze machen. Werden wir uns über diese Phase hinweg retten können? Werden wir überleben?
Keine Ahnung, ob wir überleben. Im Moment erleben wir ein Wettrüsten. Die KI vervielfacht die Chancen, Schwachstellen zu entdecken. Kriminelle und auch Regierungen nutzen das, um sich offensive Cyberwaffen zuzulegen, und das mit wachsender Geschwindigkeit und Effektivität. Allerdings hilft KI den Verteidigern. Auch sie profitieren, davon, dass Schwachstellen schneller gefunden und gepatcht werden als jemals zuvor. Kurzfristig ist der Angreifer im Vorteil. Langfristig gewinnt die Defensive. Künftig werden Sicherheitslücken schon während der Entwicklung geschlossen und sind dann für immer zu. Unser Problem ist nicht gepatchte Legacy Software, daher stehen uns harte Zeiten bevor.
Ist es nicht eine gewagte Vorhersage, dass KI Software endgültig sicher machen wird?
Optimistisch vielleicht, aber nicht unvernünftig optimistisch. KI ist inzwischen wirklich gut darin, Schwachstellen zu finden und automatisch zu patchen, und wird jeden Monat besser. Ich habe gerade eine Studie gesehen, die zeigt, wie KI Schwachstellen sogar im Objektcode entdeckt. Also praktisch in Feldcodes, ohne Kenntnis des Quellcodes. Das wird gefunden und gepatcht. Das ist völlig abgefahren. Daher glaube ich, dass Schwachstellen irgendwann der Vergangenheit angehören. Nicht morgen, es kann sein, dass es noch fünf oder 10 Jahre dauert – aber KI ist einfach zu gut darin.
Wie unterschiedlich sind entsprechende Kompetenzen verbreitet?
Ich denke, das wird am Ende in Compiler integriert. Es wird keine gesonderte Funktion mehr sein sein, genauso wie Optimierungsverfahren im Compiler stecken. Das ist das Level an Sophistication, welches wir brauchen. Im Moment haben wir Vulnerability Labs, die Schwachstellen aufspüren. Anthropic etwa testet im Moment praktisch jedes Stück öffentlicher Software. Andere machen ähnliche Dinge. Kriminelle nutzen KI-Tools ihrerseits, und daher gibt es eine Menge Schadsoftware da draußen. KI-Ransomware zum Beispiel. Dabei schreibt KI Ransomware, sucht Ziele aus, schreibt dann die notwendigen E-Mails und eröffnet das Bankkonto für die Zahlungen. Ein Knopfdruck und die KI macht Kohle für Kriminelle. Wie schnell sie darin noch besser werden, ist schwer zu sagen. Aber im Moment entwickelt sich das rasend.
Wie unterschiedlich sind die Fähigkeiten auf Seiten der Verteidiger?
Da gibt es große Unterschiede. Es gibt natürlich jede Menge KI-Marketing-Bullshit. Viele Firmen werben mit KI, weil man das jetzt so macht. Es gibt aber eben auch wirklich clevere Ideen, beispielsweise gibt es einen Ex-Google-Mitarbeiter, der auf der Basis eines Papiers mit dem Titel „Camel“ eine Firma aufgezogen hat bei der es um Human-in-the-Loop-Agenten geht. Ich selbst berate eine Firma, die KI nutzt, um Systeme gegen Datenverlust abzusichern. Also das Meiste ist noch Marketing-Bullshit, aber es gibt kluge Innovationen.
Zugleich vergrößert der Einsatz von KI den Attack-Surface, oder?
KI ist im Grunde nur ein Programm, ein Stück Software, das auf einer Hardware läuft. Natürlich ist es anfällig für die Schwächen traditioneller Software. Das stimmt. Simon Willison spricht von der ‘lethal trifecta’: KI baut auf nicht vertrauenswürdigen Daten auf, hat Zugang zu privaten Daten, und, Drittens, agiert autonom. Wenn wir eine solche KI nutzen, sind wir angreifbar. Punkt. Aus.
Und wie schützen wir uns dagegen?
Zwei Antworten. Erstens: Keine Chance. Bei aktueller Transformer-Technologie (Deep-Learning-Architekturen, A. d. Red.), haben wir keine Möglichkeit, das Einschleusen von Eingabeaufforderungen zu verhindern. Meine zweite Antwort lautet: Prompt Injections sind nur der erste Schritt der Kill-Chain. Ich habe gerade über die sieben Schritte der ‘Promptware Kill-Chain’ [2] geschrieben. Das bedeutet: Wir haben mehrere Angriffspunkte, die wir gegen solche Attacken nutzen können. Der Umstand, dass wir gegen den ersten Schritt machtlos sind, heißt nicht, dass wir uns gar nicht schützen können. Wir müssen die sieben Einzelschritte besser verstehen und uns das zunutze machen. Allerdings kämpfen wir gegen ein sehr bewegliches Ziel.
Wer kann und muss etwas tun? Sie haben auf die Schaffung öffentlicher Audit-Stellen verwiesen.
Ja, das ist eine Maßnahme, die man treffen kann. Das allein reicht aber nicht. Wie immer im Bereich Sicherheit müssen alle ihren Teil beitragen.
Würden Sie sagen, die Entwicklung von KI ähnelt der des Internets? Wir haben einen demokratisierenden Faktor – wir könnten alle Sender, beziehungsweise mit KI Programmierer werden – und zugleich übernimmt das Surveillance-Capitalism-Modell? Nur dass es bei KI schneller geht mit dem Umschalten auf Werbefinanzierung?
Die KI-Blase gleicht der Internetblase in gewisser Weise. Könnte sie platzen wie, sagen wir mal, die Blockchain-Blase? Nun ja, Blockchain war wirklich eine dumme Idee. Niemand startet heute noch eine Blockchain Firma. Die Internetblase war anders, weil das Internet im Kern eine super Idee war. Bloß waren die Firmen dumm, und möglicherweise stecken wir aktuell genau in dieser Phase. KI verändert alle Aspekte der Technologie. Aber Anthropic oder Open AI haben meiner Meinung nach kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Wenn die Blase platzt, reißt das die Wirtschaft mit, denn die wird ja davongetragen. Andererseits hat KI als Technologie echtes Potenzial. Wir können damit unglaubliche Dinge tun. Wir dürfen einfach nicht unterschätzen, dass die großen Firmen diese Entwicklung für uns alle ruinieren können. Die Monopolisierung von KI ist ein Riesenproblem, auch wenn wir nicht die gleichen Netzwerkeffekte wie bei Social Media haben. Sie können innerhalb von Sekunden zwischen verschiedenen Modellen wechseln und wir werden nicht die gleiche KI benutzen, weil jemand anderer sie benutzt. Weniger Netzwerkeffekte, weiter sinkende Kosten, um neue Modelle zu entwickeln – ich hoffe einfach, dass die Monopolisierung atrophiert. Aber wir müssen abwarten.
In München haben sie sich als Fan eines von Schweizer Unis entwickelten Modells geoutet, das offen ist und mit nachhaltiger Energie arbeitet.
Die aktuelle Version von Apertus ist ungefähr eineinhalb Jahre hinter dem Stand der Technik zurück. Wir müssen abwarten, wie gut die Performance sein wird. Aber es ist viel billiger. Außerdem bewegen wir uns in Richtung kleinerer, spezialisierter Modelle. Niemand braucht diese großen Modelle, für die riesige Geldberge verbrannt werden.
Wie verhindern wir Monopole, falls sie nicht selbst atrophieren?
Wettbewerbsaufsicht. In den USA passiert das natürlich nicht, weil Geld und Politik zusammenstecken und die Finanzwelt das nicht will. Ich setze daher auf die EU. Ihr seid die regulatorische Superpower des Planeten.
Wirkt das tatsächlich?
Mein Gott, ja. Wenn sie einen Unternehmenszusammenschluss verhindern, dann passiert er nicht. Wenn man einen Konzern aufspaltet, hat man kleinere Einheiten. Das hat globale Effekte. Wir brauchen jemanden, der die Tech-Monopole zerschlägt, und die Vereinigten Staaten werden das nicht machen.
Das ist, was Gesetzgeber und Regulierer tun können. Sonst noch was?
Das wäre das Wichtigste. Das Zweite ist Interoperabilität erzwingen. Der Digital Markets Act, der Digital Services Act der KI Act sind gut. Das muss durchgesetzt werden und man muss dem Druck aus den USA widerstehen, das nicht zu tun. Natürlich wollen die Firmen das nicht und wenn die das nicht wollen, wird Politik losgeschickt. So funktioniert das aktuelle politische System.
Was sagen Sie zur aktuell diskutierten Reform, beziehungsweise Abschwächung der Regeln?
Ich verfolge das nicht im Detail, denn ich habe keinen Einfluss darauf. Aber ich bin kein Fan davon, die Regeln abzuschwächen.
Warum muss man die Demokratie neu verkabeln?
Die Demokratie wird neu verkabelt, ob wir das wollen oder nicht. In meinem Buch [3] spreche ich darüber, wie KI die Demokratie verändert und wie wir an vielen Stellen gar keine Wahl haben. Mir ging es darum, darüber zu schreiben, wie wir KI positiv gestalten können. Manchmal reicht für die Neuverkabelung sogar eine einzelne Person.
Oder es hilft einer Person, die Gesellschaft nach rechts zu drehen und die Demokratie zu gefährden.
KI ermächtigt. Sie ermächtigt Menschen, zu tun, was sie tun wollen. Wenn wir mehr Demokratie wollen, kann KI dabei helfen. Wenn wir weniger wollen, geht das genauso. KI entscheidet nicht über die Richtung. Darüber können wir entscheiden.
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[1] https://mcsc.io/
[2] https://www.lawfaremedia.org/article/the-promptware-kill-chain
[3] https://www.schneier.com/blog/archives/2026/02/rewiring-democracy-ebook-is-on-sale.html
[4] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[5] mailto:kbe@heise.de
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Der Cloud-Provider Backblaze zeigt in seinem Jahresbericht, welche Festplatten zuverlässig sind, welche Schwächen zeigen und wie sich Ausfallraten entwickeln.
Backblaze, ein Anbieter von Cloud-Speicher, hat seinen jährlichen Bericht zu Festplattenausfällen veröffentlicht [1]. Der Bericht deckt das gesamte Jahr 2025 sowie langfristige Trends ab. Mit einer Analyse von über 337.000 Festplatten liefert das Unternehmen detaillierte Einblicke in Ausfallraten, Zuverlässigkeit und die Leistung verschiedener Modelle.
Die Ausfallrate über alle Festplatten hinweg (durchschnittliche jährliche Ausfallrate, AFR) sank nach Angaben des Unternehmens auf 1,36 Prozent, im Vorjahr lag die AFR noch bei 1,55 Prozent. Insgesamt sind im vierten Quartal 2025 943 Laufwerke ausgefallen, damit mussten die Techniker durchschnittlich rund 10 Laufwerke pro Tag tauschen.
Die Daten zeigen, dass Festplatten mit höheren Kapazitäten zunehmend dominieren: Modelle mit 14 bis 16 TB machten über 52 Prozent der eingesetzten Geräte aus. Besonders zuverlässige Modelle wie die Toshiba MG08ACA16TA mit einer AFR von 0,90 Prozent stachen hervor. Andererseits zeigten ältere Modelle wie die HGST HUH728080ALE600 mit einer AFR von über 10 Prozent deutliche Schwächen.
Die Auswertung verdeutlicht auch, dass Ausfallraten stark von Alter, Kapazität und Hersteller abhängen. Neue 26-TB-Festplatten wurden erstmals integriert und wiesen im ersten Quartal eine AFR von nur 0,40 Prozent auf. Zudem zeigt die Quartalsanalyse Schwankungen: Während die AFR im vierten Quartal auf 1,13 Prozent sank, lag sie im dritten Quartal bei 1,55 Prozent.
Zwei Laufwerkstypen absolvierten das vergangene Quartal ohne Ausfälle: Die beiden Seagate-Laufwerke ST8000NM000A (8 TByte) und ST16000NM002J (16 TByte), mit einem Fehler kamen eine ältere HGST-Platte sowie zwei weitere Seagate-Laufwerke mit 12 und 16 TByte aus. Bei Seagate verzeichnete Backblaze auf der anderen Seite mit der 10-TByte-Festplatte ST10000NM0086 aber auch eine Ausfallrate von mehr als 5 Prozent.
In früheren Jahren nutzte Backblaze keine Server-Festplatten für seine dauerlaufenden Systeme, sondern möglichst günstige Desktop-Festplatten. Heute kauft das Unternehmen jedoch fast ausschließlich hochwertige Server-Festplatten.
Eine Einschätzung, wie lange eine einzelne Festplatte in einem System funktionieren wird, lässt sich aus den Daten nicht errechnen. Dennoch bietet die Statistik eine Orientierungshilfe bei der Auswahl von Festplatten. Der Bericht unterstreicht zudem die Bedeutung regelmäßiger Backups, da technische Verbesserungen allein keine absolute Datensicherheit garantieren können. Das vollständige Datenset [3] ist auf der Backblaze-Website verfügbar.
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Hartmut Krech
Rosenmontag, Köln 2017. Bild: shutterstock.com
Hollywood hat den "Indianer" erfunden – und reale Kulturen überdeckt. Warum das Möchtegern-Indianer-Spiel bis heute politisch wirkt.
Auch scheinbar wohlwollender Rassismus ist eine Form von Diskriminierung. Diese Erfahrung machen vor allem nordamerikanische Indigene.
Bei dieser Form von Entmündigung geht es nicht um das Schwärzen von Gesichtern, um dunkelhäutige Menschen zu imitieren. Ein solcher Übergriff kann nur als entwürdigende Beleidigung verstanden werden. Die vielen Beiträge afrikanischer Kulturen zur modernen Weltkultur sollen in den Hintergrund treten und entwertet werden.
Einen anderen, nicht weniger entwürdigenden Weg geht die Aneignung indianischer Kulturelemente. Sie ist inzwischen so verbreitet, dass von einem Typ des "Möchtegernindianers " oder "Scheinindianers" (Pretendian) gesprochen wird.
Ist die Bereitschaft, eine fremde Identität anzunehmen, wirklich nur negativ zu verstehen?
Bisweilen gehen sie auch heute noch auf Karnevalsumzügen mit, Gruppen von "Hobbyisten", die sich in Vereinen organisieren und ihr Steckenpferd, die Indianistik, ernst nehmen. Mit großer Sachkenntnis bauen sie historische Indianerkostüme nach.
Zweifellos drücken sie damit auf ihre Weise ihre große Wertschätzung indigener Kulturen aus. Mit kreischend bunten Karnevalskostümen, die man nur als Karikaturen verstehen kann, sind sie nicht zu verwechseln.
Und trotzdem muss man sich fragen, was historische Kostüme über eine Kultur aussagen. Ein vergangener Zustand wird festgeschrieben, ein wichtiges Element menschlicher Identität, die Freiheit, sich zu entscheiden und zu entwickeln, wird ausgeschlossen.
Unschuldig hat alles angefangen. Beim Cowboy-und-Indianer-Spielen wird der Wunsch ausgelebt, zumindest einige Augenblicke lang ein Anderer oder eine Andere zu sein. Mit der Kleidung wechselt man die Identität, gibt Teilen der Persönlichkeit Raum, die im Alltag unterdrückt werden. Ein zaghafter Schritt auf dem Weg zur Transzendenz.
Zwar kann man beim "Indianerspielen" nicht von einer ununterbrochenen Tradition sprechen, aber trotzdem hat es seine Geschichte (siehe Philip J. Deloria: Playing Indian [1]). Jedenfalls ist es wohl kein Zufall, wenn Spielzeugwaffen und kriegerische Aktivitäten im Mittelpunkt der Cowboy-und-Indianer-Spiele stehen.
Um 1900 entstanden mehrere Jugendorganisationen wie die Woodcraft Indians, Camp Fire Girls usw., die in den militärisch gedrillten Boy Scouts und Girl Scouts aufgingen. Das vermeintlich naturnahe Lagerleben wurde in ein Idealbild der Ureinwohner gekleidet, als deren Kulturen endgültig ausgestorben schienen. Ihr kulturelles Erbe sollte zumindest in den Freizeitaktivitäten der Jugendlichen weiterleben.
Die zunehmende Industrialisierung und Urbanisierung erzeugte zur selben Zeit eine nostalgische Sehnsucht nach einem Leben in der Wildnis, in freier und ungebändigter Natur. Dieses breit gestreute Bedürfnis bedienten Schriftsteller wie Ernest Thompson Seton, Charles Eastman, Grey Owl und andere. Sie nahmen sich indigene Kulturen zum Vorbild, sofern sie nicht behaupteten, selbst indigener Abstammung zu sein.
Der Engländer Archibald Belaney (1888-1938) entfloh 1906 den beengten Verhältnissen in seiner Heimat und führte fortan ein Leben als Fallensteller und Reiseführer in der kanadischen Wildnis. 1925 heiratete er eine Mohawk, obwohl er bereits mit einer Ojibwa-Frau verheiratet war. Durch sie erwarb er ein tieferes Verständnis für das Leben der Biber, über das er in naturkundlichen Magazinen berichtete. Dort wurde er als Halbindianer mit dem Namen "Grey Owl" bzw. "Wäscha kwonnesin" eingeführt.
Mit seiner Autobiografie und populären Büchern wie "Sajo und ihre Biber" war Belaneys Verwandlung in einen Ureinwohner mit langen Zöpfen und Lederkleidung vollzogen. Die kanadische Nationalparkverwaltung beschäftigte ihn nach 1929 als "Naturschützer" und finanzierte Vortragsreisen durch Europa.
Spätestens seit dieser Zeit waren ökologisches Denken und indianische Philosophie im europäischen Denken miteinander verschmolzen, lange bevor die vielzitierte "Rede des Häuptling Seattle" ihre endgültige Gestalt verpasst bekommen hat.
Es sind mindestens elf verschiedene Versionen dieser "Rede" im Umlauf, die älteste von 1887; keine einzige ist eine authentische Mitschrift der Rede aus dem Jahr 1854 (siehe Walt Crowley: Chief Seattle's Speech. History Link [2]).
Die strenge Rassentrennung im Süden der Vereinigten Staaten führten dazu, dass Sylvester Long (1890-1932) seine überwiegend afroamerikanische Herkunft leugnete und sich als Cherokee ausgab. Mit dieser neuen "Rassenzugehörigkeit" tingelte Long nicht nur als Teenager in einer "Wild-West-Show", sondern erwarb auch ein Stipendium für eine Internatsausbildung, das indigenen Menschen vorbehalten war.
1919 wurde er in den Rocky Mountains aus der kanadischen Armee entlassen, worauf er sich nun als Schwarzfuß-Indianer ausgab. Mit dieser neuen Identität erhielt er nicht nur eine Anstellung als Pressesprecher der Canadian Pacific Railway, sondern auch den Auftrag zur Abfassung seiner Autobiografie als Blackfoot-Häuptling Buffalo Child Long Lance.
Das 1928 veröffentlichte Buch wurde ein Bestseller, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. Das Verhängnis nahte, als Long 1930 die Hauptrolle in einem Stummfilm übernehmen wollte. Seine Mitspieler und schließlich auch die Produktionsfirma äußerten Zweifel an seiner Identität. Gerüchte machten schnell die Runde: "Was für eine Schande, dass wir einen Neger zu Gast haben", hieß es in seiner Umgebung. Um der Schmach zu entgehen, nahm sich Sylvester Long 1932 das Leben.
Eine ähnliche Biografie hat Cromwell West (1919-1996) vorzuweisen, wobei der geleistete Aufwand an Verstellung Respekt abnötigt. Unter dem Fantasienamen Red Thunder Cloud gab sich der Nachfahre einer afroamerikanischen Anwaltsfamilie als einer der letzten Sprecher der Catawba-Sprache aus.
Mit demselben Pseudonym stellte er sich 1938 dem Universitätsprofessor Frank G. Speck vor, der ihn in seine Dienste nahm. Seine geringen Kenntnisse der Catawba-Sprache hatte er aus Specks Veröffentlichungen bezogen.
Erst 1944 besuchte West Nachfahren des Catawba-Volks, wurde jedoch als Betrüger der Reservation verwiesen. 1964 gelang es ihm noch einmal, die Zusammenarbeit mit einem Fachwissenschaftler zu gewinnen, nachdem er behauptet hatte, elf indigene Sprache zu beherrschen.
Während der materielle Gewinn für West gering war, erreichte der Identitätsdiebstahl mit Iron Eyes Cody kriminelles Niveau. Cody verkörperte seit 1930 in über 200 Hollywood-Filmen und über 100 Fernsehsendungen die Gestalt des "Indianers schlechthin", von der Rassenphysiognomie über die Perücke mit langen Zöpfen bis hin zur Fransen besetzten Lederkleidung.
Wenn Fotografen in der Nähe waren, zeigte sich Cody auch im Alltag als Idealgestalt des Hollywood-Indianers. Die von ihm geschaffene Filmgestalt ersetzte und entwertete die Vielfalt indigener Kulturen. Mit allen US-Präsidenten seiner Lebenszeit war Cody persönlich bekannt, vom Papst wurde er als "Vertreter der indianischen Rasse" in Rom empfangen.
Geboren wurde "Iron Eyes Cody" als Oscar de Corti (1904-1999), Sohn sizilianischer Einwanderer, was freilich erst nach seinem Tod ans Licht der Öffentlichkeit drang. Auch seine umfangreiche Familie hatte das Geheimnis seiner Herkunft Jahrzehnte lang verschwiegen.
Die Aufhebung der gesetzlichen Rassentrennung in den Vereinigten Staaten brachte seit 1964 eine Änderung der öffentlichen Meinung gegenüber den Ureinwohnern.
Erstmals konnte nun auch in aller Ausführlichkeit über Landraub, Vertragsbrüche und Diskriminierung der Urbevölkerung berichtet werden. Indigene Identität hatte nichts mehr mit farbenprächtigen Kostümen und sehr viel mit der Übernahme einer Opferrolle und dem Widerstand gegen Repressalien zu tun.
Der Schauspieler Robert Mitchum (1917-1997) setzte sich zur Wehr, als ein indigener Vorfahr aus seiner Biografie getilgt werden sollte. Freilich war die Zeit noch nicht gekommen, dass eine indigene Person die Hauptrolle in einem Film spielen konnte.
Johnny Cash (1932-2003) bekannte sich immerhin zu seiner Cherokee-Herkunft und nahm 1964 mit "Bitter Tears" ein ganzes Album mit Balladen auf, in denen die Ausbeutung der indigenen Völker an den Pranger gestellt wurde. Als die Radiostationen seine aktuellen "Protest Songs" boykottierten, kaufte Cash eine ganzseitige Anzeige im Billboard Magazine und verschickte eintausend Singles an Radiostationen im ganzen Land.
Der Widerstand gegen den Vietnam-Krieg (1955-1975) wertete außereuropäische Traditionen für den Westen auf. Eine Gegenkultur (Counterculture) entstand seit den 1960er-Jahren, in der exotische Kulturformen gepflegt wurden.
Indigene Bräuche erhielten einen Marktwert, der von "Plastik-Schamanen" und anderen Kulturunternehmern ausgebeutet wurde. Zu ihnen gehörte Vincent LaDuke (1929-1992). Er gehörte zwar der Ojibwa-Nation an, erfand für sich aber eine neue Identität unter dem fantasievollen Namen Sun Bear.
Mit drei nicht-indigenen Frauen gründete er die "Bärenstamm-Medizingesellschaft", zu deren "Medizinhäuptling" er sich ernannte. Als Entsprechung zum europäischen Tierkreis dachte sich Sun Bear eine indianische "Erd-Astrologie" des "Medizinrads" aus. Sieben seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden.
Seither ist die Gestalt des "Neuen Indianers" (Stan Steiner) eine feste Größe in den globalen Medien. So sehr, dass indigene Bürgerrechtsbewegungen keine Beachtung fanden, solange ihre Vertreter in westlicher Kleidung das Wort ergriffen.
Erst nachdem Mitglieder des American Indian Movement (AIM) wieder lange Haare trugen und sich traditionell kleideten, wurde überall auf der Welt über ihre Forderungen berichtet. Nur im Gewand "symbolischer Aktionen" hatten ihre Anliegen Nachrichtenwert.
Eine besser informierte Öffentlichkeit gewann zunehmend Einsicht in das Unrecht der Kolonialzeit. Die Rolle des entrechteten Opfers garantierte Betrügern moralische Rechtschaffenheit und finanzielle Vorteile.
Der "Scheinindianer" (Pretendian) war geboren. Das Kunstwort wird gebildet aus englisch "to pretend", so tun als ob, und dem Wort "Indian", der veralteten Bezeichnung für die indigenen Völker Nordamerikas.
Als Journalisten 2023 anhand ihrer Geburtsurkunde nachweisen konnten, dass Buffy Sainte-Marie, die indigene Ikone der Protestbewegung, die mit einem Oscar, mit der höchsten kanadischen Auszeichnung und mit einer Sonderbriefmarke geehrt worden war, das Kind der italienischstämmigen Familie Santamaria war, erlitt die Begeisterung für die amerikanischen Ureinwohner einen dauerhaften Schock.
Nicht nur das. 1973 hatte die angebliche Apache-Frau Sacheen Little Feather in traditionellem Lederkleid für Marlon Brando den Oscar-Preis entgegen genommen. Unter großer Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verlas sie eine Erklärung des Schauspielers, in der er die klischeehafte Darstellung des "Indianers" durch die Filmindustrie an den Pranger stellte.
Erst nach ihrem Tod im Jahr 2022 wurde bekannt, dass Marie Louise Cruz als Kind mexikanischer Eltern ohne indigenen Hintergrund geboren worden war. Auch sie war also eine Erfindung Hollywoods.
Die Zerrüttung der sozialen Bindungen durch die offizielle Anpassungs- und Ausrottungspolitik führte dazu, dass viele Indigene Nordamerikas den Kontakt zu ihren Stammesnationen verloren haben. An erster Stelle sind die Cherokee zu nennen, die nach 1831 auf einem "Zug der Tränen" aus ihrem Stammesland im Südosten der heutigen USA vertrieben wurden.
Wie viele der vermutlich 46.000 Menschen auf den Trecks in das "Indianerterritorium" westlich des Mississippi starben, ist nicht bekannt. Nicht wenige ließen sich am Wegesrand nieder, führten ihre Sprachen und Bräuche fort, wurden aber nicht mehr als Mitglieder des Stammesverbands geführt.
In den 1950er- und 1960er-Jahren verfolgte die amerikanische Regierung eine Politik der erzwungenen Anpassung: Reservate wurden aufgelöst ("Termination"), Stammesmitglieder in die Großstädte umgesiedelt ("Relocation"). Auch diese indigenen Menschen haben vielfach ihre Stammeszugehörigkeit verloren.
Die Internationale Erklärung für die Rechte der indigenen Völker von 2007 versucht, diese Wunden zu heilen, indem ausschließlich den indigenen Völkern selbst das Recht zugestanden wird, über die Mitgliedschaft in ihren Nationen zu entscheiden.
Dr. Hartmut Krech hat nach einem Studium der Völkerkunde, Soziologie, Völkerpsychologie und Theaterwissenschaften zur Geschichte der Wissenschaften geforscht, an Universitäten gelehrt und in verschiedenen Medien auch international publiziert.
In den 1970er-Jahren hat er einen persönlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Forderungen der amerikanischen Indianerbewegung als Teil der globalen Menschenrechtsbewegung indigener Völker gesehen werden.
URL dieses Artikels:https://www.heise.de/-11176921
Links in diesem Artikel:[1] https://yalebooks.yale.edu/book/9780300264845/playing-indian/[2] https://www.historylink.org/File/1427
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Wassilis Aswestopoulos
KI-generierter Rabbiner Menachem Goldberg.
(Bild: Screenshots Wassilis Aswestopoulos)
Ein KI-generierter Rabbiner sammelte Tausende Follower, bevor Gläubige die Täuschung entdeckten. Jetzt warnen Ethiker.
Ein weißhaariger, bärtiger, freundlich auftretender Mann präsentierte sich in sozialen Medien als chassidischer Rabbiner. Auf TikTok [1] und Instagram [2] verbreitet der Account unter dem Namen Menachem Goldberg in Videos spirituelle Botschaften über den Glauben.
Dazu kommen esoterisch anmutende Botschaften für den Erfolg und die Selbstoptimierung. Am Ende der Videoansprachen bewarb der "Rabbiner" kostenpflichtige digitale Produkte.
Der "Chassidismus ist eine religiös-mystische Bewegung [3]" liest man über diese jüdische Bewegung, die den Ultraorthodoxen zugerechnet wird.
Dass ein Rabbi über soziale Medien E-Books und Ratgeber vermarktet und diese als spirituelle Hilfsmittel sowie Werkzeuge zur Verbesserung des Lebens bewirbt, erscheint auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich zu sein. Rabbi Menachem Goldberg erfreute sich exponentiell zunehmender Beliebtheit.
Seine Botschaften, die mit väterlich beruhigender Stimme vorgetragen werden, klingen leicht verständlich. Zu leicht verständlich für einige, die misstrauisch wurden.
Die Nutzer fanden visuelle Unstimmigkeiten. Die Inschriften auf Hebräisch sind teilweise fehlerhaft. Das Arrangement der Gegenstände in den Videos ist nicht unbedingt mit den Religionsvorschriften konform. Der vermeintliche Rabbiner gibt für seine Weisheiten keine oder nur kaum Quellen an. Man begann zu recherchieren und konnte verifizieren, dass es keinen Rabbi Menachem Goldberg gibt.
Der anfänglich so beliebte "Rabbiner" entpuppte sich als Werk der Künstlichen Intelligenz.
Dass sich einige Rabbiner der KI bedienen [4], ist nicht neu. Rabbi Josh Franklin aus Long Island bekannte sich schon vor knapp drei Jahren dazu. Es gibt mehrere Rabbi-Apps [5], die mit künstlicher Intelligenz beim Studium der kanonischen Sammlung der hebräischen Schriften, dem Tanach helfen. Eine komplett KI-generierte Figur eines Rabbiners verstört dagegen die Gläubigen.
Der Fall löste in Israel öffentliche Diskussionen [6] aus. Eine Denkfabrik für jüdische Ethikfragen, Tzohar mahnt [7], dass man künstliche Intelligenz nicht als menschliche religiöse Autorität auftreten lassen soll.
Die israelische Presse zitiert Vertreter von Tzohar, deren Meinung gemäß halachische und ethische Leitlinien auf menschlichem Urteilsvermögen und dem Kontext der realen Welt beruhen würden. KI dürfe in Bereichen, in denen Entscheidungen das Leben von Menschen, gemeinschaftliche Normen oder religiöse Praktiken betreffen, nicht als Ersatz für einen humanen Rabbiner dienen.
Das religiös-ethische Zentrum betonte die Notwendigkeit der Transparenz bei der Anwendung der KI. Die Verbraucher hätten ein Recht darauf zu erfahren, wann Inhalte mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt oder verbreitet werden, insbesondere wenn diese so aufbereitet sind, dass sie religiöse Glaubwürdigkeit vortäuschen. Gefordert wird deshalb eine öffentlich sichtbare Kennzeichnung und klarere Regeln.
KI-generierter Rabbiner Menachem Goldberg auf TikTok.
(Bild: Screenshot Wassilis Aswestopoulos)Mittlerweile ist das Profil auf TikTok als KI-Produkt gekennzeichnet. Dort fallen die Followerzahlen und auch die Klick-Zahlen der neuen Videos sind überschaubar.
Auf Instagram fehlt die Kennzeichnung noch. Das Profil konnte seine Anhängerschaft besser halten als auf TikTok.
Es ist offensichtlich, dass es Zeitgenossen gibt, die auch in technologisch erstellten spirituellen Inhalten Trost finden und daraus Kraft schöpfen können. Im Chaddismus [8] hat der Rabbiner die Rolle des Vermittlers zwischen Gott und den Gläubigen. Es ist auch für Nicht-Religiöse offensichtlich, dass mit dem nicht gekennzeichneten KI-"Rabbiner" Grenzen überschritten wurden.
Übrigens gibt es auf TikTok natürlich auch real existierende chassidische Rabbiner, wie Rabbi Shais Taub [9]. Taub referiert unter anderem über KI-erzeugte Deepfakes. Er kommt zu dem Schluss, dass dies so neu nicht wäre. Auch in der Antike habe es Scharlatane gegeben, meint er.
Als Lesetipp zu empfehlen ist ein Essay [10] von Joshua Schultheiss in der Jüdischen Allgemeinen, wo er die KI mit dem Golem vergleicht. Dem mystischen Wesen, das Rabbi Jehuda Löw im Alten Prag ursprünglich als Diener und Beschützer der jüdischen Gemeinde aus Lehm schuf. Der seelenlose Golem wandte sich in einer Ausführung der Legende gegen die Menschen – Rabbi Löw musste – im übertragenen Sinne – seinen Stopp-Code aktivieren.
Bleibt die Frage, ob wir bei unserer KI sicher sind, dass wir den Ausschaltknopf zu jeder Zeit zur Verfügung haben?
URL dieses Artikels:https://www.heise.de/-11174281
Links in diesem Artikel:[1] https://www.tiktok.com/@rabbigoldberg1%C2%A0[2] https://www.instagram.com/rabbisblueprint/%C2%A0[3] https://www.juedische-allgemeine.de/glossar/chassidismus/[4] https://www.fox5ny.com/news/long-island-rabbi-uses-ai-chatgpt-to-create-sermons[5] https://rabbiai.app/[6] https://www.jpost.com/omg/article-884045[7] https://tzohar-eng.org/[8] https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/kunst-und-kulturgeschichte/europaische-ethnologie-volkskunde/exkursionen/ukraine-lemberg-czernowitz/sadagora-sadhora-zentrum-des-chassidismus/[9] https://www.tiktok.com/@rabbi_shais_taub/video/7519190184747994381[10] https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/uebermenschlich-allzumenschlich/
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Christoph Jehle
Kunststoffpartikel auf einem Finger
(Bild: maxshot.pl/Shutterstock.com)
Forscher finden die Partikel in Blut und Organen. Die Gesundheitsrisiken sind enorm – doch Politik und Wirtschaft schauen weg.
Mikroplastik im Blut, in der Leber, in der Lunge – Forschungsergebnisse zeigen: Kunststoffpartikel reichern sich im menschlichen Körper an. Welche gesundheitlichen Langzeitfolgen dies hat, ist noch nicht geklärt. Eine Politik, die dieses Risiko verringern könnte, wird jedoch mit Verweis auf den Industriestandort Deutschland ausgebremst.
Kunststoffe gelten heute als allgegenwärtig und sind aus unserem Leben kaum mehr wegzudenken. Verschiedene Studien belegen inzwischen, dass kleinste Partikel auch im menschlichen Körper nachweisbar sind. Dabei wäre ohne Kunststoffverpackungen die industrielle Nahrungsmittelproduktion und der Selbstbedienungs-Lebensmittelhandel heute kaum noch möglich – der tägliche Einkauf deutlich aufwendiger.
Die schädlichen Folgen dieser Erleichterungen sollen im Interesse des gewünschten wirtschaftlichen Aufschwungs jedoch ausgeblendet werden. Das von Kleinkindern bekannte Verhalten – die Hand vor die Augen halten und hoffen, nicht gesehen zu werden – scheint nun auch die politische Strategie zu bestimmen.
Mit massiven Presseveröffentlichungen soll die Unsichtbarkeit der Umweltbelastung in den Köpfen der Bevölkerung verankert werden, indem wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst heruntergespielt werden.
Wenn man Forschungsergebnisse nicht widerlegen kann, kann es zumindest im öffentlichen Raum erfolgreich sein, zu argumentieren, dass man diese Verunreinigungen ja mit dem bloßen Auge gar nicht sehen könne und diese Feststellung so oft wiederholen, dass nicht nur KI-Modelle sie als belegt betrachten.
So wundert es nicht wirklich, wenn jetzt mehrere Studien zu Mikroplastik im menschlichen Körper in der Kritik stehen, weil Fachleute sie für unzuverlässig und methodisch fragwürdig halten. Die dort angegebenen Mengen seien teilweise heillos übertrieben [1].
Offensichtlich will man die Menschen jetzt nicht beunruhigen und kommt mit der Forderung um die Ecke, dass die Wissenschaft da besser nicht so genau hinsehen soll, weil eine Gefährdung durch Mikro- und Nanoplastik ebenso wie die Einlagerung von Pfas in den menschlichen Körper jetzt als unvermeidlich bezeichnet werden kann, weil ein Pfas-Verbot den deutschen Wohlstand gefährden [2] könnte.
Dass sich Plastikmaterialien sowie Ewigkeitschemikalien wie Pfas in der Umwelt verbreiten, ist zwar schon geraume Zeit bekannt, die Auswirkungen durch eine dauerhafte Exposition für den Menschen ist jedoch noch noch weitgehend unerforscht.
Auch wenn aktuelle Erkenntnisse bislang keine endgültige Schlussfolgerung über die Auswirkungen von Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit zulassen, kann man sich nicht sicher sein, dass die Aufnahme dieser Kleinpartikel in den menschlichen Körper folgenlos bleiben stellt ein aktueller Beitrag [3] im deutschen Ärzteblatt fest.
Ein Team um Megan Deeney [4] von der London School of Hygiene & Tropical Medicine [5] veröffentlichte unter dem Titel "Global health burdens of plastics: a lifecycle assessment model from 2016 to 2040 [6]", im Januar 2026 eine Studie in The Lancet Planetary Health.
Die Studie quantifiziert erstmals die Gesundheitsfolgen von Kunststoffen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg – und zeigt auf, welche Maßnahmen die Belastung verringern könnten. Ziel ist es, Umwelt-, Wirtschafts- und Gesundheitsaspekte gleichermaßen zu berücksichtigen.
Die Autoren kombinierten dabei eine Materialflussanalyse mit einer Lebenszyklusanalyse, um die Gesundheitsfolgen von Kunststoffen zwischen 2016 und 2040 zu quantifizieren. Als Maßstab dienten DALYs (Disability-Adjusted Life Years) – verlorene gesunde Lebensjahre durch Krankheit oder vorzeitigen Tod.
Untersucht wurden die globalen Auswirkungen von Treibhausgasen, Feinstaub und chemischen Emissionen, die bei Kunststoffen im Siedlungsabfall entstehen – das sind rund 64 Prozent der weltweiten Kunststoffproduktion. Die Analyse erfasste den gesamten Lebenszyklus: von der Produktion über Transport und Recycling bis zur Entsorgung.
Berücksichtigt wurden auch beispielhafte Alternativen wie Einwegmaterialien aus anderen Stoffen und Mehrwegsysteme, etwa für Glas. Direkte Gesundheitsschäden durch Chemikalienbelastung während der Produktnutzung sowie durch Mikro- und Nanoplastik konnten mangels Daten nicht einbezogen werden.
Die Ökobilanz basierte auf Ecoinvent-Daten (Versionen 3.8 und 3.10) sowie der ReCiPe 2016-Methode zur Wirkungsabschätzung, aktualisiert mit den Erwärmungscharakterisierungsfaktoren des Weltklimarats IPCC von 2021.
"Risikofaktoren, die laut der 'Global Burden of Disease'-Studie für das Jahr 2016 eine von der Größenordnung her vergleichbare Krankheitslast aufweisen, wären Radon mit etwa 1,9 Millionen DALYs oder die berufsbedingte Belastung mit Asbest in Höhe von etwa 4,2 Millionen DALYs", wird Dietrich Plaß [7] vom Umweltbundesamt in der Zeitschrift Ökotest zitiert [8], der selbst nicht an der aktuellen Berechnung beteiligt war.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/mikroplastik-forscher-bezweifeln-gefahr-durch-partikel-im-koerper-a-9d93778f-5621-4f64-a99c-d4fdfe80546f[2] https://www.bayern.de/bayerns-wirtschaftsminister-fordert-von-der-eu-nderungen-bei-bioenergie-frderung-gebudeenergievorschriften-und-den-pauschalen-pfas-verboten/[3] https://di.aerzteblatt.de/int/archive/article/246672[4] https://www.lshtm.ac.uk/aboutus/people/deeney.megan[5] https://www.lshtm.ac.uk/aboutus[6] https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(25)00284-0/fulltext[7] https://www.linkedin.com/in/dr-dietrich-plass-83917272/[8] https://www.oekotest.de/gesundheit-medikamente/Modellrechnung-warnt-Plastik-koennte-bis-2040-Millionen-gesunde-Lebensjahre-kosten-_16091_1.html
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Der Festplattenhersteller Western Digital hat nach eigenen Angaben bereits fast alle für 2026 geplanten Festplatten verkauft. In einem Interview zur Vorstellung der aktuellen Geschäftszahlen sagte Irving Tan, CEO von Western Digital, dass "wir für das Kalenderjahr 2026 so gut wie ausverkauft" sind. Damit sind klassische Festplatten gemeint, berichtet das Magazin Wccftech .
"Wir haben feste Bestellungen von unseren sieben größten Kunden" , ergänzt Tan und macht deutlich, dass große Unternehmenskunden für den Hersteller eine immer größere Bedeutung haben. Der Cloudumsatz von Western Digital machte zuletzt 89 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Das Unternehmen ist einer der größten Hersteller für Festplatten auf dem Markt.
"Außerdem haben wir mit zwei von ihnen langfristige Vereinbarungen für das Kalenderjahr 2027" , so der CEO, was bedeutet, dass weitere Großunternehmen im großen Stil auch langfristig Festplatten bei Western Digital einkaufen. Mit einem dieser Großkunden seien solche Vereinbarungen sogar bereits für das "Kalenderjahr 2028 geschlossen" worden, erklärte Tang.
Das normale Endkundengeschäft für Privatpersonen und kleine Unternehmen spiele nach Angaben von Western Digital kaum noch eine Rolle: Der Anteil davon mache nur noch 5 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
Die Äußerungen von Western Digital deuten darauf hin, dass die Preise für normale Festplatten massiv steigen könnten, falls die Nachfrage das Angebot massiv übersteigt. Bei Speicherchips gibt es diese Entwicklung schon länger. In beiden Fällen ist der Ausbau von KI-Rechenzentren für diese Engpässe verantwortlich, die Datenmengen in Exabyte-Dimensionen benötigen.
Denn viele große Firmen benötigen für die Zukunft von KI enorme Datenmengen und kaufen daher in großem Stil die Lagerbestände der Festplattenhersteller auf. Sie bezahlen dabei auch für Geräte, die noch gar nicht produziert wurden. Diese kommen dann natürlich nie auf den normalen Markt, so dass sich ein Engpass ergibt, was wiederum die Preise nach oben treibt.

Wenn Google das neue Pixel 10a am 18. Februar 2026 offiziell vorstellen wird, sind kaum noch Überraschungen zu erwarten. Google bestätigte den Vorstellungstermin. Etliche Vorabinformationen haben allerdings bereits den Preis und mittlerweile auch alle technischen Daten enthüllt. Ein Bericht von Winfuture bezieht sich etwa auf das technische Datenblatt des Pixel 10a, das dem Magazin durch Händlerdaten vorliege.
Demnach bietet das Pixel 10a lediglich einen verbesserten Displayschutz, schnelleres Laden sowie eine neuere Bluetooth-Version. Googles neues Mittelklasse-Smartphone ist mit Bluetooth 6.0 ausgestattet und verwendet Cornings Gorilla Glass 7i statt Gorilla Glass 3 wie beim Vorgängermodell. Dadurch soll das Display besser vor Kratzern und Beschädigungen geschützt sein als beim Pixel 9a.
Der Akku des Pixel 10a lässt sich mit 45 Watt laden, beim Pixel 9a sind es nur 23 Watt – die Akkukapazität blieb mit 5.100 mAh unverändert. Das Datenblatt erwähnt drahtloses Laden nicht. Derzeit ist nicht bekannt, ob Google die Option des drahtlosen Ladens tatsächlich gestrichen hat oder dies in den Spezifikationen nur nicht erwähnt wird.
Am Prozessor, dem Display und der Kamera wurden nach Angaben von Winfuture keine Änderungen vorgenommen. So gibt es als Prozessor wieder den Tensor G4 von Google und das Display hat eine Diagonale von 6,3 Zoll. Es liefert dabei eine Auflösung von 2.424 x 1.080 Pixeln und bietet eine maximale Bildwiederholrate von 120 Hz. Die Kameraeinheit soll neuerdings flacher sein und nicht mehr aus dem Gehäuse herausragen.
Offizielle Preise gibt es noch nicht, der Bericht bezieht sich auf ein spezielles Angebot von Mediamarkt zum Marktstart: Demnach gibt es das Pixel 10a mit 256 GByte Speicher anfangs zum regulären Preis des 128-GByte-Modells, wenn es bis zum 15. Februar 2026 bestellt wird. Im Bericht heißt es, dass das Pixel 10 mit 128 GByte Speicher 500 Euro kosten und das Modell mit 256 GByte für 600 Euro angeboten wird.
Bisher war davon ausgegangen worden, dass es das Pixel 10a mit 128 GByte Speicher für 550 Euro geben wird . Für das 256-GByte-Modell wurde mit 650 Euro gerechnet. Welche der beiden Preisangaben korrekt sein wird, zeigt sich am 18. Februar 2026, wenn Google das Pixel 10a offiziell vorstellen wird.

Das Hollywoodstudio Disney hat Bytedance wegen des KI-Modells Seedance 2.0 ein Unterlassungsschreiben geschickt. Das Filmstudio verwies dabei darauf, dass in den per KI erzeugten Clips unerlaubt Figuren etwa aus Star Wars und dem Marvel-Universum vorkamen, wie in Branchenkreisen nach einem Bericht des Magazins Axios bestätigt wurde.
"Trotz der öffentlich bekannt gemachten Einwände von Disney missbraucht Bytedance die Figuren von Disney, indem es diese reproduziert, vertreibt und abgeleitete Werke mit diesen Figuren erstellt. Der virtuelle Raubzug von Bytedance auf das geistige Eigentum von Disney ist vorsätzlich, weitreichend und völlig inakzeptabel" , schrieb David Singer, der externe Anwalt von Disney.
Seedance 2.0 hatte diese Woche zunächst mit einem per KI erzeugten Video die US-Filmbranche aufgeschreckt. In dem KI-Video sind die Hollywood-Stars Tom Cruise und Brad Pitt im Kampf auf einem Hausdach zu sehen . Der Chef des Branchenverbandes Motion Picture Association (MPA), Charles Rivkin, forderte Bytedance auf, Urheberrechte zu wahren.
Das in China ansässige Bytedance-Unternehmen hatte erst kürzlich das US-Geschäft von Tiktok an neue Investoren abgegeben , die Kontrolle über die Video-App im Rest der Welt aber behalten.
In den vergangenen Jahren sind die Fähigkeiten von KI-Software immer besser darin geworden, Videos aus Textvorgaben zu erzeugen. So brachte der ChatGPT-Entwickler OpenAI im vergangenen Jahr mit Sora 2 eine Software heraus, bei der sich Nutzer nach einem kurzen Scan mit dem Smartphone auch selbst in kurze Videoclips einbauen können.
Disney gewährte OpenAI eine Lizenz zur Nutzung der Figuren des Studios in den Sora-Videos und investierte eine Milliarde US-Dollar in die KI-Firma. Gegen andere Entwickler gingen Disney und weitere Hollywood-Unternehmen rechtlich vor, es ging um den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung.
Der bekannte Drehbuchautor Rhett Reese sorgt sich wegen des Videos mit Cruise und Pitt um seinen Job . Er schrieb an Drehbüchern mit, unter anderem bei mehreren Deadpool-Verfilmungen und an Zombieland. Er fürchtet nun, dass bald Filme mit Hollywood-Qualität von einer einzigen Person am Computer erstellt werden könnten.
Netflix-Inhaltschefin Bela Bajaria sieht die KI-Entwicklung dagegen gelassen. Auch wenn der Clip mit Cruise und Pitt eine "coole Actionszene" gewesen sei – "es ist nicht wirklich das, was Leute mit Geschichten verbindet" , sagte sie dem US-Fernsehsender CNBC . Emotionen und die Kunst des Geschichtenerzählens könne man nicht ersetzen.
Für Netflix wiederum werde es "nie darum gehen, etwas billiger zu machen" , versicherte die Managerin des Streaming-Riesen. Bei dem Dienst wurde KI bisher punktuell in einigen Produktionen eingesetzt.
(Bild: heise online / dmk)
Google hat zum Wochenende ein Notfall-Update für den Webbrowser Chrome veröffentlicht. Es schließt eine bereits attackierte Lücke.
Google hat am Freitagabend ein Update außer der Reihe für den Webbrowser Chrome herausgegeben. Damit schließen die Entwickler eine Sicherheitslücke, die bereits in freier Wildbahn attackiert wird.
Viele Details zur Sicherheitslücke nennt der Schwachstelleneintrag CVE-2026-2441 nicht. „Eine Schwachstelle des Typs ‚Use after free‘ in der CSS-Verarbeitung in Google Chrome vor Version 145.0.7632.75 ermöglicht Angreifern, mit einer manipulierten HTML-Seite beliebigen Code innerhalb einer Sandbox auszuführen“, beschreibt das Chrome-Projekt das Problem (CVE-2026-2441 [1], CVSS 8.8, Risiko „hoch“). Bei solch einer Schwachstelle greift der Programmcode auf bereits freigegebene Ressourcen erneut zu, deren Inhalt undefiniert ist. Das löst in der Regel einen Absturz aus, kann aber auch zur Ausführung von eingeschleustem Schadcode führen.
Laut der Chrome-Release-Ankündigung [2] sind die Versionen 144.0.7559.75 für Linux, 145.0.7632.75/76 für macOS und Linux sowie die Extended-Stable-Fassung [3] 144.0.7559.177 für macOS und Windows nicht mehr für die Sicherheitslücke anfällig.
Das Sicherheitsleck hat Shaheen Fazim am Mittwoch, dem 11. Februar 2026 an Google gemeldet, das Update haben die Entwickler am Abend des 13. Februar in die Softwareverteilung gegeben. „Google ist bekannt, dass ein Exploit für CVE-2026-2441 in freier Wildbahn existiert“, erklärt das Unternehmen in den Release-Ankündigungen. Wie die Angriffe genau aussehen, auf wen sie abzielen und in welchem Umfang sie stattfinden, darüber schweigt Google sich aus.
Die Aktualisierung lässt sich über den internen Update-Mechanismus anstoßen. Durch Klick auf das Symbol mit den drei aufeinandergestapelten Punkten rechts von der Adressleiste und weiter über „Hilfe“ findet sich der Punkt „Über Google Chrome“. Der zeigt den aktuell laufenden Softwarestand an und startet gegebenenfalls den Update-Vorgang. Unter Linux ist in der Regel der Aufruf der Softwareverwaltung der Distribution für die Aktualisierung nötig. Da auch weitere Browser wie Microsofts Edge auf der Chromium-Basis beruhen, dürften in Kürze hierfür ebenfalls dringende Aktualisierungen bereitstehen, die Nutzerinnen und Nutzer zeitnah installieren sollten.
In der Nacht zum Donnerstag dieser Woche hat Google den Entwicklungszweig 145 von Chrome [4] herausgegeben. Darin haben die Programmierer bereits drei hochriskante Schwachstellen und acht mit geringerer Risikoeinstufung ausgebessert.
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https://www.heise.de/-11176825
Links in diesem Artikel:
[1] https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-2441
[2] https://chromereleases.googleblog.com/2026/02/stable-channel-update-for-desktop_13.html
[3] https://chromereleases.googleblog.com/2026/02/extended-stable-updates-for-desktop_13.html
[4] https://www.heise.de/news/Chrome-145-bringt-JPEG-XL-zurueck-11173753.html
[5] https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
[6] mailto:dmk@heise.de
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Christoph Jehle
Amazon muss seine Preiskontrolle aufgeben. Das Bundeskartellamt greift hart durch – und verhängt erstmals eine besondere Strafe.
Das Bundeskartellamt hat am 5. Februar die Praxis von Amazon in den USA und ihrer Tochter in Luxemburg untersagt, die Preise von Händlern auf dem deutschen Amazon Marketplace zu beeinflussen. Amazon darf Mechanismen zur Kontrolle der Händlerpreise künftig nur noch ausnahmsweise, insbesondere für Fälle des Preiswuchers, nach Vorgaben des Bundeskartellamtes einsetzen.
Amazon ist Betreiber eines umfassenden digitalen E-Commerce-Ökosystems, zu dem auch die Handelsplattform amazon.de gehört, die rund 60 Prozent des Umsatzes im deutschen Onlinehandel mit Waren auf sich vereint.
Auf dieser Plattform ist Amazon zum einen mit seinem Eigenhandelsgeschäft namens "Amazon Retail" tätig, zum anderen betreibt das Unternehmen dort den Onlinemarktplatz "Amazon Marketplace", über welchen Dritthändler, sogenannte Marktplatzhändler, ihre Waren direkt an Endkundinnen und Endkunden verkaufen können.
Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich gezeigt, dass rund 60 Prozent der über die Handelsplattform amazon.de vertriebenen Waren von unabhängigen Dritthändlern und nicht von Amazon Retail an die Endkundinnen und -kunden verkauft werden. Die Dritthändler verantworten ihre Preise auf dem Amazon Marketplace und tragen das wirtschaftliche Risiko ihrer Verkaufsaktivitäten selbst.
Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, stellt dazu fest [1]:
"Amazon tritt auf seiner Plattform in den direkten Wettbewerb zu den übrigen Marktplatzhändlern. Daher ist eine Einflussnahme auf die Preisgestaltung der Wettbewerber auch in Form von Preisobergrenzen nur in absoluten Ausnahmefällen wie zum Beispiel bei Preiswucher zulässig.
Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Preisniveau auf der Handelsplattform nach den Vorstellungen von Amazon gelenkt und im Wettbewerb gegen den restlichen Onlinehandel außerhalb Amazons eingesetzt wird. Für die betroffenen Händler können die Eingriffe in die Preisgestaltung dazu führen, dass sie ihre eigenen Kosten nicht mehr decken können; mit der Konsequenz, vom Marktplatz verdrängt zu werden."
Amazon setzt zur Überprüfung der Preise von Marktplatzhändlern verschiedene Preiskontrollmechanismen ein. Wenn diese Mechanismen die Händlerpreise als zu hoch bewerten, werden die entsprechenden Angebote entweder ganz vom Marktplatz entfernt oder sie werden nicht im hervorgehobenen Einkaufsfeld, der "Buy Box [2]" angezeigt. Solche Einschränkungen der Sichtbarkeit der Händlerangebote können erhebliche Umsatzeinbußen für die Marktplatzhändler nach sich ziehen.
"Wir gehen nicht gegen Amazons Ziel vor, den Endverbraucherinnen und -verbrauchern möglichst niedrige Preise anzubieten. Die Preiskontrollmechanismen sind aber nicht erforderlich, um dieses Ziel zu verfolgen. Hierzu hätte das Unternehmen andere Möglichkeiten.
Zum Beispiel könnten entsprechende Anreize an die Händler durch eine Absenkung der Gebühren und Provisionen, die die Händler an Amazon zahlen müssen, gesetzt werden. Amazon darf jedoch zulässige Angebote der Marktplatzhändler nicht deshalb in ihrer Sichtbarkeit beschränken oder sogar beseitigen, weil deren Preise den Vorstellungen von Amazon nicht entsprechen."
Die Kontrollmechanismen von Amazon beruhen auf intransparenten Regeln und Benachrichtigungen. Für die Marktplatzhändler ist nicht hinreichend deutlich, nach welchen Grundsätzen die Preisgrenzen zustande kommen und wo diese ungefähr liegen.
Es ist für die Marktplatzhändler daher nicht hinreichend vorhersehbar, unter welchen konkreten Umständen ihr Angebot auf Amazon nicht mehr oder nur noch eingeschränkt sichtbar ist.
Das Bundeskartellamt sieht in diesen systematischen Eingriffen in die Preisgestaltungsfreiheit der Marktplatzhändler einen Missbrauch nach den besonderen Vorschriften für große Digitalunternehmen (§ 19a Abs. 2 GWB [4]) sowie einen Verstoß gegen die allgemeinen Missbrauchsvorschriften des § 19 GWB [5] und Artikel 102 AEUV [6] und hat deshalb die Anwendung der bestehenden Preiskontrollmechanismen des US-amerikanischen Platzhirsches untersagt.
Amazon darf die bislang angewandten Mechanismen daher künftig nur ausnahmsweise, insbesondere für Fälle des Preiswuchers, nach Vorgaben des Bundeskartellamtes hinsichtlich der Parameter, der Regelsetzung und der Benachrichtigungen einsetzen.
In diesem Fall hat das Bundeskartellamt zum ersten Mal von der im Jahr 2023 grundlegend reformierten Möglichkeit Gebrauch gemacht, den wirtschaftlichen Vorteil, den Amazon durch das kartellrechtswidrige Verhalten erlangt hat, abzuschöpfen.
Nach der Reform kann der wirtschaftliche Vorteil anhand einer Vermutungsregel [7] festgestellt werden. Da der festgestellte Kartellrechtsverstoß nach wie vor andauert, hat das Bundeskartellamt zunächst einen Teilbetrag in Höhe von rund 59 Mio. Euro festgesetzt.
Das Bundeskartellamt hat das Verfahren eng mit der Europäischen Kommission koordiniert, die unter anderem für die Durchsetzung der EU-Verordnung über bestreitbare und faire Märkte im digitalen Sektor, dem Digital Markets Act, zuständig ist.
Außerdem hat es seine Entscheidung bezüglich der Transparenzanforderungen mit der Bundesnetzagentur (BNetzA) abgestimmt, die für die Durchsetzung der sogenannten Platform-to-Business-Verordnung [8] zuständig ist.
Amazon hat jetzt die Möglichkeit, innerhalb eines Monats Beschwerde gegen die Entscheidung der Bonner Behörde einzulegen, über die dann der Bundesgerichtshof entscheiden würde.
Hintergrundinformationen des Verfahrens des Bundeskartellamts gegen Amazon finden sich hier [9].
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2026/26_02_05_Amazon.html?nn=50092[2] https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Publikation/DE/Sonstiges/Amazon_Erkl%C3%A4rgrafiken_DE.pdf?__blob=publicationFile&v=6[3] https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2026/26_02_05_Amazon.html?nn=50092[4] https://www.gesetze-im-internet.de/gwb/__19a.html[5] https://www.gesetze-im-internet.de/gwb/__19.html[6] https://dejure.org/gesetze/AEUV/102.html[7] https://dserver.bundestag.de/brd/2023/0168-23.pdf[8] https://www.noerr.com/de/insights/die-p2b-verordnung[9] https://deref-web.de/mail/client/UvvTMHmGDmo/dereferrer/?redirectUrl=https%3A%2F%2Fwww.bundeskartellamt.de%2FSharedDocs%2FPublikation%2FDE%2FSonstiges%2FAmazon_QandA_DE.html
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(Bild: Zontica / Shutterstock.com)
Wer eine Photovoltaik-Anlage plant, sollte sich beeilen: Eine neue Regelung könnte den Netzanschluss deutlich verteuern.
Eigenheimbesitzer, die gerade über eine neue Solaranlage [1] nachdenken, sollten aufpassen. Ein Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums könnte die Bedingungen für Solaranlagen auf dem eigenen Dach ändern.
Im Zentrum steht ein neues Instrument: der Baukostenzuschuss beim Netzanschluss.
Das Dokument sieht vor: Netzbetreiber können künftig beim Anschluss neuer Anlagen Baukostenzuschüsse erheben, berichtet [2] t-online.de. Wer also eine Solaranlage betreiben möchte, könnte an den Kosten für den Anschluss beteiligt werden. Das soll wiederum die Netzbetreiber in die Lage versetzen, stärker in die Stromnetze zu investieren.
Das Problem für Hausbesitzer: Der Entwurf lässt offen, ob auch kleine private Solaranlagen betroffen sind. Bislang werden sie nicht explizit ausgenommen.
Die möglichen Kosten sind laut t-online.de beachtlich. Für eine durchschnittliche Dach-Photovoltaikanlage [3] mit zehn Kilowatt Leistung werden etwa 1.000 Euro zusätzlich genannt.
Bei größeren Anlagen mit 15 Kilowatt fallen die Beträge regional unterschiedlich aus. Berechnungen zeigen Werte von 426 Euro in Flensburg. In Regensburg sind es 940 Euro. In Leipzig sogar 1.157 Euro.
Diese Unterschiede sind kein Zufall. In Deutschland gibt es rund 850 Verteilnetzbetreiber. Jeder könnte eigene Zuschüsse festlegen. Für Hausbesitzer bedeutet das: Die konkreten Kosten lassen sich vorher kaum berechnen.
Besonders umstritten ist ein Detail des Entwurfs: Der Baukostenzuschuss soll auch dann erhoben werden, wenn das Stromnetz gar nicht verstärkt werden muss. Auch wenn der Anschluss bereits existiert und den Strom problemlos aufnehmen kann, müssten Anlagenbetreiber zahlen.
Die geplanten Änderungen haben einen Grund. Die Verteilnetze [4] stehen in vielen Regionen unter Druck. Netzbetreiber kommen mit der Flut an Anschlussanfragen nicht mehr hinterher, heißt es bei [5] den Grünen.
Dabei geht es nicht nur um erneuerbare Energien [6]. Auch Rechenzentren [7], Industrieanlagen und große Batteriespeicher [8] wollen ans Netz.
Viele Photovoltaik-Anlagen speisen ihren Strom auf der Niederspannungsebene ein. Genau dort werden die Netze am stärksten belastet [9]. Hinzu kommen immer mehr Wärmepumpen [10] und Elektroautos [11].
In bestimmten Netzgebieten muss erneuerbare Erzeugung wiederholt abgeregelt werden [12]. Der Grund: Die Leitungen können die Leistung nicht abtransportieren.
Das alles zusammengenommen zwingt die Netzbetreiber dazu, die Netze flexibler zu gestalten – und das kostet und könnte so manchen kommunalen Netzbetreiber finanziell überfordern.
Der Baukostenzuschuss ist nur ein Baustein des geplanten Netzpakets. Weitere Regelungen könnten die Bedingungen ebenfalls verändern:
Der sogenannte Redispatchvorbehalt erlaubt es Netzbetreibern, bestimmte Netzgebiete als "kapazitätslimitiert" auszuweisen. Für neue Wind- und Solaranlagen [13] in diesen Gebieten würde bei künftigen Abregelungen keine Entschädigung mehr gezahlt.
Netzbetreiber bekommen neue Instrumente zur Priorisierung von Anschlussbegehren. Kritiker befürchten [14]: Kleinere Akteure könnten dadurch benachteiligt werden.
Nicht alles am Netzpaket ist umstritten. Die verpflichtende Digitalisierung der Netzanschlussverfahren [15] bis zum 1. Januar 2028 wird begrüßt.
Die Opposition im Bundestag sieht mit dem Vorhaben die Energiewende gefährdet. So befürchten etwa die Grünen: Der Anschluss- und Einspeisevorrang für erneuerbare Energien wird faktisch ausgehöhlt.
Die wissenschaftliche Einschätzung fällt differenzierter aus. So betont etwa Anke Weidlich, Professorin für Technologien der Energieverteilung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, gegenüber dem Science Media Center:
"Lokal differenzierte Baukostenzuschüsse sind ein transparentes und gut planbares Instrument für die Lenkung des Ausbaus der erneuerbaren Energien (EE)."
Entscheidend sei: Netzbetreiber müssen weiterhin zum Ausbau in knappen Regionen angehalten werden.
Wer gerade Angebote für eine Solaranlage vergleicht, sollte die möglichen Zusatzkosten bedenken. Der Entwurf lässt offen, ob kleine Dachanlagen vom Baukostenzuschuss betroffen sind.
Ein Zeitfaktor spielt eine Rolle: Wer jetzt kauft, profitiert noch von den bisherigen Regeln. Das bedeutet: Einspeisevergütung [16] und kein Baukostenzuschuss.
Der Artikel erschien auf Telepolis erstmals am 14. Februar 2026.
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https://www.heise.de/-11176637
Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/article/Photovoltaik-Wer-2026-installiert-sichert-sich-noch-ueber-8-000-Euro-11173194.html
[2] https://www.t-online.de/heim-garten/aktuelles/id_101128990/
[3] https://www.heise.de/tp/article/PV-Anlage-anmelden-Dieser-Fehler-kostet-Hunderte-Euro-jaehrlich-11122954.html
[4] https://www.heise.de/tp/article/Netzausbau-Blockade-treibt-Strompreise-nach-oben-10284548.html
[5] https://www.gruene-bundestag.de/unsere-politik/fachtexte/stromnetze-und-erneuerbare-ausbauen-nicht-kaputtregulieren/
[6] https://www.heise.de/tp/article/Gute-Nachricht-Eine-rasante-globale-Energiewende-ist-moeglich-9565897.html
[7] https://www.heise.de/tp/article/Wieviel-Strom-frisst-die-Digitalisierung-9730356.html
[8] https://www.heise.de/tp/article/Batteriespeicher-Ueber-100-Gigawatt-warten-auf-Netzanschluss-11133932.html
[9] https://www.telepolis.de/article/Verteilnetze-am-Limit-Warum-hier-die-Energiewende-entschieden-wird-10481804.html
[10] https://www.heise.de/tp/article/Waermepumpe-knackt-die-270-Grad-Marke-mit-Schallwellen-statt-Kompressor-11122849.html
[11] https://www.heise.de/tp/article/Elektroauto-Foerderung-Bis-zu-5-000-Euro-fuer-Familien-wer-profitiert-11097018.html
[12] https://sciencemediacenter.de/angebote/netzpaket-soll-anschlussbedingungen-fuer-erneuerbare-energien-aendern-26034
[13] https://www.heise.de/tp/article/Mieterstrom-Ploetzlich-guenstiger-Strom-direkt-vom-Dach-10711882.html
[14] https://www.presseportal.de/pm/115684/6214896
[15] https://www.heise.de/tp/article/Smart-Meter-Rollout-Deutschland-wagt-den-Neustart-10296638.html
[16] https://www.heise.de/tp/article/Strompreis-Entlastungen-fuer-Verbraucher-bleiben-Wunschdenken-10667488.html
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Lars Lange
KI generierte GRafik
Peking liefert Frühwarnung, Radar und Daten statt Bomben. Das verschiebt das militärische Gleichgewicht im Nahen Osten grundlegend. Eine Einschätzung.
Seit dem 19. Dezember operiert das chinesische Forschungsschiff Dayang Yihao [1] im Arabischen Meer, westlich von Indien. Die Ausstattung ist hochinteressant. Daraus ergibt sich ein Möglichkeits- und Fähigkeitsraum [2].
Das Schiff könnte ähnlich wie amerikanische RC-135-Aufklärungsflugzeuge agieren und elektronische Emissionen von Schiffen und Flugzeugen erfassen. Sowohl Positionen der amerikanischen Flotte als auch deren Kommunikation könnten abgefangen und an Iran weitergeleitet werden.
Begleitet [3] wird die Dayang Yihao von einem Type 055 Zerstörer, einem Type 052D Zerstörer und dem Aufklärungsschiff Liaowang-1. Die drei Schiffe gehören zur 48. Escort Task Group der chinesischen Marine, die im Januar 2026 an einer multinationalen Übung in Südafrika teilgenommen hatte und anschließend über die chinesische Djibouti-Basis nach Norden verlegt [4] wurde.
Am 10. Februar veröffentlichten chinesische Quellen Satellitenbilder eines neu installierten amerikanischen THAAD-Raketenabwehrsystems auf der Muwaffaq Al Salti Air Base in Jordanien, das Kommandoposten, Langstreckenradar und sechs Werfer zeigt.
China hatte zuvor auch Luftwaffenbasen wie Al Udeid in Katar fotografiert [5] und mit Standortdaten online gestellt. Der Type 055 Zerstörer verfügt über Dual-Band-Radarsysteme mit Über-Horizont-Tracking-Fähigkeiten, die Zieldaten für iranische Raketen, Drohnen und Luftverteidigung liefern könnten.
Ein Präzedenzfall existiert bereits: Während der indisch-pakistanischen Feindseligkeiten im Mai 2025 habe China Pakistan ähnliche umfassende Satelliten- und Geheimdienst-Unterstützung gewährt, die diesem einen deutlichen Vorteil verschaffte. Dieser Kontext gewinnt an Brisanz durch die aktuelle Präsenz der USS Abraham Lincoln im Arabischen Meer und den massiven US-Militäraufbau in der Region im Februar 2026.
China unterstützt Teheran bereits sehr direkt: Peking hat das YLC-8B-Langstreckenradar geliefert, das im UHF-Frequenzbereich arbeitet und die Tarnkappenfähigkeiten von Kampfjets der fünften Generation wie der F-35 unwirksam [6] macht.
Das System verfügt über eine Erfassungsreichweite von über 350 Kilometern für Tarnkappenflugzeuge und gibt Iran ein entscheidendes Zeitfenster zur Vorbereitung gegen israelische Bedrohungen.
China lieferte zudem das Langstrecken-Luftverteidigungssystem HQ-9B an Iran, berichtete Military Watch Magazine [7] bereits im Juli 2025. Demnach verfügt das System über eine Reichweite von 250 Kilometern und 360-Grad-Radarabdeckung. Die Lieferungen seien zwei Wochen nach dem Waffenstillstand erfolgt, der den elftägigen Angriff Israels beendete.
Inzwischen hat der Iran vollständig auf das chinesische Satellitennavigationssystem BeiDou umgestellt und das amerikanische GPS ersetzt. Dies verringert die Anfälligkeit iranischer Präzisionswaffen gegenüber US-Störungen und Fälschungen von GPS-Signalen.
China begann außerdem im Januar 2026 mit der Umsetzung [8] einer Strategie zum Schutz des iranischen Regimes vor Infiltrationen durch Mossad und die CIA. Peking dränge seinen Verb��ndeten Teheran, amerikanische und israelische Software aufzugeben und durch geschlossene, verschlüsselte chinesische Systeme zu ersetzen, die schwer zu durchdringen seien.
Das "Chinese Ninth Bureau" des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit führe tatsächliche nachrichtendienstliche Operationen in Teheran selbst durch und arbeite gegen Mossad-Aktivitäten, um Chinas strategische Partner vor externer Spionage zu schützen.
China importiert 1,4 Millionen Fass iranisches Rohöl pro Tag und ist damit Abnehmer von über 80 Prozent [9]der iranischen Ölausfuhren. Das 25-jährige strategische Partnerschaftsabkommen zwischen beiden Ländern, das Ende 2025 bekräftigt wurde, sieht chinesische Investitionen von bis zu 400 Milliarden Dollar in die iranischen Öl-, Gas- und Infrastruktursektoren vor.
Iran gewährt China Preisnachlässe [10] zwischen zehn und 15 Dollar je Fass unter dem Brent-Preis. Diese verbilligten Einkäufe ersparen [11] China Milliarden US-Dollar und stärken die Wettbewerbsfähigkeit verschiedener chinesischer Industriezweige, insbesondere der Petrochemie. Im Jahr 2025 deckten Venezuela, Iran und Russland gemeinsam 35 bis 40 Prozent des chinesischen Rohölbedarfs.
Chinas private Raffinerien, die sogenannten Teapots in der Provinz Shandong, ersetzen zunehmend venezolanisches durch iranisches Rohöl. Nachdem die USA den Druck auf Venezuela verstärkt hatten, sanken die Lieferungen nach China Anfang 2026 voraussichtlich um 74 Prozent.
Die Zahlungen erfolgen zunehmend in Renminbi über chinesische Finanzkanäle, die vom Dollar-System abgeschirmt sind, was das rechtliche und finanzielle Risiko für Käufer verringert.
China, Russland und Iran führen Mitte Februar 2026 zum achten Mal die gemeinsamen Marineübungen "Maritime Security Belt [12]" im nördlichen Indischen Ozean durch. An den Übungen beteiligen sich sowohl die reguläre iranische Marine als auch die Revolutionsgarden.
Bereits Ende Januar 2026 entsandte China 16 Frachtflugzeuge [13] der Volksbefreiungsarmee nach Iran, zeitgleich mit dem amerikanischen Truppenaufbau.
Außerdem unterzeichneten China, Russland und Iran kürzlich eine trilaterale Charta, die gemeinsame Marineübungen und den Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse umfasst und damit die Kosten jeder einseitigen Militäraktion gegen Teheran erhöht.
Peking hilft Teheran, seine Raketenkapazitäten zu erweitern, indem es entscheidende Bauteile wie Festtreibstoff und Mikroprozessoren liefert, berichtet Modern Diplomacy [14]. China habe sich zum militärischen Wiederaufbau der iranischen Armee und ihrer Ausrüstung verpflichtet, schreibt das Magazin.
Israel hat in der jüngsten Konfrontation demonstriert, dass es in der Lage ist, zentrale Elemente der iranischen Luftverteidigung und Führungsstruktur geheimdienstlich zu sabotieren. Koordinierte Abfangmaßnahmen blieben aus, Israel führte wiederholt tiefe Operationen durch und spielte seine Luftdominanz faktisch aus. Genau an diesem Punkt setzt China an.
Sollte es Peking gelingen, Irans integrierte Luftverteidigung dauerhaft zu stabilisieren – durch Sensor-Redundanz, alternative Satelliten- und Datenverbindungen, gehärtete Kommandoarchitektur und verbesserte elektronische Resilienz – würde sich die militärische Kalkulation fundamental verändern.
Die chinesische Präsenz im Arabischen Meer, die Offenlegung amerikanischer Stützpunkte, die Lieferung von Radar- und Luftabwehrsystemen sowie die technologische Integration über BeiDou und verschlüsselte Netzwerke deuten auf genau diese strategische Stoßrichtung hin: Frühwarnzeiten verlängern, Enthauptungsschläge erschweren.
Die eigentliche Hilfe ist damit nicht kinetisch, sondern strukturell. Wenn Iran seine Luftverteidigung funktionsfähig hält, steigt die Schwelle für jede militärische Intervention massiv.
Hinzu kommt ein weiterer, bislang unterschätzter Punkt: Ein nukleares Gleichgewicht durch Verwundbarkeit besteht faktisch bereits. Mit dem Atomforschungszentrum bei Dimona [15] besitzt Israel selbst ein hochsensibles, strategisch exponiertes Ziel. Unabhängig von der Frage, ob Iran über Kernwaffen verfügt, erzeugt allein die Möglichkeit schwerer Schäden an solchen Anlagen eine strukturelle gegenseitige Abschreckung.
Abschreckung beruht hier nicht primär auf offiziell erklärten Arsenalen, sondern auf realer Verwundbarkeit. Wenn beide Seiten über die Fähigkeit verfügen – oder zumindest glaubhaft beanspruchen –, existenzielle Schäden zuzufügen, entsteht ein Gleichgewicht, das nicht aus Symmetrie der Waffen, sondern aus Symmetrie des Risikos resultiert.
Dieses Gleichgewicht ist jedoch instabil. Es basiert auf Unsicherheit, unklaren Schwellen und verkürzten Entscheidungszeiten. Gerade weil es nicht offen deklariert ist, sondern implizit wirkt, erhöht es die Gefahr von Fehlkalkulationen. Das Machtgefüge verschiebt sich damit nicht durch neue Waffen, sondern durch das Bewusstsein gegenseitiger Verwundbarkeit.
Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig wahrscheinlich, dass Iran sein Atomprogramm angesichts fortgesetzter amerikanischer und israelischer Bedrohung aufgibt. Das Programm erfüllt eine wichtige, strategische Funktion: Es erhöht die Unsicherheit des Gegners und verkürzt dessen Aktionsspielraum.
Die Verhandlungen in Maskat werden zeigen, ob Diplomatie diese Dynamik einhegen kann – oder ob das entstehende Gleichgewicht weniger Stabilität als vielmehr eine Phase erhöhter, gegenseitiger Abschreckung darstellt.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.scmp.com/news/china/diplomacy/article/3342260/us-aircraft-carrier-abraham-lincoln-sailing-arabian-sea-so-chinese-vessel[2] https://x.com/pati_marins64/status/2021291660940808700[3] https://militarywatchmagazine.com/article/china-destroyer-near-iran-attack[4] https://x.com/pati_marins64/status/2021331267921305699[5] https://x.com/pati_marins64[6] https://www.middleeastmonitor.com/20260210-the-new-axis-of-resistance-sino-russian-technological-buoyancy-in-iran/[7] https://militarywatchmagazine.com/article/china-rebuilding-iran-air-defence-hq9b[8] https://moderndiplomacy.eu/2026/02/10/how-iran-gained-the-ability-to-track-stealth-aircraft-china-deal-and-the-ylc-8b-system/[9] https://moderndiplomacy.eu/2026/02/01/the-dragons-dilemma-chinas-strategic-playbook-for-a-u-s-iran-war/[10] https://www.meforum.org/mef-observer/as-chinas-teapot-refiners-turn-toward-iranian-oil-sanctions-effectiveness-suffers[11] https://x.com/pati_marins64/status/2016129783206228331[12] https://www.middleeastmonitor.com/20260210-the-new-axis-of-resistance-sino-russian-technological-buoyancy-in-iran/[13] https://moderndiplomacy.eu/2026/02/01/the-dragons-dilemma-chinas-strategic-playbook-for-a-u-s-iran-war/[14] https://moderndiplomacy.eu/2026/02/01/the-dragons-dilemma-chinas-strategic-playbook-for-a-u-s-iran-war/[15] https://gnseconomics.substack.com/p/weekly-forecasts-52026
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Ein Unternehmen aus Boston liefert der U.S. Navy ein Kriegsschiff ohne dauerhafte Besatzung: Blue Water Autonomy stellte am 11. Februar 2026 die Liberty-Klasse vor – ein 58 Meter langes autonomes Schiff, das mehr als 150 Tonnen Nutzlast über 10.000 Seemeilen (18.500 km) transportieren kann, wie das Fachportal Military berichtet.
Der Bau beginnt im März 2026 bei Conrad Shipyard in Louisiana. Das Unternehmen hat sich mit dem niederländischen Schiffbauer Damen zusammengetan und dessen Baumuster Stan Patrol 6009 für militärische Zwecke angepasst. Der sogenannte Axtbug reduziert den Wellenaufprall bei rauer See. Weltweit sind bereits über 300 Schiffe mit diesem Design unterwegs.
CEO Rylan Hamilton erklärte: "Die Liberty-Klasse konzentriert sich auf autonome Schiffe, die von Anfang an für Langzeiteinsätze und Serienproduktion ausgelegt sind." Blue Water will damit die Navy-Anforderungen nach schnellerem Schiffbau und größerer Flottenkapazität erfüllen.
Das Unternehmen hat den kompletten Maschinenraum sowie die mechanische und elektrische Infrastruktur neu konstruiert. Die fehlertoleranten Antriebssysteme arbeiten der Planung nach über Monate hinweg ohne Wartung. Blue Water entwickelte das Projekt komplett mit Privatkapital und arbeitet mit über 100 Zulieferern zusammen.
Conrad Shipyard betreibt fünf Anlagen mit rund 1.100 Mitarbeitern und produziert jährlich über 30 Schiffe für kommerzielle und staatliche Kunden. CEO Cecil Hernandez bestätigte, die nötige Infrastruktur und Arbeitskraft für Bau und Serienfertigung seien vorhanden.
Die Liberty-Klasse setzt auf erprobte Rumpfkonstruktionen und automatisierte Systeme. Die Navy will die Schiffproduktion beschleunigen, um die Flottengröße zu erhöhen. Blue Water peilt die Fertigstellung des ersten Schiffes vor Ende 2026 an.
Die Liberty-Klasse ist eine Anspielung auf die Liberty-Schiffe aus dem Zweiten Weltkrieg, die schnell und in großer Stückzahl gebaut wurden, um den dringenden nationalen Bedarf zu decken. Nach der Auslieferung des ersten Schiffes plant Blue Water die Serienproduktion mit einem Ziel von zehn bis zwanzig Schiffen pro Jahr.

Bis Montag, 15. Februar 2026, 19 Uhr, läuft eine Abstimmung unter aktiven Wikipedia-Autoren : Der Vorschlag zielt auf ein Verbot von KI-generierten oder KI-bearbeiteten Texteinträgen ab. Wer wiederholt solche Inhalte verwendet, dem soll eine dauerhafte Sperrung drohen.
Die Einschränkungen sollen auch Diskussionsseiten umfassen. Befürworter argumentieren: Wikipedia könnte sich so als Quelle für ausschließlich menschlich verfasste Informationen positionieren – angesichts der Gefahr, dass KI-Content das Netz zu überschwemmen droht.
Maschinenübersetzungen sollen den Angaben zufolge zulässig bleiben, wenn Menschen sie vollständig auf Korrektheit geprüft haben. KI-gestützte Rechtschreib- und Grammatikprüfungen sollen ebenfalls erlaubt bleiben. Autoren dürften KI-Tools demnach auch zur Recherche nutzen, solange sie Formulierungen nicht direkt übernehmen.
KI-generierte Bilder will die deutschsprachige Wikipedia zudem einzeln bewerten, statt pauschal zu verbieten. Gekennzeichnet werden sollen sie dennoch.
Befürworter der Verbote betonen, dass Wikipedia Glaubwürdigkeitsprobleme bekomme, wenn sie KI-Inhalte übernehme. Sie verweisen auf die sogenannten Halluzinationen von Large Language Models, die bisher nicht in den Griff zu bekommen sind. Sie sehen in ihrem Bestreben zudem ein Qualitätsmerkmal, das sie mit "von Menschen, für Menschen" beschrieben.
Kritiker bezweifeln die praktische Umsetzbarkeit eines KI-Verbots und verweisen auf die Schwierigkeit, KI-Inhalte sicher zu erkennen. Da es keine verlässlichen Erkennungsmethoden gebe, könne es auch kein faires Verfahren für Regelverstöße geben, wenn einem Autor beispielsweise vorgeworfen wird, seine Inhalte KI-generiert erstellt zu haben und nicht nur mithilfe von KI auf Grammatik, Ausdruck und Rechtschreibung überprüft zu haben.
Manche Autoren halten auch die Qualität von Wikipedia-Einträgen für wichtiger als deren Entstehungsweg. Und sie fordern eine Zweidrittelmehrheit für so weitreichende Änderungen statt einer einfachen Mehrheit.
Bei einem Verbot müsste die Community allerdings noch deutlich komplexere Folgefragen klären als die Verwendung von Korrekturtools. Eine davon betrifft wissenschaftliche Publikationen mit KI-Unterstützung. Denn viele Fachjournale gestatten den Einsatz von KI bei der Manuskripterstellung. Dürfen solche Quellen dann künftig nicht mehr für Wikipedia genutzt oder aus ihnen zitiert werden?
Auch bereits in der Wikipedia existierende Artikel, die mit KI-Unterstützung entstanden sind, erfordern Diskussionen. Verdachtsfälle dürften auch hier wegen der Erkennungsschwierigkeiten für Kontroversen sorgen.
Andere Sprachversionen Wikipedias fahren unterschiedliche Ansätze. Die Wikimedia-Stiftung verfolgt in ihrer Strategie 2025-2028 mit dem Titel " Humans First " einen Mittelweg: Sie will KI als Werkzeug erlauben, statt sie pauschal zu verbieten.
Die deutschsprachige Community geht nun einen eigenen Weg. Das Ergebnis wird am Montagabend erwartet.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 hat der Generaldirektor der Esa, Josef Aschbacher, zu einer verstärkten europäischen Zusammenarbeit bei Weltraumprojekten aufgerufen, wie unter anderem die Wirtschaftswoche und die FAZ (Paywall) berichten. Zum Anlass nimmt er den erfolgreichen Start der Ariane 64 , einer bei Nutzlast und Reichweite endlich konkurrenzfähigen Trägerrakete, die in 13 europäischen Ländern gebaut wird.
Aschbacher sprach die veränderte Weltlage an, in der sich auch die USA immer mehr zu einem Konkurrenten entwickelten. Mit einer europäischen Lösung könnte die Eigenständigkeit Europas bewahrt werden. Dafür müsste jedoch ein intensiver Austausch an Wissen, technologischen Fähigkeiten und verfügbarer Infrastruktur stattfinden.
Um die souveräne Nutzung des Orbits zu realisieren, muss allerdings viel Geld investiert werden. Das Budget der Esa , das 2025 bei gerade einmal 7,7 Milliarden Euro lag, müsste dafür weiter steigen. Immerhin wird das Geld zu großen Teilen in Aufträge an die Industrie der Mitgliedsländer investiert.
Darüber hinaus hat allein Deutschland beschlossen, in den nächsten 5 Jahren Weltraumprojekte mit 35 Milliarden Euro zu finanzieren. Auch hierbei dürfte es von Vorteil sein, wenn eine enge Absprache mit den europäischen Verbündeten stattfindet, um keine parallelen Strukturen aufzubauen.
Reichen werden diese Bemühungen vermutlich noch nicht. Der Chef der Esa gibt zu bedenken, dass die USA sechsmal so viel Steuergeld für die Nutzung des Weltalls ausgeben wie Europa, und zwar seit Jahrzehnten. So lässt sich auch erklären, dass die USA im Jahr 2025 fast täglich eine Trägerrakete starten konnten. Die EU taucht in dieser Liste lediglich achtmal auf, ein Fehlstart inklusive.
(Bild: Zakharchuk/Shutterstock.com)
Viele Open-Source-Projekte haben ein Problem: Sie ertrinken in Codeänderungen, die mithilfe von KI erstellt wurden. GitHub ergreift jetzt Maßnahmen.
Viele Open-Source-Maintainer können ein Lied davon singen: Die Pull-Requests werden immer mehr, die Qualität der Codeänderungen nicht unbedingt besser.
Der Grund liegt auf der Hand: Mithilfe von KI-Coding-Tools wie Claude Code können seit einiger Zeit auch Menschen ohne Informatik-Hintergrund Pull-Requests einreichen, also Codeänderungen innerhalb von Open-Source-Projekten beantragen. Die Hüter des Codes, die Maintainer, sind davon häufig überfordert. Und während die einen schon das Ende der Open-Source-Idee ausrufen [1], feiern andere die Demokratisierung der Software-Entwicklung. So sagte OpenClaw-Entwickler Peter Steinberger in einem Interview [2], dass es in jedem Fall ein „Sieg für unsere Gesellschaft“ sei, wenn jemand seinen ersten Pull-Request einreicht – ganz egal, wie gut oder schlecht dieser technisch ist. Es würde die Open-Source-Welt weiterbringen, je mehr Menschen von „Usern“ zu „Buildern“ werden.
Nun hat auf jeden Fall auch GitHub, die größte Software-Entwicklungsplattform der Welt, eingestanden, dass es offenbar Handlungsbedarf gibt. Liest man den aktuellen Blogpost von GitHubs Open-Source-Strategiechefin Ashley Wolf, [3] so scheinen die Rechtfertigungen und Widersprüchlichkeiten allerdings direkt aus dem Text zu springen: Schließlich gehört die GitHub-Mutter Microsoft zu den größten KI-Jubilierern aller Tech-Unternehmen. Es finden sich deshalb so schöne Sätze wie dieser im Blogpost: „Es ist verlockend, ‚minderwertige‘ oder ‚KI-Slop‘-Beiträge als ein einzigartiges, neues Phänomen darzustellen. Das sind sie aber nicht. Maintainer hatten schon immer mit störendem Grundrauschen zu kämpfen.“
Dennoch muss wohl auch GitHub eingestehen, dass etwas passieren muss, nachdem zum Beispiel curl sein Bug-Bounty-Programm wegen zu vielen KI-generierten Security-Reports komplett eingestellt hat [4]und Projekte wie Ghostty Pull-Requests nur noch nach Einladung akzeptieren [5].
Die Entwicklungsplattform hat mehrere Funktionen eingeführt, die Maintainern von Open-Source-Projekten das Leben erleichtern sollen. Dazu gehören unter anderem: ¶
Demnächst soll es außerdem möglich sein, Pull-Requests direkt über die Benutzeroberfläche zu löschen, um Spam oder missbräuchliche Beiträge zu entfernen. All diese Verbesserungen zielen darauf ab, den Aufwand bei der Überprüfung von Beiträgen zu verringern.
Darüber hinaus werden in Zusammenarbeit mit Maintainern weitere Maßnahmen diskutiert, etwa kriterienbasierte Zugangsregeln und verbesserte Triage-Tools, die Beiträge automatisch anhand der Projektrichtlinien bewerten könnten. GitHub betont dabei, dass diese Werkzeuge die Entscheidungshoheit der Maintainer unterstützen und nicht ersetzen sollen. Alle Einschränkungen bleiben optional und konfigurierbar, um „wohlmeinende Erstbeitragende“ nicht unangemessen zu demotivieren.
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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.golem.de/news/tailwind-css-das-drohende-ende-von-open-source-projekten-durch-llms-2602-204822.html
[2] https://www.youtube.com/watch?v=YFjfBk8HI5o
[3] https://github.blog/open-source/maintainers/welcome-to-the-eternal-september-of-open-source-heres-what-we-plan-to-do-for-maintainers/
[4] https://www.heise.de/news/curl-Projekt-beendet-Bug-Bounty-Programm-11142345.html
[5] https://github.com/ghostty-org/ghostty/blob/main/CONTRIBUTING.md
[6] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[7] mailto:jkj@ct.de
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Beta 1 ist da: Es geht los mit Android 17.
(Bild: heise medien)
Google hat die erste Beta von Android 17 freigegeben. Sie kann auf Pixel-Geräten installiert werden und richtet sich vor allem an Entwickler.
Android 17 Beta 1 steht zum Download bereit. Sie kann auf dem Pixel 6 und neuer installiert werden. Die bisherigen Neuerungen spielen sich vor allem unter der Haube ab.
Ursprünglich sollte die erste Beta von Android 17 [1] bereits vor einigen Tagen veröffentlicht werden. Entsprechend hatte Google einige US-Medien mit Vorabinformationen unter Embargo versorgt. Die Meldungen gingen online, Googles Ankündigungs-Beitrag und die Systemabbilder jedoch nicht. Kurz danach hieß es seitens Google, die Beta erscheine in Kürze. Wie sich nun herausstellt, bedeutete „in Kürze“ tatsächlich in Kürze: Seit Freitagabend bietet Google die Vorabversion des großen Updates für Pixel-Geräte, die am Android-Beta-Programm teilnehmen, zum Download an.
(Bild: heise medien)
Wie bereits seit Mittwoch bekannt ist, enthält die erste Beta von Android 17 in erster Linie entwicklerseitige [2] Neuerungen: So führt das Update Googles Arbeit an adaptiven Apps fort, die keinen Letterbox-Modus haben und die gesamte Breite von Geräten mit großem Bildschirm ausfüllen, wie etwa bei Foldables oder Tablets . Der bisherige Entwickler-Opt-out von Android 16 [3] wurde für Anwendungen mit API-Level 37 (also für Android 17) entfernt. Ausnahme sind derweil noch Spiele, so Google [4].
Ein weiterer Aspekt des Updates sind Leistungsoptimierungen: Mit Android 17 bringt Google verschiedene Optimierungen, um verpasste Frames zu reduzieren und den CPU-Aufwand für die „Garbage Collection“ zu senken. Ebenso implementiert Google Optimierungen zur Reduzierung des Speicherverbrauchs für Benachrichtigungen.
Neuerungen sind auch im Bereich Medien und Kamera zu finden: Android 17 Beta 1 enthält professionelle Kamera-APIs für flüssigere Übergänge, mit denen Kamera-Apps zwischen den Modi wechseln können, ohne die Kamerasitzung vollständig neu zu starten. Mit dieser Lösung sollen kleinere Pausen, sichtbare Fehler und Verzögerungen beim Wechseln der Kameramodi vermieden werden.
Außerdem erlaubt Android 17 Apps auch den Zugriff auf Metadaten aller aktiven physischen Kamerasensoren und nicht nur des Hauptsensors. Dadurch sollen Kamera-Apps einen tieferen Einblick „in die Vorgänge hinter den Kulissen beim Objektivwechsel oder beim Zoomen“ erhalten. Google führt überdies eine Schnittstelle (API) zur Lautstärkeregelung ein, um „ein einheitlicheres Hörerlebnis über Anwendungen und Hardware hinweg zu bieten“. Android 17 bringt zudem Unterstützung für den H.266-Videocodec (VVC), der bei gleicher Bildqualität deutlich kleinere Dateien erzeugt als die Vorgänger H.264 und H.265.
Sämtliche Änderungen für App-Entwickler, einschließlich der Bereiche Datenschutz, Sicherheit, Konnektivität, Telekommunikation und Entwicklertools, hat Google in der Dokumentation [5] zusammengefasst.
Laut Googles Zeitplan wird Android 17 einen ähnlichen Release-Rhythmus wie Android 16 verfolgen. Das Unternehmen plant, bis März 2026 die Plattformstabilität zu erreichen. Im Zuge von Googles Entwicklerkonferenz I/O im Mai könnte der Konzern weitere größere Neuerungen, die in Android 17 stecken, ankündigen. Im Laufe des zweiten Quartals, voraussichtlich im Juni 2026, soll dann die stabile Version für Pixel-Geräte erscheinen. Eine kleinere SDK-Version wird im vierten Quartal 2026 folgen.
(Bild: Google)
Kompatibel mit Android 17 sind alle Pixel-Smartphones ab dem Pixel 6, sämtliche Pixel-Foldables und das Pixel Tablet. Letzteres hatte erst kürzlich einen Updatebonus von zwei weiteren Jahren erhalten. [6] Auf Produktivgeräten sollte man die Beta nicht installieren. Bisher gibt es noch keine Ankündigungen von anderen Geräteherstellern zu einem Termin für ein etwaiges Update auf Android 17.
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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/news/Android-17-Beta-1-steht-vor-der-Tuer-11172592.html
[2] https://www.heise.de/news/Android-17-Beta-1-Google-verschiebt-Release-kurzfristig-Details-bekannt-11173912.html
[3] https://www.heise.de/news/Mobile-Entwicklung-Android-16-hebt-Beschraenkungen-fuer-App-Darstellung-auf-10255864.html
[4] https://android-developers.googleblog.com/2026/02/the-first-beta-of-android-17.html
[5] https://developer.android.com/about/versions/17?hl=de
[6] https://www.heise.de/news/Pixel-Tablet-Google-verlaengert-Update-Garantie-um-zwei-Jahre-11159693.html
[7] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
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Kleine, aber interessante Meldungshäppchen vom News-Buffet zu Ember, Akuity, TensorFlow, Apache Druid, Eclipse JKube, Python, webpack und React Native.
In unserem leckeren Häppchen-Überblick servieren wir alles, was es zwar nicht in die News geschafft hat, wir aber dennoch für spannend halten:
@warp-drive/*‑Pakete statt ember-data, nutzt Glint v2 für TypeScript, entfernt tracked-built-ins sowie ember-auto-import aus dem Standard-Blueprint und verlangt nun mindestens Node.js 20.19.IngressClassName‑Feld, aktualisiert die Basisimages auf UBI 9 und reduziert Abhängigkeiten. Es handelt sich um ein Build‑Tool für Maven und Gradle, das Java‑Anwendungen automatisiert containerisiert sowie Kubernetes‑ und OpenShift‑Ressourcen erzeugt und deployt.Solltest du ein schmackhaftes Thema vermissen, freuen wir uns über deine Mail [13].
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[1] https://blog.emberjs.com/ember-released-6-10/
[2] https://akuity.io/blog/akuity-platform-eu-region-gdpr-data-sovereignty
[3] https://github.com/tensorflow/tensorflow/releases/tag/v2.21.0-rc0
[4] https://github.com/apache/druid/releases/tag/druid-36.0.0
[5] https://www.mastering-obs.de/?wt_mc=intern.academy.dpunkt.konf_dpunkt_clc_observ.empfehlung-ho.link.link&LPID=34258
[6] https://www.mastering-obs.de/tickets.php?wt_mc=intern.academy.dpunkt.konf_dpunkt_clc_observ.empfehlung-ho.link.link&LPID=34258
[7] https://blog.marcnuri.com/eclipse-jkube-1-19
[8] https://pyfound.blogspot.com/2026/02/introducing-psf-community-partner.html
[9] https://blog.documentfoundation.org/blog/2026/02/11/odf-toolkit-project-announces-release-0-13-0-last-release-supporting-jdk-11/
[10] https://webpack.js.org/blog/2026-04-02-roadmap-2026/
[11] https://www.heise.de/news/JavaScript-webpack-ist-unbeliebt-doch-wird-am-haeufigsten-genutzt-11170979.html
[12] https://reactnative.dev/blog/2026/02/11/react-native-0.84
[13] mailto:developer@heise.de?subject=Ein%20Vorschlag%20f%C3%BCr%20die%20Developer-H%C3%A4ppchen
[14] mailto:who@heise.de
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Susanne Aigner
Waschbären breiten sich in Städten rasant aus. Sie plündern Mülleimer, dringen in Gärten und Häuser ein. Wie gehen wir mit ihnen um?
In Hessen sind sie mittlerweile in Großstädten wie Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt angekommen. Auch im gesamten Rhein-Main-Gebiet wächst die Population [1].
Besonders aktiv sind sie im Frühjahr, wenn sich die Weibchen auf die Suche nach geeigneten Plätzen zur Aufzucht ihrer Jungen machen. Im städtischen Raum zeigen die putzigen Kletterer weniger Scheu gegenüber Menschen als in freier Natur.
Besonders in begrünten Städten finden sie optimale Bedingungen zum Überleben: warme Verstecke, leicht zugängliche Nahrungsquellen in Garagen, Gärten, Parks und Müllplätzen. Sie dringen durch Katzenklappen in Häuser ein, klettern an Regenfallrohren an Häusern hinauf und hinterlassen Dreck auf Dachböden.
Auf der Suche nach Nahrung räumen die nachtaktiven Tiere nachts die Mülltonnen aus. Im nordhessischen Kassel zum Beispiel sollen inzwischen mehr als 100 Tiere pro 100 Hektar unterwegs sein. Vor "großen Schäden, die hohe Kosten nach sich ziehen [2]" warnte vor einem Jahr der Kasseler Ordnungsdezernet Heiko Lehmkuhl.
Die Allesfresser bedrohen neben seltenen Amphibien, Reptilien auch seltene Vogelarten. Als Opportunisten fressen sie Eier nicht nur aus Gelegen von Bodenbrütern, sondern auch aus Nestern hoch in Bäumen, warnt der Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern.
Mit ihren langen Beinen und Greiffüßen erreichen sie Nistkästen, wo sie mitunter die Einfluglöcher mit den Zähnen erweitern [3]. Dabei zerstören sie ganze Gelege – oft mehr, als sie tatsächlich fressen, erklärt Norbert Peter, einer der Frankfurter Forscher, die im vergangenen Jahr zur stärkeren Bejagung aufriefen [4].
In einer 2024 veröffentlichten Studie [5] hatten die Wissenschaftler Kot, Mageninhalte sowie die Parasitenfauna von mehr als 100 Waschbären analysiert – aus Naturschutzgebieten in Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In manchen Naturschutzgebieten werden bereits deutliche Rückgänge einheimischer Arten festgestellt.
Weil natürliche Feinde fehlen, können sie sich praktisch ungestört ausbreiten. Mit geschätzten 1,6 bis 2 Millionen Tieren habe sich der Waschbär zu einem der häufigsten Raubsäuger in Zentraleuropa entwickelt, warnen Experten. Wie viele es genau gibt, ist ungeklärt, denn weder Städte noch Kommunen oder Bundesländer erheben Daten dazu. Nur in der Zahl der abgeschossenen Tiere sind Tendenzen abzulesen.
Für Waschbären galt bisher in vielen deutschen Bundesländern eine Schonzeit vom 1. März bis 31. Juli, da in dieser Zeit die Jungtiere geboren werden und aufwachsen. Nun will die schwarz-rote Landesregierung in Hessen in ihrer Jagdverordnung die Schonzeit für Fuchs und Waschbär aufheben. Ein entsprechender Entwurf soll zum Beginn der Jagdsaison am 1. April in Kraft treten.
Allein in Hessen leben schätzungsweise 120.000 Waschbären. In der Saison 2024/2025 wurden nach Angaben des Landesjagdverbands (LJV) Hessen mehr als 41.000 Waschbären bei der Jagd getötet – zehn Prozent mehr als im Vorjahr [6].
Weil Waschbären schlecht sehen, drehen und wenden sie Fressbares mit ihre gelenkigen Vorderpfoten hin und her, um es zu begutachten. Zudem halten sie sich gerne in der Nähe von Gewässern auf: Sie fangen Fische, kleine Wirbeltiere wie Krebse, Frösche ebenso wie Vögel, Eidechsen und Mäuse, Würmer, Schnecken, Insekten und fressen Nüsse und Obst aller Art.
In Siedlungen finden Waschbären Nahrung vor allem in Form von Speiseresten im Abfall. Außer in Mülleimern wühlen sie in Komposthaufen oder im Vogelfutter. Die nachtaktiven Tiere schlafen tagsüber in großen Baumhöhlen, Erdlöchern, Schuppen oder auf Dachböden. Auf der Suche nach Nahrung sind häufig mehrere Tiere gleichzeitig im Familienverband unterwegs [7].
Waschbären können Parasiten – Waschbär-Spulwurm (Baylisascaris procyonis) übertragen. "Dieser Parasit kann auch den Menschen infizieren und eine sogenannte Larva migrans verursachen, bei der wandernde Larven Gewebe und Organe schädigen können [8]", warnt Sven Klimpel von der Goethe-Universität Frankfurt und dem Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.
Die Übertragung dieser Parasiten erfolgt vor allem über den Kontakt mit Kot oder kontaminierten Böden – daher sollte man Waschbären niemals anfassen oder füttern. Füttern ist schon deshalb tabu, weil es die Tiere an die Menschen gewöhnt und ihre Population unkontrolliert wachsen lässt [9].
Der Waschbär übt einen großen Druck auf Feldlerche, Rebhuhn und Kiebitz aus, klagt Markus Stifter vom Landesjagdverband Hessen. Die Auswirkungen der Waschbären auf heimische Vogel-, Amphibien- und Reptilienbestände seien gravierend und würden häufig unterschätzt, erklärt auch der Parasitologe Sven Klimpel.
Die Wissenschaftler dokumentieren einen dramatischen Rückgang sensibler Arten in Gebieten mit hoher Waschbärdichte. Zwar werden jedes Jahr mehr als 200.000 Waschbären erlegt, doch das reiche nicht aus, um die Ausbreitung zu stoppen.
Mit ihrem Positionspapier wollen sie mit dem Glauben aufräumen, es handle sich um harmlose oder schützenswerte Wildtiere. Stattdessen müssten die Tiere als ökologisches Risiko wahrgenommen werden.
Die Schonzeit abzuschaffen sei "unsinnig", kritisieren die Grünen. Weil der Waschbär Verluste relativ schnell wieder ausgleichen kann, sei eine intensive Bejagung nicht erfolgversprechend. Sie habe keinen nachhaltigen Einfluss auf die Population.
Die hochgradig anpassungsfähige Art sei durch steigende Abschusszahlen nicht einzudämmen, betont auch Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen. So oder so breite sich der Waschbär kontinuierlich aus [10].
Tierschützer sehen einen Lösungsansatz in der Sterilisation der Tiere [11], wie sie etwa in Norditalien mit dem Nutria erfolgreich durchgeführt wurde. Wichtig seien auch Initiativen, die den Menschen helfen, Probleme mit Waschbären im Siedlungsraum [12] zu verringern.
Die Stadt Kassel sowie der Nabu [13] geben Tipps [14] um das Eindringen von Waschbären in Haus und Garten zu verhindern:
Haben sich die Tiere einmal eingenistet, wird es schwer, sie zu vertreiben. Laute Musik oder Kontrollgänge nahe ihrem Unterschlupf mögen sie gar nicht. Auch Lichter mit Bewegungsmeldern können sich nähernde Tiere abschrecken.
Die Tierschutzorganisation Peta empfiehlt Bewegungsmelder mit Licht [15] im Garten sowie Duftstoffe wie Essig, Lavendel, Chili, Cayennepfeffer, Pfefferminzöl oder Zitrusfrüchte.
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Links in diesem Artikel:[1] https://www.hessenschau.de/panorama/waschbaeren-im-rhein-main-gebiet-auf-dem-vormarsch-v1,waschbaeren-rhein-main-100.html[2] https://www.hessenschau.de/panorama/wie-sie-haus-und-garten-gegen-waschbaeren-schuetzen---und-die-tiere-vertreiben-v1,waschbaeren-kassel-schutz-100.html[3] https://www.lbv.de/ratgeber/naturwissen/konflikte-mit-tieren/waschbaer/[4] https://www.hessenschau.de/panorama/waschbaeren-alarm-in-hessen-forscher-fordern-konsequenten-abschuss-v1,forscher-rufen-zu-waschbaeren-jagd-100.html[5] https://aktuelles.uni-frankfurt.de/forschung/maskierte-raeuber-waschbaeren-sind-eine-gefahr-fuer-heimische-amphibien-und-reptilien/[6] https://www.spiegel.de/panorama/schonzeit-fuer-waschbaeren-soll-in-hessen-bald-abgeschafft-werden-a-431ffab3-33e8-4b71-9de8-84beb66a9a70[7] https://www.lbv.de/ratgeber/naturwissen/konflikte-mit-tieren/waschbaer/[8] https://aktuelles.uni-frankfurt.de/forschung/kontinuierliche-ausbreitung-waschbaerspulwurm-in-neun-europaeischen-laendern-nachgewiesen/[9] https://www.oekotest.de/freizeit-technik/Immer-mehr-Waschbaeren-in-Deutschland-Putzig--aber-problematisch_16046_1.html?utm_source=firefox-newtab-de-de[10] https://www.hessenschau.de/panorama/wie-sie-haus-und-garten-gegen-waschbaeren-schuetzen---und-die-tiere-vertreiben-v1,waschbaeren-kassel-schutz-100.html[11] https://www.hessenschau.de/tv-sendung/niedlich-und-gefaehrlich--forscher-rufen-zu-waschbaeren-jagd-auf,video-212784.html[12] https://www.bund-hessen.de/pm/news/bund-kommentar-zur-jagdzeit-fuer-waschbaeren/[13] https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/sonstige-saeugetiere/18751.html[14] https://www.kassel.de/buerger/sicherheit_und_ordnung/tierschutz/waschbaer.php[15] https://www.hessenschau.de/panorama/wie-sie-haus-und-garten-gegen-waschbaeren-schuetzen---und-die-tiere-vertreiben-v1,waschbaeren-kassel-schutz-100.html
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Benjamin Roth
Wie lässt sich künstliche Intelligenz in Medienberufen sinnvoll einsetzen?
(Bild: KI-generiert)
Künstliche Intelligenz verändert journalistische Arbeitsweisen grundlegend. Workshops und Debatten zeigen, wo Chancen liegen – und wo Vorsicht geboten ist.
Künstliche Intelligenz ist längst im journalistischen Alltag angekommen – von Recherche und Transkription bis hin zur Text- und Bilderstellung. Doch wie funktioniert KI eigentlich, und wie lässt sie sich verantwortungsvoll einsetzen?
Workshops der Reporterfabrik vermitteln Grundlagen, praktische Anwendungen und kritische Perspektiven. Sie zeigen, wie Journalisten KI als Werkzeug nutzen können, ohne journalistische Standards aus dem Blick zu verlieren. Neben Effizienzgewinnen rücken auch Risiken wie Halluzinationen, Datenschutz und Transparenz in den Fokus. Der reflektierte Umgang mit KI wird damit zu einer zentralen Kompetenz im modernen Journalismus.
Wie und woran arbeite ich im Journalismus mit Künstlicher Intelligenz? Die Reporterfabrik [1], ein Bildungsprojekt der Correctiv GmbH, bietet hierzu verschiedene Workshops an. Empfehlenswert sind unter anderem:
ChatGPT, genauer gesagt das Modell GPT-4, schaffte 2022/2023 einen großen Durchbruch. Der Erfolg von Chat-GPT resultierte vor allem daraus, dass es kostenlos war, für alle verfügbar, einfach zu bedienen und von relativ hoher sprachlicher Qualität.
Entwicklungen und Debatten um Künstliche Intelligenz reichen aber über 60 Jahre zurück. Schon 1966 entwickelte Joseph Weizenbaum [5] den Chatbot Eliza [6], welcher täuschend echt eine Psychotherapeutin imitierte – warnte allerdings zehn Jahre später in seinem Buch [7] vor den weiteren Entwicklungen. 2011 nutzte Forbes erstmals eine KI zur Zusammenfassung von Unternehmensberichten, 2014 setzte Associate Press sie zum ersten Mal bei Quartalsberichten ein und 2020 ließ der Guardian den ersten Leitartikel von GPT-3 schreiben.
Allerdings gab es auch Rückschläge: 2016 musste der Chatbot Tay auf Twitter schon nach 24 Stunden deaktiviert werden, da er rassistische Texte verfasste. 2022 musste die KI Galactica des Meta-Konzerns nach einem Tag ausgeschaltet werden, als sie pseudowissenschaftliche Texte hallizunierte.
Der KI-Pionier Andrew Ng [8] betont, dass es vor allem Fortschritte in spezifischer KI (narrow AI) und weniger in allgemeiner KI (general AI) gibt. KI können gut einzelne Aufgaben bearbeiten, sind mit mehreren Aufgaben simultan allerdings noch überfordert.
Die meisten KI-Modelle arbeiten auf Grundlage von Language Learning Models, bei welchen ein regelbasiertes Verfahren mit Daten gefüttert und durch Wiederholungen gefestigt wird. Die Gefahren mit KI, so Alviani im Workshop, sind andere als jener Angsthype vor einer überlegenen und alles kontrollierenden KI suggeriert.
Künstliche Intelligenz kann Journalisten im beruflichen Alltag bei der Erstellung und Bearbeitung von Überschriften und Texten helfen. Auch kann sie Zusammenfassungen, Bilder und Avatare erstellen. Sie kann bei der Recherche, Ideenfindung und Transkription assistieren. Ein Vorteil vieler KI-Modelle ist, dass alle Journalisten inzwischen auf sie Zugriff haben und nicht nur die großen Häuser.
Bei der Interaktion mit KI, dem Prompting, müssen Rolle, Aufgabe, Kriterien und Zielgruppe der KI definiert werden. Die Prompts und Ergebnisse müssen meist überarbeitet werden, was auch der KI bei seiner Verbesserung hilft (Reinforcement Learning from Human Feedback).
Marcus Schwarze empfiehlt im Workshop, die KI "wie einen Praktikanten [9]" in den Arbeitsprozess einzubeziehen: Genaue Aufforderungen und gründliche Nachbesserung der Arbeiten.
Die journalistische Arbeit mit KI, so Schwarze, macht Spaß und bietet sich schon aus Gründen der Neugier ein. Die Vereinfachung repetitiver Arbeitsschritte bringt mehr Zeit für Vertiefung und Spezialisierung, ermöglicht und erfordert mehr Faktenprüfung, Urteilsbildung und Einordnung. Jeder Journalist kann und sollte Potenziale und Gefahren selbst einschätzen lernen, am besten in der eigenen experimentellen Anwendung.
Wichtig ist bei der journalistischen Arbeit mit KI ihre Transparenz. Nutzer und Leser müssen wissen, dass eine KI geholfen hat und wie. Informationen von KI müssen gründlich geprüft werden, da sie bei Überlastung, Überforderung oder widersprüchlichen Aufforderungen zu Halluzinationen neigen.
Beim Datenschutz ist große Vorsicht geboten: Keine Namen, Adressen, Kontaktdaten und Informationen, die eine Quelle enttarnen könnten. Auch sollte in der Interaktion mit KI allzu viel Privatheit und Vertraulichkeit vermieden werden.
Inzwischen existieren etliche KI-Anwendungen, welche die Arbeit im Journalismus erleichtern können. There is an AI for that [10] unterstützt bei der Suche nach der passenden KI.
Beim Schreiben von Texten können Claude [11], ChatGPT [12] und Google Gemini [13] assistieren. Summ.AI [14] hilft, Texte in leichtere Sprache zu übersetzen. Snip Aid [15] erstellt Kurztexte, sogenannte Snippets, für Social Media. Varia Research [16] kann bei der Recherche hilfreich sein.
Zur Bilderstellung eignet sich die KI Midjourney [17] oder Nano Banana (Teil von Gemini). Auf Discord [18] gibt es ein eigenes Tool dafür. Television.AI [19] kann News-Clips zusammenstellen. Mit Bottalk.IO [20] und Anymate.ME [21] können Stimmen und Avatare generiert werden.
Diversity Analysis [22] kann helfen, Inhalte zu diversifizieren. Bei der Transkription von Interviews können Whisper [23] und Audio Index [24] sehr viel Arbeitszeit einsparen. Summarize Tech [25] kann Youtube Videos zusammenfassen.
Trotz aller Vorteile und Möglichkeiten – die Gefahr einer Rationalisierung von Arbeitsplätzen im journalistischen Betrieb ist real.
Julia Timm sagt hierzu in ihrem Workshop, dass KI die Jobs jener Journalisten gefährde, welche sie nicht verwenden. Die Gewerkschaft Verdi fordert [26] deswegen mehr betriebliche Mitbestimmung über die Verwendung von KI im Journalismus und befragt Medien- und Bildschaffende noch bis zum 28. Februar zu Folgen von KI [27].
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