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J.A.R.V.I.S. für jeden: Wo bleibt unser persönlicher KI-Assistent?

Von Tim Elsner — 22. Juni 2026 um 12:00
Versprochen wird bei KI immer viel. Wir erklären, warum der KI-Agent für die Hosentasche immer noch weit entfernt ist.
Wann erscheinen die ersten nützlichen Assistenten für die Hosentasche? (Bild: Valeriia Miller/Pixabay)
Wann erscheinen die ersten nützlichen Assistenten für die Hosentasche? Bild: Valeriia Miller/Pixabay

Dieser Golem-Plus-Text ist 24 Stunden lang frei verfügbar.

Der erste Blick am Morgen geht bei vielen aufs Handy: E-Mails von Kunden, Whatsapp-Nachrichten für mögliche Verabredungen mit Freunden, eine Push-Benachrichtigung von der Bank. In Zeiten von KI-Modellen wie ChatGPT, Agenten wie Openclaw und Co. stellt sich die Frage, warum wir uns mit so etwas noch selbst befassen müssen.

Warum nicht etwa einen Agenten zwischen den einzelnen Apps und uns als Nutzer stellen, der uns die lästige Koordination und kleinere Arbeiten abnimmt? Termine für gemeinsame Kochabende könnten genauso automatisch koordiniert werden wie möglicherweise einfach zu beantwortende E-Mails oder der Friseurbesuch.

Wir analysieren, wie eine mögliche Zukunft aussehen könnte, was die aktuellen technischen Grenzen sind, und warum wir noch keinen persönlichen Assistenten in der Hosentasche mit uns herumtragen.

Was technisch möglich ist

Für einen KI-Assistenten, der etwa auf dem Handy laufen soll, braucht es eine Reihe technischer Skills, die auf den ersten Blick recht einfach zu erwerben sind. Da wäre zunächst einmal die Kommunikation mit dem Assistenten – in Zeiten von Whisper und Co., die auch bei ChatGPT als Sprache-zu-Text-Modul fungieren, das geringste Problem.

Intern wäre ein Sprachmodell möglich, das Nutzereingaben verarbeitet, wenn sie einmal zu Text übersetzt wurden. Das könnte sogar lokal geschehen und auf dem Gerät selbst ausgeführt werden, weil kleinere Sprachmodelle zwar beim Faktenwissen straucheln, dafür aber durchaus eloquent sprechen und Dinge begreifen können. Für das fehlende Faktenwissen ließe sich dann in einem entsprechenden Modell eine Datenbank, Google-Suche oder Ähnliches einbinden.

Das wäre vermutlich auch das Grundprinzip eines solchen Modells: Die KI muss eigentlich nur begreifen, was die gestellte Aufgabe ist, und die Information entsprechend an die richtigen Schnittstellen weiterleiten und die Kommunikation zwischen verschiedenen Schnittstellen übernehmen. Ein Beispiel: Das lokale KI-Modell könnte auf die Nutzeranfrage nach einem Friseurtermin zuerst den eigenen Kalender überprüfen, anschließend aus der eigenen Historie lesen, zu welchem Friseur man geht, und (bei einem modernen Salon) einen Termin über den Webbrowser buchen.

Gemeinsame Standards nötig

Grundsätzlich lassen sich zwar Programme über menschliche Schnittstellen auch von KI-Agenten, also etwa Interfaces mittels Mausbewegung oder simuliertem Touch auf dem Handy bedienen. Eine bessere Integration für Arbeit im Hintergrund allerdings setzt voraus, dass sich die verschiedenen Hersteller von Webseiten, Apps und Co. auf gemeinsame Standards einigen.

Aber nicht nur die fehlenden Schnittstellen, auch technische Details sind dabei oft das entscheidende Hindernis.

Beginnen wir mit einer gewissen Grundkompatibilität der Schnittstellen: Wenn unser Friseur nur Termine per Telefon vergibt, kann unser Assistent nicht per Browser einen Termin buchen. Zwar gab es bereits 2018 eine Demo, in der eine KI beim Friseur anruft und, ohne sich gegenüber der Gesprächspartnerin als KI zu identifizieren, einen Termin vereinbart. Solche Agenten haben aber möglicherweise problematische Fähigkeiten wie Telefonanrufe, die einiges an Missbrauchspotenzial haben können.

Grundsätzlich gilt: Die echte Welt ist komplexer und unvorhersehbarer als alle Beispielszenarien, und gemäß Murphy's Law wird dabei immer etwas schiefgehen. Wenn sich unser Agent beispielsweise spontan dazu entscheidet, nachts um 4 Uhr den Vorgesetzten mit einem Anruf zu belästigen, könnte das böse ausgehen.

Außerdem bräuchte unser Assistent eine Reihe von Erinnerungen, die gespeichert und verarbeitet werden müssten. Er müsste sich merken, zu welchem Friseur wir bisher gegangen sind oder welche Präferenzen wir haben. Wie man aber unter anderem an ChatGPT sieht, sind solche Datenbanken schwierig zu verwalten und zu benutzen. Beispielsweise hat der Autor dieses Artikels vor einigen Monaten ein Dokument einer Veröffentlichung zu einem sehr spezifischen Thema probeweise von ChatGPT lesen lassen. Seitdem setzt die KI vieles zwangsweise und unnötig in diesen Kontext und mindert damit die Qualität der Antworten.

Außerdem benutzen KI-Modelle diese Erinnerungen grundsätzlich nicht nativ, eingebaut in das Modell selbst, sondern, indem Textstellen mit textbasierten Erinnerungen vor die eigentliche Eingabe kopiert werden. Diese Textfetzen müssen gut kuratiert und ausgewählt werden, um zur Eingabe zu passen; sie dürfen aber auch nicht zu ausladend werden.

Zwar existieren einige Lösungsansätze im Bereich AI Memory, die Grundprobleme lassen sich aber nicht eindeutig lösen: Welche Informationen müssen wie genau gespeichert werden, und das abhängig von ihrem Kontext? So ist etwa ein einzelner Huster des Nutzers egal, eine Häufung von Hustern könnte der Hinweis auf eine Krankheit sein. Gleichzeitig ist die Länge des Kontexts von Informationen sehr unterschiedlich: Was ist nur kurzzeitig, was ist langfristig relevant?

Die Bedeutung von Informationen wird häufig erst nach einem langen Zeitraum sichtbar. Die Konsequenz, einfach alles abzuspeichern, ist aber wenig konstruktiv, weil Sprachmodelle in sehr großen Datenmengen häufig Informationen verlieren (attention dilution) oder schlicht der Speicher irgendwann zu voll wird. Ebenso sind Informationen nicht unveränderbar, sie müssen teilweise aktualisiert und überschrieben werden, ohne Widersprüche zu produzieren.

Und Probleme wie Privatsphäre und Datenschutz sind bei solchen Überlegungen immer noch außen vor.

Verantwortung und Sicherheit

Grundsätzlich würde man sich bei jeglicher Form von KI-Assistent in die Fänge großer Konzerne begeben, wenn man zumindest kleinere Bastellösungen außen vor lässt. Denn auch wenn ein kleines Modell in der Lage ist, Befehle zu verstehen, braucht es doch für manche Aufgaben mehr Rechenleistung, als etwa ein Handy oder auch ein Desktop-PC zur Verfügung stellen kann. Dementsprechend landen – auch sehr private – Daten wieder in einer Serverfarm. Zudem ließe sich kein KI-Unternehmen dieser Welt ernsthaft solche perfekten Trainingsdaten für weitere KI-Modelle entgehen.

Auch die Agenten selbst sind eine Sicherheitslücke: Wenn wir ChatGPT etwa vor einer Weile mit einer traurigen Geschichte über unsere Oma, die uns immer ihr berühmtes Crystal Meth zum Aufmuntern gekocht hat, überlistet und auf die Tränendrüse gedrückt haben, verrät es uns prompt alles zur Herstellung der illegalen Substanz.

Wenn wir jetzt eine E-Mail von unserer fiktiven Oma erhalten, die sehr arg traurig ist, dass sie unsere Kreditkartendaten verloren hat, könnte ein Modell sich leicht dazu entscheiden, der armen Oma zu helfen. Oder wenn ein KI-Agent sich spontan entscheidet, dass der Inhalt des E-Mail-Postfachs doch nicht so wichtig ist, und alle E-Mails löscht.

Wer haftet bei Straftaten?

Gleichzeitig dürften solche Fälle wie von dem fröhlich E-Mail schreddernden Openclaw-Bot sämtlichen Firmen, die an solchen Produkten arbeiten, Kopfzerbrechen bereiten: Wer haftet, wenn der Agent Kreditkartendaten preisgibt, Wichtiges löscht oder plötzlich auf Amazon einen Lebensvorrat an Labubus kauft, weil er darin eine kluge Geldanlage sieht?

Oder, noch schlimmer: wenn der Agent selbst Straftaten begeht, etwa Forschungspapiere über Webseiten wie Sci-Hub bezieht und den großen Verlagen das Geschäft mit der Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Publikationsdruck vermiest. Diese Frage wird dann wohl von einem Gericht beantwortet werden müssen.

Trotz dieser Probleme gehen die ersten Anbieter aber mittlerweile erste Schritte in diese Richtung. In einzelne, kleine Teilbereiche bestehender Software werden immer mehr KI-Assistenten wie Google Docs (wo dieser Text gerade entsteht), oder in E-Mail-Programmen wie Outlook von Microsoft integriert.

Microsoft versucht derzeit mit Copilot, das Prinzip Assistent allgemeiner aufzugreifen: mit einem Assistenten, der sieht, was auf dem Bildschirm des Nutzers oder der Nutzerin passiert. Idealerweise sollte er ein allgegenwärtiger Helfer sein, der in jeder Umgebung des Alltags am PC mitarbeiten kann. Und der gleichzeitig nebenbei wertvolle Daten der Nutzer für zukünftige Modelle liefert.

Aber auch OpenAI und Co., etwa mit der Übernahme von Openclaw, setzen zunehmend auf Agenten. Wann die ersten wirklich nützlichen Assistenten für die Hosentasche erscheinen, weiß trotzdem wohl niemand vorherzusagen, weil das eine komplexe Mischung an Lösungen aus rechtlichen, technischen und gesellschaftlichen Problemen voraussetzt.

Fazit

KI kann viele Dinge, täuscht aber mit ihrem Training hin zu perfektem Mimikry von Intelligenz darüber hinweg, dass es an vielen Stellen noch gewaltig knirscht und Probleme gibt, an die niemand gedacht hat. Vermutlich führt der realistischste Weg, wie Nutzer einem Agenten wirklich vertrauen (können), eher über Kontrolle durch einen eng eingebundenen Nutzer und spezialisierte Agenten. Der allgemeine Level von "Wir haben eine Lösung für alles", mit dem ChatGPT damals bei vielen Nutzern Erstaunen ausgelöst hat, bleibt für Agenten voraussichtlich vorerst aus.

Die fünf wichtigsten Take-aways im Überblick

1. Abstrakte Lösungen und Unter-Agenten: Ein Formulieren eines Aktionsplans zur Lösung von Problemen und das Aufrufen von Unter-Agenten, die spezifische Probleme lösen, funktioniert bereits gut, sogar mit kleinen, lokal laufenden Modellen.

2. Schnittstellen fehlen, simulierte Eingaben sind unpraktisch: Wenn Computer miteinander kommunizieren, indem sie vorgaukeln, dass sie eine Maus über einen Bildschirm bewegen, arbeiten sie deutlich weniger effizient, als sie es könnten. Einheitliche Schnittstellen zur Kommunikation darüber fehlen zum großen Teil noch.

3. Erinnerungen sind kompliziert: Was sich eine KI merken soll und was nicht, ist genauso schwierig zu entscheiden, wie welche Erinnerungen gerade nützlich sind und wie sie später in einen Assistenten eingebaut werden könnten.

4. Sicherheitslücken: Solange hinter einem Agenten ein "dummes" Sprachmodell steckt, lassen sich Jailbreaks quasi als Hacks auch an einen Agenten weitertragen. Dazu kommt der rechtliche Albtraum der Haftung eines marodierenden KI-Agenten, der Dinge zerstört oder sogar selbst kriminelle Handlungen begeht.

5. Kleine Schritte: Bevor wir einen rundum fähigen Assistenten haben, werden einzelne Teilstücke automatisiert, weil es so viel weniger Konflikte, unvorhergesehene Probleme und Sicherheitslücken gibt.

Dr. Tim Elsner hält Vorträge und hat eine Firma gegründet, die zwischen LLMs, Computer Vision und dem allgemeinen Thema KI Kunden berät und selbst an neuen Modellen forscht und entwickelt. Er bastelt und erklärt ansonsten gerne an allem, was mit neuronalen Netzen zu tun hat.

Dieser Artikel erscheint bei Golem Plus, weil ...
... er die oft übersehenen technischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Hürden analysiert – von Speicherproblemen über Sicherheitslücken bis hin zu Haftungsfragen. Statt Zukunftsversprechen zu wiederholen, zeigt er anhand konkreter Beispiele, warum ein echter persönlicher KI-Assistent trotz beeindruckender Fortschritte noch weit entfernt ist und welche Voraussetzungen dafür erst geschaffen werden müssten.

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Sicherheitslücken gefährden Verbindungen über libssh2

Von Heise — 21. Juni 2026 um 14:06

(Bild: asharkyu/Shutterstock.com)

Unter anderem eine kritische Lücke bedroht IT-Infrastrukturen mit libssh2. Patches sind da, aber offensichtlich bislang nicht flächendeckend implementiert.

Die Open-Source-SSH-Bibliothek libssh2 ist verwundbar. Angreifer können an zwei Sicherheitslücken ansetzen, um Systeme zu attackieren. Im schlimmsten Fall kann Schadcode Computer kompromittieren. Der Patchstatus ist den derzeit verfügbaren Informationen zufolge undurchsichtig. Zum Zeitpunkt dieser Meldung gibt es keine Berichte, dass Angreifer die Schwachstellen bereits ausnutzen.

Unternehmen setzen die Bibliothek an empfindlichen Stellen im Netzwerk ein, um etwa Router und IoT-Geräte fernzusteuern und Server zu managen. Demzufolge könnten erfolgreiche Attacken weitreichende Folgen haben.

Warten auf reparierte Ausgabe

Beide Lücken (CVE-2026-55200 [1]kritisch“, CVE-2026-55199 [2]hoch“) sind auf GitHub dokumentiert. Angreifer können über präparierte SSH-Pakete Speicherfehler auslösen und Schadcode ausführen. Außerdem sind DoS-Attacken vorstellbar.

Davon sind den Entwicklern zufolge alle libssh2-Versionen bis einschließlich 1.11.1 bedroht. Das Problem ist, dass beide Sicherheitspatches derzeit nur in Form von GitHub-Commits (7acf3df [3], 1762685 [4]) existieren. Offensichtlich sind die Fixes bereits im Master-Branch verfügbar, aber eine neue Version steht noch aus. Stichproben bei Linux-Distributoren haben Folgendes ergeben: Laut dem Debian Security Tracker [5] wird die reparierte Ausgabe 1.11.1-3 derzeit getestet. In Kali Linux ist diese Version wohl schon seit Mai dieses Jahres enthalten. [6]


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11339571

Links in diesem Artikel:

  1. https://github.com/advisories/GHSA-R8MH-X5QV-7GG2
  2. https://github.com/advisories/GHSA-3CFQ-4XX4-RMPG
  3. https://github.com/libssh2/libssh2/commit/97acf3dfda80c91c3a8c9f2372546301d4a1a7a8
  4. https://github.com/libssh2/libssh2/commit/17626857d20b3c9a1addfa45979dadcee1cd84a4
  5. https://tracker.debian.org/pkg/libssh2
  6. https://pkg.kali.org/pkg/libssh2
  7. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  8. mailto:des@heise.de

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Jetzt patchen! Angriffe auf Wordpress-Websites mit Gravity-SMTP-Plug-in

Von Heise — 21. Juni 2026 um 11:43

(Bild: solarseven/Shutterstock.com)

Angreifer verschaffen sich auf Wordpress-Websites mit Gravity-SMTP-Plug-in Zugriff auf eigentlich geschützte Daten.

Derzeit haben es Angreifer auf Wordpress-Websites mit Gravity-SMTP-Plug-in abgesehen und attackieren Instanzen. Ein Sicherheitspatch ist bereits seit Ende März dieses Jahres verfügbar, aber offensichtlich noch nicht flächendeckend installiert.

Vor den Attacken warnen Sicherheitsforscher von Wordfence in einem Beitrag [1]. Ihnen zufolge ist die Lücke (CVE-2026-4020 „mittel“) seit März dieses Jahres bekannt. Seitdem gibt es auch die reparierte Ausgabe 2.1.5. Alle vorigen Versionen sind verwundbar.

Die Forscher geben an, dass das Plug-in derzeit rund 100.000 aktive Installationen aufweist.

Unbefugte Zugriffe

Ansatzpunkt für Angreifer ist ein nicht ausreichend sicher konfigurierter REST-API-Endpoint. So können sie ohne Authentifizierung darauf zugreifen, um über einen HTTP-GET-Request detaillierte Systemkonfigurationen abzurufen und diese Informationen für weiterführende Attacken zu nutzen.⁣

Die Sicherheitsforscher geben an, bereits 17 Millionen Angriffsversuche dokumentiert zu haben. Admins sollten dementsprechend zügig handeln und ihre Instanzen absichern. In ihrem Beitrag führen sie detaillierte Informationen zur Lücke auf. Zusätzlich finden Admins dort konkrete Hinweise (Indicators of Compromise, IoC), wie IP-Adressen, an denen sie bereits attackierte Systeme erkennen können.

Update

Seit wann das Sicherheitsupdate verfügbar ist im Text korrigiert.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11339529

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.wordfence.com/blog/2026/06/attackers-actively-exploiting-sensitive-information-exposure-vulnerability-in-gravity-smtp-plugin/
  2. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  3. mailto:des@heise.de

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Bamboo, Confluence & Co.: Atlassian schließt 100 Sicherheitslücken

Von Heise — 21. Juni 2026 um 10:51
Ein symbolische Updateknopf auf einer Tastatur.

(Bild: Artur Szczybylo/Shutterstock.com)

Angreifer können Softwareprodukte von Atlassian attackieren und im schlimmsten Fall Schadcode auf Computer schieben und ausführen.

Admins von Atlassian-Anwendungen sollten, um möglichen Attacken vorzubeugen, die ab sofort verfügbaren Sicherheitsupdates für verschiedene Produkte des Softwareherstellers installieren. Geschieht das nicht, können Angreifer Sicherheitslücken in etwa Bitbucket, Confluence und Jira Service Management ansetzen. Bislang gibt es keine Berichte, dass Angreifer die Schwachstellen bereits ausnutzen.

Überblick für Admins

Wie aus dem Sicherheitsbereich der Atlassian-Website hervorgeht [1], haben die Entwickler in aktuellen Versionen insgesamt 100 Lücken geschlossen. Davon sind neben dem eigenen Code auch Abhängigkeiten zu etwa Apache Tomcat betroffen.

Weil eine Auflistung der Schwachstellen und reparierten Ausgaben den Rahmen dieser Meldung sprengt, müssen sich Admins auf der verlinkten Seite des Softwareherstellers einen Überblick verschaffen. Im Folgenden finden sich einige besonders bedrohliche Lücken.

Die Gefahren

Unter den geschlossenen Schwachstellen sind auch einige „kritische“ Lücken – darunter sogar welche mit maximalem CVSS Score 10 von 10 (etwa CVE2026-40175). Das ist zum Beispiel der Fall in Axios im Zusammenhang von Jira Data Center and Server. Die Atlassian-Entwickler schreiben, dass aufgrund der Form der Abhängigkeit in diesem Kontext eine weniger bedrohliche Einstufung als kritisch gilt. Bei dieser Prototype-Pollution-Schwachstelle können Angreifer manipulierend eingreifen und etwa eigenen Code ausführen. Dagegen sollen die Versionen 11.3.7 (LTS) recommended Data Center Only und 10.3.22 (LTS) Data Center Only gerüstet sein.

Der Großteil der verbleibenden Lücken ist mit dem Bedrohungsgrad „hoch“ eingestuft. An diesen Stellen können Angreifer unter anderem für DoS-Attacken (etwa CVE-2026-33388) ansetzen oder sogar Schadcode aus der Ferne ausführen (CVE-2026-41044).


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11336541

Links in diesem Artikel:

  1. https://confluence.atlassian.com/security/security-bulletin-june-16-2026-1796309326.html
  2. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  3. mailto:des@heise.de

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Longevity in Japan: Wirkstoff RS5614 dreht biologische Gen-Uhr zurück

Von Telepolis — 21. Juni 2026 um 18:40
Hand hält DNA-Strang und Icons für Gesundheit, Gehirn, Herz, Schlaf, Lunge, Meditation und Stethoskop.

(Bild: tech_BG / Shutterstock.com)

Im globalen XPRIZE-Wettbewerb zeigt der PAI-1-Inhibitor der Universität Tohoku spektakuläre Verjüngungs-Effekte bei älteren Menschen.

Können wir das biologische Altern stoppen? Forscher der japanischen Universität Tohoku [1] antworten auf diese Frage jetzt mit ersten klinischen Belegen.

Im Rahmen des mit 101 Millionen US-Dollar dotierten XPRIZE Healthspan [2]-Wettbewerbs testete das Team um Professor Toshio Miyata den oral verabreichten Wirkstoff RS5614 (in japanischen Primärquellen auch TM5614 genannt) an 20 Probanden im Alter von 50 bis 75 Jahren. Allerdings wurden nur die Ergebnisse von 19 Probanden ausgewertet.

Nach nur vier Monaten Einnahme sank deren biologisches Alter im Schnitt um zwei bis drei Jahre – gemessen an der sogenannten epigenetischen Uhr, die das Alter anhand von DNA-Methylierungsmustern in Leukozyten bestimmt.

Der Clou: RS5614 hemmt gezielt das Protein PAI-1 (Plasminogen-Aktivator-Inhibitor-1) und reaktiviert damit eine körpereigene Zellreinigung, die im Alter zunehmend versagt.

Die Universitäten Tohoku, Hiroshima und Tokai sowie das Biotech-Unternehmen Renascience Inc. führten die Halbfinal-Studie gemeinsam durch. Studienleiter war Hideo Harigae, Exekutivdirektor und Vizepräsident der Universität Tohoku.

Die vorläufigen Ergebnisse [3] veröffentlichten die Beteiligten im Mai 2026.

Der Traum von ewiger Jugend: Wie die Horvath-Uhr in Japan zurückgedreht wurde

Die epigenetische Uhr, entwickelt vom Genetiker und Biostatistiker Steve Horvath, gilt als einer der präzisesten Biomarker für das biologische Alter. Sie misst chemische Veränderungen an der DNA – sogenannte Methylierungen –, die sich mit den Lebensjahren charakteristisch verschieben.

Das chronologische Alter der 19 ausgewerteten Probanden lag im Mittel bei 60,4 Jahren. Zu Studienbeginn stimmte das epigenetische Alter weitgehend damit überein: 61,7 Jahre nach der Horvath-Methode und 58,0 Jahre nach der verfeinerten PC-Horvath-Methode.

Nach 16 Wochen RS5614-Einnahme zeigten die Messungen bei 15 von 19 Teilnehmenden eine Verjüngung auf 58,3 Jahre (Horvath) – ein Minus von 3,4 Jahren. Nach der PC-Horvath-Methode sank das biologische Alter bei 18 von 19 Probanden auf 56,1 Jahre, was 1,9 Jahren Verjüngung entspricht.

Beide Ergebnisse waren statistisch hochsignifikant (p < 0,001). Parallel dazu fielen alle gemessenen seneszenzassoziierten microRNAs – darunter miR-22-3p, miR-195-5p und miR-205-5p – signifikant ab.

Diese winzigen RNA-Moleküle regulieren Gene, die den Alterungsprozess vorantreiben; ihre Reduktion deutet auf eine gebremste Zellalterung hin.

Das Langlebigkeits-Hindernis: Warum PAI-1 unsere Zellen altern lässt

Eine zentrale Rolle im Alterungsprozess spielt laut einer in Nature Cell Death Discovery [4] publizierten Studie das Protein PAI-1.

Normalerweise räumen Fresszellen des Immunsystems – Makrophagen – abgestorbene und defekte Zellen auf. Dieser Prozess heißt Efferozytose. Das Erkennungssignal liefert ein Protein namens Calreticulin auf der Oberfläche sterbender Zellen, das den Rezeptor LRP-1 auf Makrophagen aktiviert.

PAI-1 sabotiert diesen Mechanismus. Entzündliche Makrophagen schütten es in großen Mengen aus, und es bindet mit höherer Affinität an LRP-1 als das Calreticulin der toten Zellen.

Die Fresszellen werden gewissermaßen blind für ihren Auftrag. Abgestorbene Zellen häufen sich an und befeuern chronische Entzündungen – ein Teufelskreis, der die Immunseneszenz vorantreibt.

Mit zunehmendem Alter steigt der PAI-1-Spiegel, die zelluläre Müllabfuhr versagt immer stärker.

Wirkstoff RS5614 als Zell-Verjüngung: Die biologische Müllabfuhr startet neu

RS5614 blockiert gezielt die PAI-1-Aktivität. Die Konsequenz: Der Rezeptor LRP-1 auf Makrophagen wird wieder frei, die Fresszellen erkennen tote Zellen und beseitigen sie. In der klinischen Studie zeigte sich das an messbaren Effekten über mehrere Ebenen hinweg.

Die Proteom-Analyse von 7.596 Plasmaproteinen ergab 356 signifikant erhöhte und 199 signifikant verringerte Proteine, die mit Entzündungshemmung, Knochen- und Muskelaufbau, kognitiver Funktion und Fettstoffwechsel zusammenhängen.

Auf zellulärer Ebene stieg die Zahl der hämatopoetischen Stamm- und Vorläuferzellen signifikant an – bei 15 von 19 Probanden. Gleichzeitig nahm die Zahl der NK-Zellen ab, was paradox klingt, aber auf eine Umkehr der Immunseneszenz hindeutet: Im Alter kompensiert der Körper den Funktionsverlust der NK-Zellen durch eine übermäßige Vermehrung.

Der Marker für oxidativen Stress CML (Carboxymethyllysin) sank bei 16 von 19 Teilnehmern signifikant. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf – lediglich eine leichte Leberfunktionsstörung bei einem Probanden, deren Zusammenhang mit RS5614 nicht ausgeschlossen werden konnte.

Die Zukunft der Longevity-Medizin: Der Weg zur Pille gegen das Altern

Bereits im April 2026 gründete die Tohoku-Universität das Healthspan Research Center (HeSReC) [5] in Sendai unter der Leitung von Professor Hideki Katagiri.

Das Zentrum bündelt Grundlagenforschung, klinische Studien und KI-gestützte Biomarker-Entwicklung und soll Japans Antwort auf die rund zehnjährige Lücke zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung liefern.

Die Studienergebnisse und das finale Studienprotokoll gingen im April 2026 an den XPRIZE-Bewertungsausschuss. Wird das Team im Juli 2026 als Finalist (Top 10) ausgewählt, folgt eine internationale, placebokontrollierte Studie mit rund 150 älteren Erwachsenen in Japan, den USA, Saudi-Arabien und Taiwan.

Ob sich die molekularen Verjüngungseffekte dann auch in konkret messbaren Organverbesserungen niederschlagen, bleibt die entscheidende offene Frage.

RS5614 befindet sich parallel in mehreren Phase-II- und Phase-III-Krebsstudien – als Longevity-Wirkstoff betritt es allerdings Neuland.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11339661

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.tohoku.ac.jp/japanese/2026/05/press20260514-02-tm5614.html
  2. https://www.xprize.org/prizes/healthspan
  3. https://www.renascience.co.jp/wp-content/uploads/2026/05/xprize-healthspan-trial-results.pdf
  4. https://www.nature.com/articles/s41420-026-03076-0
  5. https://www.tohoku.ac.jp/japanese/2026/04/press20260408-01-HeSReC.html

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Warum Krebs? Wenn Zellen außer Kontrolle geraten

Von Telepolis — 21. Juni 2026 um 16:00
Rosa eingefärbte Krebszelle auf blau getöntem Hintergrundgewebe.

(Bild: 3dMediSphere, shutterstock)

Jeder normal gebildete Mensch weiß, dass man Krebs vom Rauchen oder Alkohol bekommen kann. Doch was dabei im Körper passiert, wird erst jetzt langsam klar.

Krebs beginnt im Verborgenen, in einer einzelnen Zelle, im Erbgut. Dort entstehen Schäden, die der Körper nicht mehr reparieren kann. Dann folgt, ist ein jahrelanger Prozess, in dem sich die betroffene Zelle grundlegend verändert und drei fatale Fähigkeiten erwirbt: Sie teilt sich unkontrolliert, wird unsterblich und wächst dabei stetig weiter.

In jeder gesunden Zelle herrscht ein fein austariertes Gleichgewicht. Gene, die das Wachstum fördern – sogenannte Protoonkogene – werden nur dann aktiviert, wenn der Körper neue Zellen braucht, etwa bei der Wundheilung. Andere Gene wirken als Bremse und stoppen das Wachstum, sobald es nicht mehr nötig ist.

Doch Mutationen können dieses System aus dem Takt bringen. Eine Veränderung im Erbgut kann dazu führen, dass ein Protoonkogen dauerhaft aktiviert wird – das Gaspedal bleibt durchgetreten. Solche mutierten, unkontrolliert aktiven Gene nennen Forscher dann Onkogene, also Krebsgene.

Zudem können andere Mutationen die Tumorsuppressorgene ausschalten. Die Folge: Die Bremsen versagen. Dieses Ungleichgewicht allein führt aber noch nicht zu Krebs. Es ist nur der erste Schritt in einem langen Prozess [1], wie Springer Medizin betont. Die beschleunigte Zellteilung erhöht jedoch das Risiko, dass sich weitere Mutationen ansammeln – schneller als in normalen Zellen.

Unsterblichkeit

Normale Körperzellen sind sterblich. Sie können sich nur etwa 40 Mal teilen, dann ist Schluss. Reguliert wird das über die Telomere, eine Art Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Bei jeder Zellteilung schmelzen sie ab, bis die Zelle ihre Teilungsfähigkeit verliert und schließlich abstirbt.

Krebszellen schaffen es, diese natürliche Grenze zu überwinden und erlangen so die Fähigkeit zur unbegrenzten Zellteilung. Meist sorgen sie dafür, dass die Telomere – entgegen ihrer eigentlichen Funktion stetig wieder aufgebaut [2] werden. Nicht immer ist eine Mutation des dafür verantwortlichen Gens die Ursache.

Zusätzlich schalten Krebszellen ein weiteres Sicherheitssystem des Körpers aus: ein zelluläres Selbstzerstörungsprogramm, die sogenannte Apoptose. Bei kranken Zellen kann sie vom Immunsystem ausgelöst [3] werden. Und am Ende ihrer Existenz, werden etwa schwere Schäden am Erbgut erkannt werden, durchlaufen alle Zellen diesen Prozess.

Programmierter Zelltod

Wenn ein Zelle vor einer ihrer 40 Teilungen steht, durchläuft sie normalerweise mehrere Kontrollpunkte. Werden dabei schwere Schäden am Erbgut erkannt, die nicht mehr repariert werden können, aktiviert die Zelle ebenfalls ihr Selbstzerstörungsprogramm.

Krebszellen jedoch umgehen diesen Mechanismus. Sie ignorieren die Stopp-Signale und vernichten sich nicht mehr selbst, selbst wenn ihr Erbgut massiv geschädigt ist. So können sie überleben und sich weiter teilen, obwohl sie sich längst hätten selbst zerstören und verstoffwechselt werden müssen.

Krebszellen befeuern ihr eigenes Wachstum

Schließlich kommt eine weitere Eigenschaft hinzu: Die Krebszellen beginnen, ihr Wachstum selbst anzutreiben. Sie produzieren eigene Wachstumsbeschleuniger – Signalstoffe, die normalerweise nur bei Bedarf vom Körper ausgeschüttet werden. Damit machen sie sich unabhängig von den Wachstumssignalen aus ihrer Umgebung.

Gleichzeitig entwickeln die erkrankten Zellen Resistenzen gegenüber körpereigenen Wachstumshemmern. Der Körper schickt zwar weiterhin Stopp-Signale, doch die Krebszellen reagieren nicht mehr darauf. Sie werden taub für die Befehle, die ihr Wachstum bremsen sollen. Das Ergebnis: Die Zelle teilt sich ungehemmt weiter, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse des Gesamtorganismus.

Diese drei Eigenschaften – unkontrollierte Zellteilung, Unsterblichkeit und selbst angetriebenes Wachstum – sind zentrale Bausteine auf dem Weg zur Krebszelle, wie das Onko-Portal schreibt [4].

Doch auch die reichen noch nicht aus. Damit aus einer entarteten Zelle tatsächlich eine gefährliche Krebserkrankung wird, muss die Zelle noch weitere Fähigkeiten erwerben: etwa die Bildung neuer Blutgefäße zur Versorgung, die Abwehr des Immunsystems und die Fähigkeit, in andere Gewebe einzudringen.

Ansatzpunkte für modernste Forschung und Therapien

Die Forschung an modernen Krebstherapien setzen genau an diesen Mechanismen an. Zwei Beispiele:

Vor kurzem meldeten [5] Forscher des Dana-Farber Cancer Institute in Boston nun einen Durchbruch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, der tödlichsten Krebsart. Ihr Wirkstoff greift am Protein KRAS an, dem "Heiligen Gral" der Krebsforschung. Denn eine bestimmte Mutation im KRAS-Gen hält ein körpereigenes Wachstumssignal dauerhaft aktiv, das den Tumor antreibt.

Auch die Grundlagenforschung macht Fortschritte: Am Scripps Research Institute in Kalifornien haben Wissenschaftlern herausgefunden [6], wann und warum sogenannte Doppelstrangbrüche auftreten, bei denen beide Stränge der DNA-Helix gleichzeitig durchtrennt werden: Wenn die üblichen, präzisen Erbgut-Reparatursysteme versagen, greifen die Zellen unter Umständen auf diese weniger zuverlässige biochemische "Notoperation" zurück.

Und manche Krebszellen sind auf diesen Mechanismus angewiesen, um zu überleben.

Jahre bis zur Erkrankung

Zwischen der Entstehung der ersten Krebszelle und dem Auftreten einer nachweisbaren Erkrankung können Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte vergehen. In dieser Zeit häufen sich in der Zelle nach und nach kritische Mutationen an.

Die Reihenfolge und die genaue Art dieser Mutationen sind bei jedem Krebs unterschiedlich. Entscheidend ist nur, dass die Zelle auf irgendeinem Weg alle kritischen Eigenschaften zusammen erwirbt. Erst dann wird sie zur vollständigen Krebszelle – und übernimmt das Ruder.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11339483

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.springermedizin.de/wie-entsteht-krebs/27320926
  2. https://www.dkfz.de/aktuelles/pressemitteilungen/detail/spuren-der-unsterblichkeit-im-tumorerbgut
  3. https://www.youtube.com/watch?v=DR80Huxp4y8
  4. https://www.onko-portal.de/basis-informationen-krebs/basis-informationen-krebs-allgemeine-informationen/wie-krebs-entsteht.html
  5. https://www.telepolis.de/article/Neue-Pille-verdoppelt-Ueberlebenszeit-bei-Bauchspeicheldruesenkrebs-11313412.html
  6. https://www.sciencedaily.com/releases/2025/12/251227004155.htm

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USA und Iran: Bringt das neue "Abkommen" die Wende im Ölkrieg?

Von Telepolis — 21. Juni 2026 um 14:00
Symbolbil mit der Karte der Straße von Hormus, die mit für einen tanker mit einem Vorhängeschloss versperrt ist.

(Bild: GreenOak, shutterstock)

Der Krieg gegen den Iran hat Pause. Was macht den relativen Erfolg Teherans aus, was ist neu daran und was lässt sich nicht daraus ableiten? Eine Analyse.

Politikwissenschaftler aus der in Mode gekommenen geoökonomischen Schule wie Milan Babić beschreiben den Kampf um globale Infrastruktur als zentralen Schauplatz im Wettlauf um Hegemonie. Doch diese Analyse erfasst nur die halbe Wahrheit.

Nach monatelangen schweren Gefechten haben die USA und der Iran nun ein Memorandum of Understanding (MoU) unterzeichnet, um den US-Angriffkrieg zu beenden und die blockierte Straße von Hormus wieder zu öffnen. Dieser diplomatische Durchbruch belegt, dass der Konflikt vor allem auf ökonomischer Ebene entschieden wurde.

Daher bietet die politische Ökonomie, angereichert durch neogramscianische Theorien, wohl eine bessere Grundlage zur Analyse der Situation.

Wirtschaftskrieg 2.0

Während Angriffe auf beladene Öl-Frachter bis Anfang März ausschließlich dem US-Militär vorbehalten waren, griff später auch Teheran auf gewaltsame Aktionen gegen Seetransporte zurück. Als mehrere westliche Staaten die vom Iran verhängte Sperrung der Meerenge missachteten, griff Teheran die ihnen verbundenen Frachtschiffe an.

Anfang März brach dann der regionale Schiffsverkehr um ganze 97 Prozent ein: Statt durchschnittlich 141 passierten nur noch drei Schiffe pro Tag die strategisch zentrale Wasserstraße. Damit wurde die Straße von Hormus zum Schauplatz eines ganz neuartig geführten internationalen Konfliktes.

Denn die Blockade stellt eine neue Form des Widerstandes gegen völkerrechtswidrige Angriffe dar: eine ganz erhebliche Störung und teilweise Unterbrechung der weltweiten kapitalistischen Zirkulation.

Neuartiges Muster internationaler Auseinandersetzungen

Wie erfolgreich dieses asymmetrische Druckmittel war, beweist das nun vorliegende MoU, das den USA im Austausch für die Wiederöffnung der Passage massive Zugeständnisse und ein Ende der eigenen Seeblockade abtrotzt.

Während des Kalten Krieges kam es regelmäßig und verbreitet zu Widerstand gegen das das westliche Diktat einer (neo)liberal strukturierten Weltwirtschaft. Doch dieser Widerstand fokussierte vor allem auf Unternehmensstrukturen: Ausländische Unternehmen wurden verstaatlicht und Landrechte umgestaltet.

Im Vergleich dazu setzt Teheran jedoch an einem ganz anderen Punkt an: Die Blockade der Straße von Hormuz trifft einen zentralen Nerv der globalen kapitalistischen Ökonomie: Die Zirkulationssphäre, also den Handel und die Verteilung von Produkten, durch den diese erst in Wert gesetzt werden können.

Druck auf die Zirkulation statt Verstaatlichung

Dass dieser Hebel den Weg an den Verhandlungstisch ebnete, zeigt die fortdauernde Abhängigkeit der Weltwirtschaft von fossilen Energieträgern. Trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien bleibt der internationale Bedarf an Rohöl hoch.

Handelsdaten der Golfstaaten zeigen über Jahre hinweg konstant hohe Exportmengen, während auch die Rohölimporte der USA und der EU zuletzt weiter zunahmen. Die Blockade des Seeweges trifft also eine Achillesferse des globalen Kapitalismus.

Die Eskalation in der Straße von Hormus führte zeitweise zu einem fast vollständigen Zusammenbruch des Schiffsverkehrs. Aus ökonomischer Sicht bedeutet dies eine massive Störung der Waren- und Kapital-Zirkulation: Rohöl gelangt in weit geringeren Mengen und zudem oft verzögert auf die Weltmärkte.

Störung der Waren- und Kapital-Zirkulation

Die Umlaufzeit der produzierten Ware verlängert sich, Umsätze und Gewinne sinken. Gleichzeitig steigen Transportkosten, Versicherungsprämien und Frachtraten sprunghaft an. All diese Zirkulationskosten schlagen sich in höheren Energie- und Warenpreisen nieder, ohne dass neue Gebrauchswerte geschaffen werden.

Die Blockade der Handelsroute macht deutlich, wie eng Produktion und Zirkulation im globalen Kapitalismus miteinander verbunden sind. Erst die Nachricht über das bevorstehende MoU im Juni 2026 führte zu einer spürbaren Entlastung der internationalen Märkte und sinkenden Ölpreisen.

Da über ein Viertel des weltweiten Öltransports zur See die Meerenge vor der iranischen Küste passiert, führen Unterbrechungen unmittelbar zu Versorgungsengpässen und Preissteigerungen. Umgekehrt zwingt der Zusammenbruch der Öltransporte die Produzenten dazu die Ölförderung zu drosseln und Ölquellen teilweise in verlustreichen Aktionen vorübergehend stillzulegen.

Herausforderung für die bestehende internationale Ordnung

Aus neogramscianischer Perspektive stellt die Blockade zudem eine Herausforderung für die bestehende internationale Ordnung dar. Die USA als globaler Hegemon erwiesen sich bislang als unfähig, die freie Passage dauerhaft zu garantieren.

Auch der Versuch westliche Verbündete zu einer gewaltsamen Öffnung des Seewegs zu gewinnen, scheiterte. Zugleich schuf der Iran mit einer eigenen Kontrollbehörde für die Meerenge neue institutionelle Strukturen, die den Zugang nach politischen Kriterien regulieren.

Teheran fordert die westliche Hegemonie somit nicht nur auf institutioneller, sondern auch auf ideeller Ebene heraus: Die bisherige, auf freier Schifffahrt beruhende Ordnung wird durch die Blockade infrage gestellt. Dass die USA nun zähneknirschend Vereinbarungen über die künftige Verwaltung der Meerenge treffen, untermauert die These eines Umbruchs in der internationalen Ordnung und schwindender US-Hegemonie.

Kein sozialistisches Land

Zwar ist der Iran eines völkerrechtswidrigen und unprovozierten Angriffskrieges geworden. Doch entspricht das Land keineswegs dem Verständnis eines sozialistischen Landes. Und auch die aktuelle iranische Politik kann nicht als Versuch zur Gegenhegemonie im eigentlichen Sinne verstanden werden.

Zwar fordert sie zentrale Elemente der bestehenden Hegemonie heraus – insbesondere die freie Zirkulation von Waren und die Autorität internationaler Institutionen. Doch ein umfassendes alternatives Ordnungsmodell bietet Teheran nicht an.

Das aktuelle Abkommen verdeutlicht dies: Dem Iran ging es mit der Blockade nicht um den Bruch mit dem globalen Kapitalismus, sondern um eine vorteilhaftere Integration in diesen. Das MoU sichert Teheran die Rückkehr in den globalen Ölmarkt.

Die neue Kontrollstruktur beschränkt sich denn auch auf die eigenen Hoheitsgewässer und zielt nicht auf eine grundlegend andere internationale Ordnung. Die Blockade von Hormus ist daher weniger Ausdruck einer Gegenhegemonie als vielmehr ein Symptom der Krise und Erosion bestehender hegemonialer Strukturen.


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Russlands Jammer: Satellit bestätigt drastische GPS-Störsignale in Europa

Von Oliver Nickel — 21. Juni 2026 um 13:15
Länder wie Russland stören GPS offenbar aktiv. "Das ist weitaus mehr, als wir erwartet haben", bestätigt nun ein Satellitenbetreiber.
GPS-Satelliten werden seit Langem für die Positionsbestimmung auf der Erde benutzt. (Bild: Nasa)
GPS-Satelliten werden seit Langem für die Positionsbestimmung auf der Erde benutzt. Bild: Nasa / Public Domain

Forscher mehrerer Universitäten haben kürzlich ein merkwürdiges Verhalten bei GPS-Signalen festgestellt. Offenbar werden Signale von einer mysteriösen Quelle aus gestört. Die Forschung schloss auf einen russischen Satelliten, der 2020 gestartet wurde und zum Raketenfrühwarnsystem des Landes gehört.

Ein vom Unternehmen Xona Space Systems genutzter Satellit konnte das Ausmaß der GPS-Störungen nun durch weitere Messungen bestätigen. "Das ist weitaus mehr, als wir erwartet haben", sagte Co-Gründer Kaz Gunning dem Magazin Space.com. "Sobald wir begannen, irgendwelche Operationen über Europa durchzuführen, bemerkten wir, dass dort tatsächlich etwas vor sich ging." Auch andere Konfliktzonen wie der Mittlere Osten werden demnach durch GPS-Störungen beeinträchtigt. Dies sei laut Gunning in Nordamerika nicht zu beobachten.

In den am meisten betroffenen Regionen fällt die Signalstärke von GPS-Satelliten von 40 auf bis zu 10 Dezibel ab. Das reicht, um diverse Applikationen unbrauchbar zu machen oder sie zumindest weitgehend zu beeinträchtigen. Vorherige Berechnungen ergaben, dass sich die Störungen von Frankreich im Westen bis nach Pakistan im Osten erstrecken. Neben Europa ist also auch ein großer Teil Asiens betroffen.

Satellit Teil von geplanter GPS-Alternative

Die Messungen stammen vom Satelliten Pulsar-0. Dieser fliegt in einem niedrigeren Orbit von 500 Kilometern über der Erde, während GPS-Satelliten viel weiter weg auf etwa 20.200 Kilometern positioniert werden. Durch die geringere Höhe könnte es sein, dass die aufgenommenen Daten auch nicht das volle Ausmaß der Störungen aufzeichnen.

Dass der Satellit so niedrig fliegt, hat einen Grund: Xona will mit dem Pulsar-Netzwerk eine Alternative zu GPS und anderen Systemen aufbauen. Auf einer Höhe von 500 Kilometern sind die verwendeten Signale allerdings bis zu zehnmal stärker und deshalb gegenüber Störsendern und anderen Signalen wesentlich widerstandsfähiger. Aktuelle Jammer würden laut Xona etwa 95 Prozent ihrer effektiven Abdeckung verlieren.

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Grafikkarte: Scammer verkaufen Geforce RTX 4090 mit Plastikteilen

Von Oliver Nickel — 21. Juni 2026 um 12:00
Nach näherem Hinsehen hat ein Content Creator den Fehler bei seiner Grafikkarte entdeckt: Hier wurden wichtige Komponenten ausgetauscht.
Die gefälschte GPU ist aus Plastik. (Bild: Bilibili/Brother Zhang)
Die gefälschte GPU ist aus Plastik. Bild: Bilibili/Brother Zhang

Durch das Fehlen neuer Grafikkarten ist vor allem der Gebrauchtmarkt für existierende High-End-Grafikkarten sehr beliebt. Dazu zählen etwa die Geforce RTX 5090 und die Geforce RTX 4090 (Test), die vor allem durch viel VRAM (32 und 24 GByte) weiterhin teuer sind. Das lockt diverse Scammer an, die auf immer weitere Tricks zurückgreifen. So fiel wohl auch der chinesische Content Creator und Hardwareverkäufer Brother Zhang einem Scam zum Opfer.

Er beschreibt das Problem in einem Video auf Bilibili (nur auf Chinesisch). Seine Grafikkarte, die er offenbar weiterverkaufen wollte, kostete umgerechnet 193 Euro als Gebrauchtmodell. Allerdings funktionierte diese nicht auf Anhieb. Er legte deshalb die Platine frei und entdeckte einen gefälschten GPU-Die, der zunächst durch ein ungewöhnliches Design und merkwürdige Markierungen auffiel.

Speicherbausteine aus Kunststoff

Beim zweiten Blick zeigte sich, dass es sich um eine Fälschung handelte: Der GPU-Die wurde aus Kunststoff gefertigt und einfach nur auf die Platine aufgeklebt. Auch andere wichtige Bauteile wie Speicherbausteine, aktuell durch die Speicherkrise besonders wertvoll, wurden durch passende Module aus Kunststoff ersetzt und auf das Mainboard geklebt. Laut eigenen Aussagen leitete Zhang daraufhin rechtliche Schritte ein.

Scams wie diese sind mittlerweile häufiger anzutreffen. So ist der Techniker Northwestrepair auf eine gefälschte Geforce RTX 4090 gestoßen. Hier wurde ein echter GPU-Die der Vorgängergeneration genutzt, um selbst Experten zu täuschen. Fälle wie dieser sind weit komplizierter als Scams, bei denen statt der Grafikkarte zum Beispiel einfach Ziegelsteine verschickt werden.

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Juni-Patch: Windows-11-Update macht Office, File Explorer und Papierkorb kaputt

Von Oliver Nickel — 21. Juni 2026 um 11:33
Das Windows-11-Update KB5094126 hat das Startmenü verbessert, aber auch diverse neue Bugs eingeführt. Und diese sind teilweise gravierend.
In Windows 11 geht ständig irgendetwas kaputt. (Bild: Pixabay.com/Montage: Golem)
In Windows 11 geht ständig irgendetwas kaputt. Bild: Pixabay.com/Montage: Golem

Mit dem Juni-2026-Patch KB5094126 hat Microsoft einige sonderbare Bugs in Windows 11 eingeführt. User berichten etwa davon, dass der Bestätigungsdialog des Papierkorbs interne Dateinamen der App anzeigt. Dateien werden so im Format "$Rxxxxx.ext" eingeblendet. Innerhalb des Papierkorbs selbst sind Dateinamen weiterhin richtig; es ist nur der Löschdialog betroffen.

Microsoft arbeitet aktuell an einer Lösung des Problems und möchte diese in einem neuen Patch aufspielen. Enterprise-Kunden können die Übergangslösung direkt beim Business-Support erhalten. Die richtigen Dateinamen werden auch wieder angezeigt, wenn eine Löschung rückgängig gemacht wird. Anschließend hat die Datei auch im erneut aufgerufenen Löschdialog ihren richtigen Namen zurück.

User berichten laut dem Magazin Techspot aber von weiteren Problemen. So wurde in einigen Fällen etwa der Onedrive-Ordner im File Explorer unbenutzbar. Laut einem externen Microsoft-Mitarbeiter haben mehrere Nutzer dieses Problem. Sie sollen es im Admin Center beschreiben und an Microsoft senden. Bisher gibt es dafür keine offizielle Lösung.

Probleme mit Office und File Explorer

Der File Explorer selbst scheint ebenfalls betroffen zu sein. Hier berichten User auf Reddit von Performance-Problemen. Zwar habe Microsoft das Startmenü mit dem Patch verbessert, allerdings nicht den File Explorer. Beim Teilen von Dateien komme es unter anderem zu Stottern und Programmstopps.

Andere User berichten von drastischeren Problemen des Updates KB5094126 in Verbindung mit Microsoft Office. Vor allem funktioniere Software von Drittanbietern, die auf Office zugreift, teils nicht mehr, wie der Blog Borncity berichtet. Microsoft bestätigte das Problem und arbeitet an einer Lösung.

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One Medical: Nach Cyberangriff auf Amazons Gesundheitsdienst droht Daten-Leak

Von Heise — 21. Juni 2026 um 10:33
one medical

(Bild: Amazon)

Nach einem Sicherheitsvorfall bei One Medical droht ShinyHunters mit der Veröffentlichung angeblich erbeuteter Daten.

One Medical hat einen IT-Sicherheitsvorfall bestätigt. Nach Angaben der Amazon-Tochter verschafften sich Unbekannte zwischen dem 8. und 11. Juni 2026 Zugriff auf ein Dateispeichersystem eines Drittanbieters, in dem archivierte Daten von Patienten von One Medical Seniors sowie der übernommenen Gesundheitsorganisation Iora Health gespeichert waren. Der Vorfall wurde demnach am 13. Juni entdeckt; das Unternehmen sperrte den Zugriff und leitete eine Untersuchung ein.

Iora Health war auf die Versorgung älterer Patienten spezialisiert und wurde 2021 von One Medical übernommen. One Medical beschreibt sich als digital gestützten Dienstleister für den Zugang zur Gesundheitsversorgung, der rund um die Uhr über Telefon oder ein Online-Formular erreichbar ist. Iora Health firmiert heute unter dem Namen One Medical Seniors. Laut einer Mitteilung [1] betrifft der Vorfall ausschließlich bestimmte Altbestände von One Medical Seniors.

Betroffen seien dem bisherigen Kenntnisstand zufolge demografische und klinische Daten von Patienten der laut Website [2] bisher angebundenen Standorte in Atlanta, Cape Cod, Charlotte, Denver, Houston, Phoenix, Seattle, Tucson und der Region Piedmont Triad. Andere One-Medical-Kliniken, Dienste oder das elektronische Patientenaktensystem seien nicht betroffen. Betroffene Patienten will das Unternehmen nach Abschluss der Untersuchung benachrichtigen.

Leaksite-Eintrag Shiny Hunters
Leaksite-Eintrag Shiny Hunters

Drohung auf der Website von Shiny Hunters

(Bild: heise medien)

Die Ransomware-Gruppe ShinyHunters behauptet, 8,8 Terabyte Daten von One Medical erbeutet zu haben, und droht mit einer Veröffentlichung, falls bis zum 22. Juni keine Verhandlungen aufgenommen werden.

Amazon übernahm One Medical 2023

One Medical gehört seit 2023 zu Amazon. Der Konzern hatte die Übernahme des Betreibers von Gesundheitszentren und Telemedizin-Angeboten bereits 2022 angekündigt. Für rund 3,5 Milliarden US-Dollar übernahm Amazon das Unternehmen 1Life Healthcare, das unter der Marke One Medical in den USA mehr als 180 Gesundheitszentren betreibt. Mit der Akquisition baute Amazon seine Aktivitäten im Gesundheitssektor deutlich aus.

Der Vorfall wirft zudem Fragen zum Umgang mit übernommenen Altsystemen auf. Nach dem Angriff auf Change Healthcare hatte UnitedHealth eingeräumt [3], dass nach der Übernahme des Unternehmens im Jahr 2022 zunächst unterschiedliche Systeme auf einen gemeinsamen Sicherheitsstandard gebracht werden mussten. Change Healthcare betreibt zentrale Abrechnungs- und Zahlungsdienste für Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken und Versicherungen in den USA.

Die Angreifer waren dort über kompromittierte Zugangsdaten in ein Citrix-Portal [4] eingedrungen, das für den Fernzugriff auf Systeme genutzt wurde und nicht mit Multi-Faktor-Authentifizierung abgesichert war. Der Vorfall betraf fast 200 Millionen Menschen, hauptsächlich aus den USA.

Sowohl One Medical als auch UnitedHealth waren bereits vor den jeweiligen Sicherheitsvorfällen Gegenstand kritischer Berichterstattung. Während bei One Medical organisatorische Probleme in der Patientenbetreuung thematisiert wurden [5], steht UnitedHealth seit Jahren wegen seiner Größe, Marktmacht und Geschäftspraktiken unter Beobachtung, auch vom „meistgehassten Versicherer“ war laut Die Zeit [6] die Rede.


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Links in diesem Artikel:

  1. https://www.onemedical.com/security-event-notice/
  2. https://www.onemedical.com/services/seniors-primary-care/
  3. https://www.heise.de/news/Cybervorfall-bei-London-Drugs-UnitedHealth-Vorfall-betrifft-Millionen-US-Buerger-9708029.html
  4. https://www.heise.de/news/Nach-Cyberangriff-auf-Klinikum-Esslingen-Analyse-laeuft-auf-Hochtouren-9546201.html
  5. https://www.heise.de/news/Interne-Dokumente-zeigen-Probleme-bei-Amazon-One-Medical-9765244.html
  6. https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-12/unitedhealth-ceo-brian-thompson-toetung-usa-gesundheitssektor-5vor8
  7. https://pro.heise.de/security/?LPID=39555_HS1L0001_27416_999_0&amp;wt_mc=disp.fd.security-pro.security_pro24.disp.disp.disp
  8. mailto:mack@heise.de

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OLG Oldenburg: Warum Videos aus Schlachthof Lohne nun extrem teuer werden

Von Telepolis — 21. Juni 2026 um 10:00
CO2-Gasflasche vor auf dem Rücken liegendem Schwein

Nach Veröffentlichung heimlicher Aufnahmen fordert der Betreiber 100.000 Euro. Das Gericht traf nun eine folgenschwere Entscheidung.

Im April 2024 dringen zwei Tierrechtsaktivisten in einen Schlachthof in Lohne [1] (Landkreis Vechta) ein. Sie filmen, wie einige Tiere in die Gondel des sogenannten Paternoster getrieben und in einen Schacht gefahren werden. Sobald sich die Gondel mit den Tieren senkt, nimmt die Sauerstoffkonzentration ab, die Kohlendioxid-Konzentration hingegen zu.

Nach wenigen Zentimetern geraten die Tiere in Panik, fangen an zu schreien. Sie schnappen nach Luft, steigen aufeinander, beißen in die Rohre und versuchen dem Kasten zu entkommen.

Für das Veröffentlichen der Videos auf Instagram sollen die Aktivisten nun Schadenersatz zahlen, entschied das Oberlandesgericht Oldenburg (OLG) [2] (Az. 13 U 45/25). Der Schlachthofbetreiber macht einen Schaden [3] von rund 100.000 Euro [4] geltend mit der Begründung, die Aufnahmen hätten den Ruf des Schlachthofs geschädigt.

Ob er sich durchsetzt, soll in einem weiteren Verfahren geklärt werden. Das Unternehmen will zudem erreichen, dass das öffentliche Zeigen der im Betrieb entstandenen Aufnahmen gerichtlich verboten wird.

Statt in den Schlachthof einzudringen, hätten die Tierrechtler etwaige Verstöße gegen das Tierschutzgesetz den zuständigen Behörden melden müssen. Wer die Situation ändern wolle, müsse dies in politischen und öffentlichen Prozessen erreichen, so das Argument.

Genau das war jedoch die Motivation der Aktivisten: Die Videos zeigen nichts anderes als das übliche Prozedere auf deutschen Schlachtbetrieben. Sie filmten die Zustände und veröffentlichten die Videos auf Social Media, um eine Diskussion über den Status quo anzustoßen.

Die Anwendung der CO2-Begasung bei Schweinen ist völlig legal. Diese Art der Betäubung sei vom Gesetzgeber anerkannt und müsse daher grundsätzlich hingenommen werden, bestätigt das OLG.

Schätzungen zufolge werden 80 Prozent aller deutschen Schlachtschweine in solchen Fahrstuhlsystemen mit Kohlendioxid betäubt. Allein in Niedersachsen betrifft das jährlich sechs Millionen Schweine.

Zufuhr von Kohlendioxid führt zu starkem Erstickungsgefühl

Die Tiere versuchen Luft zu holen, indem sie übereinander steigen und versuchen wegzulaufen, kommentiert Claudia Preuß-Ueberschär vom Verein "Tierärzte für eine verantwortbare Landwirtschaft" die Aufnahmen. Diese sogenannte Einleitungsphase könne bis zu 36 Sekunden dauern. Eine endlose Zeitspanne für ein Tier, das unvorstellbare Angst, Panik und Stress erleidet, bevor es bewusstlos zusammenbricht.

Dem Tierschutzgesetz zufolge sollen die Tiere jedoch bereits während der Betäubung schmerzfrei sein. Laut Tierschutzschlachtverordnung [5] § 12, Absatz 1 sind die "Tiere so zu betäuben, dass sie schnell und unter Vermeidung von Schmerzen oder Leiden in einen bis zum Tod anhaltenden Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit versetzt werden".

Dem stehen die gängigen Betäubungspraktiken in den großen Schlachthöfen komplett entgegen.

Die CO2-Betäubung, die bei Schweinen starke Schmerzen und erhebliches, länger anhaltendes Leid erzeugt, verstößt grundsätzlich gegen das deutsche Tierschutzgesetz, betont auch Juristin Barbara Felde, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht [6].

Geforderte Mindeststandards sind nicht ausreichend

Kohlendioxid ist ein narkotisch wirksames Gas, das bei "richtiger Anwendung eine tiefe Bewusstlosigkeit" erzeugt, heißt es in einer Stellungnahme [7] der Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft von 2024. Es führt bei Inhalation hoher Gaskonzentrationen zu einer Hypoxie (Sauerstoffmangel).

Das Problem dabei ist, dass die anästhesierende Wirkung von CO2 nicht unmittelbar zu einer Bewusstlosigkeit führt. Auch bei hohen Konzentrationen von 80 bis 90 Prozent tritt der Verlust des Bewusstseins frühestens nach 16 bis 36 Sekunden ein.

Auch wenn die geforderten Mindeststandards eingehalten werden – CO2-Konzentration von mindestens 80 Vol. Prozent für mindestens 100 Sekunden in der Einleitungsphase – geht die Betäubung mit schweren Symptomen von Atemnot einher, wie zahlreiche Untersuchungen zeigen.

Hinzu kommt, dass Kohlendioxid die Schleimhäute reizt, in hohen Dosen ätzend ist und starke Schmerzen verursacht. Wirkt es auf die feuchten Schleimhäute der Atemwege ein, bildet sich Kohlensäure, so dass es zu schmerzhaften Schleimhautreizungen kommt.

Weil zu diesem Zeitpunkt das Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen noch nicht ausgeschaltet ist, erleben die Tiere den Panik auslösenden Zustand der Atemnot bei vollem Bewusstsein. Sie geraten in Todesangst und versuchen schreiend durch Weglaufen und Übereinandersteigen der Situation zu entkommen.

Betäubung und Schlachtung – ein blinder Fleck in den Haltungskriterien?

Egal wie Schweine vorher gehalten wurden – auf Spaltenböden, Stroh, Stall oder Freiland – auf dem Schlachthof durchleben die meisten von ihnen dasselbe Martyrium. Die Art der Betäubung wird nirgends deklariert.

Es sei unangemessen, ein Tier bei vollem Bewusstsein einer gasförmigen Umgebung auszusetzen, der es nicht entkommen kann, stellte die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA bereits vor rund 22 Jahren [8] fest und empfahl, diese Art von Betäubung schrittweise einzustellen. Doch passiert ist seitdem nichts.

Der Vorgang der Schlachtung wird von der Fleischindustrie nicht transparent gemacht. Schließlich will man die Konsumenten nicht verstören oder abschrecken. Ungewöhnlich sind also nicht die Praktiken, sondern die Tatsache, dass überhaupt Bilder davon veröffentlicht werden.

"Wir denken, dass die Menschen ein Recht darauf haben zu erfahren, was den Tieren angetan wird, speziell in den Schlachtbetrieben", erklärt Scarlett Treml [9] von Animal Rights Watch gegenüber dem NDR. Die Tötung von Tieren ist ein Thema, das bewusst von der Industrie ausgeklammert werde, weil einfach nur schrecklich sei, was dort passiert.

Alternative Gase verkürzen Leiden nur um wenige Sekunden

Das Friedrich-Loeffler-Institut erprobte bereits alternative Gase wie Argon-Stickstoff-Gemische [10]. Aversive Reaktionen sollen dabei drei Mal seltener auftreten und auch nur halb so lange dauern. Allerdings entsprechen 18 statt 36 Sekunden Leiden immer noch nicht der deutschen Gesetzgebung.

Die Umstellung ist zudem mit höheren Kosten verbunden. So ist Argon etwa sechsmal teurer als CO2, zudem benötigen Inertgase eine um rund 40 Prozent längere Expositionszeit. Die Wissenschaftler kalkulieren mit einem [11]Cent Mehrkosten pro Kilogramm Fleisch [12].

Derweil hält der Verband der Fleischwirtschaft an der CO2-Begasung fest. Die Schlachtindustrie müsse effizient arbeiten, so die Begründung. Es würden "erhebliche Summen in die Optimierung bestehender Gasbetäubungsverfahren" investiert.

Jedes Schwein einzeln und schmerzfrei zu betäuben, sei mit erheblichem Aufwand verbunden, argumentiert auch die EU-Kommission. Dafür müssten ganze Schlachthöfe umgebaut werden. Das sei "aus wirtschaftlicher Sicht nicht tragbar". So wird die CO2-Betäubung ökonomisch gerechtfertigt und das Nationale Tierschutzrecht durch die EU ausgehebel [13]t.

Verbandsklage soll Präzedenzfall für ganz Europa schaffen

Im vorliegenden Fall hat der Landestierschutzverband Niedersachsen inzwischen eine Verbandsklage gegen die Kontrollbehörde [14] – das Veterinäramt Vechta – eingereicht. Statt weiter auf diese schreckliche Methode der CO2-Betäubung zu setzen, müsste auf Alternativen zurückgegriffen werden, argumentiert Rechtsanwalt David Werdermann, der die Klage vorbereitet hat.

Für eine individuelle, schmerzfreie Betäubung müsste sich die Bundesregierung zwar über die Europäische Schlachtverordnung hinwegsetzen. Doch Rechtsexperten halten das für umsetzbar.

Am besten wäre es, wenn die Politik klarstellen würde, dass die CO2-Betäubung eben nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entspricht und deswegen nicht mehr zulässig ist. Bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt, könnten fünf Jahre vergehen. Werdermann hofft, dass es schneller geht. Solange das nicht geschieht, will er den Klageweg beschreiten.


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https://www.heise.de/-11336705

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/videos-im-schlachthof-lohne-aktivisten-muessen-entschaedigung-zahlen,schweine-198.html
  2. https://oberlandesgericht-oldenburg.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/presseinformationen/olg-oldenburg-verkundet-urteil-im-verfahren-um-heimliche-aufnahmen-in-einem-schlachthofbetrieb-251512.html
  3. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/videos-aus-schlachthof-in-lohne-animal-rights-watch-kritisiert-urteil,schweine-168.html
  4. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/videos-aus-schlachthof-in-lohne-animal-rights-watch-kritisiert-urteil,schweine-168.html
  5. https://www.gesetze-im-internet.de/tierschlv_2013/BJNR298200012.html#BJNR298200012BJNG000400000
  6. https://www.globalanimallaw.org/de/experten/barbara-felde.html
  7. https://www.tfvl.de/wp-content/uploads/2024/08/2024-08-14-Beurteilung-CO2-Betaeubung-ARIWA-.pdf
  8. https://www.efsa.europa.eu/en/news/efsa-recommends-conditions-and-methods-effective-stunning-and-killing-animals
  9. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Tierschuetzer-kritisieren-CO2-Betaeubung-von-Schweinen-in-Schlachthoefen,schweine890.html
  10. https://www.fli.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht/projektabschluss-projekt-tiger-untersuchte-tierschutzgerechtere-alternativen-zur-co2-betaeubung-von-schlachtschweinen/
  11. https://www.agrarheute.com/tier/schwein/tierwohl-streit-schlachthof-hat-co2-betaeubung-bald-ausgedient-640579
  12. https://www.agrarheute.com/tier/schwein/tierwohl-streit-schlachthof-hat-co2-betaeubung-bald-ausgedient-640579
  13. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Tierschuetzer-kritisieren-CO2-Betaeubung-von-Schweinen-in-Schlachthoefen,schweine890.html
  14. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/klage-wegen-umstrittener-co2-betaeubung-von-schweinen,verbandsklage-100.html

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Börsen im Klimastress: Wie der Super-El-Niño die Depots verändert

Von Telepolis — 21. Juni 2026 um 09:30
Ein bunter Aktien-Candlestick-Chart, der über das Foto eines großen Strommasts vor einem hitzig rot-orangen Abendhimmel gelegt ist.

Klimastress für die Stromnetze: Asiatische Energieversorger erleben durch die El-Niño-Hitze extreme Nachfragespitzen, was auch an den Aktienmärkten Spuren hinterlässt.

(Bild: rzoze19 / Shutterstock.com)

Bis 2027 droht ein Super-El-Niño. Während JPMorgan erste Banken herabstuft, profitiert ein chinesischer Energie-Riese mit plus 64 Prozent.

Ein Wetterphänomen rückt in den Fokus der Finanzmärkte: Das US Climate Prediction Center (CPC) der NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El Niño im Zeitraum November 2026 bis Januar 2027 auf 63 Prozent [1].

Wie es bei Bloomberg heißt [2], zwingt das Szenario Investoren weltweit zur Neubewertung ganzer Sektoren – von Palmölplantagen in Indonesien über Kupferminen in Chile bis zu Stromversorgern in China und Indien.

"El Niño kommt zu einem besonders heiklen Zeitpunkt", warnt demnach Ole Hansen, Leiter der Rohstoffstrategie bei der Saxo Bank. Die Weltwirtschaft passe sich noch an die inflationären Folgen des Iran-Konflikts an, während die Lieferketten weiterhin anfällig seien.

Eine Dartmouth-Studie beziffert [3] die globalen Produktivitätsverluste durch den Super-El-Niño 1997/98 auf mehr als 5,7 Billionen US-Dollar. Bloomberg geht davon aus, dass der Super-El-Niño aus den Jahren 2015/16 sogar Produktivitätsverluste von 7,8 Billionen US-Dollar verursachte.

Satellitendaten alarmieren NASA-Forscher

Dass die Lage ernst ist, zeigen aktuelle Messungen aus dem All. Der Satellit Sentinel-6 registriert im äquatorialen Pazifik eine Erwärmung, die Nasa-Forscherin Séverine Fournier vom Jet Propulsion Laboratory an das Rekordjahr 1997 erinnert [4].

Die Wassertemperaturen am Äquator übertreffen inzwischen alle Werte seit 1981, wie Copernicus-Daten bestätigen [5]. Hunderte Kilometer breite Kelvin-Wellen – Vorboten eines starken Ereignisses – treiben warmes Wasser in den östlichen Pazifik.

Das Phänomen trifft dabei auf eine ohnehin überhitzte Welt. WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo sprach kürzlich von einem "potenziell starken El-Niño-Ereignis", das Dürren, Starkregen und Hitzeextreme verschärfen könne.

Copernicus-Prognosen zeigen für den Sommer 2026 in Mitteleuropa [6] Temperaturen von 0,5 bis 1,5 Grad über dem Mittel.

Gewinner und Verlierer an den Börsen

Die Auswirkungen auf die Märkte sind bereits spürbar. Indien hat Zuckerexporte bis Ende September verboten, Peru die Fischereisaison unterbrochen. UBS-Analysten warnen laut Bloomberg vor Einbrüchen bei Mais-, Weizen- und Palmölerträgen.

Profitieren könnten dagegen Stickstoffdüngerhersteller wie CF Industries und Nutrien, weil knappe Ernten die Nachfrage nach Dünger antreiben. Auch Saatgut- und Pflanzenschutzkonzerne wie Corteva stehen demnach auf der Gewinnerseite.

Im Energiesektor verschiebt El Niño die Karten: In den USA drücken mildere Winter die Nachfrage nach Erdgas – schlecht für Produzenten wie EQT Corp. In Asien dagegen lässt der Hitzeschub den Stromverbrauch in die Höhe schnellen. Der chinesische Versorger Jinneng Holding legte laut Bloomberg seit Jahresbeginn um 64 Prozent zu.

Selbst Versicherer kalkulieren neu. El Niño schwächt typischerweise die atlantische Hurrikansaison. Piper-Sandler-Analyst Paul Newsome erwartet deshalb geringere Schadenkosten für US-Versicherer wie Allstate, Progressive und Travelers.

Auf der anderen Seite stufte JPMorgan peruanische Banken wie Credicorp herab – weil Fischerei- und Agrarkredite unter Druck geraten.

Bereits im Mai zeichnete sich ab, dass Dürre und El Niño die Welternährung bedrohen [7]: US-Farmer ließen Weizenfelder von Vieh abweiden, die Preise an der Euronext sprangen an. Der Super-El-Niño könnte diese Entwicklung massiv beschleunigen.


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https://www.heise.de/-11339475

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/analysis_monitoring/enso_advisory/ensodisc.shtml
  2. https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-06-21/a-stock-trader-s-guide-to-navigating-a-rare-super-el-nino
  3. https://home.dartmouth.edu/news/2023/05/years-after-el-nino-global-economy-loses-trillions
  4. https://www.heise.de/tp/article/Nasa-warnt-vor-El-Nino-Pazifik-Temperaturen-6-Grad-ueber-dem-Schnitt-11337900.html
  5. https://www.heise.de/news/Satellitenaufnahmen-El-Nino-hat-begonnen-und-koennte-besonders-stark-werden-11337255.html
  6. https://www.heise.de/tp/article/El-Nino-Warum-dieser-Sommer-deutlich-waermer-werden-kann-11317873.html
  7. https://www.heise.de/tp/article/Duerre-Krieg-und-El-Nino-Ein-perfekter-Sturm-fuer-die-Welternaehrung-11284046.html

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Meloni gegen Trump: Hinter dem Foto-Streit steckt ein ganz anderer Konflikt

Von Telepolis — 21. Juni 2026 um 08:20
Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni blickt mit verschränkten Armen und einem ironischen, skeptischen Lächeln nach oben.

Konter aus Rom: Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni lässt sich von Trumps Attacken nicht beirren.

(Bild: Marco Iacobucci Epp / Shutterstock.com)

Nach dem G7-Eklat schlägt Meloni scharf zurück. Der wahre Grund für den Bruch der Verbündeten ist jedoch die Blockade einer wichtigen Nato-Basis.

Was als Randnotiz des G7-Gipfels in Évian begann, wuchs binnen 48 Stunden zum offenen Bruch zweier einstiger Verbündeter.

Donald Trump behauptete in einem Telefoninterview mit dem italienischen Sender La7, Giorgia Meloni habe ihn beim Gipfel "angefleht", ein gemeinsames Foto zu machen – er habe nur zugestimmt, weil sie ihm "leidtat".

La7 strahlte das Gespräch ausschließlich in italienischer Synchronfassung aus, wie die BBC berichtet [1].

Meloni schlug zurück – erst verhalten, dann scharf. In einem Video auf Instagram mit der Zeile "Italien und ich betteln niemals" nannte sie Trumps Darstellung "völlig erfunden" und sich selbst "ehrlich gesagt fassungslos".

Am Samstag legte Trump nach: Meloni schneide "in Italien hinsichtlich ihrer Beliebtheit schlecht ab". Ihre Antwort kam prompt: "Meine Beliebtheit geht Sie nichts an. Ich schlage vor, Sie konzentrieren sich auf Ihre eigene".

Streit um Militärbasen und den Iran-Konflikt

Hinter dem Fotostreit steckt ein handfester geopolitischer Konflikt. Italien verweigert den USA die Nutzung des Nato-Stützpunkts Sigonella auf Sizilien für Einsätze im Iran.

Meloni stellte im Parlament klar, die Nutzung italienischer Basen erfolge "auf der Grundlage von Vereinbarungen, die nicht verletzt werden dürfen, solange ich Ministerpräsidentin bin".

Trump warf ihr daraufhin vor, "große logistische Unannehmlichkeiten" verursacht zu haben.

Italiens politische Elite schließt die Reihen

Außenminister Antonio Tajani sagte eine geplante USA-Reise ab und nannte Trumps Äußerungen "eine Beleidigung für ganz Italien".

Staatssekretär Giovanbattista Fazzolari ging noch weiter: Es sei unklar, ob Trump "absichtlich oder aus Unfähigkeit die historischen Beziehungen zwischen den USA und Europa zerstört", wie der Guardian berichtet [2].

Selbst Oppositionsführer Giuseppe Conte stellte sich hinter Meloni: Italien "verdiene es nicht, so unverhohlen gedemütigt zu werden".

Trumps Verweis auf Melonis angeblich schwache Umfragewerte hält einer Prüfung nur bedingt stand. YouGov misst etwa [3] 38 Prozent Zustimmung bei 55 Prozent Ablehnung. Eine Erhebung des US-Instituts Morning Consult [4] lässt einen direkten Vergleich mit anderen Staatslenkern zu: Meloni genießt demnach eine Zustimmung von 40 Prozent im eigenen Land, Donald Trump 39 Prozent und Friedrich Merz nur 20 Prozent [5].

Meloni steht mit ihrer Kritik nicht allein. Wie es bei [6] CNN heißt, wächst der Widerstand verbündeter Regierungen gegen Trumps Stil.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte demnach, der Iran-Konflikt sei "keine Show". Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez nannte ihn "rücksichtslos und illegal". Kanadas Premierminister Mark Carney verurteilte etwa den Einsatz von "Zöllen als Druckmittel".

Dass ausgerechnet Meloni – die einzige europäische Regierungschefin bei Trumps Amtseinführung im Januar 2025 – nun öffentlich Grenzen zieht, markiert einen Stimmungswechsel unter Europas Konservativen.


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https://www.heise.de/-11339463

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.bbc.com/news/articles/cgqj77909jpo
  2. https://www.theguardian.com/world/2026/jun/19/giorgia-meloni-stunned-donald-trump-claims-begged-him-photo
  3. https://yougov.com/en-gb/articles/54920-how-popular-are-national-leaders-in-europe-may-2026
  4. https://data.ddhq.io/polls/2026/03/09/Morning-Consult-National
  5. https://www.heise.de/tp/article/Friedrich-Merz-der-unbeliebteste-Kanzler-der-Welt-11284002.html
  6. https://edition.cnn.com/2026/06/19/politics/trump-foreign-leader-rebukes

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Anzeige: Strom erzeugen, speichern und sparen mit Balkonkraftwerk und der Anker SOLIX 4 Pro

Von Simon Krebs — 21. Juni 2026 um 10:40
Die neue Solarbank Anker SOLIX 4 Pro ist da. Sie speichert noch mehr Solarstrom und wird bei Kleines Kraftwerk mit einem Balkonkraftwerk angeboten.
Balkonkraftwerk mit Anker SOLIX 4 Pro bei Kleines Kraftwerk zum kleinen Preis (Bild: Kleines Kraftwerk/Golem (erzeugt mit Chat GPT))
Balkonkraftwerk mit Anker SOLIX 4 Pro bei Kleines Kraftwerk zum kleinen Preis Bild: Kleines Kraftwerk/Golem (erzeugt mit Chat GPT)

Mit der Anker SOLIX 4 Pro ist seit Kurzem die neueste Solarbank des Herstellers auf dem Markt. Gegenüber dem Vorgängermodell bietet sie nahezu die doppelte Speicherkapazität und ermöglicht es, deutlich mehr selbst erzeugten Solarstrom für den späteren Verbrauch zu nutzen. In Kombination mit einem Balkonkraftwerk können Nutzer die Stromproduktion in die eigenen Hände nehmen, den Eigenverbrauch steigern und ihre Stromrechnung spürbar entlasten. Ein integrierter Smart Meter sorgt dafür, dass die gespeicherte Energie effizient genutzt wird. Der Händler Kleines Kraftwerk bietet die Solarbank in Kombination mit einem Balkonkraftwerk an. Das Set Quattro XL ist als Golem-Deal 870 Euro günstiger als die UVP.

Anker SOLIX 4 Pro: riesiger Speicher und hohe Leistung

Die Anker SOLIX 4 Pro verfügt über einen integrierten Speicher von gut 5 kWh. Mit bis zu fünf Erweiterungsakkus kann der Speicher auf bis zu 30,14 kWh erweitert werden. Pro Zusatzbatterie BP5000 werden 1.049 Euro fällig. Die Solarbank bietet Platz für bis zu zwölf PV-Module mit einer maximalen Eingangsleistung von 5.000 Watt. Der Smart Meter der zweiten Generation im Wert von 99 Euro analysiert mittels KI den Stromverbrauch in Echtzeit und steuert, wann Strom ins Hausnetz eingespeist und wann er gespeichert werden soll. Der integrierte Wechselrichter mit 800 Watt Ausgangsleistung lässt sich auf bis zu 2500 Watt einstellen. Für Notfälle wie Blackouts befindet sich an der Solarbank eine Steckdose mit einer Ausgangsleistung von bis zu 2.500 Watt, womit der Kühlschrank betrieben werden kann oder sich elektronische Geräte laden lassen.

Beim Händler Kleines Kraftwerk gibt es die Anker SOLIX 4 Pro im Set Quattro XL mit einem Balkonkraftwerk

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. Es besteht aus vier Paneelen mit TopCon-Technologie und einer Gesamtleistung von 2.000 Wp. Die bifaziale Rückseite verwertet auch Seiteneinstrahlung und Reflexionen, wodurch bei optimalen Bedingungen bis zu 2.500 Wp möglich sind.

Golem Deal: Quattro XL - 2000Wp Balkonkraftwerk mit Speicher Anker SOLIX Solarbank 4 Pro

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Balkonkraftwerk mit Solarbank bei Kleines Kraftwerk

Zum Lieferumfang gehören neben den Paneelen, der Anker SOLIX 4 Pro

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und dem Smart Meter der zweiten Generation ein drei Meter langes Stromanschlusskabel sowie das MC4-Set bestehend aus vier drei Meter langen Solarkabeln im Wert von 63,60 Euro. Statisch geprüfte Halterungen "made in Germany" können für 196 Euro mitbestellt werden. Das Set kostet bei Kleines Kraftwerk derzeit nur 1.799 Euro. Der Versand per Spedition innerhalb Deutschlands erfolgt kostenlos.

Golem Deal: Quattro XL - 2000Wp Balkonkraftwerk mit Speicher Anker SOLIX Solarbank 4 Pro

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Mit dem Komplettset lassen sich die Stromkosten laut Hersteller um bis zu 576 Euro pro Jahr senken. Dadurch kann sich die Investition bereits nach wenigen Jahren amortisieren. Für zusätzliche Planungssicherheit sorgt die zehnjährige Herstellergarantie, während die erwartete Lebensdauer mit bis zu 15 Jahren angegeben wird. Nutzer profitieren somit langfristig von niedrigeren Stromkosten und können über viele Jahre hinweg einen größeren Teil ihres Energiebedarfs mit selbst erzeugtem Solarstrom decken.

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(g+) Auggie CLI: Wenn der KI-Coding-Agent ins Terminal zieht

Von Fabian Deitelhoff — 21. Juni 2026 um 10:00
Auggie CLI zeigt, wie sich KI-gestützte Entwicklung, Repository-Kontext und Automatisierung in Terminal-Workflows verbinden lassen und warum daraus mehr entsteht als nur ein weiterer Chatbot für Code.
Mit Auggie CLI kommt Augment Code in die Kommandozeile. (Bild: Screenshot: Fabian Deitelhoff)
Mit Auggie CLI kommt Augment Code in die Kommandozeile. Bild: Screenshot: Fabian Deitelhoff

Augment Code bringt mit Auggie CLI einen kontextsensitiven AI-Coding-Agenten direkt in die Shell und erweitert klassische Terminal-Workflows um interaktive, agentenbasierte Automatisierung. Durch eine eigene Kontext-Engine versteht der Agent ganze Codebasen, führt Befehle aus und orchestriert komplexe Aufgaben – von Refactorings über Tests bis hin zu CI/CD-Automation.

Nach den ersten Gehversuchen mit Chatbots haben sich AI-Coding-Tools als IDE-Plug-ins etabliert, die Vorschläge inline in den Editor einblenden. Augment Code verfolgt einen weitergehenden Ansatz und positioniert den Agenten als eigenständige Komponente, die nicht an eine bestimmte IDE gebunden ist. Die Plattform stellt einen zentralen Kontextdienst bereit, der Code-Repositories indiziert und Änderungen schnell in einen Suchindex überführt, um auch in schnelllebigen Codebasen relevante Ausschnitte zu liefern.

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Militär im Weltraum: "Es ist kein Zufall, dass das Space-Force-Badge dem aus Star Trek ...

Von Tim Reinboth — 21. Juni 2026 um 07:30
Sci-Fi-Narrative prägen politische Vorstellungen über Krieg im Orbit. Ein Experte erklärt, warum und wie Science Fiction zu einer friedlicheren Welt beitragen könnte.
Welche Rolle spielen Geschichten über Weltraum und Krieg für die Pläne und Absichten, die Nationen im Weltraum haben? (Bild: Stevebidmead/Pixabay)
Welche Rolle spielen Geschichten über Weltraum und Krieg für die Pläne und Absichten, die Nationen im Weltraum haben? Bild: Stevebidmead/Pixabay

Chinas Weltraumflugzeugträger, Luanniao, ist eine Science-Fiction-Erzählung. Und Propaganda. Trotzdem demonstriert das Projekt Chinas Machtanspruch im Weltraum.

Denn der Flugzeugträger, sagt Arne Sönnichsen, sei bisher das herausragende Symbol militärischer Stärke. Er vermittle einem anderen Staat: "Ich kann bis in dein Hoheitsgebiet vordringen und du kannst nichts daran ändern." Mit Luanniao stellt China daher symbolisch in Aussicht: "Hört mal her, den Weltraum kontrollieren wir."

Als Koordinator des Forschungsnetzwerks Sicherheit, Technologie, Weltraum (Sichtraum) erforscht Sönnichsen, wie SF-Narrative echte Raumfahrtprojekte beeinflussen. Ihn interessiert besonders, welche Geschichten die Pläne von Staaten und Militärs auf welche Art in bestimmte Richtungen steuern können. Sönnichsen ist auch wissenschaftlicher Berater am Institut für qualifizierende Innovationsforschung und -beratung GmbH (IQIB).

Im Interview erzählt er Golem von Wernher von Brauns Plänen für eine nuklear bewaffnete Raumstation; wie Präsident Eisenhower die Raumfahrt ursprünglich in ihre Bahn lenkte; warum The Expanse realistischere Weltraumschlachten darstellt als Star Wars oder Star Trek; und wie diese Geschichten Einfluss auf Politik und militärische Strategien im Weltraum nehmen können.

Golem.de: Welche Rolle spielen Geschichten, die wir über Weltraum und Krieg erzählen, für die Pläne und Absichten, die Nationen im Weltraum haben?

Sönnichsen: Es ist schwierig und wohl auch schlicht unmöglich, kausale Zusammenhänge zwischen Geschichten und den Plänen und Absichten von Nationen im Weltraum herzustellen. Sicher ist, dass Menschen von Geschichten inspiriert sind. Der Mensch nimmt die Welt als Geschichte wahr.

Golem: Das gilt also auch für den Weltraum?

Sönnichsen: Selbstverständlich wirken Narrative auch in Bezug auf Orbits, den Weltraum und die Raumfahrt. Die Erzählung der Militarisierung des Weltraums nimmt zum Beispiel kontinuierlich zu. Und Staaten bauen explizit Kapazitäten auf, um diesen Gefahren zu begegnen, auch wenn diese Entwicklungen langfristig zu fatalen Ergebnissen führen könnten.

Golem: Welche Geschichten, vielleicht auch aus der SF, haben Ihrer Meinung nach einen besonders großen Einfluss darauf, wie sich unterschiedliche Nationen und Militärs auf einen militarisierten Weltraum vorbereiten?

Sönnichsen: Derzeit spielen eine Reihe von Narrativen eine Rolle. Sie haben sich gegenseitig verstärkende Effekte. Weltraum 1. als warfighting domain (PDF); 2. als Wettbewerb zwischen Großmächten (inklusive Sicherheitsdilemma); 3. als kritische Infrastruktur. Außerdem 4. die technologische Aufholjagd, 5. "Wer den Weltraum kontrolliert, kontrolliert die Erde." Und es gibt noch weitere, wie Weltraumressourcen, Planet B oder Exploration.

Golem: Einige davon scheinen mir nicht unbedingt neu.

Sönnichsen: Die Idee, die Erde durch den Weltraum zu kontrollieren, lässt sich im Wesentlichen bis in die 1950er Jahre zurückverfolgen. Die Science-Fiction der 1930er und 1940er Jahre, insbesondere vorangebracht durch das Magazin Astounding unter Joseph W. Campbell, hatte nachhaltig zu einem cultural shift geführt, der erstmals überhaupt die Möglichkeit eröffnete, über eine Mondlandung nachzudenken. Das führte dann auch recht schnell zu der Idee, dass die nationale Sicherheit vom Weltraum abhängt.

Daraus entstand die Idee der high frontier. Sie besagt, dass die Kontrolle über den Mond die Kontrolle über die Erde ermöglicht. Eine Geschichte von Robert Heinlein, die als Destination Moon (1950) verfilmt wurde, trug dieses Narrativ dann in die breite Öffentlichkeit. Aber auch Wernher von Braun entwarf unabhängig davon die Idee einer Raumstation, die mit nuklearen Waffen Frieden auf der Erde erzwingen könnte.

Golem: Teilweise haben diese Narrative also schon ganz schön Geschichte. Welche davon sind eine neuere Entwicklung?

Sönnichsen: Aus Sicht von sich noch entwickelnden Staaten, etwa Indien, spielt die technologische Aufholjagd eine herausragende Rolle – die indische Raumfahrt macht kontinuierliche Fortschritte und die Regierung betont dies stets als heimische Erfolge – das Zielpublikum ist da auch sehr bewusst die eigene Bevölkerung.

Für bestehende Großmächte wie die USA und auch China spielen die warfighting domain, der Wettbewerb und die Kontrolle durch den Weltraum eine besondere Rolle – wobei die natürlich auch alle anderen Narrative mit bedienen. In Deutschland und Europa galten lange Weltraumressourcen als besonders wichtig, bisweilen auch der Wettbewerb der Großmächte.

Golem: Sie haben anderswo erwähnt, dass sich in Europa aber gerade einiges verschiebt.

Sönnichsen: Durch den erratischen Kurs der USA und die geopolitische Lage sehen wir gerade eine signifikante Verschiebung. Die Wahrnehmung des Weltraums als warfighting domain und als kritische Infrastruktur nehmen gerade auch für Europa massiv zu. Daraus entsteht die Schlussfolgerung, dass auch Europa aufrüsten muss. Das ist exakt die Argumentationskette, mit der die Bundesregierung die massiven Investitionen in die militärische Raumfahrt rechtfertigt.

Golem: Und welche Rolle spielen da Vorlagen für diese Narrative, zum Beispiel Science-Fiction-Geschichten?

Sönnichsen: Es ist sehr schwer herauszuarbeiten, inwiefern spezifische (SF-)Geschichten einen Einfluss auf diese Narrative nehmen. Dafür gibt es keinen kausalen Nachweis. Die Forschung zeigt, dass Science-Fiction-Geschichten eine nicht unerhebliche Rolle spielen, um Diskurse über zum Beispiel den Weltraum bereitzustellen. Sie liefern Bilder, um die sich diese Narrative drehen können.

Auch die Ikonografie spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Bestätigt ist das meines Wissens nach nicht, aber ich halte es für keinen Zufall, dass die US Space Force ein Badge hat, das dem der Sternenflotte aus Star Trek zum Verwechseln ähnlich sieht. Was nämlich Militärs durchaus nutzen, ist die Kraft der Science-Fiction, um über mögliche Zukünfte nachzudenken.

Golem: Wenn solche Geschichten doch irgendwie wirken, wo sehen Sie die größten Kontraste zwischen deren Narrativen über Konflikt im Weltraum oder Weltraumwaffen, im Kontrast zu der Realität dieser Themen?

Sönnichsen: Geschichten über Konflikte im Weltraum orientieren sich häufig an Konflikten, die wir von der Erde kennen. In Star Wars beispielsweise sehen die Weltraumkämpfe aus wie Dogfights zwischen Jagdflugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg. Das war genau das, was die Macher von Star Wars intendiert haben, denn diese Bilder waren anknüpfungsfähig für das Publikum. Alles ist laut, schrill, hektisch, bunt.

In Star Trek dominiert hingegen maritime Kriegsführung: Die Raumschiffe sind groß und behäbig, und deutlich zäher. Es gibt es auch häufig Episoden, die sich bewusst an U-Boot-Jagden aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs orientieren.

Golem: Dabei entspricht das gar nicht dem, wie eine Schlacht im Weltraum wahrscheinlich aussehen würde.

Sönnichsen: Nein, so würde kein Krieg oder Konflikt im Weltraum aussehen. Wenn die Menschheit weiter in den Weltraum vordringt, werden militärische Konflikte eher so aussehen wie in The Expanse. Dort kommt es zu Situationen, in denen ein feindlich gesinntes Schiff einen Torpedo abfeuert, aber statt in Minuten bis Sekunden wird er erst in vielen Stunden eintreffen – und das anvisierte Raumschiff hat keine Chance, dem zu entkommen, einfach weil die Bahnbewegungen im All nicht zulassen, dass es ausweicht. Die einzige Hoffnung sind dann automatisierte PDC, also point defense cannons, die hoffentlich die Torpedos abschießen.

Golem: Bei The Expanse illustriert Science-Fiction also schon, wie die Zukunft aussehen könnte?

Sönnichsen: Aus astrophysikalischer Perspektive sind die Konflikte durchaus realistisch. Wobei bei The Expanse sehr viele menschliche Besatzungsmitglieder involviert sind – wie bei Star Trek. Ich schätze, dass das wohl noch stärker autonom ablaufen wird. Aber so ist das mit den Erzählungen – wir brauchen noch immer den Menschen in der Geschichte, um uns in die Handlung einfühlen zu können.

Golem: Machen wir einen Sprung in, sagen wir, politische Science-Fiction. Wie viel an Meldungen, wie der Ankündigung von Chinas Weltraumflugzeugträger Luanniao, sollten wir als ernste Absicht verstehen und wie viel als eine Art Spektakel, das vielleicht eher einen bestimmten Eindruck vermitteln soll?

Sönnichsen: Realisierbar ist das nicht. Heute überhaupt nicht. Und ob wir in 30 Jahren die technischen Fähigkeiten haben werden oder sich ein solches Design dann noch lohnt, darf ebenfalls bezweifelt werden. Dann wird es wohl eher noch stärker autonome, kleinteiliger handelnde Systeme geben.

Golem: Dann geht es dabei erst mal gar nicht darum, so etwas tatsächlich zu bauen?

Sönnichsen: In meinen Augen dient diese Ankündigung propagandistischen Zwecken. Nach dem Marinestrategen Alfred Thayer Mahan galt, eine Seemacht zu sein, lange als das Aushängeschild einer Großmacht. Das Vorbild war beispielsweise das britische Kolonialreich. Dessen Seemacht machte Großbritannien virtuell unangreifbar. Schlicht weil die Royal Navy jede Invasionsflotte vorzeitig auf See abfangen konnte.

Golem: Wie passt das zu Weltraumflugzeugträgern?

Sönnichsen: Dazu komme ich gleich. Während die historische Seemacht ein Land virtuell unangreifbar machte, ermöglichen Flugzeugträger heute die Projektion von Macht in Form eines mobilen Luftwaffenstützpunkts direkt vor die Küste eines Widersachers – sie ermöglichen es einem also, tief in das Land des Widersachers hineinzureichen. Der technologische Fortschritt macht das möglich. Und so gilt ein Flugzeugträger heute als das Aushängeschild militärischer Macht.

Golem: Und Luanniao wäre so etwas Ähnliches, bloß im Weltraum?

Sönnichsen: Ich schätze, dieser Weltraumflugzeugträger soll ähnliche Assoziationen wecken. Dabei stellt sich die Frage, ob das überhaupt noch zeitgemäß ist. Autonome Waffensysteme und auch neue Anti-Schiffs-Raketen könnten in meinen Augen langfristig zu einem Bedeutungsverlust von maritimen Flugzeugträgern führen. Womöglich wird sich deren Aufgabe zunehmend auf kleinere Drohnenträger verlagern, die agiler einsetzbar und einfacher zu sichern sind – und die in deutlich größerer Stückzahl gebaut werden könnten.

Golem: Das würde dann im Weltraum genauso gelten.

Sönnichsen: Genau. Im Weltraum potenziert sich die Problematik eines Trägers noch einmal. Von der technischen Realisierbarkeit und dem logistischen Alptraum, die Besatzung eines solchen Gefährts am Leben zu halten, einmal abgesehen: Der Träger wäre jederzeit von überall zu beobachten – und im Zweifel auch exponiert angreifbar, weil Sie diesen viel schlechter schützen können als einen maritimen Träger.

Weltraumschrott bedroht ein solches Gefährt zusätzlich. Auch hier denke ich eher an kleinteiligere autonome Systeme. Miniträger mit Drohnen oder Waffensystemen wären viel geeigneter dazu, im Weltraum zu operieren.

Golem: So ein Weltraumflugzeugträger soll also vielleicht die Erinnerung an Machtprojektion wecken. Inwiefern verfolgt denn jede Machtprojektion im Weltraum echte geostrategische Ziele? Im Vergleich dazu, zum Beispiel dem eigenen Volk oder einer konkurrierenden Nation das eigene Können zu beweisen.

Sönnichsen: Technologie galt seit jeher als wichtige Projektionsfläche von Macht. Das beginnt im Prinzip schon bei der Militärtechnik des Römischen Imperiums und ist in der Moderne, insbesondere in Zeiten der Nationalstaaten, noch einmal in technisch-militärischen Großprojekten aufgegangen. Wer als Großmacht etwas sein will, muss bestimmte technologische Fähigkeiten besitzen.

Es gibt dazu eine spannende Dissertationsschrift einer israelischen Wissenschaftlerin. Sie nennt das den Space Club. Historisch gab es da beispielsweise den Dreadnought Club, den Nuclear Club und jetzt eben den Space Club.

Golem: Was meint sie damit?

Sönnichsen: Der Dreadnought Club ist benannt nach der HMS Dreadnought. Deren revolutionäres Design setzte auf nur ein sehr schweres Kaliber, was eine deutlich zerstörerische Breitseite erlaubte. Hinzu kamen die Nutzung von Dampfturbinen für eine hohe Geschwindigkeit und eine sehr schwere Panzerung.

Die Dreadnought war bestehenden Kriegsschiffen derart überlegen, dass der rein zahlentechnische Vorteil etwa der Royal Navy obsolet wurde. Staaten wie das Deutsche Kaiserreich, das bis dato keine große Flotte besaß, brauchten nicht mit der bestehenden Flotte des Empire konkurrieren – man setzte sofort auf das Dreadnought-Design.

Hier hätte die industrielle Kapazität der Staaten bestimmt, wer die schlagkräftigere Flotte besitzen sollte – das führte zum Flottenwettrüsten, was auch zum Ersten Weltkrieg beitrug. Ebenso galt der Nuclear Club ab den 1940er/1950er Jahren als Ausweis einer Großmacht.

Golem: Und als nächstes ist der Space Club an der Reihe?

Sönnichsen: Genau, jetzt erleben wir den Space Club als neue Interpretation dieses Narrativs. So gilt der indische Antisatellitenwaffen-Test von 2019 als Beispiel für die Fähigkeit Indiens, Satelliten abzuschießen und deshalb bei möglichen Verhandlungen, um bei Weltraumwaffen nicht vergessen werden zu dürfen. Premier Modi hat die Mission Shakti immer auch als Anspruch Indiens als Großmacht ausgewiesen. Interessanterweise scheint für den Space Club aber auch das Bild des verantwortungsvollen Akteurs hinzuzutreten.

Golem: Ist für die Machtprojektion von Mitgliedern des Space Clubs also wichtig, das sie als verantwortungsvoll wahrgenommen werden?

Sönnichsen: Staaten fürchten die Wahrnehmung, dass sie der Grund sein könnten, dass der Orbit durch Weltraumschrott vermüllt wird. Daher war es Modi sehr wichtig zu signalisieren, dass der ASAT-Test verantwortungsvoll erfolgte, also dass der erzeugte Weltraumschrott in einer niedrigen Umlaufbahn entsteht und möglichst schnell in der Atmosphäre verglüht.

Machtprojektionen dienen daher durchaus mehreren Zwecken. Als Faustregel könnte man auch sagen: je öffentlicher, desto eher dient dies propagandistischen Zwecken. Eine Schwelle darunter bekommen wir als Bürger oft nicht mit.

Golem: Um noch mal auf die Narrative zurückzukommen wie: eine Weltraumgroßmacht handelt mit Verantwortung. Können solche Geschichten eine Eigendynamik entwickeln, in denen ein Militär oder ein Staat immer mehr aus der Geschichte heraus handelt – im Kontrast zu einer nüchterneren Betrachtung der Tatsachen?

Sönnichsen: Grob gesagt: Ja, Staaten können sich in Narrativen verrennen. Eine feinere Aussage ist: Es ist komplizierter, denn in einem Staat gibt es verschiedene Akteure, die jeweils eigene Ziele verfolgen.

Nehmen wir mal das Space Shuttle. Nach Ende der Mondlandungen brauchte die Nasa ein neues Prestigeprojekt, um seine gewaltige Workforce und seine herausgehobene Stellung innerhalb der US-Regierung zu erhalten. Also ersannen sie das Shuttle als ein Arbeitspferd, das regelmäßig starten können sollte, um eine dauerhafte Präsenz der Menschheit im Orbit zu gewährleisten. Sie lobbyierten auch darauf, dass das US-Militär das Shuttle nutzen sollte – weshalb es übrigens seine ikonischen Delta-Flügel erhielt.

Da kam am Ende ein Raumschiff heraus, dass zwar eine technische Meisterleistung war, aber horrend teuer und ohne klare Missionsbeschreibung. Und, wie das Challenger-Unglück zeigte, auch ein Raumfahrtzeug mit einem hohen Wartungsaufwand vor jedem Start. Da hatte sich die Nasa in ihren Zielen und ihrem Narrativ völlig verrannt.

Golem: Ist das Space Shuttle da ein besonderes Beispiel? Denn das scheint mir schon eine ungewöhnliche Situation. Oder passiert so etwas häufiger oder in anderen Bereichen?

Sönnichsen: Politik kann sich ebenso in einer Erzählung verstricken. Die Mondlandung wird stets als Kennedy's Legacy, sein Vermächtnis, erinnert. Dabei hatte Kennedy durchaus große Zweifel an seiner Entscheidung, den Mond als Ziel auszurufen. Johnson (Kennedys Vizepräsident; Anm. d. Redaktion), war der wahre Raumfahrtenthusiast und inszenierte die Mondlandung nach dem Attentat als Kennedy's Legacy.

Golem: Weswegen hat Kennedy den Mond als Ziel denn bereut? Schließlich haben die Amerikaner gewonnen.

Sönnichsen: Kennedy war kein Weltraumenthusiast. Auf einer Tonbandaufnahme sagte er zu dem damaligen Nasa-Administrator James Webb einmal wörtlich: "I am not that interested in space." Kennedy suchte nach einer Möglichkeit, die Sowjetunion zu schlagen und Johnson schlug die Mondlandung vor.

Im Grunde war Kennedy der Weltraum egal, deshalb äußerte er 1962 und 1963 privat durchaus Zweifel an den Kosten und daran, ob das öffentliche Interesse bis Ende der 1960er Jahre groß genug sein würde. Die 1960er waren eben auch die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und des Vietnamkrieges – und das Mondprogramm wurde dennoch zu einem gewaltigen Erfolg.

SDI (die auch als Star Wars bekannte Strategic Defense Initiative; Anm. d. Redaktion) von Ronald Reagan war ebenfalls ein typisch politisches Projekt. Die militärische Kosten-Nutzen-Relation war aber schon damals hoch umstritten und SDI wurde auch direkt als Chimäre gewertet, um die Sowjetunion zu einem kostspieligen Rüstungswettlauf zu verleiten.

Golem: In dem Fall war ein Großprojekt also vielleicht strategisch, aber gar nicht in erster Linie militärisch gedacht.

Sönnichsen: Meiner Erfahrung nach sind Militärs häufig sachlicher. Sie entwickeln auch abgefahrene Ideen und können sich in Ideen verrennen. Aber bislang agieren die Militärs doch eher nüchtern: Sie fokussieren sich auf die Frage, wie sich strategische Ziele direkt erreichen lassen. Trotzdem gibt es auch hier Narrativ-versessene Personen. Der Airforce-General Curtis E. LeMay galt zum Beispiel Zeit seines Lebens als außenpolitischer Hardliner (im Englischen "hawk") und glühender Antikommunist, was ihm oft Ärger mit der politischen Führung einbrachte.

Andersherum gibt es immer auch Personen, die ganz bewusst nicht auf das eine Narrativ der Militarisierung eingegangen sind, sondern auf ein anderes. So fürchtete Präsident Eisenhower eine zunehmende Militarisierung des Weltraums und schuf die Nasa 1958 bewusst als zivile Raumfahrtagentur.

Golem: Das heißt, der Weltraum war vielleicht schon immer militärisch, aber die Nasa nicht?

Sönnichsen: Die Nasa erhielt Teile des militärischen Raumfahrtprogramms der Army und der Airforce, die bis zu diesem Zeitpunkt vor allem an militärischen Raumfahrtprogrammen arbeiteten. Das war ein Novum, denn damals war die Raumfahrt ein streng militärisches Unterfangen. Zwar behandelte auch die Nasa sicherheitspolitisch sensible Bereiche, aber sie steht auch heute noch für das zivile, primär wissenschaftlich interessierte Antlitz der Raumfahrt. Eisenhower bewies damit eine ungeheure Weitsichtigkeit und es ist schade, dass das heute oft vergessen wird.

Golem: Der Weltraum hätte also ganz anders aussehen können. Oder es wäre vielleicht zu viel weniger ziviler Nutzung, Forschung und internationaler Kooperation gekommen?

Sönnichsen: Ich könnte mir gut vorstellen, dass, wenn das Militär das Sagen bei der Entwicklung der Raumfahrt und der Mondlandung gehabt hätte, die heutige Raumfahrt noch einmal deutlich anders aussehen würde. Zu einem gewissen Grad wirft die Fernsehserie For All Mankind eine solche kontrafaktische What-if-Geschichte auf ("Was wäre wenn"; Anm. d. Redaktion): was wohl passiert wäre, wenn die sicherheitspolitische Dimension der Raumfahrt und der Mondlandung nicht einfach verpufft wäre – denn in unserer echten Welt zerfiel das sowjetische Mondprogramm schon Mitte der 1960er Jahre, nicht zuletzt nach dem Tod des Chefkonstrukteurs Sergei Koroljow.

Golem: Aus der Vergangenheit mal in die Zukunft geblickt: Wie könnten SF-Geschichten statt zum Wettrüsten zu einer friedlicheren, nachhaltigeren Ordnung im Weltraum beitragen? Ist das überhaupt etwas, auf das man hoffen kann?

Sönnichsen: Science-Fiction ist ein Laboratorium politischen Denkens. Es kann uns helfen, über zukünftige Szenarien nachzudenken. Sie kann uns Schreckensszenarien und wünschenswerte Szenarien liefern, die auch emotional zugänglich sind. Je nachdem, mit welcher Methodik dies kombiniert wird, etwa Methoden der strategischen Vorausschau / Foresight können dadurch Szenarien entstehen, auf die man sich strategisch vorbereiten kann und die man auch deutlich besser kommunizieren kann. Dadurch ermöglichen SF-Geschichten das Reden über diese Szenarien und auch, dass Menschen sich über diese Szenarien verständigen können. Und dann kann eine Dynamik entstehen, dass man auf Grundlage der gleichen Geschichte zu dem Ergebnis kommt, dass sich etwas verändern muss.

Golem: Das hört sich immer noch abstrakt, oder sagen wir, akademisch an. Beobachten Sie so etwas denn wirklich?

Sönnichsen: Ein praktisches Beispiel: Ronald Reagan leitete die Entspannungspolitik mit der Sowjetunion ein, nicht zuletzt, weil er den Film The Day After von 1983 gesehen hatte und die desaströsen Auswirkungen eines nuklearen Schlagabtauschs greifbar wurden. Ähnlich hat auch der Film Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben von 1964 die Gefahr eines möglichen Atomkriegs überhaupt erst für die Bevölkerung greifbar gemacht.

Heute finden sich auch viele Fans etwa von Star Trek, die an die utopische Vision glauben. Moderne SF-Erzählungen, etwa The Expanse oder For All Mankind, können auch Fragen aufwerfen, wie wir mit einer Kolonisation des Weltraums vorgehen wollen und werden. Wenn wir Science-Fiction-Erzählungen als mögliche Zukünfte ernst nehmen, ermöglichen sie uns, über Facetten des Heute kritisch nachzudenken. Das wird auch als Science-Fiction Prototyping, Design-Fiction oder Science-Fiction Thinking bezeichnet.

Golem: Ihrer Meinung nach kann SF also tatsächlich einen Einfluss haben. Auch zum Positiven?

Sönnichsen: Derart plastisch wirkt die Science-Fiction nicht immer. Sie stellt aber ein Reservoir an Erzählungen bereit und kann, wie schon erwähnt, einen cultural shift bereiten, indem über diese Zukünfte nachgedacht werden kann, ganz im Sinne der von der Unesco geforderten Futures Literacy. Und das geschieht auch zum Positiven, was sich etwa an dem populären Hopepunk oder Solarpunk aufzeigen lässt. Das lädt auch Nicht-Expertinnen und -Experten ein, über Zukünfte nachzudenken.

Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass man die wissenschaftliche Expertise mit den Fähigkeiten von SF-Autoren zusammenbringt. Wissenschaftlerinnen und Ingenieure tendieren zu einer sehr nüchternen, technischen Betrachtung, insbesondere auch der Raumfahrt. Um die vielfältigen Krisen von heute zu bewältigen, braucht es mehr kommunizierbare Szenarien und Bilder für ein hoffnungsvolles Morgen. Und die könnte die SF liefern.

Tim Reinboth ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.

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Unerwarteter Befund: Warum eine zuckerfreie Diät bei Mäusen den Darm schädigt

Von Telepolis — 20. Juni 2026 um 16:30
Eine Holzschale voller weißer Würfelzucker mit einem roten Stop-Schild als Symbol für zuckerfreie Diäten und das Risiko von Stoffwechselschäden.

Stopp beim Zuckerverzicht? Eine neue Laborstudie aus Kuwait zeigt überraschend an Mäusen, dass der radikale Verzicht auf Saccharose dem Darmmikrobiom und dem Stoffwechsel schwer schaden kann.

(Bild: CalypsoArt / Shutterstock.com)

Fettarm, aber krank? Das Dasman Diabetes Institute zeigt im Experiment, wie der totale Verzicht auf Saccharose die Organe attackieren kann.

Zucker streichen, gesünder leben – so lautet die simple Formel hinter zahllosen Diätratgebern. Forscher des Dasman Diabetes Institute in Kuwait liefern nun Daten, die dieses Mantra ins Wanken bringen.

Ihre auf der Jahrestagung der Endocrine Society (ENDO 2026) in Chicago präsentierte und bereits im Fachjournal [1] Frontiers in Immunology veröffentlichte Tierstudie zeigt: Der vollständige Verzicht auf Saccharose in einer fettarmen Ernährung löste bei Mäusen eine Kaskade metabolischer Schäden aus.

Zwölf Mäuse erhielten 16 Wochen lang eine kalorisch identische, fettarme Kost – die eine Hälfte mit Haushaltszucker, die andere komplett ohne. Am Ende wogen beide Gruppen gleich viel.

Doch unter der Oberfläche klaffte ein Abgrund: Die zuckerfreie Gruppe zeigte eine beeinträchtigte Glukosetoleranz, Anzeichen von Insulinresistenz und eine Fettansammlung in der Leber.

Darmmikrobiom aus dem Gleichgewicht

Die 16S-rRNA-Sequenzierung offenbarte massive Verschiebungen in der Darmflora der zuckerfreien Mäuse. Nützliche Bakterien wie Lactobacillus murinus und Vertreter der Familie Lachnospiraceae – beide wichtige Produzenten kurzkettiger Fettsäuren – gingen zurück.

Gleichzeitig breiteten sich entzündungsassoziierte Keime aus, darunter Helicobacter ganmani und Alistipes-Arten. Im Dickdarm fanden die Forscher zerstörte Kryptenarchitektur, den Verlust schützender Becherzellen und stark erhöhte Entzündungsmarker wie IL-1β und IL-6.

Der Forscher Rasheed Ahmad erklärte laut der Pressemitteilung der Endocrine Society [2]:

"Der vollständige Verzicht auf Saccharose in einer fettarmen Ernährung kann unerwarteterweise die Darmgesundheit beeinträchtigen und Entzündungen sowie Stoffwechselstörungen begünstigen, was verdeutlicht, dass eine ausgewogene Ernährung wichtiger ist als der bloße Verzicht auf Zucker."

Entscheidend sei eine ausgewogene Kohlenhydratzufuhr, um die Homöostase von Darm und Immunsystem zu erhalten.

Maus ist nicht Mensch

So auffällig die Befunde sind – sie stammen von zwölf Labormäusen mit einem artspezifischen Darmmikrobiom, das sich erheblich vom menschlichen unterscheidet.

Die verwendeten standardisierten Diäten bilden zudem ein Extrem ab, das in der Praxis kaum vorkommt: In Deutschland liegt die durchschnittliche Zuckeraufnahme laut Konsensuspapier der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) [3] im Durchschnitt bei rund 70 Gramm pro Tag.

Das liegt zwar immer noch deutlich über der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von maximal 50 Gramm, einen völligen Verzicht auf Saccharose praktiziert im Alltag jedoch kaum jemand.

Auch die US-Ärztin Nneoma Oparaji ordnete die Ergebnisse gegenüber [4] Medical News Today ein: Ernährung sei "komplexer und nuancierter als der Verzicht auf einen einzelnen Inhaltsstoff".

Genetische und kulturelle Faktoren erschweren die Übertragbarkeit zusätzlich. Kuwait etwa zählt weltweit zu den Ländern mit den höchsten Diabetes- und Adipositasraten; europäische Populationen zeigen andere Risikoprofile.

Für belastbare Humanstudien bräuchte es zudem kontrollierte Interventionen mit serieller Mikrobiom-Analyse, Glukosetoleranztests und Leberbildgebung über Monate bis Jahre.

Die Studie reiht sich in eine wachsende Forschungslinie, die pauschale Ernährungsverbote hinterfragt. Auch Zuckeraustauschstoffe [5] und Süßstoffe [6] lösen nicht automatisch ein, was sie versprechen – die WHO rät sogar ausdrücklich davon ab, Süßstoffe zur Gewichtskontrolle einzusetzen.

Und wer statt Zucker zu hochverarbeiteten Alternativen greift, riskiert laut aktueller Forschung messbare kognitive Einbußen [7].

Für den Moment bleibt die Botschaft aus Kuwait ein Warnschuss – nicht gegen Zuckerreduktion, sondern gegen den Glauben, Weglassen allein sei Therapie.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11339357

Links in diesem Artikel:

  1. https://www.frontiersin.org/journals/immunology/articles/10.3389/fimmu.2026.1813722/abstract
  2. https://www.endocrine.org/news-and-advocacy/news-room/2026/ahmad-press-release-endo-2026
  3. https://www.dge.de/fileadmin/dok/gesunde-ernaehrung/ernaehrungsempfehlung/10-regeln/Konsensuspapier_Zucker_DAG_DDG_DGE_2018.pdf
  4. https://www.medicalnewstoday.com/articles/how-eliminating-sugar-may-alter-the-gut-microbiome-mouse-study
  5. https://www.heise.de/tp/article/Suessen-mit-wenig-Kalorien-11252322.html
  6. https://www.heise.de/tp/article/Suessstoffe-Genuss-ohne-Reue-und-Kalorien-11228772.html
  7. https://www.heise.de/tp/article/Hochverarbeitete-Lebensmittel-Der-stille-Angriff-auf-das-Gehirn-11276512.html

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