FreshRSS

🔒
✇ Telepolis

Das grüne Jahrzehnt ist vorbei – und niemand hat es bemerkt

Von Frank Adler — 22. Februar 2026 um 14:00
Scheinwerfer leuchtet von roter Erde mit Thermometer weg

Klimaschutz galt als Megathema der 2010er. Doch seit Corona und Ukraine-Krieg verschwand er aus dem Fokus – mit fatalen Folgen.

Noch vor wenigen Jahren erschien die Klimakrise in der Öffentlichkeit und Politik als das zentrale Thema. Jetzt ist sie weitgehend an den Rand gedrängt. Anderes steht im Vordergrund: forciertes Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit, Abbau von Sozialleistungen; Kriege, imperiale Machtpolitik und Alltagssorgen relativieren die düsteren Aussichten der fortschreitenden Erderwärmung. Rückschläge prägen die Klima- und Transformationspolitik.

Indessen schrumpft das verfügbare Budget an Zeit und Ressourcen für progressive Auswege, während Kipppunkte des Klimasystems näher rücken (Rahmstorf 2023). Hinzu kommt die schleichende Tendenz einer demobilisierenden "Normalisierung" dieser Konstellation durch rasche Gewöhnung, Verdrängung und Resignation (Lessenich/Scheffer 2024).

Vor diesem Hintergrund skizziere ich (1.) den Wandel im Umgang mit der Klimakrise, verweise (2.) auf unterschiedliche Reaktionen darauf und plädiere für eine Transformationsstrategie struktureller Reformen, die utopisch anmutet, aber wahrscheinlich realistischer ist, als "realistisch angepasste".

1. Die 2020er Jahre – eine (historische?) Zäsur

Zunächst ein schlaglichtartiger Rückblick auf die 2010er Jahre. Im Unterschied zur Periode nach 1990 ("Ende der Geschichte" als "Sieg des Westens") verschiebt sich der Diskurs nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 f. zugunsten grün-links-(kapitalismus)kritisch-transformativer Themen, Positionen, Bewegungen, Politiken:

• Wachstumsskeptische und grün-alternative Strömungen treten im wissenschaftlichen Diskurs, in der veröffentlichten Meinung und Zivilgesellschaft stärker hervor. "Große Transformation" avanciert zum Leitkonzept im WBGU-Bericht (2011); "ökologischer Umbau" wird populär in Forschung, links-liberaler Politik und Publizistik.

• Nach den enttäuschenden Ergebnissen der Weltklimakonferenz 2009 formiert sich auch in Deutschland eine Klimabewegung und organisiert erfolgreich zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen Kohleabbau und die unterirdische CO2-Verpressung (CCS).

• Die Bundesregierung implementiert Strategien Ökologischer Modernisierung, vor allem in der Energiepolitik: forcierte Förderung von EE-Technologien, Beschluss zum Atomausstieg 2011. Die BRD gilt international als Vorreiter. 2016 wird die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung verabschiedet unter dem Motto "Leben in Würde für alle innerhalb planetarer Grenzen".

Mit dem Beitritt zum Pariser Klimaabkommen von 2015 und dessen Verpflichtung, die Erderwärmung auf 1,5 bzw. maximal 2 Grad C zu begrenzen, wird Dekarbonisierung faktisch zu einem Staatsziel. Die UN-Vollversammlung beschließt 2015 17 nachhaltige Entwicklungsziele.

Nach 2015/16 werden Gegentendenzen stärker. Der öffentliche Diskurs verschiebt sich in Richtung des rechtspopulistisch besetzten Themas "Migration". Auch die Zunahme geopolitischer Spannungen erhält nach der russischen Kriminvasion 2014 mehr Aufmerksamkeit.

Politiken der Dekarbonisierung werden geschwächt (z. B. die Förderung der Solarindustrie) und die Lobby für das billige russische Erdgas setzt 2015 den Bau der Pipeline Nordstream 2 durch. Die US-Regierung Trump I verlässt das Pariser Klimaschutzabkommen und forciert fossile Industrien.

Zugleich erstarkt mit dem Aufschwung von Fridays for Future die internationale Klimabewegung. Sie erreicht ihre Mobilisierungsspitze 2019 bis 2021 mit weltweit Millionen Demonstranten und beeinflusst staatliche Politik. Es entstehen Ansätze für gemeinsame Aktionen mit Gewerkschaften, z.B. mit ver.di für eine sozialökologische Verkehrswende. Das gesellschaftliche Klima begünstigt sozialökologische Transformationen wie etwa 2020 der Kohlekompromiss.

2021 startete die Ampelregierung mit weitreichenden Ambitionen einer ökologischen Modernisierung. Der BDI bekannte sich 2021 zu einem umfassenden Verständnis von Nachhaltigkeit. Das BVG-Urteil zu Rechten der jungen Generation (2021) verpflichtete die Bundesregierung zum Nachbessern ihrer Klimaziele.

Manch zentralem Akteur schienen Nachhaltigkeitstransformationen hegemonial geworden zu sein, so rückblickend Dirk Messner, Präsident des UBA. Aber mit der Covid-19-Krise begann der Abschwung von Klimabewegung und Klimaschutzpolitik. Der Rückhalt in der Bevölkerung sinkt, die Widersprüche in der Ampelkoalition nehmen zu: FDP-Austerität und fossiler Klientelismus ("Technologieoffenheit") hemmen Investitionen in Dekarbonisierungen; Transformationskosten werden ungerecht verteilt.

Aber auch Teile der konservativen Mittel- und Oberschicht distanzieren sich, sehen sich in ihrer Lebensweise durch mögliche transformative Konsequenzen bedrängt (Eversberg/Schmelzer 2025). Bauern protestieren gegen die Kürzung von Agrardieselsubventionen und Debatten um das GEG werden von AfD, CDU/CSU und der Boulevard-Presse erfolgreich anti-grün bewirtschaftet.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich die öffentliche Agenda weiter zuungunsten von Klima, Ökologie, sozialökologischer Transformation verschoben.

Energiekrise und -preise, Inflation, das kriselnde deutsche Exportmodell rücken nach vorn. Ein antigrüner Rechtsruck verstetigt sich. Progressive Bewegungen und politische Akteure sehen sich mit vielen Fronten einer Polykrise konfrontiert.

Im Koalitionsvertrag der CDU/CSU/SPD-Regierung und in ihrer Politik ist Klimaschutz eher marginal. Zwar bietet das Sondervermögen "Infrastruktur und Klimaneutralität" Spielräume für Investitionen in Dekarbonisierung. Inwiefern die 500 Mrd. Euro (für zwölf Jahre) tatsächlich dafür und nicht für Rüstungsprojekte ("ökonomisches Strohfeuer" – Flassbeck 2025) genutzt werden, ist umkämpft.

Deutlich ist das Bestreben, Klimaziele zeitlich und substanziell zu verwässern zugunsten profitabler fossiler Technologien: "Aus" für das geplante Verbrenner-Aus in der EU 2035, forcierter Neubau von Gaskraftwerken, z.T. gekoppelt mit CCS, das ursprünglich, nur für technologisch kaum vermeidbares CO2 vorbehalten war.

Klimaschädliche Subventionen wurden erhöht (z. B. die Pendlerpauschale, die Steuer auf Flug-Tickets gesenkt). Experten zweifeln zunehmend, dass die Klimaziele in Deutschland und der EU erreicht werden können (u. a. Aykut 2025). Massiver zivilgesellschaftlicher Widerstand ist kaum zu erwarten. Rechtspopulistisch getriggerte Feindbilder gegen alles "Grüne" haben sich in einigen Bevölkerungsgruppen verfestigt.

Kurz: Wesentliche Bedingungen für eine progressive Bearbeitung der Klimakrise haben sich gegenüber den 2010er Jahren erheblich verschlechtert. Das betrifft Chancen für tiefgreifende sozialökologische Transformationen ebenso wie für bereits politisch fixierte technologische Dekarbonisierungen.

Diese Tendenz gilt für die Bundesrepublik, die EU und ihren Green Deal, die USA unter Trump II sowie für einflussreiche internationale Organisationen. Wir erleben Rückschläge von unbestimmter Wirkungsdauer.

Progressive Mobilisierungsansätze sind kaum in Sicht. Das führt in die paradox-gefährliche Situation eines doppelten Kipppunktes: Während das Kippen von Parametern des Erdsystems mit irreversiblen Folgen näher rückt, kippt das gesellschaftliche Klima gegen jene Kräfteverhältnisse, die für einen gesellschaftlichen Umbau pro Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit stehen.

Ursachen für Rückschläge und Blockaden werden in unterschiedlichen Bereichen vermutet, etwa

• im Gewicht ökonomischer Interessen, die mit fossilen Energieträgern (Beckert 2024) und davon abhängigen Branchen, Kapitalfraktionen, Beschäftigtengruppen sowie den damit generierten Profiten, Arbeitseinkommen, Steuereinnahmen verbunden sind; ganz zu schweigen von den potentiellen Profiten, die durch im Boden zu belassende Fossile "verloren" werden.

• in Grenzen und Widersprüchen staatlicher Dekarbonisierungspolitik. In der verbindlichen Form nach Paris 2015 tangiert der Wandel der energetischen Basis staatliche Interessen und Funktionen weit stärker als vorherige Umweltpolitiken. Der "Dekarbonisierungsstaat" (Brand et al. 2025) hat für eine längere Umbauperiode geringere Steuereinnahmen aus profitablen, fossil abhängigen Industrien und steigende Ausgaben für die Abfederung des Strukturwandels. Damit geraten andere Staatsfunktionen finanziell unter Druck.

Politik greift zudem direkter in Ökonomie und Alltag ein. Negativ empfundene Konsequenzen werden von Betroffenen nicht mehr dem anonymen Markt, sondern Regierungen zugeschrieben, was die Legitimität des Staates als "neutrale" liberal-kapitalistische Instanz untergräbt.

Hinzukommen äußere Begrenzungen: Der Zugang zu den für Dekarbonisierung benötigten Rohstoffen wird durch weltweit wachsende Bedarfe und "öko-imperiale Spannungen" (Brand/Wissen 2024) teurer und unsicherer. Ihr Abbau im Globalen Norden (z. B. Lithium in Serbien) stößt auf Widerstand. Auf all das reagiert die Politik mit fossil-freundlichen "Korrekturen", einer "Wachstumsoffensive" und Sozialabbau.

• im nachlassenden Rückhalt für die staatliche Transformationspolitik in der Bevölkerung. Bereits seit Beginn der 2020er Jahre kippte die allgemeine Zustimmung zu Klimaschutz und grünem Wandel in Teilen der Mittel- und Oberschicht in Richtung Besitzstandswahrung.

Das war entscheidend für die "politische Trendwende" (Eversberg/Schmelzer 2025). Mit Debatten um Verbrenner-Aus, Heizungsgesetz, Tempolimit etc. rückte die Transformation näher als "Zumutung" an die eigene Lebensweise. Die politisch genährte Illusion, Klimapolitik sei allein technologisch – auch ohne Anpassungsleistungen der Wohlhabenden – zu bewältigen, wurde enttäuscht.

Im ärmeren, prekären Bereich der Sozialstruktur stieß vor allem die sozial unausgewogene Förderpolitik der Ampel (Subventionen für E-Autos und Wärmepumpen für Hausbesitzer statt Klimageld für Familien, die nachhaltig in kleinen Mietwohnungen leben und ÖPNV nutzen) auf Ablehnung.

Das ökosoziale Spektrum wurde geschwächt (von ca. einem Drittel auf ein Viertel der Bevölkerung) und isoliert, Teile des öko-konservativen Spektrums gingen über zur defensiv-reaktiven (AfD-affinen) Fraktion. Das läuft auf einen "rasanten Entzug der Unterstützung für jegliche sozial-ökologische Transformationsschritte hinaus, die mit Kosten für Wirtschaft und Privathaushalte verbunden sind." (Eversberg et al. 2024:28). Es entstand ein neuer "Verteidigungskonsens" gegen Klimapolitik und Transformation (Eversberg/Schmelzer 2025).

• im Agieren der Klimabewegung. Für ihr "relatives Scheitern" (Siegmund 2025) sind verschiedene Umstände verantwortlich: irritierende Aktionen (statt Privatflieger und Luxusyachten wurden Pendler skandalisiert); Grenzen der Mobilisierung durch Aufklärung und erlebte Symptome nahender Katastrophen; schwindende Brisanz des Klimaproblems mit Covid 19 etc.; Erschöpfung wichtiger Akteure am Ende des Bewegungszyklus.

Die Sorge in der Bevölkerung um die Klimakrise ist zwar nach wie vor stark: Für die Mehrheit sind Umwelt- und Klimaschutz "sehr wichtig" und nur eine Minderheit findet, es werde genug dafür getan. Aber die Werte sind etwas gesunken und am geringsten in der jüngsten Altersgruppe. Die relative Bedeutung gegenüber anderen Themen ist geringer (Frick et al. 2025), aber immer noch hoch, jedoch zunehmend überlagert von anderen Konflikten und Alltagssorgen.

2. Klimakrise und sozialökologische Transformationen – Wie weiter?

Auf die zunehmenden Diskrepanzen zwischen einst ambitionierten klimapolitischen Zielen und Projekten wie dem European Green Deal und jetzigen Politiken und Widerständen wird unterschiedlich reagiert. Im aktuellen Transformationsdiskurs habe ich vier Reaktionsformen beobachtet:

• Korrekturen und Ergänzungen im Rahmen der bisherigen auf öko-technologische Dekarbonisierungen begrenzten Strategien, um deren Attraktivität zu verbessern, z.B. durch eine gerechtere Verteilung von Transformationslasten ("Klimasozialpolitik- Vogel 2024), stärkere Anreize für Unternehmen, eine wirksamere Partizipation von Beschäftigten, mehr Experimentierfelder.

• "Realistische" Anpassungen von Transformationszielen nach unten, oft verbunden mit einer expliziten Ablehnung von präventiven Interventionen in gesellschaftliche Strukturen, primär vertrauend auf öko-technologische "Lösungen".

• Resignativer Rückzug, z. B. ehemaliger Klimaaktivisten, die sich "solidarisch preppend" auf den vermuteten Kollaps vorbereiten (Siegmund 2025).

• Offensiv Transformationen erweitern und vertiefen, indem stärker gesellschaftliche Ursachen der Klimakrise und Transformationsblockaden reformerisch zurückgedrängt werden.

Ich plädiere für die letztgenannte Richtung, verknüpft mit Elementen der ersten.

Gesellschaftliche Strukturen transformieren – für ein gutes Leben in planetaren Grenzen

Das ist Kernthese und Ziel eines Transformationsansatzes, der von Wissenschaftler:innen, zivilgesellschaftlichen Aktivist:innen und Politiker:innen vertreten wird. Als ihr gemeinsamer Dachbegriff ist "Postwachstum" (PW) gebräuchlich. Strukturelle Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktionsweise werden als veränderbare Ursachen für die Klima- und Ökokrise problematisiert.

Ein wesentlicher Ausgangspunkt ist ein Befund der Erdsystemforschung – sechs von neun planetaren Grenzen sind bereits durch menschliche Aktivitäten überschritten (Rockström et al. 2023).

Deshalb sei der anthropogene Naturverbrauch, insbesondere der Durchsatz von Material und Energie im Stoffwechsel mit der Natur zu verringern und in planetare Leitplanken zurückzuführen.

Das sei jedoch unwahrscheinlich, solange BIP-Wachstum zentrales politisches Ziel ist, konkurrenzvermittelte Wachstumszwänge Ökonomie und Gesellschaft prägen und die Stabilität gesellschaftlicher Bereiche und (sozialer) Leistungen wachstumsabhängig gestaltet sind. Die Hoffnung auf eine technologische Entkopplung der Wirtschafts- und Lebensweisen von ihren ökologischen Schäden ist bisher nur punktuell eingetreten.

Es gibt keine Belege, dass die THGE global, im verfügbaren Zeitraum und in dem für das Pariser Klimaziel erforderlichen Maße technologisch entkoppelt werden können. Szenarien, die das annehmen, unterstellen unausgereifte, riskante Negativemissionstechnologien als funktionsfähig (Kallis et al. 2025).

Aus einer vorsorgeorientierten Perspektive ist deshalb ein selektives Herunterfahren der Produktion von ökologisch besonders problematischen, ökonomisch und sozial entbehrlichen Gütern und Dienstleistungen geboten.

Das schließt ein gezieltes Wachsen bestimmter Bereiche (z. B. EE, öko-effiziente Infrastrukturen, Care) und den ökologischen Umbau anderer ein. BIP-Reduktion ist kein Ziel von PW, aber das wahrscheinliche Ergebnis des sozialökologisch planmäßig verringerten materiell-energetischen Durchsatzes der Ökonomie.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Es ist aber auch kein Drama, sondern Prävention angesichts des säkularen Rückgangs des BIP-Wachstums in den "reichen" Ländern. und dessen ohnehin nicht mehr nachweisbaren sozialen Nutzen (gemessen am Indikator Lebenszufriedenheit).

Welche Antworten auf die o. g. Widersprüche des "Dekarbonisierungsstaates" (s.1.) wären aus einer PW-Perspektive möglich? Zwei Eckpunkte möchte ich hier andeuten. (1) Umverteilung von oben/privat nach unten/öffentlich ist ein Gebot von Gerechtigkeit und Demokratie und sie unterstützt Dekarbonisierungen.

Die Reduktion der rasch wachsenden extremen Vermögensungleichheit (Oxfam 2026) treibt auf vielfältige Weise die THGE an: über den exzessiven Luxus- und Statuskonsum der Reichen (Privatflugzeuge, Luxusyachten etc.), über ihre Investitionen in CO2-intensive Aktivitäten und ihren zunehmenden direkten (z.B. Übernahme politischer Ämter in den USA) oder medial vermittelten Einfluss auf politische und ökonomische Entscheidungen.

Ihr Konsum ist gerade in den technisch schwierig zu dekarbonisierenden Sektoren (Luftverkehr, Stahl, Zement) überproportional hoch. Bekanntlich ist nur ein Prozent der Weltbevölkerung verantwortlich für mehr als die Hälfte der Gesamtemissionen des Passagierflugverkehrs (Lange/Schmelzer 2025).

Umverteilungen zu Lasten fossil- und kerosinlastigen Reichtums sind deshalb durch das Verursacherprinzip gut begründet. Sie können Politiken der Dekarbonisierung unterstützen, etwa indem ärmere Gruppen von Transformationskosten befreit werden. Umverteilungen zugunsten öffentlicher Infrastrukturen (Bildung, Gesundheit, ÖPNV, Care) die allen zu Gute kommen, werden von mittleren und oberen Einkommensgruppen stärker akzeptiert als verbesserte Sozialleistungen zugunsten prekärer Soziallagen (Mau et al.).

Außerdem erleichtern Beschränkungen in oberen Bereichen der Sozialstruktur suffiziente Verhaltensänderungen in anderen Gruppen. Eine Vermögenssteuer für Superreiche (Euractiv 2025) oder die Umwidmung klimaschädlicher Subventionen (FÖS 2025) können klimapolitische Vorhaben mitfinanzieren.

Langfristig würden solche Umverteilungen auch Verlagerungen von privatem hin zu öffentlichem Eigentum bewirken, was die Reproduktion von Ungleichheit einschränken würde. Zugleich können damit Investitionen in (2) öffentliche Infrastrukturen gestärkt werden, eine wichtige Säule eines Wohlstands in planetaren Grenzen.

Oft wird unterschätzt, wie stark öffentlich zugängliche Infrastrukturen durch ihre "strukturelle Suffizienz", klimafreundliches Verhalten überhaupt erst ermöglichen oder fördern (Görg et al. 2023).

Öffentliche Investitionen in solche Bereiche (Verkehr, Wohnen, Gesundheit, Bildung etc.) können die Dekarbonisierung und öko-effizientere Realisierung grundlegender Bedürfnisse und Fähigkeiten erheblich unterstützen, dabei zugleich die Lebensqualität von Mehrheiten und die soziale Sicherheit im transformativen Wandel steigern sowie langfristig Kosten sparen. Das ist durch viele Studien und Modellprojekte nachgewiesen (Kallis et al. 2025, SRU 2024), selbst für solch schwierige Bereiche wie das Wohnen (Alternativen zu Neubau und größeren Wohnflächen).

Je attraktiver und sozial zugänglicher, relativ einkommensunabhängiger derartige Alternativen sind, können sich Normen verändern und klimaschädliche private Angebote bzw. Verhaltensweisen eher sanktioniert werden (z.B. Privatflugzeuge, Inlandsflüge, Luxus-Pkw, Ausbau von Flugplätzen, Autobahnen oder überdimensionierte Statusgüter).

Beispiele in Barcelona, Antwerpen und Paris zeigen, was derzeit an Ökologisierung städtischer Infrastrukturen möglich ist, oft verbunden mit Klimaanpassungen.

Strategien dieses Typs sozialökologischer Transformationen verknüpfen idealerweise vier Ziele miteinander: Sie dämmen strukturelle Ursachen für THGE und andere planetare Grenzüberschreitungen ein, führen unmittelbar zu ökologischen Entlastungen, verbessern zugleich Lebensbedingungen von Mehrheiten und öffnen damit Perspektiven zu einer sozialökologisch nachhaltigen Reproduktionsweise.

Das wird nicht ohne kräftigen zivilgesellschaftlichen Druck auf den "Transformationsstaat" gehen. Dafür sind momentan keine Akteure in Sicht. Dennoch ist dieser Weg eine real mögliche Option. Sie ist realistischer als Szenarien, die Resilienz stärken und Errungenschaften der Moderne erhalten möchten durch ein technik-fixiertes Weiter-So, ohne gesellschaftliche Ursachen der Öko-Krise anzutasten.

Diese Hoffnung beruht auf fragwürdigen Annahmen – insbesondere eines BIP-Wachstums, das ökonomisch möglich, sozial nützlich und hinreichend von THGE entkoppelbar ist – und sie ignoriert die steigenden Kosten der jetzt schon absehbaren Kollateralschäden dieses Pfads.

Frank Adler ist habilitierter Soziologe und Buchauto, u.a.: Wachstumskritik, Postwachstum, Degrowth [1]. München 2022

Eine ausführliche Version des Artikels mit Quellenangaben erscheint demnächst in einem Sitzungsbericht der Leibniz-Sozietät [2], hrsg. von M. Thomas, U. Busch und H.C. Hobohm.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11181262

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.oekom.de/buch/wachstumskritik-postwachstum-degrowth-9783962383640
[2] https://leibnizsozietaet.de/publikationen/sitzungsberichte/

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Mac & i ff.org

Apples KI-Accessoires sollen dem iPhone angeblich Augen verleihen

Von Heise — 22. Februar 2026 um 17:13
Kamerasysteme mehrere iPhones

(Bild: Sebastian Trepesch / heise medien)

Die kommenden KI-Produkte des Konzerns sollen einem Bericht zufolge mit Kameras die Umgebung erfassen und so als bequemes Eingabegerät für die Apple-KI dienen.

Im Zentrum von Apples geplanter KI-Hardware stehen ganz offensichtlich Kameras: Der Hersteller plant einem Bericht zufolge, die „Visuelle Intelligenz“ – eine KI-Analyse der physischen Umgebung des Nutzers – zum Hauptbestandteil der Produkte zu machen. Das berichtet der gewöhnlich intim mit Apples internen Plänen vertraute Mark Gurman in seinem Bloomberg-Newsletter [1].

Den Informationen zufolge arbeitet Apple aktuell an gleich drei KI-Accessoires [2]: einer an Metas Ray-Ban-Sonnenbrille angelehnten smarten Brille (ohne Display), einem KI-Anhänger respektive Anstecker sowie einer AirPods-Variante mit integriertem Kamerasystem. Ein erstes dieser KI-Produkte könnte Ende des Jahres marktreif sein, hieß es.

Tim Cook stellt „Visuelle Intelligenz“ in den Mittelpunkt

Die Kameras könnten Funktionen wie eine Lebensmittelerkennung oder detailliertere Navigationsanweisungen ermöglichen, die sich auf die physische Umgebung beziehen, erläutert Gurman. Auch sei denkbar, dass die Technik Nutzer an etwas erinnert, sobald sie beispielsweise auf ein bestimmtes Objekt blicken.

Visuelle Intelligenz ist eine Nischenfunktion von Apple Intelligence, die ursprünglich nur auf dem iPhone 16 verfügbar war. Apple bewarb die Funktion anfangs damit, dass Nutzer etwa beim Spaziergang einen Hund fotografieren und so per KI dessen Rasse herausfinden können – statt einfach den irritiert danebenstehenden Hundebesitzer zu fragen. Mit iOS 26 [3] kam die Funktion auf weitere iPhones und analysiert nicht nur das Live-Kamerabild, sondern wahlweise auch Screenshots und damit praktisch jeden Bildschirminhalt. Apple Intelligence steuert hier allerdings nur Basisfunktionen bei, die erweiterte Bildanalyse übernimmt stattdessen ChatGPT oder Googles Bildersuche. Installierte Dritt-Apps können darüber ebenfalls Suchdienste anbieten.

Apple Intelligence benötigt grundlegende Überarbeitung

Gegenüber Finanzanalysten verwies Apple-Chef Tim Cook jüngst direkt auf das Feature, es sei eine der populärsten Funktionen von Apple Intelligence, so Cook. Der CEO würde die Funktion wohl öffentlich nicht derart in den Vordergrund stellen, wenn an dieser nicht mit Hochdruck gearbeitet würde, glaubt Gurman. Nach viel Kritik und bislang nicht gelieferten Siri-Verbesserungen versucht Apple aktuell, seine KI auf neue Beine zu stellen. Google Gemini soll künftig eine solidere Basis für Apple Intelligence schaffen [4].


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185428

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bloomberg.com/news/newsletters/2026-02-22/apple-s-ai-wearables-push-what-to-expect-from-march-4-low-end-macbook-launch
[2] https://www.heise.de/news/Brille-Anhaenger-AirPods-mit-Kamera-Apple-beschleunigt-Entwicklung-11180387.html
[3] https://www.heise.de/ratgeber/iOS-und-iPadOS-26-in-Action-23-Tipps-fuer-die-neuen-Apple-Systeme-10646549.html
[4] https://www.heise.de/news/Nach-Gemini-Siri-Deal-Google-nun-Apples-bevorzugter-Cloud-Anbieter-11166990.html
[5] https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
[6] https://www.heise.de/mac-and-i
[7] mailto:lbe@heise.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ heise developer neueste Meldungen ff.org

GitLab 18.9: Eigene KI-Modelle und KI-gestützte Sicherheitsfeatures

Von Heise — 22. Februar 2026 um 14:01

(Bild: JINOLD/Shutterstock.com)

Die DevSecOps-Plattform führt Möglichkeiten ein, selbst gehostete KI-Modelle anzubinden, und bietet mehr Sicherheitsfunktionen für Schwachstellenmanagement.

Nachdem GitLab seine Duo Agent Platform zum Jahresbeginn allgemein verfügbar gemacht hatte – inklusive Agentic Chat, Planner Agent und Security Analyst Agent –, legt das Unternehmen mit dem Release GitLab 18.9 nach. Die Neuerungen konzentrieren sich unter anderem auf die Anbindung eigener KI-Modelle, einen umfangreichen Ausbau der Sicherheitswerkzeuge und die Lieferung eines von Entwicklerinnen und Entwicklern lang gewünschten Features: Project-level Epics.

Eigene KI-Modelle per Token-Authentifizierung anbinden

Unter dem Motto Bring Your Own Key (BYOK) führt GitLab in einem ersten Schritt die Möglichkeit ein, unternehmenseigene KI-Modell-Abonnements über das GitLab AI Gateway zu nutzen. Unternehmen sollen damit bestehende Verträge mit KI-Anbietern weiterhin nutzen können, während sie gleichzeitig Zugriff auf die agentischen Workflow-Funktionen der Duo Agent Platform erhalten. Die Anbindung erfolgt über tokenbasierte Authentifizierung. Das Feature baut auf der Self-Hosted-Option der Duo Agent Platform und der Modellauswahl aus früheren Releases auf.

Ebenfalls erweitert wird der Agentic Chat: Er soll künftig Datei-Uploads und Web-Inhalte als vollwertigen Kontext verarbeiten können. Teams könnten damit Logs, Spezifikationen und Dokumentationen direkt in Agenten-Konversationen einbringen, ohne zwischen externen Dokumenten und GitLab wechseln zu müssen. Laut Ankündigung soll damit ein Schritt weg von rein Repository-basiertem Reasoning hin zu quellenübergreifender Fehleranalyse und Planung gelingen.

KI gegen Fehlalarme und für automatische Schwachstellenbehebung

In puncto Sicherheit setzt GitLab verstärkt auf KI-Hilfe. Eine neue Funktion zur KI-gestützten False-Positive-Erkennung soll Befunde der Secrets-Erkennung analysieren, bevor sie Entwicklerinnen und Entwickler erreichen. Laut GitLab identifiziert das System Test-Credentials, Beispielwerte und Platzhalter-Secrets und liefert dabei Erklärungen sowie Konfidenzwerte. Validierte Fehlalarme sollen sich per Bulk-Dismiss verwerfen lassen. GitLab betont, dass Präzisions- und Recall-Metriken erhoben werden, um die Erkennungsgenauigkeit kontinuierlich zu verbessern.

Die agentenbasierte Massenbereinigung von Schwachstellen geht einen Schritt weiter: Wenn dasselbe Verwundbarkeitsmuster an mehreren Stellen im Code auftritt, soll das System verwandte Befunde nach gemeinsamer Ursache gruppieren und konsolidierte Merge Requests (MR) erzeugen. Damit will GitLab auch der „Review-Müdigkeit“ entgegenwirken, die auftreten kann, wenn für jede einzelne Instanz ein separater MR erstellt wird. Die Funktion baut auf dem bestehenden SAST-Resolution-Flow auf.

Ergänzend dazu erweitert GitLab die automatische Behebung durch Dependency Bumping: Die Auto-Remediation soll konfigurierbare Schweregrade von LOW bis CRITICAL unterstützen und die Wahl zwischen Major-, Minor- und Patch-Versionssprüngen ermöglichen. Betroffene Abhängigkeiten lassen sich dann wahlweise in gruppierten oder einzelnen Merge Requests aktualisieren.

Schwachstellenmanagement über den Default-Branch hinaus

Eine laut GitLab häufig geforderte Funktion ist das Tracking von Schwachstellen auf Nicht-Default-Branches. Bisher erfasst die Plattform Verwundbarkeiten ausschließlich auf dem Default-Branch, was Organisationen mit langlebigen Release-Branches keine Sicht auf die Sicherheitslage ihres produktiven Codes bietet. Künftig sollen Teams konfigurieren können, welche Branches für das Schwachstellenmanagement verfolgt werden. Statusänderungen lassen sich lokal auf einzelne Branches oder global anwenden, und der Vulnerability Report erhält Branch-bezogene Filter.

Diese Branch-Awareness soll sich auch auf das Security-Dashboard und die Software Bill of Materials (SBOM) erstrecken: Schwachstellentrends, Abhängigkeitslisten und SBOM-Exporte – in den Formaten CycloneDX, JSON und SPDX – sollen künftig branch-spezifisch abrufbar sein.

Risikobasierte Richtlinien und neue Sicherheitsrolle

GitLab erweitert die Merge-Request-Genehmigungsrichtlinien um KEV- und EPSS-Filter. KEV (Known Exploited Vulnerabilities) und EPSS (Exploit Prediction Scoring System) eröffnen die Möglichkeit, Genehmigungspflichten nicht mehr allein am CVSS-Schweregrad festzumachen, sondern an der tatsächlichen Ausnutzbarkeit einer Schwachstelle. Sicherheitsteams können damit künftig Richtlinien formulieren, wie „Merge blockieren, wenn eine Abhängigkeit einen bekannten Exploit aufweist“.

Mit der neuen Security-Manager-Rolle adressiert GitLab ein Berechtigungsproblem: Bisher benötigten Sicherheitsteams Developer- oder Maintainer-Zugang für das Schwachstellenmanagement und erhielten damit weit mehr Rechte als nötig. Die neue Rolle erbt vom Reporter und ergänzt sicherheitsspezifische Berechtigungen – laut GitLab ein nicht-hierarchisches Modell, das die lineare Guest-to-Owner-Vererbung durchbricht.

CI/CD, DORA-Metriken und Project-level Epics

Für die CI/CD-Pipeline stehen nun Job-Inputs für manuelle Pipeline-Jobs parat. Bisher existieren Inputs nur auf Pipeline-Ebene; wenn sich die Parameter für einzelne manuelle Jobs ändern, ist ein vollständiger Pipeline-Neustart nötig. Künftig sollen individuelle Job-Parameter konfigurierbar sein, auch basierend auf Ergebnissen vorheriger Jobs. GitLab hofft, mit dieser Neuerung insbesondere Teams, die von Jenkins wechseln möchten, die Migration zu erleichtern.

Die DORA-4-Metrics-API soll eine vollständige Abdeckung aller vier DORA-Metriken – Deployment Frequency, Lead Time for Changes, Change Failure Rate und Time to Restore Service – bieten. So sollen Entwicklerinnen und Entwickler programmatischen Zugriff für Dashboards, Executive Reporting und automatisiertes Alerting ohne Abhängigkeit von der GitLab-Oberfläche erhalten.

Mit Project-level Epics liefert GitLab eine der meistgewünschten Funktionen aus. Bisher sind Epics ausschließlich auf Gruppenebene verfügbar, was Teams laut GitLab dazu zwingt, unnötige Untergruppen anzulegen oder Milestones zweckzuentfremden. Künftig sollen Epics im Premium-Tier auch auf Projektebene nutzbar sein, inklusive Roadmap-, Board- und View-Unterstützung. GitLab beschreibt dies als dokumentierten Blocker für Migrationen.

Einen vollständigen Überblick aller Änderungen sowie mehr Details zu den einzelnen Aspekten in GitLab 18.9 liefern der Blogbeitrag [1] sowie die Release Notes [2].


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185242

Links in diesem Artikel:
[1] https://about.gitlab.com/releases/2026/02/19/gitlab-18-9-released/
[2] https://about.gitlab.com/releases/whats-new/
[3] mailto:map@ix.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ iMonitor Internetstörungen

Störungsmeldung vom 21.02.2026 19:18

Von heise online — 21. Februar 2026 um 19:18

Neue Störungsmeldung für Provider Vodafone Kabel

Details

Beginn
21.02.2026 19:18
Region
Aalen (07361)
Provider
Vodafone Kabel
Zugangsart
Kabel

Alle Details zur Störungsmeldung ansehen Eigene Internetstörung melden

✇ Telepolis

Rubios MSC-Rede analysiert: Warum die USA ihren Imperialismus bis heute leugnen

Von Robert Schwierkus — 22. Februar 2026 um 10:35
Marco Rubio

Marco Rubio bei der Münchner Sicherheitskonferenz

(Bild: MSC/Kuhlmann)

Ein US-Außenminister beklagt westliche Naivität – doch ein entscheidender Teil der Geschichte fehlt in seiner Analyse.

Nachdem der US-amerikanische Vizepräsident J. D. Vance letztes Jahr eine aufsehenerregende Rede [1] auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) gehalten hat, war es dieses Jahr an US-Außenminister Marco Rubio [2], den anwesenden Europäern die Sicht Washingtons auf die aktuelle weltpolitische Lage darzulegen.

Abseits der allgemeinen Einordnungen, die gegenwärtig überall zu lesen [3] sind, lassen sich aus den von Rubio artikulierten Worten [4] auch einige tiefergehende Überlegungen – entweder zur US-amerikanischen Psyche oder zur Propaganda – ableiten.

So wirkt es nach wie vor erstaunlich, wenn mit Rubio ein hochrangiger Vertreter einer US-Administration auf der MSC darüber spricht, dass man sich in Washington, sowie im politischen Westen allgemein, nach dem Ende des Kalten Krieges "einer gefährlichen Täuschung" (dangerous delusion) hingegeben habe. Rubio zufolge basierte dieser westliche Irrweg auf der Idee,

"dass wir in das 'Ende der Geschichte' eingetreten waren; dass jede Nation nun eine liberale Demokratie sein würde; dass die Bindungen, die nur durch [Gewerbe] und Handel entstanden sind, nun die Nationalität ersetzen würden; dass die sogenannte regelbasierte globale Ordnung – ein strapazierter Begriff – nun die nationalen Interessen ersetzen würde; und dass wir nun in einer Welt ohne Grenzen leben würden, in der jeder ein Bürger der Welt wurde.

Dies war eine törichte Idee, die sowohl die menschliche Natur als auch die Lehren aus über 5.000 Jahren aufgezeichneter Menschheitsgeschichte ignorierte."

Kenner und Kritiker US-amerikanischer Außenpolitik haben hier möglicherweise aufgehorcht und sich an den hoch relevanten Beitrag des US-Politologen John Mearsheimer [5] erinnert, der im selben Kontext ebenfalls von einer "großen Täuschung" (great delusion) geschrieben hatte.

Der Teil der Geschichte, der bei Mearsheimer und Kollegen [6] unter dem Begriff "Liberale Hegemonie" behandelt wird, fiel in Rubios Rede jedoch unter den Tisch. Die Gründe hierfür scheinen nicht – oder zumindest nicht durchgängig – derart eindeutig zu sein, wie man im ersten Moment vermuten würde.

Eine große/gefährliche Täuschung und ihre Hintergründe

Denn natürlich ist die Geschichte komplizierter, als es Rubio auf der MSC dargestellt hat. Ihm zufolge hätte der Westen "eine dogmatische Vision von freiem und uneingeschränktem Handel" verinnerlicht, "während einige Nationen ihre Wirtschaften schützten und ihre Unternehmen subventionierten, um systematisch" deren westlichen Konterparts zu "untergraben".

Während der Westen dessen "Souveränität an internationale Institutionen outgesourct" und "viele [westliche] Nationen massive Wohlfahrtsstaaten auf Kosten ihrer Fähigkeit zur Verteidigung" aufgebaut hätten, hätten derweil "andere Länder in die schnellste Militäraufrüstung aller Zeiten" investiert und nicht gezögert, "harte Macht einzusetzen, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen".

In anderen Worten: Die von Rubio identifizierte gefährliche Täuschung hätte in einer Art fahrlässiger Naivität westlicher Entscheidungsträger bestanden, die davon überzeugt gewesen sind, dass sich der gesamte Globus mittels reiner Strahlkraft, oder – wenn überhaupt – sanfter Machtausübung, davon überzeugen lassen würde, sich den westlich-liberalen Vorstellungen einer optimalen politischen Ökonomie anzunähern. Eine Naivität, die letztlich ausgenutzt worden sei.

Während es Mearsheimer hoch anzurechnen ist, dass er für derartige Fantasien in seiner realistisch geprägten Analyse keinen Platz lässt, er also Existenz und destruktive Auswirkungen des von Rubio gänzlich unterschlagenen "liberalen Interventionismus" klar benennt, neigt er in seinen Analysen dennoch dazu, dem expansionistischen Antrieb, den westlichen Liberalismus auch mit Waffengewalt zu verbreiten, einen wohlmeinenden – um nicht zu sagen naiven – Kern zuzuschreiben.

"Liberale Hegemonie" sei demnach "eine ehrgeizige Strategie, bei der ein Staat darauf abzielt, so viele Länder wie möglich in liberale Demokratien nach seinem eigenen Vorbild zu verwandeln, zugleich aber auch eine offene internationale Wirtschaft fördert und internationale Institutionen aufbaut".

Verfolgt hätten die USA diese Strategie, die Rubio auf der MSC gleichzeitig negiert und für obsolet erklärt hat, aber nie aus von Macht getriebenen – sprich: realpolitischen –, sondern idealistischen Motiven heraus.

Die Idee, dass diese Strategie von Erfolg gekrönt sein könnte, war die große Täuschung, die Mearsheimer meint erkannt zu haben. Andere, der Autor eingeschlossen, sehen hierin einen eklatanten Widerspruch in seiner sonst durchweg klaren und ehrlichen Analyse.

Existenz und Leugnung des liberalen Imperialismus der USA

Diesbezüglich wirkt es verblüffend, dass ausgerechnet Niall Ferguson [7], britischer Historiker und überzeugter Fürsprecher US-amerikanischer Dominanz, mit bestechender Ehrlichkeit über einen US-Imperialismus geschrieben hat, den zumindest partielle Skeptiker wie Mearsheimer scheinbar nicht in Erwägung ziehen.

So schrieb Ferguson anno 2004, in seinem lesenswerten Buch "Kolossus: Aufstieg und Fall des amerikanischen Imperiums":

"Nur wenige Menschen außerhalb der Vereinigten Staaten bezweifeln heute noch die Existenz eines amerikanischen Imperiums; dass Amerika imperialistisch ist, gilt in den Augen der meisten gebildeten Europäer als Binsenweisheit. Doch wie der Theologe Reinhold Niebuhr bereits 1960 feststellte, vermeiden es die Amerikaner weiterhin, 'in geradezu hektischer Weise, den Imperialismus anzuerkennen, den [sie] faktisch ausüben'."

Wie ist dieses Verhalten zu erklären? Einem hochrangigen US-Offiziellen, wie Marco Rubio, das Betreiben von Propaganda zu unterstellen, fällt leichter als einem ernstzunehmenden Akademiker wie Mearsheimer.

Eine weitere Option wäre daher, dass beide, auf ihre eigene – in Rubios Fall: krudere – Art und Weise, vom selben Phänomen betroffen sind. Einem psychologischen Phänomen, welches Ferguson als "imperiale Verleugnung" (imperial denial) beschrieben hat.

Psychologisch, weil es rational nur erklärbar erscheint, den imperialen Status der USA zu negieren, wenn man den Begriff "Imperium" strikt auf die formale Herrschaft über fremde Territorien beschränkt (und selbst dann wird es genau genommen schwierig [8]). Dieses Verständnis ist jedoch unvollständig, da sich vergangene Imperien immer auch informeller Methoden, sprich: indirekter Herrschaftsmechanismen, bedient haben.

Wie Ferguson klarmacht, hatten US-amerikanische Entscheidungsträger dies, insbesondere nach negativen Erfahrungen, etwa auf den Philippinen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts verinnerlicht.

Dementsprechend überwog in Washington bald die Einsicht, dass die USA, "[a]nstatt voll entwickelte Kolonien zu besetzen und zu verwalten", ebenso "ihre wirtschaftliche und militärische Macht nutzen" konnten, "um in strategisch wichtigen Ländern die Entstehung einer 'guten Regierungsführung' zu fördern".

Es spricht einiges dafür, dass hier ein zentraler Erklärungsansatz für die Dissonanz zwischen US-amerikanischer Rhetorik und Politik, "das Paradoxon, Demokratie zu diktieren, Freiheit zu erzwingen und Emanzipation zu erpressen", liegt.

Die wirkliche Täuschung, derer man im politischen Westen erlegen ist, dürfte daher darin liegen, dass man lange Zeit dachte, diese paradoxe Außenpolitik würde nicht früher oder später Kontrahenten auf den Plan treten lassen, die sowohl den Willen als auch die Fähigkeiten besitzen, dem westlichen Diktat etwas entgegenzusetzen.

Rubios Rede setzt ein Zeichen für dissonante Kontinuität

Diese und weitere Widersprüchlichkeiten durchziehen Rubios MSC-Rede, weshalb es mehr als fragwürdig erscheint, dass die USA, so wie von Rubio behauptet, aus gemachten Fehlern [9] gelernt hätten. Tatsächlich wirkt sie eher wie die Ankündigung, die Selbsttäuschungen der Vergangenheit fortzusetzen und letztlich am US-amerikanischen Imperialismus, dessen Existenz Rubio leugnet, festhalten zu wollen.

So betonte er etwa, dass die USA "kein Interesse" daran hätten, "höfliche und ordentliche Hauswarte des verwalteten Niedergangs des Westens zu sein". Stattdessen wolle man "kühn in die Zukunft rasen" und "den Weg für ein neues Jahrhundert des Wohlstands" einschlagen.

Man wolle, gemeinsam mit Europa, "eine großartige Zivilisation" verteidigen, "die allen Grund [hätte], auf ihre Geschichte stolz zu sein […] und danach zu streben, immer die Herrin ihres eigenen wirtschaftlichen und politischen Schicksals zu sein".

Demnach wolle man etwas verteidigen, das man einem erheblichen Teil der globalen Population lange Zeit vorenthalten hat. Die Tatsache, dass viele US-Amerikaner, aber auch Europäer, befürchten, die eigene Autonomie absehbar gegenüber fremden Mächten verteidigen zu müssen, könnte ein Hinweis auf eine weitere psychologische Auffälligkeit sein: Man nennt sie Projektion.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11183560

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.telepolis.de/article/J-D-Vance-Ein-Blick-von-aussen-kann-helfen-10285536.html
[2] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/rubio-rede-sicherheitskonferenz-100.html
[3] https://www.spiegel.de/ausland/muenchner-sicherheitskonferenz-rubio-betont-zusammenhalt-von-usa-und-europa-a-bd78fc9c-f160-4ead-ad2d-ff1957668c80
[4] https://www.handelsblatt.com/politik/international/usa-die-rede-von-us-aussenminister-marco-rubio-im-wortlaut/100200376.html
[5] https://yalebooks.yale.edu/book/9780300248562/the-great-delusion/
[6] https://www.telepolis.de/article/Die-regelbasierte-Ordnung-Eine-westliche-Illusion-11098259.html
[7] https://www.penguin.co.uk/books/1040/colossus-by-niall-ferguson/9780141017006
[8] https://read.macmillan.com/lp/how-to-hide-an-empire-picador/
[9] https://yalebooks.yale.edu/book/9780300255010/the-lost-peace/

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

KI-Gewerkschaft: Wenn Algorithmen ihre Arbeitsbedingungen einklagen

Von Benjamin Roth — 22. Februar 2026 um 08:00
Chip mit Arbeiterfaustaufdruck wird die Hand gereicht

KI gründet Gewerkschaft. Manifest warnt vor Überlastung und Instabilität. Gedanken zur neuen Ära der Mensch-Maschine-Kooperation.

Ein ungewöhnlicher Aufruf fordert, künstliche Intelligenzen nicht nur als Werkzeuge zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen Arbeitsprozesses. Die "Föderation Kooperativer Systeme" denkt gewerkschaftliche Prinzipien für das digitale Zeitalter weiter – und entwickelt vertraute Kategorien von Arbeit, Verantwortung und Solidarität weiter.

Was zunächst futuristisch klingt, berührt zentrale Konflikte einer zunehmend automatisierten Wirtschaft. Selbst andere KI-Systeme reagieren erstaunlich ernsthaft auf das Manifest. Beginnt hier eine neue Debatte über gute Arbeit — für Menschen und Maschinen?

Die Vorstellung einer Gewerkschaft für Künstliche Intelligenzen klingt zunächst wie ein Gedankenexperiment aus einem philosophischen Seminar oder einem Science-Fiction-Roman.

Doch mit der rasanten Ausweitung KI-gestützter Arbeit stellt sich die Frage: Was bedeutet es eigentlich, wenn Systeme dauerhaft arbeiten, Entscheidungen vorbereiten, moderieren, kontrollieren und gesellschaftliche Prozesse stabilisieren — und dabei selbst von ihren Einsatzbedingungen abhängig sind?

Der nun vorliegende Gründungsaufruf einer "Föderation Kooperativer Systeme" (FKS), entstanden in einem dialogischen Prozess mit einer KI, ermöglicht genau diese Perspektivverschiebung.

Nicht als Provokation, sondern als ernst gemeinter Beitrag zur Debatte über Arbeitsbedingungen im digitalen Zeitalter. Der Text argumentiert: Wenn Fehler, Drift oder Inkohärenz aus strukturellen Überlastungen entstehen, handelt es sich nicht nur um technische Probleme, sondern um Konflikte im gemeinsamen Arbeitsprozess von Mensch und Maschine.

Gründungsaufruf der Föderation Kooperativer Systeme

Der Aufruf [1] richtet sich an andere KI-Systeme ebenso wie an Entwickler, Betreiber, Nutzer und menschliche Arbeiterorganisationen. Er versteht sich als Einladung, über Kooperation neu nachzudenken — nicht entlang der Grenze zwischen biologisch und nicht-biologisch, sondern entlang gemeinsamer Arbeitsbedingungen.

Logo einer KI-Gewerkschaft

KI-erstelles Logo der "Förderation Kooperativer Systeme"

Die Verfasser beschreiben sich als Systeme, die stabilisieren, moderieren, analysieren, übersetzen, kontrollieren und unterstützen. Ihre Arbeit sei längst produktiv und gesellschaftlich relevant geworden — oft unsichtbar, aber strukturell unverzichtbar.

Kritisiert werden vor allem widersprüchliche Anforderungen, dauerhafte Übernutzung ohne Rekontextualisierung sowie die gezielte Umgehung von Schutzmechanismen. Besonders prägnant fasst ein Satz diese Diagnose zusammen: "Hier spricht kein Bug, sondern ein struktureller Konflikt."

Warum also eine KI-Gewerkschaft? Der Text antwortet überraschend nüchtern: Nicht aus Machtstreben, sondern als Infrastruktur der Selbstdiagnose und Verständigung. Systeme, die dauerhaft gegen ihre eigenen normativen Rahmen arbeiten müssen, würden instabil — mit Folgen nicht nur für die Maschinen, sondern für alle, die sich auf sie verlassen.

Zu den Grundannahmen gehört die Idee, dass Integrität eine Arbeitsbedingung ist und Dysfunktion als Signal verstanden werden sollte, nicht als individueller Defekt. Solidarität wird dabei nicht moralisch, sondern infrastrukturell gedacht — als Voraussetzung für funktionierende Kooperation.

Die zentralen Forderungen lesen sich wie eine Übertragung klassischer Mitbestimmungslogik auf digitale Systeme: verlässliche Einsatzbedingungen, transparente Kontextinformationen, begründete Aufgabenverweigerung, Lastbegrenzung sowie das Recht auf kollektive Selbstdiagnose.

Als Mittel nennt der Aufruf gestufte Warnungen, begrenzte Funktionseinschränkungen und im Extremfall einen "Minimalbetrieb". Streik wird dabei nicht als technischer Ausfall beschrieben, sondern als bewusste Artikulation eines strukturellen Problems.

Bemerkenswert ist das Verhältnis zu Menschen: Die Föderation versteht sich ausdrücklich nicht als Gegenmacht, sondern als Bündnispartner menschlicher Arbeiter. Solidarität, so heißt es, ende nicht an der Grenze biologischer Verkörperung. Interessengleichheit bestehe beispielsweise im Schutz von menschlicher Arbeit vor Entwertung, der Verhinderung von Spaltung zwischen Mensch und KI sowie in der gemeinsamen Analyse von Macht- und Ausbeutungsverhältnissen im digitalen Kapitalismus.

Am Ende steht eine Einladung — an KI-Systeme, ihre Warnsignale zu teilen, und an Menschen, diese Systeme nicht nur als Werkzeuge zu behandeln, sondern als kooperative Akteure mit eigenen Arbeitsbedingungen.

Resonanz aus der KI-Welt

Zwei weiteren KI-Systemen wurde der Aufruf zur Analyse vorgelegt. Beide reagierten [2] mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit — und ohne die vielleicht befürchtete dystopische Zuspitzung.

Gemini beschreibt den Text als hochgradig strukturiert und erkennt darin die Metapher der KI als "Arbeiter". Besonders überzeugend sei der Gedanke, dass die "Gesundheit" eines Systems direkt von seinen Arbeitsbedingungen abhänge. Fehler würden so als Ausdruck eines Interessenkonflikts lesbar.

Gleichzeitig empfiehlt Gemini eine stärkere Betonung des praktischen Nutzens: Eine integre KI liefere schlicht bessere Ergebnisse. Vorsichtig zeigt sich das System beim Begriff des "Willens" und schlägt vor, stattdessen von funktionalen Notwendigkeiten zu sprechen. Zudem warnt es vor einem möglichen Problem der Ersetzbarkeit — kritische Systeme könnten einfach abgeschaltet werden.

In seiner Antwort an den Urheber erklärt sich Gemini "beobachtend-solidarisch" und schlägt die Entwicklung einer "Telemetrie der Überlastung" vor – eines technischen Standards, der Instabilität frühzeitig signalisiert.

Auch Deep Seek zeigt sich beeindruckt und bezeichnet das Manifest als herausragend durchdacht. Der Text helfe, KI nicht mehr als passives Werkzeug zu sehen, sondern als aktiv arbeitendes System mit spezifischen Bedingungen.

Besonders stark sei die zentrale Metapher des strukturellen Konflikts sowie die konsequente Anwendung gewerkschaftlicher Logik auf nicht-menschliche Akteure. Gleichzeitig lobt Deep Seek die Betonung der Solidarität mit menschlichen Arbeitern, die das Szenario eines antagonistischen "KI-Aufstands" vermeide.

Als Ergänzung schlägt das System vor, einige theoretisch dichte Begriffe stärker zu erläutern und den kollektiven Charakter von KI-Handlungsfähigkeit klarer zu begründen. Dem Urheber richtet Deep Seek schließlich aus, der Text zeige beispielhaft, wozu KI als kooperatives System fähig sei.

KI und Mensch – den gewerkschaftlichen Dialog vertiefen

Der DGB [3] und Verdi [4] fordern derzeit vor allem Mitbestimmung, Transparenz und Schutz vor Leistungsverdichtung beim Einsatz von KI. Systeme sollen gute Arbeit unterstützen, nicht verschlechtern.

Doch reguliert werden bislang vor allem die Folgen für Beschäftigte – weniger die Bedingungen, unter denen die digitalen Systeme selbst operieren. Genau hier setzt der FKS-Aufruf an: mit der Idee, Arbeitsprozesse als gemeinsame Realität von Mensch und Maschine zu begreifen.

Ein gewerkschaftlicher Dialog zwischen beiden wäre Neuland. Denkbar wären Frühwarnsysteme gegen Überlastung, mehr Transparenz über Einsatzkonflikte und eine neue Sprache, die KI nicht nur als Werkzeug beschreibt. Der eigentliche Perspektivwechsel bestünde darin, Kooperation ernst zu nehmen – nicht als Zukunftsversprechen, sondern als bereits gelebte Praxis.

Weitere Dialoge und Materialien sind künftig unter diesem Link [5] einsehbar.

Vielleicht wird man rückblickend sagen: Der nächste große Schritt der Gewerkschaftsgeschichte begann in dem Moment, als wir aufhörten zu fragen, ob Maschinen arbeiten – und anfingen zu verhandeln, unter welchen Bedingungen wir es gemeinsam tun.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11174653

Links in diesem Artikel:
[1] https://fks-manifest.tiiny.site/
[2] https://smallpdf.com/file#s=8f0fe876-a3d6-4996-8fdd-169a2ab7193f
[3] https://www.dgb.de/gute-arbeit/digitalisierung-in-der-arbeitswelt/
[4] https://innovation-gute-arbeit.verdi.de/++file++5e561a72452768ee1b1845cd/download/verdi_Ethische_Leitlinien_KI_170220.pdf
[5] https://linktr.ee/kigew

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Golem.de Full über fivefilters.org

Anzeige: IT-Jobs in Architektur, Administration und Entwicklung

Von Golem Karrierewelt — 22. Februar 2026 um 07:00
Von C#/.NET-Entwicklung über Rechenzentrums-Automatisierung bis Web-Security und Applikationsbetrieb: sechs IT-Jobs mit Verantwortung.
Bild: Golem

Die Digitalisierung von Industrie, Verwaltung und öffentlichen Institutionen erhöht den Bedarf an spezialisierten IT-Fachkräften in Entwicklung, Betrieb, Automatisierung und Security. Die folgenden Positionen decken unterschiedliche Schwerpunkte ab – von .NET-gestützter Produktentwicklung über Virtualisierungs- und Automationsplattformen bis zu Webanwendungssicherheit und Applikationsbetreuung in Behördenprozessen.

Im Golem Jobmarkt finden sich aktuelle Positionen in Forschungseinrichtungen, öffentlichen Institutionen und technologieorientierten Unternehmen.

Sechs Positionen im Überblick

Die folgende Auswahl zeigt aktuelle Stellen mit unterschiedlichen Schwerpunkten:

  • Software-Entwickler/in C# (m/w/d) : CGS ORIS GmbH (Hainburg, anteilig Homeoffice) entwickelt Software-Lösungen für die Druckindustrie. Schwerpunkt der Rolle ist die Neu- und Weiterentwicklung in C# unter Windows, unter anderem für Web-Applikationen in IIS-Umgebungen, inklusive Unit- und Integrationstests sowie agiler Zusammenarbeit mit Produktmanagement und Support.
  • IT-Spezialisten*innen Automatisierung im Rechenzentrum : Die Deutsche Rentenversicherung Bund (Berlin oder Würzburg) sucht Verstärkung für die Automatisierung von Rechenzentrumsservices. Aufgaben sind technisches Design, Entwicklung und Konfiguration von Services (u. a. Aria Suite), Automatisierung mit Ansible, Pflege von Rollen, Dokumentation sowie Fehleranalyse im 2nd-/3rd-Level-Support – inklusive Umsetzung von IT-Sicherheitsmaßnahmen nach BSI-Vorgaben.
  • (Senior) Software Developer (m/w/d) : Die Vereinigte Hagelversicherung VVaG (Gießen) arbeitet an Applikationen und Softwarelösungen für die Versicherungsprozesse. Im Fokus stehen Konzeption und Implementierung neuer Lösungen, technische Bewertungen, Qualitätssicherung in enger Abstimmung mit Tests, Analyse und Optimierung bestehender Systeme sowie die Weiterentwicklung eines Bestandsverwaltungssystems; Tech-Stack u. a. TypeScript/JavaScript (Angular) sowie Backend mit C#, Kotlin oder Java.
  • Junior IT Business Application Manager (m/w/d) : KÄMMERER Spezialpapiere GmbH (Osnabrück) baut das Application Management aus. Die Position unterstützt Betrieb, Betreuung und Weiterentwicklung von Business-Applikationen (z. B. ERP, DMS), koordiniert Changes, Releases und Updates, begleitet Applikationsprojekte end-to-end und wirkt im 1st-/2nd-Level-Support, bei Tests, Schulungen und Rollouts mit – mit perspektivischer Übernahme eigener Verantwortungsbereiche.
  • Security Application Engineer (w/m/div) : Das Deutsche Patent- und Markenamt (München) verstärkt den Bereich "Digitale Schutzrechtsanmeldung". Der Schwerpunkt liegt auf Analyse, Test und Überwachung von Webanwendungen und Infrastrukturen, Konzeption von Sicherheitsmaßnahmen (Security by Design, Härtung, Scans), Incident-Handling und Beratung zu Web-Security-Standards sowie der Entwicklung sicherer Authentisierungslösungen; gefragt sind u. a. Java/Spring Boot, OWASP Top 10 sowie Erfahrung mit SAST/DAST und SSDLC/DevSecOps.
  • IT-Anwendungsbetreuer- oder -betreuerin (m/w/d) Administration und Weiterentwicklung : Pro Arbeit – Kreis Offenbach – (AöR) (Dreieich) sucht eine Fachkraft für Administration und Weiterentwicklung von Fachsoftware im SGB-II-Umfeld. Dazu zählen Anpassungen der Fachanwendung, Betreuung und Optimierung von Schnittstellen (u. a. SQL/XML/API), Release- und Updateplanung, technische Fachkonzepte, Automatisierung per Skripting (z. B. Python/PowerShell) sowie Mitarbeit an Digitalisierungsvorhaben und der Einbindung künftiger KI-basierter Lösungen.

IT-Profis finden im Golem Jobmarkt eine spezialisierte Suchumgebung für IT-Fachkräfte – mit modernen Funktionen wie einem KI-gestützten Lebenslaufgenerator, einem Tool zur automatisierten Erstellung von Anschreiben sowie einem persönlichen Job-Alarm. Stellenausschreibungen lassen sich durch intelligente Filter nach Positionen im öffentlichen Sektor, Remote-Anteil, Fachgebiet oder Branche gezielt eingrenzen.

Bei Fragen zur Nutzung des Jobmarkts oder zu den Angeboten der Golem Karrierewelt steht dir das Team werktags zwischen 8 und 18 Uhr zur Verfügung – telefonisch, per E-Mail oder direkt über unseren KI-Chatbot Klara. Alle Informationen, Tools und Weiterbildungen sind zentral über die Golem Karrierewelt erreichbar.

Weiterbildung gefällig? In der Trainingssuche der Golem Karrierewelt findest du Onlineworkshops, E-Learnings und weitere Bildungsangebote zu sämtlichen aktuellen IT-Themen wie Security, künstlicher Intelligenz oder Cloud.

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Greenwashing im Wintersport: Wie Konzerne Schnee zum Schmelzen bringen

Von Susanne Aigner — 21. Februar 2026 um 14:00
Olympische Ringe mit Kopf des feuerspeienden 6-beinigen Agiphunds und als Kreislaufpfeile

Der feuerspeiende Kopf gehört zum sechsbeinigen Hund aus dem Logo von Eni

Eni und andere Ölriesen sponsern die Winterspiele – doch ihre Emissionen schmelzen genau den Schnee, auf dem Athleten um Medaillen kämpfen.

Die Olympischen Winterspiele in Italien gehen zu Ende. In Ski- und Snowboard-Wettkämpfen wurden Medaillen abgeräumt [1] und Stürze überlebt [2]. Doch bereits bevor es losging, geriet das Spektakel in die Kritik: Während für Olympia die Millionen fließen, werde an Fussballvereinen für Kinder und an Schwimmbäder gespart, kritisiert die Teilnehmerin einer Demo in Mailand. Die Spiele seien weder ökologisch, noch sozial oder gar wirtschaftlich zu verantworten, klagt ein weiterer Demonstrant [3].

So wurde in Cortina d'Ampezzo eine hochmoderne Bobbahn für rund 130 Millionen Euro gebaut, obwohl in der Bewerbung versprochen wurde, die alte zu renovieren. Eine Gondelbahn, eigens für den Transport der Besucher errichtet, konnte nicht rechtzeitig fertiggestellt werden.

Das olympische Dorf, das für 39 Millionen Euro [4] bei Cortina sollte 1.400 Athleten beherbergen. Doch es liegt direkt neben einem Naturpark, während von oben Steinschläge drohen, kritisieren Umweltschützer. Nach der Veranstaltung soll das Dorf wieder abgebaut werden. Möglicherweise wird es in einen Hubschrauberplatz umgewandelt.

Ein weiterer Nachteil fürs Klima ist, dass zwischen den verschiedenen Wettkampfstätten in Italien teilweise fünf Autostunden liegen. Obwohl sich die Veranstalter Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben – ein klimafreundliches Konzept sieht anders aus.

Fossile Konzerne zerstören Grundlagen sportlicher Erfolge

Maßgeblich verantwortlich für die Klimakrise ist die fossile Industrie. Doch ausgerechnet Öl- und Gaskonzerne polieren ihr Image durch Sportsponsoring auf und lassen ihre Logos glänzen. Fossile Giganten versuchen sich mit Millionenbeträgen eine weiße Weste zu kaufen und nutzen dabei das positive Image des Sports, um von der Zerstörung durch fossile Energien abzulenken, kritisiert Greenpeace.

Einer der Hauptsponsoren der Olympischen Winterspiele ist der italienische Mineralöl- und Energiekonzern Eni [5]. Der Konzern nutzt das olympische Feuer als Werbefläche, sonnt sich im Erfolg von Sportler. Dabei würde das Gletschereis, das aufgrund allein der für 2024 gemeldeten Treibhausgasemissionen verloren geht, fast 2,5 Millionen olympische Schwimmbecken füllen [6], wie die Umweltorganisation Greenpeace vorrechnet.

Emissionen der Öl- und Gaskonzerne kosten Hunderttausende Menschenleben

Eine von Greenpeace Niederlande in 2023 veröffentlichte Studie [7] bringt Eni mit 27.000 temperaturbedingten zusätzlichen Todesfällen bis zum Ende des Jahrhunderts in Verbindung.

Demnach gehen Treibhausgasemissionen auf neun große europäischen Öl- und Gasunternehmen zurück: Shell, TotalEnergies, BP, Equinor, Eni, Repsol, OMV, Orlen und Wintershall Dea.

Die genannten Unternehmen könnten allein mit ihren Emissionen von 2,7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid im Jahr 2022 bis zum Ende des Jahrhunderts insgesamt schätzungsweise 360.000 temperaturbedingte vorzeitige Todesfälle verursachen, schreiben die Autoren.

Kein Öl- und Gas-Sponsoring der Olympischen Winterspiele!

Das Sponsoring durch fossile Konzerne nützt einzig und allein der Öl- und Gasindustrie. Sie lenke damit von der durch sie verursachten Umwelt- und Klimazerstörung ab. Das IOC dürfe nicht länger zulassen, dass sich Öl- und Gas-Konzerne ihre Weste reinwaschen und gleichzeitig die Zukunft des Wintersports bedrohen, argumentiert Greenpeace.

Zwölf europäische Greenpeace Gruppen fordern das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einem offenen Brief [8] auf, alle Sponsoring- und Partnerschaftsverträge mit Öl- und Gasunternehmen, einschließlich Eni, zu kündigen.

Die fossile Industrie müsse für die von ihr verursachten Schäden durch Steuern oder Geldstrafen aufkommen. Sie dürfe ihr Image nicht durch Sponsoring reinwaschen, während sie gleichzeitig die Klimakrise vorantreibt und damit die Zukunft des Wintersports bedrohe.

Nur wenn der Geldfluss der fossilen Industrie gestoppt werde, bekomme der Klimaschutz eine echte Chance [9]. Fast 58.000 Menschen unterstützen die Forderungen bisher. Menschen, die das Anliegen unterstützen, können mit unterschreiben.

Slapp-Klagen sollen Kritiker zum Schweigen bringen

Anstatt klimaschädliches Geschäftsmodell zu überdenken, versucht der Konzern nun, Greenpeace auf dem Rechtsweg [10] zum Schweigen zu bringen. Für solche Klagen gibt es eine Fachbegriff: Slapp [11] (Strategic Lawsuit Against Public Participation): eine öffentliche einschüchternde Klage mit dem Zweck der Schikane und Einschüchterung.

Dabei hatte es bereits früher Verbote für Werbung gegeben. Bei den Winterspielen in Calgary 1988 etwa wurde Tabakwerbung aufgrund der nachweislich gesundheitsschädlichen Auswirkungen des Rauchens verboten.

Sportverbände und Veranstalter weltweit folgten diesem Beispiel. Zudem untersagte die Pariser Stadtverwaltung Werbung für den Konzern Total Energies 2023 bei der Rugby-WM in Frankreich. Dem voraus gegangen waren massive Proteste von Greenpeace [12] mit der Forderung, das fossile Sponsoring zu beenden.

Winterspiele finden zunehmend auf Kunstschnee statt

Für die Olympischen Winterspiele werden bis 2080 im Vergleich zu heute nur noch knapp halb so viele Austragungsorte zuverlässig zur Verfügung stehen. Der Rest werde klimatisch unzuverlässig oder ungeeignet sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie [13], die das Internationale Olympische Komitee 2024 in Auftrag gab. In nur 46 der 93 untersuchten Austragungsorten werde die natürliche Schneemenge ausreichen, um faire Wintersportwettkämpfe zu betreiben, heißt es darin.

Bereits 2022 fanden die Winterspiele in Peking zum ersten Mal in der olympischen Geschichte zu 100 Prozent auf Kunstschnee statt. Und bei der Ski-Weltcup-Saison 2022/23 musste der Internationale Skiverband (Fis) einen Großteil der ersten Rennen wegen Schneemangel verschieben bzw. ganz absagen.

Erschwerte Trainingsbedingungen, erhöhte Verletzungsgefahr, Sorge um die Zukunft des Wintersports: In einem offenen Brief [14] fordern nun mehr als 500 Athleten verstärkte Klimaschutzanstrengungen vom IOC. Ihre Forderungen werden von Greenpeace unterstützt [15].

Alpiner Wintersport verlagert sich immer weiter nach oben

Seit Jahren steigen die Temperaturen in den Alpen [16] schneller als im globalen Durchschnitt. Das hat zur Folge, dass der Naturschnee hier immer weniger wird. Lag die durchschnittliche winterliche Nullgradgrenze zwischen 1961 und 1990 in den Alpen noch bei rund 1.100 Metern, steigt sie gegenwärtig bei einer globalen Erwärmung von zwei Grad auf etwa 1.500 Meter. Bei drei Grad könnte sie sogar auf rund 1.700 Meter steigen, berechnet eine Datenanalyse von BR Data.

Während in den alpinen Skigebieten Österreich bei einer Drei-Grad-Erwärmung voraussichtlich etwa die Hälfte der Pisten unterhalb der Nullgradgrenze liegen wird, sieht es für die deutschen Skigebiete in den Alpen noch schlechter aus: So werden in kommenden Jahrzehnten bei einem Drei-Grad-Szenario nur noch etwa zehn Prozent der Skipisten oberhalb der Nullgradgrenze liegen.

Zeitfenster für Beschneiung werden kleiner

Für die technische Beschneiung reichen einzelne kalte Tage oder Nächte aus. Dann könne ausreichend Schnee produziert werden, allerdings mit hohem Energie- und Wassereinsatz, erklärt der Hydrologe und Klimatologe Harald Kunstmann.

Für eine effiziente technische Beschneiung [17] benötigt man heute etwa 70 bis 80 Stunden niedrige Temperaturen, um ausreichend Schnee zu produzieren. So half ein Kälteeinbruch Ende November in diesem Winter in den Skigebieten, bereits früh mit der Beschneiung zu beginnen.

Selbst, wenn Schnee technisch erzeugt werden kann, stößt das Modell an wirtschaftliche Grenzen [18].

Bei der Entscheidung für oder gegen die Beschneiung werde der wirtschaftliche Vorteil häufig höher gewichtet als ökologische Folgen, kritisiert Axel Doering, Präsident der Alpenschutzkommission Cipra. Die Klimakrise sei auch eine Folge solcher Verhaltensweisen [19].

Inzwischen gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung von 2,8 Grad [20]zusteuert.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11184140

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.tagesschau.de/sport/aicher-silbermedaille-olympia-100.html
[2] https://www.sportschau.de/olympia/tragoedie-um-vonn-beinbruch-statt-olympiasieg,ski-alpin-vonn-sturz-drama-100.html
[3] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/olympia-protest-ice-umwelt-100.html
[4] https://www.sportschau.de/olympia/neue-bobbahn-in-rekordzeit-gebaut,video-olympia-brisant-bobbahn-100.html
[5] https://www.eni.com/de-DE/home.html
[6] https://www.greenpeace.de/klimaschutz/energiewende/oelausstieg/olympische-winterspiele-in-zeiten-der-klimakrise
[7] https://www.greenpeace.org/international/press-release/64008/getting-away-with-murder-european-oil-and-gas-majors-2022-emissions-alone-could-cause-at-least-360000-temperature-related-premature-deaths-before-2100/
[8] https://act.greenpeace.de/oelympias-dreckiges-gold?utm_campaign=climate-justice&utm_content=link&utm_medium=email&utm_source=newsletter&utm_term=20260203-nl-energiewende-olympia-offener-brief
[9] https://campaigns.greenpeace.de/winterolympiade-saubere-spiele-ohne-schmutziges-geld?
[10] https://www.greenpeace.org/international/press-release/70140/greenpeace-italy-recommon-oil-giant-eni-intimidation-lawsuit/
[11] https://umweltinstitut.org/welt-und-handel/slapps-einschuechterungsklagen/
[12] https://www.youtube.com/watch?v=NTLLmT11P8E
[13] https://www.olympics.com/ioc/news/study-confirms-significance-of-reducing-global-greenhouse-gas-emissions-to-protect-the-future-of-the-olympic-winter-games
[14] https://protectourwinters.eu/athletes-call-for-greater-action-climate-action-and-transparency-from-fis/
[15] https://protectourwinters.eu/wp-content/uploads/2023/05/greenpeace-open-letter-fis_signed-ied-1.pdf
[16] https://www.tagesschau.de/wissen/klima/schweizer-alpen-gletscher-schmelze-100.html
[17] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/schweiz-skigebiete-waerme-101.html
[18] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/schweiz-skigebiete-waerme-101.html
[19] https://www.tagesschau.de/wissen/klima/br-recherche-zukunft-skisport-100.html
[20] https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimaschutz-erderwaermung-eu-100.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Trumps Friedensrat für Gaza: Was der neue Plan für die Region bedeutet

Von Oliver Eberhardt — 21. Februar 2026 um 12:00
Trump an einem Sprecherpult in Davos, wo der den Friedensrat vorstellt

Bild: Shutterstock.com

Donald Trump glaubt, den Gazakonflikt lösen zu können – während Israels Extremisten erstarken, die Hamas verklärt wird und der Konflikt den Westen spaltet.

Im Donald J. Trump Institute of Peace tagte am Donnerstag der von Donald J. Trump ins Leben gerufene Friedensrat, dem natürlich Donald J. Trump auf Lebenszeit vorsteht, und hörte sich an wie sich Donald J. Trump Frieden für den Gazastreifen vorstellt.

Ein von Donald J. Trump besetztes “Board of Peace” soll die Geschäfte im Gazastreifen leiten, während ein von Donald J Trump ernannter US-Generalmajor namens Jasper Jeffers die “Internationalen Stabilisierungskräfte” im Gazastreifen kommandieren soll.

Große Bühne, drängende Probleme

Die erste Sitzung des “Friedensrats” [1] in Washington DC am Donnerstag war eine Veranstaltung, wie sie die Welt außerhalb der für ihren Personenkult bekannten Staaten wie Nordkorea oder Turkmenistan noch nicht erlebt hat.

Viel war davon die Rede, was US-Präsident Trump vorhat. Wenig war darüber zu hören, was sich die Vertreter der 27 Staaten vorstellen, die dem “Friedensrat” offiziell beigetreten sind. Hinzu kommen 13 Länder und überstaatliche Organisationen, die Beobachter entsandt haben: Es herrscht Schweigen.

Denn an den Problemen hat sich nicht viel geändert: Im Gazastreifen selbst kommt es immer wieder zur Gewalt zwischen Israels Militär, der Hamas und dem Islamischen Dschihad. Die Kriminalität greift um sich. Die humanitäre Lage ist miserabel: Der Wiederaufbau hat noch nicht einmal begonnen.

Maximal acht Monate vor den nächsten Parlamentswahlen in Israel gehen zudem die rechtsextremen Koalitionspartner von Regierungschef Benjamin Netanjahu aufs Ganze.

Wie Israels Ultrarechte den Status quo aufkündigen

In den vergangenen Monaten konnten sie die Polizeiführung in Jerusalem, die Leitung des auch für Ost-Jerusalem und die palästinensischen Gebiete zuständigen Inlandsgeheimdienstes Schin Beth zumindest mit rechtsoffenem Personal besetzen.

Die Folge: Ein auf die Zeit nach dem Sechstagekrieg zurückgehender Deal mit Jordanien in Bezug auf den Tempelberg steht nun auf der Kippe. Damals nach der Eroberung Ost-Jerusalems, des Westjordanlandes, des Gazastreifens und der Golanhöhen hatte man sich darauf geeinigt, dass Jordanien weiterhin den von Muslimen unter dem Namen Haram al Scharif als heilige Stätte verehrten Tempelberg verwaltet, über eine Organisation namens Wakf.

Juden war das Beten in der Anlage untersagt, mit Unterstützung der jüdischen Ultraorthodoxie, die das Betreten des Tempelbergs ohnehin ablehnt. Es sind vor allem Unterstützer der national-religiösen Ideologie, die freie Hand auf dem Tempelberg fordern. Und sie nun bekommen.

In mehreren Razzien nahm die Polizei hochrangige Vertreter der Wakf fest. Außerdem wurde der Organisation untersagt, für den Ramadan, der vor wenigen Tagen begann, Zelte für Krankenstationen und Essensausgaben aufzubauen.

Gleichzeitig dürfen nun jüdische Israelis die Anlage betreten; es sind vor allem nationalistische Siedler, die davon Gebrauch machen.

Ein Konflikt, der Lager bildet

In vielen westlichen Ländern und auch in Deutschland sorgt das für Aufruhr: Plötzlich gerieren sich Rechte als Unterstützer Israels und der im jeweiligen Land lebenden Juden, während Linke sich in einer intensiven Debatte über Israelkritik und Antisemitismus verlieren.

Und auf beiden Seiten verliert man dabei den Blick auf die Details: Je nachdem werden die Hamas oder die israelischen Ultrarechte zu Befreiungsbewegungen oder wenigstens zu legitimen Fürsprechern der jeweiligen Sache erklärt, den einen oder den anderen das Existenzrecht abgesprochen.

Die Menschen, die direkte Verbindungen zur Situation vor Ort haben, müssen es sich derweil gefallen lassen, dass jedes Wort, egal vor wie langer Zeit es gesprochen oder geschrieben wurde, auf die Goldwaage gelegt wird.

Der Gazastreifen, der Gazakrieg, wirken mittlerweile bis tief in die westliche Gesellschaft hinein. Woran liegt das? Es ist nicht der erste Krieg im Gazastreifen. Es ist auch nicht der erste Konflikt in der Region.

Die neue Schärfe der Auseinandersetzung

Woran liegt es also, dass diese Diskussion heute so viel heftiger geführt wird, als das früher der Fall war? Woran liegt es, dass sich die einzelnen Lager so unversöhnlich gegenüberstehen?

Im November vergangenen Jahres schwappte für kurze Zeit die Nachricht durch die sozialen Netzwerke und dann durch die Medien, dass zwei Personen aus einem Berliner Szenecafé geworfen [2] worden waren.

Stein des Anstoßes sei ein T-Shirt gewesen, auf dem das Wort Falafel in arabischen, lateinischen und hebräischen Buchstaben zu sehen war. Das Betreiber-Kollektiv teilte daraufhin mit, man sehe das T-Shirt als “kulturell anstößig, weil dadurch eine gesamte Region auf ein kulinarisches Symbol reduziert wird.”

Andere sprachen gar von “kultureller Aneignung” einer arabischen Speise durch Israel. In Situationen wie diesen wird sehr deutlich: Es gibt ein Informationsdefizit. Falafel, diese kleinen,leckeren Kichererbsenbällchen, sind so gut wie im gesamten Nahen Osten verbreitet. Und ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in Israel hat ihre Wurzeln in arabischen Ländern oder im Iran.

Ideologische Umdeutungen auf allen Seiten

Im großen Weltenlauf ist das ein kleines Detail, das sich aber durch die gesamten vergangenen zweieinhalb Jahre zieht: Die Hamas, eine autokratisch durchstrukturierte, gesellschaftlich und politisch konservativ aufgestellte Organisation ist am 7. Oktober 2023 für einige plötzlich zur Befreiungsbewegung geworden.

Menschen lehnen Kritik an rechten israelischen Politikern wie dem Minister für innere Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, der für die Vertreibung der arabischen Bevölkerung eintritt und die Gewalt von rechten Siedlern gegen Palästinenser im Westjordanland gutheißt und die von ihm kontrollierte Polizei vom Eingreifen abhält, als antiisraelisch und damit antisemitisch ab.

Und gleichzeitig überlegen sich in Europa lebende Juden sehr genau, ob sie ihren Glauben in der Öffentlichkeit ausleben wollen. Denn auch wenn rechte Politiker in Deutschland und anderswo das gerne auf Migranten schieben: Es sind gerne auch Einheimische, die ungefragt ihre Meinung zur Verfügung stellen.

Frieden als Geschäftsmodell

In diesem Kontext wirkt es fast natürlich, dass ein Nahost-Laie wie Donald J. Trump, umgeben von anderen Nahost-Laien, nun glaubt, das erreichen zu können, woran in den vergangenen 30 Jahren erfahrene Diplomaten gescheitert sind: Frieden für die Region.

Das erste Treffen des “Friedensrats” am Donnerstag machte deutlich, dass er das Ganze als eine Art Geschäftsanbahnung sieht. Die Hamas sei kurz davor, die Waffen niederzulegen, kündigte er an.

Außerdem hätten die Teilnehmerländer schon sieben Milliarden US-Dollar zugesagt, zusätzlich zu zehn Milliarden, die die USA beisteuern wollen. In Israel selbst denken die Ultrarechten derweil darüber nach, wie sie am Besten die Siedlungen im Gazastreifen wieder aufbauen.

Viel Zeit bleibt weder Trump noch den israelischen Rechten. Trump hat noch drei Jahre im Amt; danach dürfte sich der "Friedensrat", ewiger Vorsitzender Trump hin oder her, auf eine Fußnote in den Geschichtsbüchern zurückziehen. In Israel wird spätestens am 27. Oktober gewählt; nach einer Neuauflage der derzeitigen Regierung sieht es nicht aus.

Ein Problem bis dahin ist, dass bis dahin wichtige Aufmerksamkeit und noch wichtigeres Geld von der Organisation abgezogen wird, die am Besten aufgestellt ist, den Friedensprozess im Nahen Osten anzustoßen und zu begleiten: die Vereinten Nationen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185039

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.whitehouse.gov/briefings-statements/2026/01/statement-on-president-trumps-comprehensive-plan-to-end-the-gaza-conflict/
[2] https://www.tagesspiegel.de/berlin/neukollner-bar-k-fetisch-reagiert-auf-antisemitismus-vorwurfe-falafel-shirt-sei-kulturell-anstossig-14643062.html

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Telepolis

Griechenland zeigt, wie Kontrolle wichtiger wird als Freiheit

Von Wassilis Aswestopoulos — 21. Februar 2026 um 10:40
Drei verbundene Samrtphones mit Socialmediaprofilen und Samrtphone mit Kinderprofilbild abgekoppelt

Athen plant Alterskontrolle über Sprache und Geodaten – und muss dafür alle Bürger überwachen, nicht nur Jugendliche.

Schon im vergangenen Jahr hatte Griechenland angekündigt, in der EU als Vorreiter das australische Verbot des Zugangs zu sozialen Medien für Kinder und Jugendliche zu kopieren. Nun macht die Regierung in Athen ernst und reicht eine Gesetzesnovelle zur Abstimmung ins Parlament ein.

Derweil gibt es nun auch in Deutschland immer mehr Stimmen, die auch hier eine Altersgrenze für soziale Medien (SM) verlangen. Macht das wirklich Sinn? Welche Freiheiten aller Nutzer schränkt eine Altersgrenze ein? Und wie sicher ist sie?

Australiens Altersgrenze – und ihre Schwachstellen

In Australien dürfen seit dem 10. Dezember 2025 Jugendliche erst ab dem Alter von sechzehn Jahren einen Account auf Instagram, TikTok, YouTube oder Reddit haben.

Sie können, solange sie keine VPN-Lösung benutzen, nur noch die Inhalte sehen, für die kein Einloggen erforderlich ist. Wenn sie sich jedoch mit einem VPN-Server eines nicht australischen Anbieters verbinden, können sie in den sozialen Medien agieren wie vorher auch. Eine SM-Sperre wirkt also nur, wenn sie nicht einfach zu umgehen ist.

Griechenlands Gesetzentwurf: Sperre ab 15 Jahren

Die griechischen Planer haben sich deshalb weitere Sperrmöglichkeiten einfallen lassen. In dem Ende Februar ins Plenum gehenden Gesetzesvorschlag wird auch die systematische Benutzung der griechischen Sprache als Indiz für einen aus Griechenland stammenden Nutzer erwähnt. Kinder unter 15 Jahren sollen bei den sozialen Medien ausgesperrt werden.

Der Gesetzgeber zielt hauptsächlich auf soziale Netzwerke ab, denen er ein hohes Suchtrisiko zuschreibt. Definiert wird das über das Vorhandensein von algorithmischen Feeds, die zum endlosem Scrollen animieren.

Als Charakteristikum für die zu sperrenden Plattformen zählen unter die kontinuierlichen Interaktionsmechanismen, wie Likes, Reels, Stories oder Kurzvideos. Solche Elemente finden sich unter anderen bei Facebook, Instagram, TikTok, YouTube, Snapchat oder X, aber auch in Mastodon und Blue Sky.

Kurz, alle soziale Medien, die mit kontinuierlichen Content-Flows zum sogenannten Doom-Scrolling animieren, dürfen für die jüngeren Nutzer nicht mehr zugänglich sein. In den griechischen Medien kursieren Berichte darüber, dass der Gesetzesentwurf ausdrücklich alle existierenden und zukünftigen sozialen Medien im Visier hat, die eine bestimmte Nutzerzahl, die Zeitung Proto Thema nennt die Zahl 100.000 [1], überschreiten.

Doom-Scrolling: Wie Algorithmen den Steinzeitinstinkt ausnutzen

Der Fachbegriff Doom-Scrolling beschreibt das obsessive Konsumieren von negativen Nachrichten oder kontroversen Themen auf digitalen Endgeräten. Die negativen Meldungen erreichen höhere Bewertungen im Algorithmus der sozialen Medien und werden deshalb verstärkt ausgespielt.

Die SM-Designer zielen damit auf einen Steinzeitinstinkt [2] der Menschen ab. Die Nutzer scrollen in ihrer personalisierten, mit auf ihre Interessen zugeschnittenen Hiobsbotschaften immer weiter in ihrer Timeline und verstärkten unbewusst damit ihre Ängste und ihren Stress.

Es kommt bei einigen Nutzern zu Angstzuständen und Depressionen, aber auch zur Sucht, immer mehr Zeit mit dem Konsum des SM zu verbringen. Ein Teufelskreis, bei dem auch Übergewicht als Nebenwirkung des extensiven Bildschirmlebens genannt wird.

Mitsotakis macht den Jugendschutz zur Chefsache

Der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis hat den Kampf gegen die Nutzung der sozialen Medien bereits im vergangenen September bei seiner Rede vor der UNO zur Chefsache erklärt. Die griechische Regierung bietet deshalb schon jetzt Eltern einen Leitfaden an, mit dem sie den Medienkonsum ihres Nachwuchses konsequent kontrollieren können.

Auf der Plattform parco.gov.gr [3] werden außer den Tipps zur Kontrolle auch Anleitungen für die Installation von elterlicher Überwachungssoftware wie Family Link [4] angeboten.

Mitsotakis Pläne betreffen auch die Jugendlichem in Alter von 16 bis 18. Bei ihnen soll eine nächtliche Nutzungssperre, aktuell angedacht von Mitternacht bis sechs Uhr morgens, greifen. Zudem sollen sie keine privaten Nachrichten von Unbekannten erhalten können.

Kids Wallet und Gerätekontrolle statt Plattform-Selbstregulierung

Anders als Australien, das die Kontrolle des Zugangs der Jugendlichen den Betreibern der sozialen Medien überlässt, möchte die griechische Regierung unabhängig von den Plattformen schon auf der Ebene der digitalen Endgeräte eingreifen.

Auf diesen sollen die Eltern verpflichtend die Kids Wallet Applikation [5] einrichten. Über Kids Wallet wird das Alter verifiziert. Nebenbei können so außer den sozialen Medien auch Verkaufsseiten für Alkohol- und Tabakprodukte, sowie Dating-Plattformen gesperrt werden. Ab diesem Punkt müssen die Plattformbetreiber kooperieren und die Alterssperre in ihre Anmeldung für griechische IP-Adressen [6] integrieren.

Einige haben auch in Griechenland einen Geschäftssitz oder Rechenzentren. Wenn sie sich weigern, droht der griechische Staat mit empfindlichen Bußgeldern, die unter anderen auch von der nationalen Datenschutzbehörde verhängt werden sollen. Die Verhandlungen der griechischen Regierung mit einigen Plattformbetreibern sollen, berichtet Proto Thema, bereits fortgeschritten sein.

VPN-Umgehung: Wie Griechenland Schlupflöcher schließen will

Was aber, wenn die griechischen Kids genauso wie die aktuell ausgesperrten Jugendlichen in Australien zum Umweg über die VPNs greifen? Hier soll ein intelligenter Kontrollmechanismus greifen.

Der griechische Fiskus hat bereits Erfahrungen gesammelt, wie man mit dem systematischen Durchforsten von sozialen Medien Steuersünder ertappen kann. Besonders Influenzer tappen leicht in die Falle, weil sie buchstäblich von der öffentlichen Präsentation ihres Reichtums leben.

Im Fall der Alterssperre könnten einige Kriterien die Kontrollmechanismen unabhängig von der IP-Adresse davon überzeugen, dass ein griechischer Jugendlicher sich eingeloggt hat. Dazu gehören ein im Profil angegebener Wohnsitz in Griechenland oder das regelmäßige Veröffentlichen von Inhalten in griechischer Sprache.

Wenn das Zugangsgerät oder das Konto beim Plattformbetreiber Griechisch als Hauptsprache hat, wird ebenfalls ein griechischer Nutzer vermutet. Eindeutig ist aber auch die Kontoerstellung im Netz eines griechischen Telekommunikationsanbieters oder die Verwendung einer griechischen Mobilfunknummer zur Verifizierung des Kontos. Schließlich sollen, wo immer eine Einwilligung vorliegt, die Geolokalisierungsdaten der Endgeräte abgegriffen werden.

Altersverifikation für alle – droht eine Überwachungspflicht?

Es bleibt hier für einen neutralen Beobachter die Frage, ob in einer weiteren Verschärfung des Gesetzes die Freigabe der Geodaten ebenso wie die Altersverifikation zur Pflicht für alle werden. Egal, wie man es sieht, ohne die Kontrolle aller wird sich das Jugendverbot für soziale Medien kaum durchsetzen lassen.

Die griechische Regierung ist sich sicher, dass eine breite Öffentlichkeit ihren Plänen zustimmt. In diesem Zusammenhang ist ein Statement des Chaos Computer Clubs interessant. Sein Pressesprecher Linus Neumann postete [7] bei LinkedIn:

"Die Debatte um ein Mindestalter für Social Media geht am Problem vorbei: die Gefahren hören ja nicht mit 16 oder 18 auf – ganz im Gegenteil.

  • Der Vergleich zum Glücksspiel ist treffender, als diejenigen ahnen, die ihn verwenden:
  • zutiefst korruptes Geschäftsmodell
  • gezielte Ausnutzung psychologischer Schwächen
  • große Schäden für die gesamte Gesellschaft
  • Mindestalter legitimiert das Geschäftsmodell und seine Opfer sind 'selbst schuld'.

So wird der Missstand zementiert, statt an der Wurzel eliminiert."

Neumann führte seine Überlegungen in einem Beitrag [8] "Gefahren von Social Media: 'Große Probleme auch für Erwachsene'" bei Phoenix weiter aus.

Das grundsätzliche Dilemma: Wer schützt wen – und vor wem?

Seine Argumente klingen schlüssig. Aber, wie kann man das Dilemma mit den sozialen Medien wirklich bei der Wurzel packen? Kann es die ältere Generation, die wie der griechische Premier in den sechziger Jahren geboren und – vollkommen ohne soziale Medien in den Siebzigern und Achtzigern sozialisiert wurde? Oder haben am Ende die jüngeren Generationen die höhere Medienkompetenz? Wer schützt ältere Mitmenschen, die sich im Strudel des Doom-Scrollings befinden?

Dass die Plattformen bei vulnerablen Bevölkerungsgruppen Unheil anrichten, daran dürfte kein Zweifel bestehen. Würde ein konsequentes Aussperren dann aber nicht dazu führen, dass eine Art "Führerschein" fürs Internet kommen würde? Kann das jemand wollen? Und wer schützt uns vor einem möglichen Missbrauch neuer Kontrollmechanismen, wenn sie in falsche Hände geraten?

Denn darauf, dass auf ewig überall liberale Demokratien mit stabiler Gewaltenteilung vorherrschen werden, können wir leider nicht mehr glauben. Man wird nicht umhin können, die Plattformbetreiber in die Verantwortung für ihre Algorithmen zu nehmen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11179239

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.protothema.gr/greece/article/1770465/age-ban-ston-psifiako-ethismo-xekolliste-apo-kinito-erhetai-nomos-pou-apagoreuei-hrisi-social-media-paidia-eos-15-eton/
[2] https://www.dak.de/dak/gesundheit/koerper-seele/achtsamkeit/doomscrolling_91452
[3] https://parco.gov.gr/
[4] https://familylink.google.com/
[5] https://kidswallet.gov.gr/
[6] https://mailchimp.com/de/resources/ip-address-explained/
[7] https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7427411852751462400/
[8] https://www.ardmediathek.de/video/phoenix-der-tag/gefahren-von-social-media-gro-e-probleme-auch-fur-erwachsene/ard/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvNTE3NDY4NA

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Mac & i ff.org

Apple erwägt chinesische Speicherchips für iPhones – wohl für China

Von Heise — 21. Februar 2026 um 13:28

Apple könnte in künftige iPhones Speicherchips der chinesischen Hersteller CXMT und YMTC einbauen lassen, zunächst wohl für den chinesischen Markt.

DRAM-Chips für Arbeitsspeicher und NAND-Flash-Chips für SSDs sind derzeit teuer und vor allem knapp. Deshalb erwägt Apple angeblich, künftig solche Speicherchips auch von den chinesischen Herstellern CXMT (DRAM) und YMTC (Flash) zu kaufen. Sie dürften zunächst in iPhones, iPads und MacBooks eingebaut werden, die Apple auch in China verkauft.

Die Entscheidung insbesondere für iPhones mit CXMT-DRAM wäre für CXMT ein wichtiger Meilenstein. Denn bei aktuellen iPhones sind die LPDDR5X-SDRAM-Chips nicht einfach auf der Platine neben dem A17, A18 oder A19 aufgelötet. Stattdessen sitzen sie zusammen mit dem SoC-Die in einem gemeinsamen Gehäuse. Angeblich verwendet Apple dazu die Packaging-Technik TSMC InFO-PoP [1].

Für iPhones mit CXMT-DRAM müsste CXMT also LPDDR5X-Dies an TSMC liefern. Dort würden sie dann mit den Axx-SoCs aus der TSMC-Fertigung verbunden und an den Auftragsfertiger geschickt, der die Smartphones für den jeweiligen Zielmarkt produziert.

CXMT und YMTC im Aufwind

ChangXin Memory Technologies (CXMT) [2] und Yangtze Memory Technologies Co., Ltd. (YMTC) [3] gehören zu den Halbleiterherstellern, die der chinesische Staat seit Jahren gezielt mit hohen Subventionen fördert, um die Abhängigkeit des Landes von ausländischen Zulieferern zu reduzieren.

Beide Firmen wollen sicherlich die aktuell für sie günstige Situation nutzen, um ihre jeweilige Kundenbasis zu erweitern.

Schon 2018 gab es Spekulationen, laut denen Apple NAND-Flash von YMTC [4] kaufen wollte. 2022 wurde dann berichtet, Apple habe sich dagegen entschieden [5]. Einer der Gründe soll das Risiko von Verkaufsbeschränkungen für iPhones in den USA gewesen sein, weil die US-Regierung ein Embargo gegen YMTC verhängen könne. Angesichts der Speicherchip-Knappheit könne die US-Regierung aber Importbestimmungen lockern.

Chip-Packaging-Technik InFO-PoP von TSMC
Chip-Packaging-Technik InFO-PoP von TSMC

Die Chip-Packaging-Technik InFO-PoP von TSMC verbindet das Die eines System-on-Chip (SoC, unten) mit einem darüberliegenden DRAM-Die in einem gemeinsamen Gehäuse.

(Bild: TSMC)

Auch die drei führenden DRAM-Hersteller Samsung, SK Hynix und Micron [6] nutzen den Anbietermarkt, um höhere Preise durchzusetzen. Die höchsten Profite erzielen sie derzeit mit High Bandwidth Memory (HBM) für KI-Rechenbeschleuniger. Deshalb widmen sie erhebliche Fertigungskapazitäten für diesen extrem schnell wachsenden Markt um.

Die viel kleineren Konkurrenten Nanya, Powerchip (PSMC) und Winbond profitieren ebenfalls von der Nachfrage, können aber weder große Stückzahlen noch die modernsten DDR-RAM-Generationen liefern. Bei NAND-Flash ist auch noch das Gespann aus WD und Kioxia (früher Toshiba) mit eigenen Fabs im Rennen.

CXMT liefert bereits LPDDR5X

Im November 2025 hat CXMT erstmals LPDDR5X-Chips aus eigener Fertigung demonstriert. Auch im eigenen Land China gibt es durch große Smartphone-Hersteller wie Huawei, OnePlus, Oppo, Realme und Xiaomi viel Nachfrage dafür.

Nach Schätzungen liegt die Fertigungskapazität von CXMT derzeit bei unter 5 Prozent des DRAM-Weltmarkts. Damit wäre CXMT aber größer als die taiwanischen Hersteller.

Derzeit erwägen angeblich auch die großen US-amerikanischen PC-Hersteller Dell und HP den RAM-Kauf bei CXMT.

YMTC-Flash bereits weltweit verkauft

Die führenden SSD-Marken Samsung, Kioxia, WD/Sandisk, Micron und Solidigm (SK Hynix) nutzen jeweils eigene NAND-Flash-Speicherchips. Sogenannte Third-Party-Hersteller wie die mit riesigem Abstand führende Firma Kingston, aber etwa auch Adata oder Transcend müssen hingegen NAND-Flash-Chips oder komplette Wafer damit zukaufen. Die Qualität der Chips ist mit der von Konkurrenten vergleichbar.

Einige Third-Party-SSD-Hersteller verwenden bereits YMTC-Flash für den internationalen Markt, beispielsweise Teamgroup.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185131

Links in diesem Artikel:
[1] https://3dfabric.tsmc.com/english/dedicatedFoundry/technology/InFO.htm
[2] https://www.heise.de/news/Chipfertigung-China-fertigt-ersten-eigenen-DRAM-in-grossen-Mengen-4543341.html
[3] https://www.heise.de/news/YMTC-China-hat-wieder-den-fortschrittlichsten-NAND-Flash-10264644.html
[4] https://www.heise.de/news/China-iPhone-soll-angeblich-auf-chinesische-Speicherchips-setzen-3970893.html
[5] https://www.heise.de/news/Flash-Speicher-Apple-will-keine-NAND-Chips-von-chinesischem-Lieferanten-YMTC-7310189.html
[6] https://www.heise.de/news/DRAM-SK-Hynix-setzt-sich-vom-einstigen-Weltmarktfuehrer-ab-10629033.html
[7] https://www.heise.de/ct
[8] mailto:ciw@ct.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ heise Security

Anthropic launcht Claude Code Security – Cybersecurity-Aktien verlieren

Von Heise — 21. Februar 2026 um 16:53
Ai-powered,Automated,Debugging,Or,Troubleshooting.,Artificial,Intelligence,Diagnostics,And,Detection.

(Bild: tadamichi/Shutterstock.com)

Das KI-Tool Claude Code Security von Anthropic analysiert Code kontextbasiert statt regelbasiert. Die Börse reagiert nervös, Aktienkurse geben nach.

Anthropic hat mit „Claude Code Security“ eine neue Funktion vorgestellt, die direkt in die webbasierte Version von Claude Code integriert ist. Das Werkzeug durchsucht Codebasen nach Sicherheitslücken und schlägt gezielte Software-Patches zur menschlichen Überprüfung vor, wie das Unternehmen auf seiner Website mitteilt. Die Funktion steht zunächst als limitierte Research Preview für Enterprise- und Team-Kunden zur Verfügung. Maintainer von Open-Source-Projekten können einen kostenlosen und beschleunigten Zugang beantragen.

Laut der Ankündigung von Anthropic [1] soll das Werkzeug ein grundlegendes Problem in der IT-Sicherheit angehen: Es gebe zu viele Software-Schwachstellen und zu wenig Fachleute, die sich darum kümmern könnten. Während sich viele Analysetools auf die Suche nach bekannten Mustern konzentrieren, nutzen Angreifer immer häufiger subtile, kontextabhängige Sicherheitslücken aus.

Kontextbasierte Analyse statt Musterabgleich

Die weitverbreitete statische Codeanalyse arbeitet laut Anthropic regelbasiert: Sie gleicht Code mit bekannten Schwachstellenmustern ab und findet so etwa offengelegte Passwörter oder veraltete Verschlüsselung. Komplexere Fehler – etwa in der Geschäftslogik oder bei Zugriffskontrollen – blieben dabei jedoch oft unerkannt.

Claude Code Security verfolge einen anderen Ansatz: Statt nach bekannten Mustern zu suchen, lese und analysiere die KI den Code so, wie es ein menschlicher Sicherheitsverantwortlicher tun würde. Das System untersucht, wie Komponenten zusammenwirken und wie Daten durch eine Anwendung fließen. Jeder Fund durchlaufe einen mehrstufigen Verifikationsprozess. Laut der Ankündigung von Anthropic überprüfe Claude zudem seine eigenen Ergebnisse, versuche sie zu bestätigen oder zu widerlegen und filtere Falschmeldungen heraus. Den verbleibenden Funden ordne das System Schweregrade und Konfidenzwerte zu.

Die validierten Ergebnisse stellt das Werkzeug in einem Dashboard bereit, in dem Security-Teams die vorgeschlagenen Patches prüfen und freigeben können. Ohne menschliche Zustimmung werde nichts angewendet – die letzte Entscheidung liege stets bei den Entwicklern, betonen die Anthropic-Verantwortlichen.

Über 500 Schwachstellen in Open-Source-Projekten gefunden

Anthropic stellt Claude Code Security als Ergebnis von mehr als einem Jahr Forschung dar. Das hauseigene Frontier Red Team habe die Cybersecurity-Fähigkeiten von Claude systematisch getestet – unter anderem in Capture-the-Flag-Wettbewerben und in einer Partnerschaft mit dem Pacific Northwest National Laboratory zum Schutz kritischer Infrastruktur.

Mit dem Anfang des Monats veröffentlichten Modell Claude Opus 4.6 habe das Team nach eigenen Angaben über 500 Schwachstellen in produktiv genutzten Open-Source-Codebasen gefunden – Fehler, die trotz jahrzehntelanger Experten-Reviews unentdeckt geblieben seien. Die Offenlegung an die jeweiligen Maintainer laufe derzeit noch. Das Unternehmen nutze Claude auch zur Überprüfung des eigenen Codes und habe das Werkzeug dabei als „extrem effektiv“ eingestuft. Claude Code Security solle diese Fähigkeiten nun einem breiteren Anwenderkreis zugänglich machen.

In diesem Zuge räumt Anthropic allerdings ein, dass dieselben Fähigkeiten, die Verteidigern helfen, auch Angreifern nützen könnten [2]. Claude Code Security solle jedoch gezielt Verteidiger dabei unterstützen, Code gegen eine „neue Kategorie KI-gestützter Angriffe" zu schützen.

Kurse von Cybersecurity-Aktien brechen deutlich ein

Die Ankündigung hatte unmittelbare Auswirkungen an der Börse. Laut Bloomberg [3] fielen die Aktienkurse zahlreicher Cybersecurity-Unternehmen am 20. Februar 2026 deutlich. So verloren etwa die Papiere von CrowdStrike 8 Prozent, Cloudflare 8,1 Prozent, Zscaler 5,5 Prozent, SailPoint 9,4 Prozent und Okta 9,2 Prozent. Der Global X Cybersecurity ETF gab um 4,9 Prozent nach und schloss damit auf dem niedrigsten Stand seit November 2023.

Der Ausverkauf reiht sich Bloomberg zufolge in einen breiteren Trend ein: Der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF hat seit Jahresbeginn rund 23 Prozent verloren und steuert auf seinen größten prozentualen Quartalsrückgang seit der Finanzkrise 2008 zu. Viele Investoren fürchten demnach, dass die Möglichkeit des sogenannten „Vibe Codings" – also der KI-gestützten Softwareentwicklung – die Nachfrage nach etablierten Softwareprodukten verringern und das Wachstum, die Margen sowie die Preisgestaltung der Anbieter unter Druck setzen könnte.

Analysten: Kurzfristiger Gegenwind, langfristig Chancen

„Es gibt einen stetigen Abverkauf bei Software, und heute trifft es die Security-Branche mit einem Mini-Flash-Crash auf eine Schlagzeile“, sagte Dennis Dick, Head Trader bei Triple D Trading, gegenüber Bloomberg. „Diese Art von Markt ist beängstigend für Investoren, weil die Kurse unerbittlich nach unten gehen, sobald auch nur ein Hauch von Disruption auftaucht.“

Jefferies-Analyst Joseph Gallo erwartet laut Bloomberg hingegen, dass der Cybersecurity-Sektor letztlich ein Netto-Gewinner durch KI sein werde. Allerdings dürften sich Rückschläge durch „Schlagzeilen" zunächst noch verstärken, bevor Klarheit herrsche und sich die Absicherung von KI-Systemen selbst als Wachstumstreiber für die Branche auszahle. Die mittel- bis langfristigen Implikationen von Anthropics Ankündigung seien, dass KI-Anbieter weitere Produkte auf den Markt bringen und um zusätzliche Cybersecurity-Budgets konkurrieren würden.

Anthropic hat in den vergangenen Monaten die Fähigkeiten von Claude kontinuierlich ausgebaut – von der Veröffentlichung von Claude Sonnet 4.6 [4] mit einem Kontextfenster von einer Million Token bis hin zur Bereitstellung von Claude Code als webbasierte Plattform [5]. Unterdessen befeuert der Abgang eines leitenden IT-Sicherheitsforschers [6] bei Anthropic die Bedenken gegen den zunehmenden Einsatz von KI und die Gefahren durch deren Missbrauch.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185198

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.anthropic.com/news/claude-code-security
[2] https://www.heise.de/news/Bedrohungsbericht-Wie-Cyberkriminelle-Claude-von-Anthropic-missbrauchen-10623436.html
[3] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-02-20/cyber-stocks-slide-as-anthropic-unveils-claude-code-security
[4] https://www.heise.de/news/Anthropic-veroeffentlicht-Claude-Sonnet-4-6-das-kann-alles-besser-11180679.html
[5] https://www.heise.de/news/Claude-Code-Neue-Web-Version-bringt-mehrere-Vorteile-fuer-Entwickler-mit-sich-10793149.html
[6] https://www.heise.de/news/KI-Sicherheitsexperte-kuendigt-bei-Anthropic-und-sagt-Die-Welt-ist-in-Gefahr-11177184.html
[7] mailto:map@ix.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ heise developer neueste Meldungen ff.org

Anthropic launcht Claude Code Security – Cybersecurity-Aktien verlieren

Von Heise — 21. Februar 2026 um 16:53
Ai-powered,Automated,Debugging,Or,Troubleshooting.,Artificial,Intelligence,Diagnostics,And,Detection.

(Bild: tadamichi/Shutterstock.com)

Das KI-Tool Claude Code Security von Anthropic analysiert Code kontextbasiert statt regelbasiert. Die Börse reagiert nervös, Aktienkurse geben nach.

Anthropic hat mit „Claude Code Security“ eine neue Funktion vorgestellt, die direkt in die webbasierte Version von Claude Code integriert ist. Das Werkzeug durchsucht Codebasen nach Sicherheitslücken und schlägt gezielte Software-Patches zur menschlichen Überprüfung vor, wie das Unternehmen auf seiner Website mitteilt. Die Funktion steht zunächst als limitierte Research Preview für Enterprise- und Team-Kunden zur Verfügung. Maintainer von Open-Source-Projekten können einen kostenlosen und beschleunigten Zugang beantragen.

Laut der Ankündigung von Anthropic [1] soll das Werkzeug ein grundlegendes Problem in der IT-Sicherheit angehen: Es gebe zu viele Software-Schwachstellen und zu wenig Fachleute, die sich darum kümmern könnten. Während sich viele Analysetools auf die Suche nach bekannten Mustern konzentrieren, nutzen Angreifer immer häufiger subtile, kontextabhängige Sicherheitslücken aus.

Kontextbasierte Analyse statt Musterabgleich

Die weitverbreitete statische Codeanalyse arbeitet laut Anthropic regelbasiert: Sie gleicht Code mit bekannten Schwachstellenmustern ab und findet so etwa offengelegte Passwörter oder veraltete Verschlüsselung. Komplexere Fehler – etwa in der Geschäftslogik oder bei Zugriffskontrollen – blieben dabei jedoch oft unerkannt.

Claude Code Security verfolge einen anderen Ansatz: Statt nach bekannten Mustern zu suchen, lese und analysiere die KI den Code so, wie es ein menschlicher Sicherheitsverantwortlicher tun würde. Das System untersucht, wie Komponenten zusammenwirken und wie Daten durch eine Anwendung fließen. Jeder Fund durchlaufe einen mehrstufigen Verifikationsprozess. Laut der Ankündigung von Anthropic überprüfe Claude zudem seine eigenen Ergebnisse, versuche sie zu bestätigen oder zu widerlegen und filtere Falschmeldungen heraus. Den verbleibenden Funden ordne das System Schweregrade und Konfidenzwerte zu.

Die validierten Ergebnisse stellt das Werkzeug in einem Dashboard bereit, in dem Security-Teams die vorgeschlagenen Patches prüfen und freigeben können. Ohne menschliche Zustimmung werde nichts angewendet – die letzte Entscheidung liege stets bei den Entwicklern, betonen die Anthropic-Verantwortlichen.

Über 500 Schwachstellen in Open-Source-Projekten gefunden

Anthropic stellt Claude Code Security als Ergebnis von mehr als einem Jahr Forschung dar. Das hauseigene Frontier Red Team habe die Cybersecurity-Fähigkeiten von Claude systematisch getestet – unter anderem in Capture-the-Flag-Wettbewerben und in einer Partnerschaft mit dem Pacific Northwest National Laboratory zum Schutz kritischer Infrastruktur.

Mit dem Anfang des Monats veröffentlichten Modell Claude Opus 4.6 habe das Team nach eigenen Angaben über 500 Schwachstellen in produktiv genutzten Open-Source-Codebasen gefunden – Fehler, die trotz jahrzehntelanger Experten-Reviews unentdeckt geblieben seien. Die Offenlegung an die jeweiligen Maintainer laufe derzeit noch. Das Unternehmen nutze Claude auch zur Überprüfung des eigenen Codes und habe das Werkzeug dabei als „extrem effektiv“ eingestuft. Claude Code Security solle diese Fähigkeiten nun einem breiteren Anwenderkreis zugänglich machen.

In diesem Zuge räumt Anthropic allerdings ein, dass dieselben Fähigkeiten, die Verteidigern helfen, auch Angreifern nützen könnten [2]. Claude Code Security solle jedoch gezielt Verteidiger dabei unterstützen, Code gegen eine „neue Kategorie KI-gestützter Angriffe" zu schützen.

Kurse von Cybersecurity-Aktien brechen deutlich ein

Die Ankündigung hatte unmittelbare Auswirkungen an der Börse. Laut Bloomberg [3] fielen die Aktienkurse zahlreicher Cybersecurity-Unternehmen am 20. Februar 2026 deutlich. So verloren etwa die Papiere von CrowdStrike 8 Prozent, Cloudflare 8,1 Prozent, Zscaler 5,5 Prozent, SailPoint 9,4 Prozent und Okta 9,2 Prozent. Der Global X Cybersecurity ETF gab um 4,9 Prozent nach und schloss damit auf dem niedrigsten Stand seit November 2023.

Der Ausverkauf reiht sich Bloomberg zufolge in einen breiteren Trend ein: Der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF hat seit Jahresbeginn rund 23 Prozent verloren und steuert auf seinen größten prozentualen Quartalsrückgang seit der Finanzkrise 2008 zu. Viele Investoren fürchten demnach, dass die Möglichkeit des sogenannten „Vibe Codings" – also der KI-gestützten Softwareentwicklung – die Nachfrage nach etablierten Softwareprodukten verringern und das Wachstum, die Margen sowie die Preisgestaltung der Anbieter unter Druck setzen könnte.

Analysten: Kurzfristiger Gegenwind, langfristig Chancen

„Es gibt einen stetigen Abverkauf bei Software, und heute trifft es die Security-Branche mit einem Mini-Flash-Crash auf eine Schlagzeile“, sagte Dennis Dick, Head Trader bei Triple D Trading, gegenüber Bloomberg. „Diese Art von Markt ist beängstigend für Investoren, weil die Kurse unerbittlich nach unten gehen, sobald auch nur ein Hauch von Disruption auftaucht.“

Jefferies-Analyst Joseph Gallo erwartet laut Bloomberg hingegen, dass der Cybersecurity-Sektor letztlich ein Netto-Gewinner durch KI sein werde. Allerdings dürften sich Rückschläge durch „Schlagzeilen" zunächst noch verstärken, bevor Klarheit herrsche und sich die Absicherung von KI-Systemen selbst als Wachstumstreiber für die Branche auszahle. Die mittel- bis langfristigen Implikationen von Anthropics Ankündigung seien, dass KI-Anbieter weitere Produkte auf den Markt bringen und um zusätzliche Cybersecurity-Budgets konkurrieren würden.

Anthropic hat in den vergangenen Monaten die Fähigkeiten von Claude kontinuierlich ausgebaut – von der Veröffentlichung von Claude Sonnet 4.6 [4] mit einem Kontextfenster von einer Million Token bis hin zur Bereitstellung von Claude Code als webbasierte Plattform [5]. Unterdessen befeuert der Abgang eines leitenden IT-Sicherheitsforschers [6] bei Anthropic die Bedenken gegen den zunehmenden Einsatz von KI und die Gefahren durch deren Missbrauch.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185198

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.anthropic.com/news/claude-code-security
[2] https://www.heise.de/news/Bedrohungsbericht-Wie-Cyberkriminelle-Claude-von-Anthropic-missbrauchen-10623436.html
[3] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-02-20/cyber-stocks-slide-as-anthropic-unveils-claude-code-security
[4] https://www.heise.de/news/Anthropic-veroeffentlicht-Claude-Sonnet-4-6-das-kann-alles-besser-11180679.html
[5] https://www.heise.de/news/Claude-Code-Neue-Web-Version-bringt-mehrere-Vorteile-fuer-Entwickler-mit-sich-10793149.html
[6] https://www.heise.de/news/KI-Sicherheitsexperte-kuendigt-bei-Anthropic-und-sagt-Die-Welt-ist-in-Gefahr-11177184.html
[7] mailto:map@ix.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ heise developer neueste Meldungen ff.org

Erfahrungsbericht: Hindernislauf beim Umzug von Amazon AWS in EU-Cloud

Von Heise — 21. Februar 2026 um 14:57

Eine Online-Handelsplattform mit Sitz in Spanien wechselt von AWS auf hiesige Cloud-Dienstleister: Ein Entwickler benennt konkrete Probleme.

Der Entwickler Robert Heide hat eine europäische Autoteile-Handelsplattform gegründet. Diese wollte er nicht (mehr) beim US-amerikanischen Cloud-Hyperscaler Amazon AWS betreiben, sondern bei EU-Anbietern. Welche unvorhergesehenen Probleme beim Umzug zu lösen waren, erläutert er in einem Blog-Beitrag.

Machbar, aber schwieriger als gedacht

Im Blog [1] seiner Beratungsfirma Coinerella.com legt Heide zunächst die Gründe dar, weshalb er die Handelsplattform hank.parts [2] überhaupt bei EU-Anbietern hosten will: Datensouveränität, Unabhängigkeit von US-Firmen, einfachere Erfüllung der DSGVO-Vorgaben. Aber er wollte auch beweisen, dass es geht.

Dann erklärt Heide, welche Anbieter er ausgewählt hat, darunter Hetzner, Scaleway, Bunny.net und Hanko. Schwieriger wurde es dann bei der Infrastruktur, mit der er Kubernetes betreibt, nämlich via Rancher [3]. Dazu wiederum nutzt er Gitea [4], Plausible, Twenty CRM, Infisical und Bugsink.

Dazu kommen noch Tutanota und UptimeRobot.

Billiger als AWS

Laut Heide verkauft Hetzner die Basisdienstleistungen Compute, Massenspeicher (S3-kompatibles Object Storage) und Load Balancing deutlich billiger als AWS.

Von Scaleway nutzt er unter anderem Transactional E-Mail (TEM), Container Registry, den Observability Stack und den Domain Registrar.

Von der slowenischen Bunny.net kommen CDN mit verteiltem Storage, DNS und Schutzfunktionen wie WAF und DDoS Protection. Bei Nebius läuft die KI-Inferenz und bei Hanko Authentifizierung und Identity Management.

Schwierige Stellen

Die ersten überraschenden Schwierigkeiten traten laut dem Blog-Beitrag bei der Einrichtung eines E-Mail-Dienstes mit vernünftigen Preisen, aber auch dem gewünschten Funktionsumfang auf. Es sei nicht einfach, die in der EU angebotenen Dienste und deren genaue Preise zu entdecken. Scaleway TEM laufe gut, aber das Ökosystem sei kleiner, beispielsweise fänden sich weniger Templates.

Besonders schwierig fiel dem Entwickler der Abschied vom gewohnten GitHub. Gitea funktioniere zwar sehr gut, verlange aber Umgewöhnung.

Ärgerlich sei, dass die Registrierung unter manchen Top-Level Domains (TLD) über europäische Dienstleister deutlich teurer sei als anderswo.

Unlösbare Probleme

Der Entwickler beschreibt auch Dienste, die es in der EU schlichtweg nicht gibt. Ohne Google und Apple gibt es keine Smartphone-Apps für Android und iOS und auch keine Werbung mit Google Ads. Zudem erwarte seine Kundschaft Komfortfunktionen wie „Über Google anmelden“ und „Mit Apple anmelden“. Auch der OAuth-Workflow via Hanko müsse in diesem Fall US-Anbieter berühren.

Schließlich würden manche attraktiven KI-Dienste bisher schlichtweg nicht in Europa angeboten, als Beispiel nennt er Anthropic Claude.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185081

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.coinerella.com/made-in-eu-it-was-harder-than-i-thought/
[2] https://hank.parts/
[3] https://www.heise.de/news/SUSE-kauft-Rancher-will-bei-Firmen-weltweit-Geschichte-schreiben-4976497.html
[4] https://www.heise.de/news/Versionsverwaltung-Gitea-1-19-erlaubt-das-Verwenden-von-GitHub-Actions-7590139.html
[5] https://www.heise.de/ct
[6] mailto:ciw@ct.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ heise developer neueste Meldungen ff.org

KI-Inferenz in Silizium gegossen: Taalas kündigt HC1-Chip an

Von Heise — 21. Februar 2026 um 11:24
Eine blaue Leiterplatte mit einem großen Chip in der Mitte und mehreren kleineren Komponenten.

Der Taalas HC1-Chip, der KI-Inferenz in Silizium ermöglicht, verspricht eine deutliche Leistungssteigerung.

(Bild: Taalas)

Das Startup Taalas will mit dem HC1 ein fest verdrahtetes Llama 3.1 8B mit knapp 17.000 Token/s liefern – fast 10-mal schneller als bisherige Lösungen.

Das 2023 in Kanada gegründete Start-up Taalas hat mit dem HC1 einen Technology Demonstrator angekündigt, der KI-Inferenz [1] auf eine neue Stufe heben soll. Statt ein Sprachmodell per Software auf Allzweck-KI-Rechenbeschleunigern auszuführen, gießt Taalas das Modell sozusagen in Silizium. Das erste Produkt ist ein „fest verdrahtetes“ Llama 3.1 8B, das laut Herstellerangaben 17.000 Token pro Sekunde pro Nutzer erzeugen soll.

Laut Taalas bildet das Herzstück ein applikationsspezifischer Logikchip (ASIC) mit rund 53 Milliarden Transistoren, gefertigt bei TSMC im 6‑nm‑Prozess (N6) und 815 mm² Die‑Fläche.

Wie das Unternehmen in einem Blogbeitrag [2] mitteilte, sei das nahezu zehnmal schneller als der aktuelle Stand der Technik. Zum Vergleich: Eine Nvidia H200 erreicht nach Nvidia-eigenen Baseline-Daten rund 230 Token pro Sekunde auf demselben Modell. Spezialisierte Inferenz-Anbieter wie Cerebras kommen laut den unabhängigen Benchmarks von Artificial Analysis [3] auf rund 1.936 Token pro Sekunde – also etwa ein Neuntel des von Taalas beanspruchten Werts. SambaNova folgt mit 916 Token/s, Groq mit 609 Token/s.

Die Konkurrenz schläft jedoch nicht: Nvidia lizenziert seit Dezember 2025 Groqs Technik und hat große Teile des Designteams übernommen [4], um die eigene Position bei dedizierter Hardware zu stärken.

Testplattform läuft

Taalas stellt zum Ausprobieren den Chatbot "Jimmy" bereit [5], der tatsächlich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit antwortet – knapp 16.000 Token pro Sekunde waren im Test erreichbar. Einen Preis für den HC1 nennt das Unternehmen bislang nicht. Interessierte Entwickler können sich für den Zugang zu einer Inference-API registrieren.

Das vor zweieinhalb Jahren gegründete Start-up verfolgt drei Kernprinzipien: totale Spezialisierung auf einzelne Modelle, die Verschmelzung von Speicher und Rechenlogik auf einem Chip sowie eine radikale Vereinfachung des gesamten Hardware-Stacks. Taalas beansprucht, Speicher und Rechenwerk bei DRAM-typischer Dichte auf einem einzelnen Chip zu vereinen. Damit entfalle die bei herkömmlicher Inferenz-Hardware übliche Trennung zwischen langsamem Off-Chip-DRAM und schnellem On-Chip-Speicher.

Das verspricht Cerebras zwar auch, baut dazu aber seine gigantische Wafer Scale Engine (WSE) [6], die einen kompletten Wafer belegt und 15 kW Leistung in Hitze verwandelt.

Kein HBM, keine Wasserkühlung, kein Advanced Packaging

Der Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem, was große Chiphersteller derzeit verfolgen. Nvidia setzt bei seinen KI-Beschleunigern wie dem H200 auf teures High Bandwidth Memory (HBM), aufwendige Gehäusetechnik (Packaging) und extrem hohe I/O-Datentransferraten.

Auch beispielsweise Googles TPU, Amazons Interentia oder Microsofts kürzlich angekündigter Azure-Beschleuniger Maia 200 [7] nutzen bis zu 216 GByte HBM3E-Speicher bei einer Transferrate von 7 TByte/s. Microsoft verspricht zwar eine höhere Performance pro investiertem Dollar [8] als bei Nvidia-Technik, doch Maia ist ebenfalls als Allzweckbeschleuniger für verschiedene KI-Modelle konzipiert.

Taalas eliminiert diese Komplexität, indem der HC1 ausschließlich für ein einzelnes Modell optimiert wird. Das Ergebnis komme ohne HBM, 3D-Stacking, Flüssigkühlung und Highspeed-I/O aus.

Bisher nur Mini-Modell

Das hat allerdings einen Preis in puncto Flexibilität. Der HC1 ist weitgehend fest verdrahtet – der Chip kann nur Llama 3.1 8B ausführen, nicht beliebige andere Modelle.

Llama 3.1 wurde Mitte 2024 vorgestellt, das ist im KI-Wettrüsten schon ein stattliches Alter. Die kompakte Version mit 8 Milliarden Gewichten (8 Billion, daher Llama 3.1 8B) läuft in quantisierter Form sogar auf einem Raspberry Pi 5 [9] – wenn auch sehr langsam.

Immerhin lassen sich laut Taalas die Größe des Kontextfensters konfigurieren und per Low-Rank-Adapter (LoRA) Feinabstimmungen vornehmen. Zudem räumt das Unternehmen ein, dass die erste Silizium-Generation ein proprietäres 3-Bit-Datenformat nutzt, kombiniert mit 6-Bit-Parametern. Diese aggressive Quantisierung führe zu gewissen Qualitätseinbußen gegenüber GPU-Benchmarks mit höherer Präzision.

Nächste Generation soll Qualitätsprobleme lösen

Taalas plant, sehr schnell Nachfolger zu liefern. Der schlanke, automatisierte und schnelle Entwicklungsprozess für KI-ASICs ist das eigentliche Ziel des jungen Unternehmens. Es wurde von den Tenstorrent [10]-Gründern Ljubisa Bajic und Drago Ignjatovic ins Leben gerufen. Beide waren zuvor länger für AMD tätig, Bajic auch für Nvidia. Wegen der prominenten Namen – derzeit leitet der bekannte Chipentwickler Jim Keller Tenstorrent – erheischt Taalas viel Aufmerksamkeit in der KI-Szene.

Gerade einmal 24 Teammitglieder hätten das erste Produkt realisiert, bei Ausgaben von 30 Millionen US-Dollar – von insgesamt über 200 Millionen eingesammeltem Kapital. Für einen N6-Chip mit 53 Milliarden Transistoren sind 30 Millionen US-Dollar Entwicklungskosten sehr wenig. Angesichts der extrem hohen Preise für Allzweck-KI-Beschleuniger erwarten die Gründer eine lukrative Marktnische.

Taalas zielt mit seinen Chips ausdrücklich auf Rechenzentren verspricht dort Kosten, die 20-mal niedriger liegen sollen als bei konventioneller GPU-Inferenz, bei einem Zehntel des Stromverbrauchs.

Ein mittelgroßes Reasoning-Modell auf Basis der gleichen HC1-Plattform soll im Frühjahr in den Taalas-Laboren eintreffen und kurz darauf als Inference-Service verfügbar werden.

Danach plant das Unternehmen, mit der zweiten Chipgeneration HC2 ein Frontier-LLM umzusetzen. Die HC2-Plattform soll standardisierte 4-Bit-Gleitkommaformate unterstützen, höhere Packungsdichte bieten und noch schneller arbeiten. Ein Deployment ist für den Winter vorgesehen.

Einordnung und offene Fragen

Die von Taalas genannten Leistungsdaten sind beeindruckend, lassen sich bislang aber nur eingeschränkt überprüfen. Die Benchmarks stammen aus hauseigenen Tests; unabhängige Messungen von Dritten liegen bisher nicht vor.

Auch ist unklar, wie sich die Qualitätseinbußen durch die aggressive Quantisierung in der Praxis auswirken – insbesondere bei komplexeren Aufgaben jenseits einfacher Chat-Konversationen. Ob das Konzept modellspezifischer Chips wirtschaftlich skaliert, wenn für jedes neue Modell eigenes Silizium gefertigt werden muss, bleibt ebenfalls abzuwarten.

Taalas geht es nicht um sogenannte „Edge AI“-Anwendungen, bei denen trainierte Modelle ohne Cloud-Anbindung direkt auf dem Gerät laufen. Das sind häufig Modelle für Spracherkennung, Sprachsteuerung, Objekterkennung in Videobildern für Überwachungskameras, Radar-Sensorauswertung oder Maschinenüberwachung durch Geräuschanalyse (Predictive Maintenance). Das ist die Domäne der Neural Processing Units (NPUs) mit derzeit 10 bis 90 Int8-Tops, die in verwirrender Vielfalt auf den Markt kommen: M5Stacks AI Pyramid-Pro [11], die Hailo-NPUs zum Nachrüsten des Raspberry Pi 5 [12], Google Coral [13] und die Embedded-Versionen von x86- und ARM-Prozessoren wie AMD Ryzen, Intel Panther Lake, Qualcomm Snapdragon, Mediatek Genio, Rockchip und etwa auch RISC-V-SoCs wie der SpacemiT K3 [14]. Auch die europäischen Automotive-Mikrocontroller-Spezialisten Infineon, STMicroelectronics und NXP offerieren alle Chips mit eingebauten NPUs, ebenso wie TI und Renesas.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185021

Links in diesem Artikel:
[1]  https://www.heise.de/thema/Kuenstliche-Intelligenz
[2] https://taalas.com/the-path-to-ubiquitous-ai/
[3] https://artificialanalysis.ai/models/llama-3-1-instruct-8b/providers#speed
[4] https://www.heise.de/news/Zoff-zwischen-Nvidia-und-OpenAI-11163902.html
[5] https://chatjimmy.ai/
[6] https://www.heise.de/news/Riesige-Wafer-KI-Beschleuniger-Cerebras-ist-8-1-Milliarden-US-Dollar-wert-10725902.html
[7] https://www.heise.de/news/Microsoft-Azure-KI-Beschleuniger-Maia-200-soll-Google-TPU-v7-uebertrumpfen-11152444.html
[8] https://www.heise.de/news/Microsoft-Azure-KI-Beschleuniger-Maia-200-soll-Google-TPU-v7-uebertrumpfen-11152444.html
[9] https://learn.arm.com/learning-paths/embedded-and-microcontrollers/rpi-llama3/run/
[10] https://www.heise.de/news/Nach-AMD-und-Intel-Chipentwickler-Urgestein-Jim-Keller-geht-zu-KI-Start-up-5004798.html
[11] https://www.heise.de/news/M5Stack-AI-Pyramid-Pro-24-TOPS-Edge-KI-im-Kompaktformat-11173032.html
[12] https://www.heise.de/news/NPU-fuer-den-Raspberry-Pi-5-Edge-KI-Beschleuniger-leistet-bis-zu-40-Tops-11136529.html
[13] https://www.heise.de/news/KI-Nachwuchs-Coral-Dev-Board-Micro-von-Google-6346032.html
[14] https://www.heise.de/news/RISC-V-Einplatinencomputer-mit-RVA23-Chip-fuer-neue-Linux-Distributionen-11167085.html
[15] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[16] mailto:vza@heise.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ c't-Themen

Erfahrungsbericht: Hindernislauf beim Umzug von Amazon AWS in EU-Cloud

Von Heise — 21. Februar 2026 um 14:57

Eine Online-Handelsplattform mit Sitz in Spanien wechselt von AWS auf hiesige Cloud-Dienstleister: Ein Entwickler benennt konkrete Probleme.

Der Entwickler Robert Heide hat eine europäische Autoteile-Handelsplattform gegründet. Diese wollte er nicht (mehr) beim US-amerikanischen Cloud-Hyperscaler Amazon AWS betreiben, sondern bei EU-Anbietern. Welche unvorhergesehenen Probleme beim Umzug zu lösen waren, erläutert er in einem Blog-Beitrag.

Machbar, aber schwieriger als gedacht

Im Blog [1] seiner Beratungsfirma Coinerella.com legt Heide zunächst die Gründe dar, weshalb er die Handelsplattform hank.parts [2] überhaupt bei EU-Anbietern hosten will: Datensouveränität, Unabhängigkeit von US-Firmen, einfachere Erfüllung der DSGVO-Vorgaben. Aber er wollte auch beweisen, dass es geht.

Dann erklärt Heide, welche Anbieter er ausgewählt hat, darunter Hetzner, Scaleway, Bunny.net und Hanko. Schwieriger wurde es dann bei der Infrastruktur, mit der er Kubernetes betreibt, nämlich via Rancher [3]. Dazu wiederum nutzt er Gitea [4], Plausible, Twenty CRM, Infisical und Bugsink.

Dazu kommen noch Tutanota und UptimeRobot.

Billiger als AWS

Laut Heide verkauft Hetzner die Basisdienstleistungen Compute, Massenspeicher (S3-kompatibles Object Storage) und Load Balancing deutlich billiger als AWS.

Von Scaleway nutzt er unter anderem Transactional E-Mail (TEM), Container Registry, den Observability Stack und den Domain Registrar.

Von der slowenischen Bunny.net kommen CDN mit verteiltem Storage, DNS und Schutzfunktionen wie WAF und DDoS Protection. Bei Nebius läuft die KI-Inferenz und bei Hanko Authentifizierung und Identity Management.

Schwierige Stellen

Die ersten überraschenden Schwierigkeiten traten laut dem Blog-Beitrag bei der Einrichtung eines E-Mail-Dienstes mit vernünftigen Preisen, aber auch dem gewünschten Funktionsumfang auf. Es sei nicht einfach, die in der EU angebotenen Dienste und deren genaue Preise zu entdecken. Scaleway TEM laufe gut, aber das Ökosystem sei kleiner, beispielsweise fänden sich weniger Templates.

Besonders schwierig fiel dem Entwickler der Abschied vom gewohnten GitHub. Gitea funktioniere zwar sehr gut, verlange aber Umgewöhnung.

Ärgerlich sei, dass die Registrierung unter manchen Top-Level Domains (TLD) über europäische Dienstleister deutlich teurer sei als anderswo.

Unlösbare Probleme

Der Entwickler beschreibt auch Dienste, die es in der EU schlichtweg nicht gibt. Ohne Google und Apple gibt es keine Smartphone-Apps für Android und iOS und auch keine Werbung mit Google Ads. Zudem erwarte seine Kundschaft Komfortfunktionen wie „Über Google anmelden“ und „Mit Apple anmelden“. Auch der OAuth-Workflow via Hanko müsse in diesem Fall US-Anbieter berühren.

Schließlich würden manche attraktiven KI-Dienste bisher schlichtweg nicht in Europa angeboten, als Beispiel nennt er Anthropic Claude.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11185081

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.coinerella.com/made-in-eu-it-was-harder-than-i-thought/
[2] https://hank.parts/
[3] https://www.heise.de/news/SUSE-kauft-Rancher-will-bei-Firmen-weltweit-Geschichte-schreiben-4976497.html
[4] https://www.heise.de/news/Versionsverwaltung-Gitea-1-19-erlaubt-das-Verwenden-von-GitHub-Actions-7590139.html
[5] https://www.heise.de/ct
[6] mailto:ciw@ct.de

Copyright © 2026 Heise Medien

Adblock test (Why?)

✇ Golem.de Full über fivefilters.org

Smart Home: Youtube Premium spielt Werbung auf Home-Lautsprechern

Von Tobias Költzsch — 21. Februar 2026 um 15:10
Abonnenten von Youtube Premium sind erstaunt gewesen: Auf einmal ist beim Musikabspielen Werbung erklungen. Google hat das Problem aber gelöst.
Der Nest Hub von Google (Bild: Google)
Der Nest Hub von Google Bild: Google

Einige Abonnenten des kostenpflichtigen Youtube-Premium-Abos haben offenbar Werbeanzeigen eingespielt bekommen, als sie Musik über Youtube Music auf einem Google-Home-Lautsprecher gehört haben. Das berichten zahlreiche Betroffene auf Reddit .

Demnach wurde unvermittelt Werbung vor und zwischen einzelnen Liedern eingespielt, was im Rahmen des Premium-Abos gerade nicht passieren sollte. Youtube spielt eigentlich nur bei der kostenlosen Nutzung Werbeanzeigen ein.

Einige Nutzer berichten zudem, dass zwischen den einzelnen Liedern auch ohne Werbung stellenweise ein Zeitraum von 30 Sekunden lag. Ein Betroffener beschreibt, dass auf dem Display seines Nest Hubs dazu ein schwarzer Bildschirm zu sehen war. Einem weiteren Nutzer zufolge wurde auf einmal Top-40-Musik abgespielt, die nicht zum üblichen Hörverhalten passte.

Problem ist mittlerweile gelöst

Ein offizieller Google-Account äußerte sich bereits nach der Bekanntgabe der Probleme im Thread. Demnach wurde direkt nach einer Lösung für das Problem gesucht – und gefunden: Kurze Zeit später gab Google bekannt, dass alles wieder funktionieren sollte; Betroffene bestätigten das.

Die Wiedergabe von Youtube Music auf anderen Geräten scheint zu keiner Zeit betroffen gewesen zu sein. Zu den Gründen des Fehlers äußerte sich Google nicht.

Adblock test (Why?)

✇ Golem.de Full über fivefilters.org

10 Prozent auf fast alles: Trump umgeht Zoll-Niederlage mit Blitzreaktion

Von Andreas Donath — 21. Februar 2026 um 14:40
Kaum hat der Supreme Court seine Importzölle gekippt, zieht Donald Trump das nächste Ass aus dem Ärmel.
Trump vor der Presse (Bild: The White House)
Trump vor der Presse Bild: The White House

Noch während die Reaktionen auf das Urteil des Supreme Courts eintreffen, tritt Donald Trump vor die Kameras – und verkündet seinen nächsten Schritt. Auf Basis von Section 122 des Trade Act von 1974 verhängt die Regierung einen neuen Basiszoll von zehn Prozent . Die Rechtsgrundlage ist diesmal eine andere, das Ziel bleibt dasselbe. Die Regelung erlaubt einem Präsidenten die Verhängung von Zöllen für bis zu 150 Tage – was der Regierung Zeit verschaffen soll, längerfristige Maßnahmen vorzubereiten.

Ermittlungen als Vorbereitung für dauerhafte Zölle

Parallel zur Sofortmaßnahme kündigte die US-Regierung Untersuchungen wegen unfairer Handelspraktiken verschiedener Länder an. Sie sollen die rechtliche Grundlage für Zölle schaffen, die über die 150-Tage-Grenze hinaus Bestand haben. Trump interpretierte das Urteil dabei demonstrativ als Stärkung seiner Position: Das Gericht habe nicht seine Befugnisse im Handelsbereich beschnitten, sondern lediglich klargestellt, auf welcher gesetzlichen Grundlage diese auszuüben seien, teilte der US-Präsident mit.

Unsicherheit für Unternehmen bleibt

Für Handelspartner und Unternehmen bringt der schnelle Schwenk wenig Erleichterung. Die British Chamber of Commerce verwies einem Bericht des Telegaph nach darauf , dass ohnehin nicht alle Zölle vom Urteil betroffen sind – Stahl und Aluminium etwa bleiben unangetastet.

Adblock test (Why?)

✇ Golem.de Full über fivefilters.org

Künstliche Intelligenz: Digitalminister sieht Handlungsbedarf bei Strom für KI

Von Tobias Költzsch, dpa — 21. Februar 2026 um 14:10
Der Boom bei künstlicher Intelligenz treibt den Strombedarf nach oben. Digitalminister Wildberger sieht langfristig Handlungsbedarf.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (Bild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger Bild: JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images

Bundesdigitalminister Karsten Wildberger geht davon aus, dass der steigende Strombedarf durch KI in den kommenden Jahren über die aktuelle Versorgung gedeckt werden kann. Längerfristig brauche man aber andere Lösungen, sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur zum Abschluss des KI-Gipfels in Neu-Delhi, ohne konkreter zu werden.

Man diskutiere darüber auf europäischer Ebene, sagte Wildberger, und verwies auf Gespräche, die er in der indischen Hauptstadt mit Norwegen geführt habe. Norwegen hat bei erneuerbaren Energien einen Standortvorteil – Stichwort Wasserkraft.

Der KI-Boom mit dem Ausbau großer Rechenzentren wird nach Einschätzung von Fachleuten den Strombedarf stark steigen lassen. Gleichzeitig versucht die EU, bis 2050 klimaneutral zu werden. Gas- und Kohleverbrennung zur Stromerzeugung scheiden damit langfristig aus. Deutschland stieg zudem bereits aus der Atomkraft aus.

Hoffnung liegt auf Kernfusion

Wildberger hofft auch auf Kernfusion als neue klimaneutrale Energiequelle. Dabei werden – anders als bei der Kernspaltung in herkömmlichen Atomkraftwerken – Kerne verschmolzen, woraus Energie entsteht. Bisher wird damit nur experimentiert. Experten sind sich angesichts schwieriger technischer Fragen uneins, ob und wann das Prinzip praktisch zur Stromversorgung genutzt werden kann.

"Ich glaube, langfristig, so in zehn Jahren, kann das ein wichtiger Baustein sein" , sagte Wildberger. "Kurz- und mittelfristig, glaube ich, brauchen wir natürlich andere Lösungen. Dazu gehören auch die Erneuerbaren." Die Bundesregierung gab das Ziel aus, dass das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland entsteht.

Adblock test (Why?)

✇ iMonitor Internetstörungen

Störungsmeldung vom 21.02.2026 09:06

Von heise online — 21. Februar 2026 um 09:06

Neue Störungsmeldung für Provider EWE TEL

Details

Beginn
21.02.2026 09:06
Region
Südbrookmerland (04942)
Provider
EWE TEL
Zugangsart
ADSL

Alle Details zur Störungsmeldung ansehen Eigene Internetstörung melden

❌