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Neues Pride-Zubehör für Apple Watch samt Wallpaper für Geräte

Von Heise — 06. Mai 2026 um 12:58
Pride-Wallpaper für das Jahr 2026 von Apple

Pride-Wallpaper für das Jahr 2026 von Apple.

(Bild: Apple)

Apple hat seine diesjährige LGBTQ+-Sammlung vorgestellt. Wer auf ein Solo-Loop-Armband gehofft hatte, wird leider enttäuscht.

Jedes Jahr feiert Apple verschiedene soziale Bewegungen mit passendem Zubehör: Neben der Black-Unity-Kollektion [1], die zum Gedenkmonat Black History Month in den USA erscheint, ist dies regelmäßig auch eine neue Pride-Kollektion für die LGBTQ+-Gemeinschaft. Die Angebote sind dabei jeweils limitiert und nur solange erhältlich, bis die nächste Sammlung verfügbar ist oder sie ausverkauft wurde. Nun steht zum Pride-Month auch eine neue Apple-Pride-Collection bereit. Sie setzt sich aus drei Teilen zusammen, wobei nur eine davon echte „Hardware“ ist.

Helles Armband, passende Wallpaper

In diesem Jahr hat Apple ein neues Sportarmband gestaltet. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Sport Loop [2] aus einem Kunststofffasermaterial, das man dank Klettverschluss frei verstellen kann. Fans der Sonderedition hatten, wie schon beim Black-Unity-Armband [3], das im Januar verfügbar gemacht wurde, eigentlich auf ein sogenanntes Solo-Loop-Band gehofft, in das man nur hineinschlüpfen muss. Dieses hat allerdings den Nachteil, dass man vorab die richtige Größe zu ermitteln hat und es auf Dauer auch ausleiern kann.

Das Pride-Edition-Sportarmband für 2026 hat als Grundfarbe Weiß mit bunten, an die LGBTQ+-Flagge erinnernden Regenbogenfarben, die ebenfalls recht hell ausfallen. Es wird in den Größen 40, 42 und 46 mm angeboten, eignet sich also auch für die Apple Watch Ultra. Verbaut wird laut Apple 80 Prozent recyceltes Nylon (also 20 Prozent Neumaterial) plus 100 Prozent recyceltes Polyester und 100 Prozent recyceltes Elastan. Der Preis liegt stets bei 49 Euro, egal welche Größe erworben wird. Apple betonte, dass man Organisationen, die sich für LGBTQ+-Gemeinschaften einsetzen, finanziell unterstütze – es wurde aber keine Angabe dazu gemacht, ob ein direkter Beitrag des Armbandverkaufs an solche Gruppen geht.

Betriebssystemupdates kommen

Neben dem Armband gibt es auch kostenloses Pride-Merchandising: Mit iOS 26.5 [4], iPadOS 26.5 und watchOS 26.5, die in den kommenden Tagen erwartet werden, liefert Apple zum Look des Armbands passende Hintergrundbilder (Wallpaper) sowie auf der Watch auch ein eigenes Zifferblatt („Pride Luminance”) aus, ohne dass das etwas kosten würde.

Auch das hat schon jahrelange Tradition. „Mit der Kollektion können Nutzer:innen das Zifferblatt mit noch mehr Farboptionen individuell gestalten, um einen einzigartigen Ausdruck ihrer selbst und ihrer Communitys zu schaffen“, schreibt der Konzern.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11281219

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.heise.de/news/Apple-veroeffentlicht-Armband-und-Zifferblatt-zum-Black-History-Month-10258068.html
  2. https://www.apple.com/de/shop/product/mj5c4zm/a/46-mm-sport-loop-pride-edition
  3. https://www.apple.com/de/newsroom/2026/01/apple-unveils-the-new-black-unity-apple-watch-band/
  4. https://www.heise.de/news/iOS-26-5-im-Anmarsch-Release-Notes-verfuegbar-11281317.html
  5. https://www.heise.de/mac-and-i
  6. mailto:bsc@heise.de

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ZTZ-100: Chinas neuer Panzer fährt lautlos in den Kampf

Von Telepolis — 06. Mai 2026 um 16:00
Vorderansicht eines modernen Kampfpanzers mit Tarnmuster im Wüstensand.

Der neue chinesische Kampfpanzer ZTZ-100, ausgestattet mit fortschrittlicher Technologie, wurde nun offiziell in Dienst gestellt.

(Bild: Chinese MoD/Weibo)

Der unbemannte Turm und AR-Helme machen ihn zum modernsten Kampfpanzer Chinas – jetzt ist er offiziell im Einsatz.

Die chinesische Volksbefreiungsarmee hat kürzlich Trainingsaufnahmen ihres neuen Kampfpanzers vom Typ 100 veröffentlicht und damit bestätigt, dass er jetzt im Dienst ist, wie Army [1]Recognition [2] berichtet.

Erstmals hatte China den ZTZ-100 Anfang September 2025 [3] bei der Victory-Day-Parade zum 80. Jahrestag des Sieges über Japan in Peking der Öffentlichkeit präsentiert. Nur etwa acht Monate später rollen die ersten Exemplare in operativen Einheiten – wenn auch vorerst in einer Kleinserie von etwa vier Fahrzeugen.

Der vom 201. Forschungsinstitut entwickelte und im Panzerwerk Baotou gefertigte Panzer markiert einen konzeptionellen Bruch mit bisherigen chinesischen Kampfpanzern.

Wo der bisherige Standardpanzer Typ 99A noch auf einen bemannten Turm, reine Dieselmotorisierung und konventionelle Optik setzt, verlagert der ZTZ-100 die dreiköpfige Besatzung komplett in ein gepanzertes Abteil im vorderen Rumpf.

Der Turm arbeitet vollständig unbemannt und wird ferngesteuert – ein Konzept, das dem russischen T-14 Armata und dem US-amerikanischen AbramsX ähnelt.

China klassifiziert den ZTZ-100 als Kampfpanzer der vierten Generation, wobei diese Einstufung keiner internationalen Standardisierung folgt.

Hybridantrieb ermöglicht geräuschlose Annäherung

Das Antriebssystem stellt eine der auffälligsten Neuerungen dar. Ein hybrides Diesel-Elektro-System erzeugt rund 1500 PS und treibt den 35 bis 45 Tonnen schweren Panzer auf Straßengeschwindigkeiten von etwa 80 km/h. Im Gelände erreicht er noch 50 km/h.

Bei einem Leistungsgewicht von geschätzten 33 bis 40 PS pro Tonne ist der ZTZ-100 damit deutlich agiler als sein 52 Tonnen schwerer Vorgänger Typ 99A, der maximal 65 km/h schafft.

Die Besonderheit des Systems liegt im reinen Elektrobetrieb: In diesem Modus bewegt sich der Panzer geräuschlos und mit reduzierter Infrarot-Signatur, was Einsatzmodi wie „Silent Watch“ und „Silent Approach“ für Aufklärungs- oder Hinterhaltsszenarien ermöglicht.

Die Reichweite im Dieselbetrieb beträgt laut Interesting Engineering [4] bis zu 600 Kilometer, während der reine Elektromodus auf kürzere Strecken beschränkt bleibt.

AR-Helme ersetzen klassische Periskope

Statt herkömmlicher Periskope und optischer Visiere nutzt die Besatzung Augmented-Reality-Helmsysteme.

Diese fusionieren Daten aus externen Kameras, vier Phased-Array-Radarpanels an den Turmecken sowie Infrarot- und UV-Sensoren zu einer zusammengesetzten 360-Grad-Sichtumgebung. Zielinformationen, Navigationsüberlagerungen und Fahrzeugstatus werden direkt ins Sichtfeld projiziert.

Eine Head-Tracking-Funktion richtet Turm oder Waffenstation an der Blickrichtung des Bedieners aus, was die Reaktionszeit laut chinesischen Angaben um 20 bis 40 Prozent gegenüber älteren optischen Systemen verkürzen soll.

Die vier Radarpanels arbeiten im Millimeterwellenbereich und liefern eine kontinuierliche Rundum-Erfassung einschließlich hochgelegener Bedrohungen.

Das System erkennt Panzerabwehrlenkflugkörper in mehreren Kilometern Entfernung und Drohnen in 1 bis 5 km Distanz – Fähigkeiten, die den Vorgängermodellen Typ 96 und Typ 99 fehlten.

Aktiver Schutz statt dicker Panzerung

Die Verteidigungsphilosophie des ZTZ-100 setzt weniger auf massive Panzerungsdicke als auf aktive Abwehr. Zwei GL-6-Schutzsysteme am Turm verfügen über jeweils vier Abschussrohre mit insgesamt acht einsatzbereiten Abfangraketen.

Diese sollen Panzerabwehrlenkflugkörper, Panzerfäuste, Top-Attack-Munition und Loitering-Munition in Entfernungen zwischen 10 und 30 Metern abfangen – automatisiert gesteuert durch die Millimeterwellen-Radare und Laserwarnempfänger.

Gerade die Abwehr von Drohnen-Munition und Top-Attack-Waffen berücksichtigt Lehren aus aktuellen Konflikten, in denen konventionelle Panzer durch kostengünstige Aufschlagmunition von oben verwundbar wurden.

Die modulare Verbundpanzerung ergänzt das aktive System als passive Schutzschicht.

105-mm-Kanone mit hoher Mündungsgeschwindigkeit

Die Hauptbewaffnung besteht aus einer 105-mm-Glattrohrkanone mit automatischem Lader und einer Feuerrate von 8 bis 12 Schuss pro Minute. Das Kaliber liegt damit unter den 120 mm der NATO-Panzer und den 125 mm russischer Modelle.

China kompensiert dies nach eigenen Angaben durch panzerbrechende, flügelstabilisierte Sabotgeschosse (APFSDS) mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 1706 m/s – ein Wert, der durch verbessertes Treibmittel eine vergleichbare Durchschlagsleistung erzielen soll.

Die Munitionsladung umfasst 30 bis 40 Schuss, die Direktfeuer-Reichweite liegt bei 2 bis 4 km, durch vernetzte Zielerfassung sollen Ziele jenseits von 5 km bekämpfbar sein.

Vernetzter Kampfknoten statt isolierter Panzer

Der ZTZ-100 ist als Knoten in einem vernetzten Gefechtsfeld-Ökosystem konzipiert. Datenlinks verbinden ihn mit Aufklärungsdrohnen, Artillerie, Mehrfachraketenwerfern und elektronischen Kampfsystemen.

Bei kombinierten Waffenübungen im vergangenen Jahr sollen Panzerkommandanten bereits Ziele außerhalb der direkten Sichtlinie bekämpft haben, indem sie externe Sensordaten nutzten.

Ergänzt wird der Kampfpanzer durch ein Feuerunterstützungsfahrzeug auf gleicher Plattform, das eine 30- bis 35-mm-Kanone, am Heck montierte Aufklärungsdrohnen und Platz für drei bis vier Infanteristen mitführt.

Die geschätzten Stückkosten von 4,5 bis 7,5 Millionen US-Dollar bei Kleinserienfertigung positionieren den ZTZ-100 zwischen dem russischen T-90M (3 bis 4,5 Millionen) und dem US-amerikanischen M1A2 SEPv3 (über 10 Millionen).

Bei höheren Produktionsraten könnten die Kosten auf 3,5 bis 6 Millionen US-Dollar sinken. Die geringe bisherige Stückzahl deutet allerdings darauf hin, dass China den ZTZ-100 vorerst in einer erweiterten Testphase betreibt, bevor eine Massenproduktion folgt .

Defence Blog [5] bestätigt anhand der Xinhua-Aufnahmen erste Feldübungen mit operativen Einheiten.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11284587

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.armyrecognition.com/news/army-news/2026/china-officially-deploys-new-type-100-tank-as-race-with-us-over-future-warfare-accelerates
  2. https://www.armyrecognition.com/news/army-news/2026/china-officially-deploys-new-type-100-tank-as-race-with-us-over-future-warfare-accelerates
  3. https://english.news.cn/20250903/e8891781bdd4440583202412f16342b1/c.html
  4. https://interestingengineering.com/military/chinas-type-100-battle-tank-enters-service
  5. https://defence-blog.com/china-shows-type-100-tank-in-field-training-for-the-first-time/

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Serverfarmen auf dem Meer: Panthalassa will Ozean als Stromquelle nutzen

Von Telepolis — 06. Mai 2026 um 14:30
Ein schwimmendes Rechenzentrum von Panthalassa.

(Bild: Pathanlassa)

KI braucht immer mehr Strom – ein Startup hat dafür eine Lösung gefunden, die so ungewöhnlich ist wie effektiv.

Der Energiehunger von KI-Rechenzentren treibt Investoren zu immer ungewöhnlicheren Lösungen. Das Startup Panthalassa aus Portland, Oregon, hat jetzt in einer Serie-B-Finanzierungsrunde 140 Millionen US-Dollar eingesammelt, um schwimmende Rechenknoten zu bauen, die ihren Strom aus Meereswellen gewinnen.

Wie Ars Technica berichtet [1], führt Palantir-Mitgründer Peter Thiel die Investorenrunde an. Insgesamt hat das Silicon Valley bereits 210 Millionen Dollar in die Vision gesteckt.

Zu den weiteren Geldgebern gehören unter anderem John Doerr, Marc Benioffs TIME Ventures, Max Levchins SciFi VC sowie der Server- und IT-Infrastrukturhersteller Super Micro Computer.

Wie aus der Pressemitteilung vom 4. Mai [2] hervorgeht, soll das Geld eine Pilotproduktionsanlage nahe Portland fertigstellen und den Einsatz der sogenannten Ocean-3-Knoten beschleunigen.

Geschlossener Hydraulikkreislauf erzeugt Strom rund um die Uhr

Die Besonderheit des Systems liegt in seiner Funktionsweise: Jeder Knoten besteht aus einer schwimmfähigen Stahlkugel mit rund 50 Metern Durchmesser, die über ein 60 bis 85 Meter langes vertikales Rohr mit einem Unterwasserrahmen verbunden ist.

Wenn Ozeanwellen den Knoten auf und ab bewegen, entsteht eine Relativbewegung zwischen der Struktur und der umgebenden Wassersäule. Diese treibt Meerwasser durch das Rohr nach oben in ein Druckreservoir innerhalb der Kugel, wo ein Hochdruckstrahl interne Turbinen antreibt.

Das Wasser fließt anschließend zurück ins Rohr – ein geschlossener Hydraulikkreislauf, der kontinuierlich Energie aus welleninduzierten Bewegungen gewinnt. Da der Ozean niemals stillsteht, erzeugt das System nach Unternehmensangaben rund um die Uhr Strom mit einem Kapazitätsfaktor von bis zu 90 Prozent.

Die KI-Chips an Bord werden direkt versorgt, Ergebnisse der Inferenz-Berechnungen per Satellitenverbindung an Kunden übertragen. Welche Chiparchitektur oder konkreten Rechenkapazitäten pro Knoten erreicht werden, hat Panthalassa bislang nicht veröffentlicht.

Kühlung durch Meerwasser, aber Bandbreite als Engpass

Ein weiterer Vorteil gegenüber landgestützten Rechenzentren: Das umgebende Meerwasser kühlt die Chips direkt.

"Rechenleistung auf dem Meer könnte einen enormen Kühlvorteil bieten, da die Umgebungstemperatur so niedrig ist", erklärte Benjamin Lee, Computerarchitekt an der University of Pennsylvania, gegenüber Ars Technica .

Landgestützte Rechenzentren verbrauchten dagegen viel Strom und Süßwasser für die Kühlung.

Lee beschrieb den Ansatz als Verwandlung eines Energieübertragungsproblems in ein Datenübertragungsproblem.

Allerdings bedeute die Satellitenanbindung auch erhebliche Einschränkungen: Hunderte Megabit pro Sekunde pro Terminal seien für Echtzeit-Antworten auf Nutzeranfragen machbar, doch die Koordination mehrerer Knoten und der Transfer größerer Datenmengen bleibe eine Herausforderung. Physischer Transport von Speichermedien per Schiff wäre wohl in regelmäßigen Abständen nötig.

Erste Tests seit 2021, kommerzieller Betrieb ab 2027 geplant

Panthalassa hat bereits mehrere Vorgänger-Prototypen erprobt: den Ocean-1 im Jahr 2021 und den Ocean-2 in einem dreiwöchigen Seetest vor der Küste des US-Bundesstaats Washington im Februar 2024.

Konkrete Ausfallraten der Prototypen sind nicht bekannt. Als Referenz dient Microsofts Project Natick [3], das von 2015 bis 2020 versiegelte Unterwasser-Rechenzentren testete und dabei niedrigere Ausfallraten als an Land erzielte. Microsoft entschied sich dennoch gegen eine Kommerzialisierung.

Der Ocean-3-Prototyp erreicht eine Länge von etwa 85 Metern – vergleichbar mit dem Londoner Big Ben – und soll noch 2026 im nördlichen Pazifik getestet werden.

CEO und Mitgründer Garth Sheldon-Coulson erklärte gegenüber [4] CBS, er hoffe auf den Einsatz tausender solcher Knoten. Panthalassa will die Systeme für mehr als ein Jahrzehnt wartungsfrei unter härtesten Meeresbedingungen betreiben.

Wettlauf um alternative Energiequellen für KI

Der Hintergrund: US-Tech-Unternehmen planen 2026 insgesamt rund 725 Milliarden Dollar für den Bau von KI-Rechenzentren auszugeben.

Der Strombedarf amerikanischer Rechenzentren könnte durch diese Entwicklung von derzeit 40 Gigawatt auf 106 Gigawatt bis 2035 ansteigen. Und vor Ort schürt der Bau von Rechenzentren zunehmend Widerstand: Lokale Gemeinden wehren sich gegen Neubauten, Stromnetze stoßen an ihre Grenzen.

Panthalassas Ansatz reiht sich in eine wachsende Liste unkonventioneller Lösungen ein.

Meta etwa will seine Rechenzentren künftig mit Solarstrom aus dem All versorgen [5] – das Start-up Overview Energy soll dafür Satelliten im geostationären Orbit positionieren, die Nahinfrarot-Licht zur Erde strahlen. Meta hat bereits 1 Gigawatt Kapazität reserviert [6].

Andere Unternehmen setzen auf Geothermie als Energiequelle für Rechenzentren [7] – neue Bohrtechniken aus dem Fracking erschließen Erdwärme auch abseits vulkanischer Gebiete.

Chinesische Firmen wiederum bauen Unterwasser-Rechenzentren vor Hainan und Shanghai, während das Unternehmen Keppel ein schwimmendes Rechenzentrum für Singapur errichtet.

"Die Zukunft erfordert mehr Rechenleistung, als wir uns vorstellen können", wird Thiel [8] von dem Portal Tom‘s Hardware zitiert . "Außerirdische Lösungen sind keine Science-Fiction mehr. Panthalassa hat die Grenze des Ozeans erschlossen."

Ob die schwimmenden Knoten tatsächlich eine relevante Ergänzung zur Recheninfrastruktur werden, muss der Ocean-3-Test zeigen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11284198

Links in diesem Artikel:

  1. https://arstechnica.com/ai/2026/05/silicon-valley-bets-on-floating-ai-data-centers-powered-by-ocean-waves/
  2. https://www.businesswire.com/news/home/20260504552400/en/Panthalassa-Raises-%24140-Million-to-Power-AI-at-Sea
  3. https://www.microsoft.com/en-us/research/project/natick/
  4. https://www.cbsnews.com/news/using-wave-energy-to-power-sea-based-ai-data-centers/?intcid=CNM-00-10abd1h
  5. https://www.heise.de/tp/article/Meta-will-KI-Rechenzentren-mit-Solarstrom-aus-dem-All-versorgen-11278137.html
  6. https://www.heise.de/news/Meta-sichert-sich-Solarstrom-aus-dem-All-11274012.html
  7. https://www.heise.de/tp/article/Geothermie-Erdwaerme-soll-Rechenzentren-mit-Strom-versorgen-11280841.html
  8. https://www.tomshardware.com/tech-industry/artificial-intelligence/palantir-co-founder-peter-thiel-backs-usd140m-wave-powered-ai-data-center-startup-panthalassa-aims-to-run-offshore-compute-nodes-using-ocean-energy

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Rückkehr nach Caracas: US-Ölindustrie wittert neue Chancen in Venezuela

Von Telepolis — 06. Mai 2026 um 14:00
Ölpumpen vor US-Dollar Note und venezolanischer Flagge im Hintergrund eingeblendet

US-Ölkonzerne kehren nach Venezuela zurück, während die Regierung nicht mehr souverän agieren kann

(Bild: Hamara/Shutterstock.com)

Krieg, hohe Preise, neuer Kurs: US-Ölkonzerne wagen die Rückkehr nach Venezuela – doch alles unter US-Aufsicht. Ein Poker um Öl, Macht und Risiko.

Ende April 2026 reisten [1] Vertreter der US-amerikanischen Ölindustrie, Ingenieure und Anwälte in die Lobby des stark bewachten J.W. Marriott Hotel der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Ihr Ziel: Die Präsentation von Plänen zur Wiederbelebung der heruntergekommenen Ölfelder des Landes.

Dabei hatten große US-Ölkonzerne wie ExxonMobil und ConocoPhilipps noch Anfang Januar Venezuela als zu riskant für Geschäfte und "nicht investierbar" ohne erhebliche Änderungen an den Rahmenbedingungen angesehen [2].

Die Auslöser: Krieg, Preisschock und Rechtswende

Auslöser für die unvermittelte Rückkehr sind mehrere Faktoren: Zum einen treiben die stark gestiegenen Ölpreise im Zuge des Krieges gegen den Iran und die faktische Schließung der Straße von Hormus [3] die Nachfrage nach alternativen Quellen an. Zum anderen kommen rechtliche Änderungen seitens der US-Regierung sowie der venezolanischen Regierung unter Interimspräsidentin Delcy Rodríguez hinzu, die ausländische Investitionen begünstigen.

Rodríguez übernahm nach der völkerrechtswidrigen Entführung und Festnahme [4] des ehemaligen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Streitkräfte am 3. Januar 2026 die Regierungsführung in dem Karibikstaat. Sie kooperiert mit den USA und steht unter immensem Druck, die riesigen Ölvorkommen des Landes zu erschließen. Beim Sturz Maduros lag das Ziel der US-Regierung klar auf der Kontrolle über die immensen Ölreserven des Landes.

Seitdem transportieren Tanker weitaus mehr venezolanisches Rohöl an die Golfküste der Vereinigten Staaten. Im März 2026 importierten [5] die USA laut dem Marktinformationsunternehmen Kpler täglich 457.000 Barrel venezolanisches Rohöl – der höchste Stand seit Januar 2019, als US-Präsident Donald Trump während seiner ersten Amtszeit Sanktionen gegen den staatlichen Ölkonzern Petróleos de Venezuela (PdVSA) verhängte.

Das neue Regelwerk: US-Recht für venezolanisches Öl Mitte März führte die US-Administration zusätzliche strenge neue Regeln ein, die in der OFAC General License 52 (GL 52) festgehalten [6] sind. Demnach müssen die Einnahmen aus venezolanischem Öl zur Tilgung der Staatsschulden beitragen und dürfen nicht sanktionierten Personen zugutekommen.

Jeder Vertrag mit dem staatlichen Ölkonzern PdVSA unterliegt ferner US-Recht und etwaige Streitigkeiten müssen in den USA beigelegt werden. Die meisten Zahlungen müssen auf ein vom US-Finanzministerium kontrolliertes Konto erfolgen und dürfen nicht direkt an die venezolanische Regierung geleistet werden.

Zudem sind Transaktionen, an denen Personen oder Unternehmen aus Russland, Iran, Nordkorea oder Kuba beteiligt sind, strengstens verboten. Das gilt für Export, Transport, Lagerung und Erkundung von Öl venezolanischen Ursprungs sowie für die Lieferung von Technologie, Software oder das Erbringen von Dienstleistungen für die Erdölförderung in dem Land.

Ebenfalls verboten sind Transaktionen mit US-amerikanischen oder venezolanischen Unternehmen, die sich im Besitz einer Person mit Sitz in China befinden oder von einer solchen Person kontrolliert werden.

Der Rechtsakt versinnbildlicht Neokolonialismus in Reinform, wobei sich die venezolanische Regierung zur US-Marionette gemacht hat und die Reichtümer des Landes an US-Großkonzerne verschleudert.

Rückkehr von US-Konzernen mit Risiken verbunden

Am aktivsten ist derzeit das US-Unternehmen Chevron: Der Konzern, seit fast zwei Jahrzehnten vor Ort, betreibt vier Joint Ventures, die für fast 25 Prozent der venezolanischen Gesamtproduktion verantwortlich sind. Zwei weitere Felder stehen [7] kurz vor der Vergabe.

Neulinge wie Hunt Oil und Crossover Energy haben bereits Verträge unterzeichnet [8], während Größen wie ExxonMobil und ConocoPhillips, deren Vermögenswerte unter einer früheren Regierung beschlagnahmt worden waren, zögern. Mit Blick auf die Enteignungen unter Präsident Hugo Chavéz im Jahr 2007 forderte [9] Exxon-CEO Darren Woods erhebliche Änderungen am Rechtssystem und beim Investitionsschutz.

Nach Jahren der Unterinvestition sind Venezuelas Ölanlagen zudem baufällig. Analysten schätzen, dass Unternehmen etwa 80 US-Dollar pro Barrel benötigen, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Bei Preisen wie noch Anfang 2026 unter 60 US-Dollar wäre es ein Verlustgeschäft. Eine damals von der Trump-Regierung angekündigte Investition von 100 Milliarden US-Dollar stieß in der Branche auf Skepsis, weil, so Branchenkenner, die Rechnung nicht aufgehe.

Mit Blick auf den wahrscheinlich längerfristig hohen Ölpreis haben nun ExxonMobil und ConocoPhillips erstmals seit Jahren wieder technische Teams nach Venezuela entsandt [10], um ihre ehemaligen Felder zu inspizieren. Doch bislang wurden keine neuen Investitionen zugesagt. Die Unternehmen befinden sich noch in der Bewertungsphase.

Geopolitische Dimension: Kampf gegen Russland und China

Für die US-Regierung geht es dabei nicht nur um das Öl, sondern ebenso darum, geopolitische Rivalen systematisch aus dem beanspruchten und traditionellen Einflussbereich zu verdrängen.

So setzen die USA ihr Rechts- und Finanzsystem als legitimen Rahmen für venezolanisches Öl durch und zielen darauf ab, Gegensysteme zu zerschlagen, die Russland und China zur Umgehung westlicher Sanktionen aufgebaut haben.

In Venezuela sind mehrere russische Projekte von den Entwicklungen seit Anfang Januar betroffen. Das Petromonagas-Joint-Venture, das früher gemeinsam von der PdVSA und der russischen Roszarubezhneft betrieben wurde, wird nun ausschließlich von der PdVSA geführt. Für die Boquerón- und Perijá-Ölfelder wurden zwar im November 2025 Verlängerungen über 15 Jahre bis 2041 genehmigt [11], doch Transaktionen mit Russland sind rechtlich verboten.

Insgesamt sind russische Gesamtinvestitionen in Höhe von rund 17 Milliarden US-Dollar in Venezuela gefährdet. Russlands Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die US-Beschränkungen als "eklatante Diskriminierung", obwohl Russland, China und der Iran Investitionen im venezolanischen Öl- und Energiesektor getätigt hätten. Russische Unternehmen würden im Zuge der Ereignisse in Venezuela ganz offen aus dem Land gedrängt [12].

China ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Abnehmer und Investor im venezolanischen Ölsektor geworden. Laut einem Bericht [13] von Reuters, der auf Daten des Analyseunternehmens Vortexa basiert, beliefen sich die chinesischen Importe von venezolanischem Öl im Jahr 2025 auf etwa 470.000 Barrel pro Tag. Dies entspricht rund 4,5 Prozent der gesamten chinesischen Rohölimporte auf dem Seeweg und nimmt einene Großteil des von Venezuela exportieren Öls ein. Auch Peking dürfte die Entwicklung derzeit mit Sorge betrachten.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11284012

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.wsj.com/business/energy-oil/venezuela-oil-risk-exxon-mobil-conocophillips-86add7ce?st=3Rwpmm&reflink=desktopwebshare_permalink
  2. https://www.washingtonpost.com/business/2026/01/09/trump-oil-executives-venezuela-exxon/?utm_source=newsshowcase&utm_medium=gnews&utm_campaign=CDAqDwgAKgcICjCO1JQKMLfRdDD98fAE&utm_content=rundown&gaa_at=g&gaa_n=AWEtsqf3WF73SPPhfBU36OuMS-m-N-KKT93ykZHqXqnACE2yDf6kCK1ecV0tT7BuGYzecnm9oRgXDw==&gaa_ts=6962d6fa&gaa_sig=nGzVTcPgHbHLEFkXoqHEzDHaLHtfzpGfHmxuXinYdFD-q9f0z8QL1KayfZDru874PE7XkHjadSh8UmeQuRWtcA==
  3. https://www.heise.de/tp/article/Die-Falle-von-Hormus-Warum-die-US-Strategie-ins-Leere-laeuft-11281675.html
  4. https://www.heise.de/tp/article/USA-greifen-Venezuela-an-Maduro-Entfuehrung-loest-internationale-Empoerung-aus-11127984.html
  5. https://www.ndtv.com/world-news/why-us-oil-giants-are-making-a-u-turn-on-uninvestable-venezuela-now-11438332?utm_source=chatgpt.com
  6. https://www.dlapiper.com/en-ma/insights/publications/2026/03/us-government-authorizes-us-entities-to-conduct-transactions-with-pdvsa-and-related-entities
  7. https://evrimagaci.org/gpt/chevron-expands-venezuelan-oil-operations-with-new-deals-537905?utm_source=chatgpt.com
  8. https://www.argusmedia.com/en/news-and-insights/latest-market-news/2821695-hunt-crossover-sign-orinoco-exploration-deals?utm_source=chatgpt.com
  9. https://www.reuters.com/business/energy/exxon-mobil-still-interested-venezuela-visit-despite-trump-rebuke-2026-01-13/?utm_source=chatgpt.com
  10. https://www.energyconnects.com/news/gas-lng/2026/april/conocophillips-sends-team-to-venezuela-to-evaluate-oil-prospects/?utm_source=media-partner&utm_medium=referral&utm_term=%7Bkeyword%7D,%7Bkeyword%7D&utm_campaign=ADIPEC
  11. https://www.reuters.com/business/energy/venezuela-approves-15-year-extension-russia-linked-oil-joint-ventures-2025-11-20/
  12. https://www.themoscowtimes.com/2026/02/05/russian-companies-forced-out-of-venezuela-after-us-capture-of-maduro-lavrov-says-a91872
  13. https://www.reuters.com/business/energy/kremlin-says-russia-will-seek-clarification-us-venezuela-oil-restrictions-2026-02-11/

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Apache HTTP Server: Hochriskante Lücken ermöglichen Einschleusen von Schadcode

Von Heise — 06. Mai 2026 um 13:28
Apache HTTP Server Logo vor Matrix-Regen-Hintergrund

(Bild: heise medien)

Im Apache HTTP Server 2.4.67 stopfen die Entwickler mehrere Sicherheitslücken, die teils das Einschleusen von Schadcode ermöglichen.

Im populären Apache HTTP Server klaffen mehrere Sicherheitslücken, von denen mehrere als hochriskant eingestuft wurden. Sie erlauben Angreifern etwa, Schadcode einzuschleusen und auszuführen. Die aktualisierte Version bessert die Schwachstellen aus.

Am Montag dieser Woche hat das Apache-HTTP-Server-Projekt die Version 2.4.67 des Webservers veröffentlicht. Laut Auflistung des Projekts [1] schließt sie gleich elf Sicherheitslücken. Davon gelten fünf als hochriskant, zwei davon verpassen eine Einstufung als „kritisches“ Risiko jedoch nur sehr knapp.

Fünf hochriskante Schwachstellen

Die einzelnen Schwachstellen nach Schweregrad sortiert:

  • Double Free and possible RCE vulnerability in Apache HTTP Server with the HTTP/2 protocol (CVE-2026-23918 [2], CVSS 8.8, Risiko „hoch“)
  • Escalation of privilege bug in various modules in Apache HTTP 2.4.66 and earlier (CVE-2026-24072 [3], CVSS 8.8, Risiko „hoch“)
  • A NULL pointer dereference in mod_dav_lock in Apache HTTP Server 2.4.66 and earlier (CVE-2026-29169 [4], CVSS 7.5, Risiko „hoch“)
  • Buffer Over-read vulnerability in Apache HTTP Server (CVE-2026-34059 [5], CVSS 7.5, Risiko „hoch“)
  • Allocation of Resources Without Limits or Throttling vulnerability in Apache HTTP Server's mod_md (CVE-2026-29168 [6], CVSS 7.3, Risiko „hoch“)
  • HTTP response splitting vulnerability in multiple Apache HTTP Server modules (CVE-2026-33523 [7], CVSS 6.5, Risiko „mittel“)
  • A NULL pointer dereference in the mod_authn_socache in Apache HTTP Server 2.4.66 and earlier (CVE-2026-33007 [8], CVSS 5.3, Risiko „mittel“)
  • Improper Null Termination, Out-of-bounds Read vulnerability in Apache HTTP Server (CVE-2026-34032 [9], CVSS 5.3, Risiko „mittel“)
  • Out-of-bounds Read vulnerability in mod_proxy_ajp of Apache HTTP Server (CVE-2026-33857 [10], CVSS 5.3, Risiko „mittel“)
  • A timing attack against mod_auth_digest in Apache HTTP Server 2.4.66 (CVE-2026-33006 [11], CVSS 4.8, Risiko „mittel“)
  • Heap-based Buffer Overflow vulnerability in mod_proxy_ajp of Apache HTTP Server (CVE-2026-28780 [12], noch ohne CVSS-Wert)

IT-Verantwortliche mit Apache HTTP Servern sollten die Software zügig auf den neuen Stand bringen.

Projekte unter dem Apache-Schirm sind begehrte Ziele bei Cyberkriminellen. Mitte April haben bösartige Akteure Sicherheitslücken in Apache ActiveMQ Broker [13] und ActiveMQ angegriffen.

Siehe auch:


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11284090

Links in diesem Artikel:

  1. https://httpd.apache.org/security/vulnerabilities_24.html
  2. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-23918
  3. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-24072
  4. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-29169
  5. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-34059
  6. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-29168
  7. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-33523
  8. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-33007
  9. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-34032
  10. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-33857
  11. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-33006
  12. https://nvd.nist.gov/vuln/detail/CVE-2026-28780
  13. https://www.heise.de/news/Angreifer-attackieren-Apache-ActiveMQ-Broker-Apache-ActiveMQ-11262046.html
  14. https://www.heise.de/download/product/apache-webserver-927?wt_mc=intern.red.download.tickermeldung.ho.link.link
  15. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
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Microsoft 365 soll Vertraulichkeit-Labels besser beachten

Von Heise — 06. Mai 2026 um 12:18
Apps von Microsoft 365

(Bild: Tada Images / Shutterstock.com)

In Microsoft-365-Dokumenten lassen sich Vertraulichkeit-Labels vergeben. Künftig sollen die stärker berücksichtigt werden.

Die Apps aus Microsoft 365 kennen Vertraulichkeits-Labels. Damit können Dateien als „Privat“, „Öffentlich“, „Allgemein“, „Vertraulich“ oder gar „Streng vertraulich“ klassifiziert und etwa Richtlinien beim Kopieren und Verschieben zwischen lokalen und Cloudspeichern angewendet werden. Diese Labels soll nun auch die als „Connected Experience“ eingebundene automatische Analyse seitens Microsoft respektieren.

Das hat Microsoft im Microsoft-365-Admin-Center angekündigt (MC1297982, Kopie bei merill.net [1]). Die Entwickler erweitern die auch von Microsoft als Vertraulichkeitsbezeichnung [2] genannten Labels, sodass die serverseitige Analyse für die „Connected Experience“ gegebenenfalls unterbleibt [3]. Dahinter verbergen sich (KI-)Funktionen, die etwa die auf OneDrive liegenden Office-Dokumente untersuchen und Designempfehlungen, Vorschläge für Verbesserungen, Dateneinsichten und Ähnliches liefern.

Mitte Mai will Microsoft demnach mit dem Rollout anfangen. Das Berücksichtigen der Labels soll ohne weitere Konfigurationsänderungen durch Admins funktionieren. Sofern das Feature aktiv ist, sendet Microsoft 365 die Dateien nicht mehr an die Inhaltsanalyse und verbessert dadurch den Datenschutz. Microsoft erwähnt explizit die Apps Excel, PowerPoint und Word, für die das gilt.

Öffentliche Vorschau startet Mitte Mai

Microsoft will die öffentliche Vorschau auf die Anpassung ab Mitte Mai verteilen und bis Ende Mai abschließen. Die allgemeine Verfügbarkeit folgt früh im Juni und soll bis Monatsende abgeschlossen sein. Insbesondere Organisationen, die Microsoft Purview einsetzen, sowie Nutzerinnen und Nutzer, die Dateien mit dem Vertraulichkeits-Label „Prevent some connected experiences that analyze content“ verwenden, kommen in den Genuss der besseren Privatsphäre.

Bislang hatten derart markierte Dateien lediglich einige Analyse-Komponenten der Connected Experience blockiert, das soll nun vollumfänglich wirken. Das betrifft explizit auch die KI-gestützten Inhaltsanalysen, also Microsofts Copilot.

Im vergangenen September hatte das BSI Tipps zu Microsoft Office gegeben [4], wie es sich sicherer konfigurieren lässt.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11283866

Links in diesem Artikel:

  1. https://mc.merill.net/message/MC1297982
  2. https://support.microsoft.com/de-de/office/anwenden-von-vertraulichkeitsbezeichnungen-auf-ihre-dateien-2f96e7cd-d5a4-403b-8bd7-4cc636bae0f9
  3. https://learn.microsoft.com/en-us/microsoft-365-apps/privacy/connected-experiences
  4. https://www.heise.de/news/IT-Security-BSI-gibt-Tipps-zu-Microsoft-Office-und-warnt-vor-Restrisiken-10643234.html
  5. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  6. mailto:dmk@heise.de

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Jetzt patchen! Attacken auf WordPress-Plug-in Breeze Cache beobachtet

Von Heise — 06. Mai 2026 um 10:47

(Bild: Sashkin/Shutterstock.com)

Derzeit haben Angreifer WordPress-Websites mit dem Plug-in Breeze Cache im Visier und platzieren Hintertüren auf Servern.

Sicherheitsforscher warnen, dass Angreifer seit April dieses Jahres eine „kritische“ Sicherheitslücke im WordPress-Plug-in Breeze Cache ausnutzen. Im Anschluss gelten Seiten als kompromittiert. Eine dagegen gerüstete Version des Plug-ins steht zum Download bereit. Attacken sind aber nicht ohne Weiteres möglich.

Hintergründe zur Schwachstelle

Vor den Attacken warnen Sicherheitsforscher von Wordfence in einem Beitrag [1]. Der Plug-in-Website zufolge weist Breeze Cache derzeit mehr als 400.000 aktive Installationen auf [2]. Diese Websites sind potenziell attackierbar. Angriffe sind aber nur möglich, wenn die Funktion „Host Files Locally – Gravatars“ aktiv ist, was standardmäßig nicht der Fall ist. Web-Admins sollten sicherstellen, dass die gegen die Attacken geschützte Version 2.4.5 installiert ist.

Die Sicherheitsforscher geben an, dass sie in der Spitze knapp 5000 Exploitversuche an einem Tag beobachtet haben. Insgesamt geben sie an, dass sie mittlerweile mehr als 30.000 Angriffsversuche dokumentiert haben. Aufgrund einer unzureichenden Validierung von Dateien können Angreifer ohne Authentifizierung an der Sicherheitslücke (CVE-2026-3844 „kritisch“) ansetzen und Schadcode hochladen. Darüber platzieren sie unter anderem Hintertüren auf Servern. Dem Entdecker der Schwachstelle hat Wordfence eigenen Angaben zufolge eine Bug-Bounty-Prämie von knapp 2700 US-Dollar gezahlt.

In ihrem Beitrag führen die Forscher aus, wo das Sicherheitsproblem konkret liegt. Außerdem zeigen sie, wie Angreifer vorgehen. Überdies geben sie unter anderem Hinweise auf IP-Adressen der Angreifer. Daraus können Admins Indicators of Compromise (IoC) ableiten, um bereits attackierte Instanzen einzugrenzen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11283738

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.wordfence.com/blog/2026/05/attackers-actively-exploiting-critical-vulnerability-in-breeze-cache-plugin/
  2. https://wordpress.org/plugins/breeze/
  3. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  4. mailto:des@heise.de

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FSFE warnt: NHS sollte quelloffenen Code nicht depublizieren

Von Heise — 06. Mai 2026 um 09:31
Ai-powered,Automated,Debugging,Or,Troubleshooting.,Artificial,Intelligence,Diagnostics,And,Detection.

Die Buchstaben AI umfliegen Haken und Warndreiecke.

(Bild: tadamichi/Shutterstock.com)

Die Free Software Foundation Europe warnt vor dem Umstellen der NHS-Code-Repositories auf Privat aus Angst vor KI-Schwachstellensuche.

Berichten zufolge plant der englische National Health Service (NHS England), die meisten seiner öffentlichen Quelltext-Repositories auf „Privat“ umzustellen, warnt die Free Software Foundation Europe (FSFE [1]) aktuell. Das scheint als Reaktion auf die Sorge zu erfolgen, dass öffentliche Quelltext-Repositorys mittels Künstlicher Intelligenz [2] auf Schwachstellen untersucht werden könnten.

Die FSFE gibt in einer Meldung [3] dazu an, dass eine interne Richtlinie mit dem Titel „SDLC-8“ erfordere, öffentlich zugängliche Repositories auf „Privat“ umzustellen, außer in Fällen, in denen eine explizite Ausnahme genehmigt wird. Die FSFE sieht darin einen Schritt in die falsche Richtung. Bereits veröffentlichte Repositories offline zu nehmen schützt nicht davor, dass Angreifer bereits aufgesetzte Systeme, Abhängigkeiten, Schnittstellen und Binärdateien analysieren.

Depublizieren macht Code nicht „ungesehen“

Das Depublizieren der Quellcodes mache diesen nicht ungesehen – ebenso wenig entfernt das bereits existierende Kopien. Zudem handele es sich um keine effektive Sicherheitsmaßnahme. Stattdessen entferne der Schritt eine fundamentale Säule der Sicherheit, nämlich die Möglichkeit von unabhängigen IT-Experten, IT-Forschern und anderen öffentlichen Institutionen, den Code zu inspizieren, weiterzuverwenden und zu verbessern sowie Sicherheitslücken darin zu melden, erörtert die FSFE.

Johannes Näder, Senior Policy Project Manager bei der FSFE, äußerte sich auch dazu: „Das Zurückziehen von öffentlich zugänglichem Code ist keine Sicherheitsstrategie. ‚Security by Obscurity’ gilt schon seit Langem nicht mehr als wirksame Sicherheitsmaßnahme. Die Umstellung von Repositorys auf den privaten Modus schützt die NHS-Systeme nicht. Sie schränkt lediglich ein, wer bei der Suche nach und Behebung von Problemen helfen kann.“

Gegenüber The Register [4] sagte ein NHS-England-Sprecher, dass es sich lediglich um eine temporäre Maßnahme handele, um die Cybersicherheit zu stärken und abzuwägen, welche Auswirkungen die rasanten Entwicklungen der KI-Modelle haben. Man werde weiterhin Quellcode veröffentlichen, wenn es einen klaren Bedarf gebe.

Eine der Kernforderungen der FSFE ist, dass aus öffentlichen Mitteln finanzierte Software als freie Software veröffentlicht werden soll. Die bisherigen NHS-Richtlinien sähen das bislang ebenso vor. Neuer Source-Code für öffentliche Dienste sollte offen und wiederbenutzbar sein, da öffentliche Dienste auf öffentlichen Geldern fußen. Die Vorgaben für UK-Behörden sehen das ebenso vor, mit nur eng begrenzten Ausnahmen. Die FSFE fordert daher den NHS England auf, alle Richtlinien zu standardmäßig als privat behandelten Quellcode zurückzuziehen und sich dazu zu bekennen, dass freie Software der Standard für öffentlich finanzierte Software bleibe.

Die FSFE hatte im März dieses Jahres Probleme [5] mit einem Zahlungsdienstleister zur Spendenabwicklung gemeldet. Dafür wurde eine Lösung gefunden.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11283406

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.heise.de/thema/Free-Software-Foundation
  2. https://www.heise.de/thema/Kuenstliche-Intelligenz
  3. https://fsfe.org/news/2026/news-20260504-01.en.html
  4. https://www.theregister.com/2026/05/05/nhs_to_closesource_hundreds_of_repos/
  5. https://www.heise.de/news/Zahlungsanbieter-Nexi-kuendigt-Free-Software-Foundation-Europe-11214255.html
  6. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
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Domain-driven Design: Beschreibungssprache ESDM legt das Modell neben den Code

Von Heise — 06. Mai 2026 um 09:07
Gruppe von Menschen aus verschiedenen Ländern, die gemeinsam in einem Coworking-Space arbeiten.

(Bild: GaudiLab/Shutterstock.com)

Die Event-sourced Domain Modeling Language beschreibt Event-getriebene Domänen als YAML neben dem Code und macht das Modell mit derselben Werkzeugkette prüfbar.

Domain-driven Design (DDD) und Event Sourcing leben von einem präzisen Vokabular. Aggregates, Bounded Contexts, Process Managers, Read Models, Context Mappings: Wer in diesen Begriffen denkt, hat ein gemeinsames Werkzeug, um über fachliche Systeme zu sprechen. Solange das Gespräch während eines Workshops live stattfindet, funktioniert das verlässlich. Das Modell ist konsistent, weil alle Beteiligten es gleichzeitig im Kopf tragen.

Sobald der Workshop jedoch endet, beginnt das Problem. Das Modell verlässt den Raum nicht als gemeinsames Artefakt, sondern als Sammlung von Bruchstücken: ein paar Folien aus dem letzten Review, ein Whiteboard-Foto, eine README.md, verstreute Code-Kommentare, vielleicht ein Diagramm im Wiki. Jede dieser Quellen ist plausibel, aber keine ist autoritativ. In diesem Beitrag stelle ich die von meiner Firma the native web entwickelte Sprache ESDM (Event-Sourced Domain Modeling) [1] vor und beschreibe, warum sie aus meiner Sicht die richtige Antwort auf dieses Problem ist.

Wohin Modelle verschwinden, sobald der Workshop endet

Das eigentliche Drama spielt sich in den Wochen nach dem Workshop ab. Ein Entwickler reicht eine Refactoring-Änderung ein, die einen Aggregatnamen umbenennt. Das Code Review winkt sie durch. Niemand denkt an die Folien, niemand öffnet das Wiki, niemand sucht das Whiteboard-Foto wieder heraus. Das Modell auf der Platte verändert sich, das Modell im Kopf der anderen bleibt unverändert, und der Drift beginnt.

Sechs Monate später kommt eine neue Kollegin ins Projekt. Sie liest die Folien aus dem Onboarding, weil das die einzige zusammenhängende Beschreibung ist, die sie findet. Was sie liest, stimmt nicht mehr mit der Realität überein. Ein Bounded Context heißt anders, ein Event existiert nicht mehr, ein ehemals Aggregat ist in zwei zerlegt worden. Die Folien sind kein Modell, sie sind ein Foto eines Modells aus einem bestimmten Monat.

In dieser Lage gibt es eigentlich nur drei mögliche Quellen der Wahrheit, und keine davon ist eine gute: Die Folien sind veraltet, das Wiki ist veraltet, und der Code beschreibt das Modell nicht, sondern führt es aus. Wer die fachliche Wahrheit wissen will, muss aus dem Code rückwärts rekonstruieren, was die ursprüngliche Idee einmal war. Das ist anstrengend, fehleranfällig und nicht skalierbar.

Der Kern des Problems ist, dass das Modell kein erstklassiges Artefakt ist. Es hat keinen festen Ort, kein verbindliches Format, keine prüfbaren Eigenschaften. Es ist nirgendwo zu Hause, also lebt es überall ein bisschen, und überall ein bisschen heißt im Zweifel nirgendwo richtig.

Was eine Modellierungssprache eigentlich leisten muss

Aus diesem Befund ergibt sich eine ziemlich genaue Anforderungsliste an eine Lösung. Das Modell muss versionierbar sein, also als Text vorliegen, den eine Versionsverwaltung sinnvoll diffen kann. Es muss neben dem Code im Repository leben, damit derselbe Pull-Request, der den Code ändert, auch das Modell einbezieht.

Es muss prüfbar sein, in dem Sinne, dass eine Maschine bestimmte strukturelle Aussagen über das Modell automatisch validieren kann. Ob jedes Aggregat seine Events benennt, ob jedes Event einen Erzeuger hat, ob jeder Context-Mapping-Verweis auf einen tatsächlich existierenden Bounded Context zeigt: Solche Fragen darf nicht der Lesende beantworten müssen, sondern die Werkzeugkette.

Es muss von Werkzeugen lesbar sein, also einer eindeutigen Grammatik folgen. Sobald das Format steht, lassen sich Validatoren, Generatoren, IDE-Integrationen und KI-gestützte Modellierungswerkzeuge dagegen bauen. Dieser Punkt klingt wie ein Nebensatz, ist aber der Hebel, der eine Sprache von einer Konvention unterscheidet.

Und es muss frei von Dialekten sein. Ein Format, das sich pro Team konfigurieren lässt, beschreibt am Ende keine gemeinsame Sprache, sondern eine Familie verwandter Privatsprachen. Der Wert eines geteilten Modells kollabiert, sobald jedes Projekt seine eigenen Regeln zuschneidet. Wer sich auf die Sprache verlassen können will, braucht eine Sprache, die nicht jede Stelle einzeln aushandelbar ist.

ESDM legt das Modell neben den Code

ESDM, kurz für Event-Sourced Domain Modeling, ist genau die Sprache, die diesen Anforderungen entspricht. Die YAML-basierte Sprache mit eingebauter Werkzeugkette ist auch für den kommerziellen Einsatz kostenfrei. Modelle bestehen aus Dateien mit der Endung .esdm.yaml, jede Datei enthält ein oder mehrere Dokumente, jedes Dokument deklariert eine apiVersion und einen kind-Eintrag und beschreibt damit genau ein Element der Domäne.

Die Werkzeugkette ist ein einziges Binary, das auf macOS, Linux und Windows läuft. Das Schema, gegen das die Werkzeuge validieren, ist im Binary eingebettet, nicht aus dem Netz nachgeladen. Das macht ESDM vollständig offline-fähig: Es funktioniert in abgeschotteten Build-Umgebungen, in CI-Runnern ohne ausgehende Netzverbindung und auf dem Laptop im Zug.

Der Effekt dieses Aufbaus ist greifbar. Das Modell liegt nicht mehr in einem entfernten System, sondern direkt im Repository, in einem Verzeichnis neben dem Code. Wer den Code bearbeitet, sieht das Modell. Wer das Modell bearbeitet, sieht es im Diff des Pull Request. Niemand muss sich daran erinnern, dass es das Modell gibt; es liegt sichtbar im Verzeichnisbaum.

Genauso wichtig ist, was sich dadurch im Review-Verhalten verändert. Sobald das Modell Teil des Repositorys ist, wird es Teil des Code-Reviews. Eine Refactoring-Änderung, die einen Aggregatnamen umbenennt, muss die entsprechende .esdm.yaml-Datei in derselben Änderung mitbewegen, sonst meldet der Linter den Bruch. Der Drift wird nicht durch Disziplin verhindert, sondern durch die Werkzeugkette.

Vokabular und Erweiterungen

Inhaltlich deckt ESDM das Vokabular ab, mit dem Domain-driven Design und Event Sourcing operieren. Domains und Subdomains beschreiben den fachlichen Rahmen. Bounded Contexts grenzen Vokabularien voneinander ab. Aggregates, Dynamic Consistency Boundaries (DCBs) und Process Manager tragen die Konsistenzregeln. Events und Commands tragen die Fakten und die Absichten. Read Models und Queries beschreiben die Leseseite. Context Mappings beschreiben, wie Bounded Contexts sich aufeinander beziehen. Actors, Domain Services, Event Handler, Policies und External Systems schließen die Lücken, die in realen Systemen sonst implizit bleiben.

Damit deckt der Kern den Schreib- und Leseweg eines Event-getriebenen Systems ab, von der Absicht über das Faktum bis zur projizierten Sicht. Das Modell ist nicht ausführbar; es beschreibt das Was, nicht das Wie. Diese Trennung ist die Voraussetzung dafür, dass dasselbe Modell für unterschiedliche Implementierungen tragen kann, ohne sich an eine Laufzeit zu binden.

Über den Kern hinaus gibt es Erweiterungen, die Artefakte rund um das eigentliche Modellieren beschreiben. Die Domain-Storytelling-Erweiterung [2] hält Entdeckungsgeschichten als eigene Dokumentenart fest, mit Akteurinnen und Akteuren, Arbeitsobjekten und den Aktivitäten, die sie verbinden. Die Given-When-Then-Erweiterung [3] erfasst Verhaltensbeispiele, also vorausgehende Events, eine auslösende Handlung und die erwarteten Ausgänge.

Beide Erweiterungen folgen denselben Konventionen wie der Kern und werden von derselben Werkzeugkette validiert. Sie injizieren aber keine neuen Bausteine in den Kern, und ein Kerndokument validiert nie gegen ein Erweiterungsschema. Diese Asymmetrie ist bewusst: Sie hält den Kern schmal und erlaubt es trotzdem, die Oberfläche der Sprache mit der Zeit wachsen zu lassen, ohne den Bestand zu gefährden.

Die Versionierung des Schemas folgt derselben Disziplin, die Sie aus Kubernetes-API-Gruppen kennen. Jedes Dokument deklariert eine apiVersion, und diese Version bindet das Dokument an eine konkrete Schema-Generation. Non-breaking Changes erhöhen die Schema-Revision, ohne die apiVersion anzufassen; Breaking Changes wandern in eine neue Hauptversion, und alte Dokumente validieren weiter gegen das alte Schema. Stabilität ist die Voreinstellung, Wechsel sind eine bewusste Entscheidung.

Der Linter hält das Modell sauber

Im Zentrum der Werkzeugkette steht der Linter. Er liest die .esdm.yaml-Dateien unter einem Verzeichnis, parst sie gegen das eingebettete Schema, prüft eine feste Liste struktureller und modellierender Regeln und meldet jede Verletzung als Diagnose mit Datei, Zeile und Spalte. Eine saubere Modellierung erzeugt keine Ausgabe und verlässt das Werkzeug mit Statuscode 0.

Der feste Regelkatalog ist eine bewusste Entscheidung. Es gibt keine Projektkonfigurationsdatei, keine Severity-Schalter, kein Abschalten einzelner Regeln. Eine Regel gilt oder sie gilt nicht; diese Entscheidung trifft die Werkzeugkette, nicht das Repository. Der Preis dafür ist, dass eine Regel gelegentlich strenger wirkt, als die konkrete Situation zu verlangen scheint. Der Gewinn ist, dass jedes ESDM-Modell, egal von welchem Team, dieselben Eigenschaften garantiert. Eine Sprache mit Schaltern beschreibt am Ende viele Sprachen mit demselben Namen, und der Wert des gemeinsamen Modells geht verloren.

Diagnosen sind Orte, keine Stack Traces. Jede Meldung verweist auf eine Datei, eine Zeile und eine Spalte und beschreibt das Problem in einem kurzen Satz, der das Vokabular der Modellierenden spricht, nicht das der Werkzeugkette. Es gibt keine Fehlernummern, die in einer Tabelle nachgeschlagen werden müssten, und keine internen Aufrufketten, die nach außen sichtbar wären.

Die volle Wirkung entfaltet der Linter, sobald er in der Continuous-Integration-Pipeline läuft. Ein Pull Request, der ein Aggregat umbenennt, ohne das Modell mitzuziehen, scheitert am CI-Schritt und wird nicht gemergt. Ein neues Event ohne Erzeuger oder ohne Konsumenten scheitert genauso. Der Drift, der vorher durch Disziplin verhindert werden musste, wird durch eine kurze, präzise Diagnose verhindert.

Konsistent mit ESDM

Konkret zahlt sich diese Architektur in mehreren Szenarien aus. Im Event-Storming-Workshop oder in der Domain-Storytelling-Sitzung gibt ESDM den Entdeckungen einen Ort, an dem sie überleben. Statt nach dem Workshop Fotos zu archivieren, schreibt man die Events, Commands, Akteurinnen und Akteure und Bounded Contexts in .esdm.yaml-Dateien und bekommt sofort Rückmeldung, ob das Modell intern konsistent ist. Ein Aggregat, das keine Events besitzt, ein Command, das niemand publiziert, ein Process Manager ohne Auslöser: Solche Lücken zeigt der Linter, bevor sie sich als unausgesprochene Annahmen verfestigen.

Bei einem bestehenden System, dessen Modell nur in den Köpfen der Beteiligten existiert, lässt sich ESDM als nachträgliches Beschreibungswerkzeug einsetzen. Beginnen Sie mit den Konsistenzeinheiten: jedes Aggregat, jeden Process Manager, jede Dynamic Consistency Boundary (DCB), jedes Read Model. Listen Sie die Events auf, die jeweils publiziert werden, und die Commands, die akzeptiert werden. Die Übung selbst legt Lücken frei, und am Ende steht ein Modell, das mit dem Code mitwachsen kann, statt ihm hinterherzulaufen.

Sobald das Modell vorliegt, wird es zum natürlichen Gesprächsformat mit fachlichen Stakeholderinnen und Stakeholdern. Der view-Befehl rendert das Modell als hierarchische Übersicht, von der Domäne über die Subdomains und Bounded Contexts bis hinunter zu den Konsistenzeinheiten und ihren Events und Commands. Diese Übersicht ist auf Knopfdruck verfügbar und entspricht garantiert dem Quellzustand. Domänenexpertinnen und Domänenexperten lesen darin dieselben Begriffe, die sie selbst verwenden, und können ohne Umweg über Implementierungsdetails Rückmeldung geben.

In Systemen mit mehreren Teams und gemeinsamen Bounded Contexts macht ESDM die Verträge zwischen den Teams explizit. Ein Context Mapping beschreibt die Beziehung zwischen zwei Bounded Contexts, ein teamübergreifender Event-Verweis ist eine geprüfte Tatsache und keine Vermutung. Was zwischen zwei Teams einmal vereinbart und im Modell festgehalten ist, prüft die Werkzeugkette danach automatisch. Die fachliche Annahme ist nicht mehr nur eine geteilte Erinnerung, sondern eine prüfbare Aussage.

Schließlich passt ESDM erstaunlich gut zu Workflows mit KI-Unterstützung. Das YAML ist schlicht genug, dass große Sprachmodelle es direkt lesen und schreiben, und das fixierte Schema und das benannte Vokabular geben dem Modell genau die Leitplanken, die es braucht, um etwas Kohärentes zu produzieren. Ein Modell aus einem Domänengespräch zu skizzieren oder aus einem Code-Bestand Kandidaten für Aggregates und Events zu extrahieren, sind Aufgaben, die sich mit dem ESDM-Vokabular zuverlässiger und überprüfbarer lösen lassen, als wenn das Modell in Prosa beschrieben wird.

Was ESDM bewusst nicht ist

Genauso wichtig wie die Beschreibung dessen, was ESDM ist, ist auch die Abgrenzung zu dem, was es nicht ist. ESDM ist kein Eventstore. Es speichert und liest keine Ereignisse, es legt nichts in eine Datenbank ab. ESDM beschreibt lediglich, welche Events es überhaupt geben soll.

ESDM ist auch kein Framework. Es schreibt keinen Programmierstil vor, keine Klassenhierarchie, keine Annotationen, keinen bestimmten Aufbau eines Service. Welche Sprache, welches Framework, welche Bibliothek Sie für die tatsächliche Implementierung verwenden, bleibt vollständig Ihnen überlassen. ESDM mischt sich in diese Entscheidungen nicht ein.

ESDM ist kein Codegenerator und keine Laufzeitumgebung. Es erzeugt aus dem Modell keine Klassen, keine Migrationen, keine API-Endpunkte. Es führt nichts aus. Diese Entscheidung ist keine Lücke, sondern Programm: Eine Modellierungssprache, die zugleich generieren oder ausführen will, zwingt mich zu Laufzeitentscheidungen, und eine Laufzeit, die zugleich modelliert, vergräbt das Modell unter Implementierungsdetails.

ESDM hält die beiden Seiten getrennt. Es ist eine deskriptive Schicht, die neben dem Code lebt und das Modell ehrlich hält, und es ist genau das, nichts darüber hinaus. Diese Sparsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass ESDM sich frei mit dem kombinieren lässt, was Sie tatsächlich in Produktion betreiben.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11279687

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.esdm.io/
  2. https://www.esdm.io/extensions/domain-storytelling/introduction/
  3. https://www.esdm.io/extensions/given-when-then/introduction/
  4. mailto:rme@ix.de

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heise+ | Zweieiige Zwillinge: Honor 600 und 600 Pro im Vergleichstest

Von Heise — 06. Mai 2026 um 14:30

Die beiden Honor-Smartphones sehen ähnlich aus, liegen allerdings leistungsmäßig ein ganzes Stück auseinander – und auch preislich.

Smartphones der oberen Mittelklasse [1] [1] sollen in puncto Leistung und Ausstattung wie die teuren Luxusmodelle wirken, müssen aber preislich deutlich drunter bleiben – ein echter Spagat für die Hersteller. Mit dem Honor 600 und dem 600 Pro reizt der Hersteller die Spanne innerhalb dieser Preisklasse weit aus.

Die unverbindliche Preisempfehlung des Honor 600 liegt bei knapp 650 Euro, das 600 Pro sortiert sich mit 1000 Euro eine Etage höher ein. Diese Preise dürften allerdings kaum je verlangt werden: Zum Start gewährt Honor einen Monat lang 100 beziehungsweise 200 Euro Preisnachlass und legt noch etwas Zubehör mit ins Paket. Schwer vorstellbar, dass man für die Smartphones nach der Einführungsphase wirklich den vollen UVP zahlen muss.

Beim Design gehen die beiden Geschwister Hand in Hand, sie sehen sich sehr ähnlich. Ein Rahmen aus Metall verbindet Glasflächen vorne und hinten. Die Rückseite ist weitestgehend matt gehalten; nur der obere Bereich, in dem die Kamera sitzt, ist glänzend ausgeführt – und sammelt schnell feinen Schmutz und Fingerabdrücke ein, sehr zum Missfallen unseres Redaktionsfotografen. Im Rahmen steckt außer den üblichen Tasten zum Einschalten und für die Lautstärke ein weiterer Knopf, der die Kamera auslöst oder KI-Funktionen aktiviert. Die Verarbeitung der Smartphones, die nach IP68/IP69K gegen Untertauchen, Strahlwasser und Staub geschützt [8] [8] sind, ist dem Hersteller gut gelungen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11209888

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.heise.de/thema/Smartphone
  2. https://www.heise.de/tests/Zweieiige-Zwillinge-Honor-600-und-600-Pro-im-Vergleichstest-11209888.html
  3. https://www.heise.de/tests/Ein-teurer-Spass-Kamera-Smartphone-Vivo-X300-Ultra-im-Test-11249071.html
  4. https://www.heise.de/tests/Billiger-ist-besser-Nothing-Phone-4a-und-4a-Pro-im-Test-11257905.html
  5. https://www.heise.de/ratgeber/High-End-Smartphones-2026-Stagnation-statt-Innovation-11199992.html
  6. https://www.heise.de/tests/High-End-Smartphones-iPhone-Pixel-und-Galaxy-im-Vergleich-11173362.html
  7. https://www.heise.de/tests/Honor-Oppo-Xiaomi-im-Vergleich-High-End-Smartphones-aus-China-11173368.html
  8. https://www.heise.de/tests/Honor-Magic8-Pro-und-Magic8-Lite-Android-Smartphones-im-Vergleich-11087939.html

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DNS-Probleme: .de-Domains nicht erreichbar

Von Heise — 05. Mai 2026 um 23:24

(Bild: Shutterstock.com; SuPatMaN)

Ein Problem im Domain Name System verhindert, dass .de-Domains aufgelöst werden – unabhängig von Providern und DNS-Anbietern.

Wenn Sie diese Nachricht auf heise.de [1] am Abend des 5. Mai lesen, war die IP-Adresse für die Domain heise.de noch in einem DNS [2]-Cache gespeichert. Wer hingegen in den Abendstunden versucht, eine deutsche .de-Domain aufzulösen, erhält vom DNS-Server regelmäßig die Antwort NXDOMAIN.

Erste Hinweise auf das Problem erreichten uns gegen 21:50. Für Nutzer äußert sich das Problem durch nicht funktionierende Apps (wie die der Deutschen Bahn), Fehlermeldungen im Browser und im Mailprogramm. Einen Ausweg für Nutzer gibt es derzeit noch nicht. Es hilft auch nicht, den DNS-Anbieter auf dem eigenen Rechner oder im Router zu ändern – die Fehler treten sowohl mit den DNS-Servern von Google (8.8.8.8), Cloudflare (1.1.1.1) als auch mit denen der Provider selbst auf. Das Problem ist auch nicht auf einzelne Internet Provider beschränkt, sondern betrifft alle DNS-Server, die DNSSEC validieren.

Spurensuche

Die Spurensuche mit dem Kommandozeilenwerkzeug dig führt zu einem Konfigurationsfehler für die Zone .de:

dig @8.8.8.8 "de."
[...]RRSIG with malformed signature found for de/soa (keytag=33834)

Ein RRSIG-Eintrag enthält eine digitale Signatur, die die Echtheit einer DNS-Antwort bestätigt. Der SOA-Eintrag für die Zone .de ist aktuell nicht gültig signiert.

Das Werkzeug dnsviz [3] zeigt, wo das Problem liegt: Der Eintrag für den SOA (Start of Authority) für .de ist ungültig signiert.

Die für .de-Domains zuständige Denic hat auf Ihrer Status-Website (status.denic.de) kurz nach 22:55 Uhr einen Hinweis veröffentlicht: Es bestehe eine „Partial Service Disruption“. Weitere Informationen folgen.

Temporäres Problem am DNS. Die Denic hat das Problem erkannt.

Hotfix: Nicht-validierender DNS-Server

Wer in den Abendstunden auf .de-Domains angewiesen ist, kann zur Umgehung des Problems einen DNS-Server im eigenen Router oder in den Netzwerkeinstellungen des Computers hinterlegen, der DNSSEC nicht validiert. Ein solcher wird zum Beispiel von Level 3 unter den Adressen 4.2.2.1 und 4.2.2.6 betrieben. Quad9 betreibt einen nicht-validierenden Server unter der Adresse 9.9.9.10.

Update

Denic hat um 23:28 ein Statusupdate auf seiner Website veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: „DENIC eG is currently experiencing a disruption in its DNS service for .de domains. As a result, all DNSSEC-signed .de domains are currently affected in their reachability.“ Das deckt sich nicht mit unseren Beobachtungen: Betroffen sind auch .de-Domains, die nicht mit DNSSEC signiert sind. Weiter schreibt DENIC: „The root cause of the disruption has not yet been fully identified. DENIC’s technical teams are working intensively on analysis and on restoring stable operations as quickly as possible.“ Kontaktieren könne man die Genossenschaft „via the usual channels“ – E-Mails an die Domain denic.de [4] dürften derzeit nicht der beste Kanal sein.

Unterdessen hat Cloudflare, Betreiber des DNS-Servers 1.1.1.1, reagiert. Über den Nachrichtendienst X gab Dane Knecht, CTO bei Cloudflare [5], bekannt, dass man die DNS-Validierung für .de-Domains deaktiviert habe. Im RFC 7646 [6] wurde dafür ein Verfahren vorgesehen.


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  5. https://x.com/dok2001/status/2051780920982528488
  6. https://datatracker.ietf.org/doc/html/rfc7646
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Behörde für abgesicherte Ausweise geknackt: 15-Jähriger verhaftet

Von Heise — 05. Mai 2026 um 22:46
Flagge Frankreichs

(Bild: Tatoh/Shutterstock.com)

Millionen Datensätze aus französischen „abgesicherten Ausweisen” gerieten in falsche Hände. Kein fremder Geheimdienst, sondern ein Bursche ist verdächtig.

19 Millionen Datensätze der französischen Behörde für abgesicherte Ausweise (ANTS) sind im April online feilgeboten [1] worden. Daraufhin musste die ANTS einen Einbruch in ihr System beichten. Immerhin hat es nicht lange gedauert, bis ein Verdächtiger in Polizeigewahrsam genommen wurde: Ein 15-jähriger Bursche steht offiziell unter Verdacht, zu der illegalen Datenbeschaffung beigetragen zu haben. Ihm drohen bis zu sieben Jahre Gefängnis und bis zu 300.000 Euro Geldstrafe.

Das hat die Pariser Staatsanwaltschaft am Donnerstag bekanntgegeben. Ein Untersuchungsrichter befasst sich nun mit dem Fall. Der minderjährige Verdächtige soll hinter dem Pseudonym breach3d stecken, unter dem der Datensatz online zum Kauf angeboten wurde. Laut Mitteilung der Ausweisbehörde ANTS vom 21. April enthalten die erbeuteten Datensätze Username, Anrede, Vor- und Nachname, E-Mail-Adresse, Geburtsdatum, Kontonummer und, für einen Teil der Konten, zusätzlich Postadresse, Geburtsort und Telefonnummer. Das Amt hat die Echtheit der feilgebotenen Datensätze bestätigt.

C'est embarassant

Die ANTS (Agence nationale des titres sécurisés) ist auch als France Titre bekannt. Es handelt sich um eine Abteilung des französischen Innenministeriums. Sie ist zuständig für die Ausstellung von Reisepässen, Personalausweisen, sowie Führerscheinen für Straßenfahrzeuge und Motorboote, zudem für Dokumente über die Zulassung von Kraftfahrzeugen, Aufenthaltstitel, Visa und eine Reihe weiterer Ausweise und Dokumente für Aufenthalte und Grenzübertritte. Gedruckt werden die Papiere allerdings von der Staatsdruckerei (Imprimerie nationale).

Stecken tatsächlich keine gut ausgerüsteten, feindlichen Spione oder andere organisierte Verbrecher hinter dem Vorfall, sondern ein einzelner Jugendlicher, wäre das kein Ruhmesblatt für das französische Innenministerium. Wie der illegitime Zugriff auf die Datenbank gelungen ist, sagen weder ANTS noch Staatsanwaltschaft.

Spricht die ANTS von 11,7 Millionen Datensätzen, gibt die Staatsanwaltschaft zwölf bis 18 Millionen an [2]. Unklar ist, wann der Täter in die Datenbank eingedrungen ist oder dies bemerkt wurde. Zunächst hieß es, der Vorfall sei am 15. April festgestellt worden, doch die offizielle Information führt aktuell den 15. März an. Die Staatsanwaltschaft nennt den 13. April, Anzeige sei jedoch erst am 16. April erstattet worden. Die Veröffentlichung [3] zwecks Warnung Betroffener ist am 22. April erfolgt.


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  1. https://www.heise.de/news/Behoerde-fuer-abgesicherte-Ausweise-geknackt-Millionen-Franzosen-betroffen-11270525.html
  2. https://www.tribunal-de-paris.justice.fr/sites/default/files/2026-04/2026-04-30%20-%20CP%20interpellation%20fuite%20de%20donn%C3%A9es%20ANTS.pdf
  3. https://www.info.gouv.fr/actualite/france-titres-le-point-sur-l-incident-de-securite
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Darknet Diaries Deutsch: Eine Frau, das Netz und der Terror (Teil 1)

Von Heise — 05. Mai 2026 um 16:02

Shannen Rossmiller ist Richterin und Mutter aus Montana. Sie begibt sich nach den Anschlägen vom 11. September nebenbei online auf die Suche nach Terroristen.

Dies ist der erste Teil von „Eine Frau, das Netz und der Terror". Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Shannen [1]“.

Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert [2] werden.

JACK (Intro): Wie bin ich hier eigentlich gelandet? Ich hab echt,`n seltsamen Job, oder? Ich hätt mir ehrlich gesagt nie vorstellen können, Podcaster zu werden. Oder Autor - ich mein, ich bin im College mindestens zweimal in Englisch durchgefallen.

Es gibt Momente, da trete ich gerne einen Schritt zurück und schau darauf, welche merkwürdigen Lebensereignisse mich an den Punkt gebracht haben, an dem ich jetzt grad bin.

Schauen wir uns zum Beispiel den 11. September 2001 an. Ich bin früh aufgewacht, hab geduscht und bin rüber zum Haus meiner Oma. Sie wollte mich zum FBI fahren. [lachen] Das FBI veranstaltete ne Art Jobmesse und suchte Leute, die sich mit Computern auskannten. Ich kannte mich mit Computern aus. Ich hatte eigentlich keine Ambitionen, fürs FBI zu arbeiten, aber es klang auch nach einem echten Abenteuer. Vielleicht könnte ich Spion werden oder so. Also dachte ich mir: Was soll's, lass uns hinfahren. Lass uns bewerben und sehen, was passiert. Komm schon, Oma, wach auf. Lass uns zum FBI fahren und schauen, ob sie mich einstellen.

Aber während ich bei ihr saß und darauf wartete, dass sie sich fertig machte, schaltete ich den Fernseher ein und die Welt veränderte sich vor meinen Augen. Wir sahen live im Fernsehen dabei zu, wie ein Flugzeug in ein Gebäude in New York City krachte. Sowas hatte ich noch nie live im Fernsehen gesehen. Es war surreal. Wir waren fassungslos, sind aber trotzdem ins Auto und zu dieser Jobmesse. Als wir ankamen, war das FBI nicht da. Die Jobmesse war'n Reinfall. Das FBI hat nichtmal meinen Lebenslauf mitgenommen, um ihn sich vielleicht später anzusehen, und ich hab auch nie wieder versucht, mich da zu bewerben. Kein Vorwurf, dass sie nicht aufgetaucht sind, der Tag war einfach zu irre.

Aber diese FBI-Sache lässt mich über ein Paralleluniversum nachdenken – eines, in dem ich Bundesagent geworden bin und, was weiß ich, euren Podcast höre, anstatt dass ihr meinen hört.

Die Anfänge einer digitalen Ermittlung

JACK: Am 11. September 2001 schaute Shannen Rossmiller genau wie wir alle die Nachrichten. Sie sah es sich allerdings vom Bett aus an. Flugzeuge flogen in Gebäude. Was? Wie? Wer? Warum? An diesem Morgen schwirrten uns allen Millionen von Fragen durch den Kopf. Es war ein tragisches Ereignis. Ein Terroranschlag auf amerikanischem Boden?

Shannen starrte gebannt auf ihren Fernseher. Sie lag an diesem Morgen im Bett und erholte sich von einem Beckenbruch. Sie war eine taffe Frau. Wenn sie im Bett bleiben musste, hieß das, dass sie wirklich schwer verletzt war, denn für kleinere Verletzungen schaltete sie normalerweise keinen Gang runter. Sie hatte viel Biss und Entschlossenheit. Sie hatte auch drei kleine Kinder und einen Ehemann namens Randy. Er war Computertechniker und hatte ein eigenes Geschäft, in dem er Computer reparierte und Netzwerke einrichtete. Shannen war damals zweiunddreißig Jahre alt. Am 11. September war sie Richterin an einem städtischen Gericht, was für eine Zweiunddreißigjährige eine ziemlich ungewöhnliche Rolle ist. Es spricht einfach für ihren Drang zu lernen und ihren Ehrgeiz. Als Richterin verhandelte Shannen typischerweise Fälle von Verkehrsverstößen, Diebstählen und anderen kleineren Vergehen. Sie war eine wichtige Person, die einen wichtigen Job machte. Das alles spielte sich in einer kleinen Stadt namens Conrad in Montana ab.

Es ist ein kleiner Ort; wir sprechen von weniger als dreitausend Einwohnern, aber es ist eine typische kleine amerikanische Stadt, in der sich alle kennen und unterstützen. Es ist ein schöner, ruhiger Ort zum Leben.

Shannen ist also eine extrem fokussierte Frau. Sie nimmt Informationen wahnsinnig schnell auf und mag Herausforderungen wahrscheinlich ein bisschen mehr als die meisten von uns – neue Dinge zu lernen und sich geistig zu pushen, das treibt sie an. Aber als sie versuchte, wieder zur Arbeit zu gehen, nachdem sie gesehen hatte, was am 11. September passiert war, bekam sie diese Ereignisse einfach nicht mehr aus dem Kopf. Jemand hatte die Vereinigten Staaten angegriffen. Sie flogen Flugzeuge in die Twin Towers. Wer würde so etwas tun? Was waren ihre Ideologien? Sie wollte verstehen, was jemanden zu so einer Tat treiben konnte. Aber vor allem war es ein tragisches Ereignis. Viele Menschen starben. Sie wollte Gerechtigkeit für die Toten. Ich meine, genau darauf hatte sie ihre ganze Karriere aufgebaut, oder? Richterin sein und für Gerechtigkeit sorgen. Aber wie bestraft man die Leute, die Flugzeuge in Gebäude geflogen haben? Sie starben beim Absturz.

Es war ne echt verwirrende Zeit damals, alle suchten irgendwie nach Halt, und keiner wusste so recht, wie die nächsten Schritte im Leben aussehen würden.

Der 11. September brachte Shannen an ne Art Weggabelung: Einerseits stolze US-Amerikanerin, die etwas unternehmen wollte, andererseits Richterin, die den Menschen Gerechtigkeit verschafft - und noch dazu war sie unendlich neugierig. All dies zusammen führte dazu, dass sie einen neuen Lebensweg einschlug und sich zu jemandem entwickelte, den sie sich selbst nie hätte vorstellen können.

Das Internet im Jahr 2001 war, na klar, ein ganz anderes als heute. AOL und Einwahlverbindungen waren damals der Weg, um reinzukommen. Das Internet war langsam, also so richtig langsam. Instagram und Tinder wären damals unmöglich gewesen, das Laden nur eines Bildes hätte Minuten gedauert, alle wären zwischendurch eingeschlafen. Aber es war auch in Ordnung, weil wir ja nicht wussten, was eigentlich schnell war. Wir gingen auch nur online, um Sachen nachzuschlagen, E-Mails abzurufen oder mit anderen Leuten zu schreiben, nicht um uns diverse Fotos oder gar Videos anzusehen.

Shannens Ehemann Randy war ein Computertyp, also hatten sie Computer im Haus und waren ziemlich gut vernetzt, und sie setzte sich manchmal dran und schaute sich um. Aber 9/11 brachte sie viel öfter an den Computer. Sie hatte viele Fragen, und online sprachen auch Leute darüber. Also klickte sie sich durch Foren, Websites und Chatrooms und las immer mehr. Sie las alles, was es zu dem Thema gab, und lernte über den radikalen Islam, Dschihadisten und Terrorismus. Die frühen Morgenstunden gehörten ihr.

Randy und die Kinder schliefen noch. Sie stand auf, ging nach unten in das kleine Zimmer, das sie als Computerraum nutzten, schaltete den Rechner ein und wartete die fünf Minuten, bis er hochgefahren war. Sie las alle Nachrichten, die sie über die Anschläge auf die Twin Towers finden konnte, und sie hat eines dieser Gehirne, in denen alles, was sie liest, einfach hängen bleibt. Also las sie und nahm alles auf wie ein Schwamm.

Einen Monat nach den Anschlägen nahm Osama Bin Laden ein Video auf in dem er die Verantwortung dafür übernahm. Er war der Anführer der globalen Terrorgruppe, Al-Qaida. Al-Qaida war für die meisten von uns ein neues Wort. Wir hatten davon noch nie gehört. Shannen lernte über deren Verbindung zum Islam und die radikale Ideologie. Al-Qaida wollte das US-Militär aus dem Nahen Osten haben, und sie waren bereit, ziemlich angsteinflößende Wege zu gehen, um ihrer Botschaft Gehör zu verschaffen. Es schien, als hätten die Vereinigten Staaten einen neuen Feind - - mit dem sie nicht gerechnet hatten und mit dem sie nicht umzugehen wussten. Die USA schickten ihr Militär an Orte auf der ganzen Welt und mischten sich da vielleicht in Gegenden ein, wo sie nichts zu suchen hatten. Die Leute im Internet äußerten ganz unterschiedliche Meinungen zu den Ereignissen. Einige sympathisierten mit Al-Qaida. Das Internet war eine Brutstätte von Chatrooms und Foren, in denen Menschen ihre Meinung sagten. Online ist jeder anonym, selbst in den Anfangstagen des Internets. Tatsächlich war das auch damals schon eine große Verlockung für viele Menschen, die extreme Ansichten vertraten und die verbreiten wollten. Die Anonymität machte es einfach, online Drohungen auszustoßen, ohne dass es Auswirkungen auf das reale Leben hatte.

Shannen hörte in einem Nachrichtenbericht den Namen einer Website. Es hieß, es gäbe dort Chatrooms, die von solchen Leuten genutzt würden. Sie konnte nicht anders, als einen Blick darauf zu werfen. War das der Ort, an dem sich Leute herumtrieben, die die Vereinigten Staaten hassten? Sie ging auf die Website und sah sich um, las die Posts von Leuten aus der ganzen Welt. Einige drückten Mitgefühl aus. Bei anderen steckte Hass hinter den Worten. Sie war fasziniert davon und verbrachte Stunden damit, einfach nur zu lesen und alles in sich aufzusaugen, um all das zu verstehen, was sie nicht verstand. Vieles davon war auch auf Arabisch, und sie musste es übersetzen.

Ende 2002 hatte Shannen online einige Bekanntschaften gemacht, andere Menschen aus aller Welt, die ihre Ansichten teilten. Osama bin Laden war immer noch auf freiem Fuß, und es sah so aus, als würde es keine Gerechtigkeit für die Opfer geben. Sie und ihre neuen Mitstreiter interessierten sich für die Aktivitäten von Al-Qaida und wollten alles dazu miteinander teilen. Sie gründeten eine Gruppe, und sie nannten sich „7-Seas Global Intelligence Security Team“, sie waren sieben Mitglieder aus sieben verschiedenen Ländern .

Die Gruppe traf sich online und tauschte Nachrichtenartikel oder Beiträge, auch aus den abseitigsten Foren aus. Einige der Mitglieder sprachen Arabisch und konnten so leichter auf interessante Beiträge aufmerksam werden, die in bestimmten Chatrooms oder in Forenbeiträgen zu sehen waren. Shannen, die aus Montana stammte, sprach kein Arabisch, aber sie wollte die Sprache lernen, um alles besser recherchieren zu können.

Sie wollte ihre Kultur wirklich verstehen, also fing sie an, hier und da ein bisschen Arabisch zu lernen, zumindest wie man es liest. Obwohl sie sich mit der 7-Seas-Gruppe zusammentat, um Informationen zu teilen, war sie oft als Einzelgängerin unterwegs. Sie erkundete viel auf eigene Faust, ohne der Gruppe zu sagen, was sie gefunden hatte oder was sie vorhatte, und sie war auch ihrem Mann Randy gegenüber nicht ganz ehrlich, wenn es darum ging, was sie online tat. Er wusste, dass sie sich dafür interessierte, aber er wusste nicht, wie besessen sie davon war.

Ab und zu fand sie einen Forenbeitrag oder eine Person in einem Chatroom, die ihr einfach einen Schauer über den Rücken jagte. Wenn Leute online chatten, ist es schwer zu wissen, wann man sie ernst nehmen soll. Die Leute machen viele Witze. Trolle gibt es überall. Aber Shannen spürte, wenn jemand es ernst meinte, und sah manchmal einen Beitrag, der bedrohlich wirkte. So, als ob jemand durch diesen Beitrag wirklich in Gefahr sein könnte. Diese Person, die das postete, könnte wirklich gefährlich sein und versuchen, jemanden zu verletzen. Was macht man da? Das ließ ihr keine Ruhe. Sie vergaß nie die Menschen, die am 11. September ihr Leben verloren hatten.

Als stolze Amerikanerin schien Al-Qaida nun auch ihr Feind zu sein. Aber gleichzeitig wurde sie wie eine Motte vom Licht angezogen. So nach dem Motto: Behalte Deine Freunde im Blick und Deine Feinde im Auge. Sie erkannte, dass ihre Feinde genau dort auf der anderen Seite ihres Bildschirms waren.

Das Internet ist ein Werkzeug, um alle einander näherzubringen. Diese Feinde befanden sich nicht in irgendeinem fernen Land oder in einer Höhle. Sie waren direkt dort in unten in ihrem kleinen Computerzimmer und in ihrem Computer. Diese Nähe faszinierte sie. Sie wollte mit ihnen sprechen, und sie waren ja auch direkt da. Da sie so nah waren, konnte sie mit ihnen sprechen.

Die Geburt einer Undercover-Identität

JACK: Aber es stellte sich die Frage, was sie sagen sollte? Hey, hört mal zu, ihr Halbstarken. Ich bin eine angesehene Richterin, Mutter von drei Kindern, stolze Bürgerin der Vereinigten Staaten, und mir gefällt euer Tonfall nicht. Nein, sie wusste, dass es sie in dieser Situation nicht weiterbringen würde, sie selbst zu sein. Ihr Status im echten Leben hatte hier keine Macht. Aber im Internet kann man jeder sein.

Um ihren Feinden näher zu kommen, wusste sie, dass sie jemand sein musste, der sie nicht war. Ich würde mir jetzt gerne vorstellen, dass sie sich tarnte, indem sie sich Flecktarn überwarf und sich mit Schlamm bedeckte, aber in Wirklichkeit suchte sie sich einfach einen Benutzernamen aus, registrierte sich im Forum oder Chatroom und tat so, als wäre sie selbst ein islamistischer Extremist, einer von ihnen. Aber es ist eigentlich komplizierter als das. Man muss bedenken, dass sie sich nun schon seit Monaten in diesen Foren und Chatrooms herumtrieb, Hunderte von Beiträgen und Tausende von Nachrichten analysierte und sich ziemlich gut auf Arabisch verständigen konnte. Sie konnte einige Gespräche verstehen, ohne sie durch einen Übersetzer jagen zu müssen. Dadurch konnte sie kleine Nuancen aufschnappen, etwa wie die Leute redeten oder wann sie redeten, und bestimmte Zitate, die oft verwendet wurden. Shannen versuchte sich anzupassen, indem sie wie sie redete und ihre Eigenschaften nachahmte. Diese Personen vertraten typischerweise extreme Ansichten des Islam. Einige gaben an, Mitglieder von Al-Qaida zu sein oder sie zu unterstützen, und sie rechtfertigten und planten Gewalt gegen westliche Länder.

Shannen ist'n echt interessanter Mensch. Ich habe ihr ein paar Mal gemailt und um ein Interview gebeten, aber leider ist sie gestorben, bevor ich sie in die Show holen konnte. Der Podcast SpyCast hat jedoch 2011 ein Interview mit ihr geführt, und hier erklärt sie – in ihren eigenen Worten –, was sie getan hat.

O-Ton Shannen Rossmiller, SpyCast 2011

"Nun, ich habe, Notizbücher über Notizbücher über Notizbücher, und sie sind alle chronologisch datiert für die verschiedenen Dinge, die ich gerade tue. Das sind also meine Aufzeichnungen. Es sind meine Aufzeichnungen über die Identitäten, die ich benutze, die ich erschaffe, die verschiedene Hintergründe haben, was ihre kulturellen, ihre Stammes-, ihre Clan-Zugehörigkeit angeht, alles, was ich brauche, damit diese individuelle Identität absolut so wirkt wie eine echte Person, die hinter einem Computerbildschirm sitzt, in welchem Teil der Welt ich auch immer vorgebe zu sein."

JACK: Shannen war sehr sorgfältig, wenn es darum ging, glaubwürdige Identitäten zu erschaffen, die sie in diesen Bereichen des Internets verkörpern konnte. Sie verfasste Hintergrundgeschichten für sie und führte genaue Aufzeichnungen darüber. Sie fand raus, wie sie ihre IP-Adresse verbergen konnte, damit es nicht so aussah, als würde sie sich von ihrem Haus in Montana aus mit diesen Seiten verbinden. Sie lernte, was ein Proxy ist und wie man sich mit einem verbindet, um so zu tun, als käme man aus Kanada. Shannen stellte also sicher, dass ihr virtueller Standort online mit der falschen Identität übereinstimmte, die sie in den Foren benutzte. Sie wusste, dass sie sich in die Höhle des Löwen begab, und wollte besonders vorsichtig sein, damit ihre Familie sicher war.

Aber die Sache ist die: In der wilden Welt des Internets hat man nicht die üblichen Hinweise, um zu erkennen, ob jemand lügt oder nicht, keine Gesichtsausdrücke, keinen Tonfall. Es sind nur Worte, schwarz auf weiß auf einem Bildschirm. Das macht alles noch viel komplizierter. Es mag heute ziemlich einfach klingen, aber damals haben sich nicht viele Leute falsche Identitäten ausgedacht und sich über Proxys verbunden, um eine Terrorgruppe zu infiltrieren. Shannen machte die Dinge auf eigene Faust und betrat damit neues und durchaus unsicheres Terrain. Sie betrat einen dunklen und gefährlichen Teil des Internets, und sie war sich sehr wohl bewusst, dass das, was sie tat, nicht gerade ungefährlich war. Aber sie konnte nicht anders. Als sie diesen Sprung einmal gewagt hatte gab es kein Zurück mehr.

Eine Person, die für Shannen sehr interessant wurde, war ein Mann mit dem Benutzernamen Abu Khadija. Er hatte ne Vorgeschichte mit terroristischen Aktivitäten. Sie fand ihn online und sah, dass er aktiv zur Dschihad-Enzyklopädie beitrug, und sie entdeckte, dass er mit Abu Hamza in Verbindung stand - ein islamistischer Hassprediger, der eine Prothesenkralle an seinem linken Arm trägt. Der war in alle möglichen verdächtigen terroristischen Aktivitäten in Großbritannien und den USA verwickelt. Shannen fand heraus, dass Abu Khadijas richtiger Name Oussama Abdullah Kassir war. Er war bekannt und respektiert in der Online-Community, in die sie sich einbringen wollte. Sie wollte also Kontakt zu ihm aufnehmen, wenn er ihr vertraute, könnte sie von ihm vielleicht nützliche Informationen erhalten.

Sie war sich nicht ganz sicher, aber sie dachte sich, sie versucht es. Also schmiedete Shannen einen Plan, um diesem Kassir näher zu kommen. Shannen erstellte eine Online-Persona und nannte sich Abu Zeida. Es ist üblich für Dschihadisten und Al-Qaida-Mitglieder, falsche Namen zu verwenden, und dieser passte genau hinein. Sie gab vor, ein Rekruter für eine neue Gruppe islamischer Guerillakämpfer mit Sitz in Kanada zu sein. Nun konnte Shannen, die als Abu Zeida auftrat, Kassir mit ihren Beiträgen anlocken. Sie fingen an, sich E-Mails zu schreiben, aber sie meinte: Oh, nein, pssst; lass uns nicht hier reden. Das ist nicht sicher. E-Mails hinterlassen Spuren. Lass uns unsere Chats an einen sichereren Ort verlegen, einen, an dem wir die Nachrichten löschen können, sobald sie gelesen wurden. Kassir war interessiert.

Shannen schlug vor, ein E-Mail-Konto einzurichten, auf das beide zugreifen konnten. Um sich gegenseitig Nachrichten zu senden, konnte einer von ihnen eine E-Mail beginnen und sie einfach ungesendet im Entwurfsordner lassen, und dann konnte sich der andere einloggen, die Nachricht sehen, lesen und sie dann löschen. Puff, keine Spur der Nachricht irgendwo. Kassir stimmte dieser Idee nicht nur zu, sondern er gab ihr sogar seinen Benutzernamen und sein Passwort für seine E-Mail. Er sagte: Hey, lass einfach Entwürfe in meinem Posteingang, und ich werde sie lesen und löschen, sobald ich sie sehe. Sie war ziemlich erstaunt, dass er ihr sein Passwort gab. Ich kann mir nur vorstellen, dass sie gejubelt haben muss. Yeah! Ich meine, ja, okay, wir benutzen deine E-Mail. Ihr Mann Randy hatte keine Ahnung, dass sie all das tat.

Also fing Shannen an, mit Kassir aus seinem Entwurfsordner heraus hin und her zu chatten. Aber gleichzeitig konnte sie jede E-Mail sehen, die in seinem Posteingang ein- und ausging. Es war unglaublich für sie. Sie speicherte alles, was sie konnte. Sie hatte gerade das E-Mail-Konto eines islamistischen Extremisten-Influencers infiltriert. Wahnsinn. Sie machte also weiter, chattete heimlich mit ihm, schnüffelte aber auch in seinen E-Mails herum. Sie fand jedoch nichts wirklich Belastendes über ihn. Es gab keinen eindeutigen Beweis für Dinge, die er getan hatte, oder Pläne, weitere terroristische Aktionen durchzuführen, aber er trug zur Dschihad-Enzyklopädie bei, und Extremisten respektierten ihn. Also dachte sie, dass er vielleicht trotzdem irgendwie nützlich sein könnte, und behielt im Auge.

Bis 2003 hatte sie eine Reihe falscher Identitäten in diesen Foren und Chatrooms erstellt. Von Zeit zu Zeit benutzte sie auch immer noch die Abu-Zeida-Identität und baute deren Geschichte und Glaubwürdigkeit auf.

Eine der Sachen die versuchte, war Abu-Zeida mit "Lashkar-e-Taiba", also der „Armee der Gerechten“ in Verbindung zu bringen - eine bekannte dschihadistische militante Organisation. Wenn es ihr gelänge, Abu Zeida in die „Armee der Gerechten“ einzuschleusen, könnte sie möglicherweise Informationen darüber erhalten, was der nächste geplante Terroranschlag ist. Wenn die Armee der Gerechten einen verüben würde, würde sie einfach behaupten, dass sie daran beteiligt war und dabei war oder auf irgendeine Weise geholfen hat, besser gesagt natürlich ihre erfundene Figur Abu Zeida würde das tun. Sie hielt auch ihre Beziehung zu Kassir aufrecht. All das trug dazu bei, ihr soziales Ansehen in dieser Gemeinschaft zu stärken.

Da diese Rolle nun besser etabliert war, war sie bereit, einen Schritt weiter zu gehen. Sie wollte, dass die Leute ihr belastende Dinge erzählten. Was sie natürlich wirklich wollte, war, den nächsten Terroranschlag zu verhindern oder Informationen über jemanden zu finden, die zu einer Festnahme führen könnten. Sie wollte also unbedingt, dass jemand ihr einen Plan verriet oder etwas gestand, das er getan hatte, damit sie Maßnahmen ergreifen konnte.

Aber es ist schwer zu wissen, ob jemand online die Wahrheit sagt. Da ist viel Gerausche und es ist schwer, darin das echte Signal zu erkennen. Sie wollte natürlich auch niemanden zu irgendwas ermutigen, sodass es zu einem wirklich heiklen Balanceakt wurde, mit allen zu chatten, um an die richtigen Informationen zu kommen.

Shannen hatte hier aber einen deutlichen Vorteil: Sie war Richterin und kannte sich mit dem Gesetz aus. Letztendlich wollte sie eine Strafverfolgung, sie wollte Anklagen und mögliche Verurteilungen gegen Menschen, die Gewalt und Tod planten. Sie wusste, dass, sollte es jemals zu einem Prozess kommen, die Art und Weise, wie sie die Informationen beschafft hatte, legal sein musste, und sie musste absolut sicherstellen, dass sie nicht in eine Falle tappte. Sie entwickelte einen Plan, wie sie sich in diesem dunklen Teil des Internets zurechtfinden konnte. Es war ein ziemlich ausgeklügelter Plan, und sie brauchte Hilfe, um ihn umzusetzen.

Operation Whirlpool: Die digitale Falle

JACK: Ein Mitglied der 7-Seas-Gruppe, mit dem sie sich gut verstand, war ein Typ namens Brent Ashley. Er lebte in Ontario, Kanada, und war Nuklearphysiker und Softwareentwickler. Beide waren der gleichen Meinung, dass diese Terrorgruppen gestoppt werden sollten. Auch er dachte, dass sie durch die Online-Zusammenarbeit mit ihnen, Muster erkennen könnten, vielleicht auch mögliche Bedrohungen aufdecken und dann die Behörden warnen könnten, die einschreiten und verhindern würden, dass weitere schreckliche Dinge passieren.

Gemeinsam heckten sie also einen Plan aus, bei dem sie Brents Fähigkeiten als Softwareentwickler nutzten. Sie nannten es Operation Whirlpool, und so funktionierte es.

Sie wollten eine Schadsoftware in Form eines Keyloggers auf dem Computer eines potenziellen Terroristen installieren. Damit sollte jeder Tastenanschlag augezeichnet und alles dann an Shannen und Brent weitergeleitet werden. Sie wollten den Keylogger als Dokument tarnen, das geöffnet werden musste, um es zu lesen,Tatsächlich handelte es sich jedoch um ein ausführbares Programm. Sobald es ausgelöst wurde, lief der Keylogger unbemerkt im Hintergrund, zeichnete alles auf und lud es dann hoch. Der Benutzer sah das Dokument und wusste nicht, dass auch diese Malware lief.

Sie hofften, dass sie dadurch an Chatprotokolle oder private Nachrichten kommen könnten, die belastendes Beweismaterial darstellen.

Diese Schnüffelei war gefährlich für Shannen, sie war eine amtierende US-Richterin, sie mussten richtig vorsichtig sein. Hätte sie ihre Malware auf dem Computer eines Amerikaners installiert, der kein Terrorist war, hätte das das Ende ihrer Karriere bedeuten können. Deshalb wollte sie nur Nicht-Amerikaner ins Visier nehmen. Brent stellte also dieses kleine Spionageprogramm fertig und dann überlegten sie gemeinsam, wie sie es auf den Computer eines Ziels bringen könnten. Die Antwort, dachte Shannen dann, war eigentlich einfach.

Handbücher zur Selbstausbildung waren bei radikalen Islamisten sehr beliebt. Die Dschihadisten-Enzyklopädie ist ein riesiges Dokument, über 8.000 Seiten stark, und es gibt Kapitel über alles, von Sprengstoffen über Taktiken bis hin zu Waffen und Nahkampf. Das war tatsächlich etwas, woran sich diese Leute oft orientierten und worauf sie sich häufig bezogen. Shannen und Brent beschlossen also, ihr Programm der Enzyklopädie hinzuzufügen.

Sie verpackten es, sauber versteckt in einer Zip-Datei, gaben ihm einen interessanten Namen, um die Leute dazu zu verleiten, es zu öffnen, luden es dann in die Dschihad-Enzyklopädie hoch und warteten. Sie brauchten ein Opfer, das kam und es sich aus der Enzyklopädie holte, die Zip-Datei öffnete und das Programm ausführte. Dann konnten sie alles sehen, was diese Person auf ihrem Computer tippte. Operation Whirlpool war im Gange.

Sie fing an darüber nachzudenken, wie sie Leute dazu bringen konnte, es herunterzuladen, denn es einfach nur dort reinzustellen, verführte niemanden dazu, es sich zu schnappen und anzusehen. Sie musste sich also Wege überlegen, um Leute dazu zu bringen, es gezielt herunterzuladen und auszuführen. Sie dachte darüber nach, ihre falsche Identität, Abu Zeida, zu benutzen, um jemanden auszutricksen, die Malware herunterzuladen und auszuführen, aber sie wollte nicht, dass das nach hinten losging und vielleicht dazu führte, dass sie entdeckt wurde und ihre Identität verbrannt war. Sie wollte hier besonders raffiniert vorgehen.

Dann erinnerte sie sich an ihren Freund Kassir. Er war in dieser Community respektiert und trug regelmäßig zur Dschihad-Enzyklopädie bei. Kassir war einflussreich genug, um viele Leute, dazu zu bringen, diese Datei herunterzuladen. Sie hatte vollen Zugriff auf seine E-Mail, aber keinen Zugriff auf sein Konto im radikal-islamischen Forum. Sie hatte ihn aber monatelang dabei beobachtet, wie er sich in den Foren verhielt.

Shannen beschloss, wie Kassir aufzutreten. Sie erstellte einen neuen Benutzernamen im Forum, genau wie Kassirs, aber mit einer 1 statt dem I. Es war ein Buchstabe Unterschied, und sie tat das in der Hoffnung, dass es niemand bemerken würde. Dann passte sie das Benutzerprofil so an, dass es genau wie Kassirs aussah, und natürlich tat sie all das über einen Proxy. Shannen postete als Kassir mit einer 1 in drei der beliebtesten Foren. Sie sagte einfach, dass das Sprengstoffhandbuch in der Enzyklopädie aktualisiert worden sei und im Anhang die aktualisierte Version zu finden sei. Die Leute bemerkten den Unterschied in den Bildschirmnamen nicht. Die List funktionierte also. Die Benutzer klickten und luden es herunter, weil sie darauf vertrauten, dass es von Kassir kam, einer vertrauenswürdigen Figur in der Community. Operation Whirlpool funktionierte.

Ich weiß nicht, wo der echte Kassir zu diesem Zeitpunkt war, weil er ungefähr zur gleichen Zeit irgendwie verstummte. Vielleicht hing es damit zusammen, dass Abu Hamza in Schwierigkeiten geriet, dass Kassir dadurch aufgeschreckt war und sich für ne Weile bedeckt hielt. Kassir war also gar nicht da, um das Ganze zu bemerken oder Leute zu warnen, und das spielte Shannen und Brent natürlich sehr in die Karten.

Die Software, die Brent geschrieben hatte, zeichnete Tastaturanschläge, E-Mail-Adressen und Passwortinformationen auf. Da beiden beobachteten also, wie die Aufrufe des Posts stiegen und die Downloadzahlen ihrer Datei nach oben gingen, und sie warteten einfach ab, ob jemand das Programm installieren würde. Brent hatte es so eingerichtet, dass alle Daten vom Rechner der Zielperson direkt in Brents Datenbank hochgeladen wurden, damit sie gleich sehen konnten, was passierte. Es war ne clevere kleine App.

Sie beobachteten also die Datenbank und warteten auf Aktivität. Plötzlich tauchte etwas auf. Sie hatten jemanden am Haken. Daten tauchten in der Datenbank auf, und es kamen immer mehr Daten. Ihre Malware wurde auf einigen Computern installiert. Es funktionierte. Aber jetzt mussten sie anfangen, diese eingehenden Daten zu sortieren. Sie sahen Passwörter und Benutzernamen und mussten herausfinden, für welche Seite das überhaupt war, und es kam immer mehr Zeug rein, während sie versuchten, es zu sortieren. Bald wurden sie von Daten überschwemmt. Jeder Tastenanschlag wurde ihnen gesendet, und sie konnten die Hälfte jedes Chats, jeder E-Mail, jeder Forennachricht, sogar Google-Suchen oder Videospielbefehle sehen. Es war ein tiefgründiger Einblick in die Leserschaft der Dschihad-Enzyklopädie.

Ein Typ, den sie anfingen zu beobachten, stach heraus. Er nannte sich Samir. Er hatte Shannens Aufmerksamkeit wirklich erregt.

Brent hatte die Möglichkeit, die Malware auf den Computern der Opfer zu deaktivieren, und sie wollten sich jetzt auf Samir konzentrieren. Also schaltete Brent den Keylogger auf den Computern aller anderen aus, damit sie nur sehen konnten, was Samir machte.

Samir war ein sunnitischer Muslim palästinensischer Abstammung, und er war ein angesehener Fernsehjournalist, der auch für seine Arbeit bei Al Jazeera und Abu Dhabi TV bekannt war. Er hatte 1998 sogar Osama Bin Laden interviewt.

Was Shannen an ihm faszinierte, war, dass er anscheinend ziemlich viele Informationen über Al-Qaida hatte. Stand er in irgendeiner Verbindung zu ihnen? Es war nicht klar, aber sie hatte den Verdacht, dass Samir für ihren Feind arbeiten könnte, und er Osama Bin Laden privat gekannt haben könnte. Das gesamte US-Militär suchte nach Bin Laden, also hing sie fast ein Jahr lang förmlich an Samir und fing seine Kommunikation ab und übersetzte sie. Es war eine Menge Arbeit.

Gleichzeitig fängt Shannen an, mit einem Typen namens Ayad Yolcu zu reden. Er schien Leute zu kennen, die die Anschläge vom 11. September durchgeführt hatten. Da Kassir zu diesem Zeitpunkt immer noch still ist, kann sie seinen Benutzernamen im Forum weiter benutzen. Niemand hatte bemerkt, dass da eine 1 statt einem I stand, also postete sie einfach weiter als Kassir, lockte bestimmte Leute an und führte private Chats mit diesem Lookalike-Account. Sie fängt an, diesem Ayad-Typen als Kassir Nachrichten zu schreiben, und es funktionierte ziemlich gut. Es half auch, dass sie bestätigen konnte, dass sie wirklich Kassir war, weil sie Zugriff auf seine E-Mail hatte. Nachdem sie etwas Vertrauen zu Ayad aufgebaut hatte, schickte sie ihm die Malware, die Brent gemacht hatte, und bat ihn, sie sich anzusehen und zu öffnen, und er tat es. Er installierte den Keylogger auf seinem Computer, und jetzt konnte sie sehen, was er tippte und jede Kleinigkeit, die er auf seinem Computer tat.

Nicht zu vergessen ist, dass Shannen mehrere Charaktere zu spielen hatte, das bedeutete, dass sie ihre Worte jeweils mit Bedacht und sehr sorgfältig auswählen musste. Hier ist noch mal Shannen selbst:

O-Ton Shannen Rossmiller, SpyCast 2011

"Seit 9/11 habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die arabische Sprache zu lernen, und das ist immer noch ein laufender Prozess, aber es ist faszinierend. Ich liebe es total, und es ist eine Herausforderung. Als Frau sind die Identitäten, die ich im Laufe der Jahre auf den verschiedenen Internetseiten erstellt habe und unter denen ich agiert habe, natürlich männlich, als radikalisierte dschihadistische Männer. Ich konnte also offensichtlich nicht sprechen, ich konnte nicht online gehen und mit irgendjemandem von diesen Leuten persönlich sprechen. Alles, was ich getan habe, war also schriftlich und übersetzt und gelesen, was mir gute Dienste geleistet hat, da ich keine Muttersprachlerin bin oder keine formelle Ausbildung hatte – ich hatte ein intensives Sprachtraining, aber die Tatsache, dass ich es einfach lesen und schreiben konnte, mir Zeit nehmen konnte, meine Antworten zu formulieren und was ich sagen wollte und wie ich mit einem bestimmten Kommunikationsfluss, an dem ich arbeitete, fortfahren wollte, das hat gut funktioniert – die Tatsache, dass ich es nicht sprechen muss, denn seien wir ehrlich, mit wem sollte ich sprechen? Sie würden nicht mit mir sprechen..."

JACK: Sie saß an ihrem Computer unten im Computerzimmer im ländlichen Montana, und verfolgte alle eingehenden Nachrichten. Sie versuchte, Puzzleteile zusammenzusetzen, es war ne Menge Arbeit. Sie hielt Ausschau nach jeglicher bösartiger Absicht, um entsprechend handeln zu können.

Es gab mittlerweile ne große Menge an Daten, und es ging darum, darin das Richtige zu finden. Das, was Menschen privat sagen, wiegt dabei viel schwerer als das, was sie öffentlich oder in Chatrooms posten.

Während die Operation Whirlpool auf Hochtouren lief, streifte Shannen weiterhin durch Chatrooms und Foren, Ein Forum hieß „Brave Muslims“. Normalerweise wurde dort auf Arabisch diskutiert, doch im Oktober 2003 entdeckte sie einen neuen Beitrag auf Englisch.

Ein Soldat im Visier

JACK: Er stach hervor. Der Nutzer gab an, sein Name sei Amir Abdul Rashid, und er deutete Verbindungen zu Al-Qaida an und dass er große Pläne hätte. Der Teil mit den „großen Plänen“ kam ihr verdächtig vor. Ihre Neugier war eindeutig geweckt. Er schrieb da, dass er ein Bruder vom anderen Ende der Welt sei, dass er ihnen aber bald näher sein würde. Je weiter sich Rashids Botschaft entwickelte, desto unbehaglicher wurde sie. Er redete immer weiter davon, zur anderen Seite überzulaufen.

Shannen war sehr neugierig auf ihn. Er sagte, er sei ihr Bruder vom anderen Ende der Welt, aber er würde bald näher bei ihnen sein. Je mehr sich Rashids Botschaft entwickelte, desto unwohler fühlte sie sich. Er redete weiter darüber, auf die andere Seite überzulaufen.

Shannen spürte etwas Ernstes in seinem Tonfall, also antwortete sie ihm und sagte, seine Pläne klängen interessant. Zu diesem Zeitpunkt waren ihre Personas ziemlich gut etabliert, und es fiel ihm leicht, ihr zu glauben. Sie gab sich als Rekrutiererin und Organisatorin für Al-Qaida aus. Sie benutzte einen autoritären Tonfall und forderte ihn auf, sie zu kontaktieren, um einen Befehl für das weitere Vorgehen zu erhalten. Rashid war schnell bei der Sache. Er war aufgeregt, von einem Al-Qaida-Rekrutierer kontaktiert zu werden, und wollte die Dinge unbedingt ins Rollen bringen. Er schluckte Shannens Köder komplett.

Er sagte, er stehe kurz davor, ins Kriegsgebiet zu gehen und werde die Waffen des Feindes tragen. Er war gerade zum Islam konvertiert und strikt gegen den Krieg im Irak, der im März jenes Jahres begonnen hatte. Er braucht Bargeld, schrieb er, um seinen genialen Plan in die Tat umzusetzen.

Shannen wollte mehr Informationen, und was er ihr erzählte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Dieser Typ Rashid war US-Bürger und aktives Mitglied der 81. Brigade der US Army National Guard. Jemand im US-Militär plant einen Terroranschlag? Gegen was? Wen? Wann? Das ist nicht gut, dachte sie. Sie stellte weitere Nachforschungen über ihn an und fand seine IP- und E-Mail-Adresse raus, und von da aus konnte sie entdecken, dass Rashids richtiger Name Ryan Anderson war.

Er ist sechsundzwanzig Jahre alt und in Fort Lewis im Bundesstaat Washington stationiert.

Bei Shannen schrillten alle Alarmglocken. Darauf hatte sie hingearbeitet, aber sie musste ruhig bleiben und sicher sein, dass er wirklich etwas Ernstes plante. Sie hält das Gespräch einfach erstmal am Laufen. Sie erfuhr, dass seine Brigade in ein paar Monaten in den Irak verlegt werden sollte. Als er sagte, er würde bald bei ihnen sein, war das also kein Witz.

Sie schrieb und schrieb mit ihm und zeichnete dabei alles auf. Er erzählte ihr, dass er Waffen mag und dass er ein Meister-Scharfschütze der Armee sei mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Die ganze Sache schien sehr dringlich zu sein, dennoch war Shannen sich bewusst, dass sie nicht hektisch werden durfte, sie ging daher weiter sehr bedächtig und methodisch vor. Sie wollte ihn auf gar keinen Fall verschrecken. Zwei ganze Monate lang führte sie Gespräche mit ihm, gewann sein Vertrauen und sammelte weitere Informationen.

An dieser Stelle überlasse ich es Shannen, zu erzählen, wie sich alles zugetragen hat:

O-Ton Shannen Rossmiller, SpyCast 2011

"Er tauchte auf einer arabische Seite auf und sprach Englisch, also fiel er mir sofort auf. Ich dachte mir, nun, wir sprechen hier Arabisch. Wer ist dieser Typ, der Englisch spricht? Eines der ersten Dinge, die ich immer tue, ist, ich versuche herauszufinden, wohin mich ihre IP-Adresse führen könnte, ob es so aussieht, als gäbe es noch andere Proxy-Elemente darin. Wie sich herausstellte, führte seine Spur direkt nach Seattle. Ich konnte ihn in einem Radius von zwei bis vier Blocks in Seattle lokalisieren. Je weiter ich suchte, desto mehr schien es, als wäre er bei der Nationalgarde und – wie sich herausstellte, war er nach dem 11. September zum Islam konvertiert und hatte sich seitdem immer weiter radikalisiert. Was er versuchte, war, er wollte zu Al-Qaida überlaufen. Er bot seine Rolle als Panzerkommandant an und lieferte die geheimen Spezifikationen der Abrams-Panzer, sowie Truppenstandorte und andere Dinge, um seinen Wert oder seinen Nutzen für denjenigen zu beweisen, den er für einen Al-Qaida-Agenten hielt, was die Identität war, unter der ich agierte."

JACK: Shannen hatte schließlich genug Informationen, um sich an die Bundesbehörden zu wenden. Sie geht zum Heimatschutzministerium, in der Annahme, dass die dort genau wissen, was zu tun ist, doch dort nimmt man sie nicht ernst. Als sie ihnen Beweise vorlegen will, sagt man ihr nur: „Zeig das doch dem FBI“.

Der Gang zum FBI

JACK: Sie ist aber auch zwiegespalten, denn sie wollte erst nicht zugeben, dass sie selbst die Foren infiltriert hatte und all diese Informationen dank der Malware erhielt, die sie auf den Computern verschiedener Dschihadisten installiert hatte. Sie war unsicher, wie viel sie eigentlich preisgeben sollte.

Vor allem wollte sie nicht, dass ihre Online-Identität mit ihrem wirklichen Leben als Mutter und Richterin in Montana in Konflikt gerät.

Sie fuhr sechzig Meilen nach Great Falls, um sich dort mit einem FBI-Agenten in der Regionalstelle zu treffen. Sie war fest entschlossen, sich von ihnen anhören zu lassen. Sie erzählte ihnen dann alles und gab auch detailliert zu, was sie alles getan hatte, um an diese Informationen zu gelangen. Mit jedem Wort, das sie sprach, verdichtete sich die Atmosphäre im Raum.

Das FBI hörte ihr jedoch zu, nahm ihre Beweise entgegen und schritt dann sofort zur Tat. Sie riefen die wenige Kilometer entfernte Raketenbasis der Armee an, dort gab es einen Geheimdienstoffizier, der dann mehr von Shannen hören wollte. Sie ist dann dahin, um ihn über die Situation zu informieren.

Sie war irgendwie erleichtert, das alles zu übergeben. Sie wusste, dass ihr das über den Kopf gewachsen war. Ryan Anderson musste gestoppt oder zumindest untersucht werden, und das waren die Leute, die das richtig machen konnten. Sie übergab alles und fuhr wieder nach Hause, um sie ihre Arbeit machen zu lassen.

Ein paar Tage später rief das FBI sie zurück, sie hatten einen Plan entworfen. Jemand vom FBI wollte sich als Al-Qaida-Mitglied ausgeben und sich mit Ryan Anderson treffen. Sie wollten sehen, ob sie ihn dazu bringen könnten, dass er ihnen seinen Plan aus erster Hand gesteht. Aber noch waren sie nicht ganz bereit. Das FBI brauchte mehr Zeit, um die verdeckte Operation durchzuziehen, also sagten sie Shannen, sie solle weiter mit ihm chatten, ihn nah bei sich behalten und ein Auge auf ihn haben, sehen, was er vorhat, und sie wollten auch, dass sie das Treffen mit ihm und dem FBI arrangiert. Sie gab sich dann als Al-Qaida-Rekrutiererin aus, und war in der vorteilhaften Position, Ryan von ihrem Treffen mit einem anderen Al-Qaida-Mitglied zu erzählen. Das FBI in Montana kontaktierte das FBI in Seattle, und die setzten sich mit dem Geheimdienst der Armee in Fort Hood, Texas, in Verbindung, um den Plan zu besprechen.

Ryan drüben in Seattle war völlig ahnungslos, was all dieses FBI-Zeug anging, das um ihn herum passierte. Er wurde allerdings allmählich nervös. Als Shannen ihm von dem Treffen erzählte, war er begeistert. Je näher das Treffen rückte, desto größer wurde seine Aufregung. Er wurde unruhig. Er wollte, dass das Treffen früher stattfand als geplant, und er wollte sich unbedingt mit jemandem von Al-Qaida in Seattle treffen, bevor er in den Irak verlegt wurde. Also fängt er an, Druck auf Shannen auszuüben, damit es schneller geht, und sie muss Zeit schinden, damit sich das FBI und der Armeegeheimdienst auf die Falle vorbereiten können.

Ryans Paranoia holte ihn allerdings allmählich ein. Ein bevorstehendes Treffen mit Al-Qaida kann das mit einem machen. Er macht sich Sorgen, dass jemand von all dem erfahren könnte, also sagt er zu Shannen: Hör zu, wir müssen auf Nummer sicher gehen. Ich will nicht erwischt werden. Was wir also tun sollten, ist, falsche Namen zu erfinden und die von nun an zu benutzen. Sie meint: Oh, okay, das ist eine gute Idee. Er sagt: Ja, aber lass uns nicht nur falsche Namen benutzen. Lass uns eine ganze Hintergrundgeschichte füreinander erfinden, damit es so aussieht, als wäre es völlig in Ordnung, dass wir diese Gespräche führen, und wir werden auch Codewörter für bestimmte Dinge benutzen. Sie denkt sich: Oh, wow, du willst wirklich auf Nummer sicher gehen und hast dir das echt gut überlegt. Okay, großartig. Ja, ich bin dabei.

Zu diesem Zeitpunkt war Shannen bereits eine Meisterin darin, online all diese falschen Identitäten anzunehmen, also war dies für sie nur eine weitere Seite in ihrem Notizbuch. Sie tun dann so, als wären sie alte Freunde aus dem Studium, die sich einfach per E-Mail unterhalten. Shannen wird zu George und Ryan Anderson nennt sich nun Andy. Er bemerkt dabei einfach nicht, dass er versucht, sich in einem immer kleiner werdenden Goldfischglas zu verstecken. Shannen führt nun ein verrücktes Doppelleben. Sie ist Mutter, Ehefrau und Richterin, und das sind wichtige Aufgaben, aber auf der anderen Seite versucht sie, Terroranschläge zu vereiteln, indem sie Anti-Terror-Operationen durchführt, die sie ganz allein bestreitet, indem sie Foren und Chatrooms infiltriert und sich wie eine Dschihadistin verhält.

Was hat hier Vorrang? Sie versucht, ihr Online-Leben in ihren Alltag einzubauen, wechselt zwischen verschiedenen Rollen hin und her, und während dieser Zeit erzählte sie ihrem Mann Randy immer noch nichts von all ihren Online-Kampagnen. Sie stand früh auf, noch bevor alle anderen aufwachten, ging hinunter ins Computerzimmer und erledigte all das ganz allein. Sie hatte Hefte über Hefte voller Geheimnisse.

JACK (Outro): Und damit endet der erste Teil von „Eine Frau, das Netz und der Terror“, der Geschichte von Shannen Rossmiller. Ein großes Dankeschön an SpyCast [3], dass sie uns die Erlaubnis gegeben haben, das Interview zu verwenden, das sie 2011 mit Shannen geführt haben. SpyCast ist ein Podcast, der Spione interviewt.

In der zweiten Episode geht es nicht nur um Ryan, der sich mit dem FBI treffen wird, Shannen wird auch weitere Terroristen enttarnen. Und sie sieht sich persönlichen Bedrohungen ausgesetzt.

Die Episode wurde im englischen Original von Jack Rhysider erstellt. Den Text haben Isabel Grünewald und Marko Pauli übersetzt und gesprochen.


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  1. https://darknetdiaries.com/episode/145/
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Patchday: Kritische Schadcode-Lücke bedroht Android 14, 15 und 16

Von Heise — 05. Mai 2026 um 11:27
Grüne Android-Figur vor Schloss-Symbol

Google Android-Bugdroid vor Schloss-Symbol.

(Bild: Primakov/Shutterstock.com)

Schadcode kann durch ein fehlerhaftes Debugging-Modul auf Androidgeräte schlüpfen. Nun hat Google die kritische Schwachstelle geschlossen.

Um Attacken auf Smartphones und Tablets mit Android 14, 15, 16 und 16qpr2 vorzubeugen, sollten Besitzer von noch im Support befindlichen Geräten das aktuelle Sicherheitsupdate installieren. Neben Googles Pixel-Serie steht es auch für ausgewählte Geräte von unter anderem Samsung zur Verfügung (siehe Kasten).

Im März dieses Jahres ist der Support für Android 13 ausgelaufen, und diese Version bekommt seitdem keine Sicherheitspatches mehr. Davon sind Millionen Geräte betroffen [1].

Smartphones kompromittierbar

Nutzen Angreifer eine „kritische“ Sicherheitslücke (CVE-2026-0073) im Debugging-Modul adbd aus, können sie aus der Ferne Schadcode ausführen, erläutern die Entwickler in einer Warnmeldung [2]. In der Regel gelten Systeme im Anschluss als vollständig kompromittiert. Wie ein solcher Angriff ablaufen könnte, ist zurzeit unklar. Bislang gibt es seitens Google keine Hinweise, dass Angreifer die Schwachstelle bereits ausnutzen. Die Entwickler führen aus, das Sicherheitsproblem im Patch Level 2026-05-01 gelöst zu haben.

Im Juli 2025 hat Google sich dafür entschieden [3], am monatlichen Android-Patchday nur noch seiner Einschätzung nach besonders gefährliche Sicherheitslücken zu schließen. Weitere Patches folgen seitdem quartalsweise.


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  1. https://www.heise.de/news/Android-13-Google-hat-Support-fuer-Betriebssystem-eingestellt-11262547.html
  2. https://source.android.com/docs/security/bulletin/2026/2026-05-01
  3. https://www.heise.de/news/Schlecht-fuer-Custom-ROMs-Google-aendert-Android-Sicherheitspatch-Strategie-10645581.html
  4. https://support.fairphone.com/hc/en-us/articles/360048139032-Fairphone-OS-releases-for-FP3-FP3-
  5. https://support.fairphone.com/hc/en-us/articles/4405858220945-Fairphone-4-OS-Release-Notes
  6. https://consumer.huawei.com/de/support/bulletin/
  7. https://de-de.support.motorola.com/app/software-security-update/g_id/7112
  8. https://www.hmd.com/en_int/security-updates
  9. https://security.oppo.com/en/mend
  10. https://security.samsungmobile.com/securityUpdate.smsb
  11. https://xpericheck.com/
  12. https://support.google.com/pixelphone/answer/4457705#pixel_phones&nexus_devices
  13. https://security.oneplus.com/en/home
  14. mailto:des@heise.de

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NE555: Der unsterbliche Timer-Chip feiert den 55. Geburtstag

Von Heise — 05. Mai 2026 um 12:50
555 als Plüschtier DIP und Waffer

(Bild: KI / heise medien)

Mit über einer Milliarde Exemplaren ist NE555 immer noch der meistproduzierte Chip. Er ist wohl in jedem Haushalt mit elektronischen Geräten irgendwo verbaut.

Heute, am 5. Mai 2026, wird der wohl berühmteste integrierte Schaltkreis der Welt 55 Jahre alt: der NE555 Timer-Chip. Ein Anlass, den auch der bekannte YouTuber Big Clive auf besonders kreative Weise feiert – mit einem 5 Minuten und 55 Sekunden langen Video, das exakt um 5:55 Uhr morgens am 5. Tag des 5. Monats veröffentlicht wird. Zusätzlich gibt es um 17:55 Uhr (UK-Zeit) einen 55-minütigen Livestream.

Ein Chip, der Geschichte schrieb

Der NE555 wurde 1971 von Hans Camenzind für Signetics [1] entworfen und gehört zu den ersten integrierten Schaltkreisen, die auch heute – 55 Jahre später – noch in massenhafter Verwendung sind. Camenzind schuf damit einen außergewöhnlich vielseitigen Baustein, der sich am besten als Sammlung elektronischer Lego-Bausteine beschreiben lässt: Er kann als Timer, Oszillator, Schwellwertdetektor und für viele weitere Anwendungen eingesetzt werden.

Zu den großen Stärken des Chips gehören sein weiter Versorgungsspannungsbereich von 4,5 V bis 16 V sowie die Fähigkeit, direkt Lasten von bis zu 200 mA am Ausgang zu treiben – Eigenschaften, die ihn auch heute noch konkurrenzfähig machen. Wer es ganz genau wissen will und dem Chip aufs Silizium schauen möchte, ist bei Ken Shirriff genau richtig [2].

(Bild: ZeptoBars)

Übrigens: Die landläufige Meinung, der Name „555“ leite sich von den drei 5-kΩ-Widerständen im internen Spannungsteiler ab, wurde von Camenzind selbst zurückgewiesen. Den eingängigen Namen verdanken wir laut ihm einem Marketing-Mitarbeiter mit dem fast schon zu schön klingenden Namen Art Fury. Ob Fury sich nicht doch von den drei Widerständen inspirieren ließ, bleibt allerdings sein Geheimnis.

Hans Camenzind (gest. 2012) [3] selbst soll einmal gesagt haben, er würde den Chip heute anders entwerfen – aber im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer. 1971 betrat er Neuland und landete mit dem 555 einen Volltreffer, der die Elektronikwelt bis heute prägt.

Das Video (5min 55s) zum NE555 von Big Clive bietet einen unterhaltsamen und praktischen Einblick in die Funktionsweise dieses außergewöhnlichen Chips.

Bekannte und weniger bekannte Anwendungen

Praktisch jeder hat irgendwo einen 555 in seinen elektronischen Geräten – oft, ohne es zu wissen. Hier eine kleine Auswahl:

Klassische Anwendungen:

  • Blinkschaltungen: Vom einfachen LED-Blinker bis zur Warnblinkanlage
  • Zeitrelais: Verzögerungsschaltungen in Haushaltsgeräten, Treppenhauslichtern
  • Tongeneratoren: Türklingeln, einfache Sirenen, elektronische Spielzeuge
  • PWM-Generatoren: Zur Helligkeits- oder Drehzahlregelung
  • Entprellung von Tastern: In Bedienpanels und Eingabegeräten

Weniger bekannte Einsätze:

  • Metronome und einfache Musikinstrumente
  • Als Taktgenerator in einigen alten (Retro)-Computern
  • Theremin-ähnliche Synthesizer in DIY-Projekten [6]
  • Kapazitive Berührungssensoren
  • Servo-Tester für Modellbauer
  • Logiksonden und einfache Messgeräte
  • Modulationsschaltungen für Infrarot-Fernbedienungen
  • Geigerzähler-Hochspannungserzeuger in Bastelprojekten
  • Polygraf-/Lügendetektor-Bausätze
  • Zaunprüfer in der Landwirtschaft

Die anderen „Daddy Chips“

Big Clive (siehe Video oben) würdigt im Video auch andere langlebige Klassiker, die ähnlich allgegenwärtig sind: den LM358 Dual-Op-Amp, den LM324 Quad-Op-Amp, den LM393 Komparator sowie zahlreiche TTL- und CMOS-Logikbausteine. Selbst in der Welt der Mikrocontroller gibt es solche Urgesteine: Die 8051-Architektur von 1980 findet sich noch immer in vielen generischen Chips aus chinesischer Produktion – und ist damit über 45 Jahre alt.

Happy Birthday [7], kleiner Chip – auf die nächsten 55 Jahre!


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Links in diesem Artikel:

  1. https://en.wikipedia.org/wiki/555_timer_IC
  2. https://www.righto.com/2016/02/555-timer-teardown-inside-worlds-most.html
  3. https://www.heise.de/news/Hans-Camenzind-gestorben-der-NE555-lebt-weiter-1669451.html
  4. https://www.heise.de/Datenschutzerklaerung-der-Heise-Medien-GmbH-Co-KG-4860.html
  5. https://www.heise.de/make
  6. https://www.heise.de/news/Der-Poly555-Synthesizer-von-Oskitone-laesst-tief-blicken-7142956.html
  7. https://www.heise.de/news/Dauerbrenner-50-Jahre-NE555-7305857.html
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Daemon Tools: Mit Malware verseuchte Downloads

Von Heise — 05. Mai 2026 um 12:13
Ein Vergrößerungsglas mit Daten

(Bild: Balefire / Shutterstock.com)

Offiziell signierte Daemon-Tools-Installer von der Herstellerseite bringen Malware mit. Offenbar durch einen Lieferkettenangriff.

Wer seit dem 8. April die Daemon Tools Lite von der Herstellerwebseite heruntergeladen hat, hat damit Schadsoftware auf den Rechner verfrachtet. Die Installer sind mit den offiziellen digitalen Zertifikaten signiert und wirken zunächst unscheinbar. Anscheinend handelt es sich um eine Supply-Chain-Attacke.

Die Virenanalysten von Kaspersky [1] sind auf die infizierten Installer gestoßen. In ihrer Untersuchung führen sie aus, dass die Installer seit dem 8. April 2026 trojanisiert wurden – und das bis jetzt zu den aktuellen Downloads anhält. Anfang Mai sind die IT-Forscher darauf gestoßen und konnten dann die älteren infizierten Installer identifizieren. Betroffen sind demnach die Installer der Daemon Tools und Daemon Tools Lite von Version 12.5.0.2421 bis hin zu 12.5.0.2434. Eine Analyse der Fassung 12.5.0.233b des Lite-Installers auf VirusTotal [2] bestätigt mit einer heuristischen Erkennung von Kaspersky (HEUR:Trojan.Win64.Agent.gen) den Befall der aktuell auf der offiziellen Webseite der Daemon Tools herunterladbaren Dateien [3] (Achtung, zum Meldungszeitpunkt noch trojanisierte Downloads!). Kaspersky hat den Hersteller der Daemon Tools, AVB Disc Soft, kontaktiert, jedoch bislang offensichtlich erfolglos.

Die IT-Forscher ordnen aufgrund der Malware-Analyse die Angreifer als chinesisch-sprechend ein. Die Telemetrie der Kaspersky-Sensoren zeigt demnach, dass Individuen und Organisationen aus mehr als 100 Ländern die Software zum Hantieren mit Disk-Abbildern wie ISO-Images in infizierter Fassung installiert haben. Von allen betroffenen Maschinen habe jedoch lediglich ein Dutzend weitere Malware-Stufen nachgeladen. Die gehörten zu Einzelhandel, Wissenschaft, Behörden und Fertigungsindustrie. Das sei ein Hinweis auf gezielte Angriffe. Die Opfer stammen aus Russland, Brasilien, Türkei, Spanien, Deutschland, Frankreich, Italien und China.

Weitergehende Details

Interessierte finden in der Kaspersky-Analyse tiefergehende Details zu Malware und infizierten Dateien. Die Schadsoftware sammelt unter anderem Informationen, darunter Hardwaredaten wie MAC-Adressen oder über laufende Prozesse und installierte Software. Eine minimalistische Backdoor bringt sie ebenfalls mit. Am Ende listet Kaspersky eine längere Liste an Hinweisen auf Infektionen (Indicators of Compromise, IOC).

In jüngster Zeit kommt es vermehrt zu Angriffen, bei denen die bösartigen Akteure Schadcode in sonst vertrauenswürdige Software einschleusen. Ende vergangenen Jahres hatte es etwa den mächtigen Texteditor Notepad++ getroffen [4]. Auch die Webseite CPUID, die die populären Tools CPU-Z und HWMonitor [5] beheimatet, hatte Mitte April Malware verteilt.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://securelist.com/tr/daemon-tools-backdoor/119654/
  2. https://www.virustotal.com/gui/file/e22024a58de56b3655d6be7e3b21703325a57e0dd920bd9611588f5e33bb5132/detection
  3. https://www.daemon-tools.cc/deu/downloads
  4. https://www.heise.de/news/Notepad-Updater-installierte-Malware-11109571.html
  5. https://www.heise.de/news/CPUID-Durch-Schwachstelle-mehrere-Stunden-Malware-verteilt-11256219.html
  6. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
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Patchday: Kritische Schadcode-Lücke bedroht Android 14, 15 und 16

Von Heise — 05. Mai 2026 um 11:27
Grüne Android-Figur vor Schloss-Symbol

Google Android-Bugdroid vor Schloss-Symbol.

(Bild: Primakov/Shutterstock.com)

Schadcode kann durch ein fehlerhaftes Debugging-Modul auf Androidgeräte schlüpfen. Nun hat Google die kritische Schwachstelle geschlossen.

Um Attacken auf Smartphones und Tablets mit Android 14, 15, 16 und 16qpr2 vorzubeugen, sollten Besitzer von noch im Support befindlichen Geräten das aktuelle Sicherheitsupdate installieren. Neben Googles Pixel-Serie steht es auch für ausgewählte Geräte von unter anderem Samsung zur Verfügung (siehe Kasten).

Im März dieses Jahres ist der Support für Android 13 ausgelaufen, und diese Version bekommt seitdem keine Sicherheitspatches mehr. Davon sind Millionen Geräte betroffen [1].

Smartphones kompromittierbar

Nutzen Angreifer eine „kritische“ Sicherheitslücke (CVE-2026-0073) im Debugging-Modul adbd aus, können sie aus der Ferne Schadcode ausführen, erläutern die Entwickler in einer Warnmeldung [2]. In der Regel gelten Systeme im Anschluss als vollständig kompromittiert. Wie ein solcher Angriff ablaufen könnte, ist zurzeit unklar. Bislang gibt es seitens Google keine Hinweise, dass Angreifer die Schwachstelle bereits ausnutzen. Die Entwickler führen aus, das Sicherheitsproblem im Patch Level 2026-05-01 gelöst zu haben.

Im Juli 2025 hat Google sich dafür entschieden [3], am monatlichen Android-Patchday nur noch seiner Einschätzung nach besonders gefährliche Sicherheitslücken zu schließen. Weitere Patches folgen seitdem quartalsweise.


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  1. https://www.heise.de/news/Android-13-Google-hat-Support-fuer-Betriebssystem-eingestellt-11262547.html
  2. https://source.android.com/docs/security/bulletin/2026/2026-05-01
  3. https://www.heise.de/news/Schlecht-fuer-Custom-ROMs-Google-aendert-Android-Sicherheitspatch-Strategie-10645581.html
  4. https://support.fairphone.com/hc/en-us/articles/360048139032-Fairphone-OS-releases-for-FP3-FP3-
  5. https://support.fairphone.com/hc/en-us/articles/4405858220945-Fairphone-4-OS-Release-Notes
  6. https://consumer.huawei.com/de/support/bulletin/
  7. https://de-de.support.motorola.com/app/software-security-update/g_id/7112
  8. https://www.hmd.com/en_int/security-updates
  9. https://security.oppo.com/en/mend
  10. https://security.samsungmobile.com/securityUpdate.smsb
  11. https://xpericheck.com/
  12. https://support.google.com/pixelphone/answer/4457705#pixel_phones&nexus_devices
  13. https://security.oneplus.com/en/home
  14. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  15. mailto:des@heise.de

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Datenschutzvorfall bei Verlag Delius Klasing

Von Heise — 05. Mai 2026 um 11:25
Logo des Delius Klasing Verlags vor Matrix-Regen-Hintergrund

(Bild: heise medien)

Der Verlag Delius Klasing räumt in einer E-Mail an Kunden einen IT-Vorfall ein. Personenbezogene Kundendaten wurden offengelegt.

Beim Special-Interest-Verlag Delius Klasing konnten kriminelle Täter unbefugt Daten einsehen und abziehen. Davor warnt das Unternehmen nun in einer E-Mail an betroffene Kundinnen und Kunden.

Der Verlag bedient die Interessengebiete Wassersport, Radsport und Autos mit jeweils mehreren Zeitschriftentiteln. Einzelne Zeitschriftentitel erreichen jeweils [1] fünfstellige Auflagen. Wie der Delius-Klasing-Verlag in der E-Mail mitteilt, sind bei einem der Dienstleister „personenbezogene Kundendaten unbefugt offengelegt worden“. Demnach seien das Namen und E-Mail-Adressen und möglicherweise die Postanschrift der Kundinnen und Kunden.

Welcher Dienstleister das ist und womit der beauftragt ist, nennt das Unternehmen nicht. Jedoch hat es zusammen mit dem Dienstleister eine Untersuchung vorgenommen und nennt beispielsweise eine Logfile-Analyse, um Details des Zugriffs der unbekannten Dritten aufzuklären. Sowohl die Untersuchungen als auch das Ergreifen technischer und organisatorischer Gegenmaßnahmen zur Eindämmung des Vorfalls dauerten noch an. Der Verlag Delius Klasing hat ihn zudem der zuständigen Datenschutzbehörde gemeldet.

Daten für Phishing nützlich

Der Verlag erörtert, dass die Daten dazu missbraucht werden könnten, um die Kunden mit echt wirkenden Nachrichten oder Schreiben zu kontaktieren, die vorgeben, vom Verlag Delius Klasing zu stammen. Bösartige Akteure können so versuchen, weitere Daten und Passwörter sowie sonstige Informationen von potenziellen Opfern zu erlangen.

Daher sollten Kundinnen und Kunden insbesondere bei unerwarteten E-Mails oder Schreiben Vorsicht walten lassen, keine verdächtigen Anhänge daraus öffnen oder auf Links darin klicken. Auch sollten Empfänger keine Passwörter, Zugangsdaten oder Zugangscodes preisgeben. Im Zweifelsfall sollten Kunden den Verlag über die offiziellen Wege kontaktieren.

Auf Anfrage von heise online zu etwaigen Details des IT-Vorfalls hat der Verlag Delius Klasing bislang noch nicht reagiert.

Derartige Datenlecks häufen sich seit einiger Zeit. Etwa beim Videodienst Vimeo entwendete Daten sind zunächst im Darknet und nun beim Have-I-Been-Pwned-Projekt gelandet [2]. Auch die lassen sich für glaubwürdigeres Phishing missbrauchen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11281800

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.klambt-mediasales.de/medienmarken/
  2. https://www.heise.de/news/Vimeo-Datenleck-119-000-E-Mail-Adressen-betroffen-11281379.html
  3. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  4. mailto:dmk@heise.de

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Bösartige npm-Pakete: SAP-Software kompromittiert

Von Heise — 04. Mai 2026 um 15:52
SAP Firmenschild

(Bild: Kittyfly/Shutterstock.com)

Mehrere npm-Pakete von SAP waren einer Supply‑Chain‑Attacke ausgesetzt. Dahinter steckt die Hackergruppe TeamPCP, sagen Sicherheitsforscher.

Die Hackergruppe TeamPCP hat am 29. April offenbar Schadcode in mehrere npm-Pakete des deutschen Softwareunternehmens SAP eingeschleust. Die Payload der manipulierten Paketversionen stiehlt unter anderem SSH‑Schlüssel, Cloud‑Credentials, Kubernetes‑Konfigurationen und GitHub‑Token. Entwicklerinnen und Entwickler sollten umgehend handeln, empfehlen die Sicherheitsforscher von Socket.

Socket führt in seinem Blog [1] vier bösartige npm-Pakete auf, die anscheinend von der berüchtigten Hackergruppe TeamPCP [2] in Umlauf gebracht wurden: mbt@1.2.48, @cap-js/db-service@2.10.1, @cap-js/postgres@2.2.2 und @cap-js/sqlite@2.2.2. Die Pakete gehören zum JavaScript- und Cloud-Anwendungsentwicklungs-Ökosystem von SAP und bringen es laut den Sicherheitsforschern zusammen auf mehr als 550.000 Downloads pro Woche. Verfügbar waren die vier Pakete auf npmjs.com [3], der von GitHub betriebenen zentralen Paket‑Registry für JavaScript/Node.js‑Pakete.

Angriff über modifiziertes package.json

Die kompromittierten Pakete enthalten jeweils ein modifiziertes package.json mit dem preinstall‑Hook "preinstall" : "node setup.mjs". Das Skript setup.mjs wird automatisch ausgeführt, sobald jemand das Paket installiert, egal ob lokal oder in einer CI‑Pipeline. Dann stößt der Hook den Download einer Bun-Binary von GitHub an, entpackt sie und startet den Download der Payload, der 11,7 MB großen Datei execution.js.

Auf Entwicklersystemen hat es die Infostealer-Malware auf zahlreiche Datentypen abgesehen, darunter zum Beispiel auf SSH-Schlüssel und Cloud-Zugangsdaten für Amazon Web Services (AWS), Google Cloud Platform (GCP), Kubernetes und Microsoft Azure. Im Fokus stehen außerdem GitHub CLI- und npm-Token, Konfigurationsdateien und Krypto-Wallets. Die gestohlenen Daten landen anschließend verschlüsselt in einem GitHub‑Repository. Findet die Malware keine GitHub-Credentials, erstellt sie ein neues GitHub-Konto und nutzt dieses für die Exfiltration der Daten.

Shai-Hulud im Kleinformat

Die Schadversionen waren laut den Sicherheitsforschern von Onapsis [4] insgesamt nur etwa zwei bis vier Stunden lang im Umlauf. Entwicklerinnen und Entwicklern, die die genannten Paketversionen verwenden, empfiehlt Socket dennoch eine umgehende Aktualisierung und rät außerdem dazu, sämtliche mit den Paketen genutzte Zugangsdaten zu erneuern. Bereinigte Nachfolgeversionen der Pakete stehen auf npmjs.com bereit. SAP hat den Vorfall in der Security Note 3747787 [5] dokumentiert.

Für die Sicherheitsforscher von Socket hat die aktuelle Malware-Attacke technisch und operativ viel mit den Shai-Hulud-Angriffen [6] gemeinsam, die letztes Jahr in großem Umfang liefen. Weil der TeamPCP-Angriff jedoch auf ein kleineres und spezifisches Ökosystem abzielt, bezeichnen sie ihn als Mini Shai‑Hulud [7].


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11280683

Links in diesem Artikel:

  1. https://socket.dev/blog/sap-cap-npm-packages-supply-chain-attack
  2. https://www.heise.de/news/Bericht-Cyberkriminelle-stehlen-Quellcode-von-Cisco-und-dessen-Kunden-11244097.html
  3. https://www.npmjs.com/
  4. https://onapsis.com/blog/sap-cap-mini-shai-hulud-supply-chain-attack/
  5. https://me.sap.com/notes/3747787
  6. https://www.heise.de/news/Shai-Hulud-2-Neue-Version-des-NPM-Wurms-greift-auch-Low-Code-Plattformen-an-11089607.html
  7. https://socket.dev/supply-chain-attacks/mini-shai-hulud
  8. mailto:manuel.masiero@heise.de

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Vorfall bei DigiCert: Malware-Autoren klauten Zertifikate

Von Heise — 04. Mai 2026 um 14:39
Man tippt auf Warnsymbol auf Bildschirm

(Bild: amgun/ Shutterstock.com)

Zuerst infizierten Kriminelle Kundendienstmitarbeiter mit Schadsoftware, dann stahlen sie mehr als zwanzig Zertifikate. Die CA hat reagiert – Microsoft auch?

Die Zertifizierungsstelle DigiCert hat im April mehrere Zertifikate zur Signierung von Programmen („Code Signing Certificate“) an Malware-Autoren ausgegeben. Diese hatten zuvor Kundendienstmitarbeiter bei DigiCert mit Schadsoftware angegriffen und deren Rechner übernommen. Weil verschiedene Schutzmaßnahmen versagten, erlangten die Kriminellen Zugriff auf ein geschütztes Kundenportal – inklusive aller notwendigen Informationen, um die Zertifikate abzurufen.

Hinter den Angreifern steckt wohl die Gruppierung, die für den „Zhong Stealer“ verantwortlich ist. Die Gruppe spezialisiert sich auf Attacken gegen Kundendienstler. Sie infizierte zwei PCs von DigiCert-Mitarbeitern und konnte so auf eine Funktion zugreifen, die den Kundenzugang im DigiCert-Portal simuliert. Dort lagen die Initialisierungs-Codes für Zertifikate bereit, die – zusammen mit einem Hardware-Token und einer entsprechenden Software beim Kunden – nicht nur den Abruf der Zertifikate, sondern auch des zugehörigen Schlüsselmaterials ermöglichen.

Die Angreifer kaperten auf diese Art insgesamt 27 Zertifikate und nutzten diese, um Malware zu signieren und somit an Windows‘ Smart Screen vorbeizuschleusen. Bei internen Ermittlungen [1] fand DigiCert 33 weitere Zertifikate und verschiedene verdächtige Bestellungen und zog sie innerhalb von 24 Stunden nach Bekanntwerden zurück.

In der Ursachenanalyse identifiziert DigiCert gleich mehrere unzureichende Schutzmaßnahmen: So war auf einem der beiden kompromittierten Rechner offenbar gar kein CrowdStrike-Sensor installiert – dort tummelten die Kriminellen sich zehn Tage lang. Auf dem zweiten Rechner gab es zwar einen Alarm, die Malware lief aber trotzdem. Konzeptionelle Lücken in der Risikoanalyse für Zertifikats-Initalisierungscodes erlaubten den Abruf der wertvollen Zertifikate und das Salesforce-Kundenportal leistete dem Unternehmen ebenfalls einen Bärendienst. Es leitete die Schadsoftware, eine .scr-Datei im ZIP-Format, blindlings an die Support-Mitarbeiter weiter und bot so einen idealen Nährboden.

Auch EU-Unternehmen betroffen

Unter den betroffenen Kunden sind die PC-Hersteller Shuttle, Lenovo und Palit, aber auch Tencent, der Betreiber des Videodienstes TikTok und das Leipziger Security-Unternehmen DigiFors. Insgesamt umfasst die von DigiCert gemeldete Liste 61 Zertifikate von Organisationen in dreizehn Ländern, überwiegend in Asien. Doch auch EU-Unternehmen sind betroffen: Neben einer deutschen GmbH sind je eine Firma aus der Schweiz, Frankreich, Polen und Portugal betroffen.

Weiteres Ungemach erwartete DigiCert zur Walpurgisnacht von Microsoft. Der Redmonder Softwarekonzern hatte am 30. April mit einem Signaturupdate der hauseigenen Antiviruslösung Defender eine Erkennung für die Schadsoftware „Trojan:Win32/Cerdigent.A!dha“ hinzugefügt, die unter bestimmten Bedingungen zwei Wurzelzertifikate der CA („DigiCert Assured ID Root CA“ und „DigiCert Trusted Root G4“) kurzerhand aus dem Windows-Trust-Store entfernte. Somit konnten auf betroffenen Windows-PCs keine TLS-Verbindungen zu Webseiten mit DigiCert-Zertifikaten aufgebaut werden.

Doch ob ein Zusammenhang zwischen beiden Vorkommnissen besteht, bleibt zweifelhaft: Zwischen dem letzten zurückgezogenen Malware-Zertifikat und dem fehlerhaften Signatur-Update liegen fast zwei Wochen und in der aktuellen Liste der von Microsoft akzeptierten Wurzelzertifikate [2] sind die Zertifikate weiterhin enthalten.

DigiCert ist nicht das erste Mal in zertifikatsbedingten Schwierigkeiten: Im vorvorigen Jahr sah das Unternehmen sich mit einer Klageandrohung eines Kunden [3] konfrontiert. Dieser weigerte sich, kurzfristig seine wegen Formfehlern zurückgezogenen Zertifikate auszutauschen. Es ist in guter Gesellschaft: Die Bundesdruckerei-Tochter D-Trust hatte aus demselben Grund über die Osterfeiertage [4] tausenden Admins Sonderschichten beschert.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11280757

Links in diesem Artikel:

  1. https://bugzilla.mozilla.org/show_bug.cgi?id=2033170
  2. https://ccadb.my.salesforce-sites.com/microsoft/IncludedCACertificateReportForMSFT
  3. https://www.heise.de/news/DigiCert-Kunde-will-Zertifikate-spaeter-tauschen-und-wehrt-sich-vor-Gericht-9821840.html
  4. https://www.heise.de/news/Fieses-Osterei-D-Trust-verlangt-Zertifikatstausch-bis-Ostermontag-11245930.html
  5. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  6. mailto:cku@heise.de

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