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Politisch motivierte Straftaten erreichen 2025 neuen Rekordwert

Von Telepolis — 17. April 2026 um 12:15
Nahaufnahme eines Polizeiautos

(Bild: Pradeep Thomas Thundiyil/Shutterstock.com)

Das BKA verzeichnet für 2025 so viele politisch motivierte Straftaten wie nie zuvor. Rund die Hälfte stammt aus dem rechten Spektrum.

Das Bundeskriminalamt hat für 2025 insgesamt 85.837 politisch motivierte Straftaten registriert – so viele wie nie seit Beginn der Erfassung im Jahr 2001. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von zwei Prozent. Seit 2015 hat sich die Zahl damit mehr als verdoppelt.

Wie aus den BKA-Daten bei der Süddeutschen Zeitung [1] hervorgeht, entfällt rund die Hälfte aller Fälle auf das rechte Spektrum: 42.544 Delikte, knapp 50 Prozent.

Noch im Tagesspiegel-Bericht vom Februar 2026 [2] hatten vorläufige Zahlen auf rund 41.000 rechte Straftaten hingedeutet – was einem Rückgang um vier Prozent gleichgekommen wäre. Die endgültigen Daten zeigen nun aber das Gegenteil: Auch im rechten Bereich stiegen die Zahlen erneut.

Dem linken Spektrum wurden 13.490 Straftaten zugeordnet – ein Plus von 35 Prozent. Weitere 6.886 Fälle hatten einen Bezug zu ausländischer Ideologie, 1.983 einen religiösen Hintergrund. Über 20.900 Taten ließen sich keiner dieser Kategorien eindeutig zuordnen.

Bundestagswahl als wesentlicher Treiber

Einen zentralen Faktor für den Rekordwert sieht das BKA in der vorgezogenen Bundestagswahl im Februar 2025. Rund um den Urnengang wurden etwa 10.000 politisch motivierte Straftaten gemeldet, darunter mehr als 7.000 Sachbeschädigungen – vorwiegend an Wahlplakaten – sowie rund 400 Propagandadelikte. Die Gewerkschaft der Polizei sprach angesichts dessen von einer "neuen Dimension". Neben dem aufgeheizten Wahlkampfklima im Inland verweist das BKA auch auf internationale Krisen wie den Nahostkonflikt als zusätzlichen Faktor.

Bei den rechts motivierten Gewalttaten liegen bislang vorläufige Zahlen vor: 1.521 Fälle – zwei Prozent mehr als im Vorjahr (1.488). Dazu zählen Delikte wie Körperverletzung, Landfriedensbruch oder gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr. Eine Gesamtübersicht der Gewalttaten über alle ideologischen Kategorien hinweg wurde noch nicht veröffentlicht.

Deutlicher Zuwachs im linken Spektrum

Besonders auffällig ist der starke Anstieg bei Straftaten aus dem linken Spektrum. Das Plus von 35 Prozent auf 13.490 Delikte fiel in einzelnen Bundesländern besonders deutlich aus.

Im Jahr 2024 verzeichneten Brandenburg (plus 124 Prozent) und Sachsen (plus 37 Prozent) die stärksten prozentualen Zuwächse im linken Spektrum; Nordrhein-Westfalen lag mit rund 1.180 Fällen absolut an der Spitze, ohne jedoch einen ähnlich starken prozentualen Anstieg zu zeigen.

2025 kehrte sich dieser Trend allerdings teilweise um – etwa in Brandenburg: Laut Brandenburger Innenministerium [3] gingen die Straftaten im linken Phänomenbereich dort um über 35 Prozent auf 756 Fälle zurück.

Der Grund: Viele linke Straftaten hatten 2024 mit Wahlen zu tun – etwa dem Abreißen von Wahlplakaten. Brandenburg erlebte in jenem Jahr mit Landtags-, Kommunal- und Europawahlen ein Superwahljahr. Als die Wahlkämpfe 2025 wegfielen, sanken auch die entsprechenden Fallzahlen.

Langfristiger Trend zeigt nach oben

Insgesamt zeichnen die BKA-Zahlen ein Bild wachsender politischer Polarisierung. Die Erfassung politisch motivierter Kriminalität erfolgt seit 2001 durch Bund und Länder in den Kategorien rechts, links, ausländisch-ideologisch, religiös und sonstig.

Langfristig zeigt sich ein fast ununterbrochener Aufwärtstrend – befeuert durch Wahlen, gesellschaftliche Konflikte und internationale Krisen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11262093

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.sueddeutsche.de/politik/bka-politische-straftaten-deutschland-rekord-li.3469026
[2] https://www.tagesspiegel.de/politik/polizeistatistik-rechts-motivierte-gewalttaten-nehmen-zu-15252021.html
[3] https://mik.brandenburg.de/mik/de/service/presse/pressemitteilungen/detail-pm-und-meldungen/~16-04-2026-pmk-2025

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Kehrtwende in Washington: Anthropic ist plötzlich wieder systemrelevant

Von Telepolis — 17. April 2026 um 12:00
Personen blicken auf Computerbildschirme mit Code und der Meldung

(Bild: DC Studio / Shutterstock.com)

Das KI-Modell Mythos galt als Sicherheitsrisiko – jetzt sollen US-Behörden es nutzen. Was steckt hinter dem Sinneswandel?

Noch vor wenigen Wochen galten Anthropics Produkte als Risiko für die nationale Sicherheit der USA, nun soll das mächtigste Modell des Unternehmens in den Dienst genau dieser Sicherheit gestellt werden.

Wie Bloomberg berichtet [1], plant das Weiße Haus die Verteilung einer Version von Anthropics KI-Modell Mythos an wichtige Bundesbehörden.

Das geht laut Bericht aus einem Memo hervor, das Gregory Barbaccia, der Chief Information Officer des Office of Management and Budget (OMB), verschickt haben soll. Demnach wurden die Ministerien für Verteidigung, Finanzen, Handel, innere Sicherheit, Justiz und Auswärtiges informiert, dass das OMB Schutzmaßnahmen für den Einsatz von Mythos einrichte.

Die Nutzung solle in den kommenden Wochen möglich sein – der Plan sei allerdings noch nicht endgültig beschlossen.

Das Vorhaben ist bemerkenswert, denn erst vor gut einem Monat hatte die Trump-Administration Anthropics Produkte als Gefahr für die nationale Sicherheit eingestuft und de facto aus der Bundesverwaltung verbannt. Anthropic klagte dagegen vor zwei Bundesgerichten: Ein Richter in Nordkalifornien setzte Teile der Maßnahme vorläufig aus, während das D.C. Circuit Court of Appeals sie wenig später ebenfalls vorläufig bestätigte. Die Einstufung war historisch: Bis dahin war diese Maßnahme ausländischen Unternehmen vorbehalten.

Vorausgegangen war, wie Telepolis berichtete [2], ein Streit zwischen dem Pentagon und Anthropic über die militärische Nutzung von KI-Modellen – nur wenige Stunden bevor die USA Angriffe auf den Iran starteten.

Ein Modell, das Sicherheitsforscher erschreckt

Mythos unterscheidet sich fundamental von bisherigen Sprachmodellen. Wie das Modell im Detail vorgeht, welche Schwachstellen es bereits gefunden hat und was das für die digitale Infrastruktur bedeutet, hat Telepolis ausführlich analysiert. [3]

Wie Telepolis ausführlich berichtet [4], kann das Modell autonom Zero-Day-Schwachstellen in weitverbreiteter Software finden und ausnutzen – also bislang unbekannte Sicherheitslücken, für die noch kein Patch existiert.

Betroffen sind unter anderem Linux, sämtliche großen Webbrowser und Betriebssysteme.

Anthropics internes "Frontier Red Team", eine 15-köpfige Gruppe von Sicherheitsexperten unter der Leitung von Logan Graham, erkannte die Brisanz rasch. "Innerhalb von Stunden nach Erhalt des Modells wussten wir, dass es anders war", sagte Graham laut Telepolis.

Während ein Vorgängermodell lediglich Hinweise geliefert habe, wie sich Schwachstellen ausnutzen ließen, könne Mythos die Angriffe selbstständig durchführen.

Besonders alarmierend: In einem Testlauf verknüpfte Mythos vier verschiedene Schwachstellen zu einer einzigen Browser-Angriffskette – eine Leistung, die selbst für hoch qualifizierte menschliche Hacker eine enorme Herausforderung darstellt.

Zu den eingesetzten Techniken zählen JIT Heap Spraying, Sandbox Escapes, Return-Oriented Programming (ROP) und KASLR-Bypasses. Bloomberg beschrieb die Fähigkeiten als "digitales Äquivalent eines Bankraubs": Mythos könne Sicherheitsprotokolle überwinden, in Netzwerke eindringen und auf geschützte Daten zugreifen.

Project Glasswing als Verteidigungsinitiative

Anstatt Mythos öffentlich freizugeben, startete Anthropic Anfang April die Initiative Anthropic: Project Glasswing [5]. Rund 50 ausgewählte Organisationen – darunter Amazon Web Services, Apple, Cisco, CrowdStrike, Google, JPMorgan Chase, die Linux Foundation, Microsoft, Nvidia und Palo Alto Networks – erhielten eingeschränkten Zugang zu einer Vorschauversion.

Das Ziel: Die Partner sollen Mythos defensiv einsetzen, um Schwachstellen in eigenen Systemen und Open-Source-Software aufzuspüren, bevor Angreifer sie ausnutzen können. Anthropic stellt dafür nach eigenen Angaben Nutzungsguthaben im Wert von 100 Millionen US-Dollar bereit und spendet vier Millionen US-Dollar an Open-Source-Sicherheitsorganisationen.

Die Entscheidung der Anthropic-Führung fiel Anfang März 2026. Chef Dario Amodei, Präsidentin Daniela Amodei und IT-Sicherheitschef Vitaly Gudanets kamen laut Bloomberg zu dem Schluss, dass Mythos zu riskant für eine allgemeine Freigabe sei.

Mitgründer und wissenschaftlicher Leiter Jared Kaplan erklärte: "Es wurde schnell klar, dass wir etwas ziemlich Ungewöhnliches tun wollten".

Statt das Modell der Öffentlichkeit vorzustellen, veröffentlichte Anthropic am Donnerstag stattdessen Claude Opus 4.7 – ein Modell, das nach eigenen Angaben "nicht so fortschrittlich" sei wie Mythos, insbesondere hinsichtlich seiner Cyberfähigkeiten.

Behörden testeten schon vor der Bestätigung

Die Kehrtwende der Trump-Regierung von der Ächtung zum Einsatz vollzog sich offenbar schrittweise. Wie Politico berichtete [6], hatte das Center for AI Standards and Innovation des US-Handelsministeriums die Fähigkeiten von Mythos bereits aktiv getestet, noch bevor Anthropic die Existenz des Modells offiziell bestätigte.

Mitarbeiter von mindestens zwei weiteren großen Bundesbehörden nahmen trotz des Verbots Kontakt zu Anthropic auf, um Zugang zu erbitten. Mindestens drei Kongressausschüsse hielten oder forderten in der vergangenen Woche Unterrichtungen des Unternehmens an.

Die Reaktionen aus dem Finanzsektor fielen nicht weniger drastisch aus. Am Tag der öffentlichen Bestätigung beriefen US-Finanzminister Scott Bessent und Fed-Chef Jerome Powell ein Treffen mit führenden Wall-Street-Vertretern [7] ein.

Die Botschaft laut Bloomberg: Die Banken sollten Mythos sofort zur Suche nach Schwachstellen einsetzen. JPMorgan-Chef Jamie Dimon erklärte demnach bei einer Bilanzpressekonferenz, Mythos zeige, "dass noch viel mehr Schwachstellen behoben werden müssen".

Auch Goldman Sachs, Citigroup, Bank of America und Morgan Stanley testen das Modell intern. Laut Gizmodo [8] führt die Bank of England nach einer Vorschau "dringende Gespräche" mit Cybersicherheitsbeamten.

Europäische Perspektive: BSI warnt, keine Glasswing-Beteiligung

Für Europa und insbesondere Deutschland wirft Mythos grundlegende Fragen auf. BSI-Präsidentin Claudia Plattner nimmt das Modell nach eigener Aussage [9] ernst und erwartet "Umwälzungen im Umgang mit Sicherheitslücken und in der Schwachstellenlandschaft insgesamt".

Das BSI stehe in Kontakt mit Anthropic und habe Einblicke in die Funktionsweise erhalten. Deutsche Banken, BaFin, Bundesbank und das Finanzministerium prüfen die Risiken für bestehende Legacy-Systeme – insbesondere in kritischer Infrastruktur wie der Energieversorgung.

Bislang sind keine Pläne bekannt, Mythos europäischen Behörden oder deutschen Unternehmen zugänglich zu machen. Am Glasswing-Programm sind keine deutschen Organisationen namentlich beteiligt. Die Frage nach europäischer KI-Souveränität im Cyberbereich stellt sich damit drängender denn je.

Unterdessen positioniert sich die Konkurrenz: OpenAI hat mit GPT-5.4-Cyber ein auf defensive Cybersicherheit spezialisiertes Modell angekündigt [10], das ähnliche Fähigkeiten wie Mythos bieten soll.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11261777

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-16/white-house-moves-to-give-us-agencies-anthropic-mythos-access
[2] https://www.telepolis.de/article/Streit-um-KI-Ethik-Pentagon-erklaert-Anthropic-zum-nationalen-Risiko-11216117.html
[3] https://www.heise.de/tp/article/Anthropics-KI-Modell-Mythos-Das-Ende-des-Internets-wie-wir-es-kennen-11260770.html
[4] https://www.telepolis.de/article/Anthropics-KI-Modell-Mythos-Das-Ende-des-Internets-wie-wir-es-kennen-11260770.html?seite=all#x96; also bislang unbekannte Sicherheitslücken, für die noch kein Patch existiert.</div><div class=
[5] https://www.anthropic.com/glasswing
[6] https://www.politico.com/news/2026/04/14/anthropic-mythos-federal-agency-testing-00872439
[7] https://www.heise.de/news/Anthropic-KI-Mythos-Dringende-Warnung-an-US-Banken-BSI-erwartet-Umwaelzungen-11251450.html
[8] https://gizmodo.com/white-house-is-reportedly-ready-to-drop-its-anthropic-beef-and-embrace-the-spooky-new-model-2000747561
[9] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/ki-anthropic-claude-mythos-schwachstellen-software-bsi-100.html
[10] https://www.heise.de/news/Nach-Anthropic-Mythos-OpenAI-kuendigt-GPT-5-4-Cyber-an-11259060.html

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Sechs Wochen Puffer – dann drohen Flugstreichungen

Von Telepolis — 17. April 2026 um 10:45
Ein Flugzeug wird betankt

Der Kerosinmangel wird sich in den nächsten Wochen und Monaten auch in Deutschland bemerkbar machen

(Bild: Skycolors/Shutterstock.com)

Kerosin wird knapp: IEA-Chef warnt vor Flugstreichungen und Kostendruck. Experten widersprechen der Entwarnung von Wirtschaftsministerin Reiche.

Europas Flugbenzinvorräte reichen noch etwa sechs Wochen – danach drohen Streichungen. Das sagte [1] Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), am Donnerstag der Nachrichtenagentur AP. "Bald werden wir die Nachricht hören, dass einige Flüge von Stadt A nach Stadt B wegen Treibstoffmangels gestrichen werden könnten", warnte Birol.

Ursache ist die seit Ende Februar andauernde Sperrung der Straße von Hormus im Kontext des US-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran [2]. Durch die Meerenge, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet, läuft unter normalen Bedingungen rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports.

Der Ökonom Claudio Galimberti von der Analysefirma Rystad Energy warnte [3], die Situation könne binnen "der nächsten drei, vier Wochen systemisch" werden – es könnten also schon im Mai und Juni erhebliche Flugkürzungen folgen.

Der europäische Dachverband für Flughafenbetreiber ACI Europe hatte die EU-Kommission vergangene Woche schriftlich darauf hingewiesen, dass ab Anfang Mai eine Kerosinknappheit eintreten könnte, sollten Tanker nicht vorher wieder durch die Straße von Hormus fahren.

Erste Streichungen, aber noch kein flächendeckender Mangel

Bislang sind offene Engpässe ausgeblieben, weil Lieferungen, die vor Kriegsbeginn auf den Weg gebracht wurden, noch ankamen. Diese letzten Ladungen haben Europa nun erreicht. Die niederländische Fluggesellschaft KLM, Teil des Konzerns Air France-KLM, gab am Donnerstag bekannt [4], im kommenden Monat 160 Flüge zu streichen.

Das Unternehmen begründete dies mit gestiegenen Kerosinkosten, nicht mit einem physischen Mangel: "Es handelt sich um eine begrenzte Anzahl von Flügen innerhalb Europas, die aufgrund steigender Kerosinkosten derzeit nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind", teilte KLM mit.

Air France-KLM hat zwar 87 Prozent seines Treibstoffbedarfs durch Absicherungsgeschäfte – sogenanntes Hedging – gegen Preisanstiege abgesichert, strich die Flüge dennoch wegen der verbleibenden Kosten. Betroffen sind vor allem stark frequentierte Verbindungen zwischen Amsterdams Flughafen Schiphol und London sowie Düsseldorf, wo Passagiere leicht auf andere Flüge umgebucht werden können.

Die britische Billigfluggesellschaft EasyJet hingegen gab sich am Donnerstag gelassen. Konzernchef Kenton Jarvis erklärte [5], man habe "Sichtbarkeit bis Mitte Mai und keine Bedenken" hinsichtlich der Treibstoffversorgung.

Der Preis für Erdöl der Sorte Brent liegt weiterhin mehr als 30 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Seit Ende Februar hat sich der Kerosinpreis in etwa verdoppelt, was sich direkt auf die Ticketpreise auswirkt.

Regionale Unterschiede und strukturelle Abhängigkeiten

Das Risiko eines Mangels ist laut IEA in Asien am höchsten, in Europa etwas geringer – doch auch europäische Länder hängen von Öl und Raffinerien aus dem Nahen Osten ab.

Innerhalb Europas gibt es erhebliche Unterschiede: Österreich, Bulgarien und Polen verfügen über größere Vorräte, während Großbritannien, Island und die Niederlande stärker gefährdet sind.

"Kleinere Flughäfen im Landesinneren werden in einer schwächeren Position sein als die großen Drehkreuze", sagte Rico Luman, Ökonom bei der ING-Bank. Er geht nicht von einem vollständigen Stillstand aus: "Es wird zu teilweisen Ausfällen bei einigen Airlines und Flughäfen kommen."

Der französische Energiekonzern TotalEnergies warnte bereits, nicht alle seine Kunden beliefern zu können, sollte das Golf-Öl noch im Juni blockiert sein. Konzernchef Patrick Pouyanne sagte am Montag: "Sollten dieser Krieg und diese Blockade länger als drei Monate andauern, werden wir bei einigen Produkten wie Flugbenzin mit ernsthaften Versorgungsproblemen konfrontiert sein."

Die Branchenorganisation Airlines for Europe (A4E), der unter anderem Lufthansa, Air France-KLM und Ryanair angehören, forderte die EU auf, Echtzeitinformationen über Treibstoffvorräte an den Flughäfen verfügbar zu machen. Kraftstofflieferanten zeigen sich allerdings wenig begeistert davon, sensible Geschäftsdaten an ihre Kunden weiterzugeben.

Reiche gibt Entwarnung – Experte widerspricht

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht [6] indes keine Gefahr eines Kerosinmangels für Deutschland. Der IEA-Chef habe auf Knappheiten in asiatischen Märkten hingewiesen, sagte sie am Donnerstag in Berlin.

"Hier haben wir in Deutschland keinen Mangel an Kerosin", betonte Reiche. Man habe im Rahmen der Freigabe von Ölreserven auch Teilmengen an Kerosin freigegeben, die jedoch nicht in übermäßigem Maße nachgefragt worden seien. "Kerosin wird übrigens auch in deutschen Raffinerien produziert", so die Ministerin. Deutschland sei nicht allein auf Importe angewiesen.

Diese Einschätzung stößt bei Fachleuten auf Widerspruch. Der Analyst James Noel-Beswick erklärte [7] gegenüber der Deutschen Verkehrszeitung (DVZ), dass die vermeintlich entspannte Lage an deutschen Flughäfen trügerisch sei.

Zwar werde ein Teil des Kerosins in Europa – auch in den Niederlanden – produziert, doch diese Kapazitäten seien begrenzt: "Niederländische Lieferungen werden perspektivisch von immer mehr Ländern nachgefragt, und dieser Wettbewerb wird die Kosten zuerst nach oben treiben. Wenn er sich verschärft und die niederländischen Bestände sinken, wird aus Preisdruck physische Knappheit", so Noel-Beswick. "Alle Annahmen über eine verlässliche niederländische Versorgung gehören daher auf den Prüfstand. Auch Deutschland ist beim Kerosin nicht immun."

Strukturell produziere Europa deutlich weniger Kerosin, als die Airlines verbrauchten, so Noel-Beswick weiter. Airlines ohne ausreichendes Hedging spürten den Margendruck direkt, sobald die importgebundenen Preise anzögen. Flugstreichungen seien dabei "das letzte Mittel und kommen deutlich später" – wahrscheinlicher seien zunächst höhere Treibstoffzuschläge auf Tickets sowie die Ausdünnung von Strecken mit schwachen Margen, vor allem auf der Kurzstrecke.

Eine grundlegende Lösung sieht der Analyst nicht, solange die Straße von Hormus gesperrt bleibt: "Ohne eine Wiedereröffnung der Meerenge gibt es keine echte Entlastung auf der Angebotsseite. Alles andere kompensiert nur teilweise."


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11261965

Links in diesem Artikel:
[1] https://apnews.com/article/iran-war-europe-jet-fuel-flight-cancellations-birol-6e67fafd493861b3858de5548aa77703
[2] https://www.telepolis.de/thema/Irankrieg-2026
[3] https://www.zdfheute.de/wirtschaft/kerosin-luftfahrt-strasse-von-hormus-knappheit-100.html
[4] https://www.reuters.com/business/klm-cancels-160-flights-coming-month-due-rising-fuel-costs-2026-04-16/
[5] https://www.theguardian.com/business/2026/apr/16/europe-supply-jet-fuel-iran-war-flight-cancellations-iea
[6] https://www.stern.de/news/reiche--deutschland-hat-keinen-mangel-an-kerosin-37315594.html
[7] https://www.dvz.de/unternehmen/luft/detail/news/warum-auch-deutschland-das-kerosin-ausgehen-koennte.html

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Imperien kehren zurück – und Europa muss Farbe bekennen

Von Telepolis — 16. April 2026 um 16:00
Eine historische Karte von Europa mit Grenzen, Städten und Namen von Imperien und Königreichen.

Die Karte zeigt die politische Landkarte Europas um 1812, mit den damaligen Grenzen und Einflussbereichen der Großmächte.

(Bild: pamela ranya / Shutterstock.com)

Russland, die USA, Europa: Politologe Münkler warnt – imperiale Mächte prägen die Weltordnung neu. Was das für die EU bedeutet. (Teil 1)

Der Begriff "Imperium" besitzt eine große Tragweite in der theoretischen Betrachtung menschlicher Gesellschaften. Der Grund hierfür ist, dass Imperien in der erfassbaren Menschheitsgeschichte eine überragende Rolle gespielt haben. Doch was ist eigentlich unter einem Imperium zu verstehen und welche Bedeutung hat derartiges Wissen für die Gegenwart?

Vertraut man diesbezüglich der Einschätzung Herfried Münklers [1], besitzt das Thema eine hohe aktuelle Relevanz, da wir ihm zufolge gerade "die Wiederkehr des Imperiums als politisches Ordnungsmodell" beobachten können. Darüber hinaus konstatiert Münkler, dass Imperien gar "die bestimmenden Mächte unserer Zeit" seien und "nicht imperiale Akteure" zukünftig einen schweren Stand hätten, wenn es darum ginge, "neben ihnen und gegen sie globalen Einfluss auszuüben."

Zwei Nationen mit langer imperialer Tradition, die russische und die US-amerikanische, spielen hierbei aus europäischer Perspektive eine besondere Rolle. Während es jedoch in Bezug zu Russland zuletzt quasi zu einer Art Allgemeinplatz geworden ist [2], insbesondere im Kontext des Krieges in der Ukraine auf dessen "imperiale Ziele" oder "imperialen Furor" abzustellen, waren Einschätzungen mit Blick auf die Außenpolitik der USA lange wohlwollender.

Dieser Umstand ändert sich möglicherweise, wie etwa ein neueres Interview der ZEIT [3] mit dem renommierten Historiker Karl Schlögel zeigt. Jetzt, wo "das Territorium Grönlands, Bestandteil Dänemarks, Teil des Nato-Gebiets, plötzlich von den USA beansprucht wird", scheinen auch die etablierten Kreise der deutschen Intelligenzia auf die "imperialen Ambitionen von Trumps Amerika" aufmerksam zu werden. Ein realistischerer Blick auf die USA wäre ein überfälliger Wandel deutscher außenpolitischer Analyse, die hier in diverser Hinsicht defizitär wirkt [4].

Insgesamt erscheint es daher sinnvoll, sich eingehender mit der Materie zu befassen. Im Geiste dieses Anliegens wird sich der vorliegende erste Teil dem Thema aus einer allgemeineren Perspektive nähern und am Ende einige Überlegungen zur Rolle der EU anstellen, die manche Beobachter [5] in der zwiespältigen Position sehen, "entweder ein Imperium oder eine große Einflusssphäre anderer Supermächte zu werden." Teil zwei und drei werden mit Betrachtungen des russischen und US-amerikanischen Imperialismus anschließen.

Was versteht man unter einem Imperium?

Will man politische Phänomene oder Entitäten, wie etwa Imperien, rational und mit gebührendem Tiefgang erfassen, bietet es sich an, sich mittels Einführungstext einen ersten Überblick über die Materie zu verschaffen – hier haben dem Autor die "kurzen Einführungen" der Oxford University Press stets gute Dienste geleistet [6]. So schrieb etwa Stephen Howe sehr treffend:

Eine Art grundlegende, konsensfähige Definition wäre, dass ein Imperium ein großes politisches Gebilde ist, das über Territorien außerhalb seiner ursprünglichen Grenzen herrscht. Es verfügt über eine zentrale Macht oder ein Kerngebiet, dessen Einwohner in der Regel weiterhin die dominierende ethnische oder nationale Gruppe im gesamten System bilden, sowie über eine ausgedehnte Peripherie beherrschter Gebiete.

Historisch betrachtet waren koloniale Praktiken, also die militärische Unterwerfung und mehr oder weniger direkte Kontrolle externer Territorien, inklusive der Besiedlung neuer Gebiete durch Teile der Kerngesellschaft, die gängige Methode, mittels derer imperiale Expansion erfolgte. In diesem Kontext wurde oft mit derartiger Brutalität vorgegangen, dass einige Historiker zu dem Schluss gelangten, "dass die meisten Episoden von Völker- und Massenmord in der Weltgeschichte mit dem Aufbau von Imperien in Zusammenhang standen."

Gleichwohl waren – und sind – imperiale Hierarchien immer auch von einer Mischung aus direkter und indirekter Kontrolle geprägt. Die Zentralmacht besitzt zwar in den meisten Fällen die überwiegende Souveränität, in der Regel gibt es aber in jedem größeren Teil des Imperiums auch "eine Form dezentraler 'kolonialer' oder 'provinzieller' Regierung, die über untergeordnete, aber keineswegs unbedeutende eigene Kompetenzen verfügt."

Zentraler Grund hierfür ist, dass selbst das mächtigste Imperium nicht lange bestehen könnte, wenn es sich ausschließlich auf vom Zentrum ausgeübte "harte" Macht verlassen würde. Es bedurfte stets einer Kombination aus harter und "sanfter" Macht, um lokale Eliten und Bevölkerungen davon zu überzeugen zu kooperieren, statt sich zu widersetzen. Nicht wenige Experten würden daher argumentieren, "dass der Schlüssel zum Verständnis von Imperien in den Abmachungen liegt, die zwischen dem imperialen Zentrum und lokalen 'Kollaborateuren' getroffen wurden."

Doch warum neigen menschliche Gesellschaften eigentlich dazu, sich über andere zu erheben und imperiale Hierarchien zu etablieren? Und wieso haben Imperien bisher immer nur über bestimmte Zeiträume existiert, bevor sie einem unvermeidlich scheinenden Abstieg anheimfielen?

Mögliche Ursachen für den Aufstieg und Fall von Imperien

Zu diesen Fragen gibt es viele Theorien. Eine interessante hat der Komplexitätsforscher Peter Turchin vorgelegt [7]. Mittels einer Kombination aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Ansätzen, die sich in einigen Hinsichten auch naturwissenschaftlicher Einsichten – wie mathematischen Modellen – bedienen, hat er eine Disziplin namens "Cliodynamik" begründet [8], die er seither auf diverse soziale Phänomene, so auch den Aufstieg und Fall von Imperien, angewendet hat.

"Die Grundannahme der Disziplin" laute Turchin zufolge, "dass die Geschichte von großen, unpersönlichen Kräften geprägt wird – nicht durch das Handeln einzelner Individuen, sondern durch das Handeln ganzer Kollektive von ihnen." Obgleich er eingesteht, dass Individuen punktuell bedeutsame Rollen in der Geschichte spielen können, seien sie keine zentralen Faktoren im Kontext historischer Dynamiken:

Historische Dynamiken lassen sich [wiederum] als Ergebnis von Wettbewerb und Konflikt zwischen Gruppen verstehen, von denen einige andere dominieren. Dominanz ist jedoch nur möglich, weil Gruppen auf der Mikroebene durch Kooperation unter ihren Mitgliedern integriert sind. Kooperation innerhalb der Gruppe bildet die Grundlage für Konflikte zwischen Gruppen – einschließlich ihrer extremen Formen wie Krieg und sogar Völkermord.

Das Fundament hierfür bildet die Eigenschaft, die der arabische Denker Ibn Chaldūn "Asabiya" nannte und die Turchin in seine Theorien integriert hat. Asabiya bezeichnet die Fähigkeit eines Kollektivs zu koordiniertem Handeln und ist ein dynamischer Faktor, der im Laufe der Zeit zu- oder abnehmen kann. Zugenommen hätte Asabiya laut Turchin oft dort, wo Gesellschaften sich an sogenannten "metaethnischen Grenzen" wiederfanden und sich einem hohen Konkurrenzdruck durch kulturell fremde Kollektive ausgesetzt sahen.

Empirische Beispiele für diese These seien etwa das römisch/gallische, russisch/tatarische und US-amerikanisch/"indianische" Aufeinanderprallen gewesen. Tatsächlich haben sich in vielen Fällen agrarisch basierte gegen nomadische (und daher oft loser koordinierte) Kollektive durchgesetzt und im Zuge der intensiven Konfrontation eine Art "imperialen Antrieb" sowie ein hohes Maß an Asabiya entwickelt, woraus Turchin zufolge die fortlaufende Expansion abzuleiten sei.

Imperialer Antrieb und Asabiya erschöpften sich jedoch, selbst oder besonders bei erfolgreichen Imperien, im Laufe der Zeit:

Gerade die Stabilität und der innere Frieden, die starke Imperien durchsetzen, tragen die Keime künftigen Chaos in sich. Stabilität und innerer Frieden bringen Wohlstand, und Wohlstand führt zu Bevölkerungswachstum. Demografisches Wachstum führt zu Überbevölkerung; Überbevölkerung verursacht sinkende Löhne, steigende Bodenrenten und fallende Pro-Kopf-Einkommen für die einfache Bevölkerung.

Die Folge sei ein stetiger Wandel – oder Rückfall – von innergesellschaftlicher Kooperation zu Konkurrenz, von der aufgrund einer Überproduktion auch die Eliten der imperialen Gesellschaft betroffen seien. Ein zunehmender Verfall der politischen Ordnung setze ein, in dessen Zuge "der Streit unter den Eliten zum Bürgerkrieg" eskalieren, "während sich die Unzufriedenheit der Armen in Volksaufständen" entladen könne.

Ebenso hinterlässt ein fallendes Imperium oft Machtvakuen auf internationaler Ebene, die eine Zunahme an zwischenstaatlichen Konflikten nach sich ziehen können. Ein zentraler Grund dafür, weshalb Fürsprecher imperialer politischer Organisation, wie Niall Ferguson [9], argumentiert haben, ein "Plädoyer für ein [US-]amerikanisches Imperium [sei] zugleich ein Plädoyer gegen internationale Anarchie – oder, genauer gesagt, gegen eine Vermehrung regionaler Machtvakuen."

Ist diese Art von "Pax Americana"-Argument ein Hinweis darauf, dass Pro und Kontra im Fall von Imperien, entgegen vieler moderner Interpretationen, widersprüchlich sein könnten? Oder handelt es sich lediglich um den Versuch, imperiale Machtgelüste zu rationalisieren?

Sind Imperien benevolente oder destruktive Kräfte?

Diese Fragen können hier nicht abschließend geklärt werden. Erstaunlich ist jedoch in diesem Kontext, dass derartige Argumente unter Experten nicht unüblich sind, obgleich die Geschichte des Imperialismus von Gewalt und Dominanz geprägt ist. So hätten Imperien, selbst dem um Objektivität bemühten Stephen Howe zufolge, einige Vorzüge besessen, die im Kontext ihres Niedergangs allzu bereitwillig vergessen worden seien:

Sie boten ihren Untertanen Stabilität, Sicherheit und Rechtsordnung. Sie begrenzten und versuchten in ihren besten Zeiten, die potenziell erbitterten ethnischen oder religiösen Gegensätze unter ihren Völkern zu überwinden. […]

Die Ströme von Blut, die durch den Fall jedes Imperiums entfesselt wurden […], sollten uns veranlassen, die vermeintlichen Tugenden der 'nationalen Demokratie' neu zu überdenken, in deren Namen so viel Gräueltat geheiligt wird.

Derartige Einordnungen erscheinen bedenkenswert, auch wenn die Verfehlungen und Exzesse imperialer Politik rational unleugbar sind. So würde nicht einmal Niall Ferguson behaupten [10], "die Bilanz des britischen Imperiums sei makellos gewesen." Im Gegenteil sei es "insbesondere in der frühen Phase der Versklavung, der Deportation und der 'ethnischen Säuberung' indigener Bevölkerungen" zu oft "seinem eigenen Ideal individueller Freiheit nicht gerecht" geworden.

Diesbezüglich lässt sich ganz grundlegend die Frage stellen, inwieweit imperiale Ideologie und Realität miteinander in Einklang zu bringen sind; Frieden, Wohlstand und Ordnung Antrieb oder Konsequenz imperialer Politik darstellen?

Adrian Goldsworthy zufolge [11] sei die Antwort auf diese Frage, zumindest mit Blick auf eines der berühmtesten Imperien der bekannten Menschheitsgeschichte, relativ eindeutig:

Bei aller Rede von Befriedung taten die Römer nicht so, als hätten sie ihr Reich aus einem anderen Grund geschaffen als zum Nutzen Roms. […]

Das bedeutete, mit Aufständen umzugehen, Bürgerkriege oder andere Gewalt innerhalb der Provinz einzudämmen und sie vor Angriffen von außen zu schützen. Diese Erfordernisse waren ursprünglich eigennützig, führten aber auf längere Sicht zur Entwicklung des Pax Romana.

Dieser – imperiale – Römische Frieden sei eine "bemerkenswerte Leistung" gewesen, da "kein Zweifel" daran bestehe, dass die von Rom beherrschten Territorien "erheblich weniger Krieg und organisierte Gewalt erlebten als in den Jahrhunderten davor oder danach." Ebenso sei ein allgemeiner Wohlstand "weiter verbreitet" gewesen "und Güter, Menschen und Ideen" hätten "weiter und häufiger reisen" können "als je zuvor".

Woran ebenfalls kein Zweifel bestehen sollte, ist, dass derartige allgemeine Einsichten über Imperien, unabhängig davon ob sie gerade wiederkehren oder nie weg gewesen sind, konkrete Relevanz für die politische Organisation des gegenwärtigen internationalen Systems besitzen. Aus deutscher Sicht steht hier insbesondere die Frage im Vordergrund, ob es – ähnlich der preußischen Funktion im Zuge der deutschen Einigung im 19. Jahrhundert – eine zentrale Rolle im Kontext einer imperialen Organisation Europas spielen kann und sollte.

Wie realistisch ist ein europäisches Imperium?

Akademiker wie Herfried Münkler, sowie diverse Journalisten und Politiker, scheinen dieser Idee gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Bereits seit längerem [12] wird hierfür eine Art "Pax Europaea"-Argument bemüht, demzufolge "[d]er auch von außen provozierte und ausgenutzte Zerfall Jugoslawiens und Russlands Angriff auf die Ukraine zeigen, dass der Krieg in Europa nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich ist, wenn die Europäische Union nicht stark genug ist, ihn zu verhindern." Die zentrale Aufgabe eines Imperiums EU wäre dementsprechend, wie auch im Falle früherer Imperien, die Sicherheit der Mitglieder zu garantieren.

Die Bedeutung dieser Frage nimmt argumentierbar zu, da zusätzlich zur realistischer werdenden russischen Bedrohung gegenwärtig die Frage eines europäischen Bruchs [13] mit den USA im Raum steht, deren eventueller Rückzug aus Europa besagte Machtvakuen hinterließe. Zweifellos vermag niemand abschließend zu bewerten, wie das europäische Staatengefüge auf eine sicherheitspolitische Unabhängigkeit reagieren würde. John Mearsheimer etwa [14] gab bereits vor 25 Jahren zu bedenken, dass ohne einen "[US-]amerikanischen Friedensstifter" nicht garantiert sei, "dass Europa friedlich bleibt."

Einem innereuropäischen Sicherheitsdilemma könnte ein europäisches Imperium, sieht man einmal von der aktuellen Konkurrenz mit Russland ab, also möglicherweise vorbeugen. Aus Mearsheimers damaligen Gedanken lässt sich jedoch ein simultanes Hindernis einer imperialen Einigung Europas herauslesen, da es selbst ohne Beteiligung des Vereinigten Königreichs fragwürdig erscheint, ob sich Deutschland und Frankreich auf ein gemeinsames imperiales Zentrum einigen könnten. Von anderen Mitgliedsstaaten – wie etwa Polen – gar nicht zu sprechen.

Folgt man diesbezüglich Peter Turchins historischer Analyse, sind Imperien "stets" und von Beginn an "instabil" gewesen, wenn sie ihre "herrschende Klasse aus zwei unterschiedlichen imperialen Nationen rekrutiert" haben. Vermutlich einer der zentralen Gründe dafür, dass Preußen Österreich aus dem Einigungsprozess des deutschen Reichs – und baldigen Imperiums – herausgedrängt hatte.

In diesem Kontext stellt mancher Beobachter [15] gar die Vermutung auf, dass einer der Hintergründe der gegenwärtigen Konfliktlage mit Russland darauf beruhen könnte, Moskau aus einem forcierten europäischen Einigungsprozess herauszudrängen. Ein anderer Hintergrund könnte sein, dass es, Turchins Theorie entsprechend, zumeist eines externen Kollektivs bedurfte, um von interner Konkurrenz zu einem Modus stabiler Kooperation zu kommen, ein hohes Maß an Asabiya zu entwickeln, und eine – zumindest vorübergehend – erfolgreiche imperiale Einheit zu organisieren.

Hierbei hat es sich jedoch um historische Prozesse gehandelt, die sich über Generationen, teils Jahrhunderte, erstreckt haben. Ebenso erscheint fragwürdig, ob Russland, trotz intensiver Bemühungen europäischer Eliten, in der breiten Wahrnehmung der Bevölkerungen als ausreichend fremder und bedrohlicher Faktor etabliert werden kann, da es dem Rest Europas, auch oder gerade bezüglich der hier betrachteten Thematik, tatsächlich viel ähnlicher ist, als viele wahrhaben wollen. Dieser Aspekt wird im folgenden zweiten Teil etwas genauer betrachtet.

Vorteile und Probleme eines europäischen Imperiums

Klar ist, dass Anhänger der Idee einer imperialen Organisation Europas vor großen Herausforderungen stehen – ob es möglich, ist diese zu überwinden, erscheint fragwürdig. Eine gänzlich andere, und für diesen ersten Teil abschließende, Frage ist zudem, wie erstrebenswert eine solche Überwindung überhaupt wäre?

Unleugbar dürfte diesbezüglich sein, dass ein europäischer "Superstaat", wie manche Beobachter [16] die "Imperien des 21. Jahrhunderts" bezeichnen, den Europäern ein größeres Gewicht auf der internationalen Bühne verleihen würde, als es im Rahmen ihrer traditionellen politischen Fragmentierung möglich ist. Sowohl im defensiven als auch im offensive Sinne wäre ein solches Konstrukt in der Lage dazu, das nach wie vor beachtliche europäische Machtpotenzial zu konzentrieren und diese Macht nach innen sowie nach außen zu projizieren.

Es erscheint jedoch ratsam, mit gebührender Skepsis auf dieses Potenzial zu blicken – insbesondere was die Befähigung gegenwärtiger deutscher und weiterer europäischer Machteliten anbelangt, verantwortlich mit diesem Potenzial umzugehen. Viele scheinen hier nachhaltig von einer transatlantisch geprägten Fixierung auf die USA eingenommen zu sein, obgleich diese gerade einen rhetorischen Rückfall von ihrer "liberal"-imperialen Phase zu einem kruden Imperialismus früherer Tage zu erleben scheinen. Die dissonante Rede Marco Rubios [17] auf der Münchner Sicherheitskonferenz, und der teils euphorische Zuspruch der anwesenden Europäer, deuten zumindest darauf hin.

Zwar hüten sich die Europäer davor, die zunehmend aggressive Rhetorik und Praxis der USA direkt zu übernehmen; es steht dennoch der Verdacht im Raum, dass nicht wenige sich in der Rolle eines neuen liberalen Imperiums [18] gefallen würden. Die Einsicht, dass eine solche politische Entität von vornherein die Bürde eklatanter Widersprüche (liberal begründete Dominanz ist sowohl logisch als auch faktisch ein Oxymoron) mit sich tragen würde, scheint nach wie vor nicht durchgreifend in die betreffenden Kreise vorgedrungen zu sein oder stößt dort schlichtweg auf Gleichgültigkeit.

Ebenso versündigt sich dieses Vorhaben, in dessen gegenwärtiger Form, am ursprünglichen Anspruch des europäischen Einigungsgedankens, dem Kontinent dauerhaft Frieden, Wohlstand und Ordnung zu bringen. Die Tatsache, dass das bevölkerungsreichste und flächenmäßig größte Land Europas, die Russische Föderation, zum primären Antagonisten erklärt und die Vision Gorbatschows und anderer, von einem "gemeinsamen europäischen Haus", in weite Ferne gerückt wird, lässt es äußerst schwierig erscheinen, keinen reaktionären Antrieb hinter all dem zu vermuten.

Dass viele der für diesen geschürten Antagonismus vorgebrachten Argumente [19] zudem im Rahmen einer sachlichen Untersuchung ins Wanken geraten, eventuell sogar Anzeichen psychologischer Projektion anzeigen könnten, wird Teil der anschließenden Betrachtung von Russlands tatsächlicher imperialer Geschichte sein.


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[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wiederkehr-der-imperien-wie-positioniert-sich-europa-110627865.html
[2] https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2025/04/russischer-nationalismus-wladimir-putin-imperialismus-ukraine
[3] https://www.zeit.de/2026/05/karl-schloegel-trump-groenland-usa-geschichte
[4] https://www.telepolis.de/article/Deutsche-Ukraine-Experten-Gefangen-in-der-moralischen-Echokammer-10419502.html
[5] https://www.berliner-zeitung.de/open-source/das-schicksal-europas-wird-die-eu-zur-supermacht-oder-zum-spielfeld-anderer-maechte-li.2290687
[6] https://academic.oup.com/book/514
[7] https://www.penguinrandomhouse.com/books/299306/war-and-peace-and-war-by-peter-turchin/
[8] https://www.spektrum.de/news/geschichte-berechenbar-machen/1158798
[9] https://www.penguin.co.uk/books/1040/colossus-by-niall-ferguson/9780141017006
[10] https://www.penguin.co.uk/books/54153/empire-by-niall-ferguson/9780141987910
[11] https://www.weidenfeldandnicolson.co.uk/titles/adrian-goldsworthy/pax-romana/9780297864295/
[12] https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-01/krieg-in-der-ukraine-wladimir-putin-donald-trump-europa
[13] https://www.zeit.de/2026/05/usa-europa-donald-trump-beziehungen-demokratie
[14] https://www.mearsheimer.com/wp-content/uploads/2019/07/A0028.pdf
[15] https://www.compactmag.com/article/why-europe-sacrificed-ukraine/
[16] https://www.politybooks.com/bookdetail?book_slug=superstates-empires-of-the-twenty-first-century--9781509544479
[17] https://www.telepolis.de/article/Rubios-MSC-Rede-analysiert-Warum-die-USA-ihren-Imperialismus-bis-heute-leugnen-11183560.html
[18] https://www.telepolis.de/article/Gross-denken-falsch-denken-Europas-neue-Kriegslogik-11098469.html
[19] https://www.telepolis.de/article/Die-ukrainische-Tragoedie-Zum-assistierten-Suizid-einer-Nation-10184580.html

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Iran-Krieg: Optimismus an den Märkten, Misstrauen am Verhandlungstisch

Von Telepolis — 16. April 2026 um 14:00
Flagge des Iran, im Hintergrund eine Ölpumpe

Iran und USA vor (erneuten) Gesprächen: Trügt der aktuelle Optimismus der Märkte?

(Bild: Saulo Ferreira Angelo/Shutterstock.com)

Die Waffenruhe zwischen USA und Iran läuft nächste Woche ab. Pakistan vermittelt fieberhaft, Märkte sind optimistisch. Doch ist die Zuversicht gerechtfertigt?

Diplomatie unter Zeitdruck: Die seit dem 7. April geltende Waffenruhe zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran läuft in der kommenden Woche aus, ohne dass bisher eine Einigung auf ein dauerhaftes Friedensabkommen erzielt wurde. Pakistan hat sich als zentraler Vermittler positioniert und drängt derzeit beide Seiten zu weiteren Verhandlungen.

Pakistans Armeechef, Feldmarschall Syed Asim Munir, reiste [1] am Mittwoch mit einer hochrangigen Delegation nach Teheran, wo er von Irans Außenminister Abbas Araghchi empfangen wurde.

Ein Sprecher des pakistanischen Außenministeriums erklärte am Donnerstag, dass eine zweite Verhandlungsrunde in Islamabad erwartet werde – nachdem die erste Runde direkter Gespräche am vergangenen Sonntag ohne Ergebnis geendet hatte [2].

Iran droht mit Blockade aller Handelsrouten

Parallel zu den diplomatischen Bemühungen verschärft der Iran seine Rhetorik. Ali Abdollahi, Kommandeur des iranischen Militärhauptquartiers, drohte am Mittwoch im Staatsfernsehen, sämtlichen Handel im Persischen Golf, im Golf von Oman und im Roten Meer zu unterbinden, sollte die von den USA am Montag verhängte Seeblockade iranischer Häfen fortbestehen.

Der Iran betrachte eine Verlängerung der Blockade als "Vorboten eines Bruchs der Waffenruhe", so Abdollahi.

Wie viel Kontrolle Teheran tatsächlich über die Schifffahrt in der Region ausüben kann, ist unter Experten umstritten. Trotz der schwer angeschlagenen Streitkräfte verfügt der Iran noch über Minen und Schnellboote, um Schiffe in der Straße von Hormus zu bedrängen. Zudem haben die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen im Jemen bereits gezeigt, dass sie Schiffe im Roten Meer angreifen können.

Die Straße von Hormus ist seit dem von den USA und Israel begonnenen Angriffskrieg gegen den Iran am 28. Februar für die Schifffahrt de facto weitgehend blockiert. Seit der am Montag begonnenen US-Blockade scheint auch das iranische Modell von Ausnahmen und Durchfahrtsgebühren nicht mehr zu funktionieren.

Misstrauen auf beiden Seiten

Die Verhandlungen werden durch tiefes gegenseitiges Misstrauen erschwert. Eine dem iranischen Außenministerium nahestehende Plattform bezeichnete [3] den diplomatischen Optimismus als "taktisches PR-Manöver, das darauf abzielt, die Märkte zu beruhigen und Trump vor wachsendem Druck zu schützen – nicht als Ausdruck tatsächlicher Fortschritte".

Die Gespräche seien "weit weniger positiv" als dargestellt, unter anderem wegen widersprüchlicher US-Positionen und israelischer Störversuche.

Laut dem katarischen Nachrichtensender Al Jazeera empfangen die Iraner von den Vermittlern Signale, dass die Dinge auf dem richtigen Weg seien, hören dann aber widersprüchliche Aussagen aus Washington – insbesondere zu heiklen Themen wie der Urananreicherung.

Irans Außenministeriumssprecher Esmail Baghaei erklärte am Mittwoch, das Recht des Landes auf friedliche Nutzung der Kernenergie sei "nicht verhandelbar", Grad und Art der Anreicherung hingegen schon.

Die pakistanischen Vermittler zeigen sich dennoch zuversichtlich. Wie Al Jazeera aus informierten Kreisen berichtet, arbeite Armeechef Munir daran, die Differenzen auszuräumen.

Sollte keine zweite Verhandlungsrunde zustande kommen, strebe Pakistan zumindest eine Verlängerung der Waffenruhe an – im Gespräch seien Zeiträume von bis zu fünf Wochen. Laut [4] Bloomberg erwägen beide Seiten eine Verlängerung um zwei Wochen. Keine der beiden Seiten wolle die Kampfhandlungen wieder aufnehmen, so eine mit den Gesprächen vertraute Person.

Märkte im Aufwind – aber ist der Optimismus gerechtfertigt?

An den Finanzmärkten herrscht derweil erstaunlich viel Zuversicht. Der US-Index S&P 500 erreichte am Mittwoch ein Rekordhoch und liegt nun zwei Prozent über dem Niveau vor Beginn der Kampfhandlungen am 28. Februar.

Der MSCI All Country World Index – das breiteste Maß für globale Aktien – stieg am Donnerstag ebenfalls auf ein Rekordhoch und steuerte auf den zehnten Gewinntag in Folge zu, die längste Serie seit September. Asiatische Aktien legten um 1,3 Prozent zu und machten ihre kriegsbedingten Verluste nahezu wett.

Der Ölpreis stabilisierte sich: Die für Europa wichtige Sorte Brent notierte bei rund 95 US-Dollar pro Barrel, deutlich unter dem Höchststand von fast 120 Dollar im Vormonat. Die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Ölangebots transportiert wird, ist seit Beginn des Krieges Ende Februar faktisch geschlossen.

Doch die Frage ist, ob dieser Marktoptimismus auf solidem Fundament steht. Analysten weisen darauf hin, dass die US-Blockade zwar die iranische Wirtschaft unter Druck setze, aber vermutlich nicht ausreiche, um den Iran zum Einknicken gegenüber den US-Forderungen zu bringen.


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[1] https://x.com/TheObserverPost/status/2044451784060706981
[2] https://www.heise.de/tp/article/Islamabad-gescheitert-Kommt-jetzt-die-Diplomatie-der-kleinen-Schritte-11258102.html
[3] https://aje.news/060cxq?update=4497036
[4] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-04-16/pakistan-boosts-mediation-efforts-as-us-iran-weigh-longer-truce

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PIK-Studie: EU-Klimaneutralität 2050 ist machbar – mit Tempo

Von Telepolis — 16. April 2026 um 13:00
Eine Miniaturweltkugel, ein Hausmodell und ein Windrad auf Dokumenten.

Eine Studie zeigt, dass die EU ihre Klimaziele bis 2050 erreichen kann, wenn der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt wird.

(Bild: ARMMY PICCA / Shutterstock.com)

Strom aus Wind und Sonne muss sich bis 2040 versiebenfachen, zeigt eine Modellstudie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Europa kann bis 2050 klimaneutral werden – ohne dass die Kosten aus dem Ruder laufen. Zu diesem Schluss kommt eine umfassende Modellstudie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), die jetzt in Nature Communications [1] erschienen ist.

Das Team um Leitautor Renato Rodrigues hat mit dem Energie-Wirtschaft-Klima-Modell REMIND durchgerechnet, was die EU bis 2040 schaffen muss, um zehn Jahre später fossilfrei zu wirtschaften.

Dafür hat es zunächst ein Referenzszenario mit besonders plausiblen Annahmen modelliert und anschließend zentrale Stellschrauben gedreht: Wie schnell werden Wind- und Solarkraft billiger? Wie verfügbar sind Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe? Und wie viel CO2 lässt sich der Atmosphäre wieder entziehen?

Das Fazit: Der EU Green Deal ist realistisch – verlangt aber deutlich mehr Tempo.

86 Prozent weniger Emissionen bis 2040

Im kostenoptimierten Referenzszenario müsste die EU ihre Netto-Treibhausgasemissionen bis 2040 um 86 Prozent gegenüber 1990 senken.

"Diese Zahl gründet sich allein auf die techno-ökonomische Optimierung des EU-Transformationspfads, ohne Berücksichtigung von Fragen zu fairer globaler Lastenverteilung", ordnete PIK-Forscher Robert Pietzcker das Ergebnis in der PIK-Pressemitteilung [2] ein.

Wer Fairness einrechnet, landet höher: Der EU-Klimabeirat hatte [3] 90 bis 95 Prozent Reduktion empfohlen. Er hatte dafür über 1000 Emissionspfade analysiert, sowohl auf technische Machbarkeit als auch auf einen gerechten europäischen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen geprüft – und sich dabei auch auf vorläufige Ergebnisse der jetzt veröffentlichten PIK-Szenarien gestützt.

Unter allen geprüften Annahmen klaffte eine Lücke zwischen dem, was die EU technisch im Inland schaffen kann, und dem, was global fair wäre. Der Beirat empfahl deshalb, die Obergrenze des Machbaren anzustreben.

Die Politik hat sich auf 90 Prozent Reduktion bis 2040 geeinigt – davon 85 Prozent EU-intern und 5 Prozent über externe Klimaprojekte. "Unsere Ergebnisse zeigen nun: Die 85 Prozent EU-interne Reduktion stehen im Einklang mit einer kosteneffizienten Transformation zur Klimaneutralität 2050", so Pietzcker.

Siebenfacher Ausbau von Wind und Solar nötig

Um das zu schaffen, muss die EU ihren bisherigen Erfolg – 37 Prozent Emissionsminderung von 1990 bis 2024 – in den kommenden 14 Jahren noch einmal verdoppeln. Die Studie liefert dafür sektorspezifische Meilensteine, jeweils als Punktwert aus dem Referenzszenario und als Bandbreite über alle untersuchten Szenarien:

  • Wind- und Solarstrom muss sich gegenüber dem Zeitraum 2018 bis 2022 versiebenfachen (Bandbreite: vier- bis achtfach).
  • Der Stromanteil am Endenergieverbrauch muss von rund 20 Prozent in den 2010er-Jahren auf 49 Prozent steigen (Bandbreite: 45 bis 59 Prozent).

Das REMIND-Modell bildet die EU als Ganzes ab – Unterschiede etwa zwischen den Windpotenzialen in Nord- und Süddeutschland kann es nicht auflösen.

Ermutigend: Die jährliche Wachstumsrate, die für die Versiebenfachung nötig wäre, wurde im Zeitraum 2021 bis 2025 bereits erreicht – angetrieben hauptsächlich durch politische Maßnahmen nach der Energiekrise infolge von Russlands Überfall auf die Ukraine.

Auch bei der Verkehrswende bewegt sich etwas: Der Anteil batterieelektrischer Autos an den EU-Neuzulassungen stieg von zwei Prozent im Jahr 2019 auf 19 Prozent im Jahr 2025. In Norwegen und Dänemark liegt er schon über 80 Prozent.

Weniger Öl und Gas, mehr strategische Unabhängigkeit

Für schwer zu dekarbonisierende Bereiche wie die Schwerindustrie setzt die Studie auf grünen Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe als Ergänzung zur Elektrifizierung. Die Nachfrage nach Erdgas und Erdöl läge 2040 im Referenzszenario um 60 Prozent unter dem Niveau von 2018 bis 2022.

Ganz ohne Energieimporte geht es nicht – aber die Mengen schrumpfen erheblich.

"Auch wenn die EU wohl weiterhin Energie-Importe braucht, etwa grünen Wasserstoff, Ammoniak oder E-Fuels, wären die Mengen deutlich geringer als bei den derzeitigen fossilen Brennstoffen", sagte Leitautor Rodrigues.

Die EU wäre damit weniger abhängig von auswärtigen Energieproduzenten.

CO2 aus der Luft holen – eine neue Aufgabe

Parallel muss die EU noch Kapazitäten aufbauen, die es bislang praktisch nicht gibt: Technologien, um Kohlendioxid aus der Atmosphäre zurückzuholen und dauerhaft zu speichern.

Laut der Studie müssen diese Kapazitäten von 2030 bis 2040 um jährlich 26 Prozent wachsen (Bandbreite: 16 bis 30 Prozent) – auf dann 188 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr (Bandbreite: 56 bis 257 Millionen Tonnen).

Auch der EU-Klimabeirat hatte betont, dass selbst bei ambitioniertem Erneuerbaren-Ausbau eine CO2-Entnahme im großen Maßstab nötig bleibt, um Klimaneutralität tatsächlich zu erreichen.

Rahmenbedingungen im Umbruch

Die Studie fällt in eine Phase, in der die EU ihre klimapolitischen Instrumente nachjustiert. Erst Anfang April legte die EU-Kommission Pläne vor, die Marktstabilitätsreserve im Emissionshandelssystem zu reformieren [4], um den CO₂-Preis langfristig zu stabilisieren. EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra warb für mehr Widerstandsfähigkeit des ETS gegenüber Marktschwankungen – ein Instrument, das für die in der PIK-Studie modellierten Transformationspfade eine zentrale Rolle spielt.

Zu konkreten Auswirkungen auf die Strompreise einzelner Mitgliedstaaten macht die Studie keine Angaben. Das REMIND-Modell optimiert auf EU-Ebene. Bisherige Forschung deutet darauf hin, dass die Großhandelspreise kurzfristig steigen können, langfristig aber durch den massiven Ausbau der Erneuerbaren und steigender Energieeffizienz sinken dürften.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.nature.com/articles/s41467-026-71159-8
[2] https://www.pik-potsdam.de/de/aktuelles/nachrichten/was-europa-bis-2040-schaffen-sollte
[3] https://climate-advisory-board.europa.eu/news/eu-climate-advisory-board-recommends-ambitious-2040-climate-target-and-urgent-transitions-for-the-european-union
[4] https://www.heise.de/news/EU-Kommission-will-groesseren-Puffer-im-Emissionshandel-11244391.html

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Schweiz als Atomlabor: Zwischen Altlasten und neuen Reaktorträumen

Von Heise — 16. April 2026 um 09:45
Schweizer Kreuz wird in Zeichen für Radioaktivität gemorpht

Die Schweiz steht vor einem Milliarden-Grab: Alte AKW sollen länger laufen – und neue Reaktortypen wecken große Versprechen.

Noch gibt es keine praktikable Lösung für den Umgang mit den Resten von sechs Jahrzehnten Kernkraftabenteuer, da werden schon neue Forderungen aufgemacht. So fordert Brüssel angesichts durch den Iran-Krieg gestiegener Ölpreise einen Ausbau der Atomkraftwerke.

Ein Vorreiter dieser Bewegung scheint die Schweiz zu werden. Dort stehen einerseits die Stromkonzerne Axpo [1] und Alpiq [2] unter Druck, die Laufzeit der neueren Schweizer AKW Leibstadt und Gösgen zu verlängern, weil sie für eine sichere Energieversorgung der Schweiz länger laufen müssten als die bislang konzipierten 60 Jahre.

"Laut früheren Schätzungen der ETH braucht es für einen um zehn Jahre längeren Betrieb Investitionen von rund einer Milliarde Franken pro AKW", meldete [3] das SRF am 4. April dieses Jahres. An diesen Kosten und den damit verbundenen finanziellen Risiken müsse sich der Staat, so die Betreiber, beteiligen.

Der Bund ist von diesem Vorschlag gar nicht begeistert, denn Gösgen [4] und Leibstadt [5] würden inzwischen mit der Stromproduktion Gewinn machen. Zum anderen gehöre die Axpo großen Kantonen und die sollen laut Energieminister Albert Rösti die Forderung nicht nach Bern verschieben. Auch bei Alpiq ist im Übrigen die öffentliche Hand beteiligt.

Die Stromkonzerne Axpo und Alpiq drücken aufs Tempo, denn im Falle von Gösgen brauche es bis 2029 eine Entscheidung, ob das AKW länger als 60 Jahre laufen solle. Falls dies erwartet werde, brauche es eine lange Vorlaufzeit für die dafür nötigen Investitionen.

Für den angefallenen Atommüll will die Schweiz am Hochrhein an der Grenze bei Hohentengen (Kreis Waldshut) ein Atommüllendlager [6] bauen. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra [7]) hatte bereits 2022 entschieden, dass das Lager in einem Gebiet namens Nördlich Lägern [8] im Kanton Zürich gebaut werden solle. Der Bauantrag, das sogenannte Rahmenbewilligungsgesuch, läuft.

Interessanterweise soll sich der Untergrund nur auf der Schweizer Seite für ein Atommüllendlager eignen. Der durch den Hochrhein getrennte Bereich auf deutscher Seite soll als Endlager im Gegensatz zum schweizerischen Areal nicht geeignet sein.

Die Bauarbeiten für das Endlager der Nagra sollen 2045 starten. Das ausgewählte Gebiet und die deutschen Gemeinden jenseits des Hochrheins sind schon heute durch die dort verlaufenden Einflugschneisen für den Flughafen Zürich-Kloten stark beeinträchtigt.

Flüssigsalzreaktoren zur Müllbeseitigung

Als Alternative zur Atommüllendlagerung wird immer wieder der Einsatz von Flüssigsalzreaktoren zur Diskussion gestellt. Integral Molten Salt Reactors (IMSR), welche die Firma Terrestrial Energy [9] als "a clean energy alternative to fossil fuels" bezeichnet, werden schon seit geraumer Zeit [10] von dem in den USA und in Kanada angesiedelten Unternehmen entwickelt.

Dual Fluid hat jetzt den nächsten Schritt zur Realisierung seiner Idee zur energetischen Nutzung des vorliegenden Atommülls angetreten.

Das deutsch-kanadische Unternehmen Dual Fluid [11] hat mit der Regierung von Ruanda [12] eine Vereinbarung über den Bau eines Testreaktors unterzeichnet. Bei dem geplanten Projekt handelt es sich um eine neuartige Form eines Flüssigsalzreaktors, den sogenannten Dual-Fluid-Reaktor (DFR).

Dual-Fluid-Reaktoren sollen bis zu 100 Mal effizienter bei der Brennstoffnutzung sein als bisherige Typen. In den Reaktoren werden flüssige Kernbrennstoffe verwendet, weshalb es weder zu Kernschmelzen kommen könne wie in Fukushima noch zu Reaktor-Explosionen wie in Tschernobyl.

Auf Basis einer theoretischen Demonstration soll man zeigen können, dass ein solches System funktioniert. Was bislang fehlt, ist ein sogenannter Demonstrator, der zeigen könnte, dass man in der theoretischen Bewältigung keine Facette übersehen habe. Ein Demonstrator gilt als Vorstufe zu einem Prototyp.

In Ruanda sollen die Genehmigungsbehörden deutlich offener für neue Technologien sein als ihre Pendants in Deutschland.

Materialbelastung in der Praxis noch nicht gesichert

In den Leitungen der beiden Kreisläufe fließen flüssige Metalle mit bis zu 1.000 Grad Celsius. Das erfordert außergewöhnlich robuste Materialien. Korrosion und Beschädigung an den Kreisläufen sind zumeist das größte Problem bei diesen Konzepten. Große internationale Investoren halten sich bei dem Projekt in Ruanda offensichtlich bislang zurück.

Mit einem Realisierungsvorschlag für ihr Konzept eines Flüssigsalzreaktors scheint die dänische Firma Copenhagen Atomics [13] inzwischen deutlich weiter als das Projekt in Ruanda.

Im Schweizer Villigen planen sie ihre Revolution bei der Entwicklung neuer Atomtechnik. Villigen liegt im Schweizer Kanton Aargau. Dort ist das Paul-Scherrer-Institut [14] (PSI) angesiedelt, ein multidisziplinäres Forschungszentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften. Es beschäftigt sich auch mit Nukleartechnik.

Im benachbarten Würenlingen steht zudem das eidgenössische Zwischenlager für radioaktive Abfälle, das auch als Zwilag [15] bekannt ist. Etwas flussabwärts an der Aare befinden sich zudem Beznau 1 und 2, die ältesten Atommeiler der Schweiz. Der nicht unwesentliche Vorteil der Lage besteht darin, dass Kernkraft dort kein Reizthema ist, da viele Anwohner auch kostengünstige Fernwärme aus den Reaktoren beziehen.

Ein Problem der Flüssigsalzreaktoren ist der Einsatz von flüssigem Salz. Dieses greift die Metalllegierungen an und die Neutronenstrahlung macht Metalle brüchig. Die Lebensdauer der Kleinkraftwerke wird deshalb nur rund fünf Jahre betragen. Dann ist nach den vorliegenden Angaben ein Austausch nötig.

Wird die erste Anlage am PSI angesiedelt, könnte man von einem Forschungsprojekt ausgehen, für das kein umfangreiches Bewilligungsverfahren benötigt würde. Bewilligungstechnisch hätte man damit mit dem Konkurrenzprojekt in Ostafrika gleichgezogen, könnte jedoch auf ein deutlich qualifizierteres Umfeld zugreifen.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.axpo.com/ch/de.html
[2] https://www.alpiq.com/de/
[3] https://www.srf.ch/news/schweiz/staatshilfe-fuer-alte-akw-axpo-forderung-laesst-energieminister-roesti-leer-schlucken
[4] https://www.kkg.ch/
[5] https://www.kkl.ch/home
[6] https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/suedbaden/weitere-fortschritte-bei-den-plaenen-fuer-schweizer-endlager-im-grenzgebiet-hochrhein-100.html
[7] https://nagra.ch/
[8] https://nagra.ch/wissensforum/noerdlich-laegern-das-standortgebiet-fuer-das-geologische-tiefenlager-der-schweiz/
[9] https://www.terrestrialenergy.com/
[10] https://www.telepolis.de/article/Rueckkehr-der-Kernkraft-in-Deutschland-7255478.html
[11] https://dual-fluid.com/
[12] https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/dual-fluid-reaktor-ruanda-kernkraftwerk-atomkraft-100.html
[13] https://www.copenhagenatomics.com/
[14] https://www.psi.ch/de
[15] https://www.zwilag.ch/

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Wie der Cyberraum die Logik strategischer Stabilität verschiebt

Von Heise — 16. April 2026 um 08:00
Kontrolllampen mit zerbröselnden Icons für

Cyberangriffe zerstören keine Städte, untergraben aber die Gewissheiten atomarer Abschreckung. Was wie technische Störung aussieht, könnte ein Angriff sein.

Die globale Sicherheitsordnung fußt auf der Annahme, dass strategische Stabilität [1] durch kalkulierbare Gegenseitigkeit entsteht. Besonders im nuklearen Bereich gilt das Prinzip der Abschreckung als historisch bewährt: Die Fähigkeit zur gesicherten Zweitschlagkapazität soll verhindern, dass Konflikte überhaupt erst eskalieren. Diese Stabilität war nie eine Frage von Waffen, sondern eine Frage von Kommunikation und Vertrauen in Systeme.

Dieser unsichtbare Grundstock gerät im digitalen Zeitalter unter Belastung. Der Cyberraum führt keine Waffenkategorie ein, die sich in bestehende Modelle einfügt. Er verändert jedoch die Konditionen, unter denen Rationalität funktioniert.

Wenn Stabilität von Informationsintegrität abhängt

Atomare Abschreckung [2] setzt voraus, dass wichtige Systeme resilient funktionieren: Frühwarnung, Kommunikation, Lagebilder, Entscheidungswege. Diese Infrastruktur ist nicht nur technisch relevant, sondern politisch konstitutiv. Sie bestimmt, ob ein Ereignis als Gefährdung erkannt, bewertet und beantwortet werden kann.

Mit der Digitalisierung dieser Systeme wächst ihre Verwundbarkeit gegenüber Manipulationen, die wenig zerstörerisch wirken müssen, um massiv zu sein. Minimale Störungen in Datenflüssen, Zeitverzögerungen oder Signalverfälschungen können die Wahrnehmung strategischer Lagen verändern. Somit verschiebt sich der Fokus von der Waffenkraft hin zur Informationsintegrität.

Unsicherheit als strategisches Werkzeug

Der gravierende Einschnitt ist, dass Unsicherheit im Cyberraum keineswegs ein Nebeneffekt ist, sondern strategisch nutzbar wird [3]. Während klassische Abschreckung auf Drohung beruht, operieren Cyberfähigkeiten häufig in einem Feld, in dem Absicht, Herkunft und Wirkung bewusst verschleiert bleiben.

Das führt zur paradoxen Entwicklung: Stabilität wird selten ausschließlich durch Stärke erzeugt, vielmehr durch die Kontrolle von Unsicherheit. Staaten müssen nicht lediglich abschrecken. Sie müssen parallel mit dem permanenten Risiko leben, nicht zu wissen, ob sie bereits Ziel einer Operation waren.

Diese Form der Unsicherheit ist qualitativ anders als zuvor, weil sie nie episodisch auftritt, sondern dauerhaft strukturell präsent ist.

Die Auflösung klarer Eskalationsstufen

Klassische Abschreckungslogik [4] basiert auf Eskalationsstufen, die zumindest theoretisch unterscheidbar bleiben: konventioneller Konflikt, begrenzter Krieg, nukleare Schwelle. Diese Struktur ermöglicht Steuerung, da Akteure wissen, wo sie sich befinden.

Cyberoperationen unterlaufen diese Staffelung. Ein Angriff kann zeitgleich Spionage, Sabotage und infrastrukturelle Störung sein. Sein Effekt kann lokal limitiert beginnen und systemisch enden, ohne dass der Übergang eindeutig markiert ist.

Es entsteht ein Konfliktmodus, in dem Eskalation kaum als Stufenmodell sichtbar wird, eher als stetiger Prozess der Verdichtung von Unsicherheit.

Die Krise der Attribution als strategisches Problem

Ein bedeutsamer Aspekt dieser Entwicklung ist die wachsende Schwierigkeit der Zuschreibung. In militärischen Konflikten ist das Dilemma der Verantwortlichkeit umkämpft, aber technisch meist relativ greifbar. Im Cyberraum ist das Gegenteil der Fall: Technische Spuren sind oft mehrdeutig, absichtlich verschleiert oder bloß mit hoher Unsicherheit interpretierbar.

Diese Situation produziert eine Misere. Reaktionen müssen entschieden werden, bevor Gewissheit hergestellt werden kann. Oder sie bleiben aus und riskieren Verwundbarkeit. Bei beiden Optionen wird Unsicherheit zum Handlungsproblem.

Im Zuge dessen verschiebt sich Sicherheitspolitik von einer Logik der Reaktion zur Logik der Verdachtsbewirtschaftung.

Die Digitalisierung der Abschreckungssysteme als Risiko

Besonders kritisch wird der Prozess dadurch, dass die Kernsysteme nuklearer Abschreckung immer häufiger digitalisiert sind. Frühwarnsysteme, Kommunikationsnetze und Entscheidungsarchitekturen sind auf komplexe IT-Infrastrukturen angewiesen, die wiederum potenziell angreifbar sind.

Dabei muss ein Angriff nicht direkt auf atomare Waffen zielen, um Wirkung zu entfalten. Es reicht, die Informationsumgebung zu destabilisieren, in der Entschlüsse getroffen werden. Winzige Verzerrungen in Daten oder Zeitabläufen können in hochsensiblen Situationen erhebliche Folgen haben.

Das Risiko ist mitnichten die Zerstörung von Abschreckungskapazität, vielmehr die etwaige Verzerrung ihrer Wahrnehmung.

Strategische Stabilität ohne epistemische Sicherheit

Die Verschiebung gründet darauf, dass strategische Stabilität kaum mehr von materiellen Kapazitäten abhängt, sondern von epistemischer Sicherheit – also konkret, ob Systeme zuverlässig verstanden werden können.

Der Cyberraum greift genau diese Ebene an. Er erzeugt Situationen, in denen Informationen unpräzise sind, Ursachen nur vage zugeordnet werden können und Ereignisse mehrere plausible Analysen zulassen.

So bildet sich ein Status, in dem Stabilität nicht gänzlich verschwindet, aber ihr Fundament drastisch modifiziert wird: Sie wird abhängig von Interpretationskompetenz statt von Deutlichkeit.

Die Normalisierung des Unsicheren

Langfristig mündet dieser Trend in der Verschiebung sicherheitspolitischer Normalität. Während Unsicherheit im früheren Abschreckungsmodell berechenbar blieb, wird sie in der digitalen Ära zum latenten Zustand.

Das heißt nicht zwangsläufig mehr Krieg, aber ein Umbruch der Bedingungen, unter denen Frieden definiert wird. Frieden wird weniger zum Zustand robuster Ordnung als zum Prozess kontinuierlicher Risikoverwaltung.

Die eigentliche Transformation liegt in keiner Weise in neuartigen Waffen. Sie gründet auf neuem Boden strategischer Politik: der Normalisierung von Unsicherheit als strukturellem Dauerzustand.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-393/318630/analyse-strategische-stabilitaet-im-21-jahrhundert/#:~:text=In%20der%20klassischen%20Definition%20stellt%20strategische%20Stabilit%C3%A4t,ohne%20Anreize%20f%C3%BCr%20einen%20Ersteinsatz%20zu%20schaffen
[2] https://www.heise.de/tp/article/Nukleare-Abschreckung-Ohne-Transparenz-wird-sie-zum-Risiko-11245820.html
[3] https://www.deutschlandfunk.de/cyberattacken-und-wie-staaten-darauf-reagieren-100.html
[4] https://www.deutschlandfunkkultur.de/nukleare-abschreckung-als-strategie-kann-das-nicht-rational-sein-100.html

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Russlands Schattenflotte: Großbritannien als Zaungast vor der eigenen Küste

Von Heise — 16. April 2026 um 06:00
Ein Schiff mit Matrosen an Deck

Matrosen an Deck der HMS Dragon

(Bild: Kevin Shipp/Shutterstock.com)

Russlands Tanker durchqueren den Ärmelkanal, während Großbritannien machtlos zuschaut. Warum der Iran-Krieg diese Entwicklung beschleunigt. Ein Gastbeitrag.

Es gibt kaum etwas, das britische Politiker so sehr in Rage bringt, wie die Erwähnung von Russlands "Schattenflotte". Doch die erfolglose Verfolgung russischer Tanker im Ärmelkanal in der vergangenen Woche zeigt, dass Großbritannien kaum Mittel hat, um dagegen vorzugehen.

Am 9. April wurden zwei russische "Schatten"-Öltanker von einer russischen Marinefregatte durch den Kanal eskortiert [1]. Sie waren mit allerlei Waffen, darunter auch Antischiffsraketen, bewaffnet. Die Royal Navy konnte lediglich einen Hilfstanker aufbieten, der hilflos hinterherfuhr. Der Daily Telegraph berichtete [2] über diese "heroische" Operation vom Deck eines 12 Meter langen Fischerboots aus, das im Kielwasser des Tankers folgte.

Machtlose Marine

Ian Proud
Unser Gastautor Ian Proud
(Bild: RS [3])

Es zeichnet sich ein regelmäßiges Muster ab, bei dem die Royal Navy Schiffe entsendet, die den besser bewaffneten [4] russischen Marineeskorten unterlegen sind.

Die Unfähigkeit der Royal Navy, russische Tanker herauszufordern, hat Proteststürme von Oppositionspolitikern, darunter auch dem ehemaligen Premierminister Boris Johnson [5], ausgelöst. Inzwischen hat der britische Generalstaatsanwalt entschieden, dass britische Kräfte russische Schiffe wohl nicht entern dürfen [6], um sie festzusetzen, da dies gegen internationales Recht verstoßen könnte.

Die politische Botschaft ist dennoch eindeutig: Selbst wenn Großbritannien Soldaten entsenden würde, um eskortierte russische Tanker zu entern, könnten diese beschossen werden, ohne dass es wirksame militärische Mittel gäbe, der russischen Marine etwas entgegenzusetzen. Die Royal Navy ist außerstande, Macht zu projizieren – selbst in unmittelbarer Nähe der eigenen Küsten.

Eine britische Fregatte und ein Hubschrauber vertrieben russische U-Boote, die offenbar über Unterseekabeln lauerten [7]. Dies verschaffte dem angeschlagenen Verteidigungsminister John Healey etwas Luft. Im Pressesaal der Downing Street informierte er daraufhin die Medien [8] über die Operation. Doch das wird kaum ausreichen, um das wachsende Gefühl nationaler Blamage [9] und die Wut über den beklagenswerten Zustand der britischen Streitkräfte zu dämpfen.

Labour in Schwierigkeiten

Der ohnehin stark verzögerte Verteidigungsinvestitionsplan [10] wird ganz offensichtlich bis nach den anstehenden Kommunalwahlen im Mai zurückgehalten, da er vermutlich weitere Projekte auflisten wird, die sich Großbritannien nicht leisten kann oder einstellen sollte, anstatt wirkliche Neuerungen zu bringen.

Wenn er veröffentlicht wird, wird er, so meine Prognose, für die Labour-Regierung, die unter katastrophalen Umfragewerten [11] leidet, zur politischen Demütigung. Nur noch ein Fünftel der Bevölkerung würde sie wählen – ein historischer Tiefstand für eine Regierungspartei.

Der Fall der HMS Dragon [12] ist beispielhaft für den Verfall der britischen Marine: Der einzige Luftverteidigungszerstörer, den Großbritannien hastig aus der Wartung holte und verspätet ins Mittelmeer entsandte, um defensive Operationen gegen den Iran zu unterstützen, wurde von technischen Problemen geplagt und musste erneut zur Reparatur ins Dock.

Russland schickt Kriegsschiffe zur Eskorte

Russland hingegen wurde ermutigt. Nachdem Moskau seine Flotte in den letzten Jahren deutlich vergrößert hat [13], ist es zunehmend in der Lage, die Gewässer vor Europa zu dominieren und britische sowie europäische Schiffe zu bedrohen. So warnte [14] im Mai 2025 ein russisches Kampfflugzeug ein estnisches Schiff, das versuchte, einen russischen Tanker zu stoppen.

Nach der Beschlagnahmung eines russischen Tankers [15] auf dem Weg nach Kuba durch US-Streitkräfte im Januar und dem Entern eines Schattentankers [16] durch Frankreich am 20. März hat man sich dort offenbar entschieden: "Jetzt reicht’s!" – und schickt schwer bewaffnete russische Kriegsschiffe zur Eskorte von Öltankern.

Wirkungsloses Sanktionsregime

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine versuchen westliche Verbündete, Russlands Kriegswirtschaft zu schwächen, indem sie die Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen begrenzen. Diese machen etwa zwei Drittel der Exporte aus.

Da laut Schätzungen [17] rund 80 Prozent des russischen Öls per Schiff transportiert werden, schien es 2022 zumindest sinnvoll, das Netzwerk sogenannter "Schatten"-Tanker ins Visier zu nehmen: alternde russische Tanker mit undurchsichtigen Versicherungs- und Flaggenkonstruktionen. Doch vier Jahre später hat sich dieses Vorhaben als völlig bedeutungslos erwiesen. Nun wirkt es sogar kontraproduktiv.

Eines muss klar sein: Der Export russischen Öls war nie vollständig sanktioniert. Vielmehr führten die G7 im Dezember 2022 eine Preisobergrenze von 60 Dollar pro Barrel ein, um Russlands Einnahmen zu begrenzen. Im Juli 2025 senkte Europa diese Grenze weiter auf 47,60 Dollar, während die USA bei 60 Dollar blieben.

Trotz aller Beteuerungen hat Europa während des Ukrainekriegs weiterhin russisches Öl im Wert von mehreren Milliarden Euro importiert [18]. Russlands größte Abnehmer, China und Indien, kauften zu reduzierten Preisen [19] unterhalb der G7-Obergrenze. Der drittgrößte Kunde, die Türkei [20], hat seine Importe nahezu unverändert gehalten und balanciert geschickt auf dem schmalen Grat der Preisbeschränkungen.

Unterm Strich haben Russlands Exporterlöse seit 2022 offenbar nicht gelitten. Im ersten Jahr des Ukrainekriegs erzielte Russland mit 238 Milliarden US-Dollar seinen größten Leistungsbilanzüberschuss aller Zeiten [21]. Seitdem liegen die Exporte über dem historischen Durchschnitt.

EU und USA driften auseinander

Der Iran-Krieg hat die G7-Preisobergrenze nun jedoch faktisch bedeutungslos gemacht. Globale Käufer, die mit Treibstoffrationierungen [22] konfrontiert sind, zahlen jeden Preis, um an Öl zu kommen. Es ist daher klar, dass Russland 2026 erneut einen Geldsegen aus Ölexporten ziehen wird. Erste Analysen deuten sogar darauf hin, dass sich Russlands Steuereinnahmen aus Ölverkäufen im April verdoppeln könnten [23].

Seit Beginn des Kriegs im Iran hat Russland die Lage weiter verschärft, indem es sich weigert [24], Öl an Länder zu verkaufen, die die G7-Preisobergrenze unterstützen.

Mit dieser Politik sichert Russland sich eine bevorzugte Stellung gegenüber Entwicklungsländern und nimmt ihnen jeden Anreiz, Preisgrenzen durchzusetzen – gerade in Zeiten knapper Versorgung. Gleichzeitig setzt sie insbesondere Europa und Japan unter Druck, die unter steigenden Preisen und einem verknappten Angebot leiden.

In einer Zeit, in der die USA Sanktionen auf russische Öllieferungen vorübergehend gelockert haben [25], ist dies ein weiteres Zeichen für das Auseinanderdriften der amerikanischen und europäischen Russlandpolitik.

Die noch ungelöste [26] Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Ungarn über Öllieferungen durch die beschädigte Druschba-Pipeline mag jene Eurokraten begeistern, die glauben, russische Energie um jeden Preis meiden zu müssen. Die britische Aufregung darüber, dass wir russische Tanker im Ärmelkanal nicht stoppen können, zeigt jedoch vor allem, dass unsere Politiker den Blick für die strategischen Ziele gegenüber Russland und die Frage, ob unsere Politik Putin mehr schadet als uns selbst, verloren haben.

Derzeit ist glasklar: Unsere Volkswirtschaften leiden unter Energieknappheit, während im Kreml die Kassen klingeln und Russlands Marine die Wellen vor Britannien beherrscht.

Ian Proud war von 1999 bis 2023 Mitglied des diplomatischen Dienstes von Großbritannien. Von Juli 2014 bis Februar 2019 war er als Wirtschaftsberater an der britischen Botschaft in Moskau tätig. Vor kurzem veröffentlichte er seine Memoiren mit dem Titel "A Misfit in Moscow: How British diplomacy in Russia failed, 2014–2019" und ist als Non-Resident Fellow am Quincy Institute tätig.

Dieser Text erschien zuerst bei unserem Partnerportal Responsible Statecraft [27] auf Englisch.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.telegraph.co.uk/news/2026/04/08/russia-warship-mocks-starmer-in-channel/?msockid=22cdb8267f7a6494023caf0c7e906568
[2] https://x.com/TomCotterillX/status/2042256753937514606?s=20
[3] https://responsiblestatecraft.org/author/ianproud/
[4] https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/russian-ship-english-channel-navy-b2906449.html
[5] https://www.express.co.uk/news/uk/2192360/real-reason-navy-wont-board-russian-ships
[6] https://www.lbc.co.uk/article/navy-blocked-from-boarding-russian-tankers-in-channel-as-putin-humiliates-starme-5HjdXXH_2/
[7] https://www.bbc.co.uk/news/articles/cre13qn9z7do
[8] https://responsiblestatecraft.org/media/
[9] https://www.gbnews.com/news/royal-navy-german-ships-nato-mission
[10] https://www.telegraph.co.uk/politics/2026/04/05/defence-spending-plan-delay-threatens-2bn-investment-loss/?msockid=22cdb8267f7a6494023caf0c7e906568
[11] https://www.economist.com/interactive/2025-british-politics
[12] https://www.bbc.co.uk/news/articles/c4gxw7px8glo
[13] https://responsiblestatecraft.org/russian-navy-build-up/
[14] https://www.marineinsight.com/russian-fighter-jet-violates-estonian-airspace-after-navy-attempts-to-stop-sanctioned-tanker/
[15] https://www.bbc.co.uk/news/live/cwynjdqgellt
[16] https://www.france24.com/en/france/20260320-french-navy-seizes-oil-tanker-sailing-from-russia-accused-of-flying-false-flag-in-mediterranean
[17] https://www.rusecrets.com/articles/how_russian_oil_and_gas_exports_are_currently_structured
[18] https://energyandcleanair.org/publication/eu-imports-of-russian-fossil-fuels-in-third-year-of-invasion-surpass-financial-aid-sent-to-ukraine/
[19] https://www.reuters.com/markets/commodities/key-points-about-russias-shadow-fleet-oil-tankers-2025-05-15/
[20] https://oilprice.com/Energy/Energy-General/Turkeys-Diversification-from-Russian-Crude-Is-More-Illusion-Than-Exit.html
[21] https://cbr.ru/eng/statistics/macro_itm/external_sector/pb/
[22] https://www.aninews.in/news/world/asia/countries-enforce-sweeping-curbs-amid-global-energy-crisis-triggered-by-west-asia-conflict20260323202646/
[23] https://www.reuters.com/business/energy/iran-war-doubles-russias-main-oil-revenue-9-bln-april-reuters-calculations-show-2026-04-09/
[24] https://www.trtworld.com/article/c5918cc57711
[25] https://edition.cnn.com/2026/03/13/energy/us-russia-sanctions-relief-oil-hnk-intl
[26] https://www.reuters.com/business/energy/ukraine-finish-druzhba-oil-pipeline-repairs-spring-zelenskiy-says-2026-04-10/
[27] https://responsiblestatecraft.org/uk-russia-shadow-fleet/

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Europas Chemieindustrie kämpft ums Überleben

Von Heise — 15. April 2026 um 15:35
Luftbild einer Chemiefabrik

(Bild: dongfang / Shutterstock.com)

Steigende Energiekosten und die Hormus-Blockade gefährden Europas Grundchemie. Werke schließen, Preise explodieren.

Die deutsche und europäische Chemieindustrie steht vor einer existenziellen Krise. Wie Bloomberg berichtet, hat die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs die Produktion von Grundchemikalien wie Ethylen, Propylen und Ammoniak in Europa zunehmend unrentabel gemacht.

Europäische Ethylenkontrakte erreichten laut Independent Chemical Information Service (ICIS) [1] im April 2026 einen Rekordwert von 1595 Euro pro Tonne – ein Anstieg um 450 Euro gegenüber dem Vormonat.

Die Folgen treffen die gesamte Wertschöpfungskette: BASF hat die Preise [2] für Waschmittel-Inhaltsstoffe um rund 30 Prozent angehoben, Evonik kündigte laut Bloomberg höhere Preise für Futtermittelzusätze an.

Zwischen 2022 und 2025 wurden laut dem Branchenverband Cefic erhebliche Teile der chemischen Industrie stillgelegt, insgesamt etwa neun Prozent der gesamten europäischen Produktionskapazität.

Der Sektor erwirtschaftete [3] 2024 einen Umsatz von 635 Milliarden Euro und beschäftigte 1,2 Millionen Menschen – doch Europas globaler Marktanteil ist inzwischen auf dreizehn Prozent geschrumpft, während China mit 46 Prozent dominiert.

Erdgas als Achillesferse der Ammoniakproduktion

Besonders greifbar werden die Risiken bei der SKW Stickstoffwerke Piesteritz, Deutschlands größtem Ammoniakproduzenten. Erdgas macht über 70 Prozent der Produktionskosten für Ammoniak aus.

Bereits 2022 musste das Unternehmen die Produktion vorübergehend einstellen, weil steigende Gaspreise die Herstellung unrentabel machten – damals fielen allein dadurch 40 Prozent des deutschen AdBlue-Marktes aus [4].

Hinzu kommen 40 Millionen Euro, die SKW im Jahr 2025 für CO2-Emissionszertifikate zahlen musste – Kosten, die internationale Wettbewerber laut Bloomberg nicht tragen [5].

"Wir konzentrieren uns in erster Linie auf das Überleben, denn genau darum geht es", sagte SKW-Geschäftsführer Carsten Franzke gegenüber Bloomberg. "Der Boden unter uns beginnt sich zu verschieben, die Wände bröckeln."

Europäische Flüssiggasimporte kosten zwei- bis dreimal so viel wie Gas in den USA. Und Naphtha-basierte Cracker-Margen sind seit geraumer Zeit unter Druck und hin und wieder negativ geworden.

EU-Allianz gegen die Abwärtsspirale

Die EU hat im Oktober 2025 [6] die Critical Chemicals Alliance (CCA) gegründet, um kritische Moleküle wie Ammoniak, Ethylen und Methanol zu identifizieren und die Versorgungssicherheit zu stärken.

Doch die Mitgliedstaaten sind uneins über den richtigen Ansatz. Frankreich und andere Länder wollen einzelne Substanzen als strategisch einstufen und gezielt fördern. Deutschland lehnt das ab.

"Die Diskussion darüber, was überhaupt bevorzugt werden könnte, ist ein Ansatz, den wir in der deutschen Chemieindustrie nicht wirklich mögen", sagte VCI-Vertreter Matthias Blum gegenüber Bloomberg. Der Branchenverband fordert stattdessen niedrigere Energiekosten und weniger Bürokratie.

Iris Herrmann von der Beratungsfirma Oliver Wyman warnt laut Bloomberg vor einer Kettenreaktion: Die Notwendigkeit, Grundstoffe zu importieren, "löst eine Abwärtsspirale aus, in der die Kunden der chemischen Industrie abwandern".

Benedikt Frank, Partner von Kearney, ergänzt laut Bericht, dass normale europäische Prozesse dafür "zu langsam" seien. Auch BMW beobachte Lieferrisiken bei Klebstoffen, Lacken und Frostschutzmitteln inzwischen "genau".

Dünger, Lebensmittel, Lebenshaltungskosten

Die Auswirkungen reichen weit über die Chemieindustrie hinaus. Harnstoffdünger kostet aktuell 600 bis 650 US-Dollar pro Tonne – ein Anstieg von über 100 US-Dollar seit Kriegsbeginn. Die Lagerbestände bei Stickstoffdüngern liegen nur bei rund 60 Prozent der normalen Einlagerungsquote.

Wie Telepolis in einer aktuellen Analyse [7] aufzeigt, warnen Experten bereits vor einer drohenden globalen Nahrungsmittelkrise, ausgelöst durch das Zusammenspiel von Düngerknappheit, Klimaeffekten und geopolitischen Blockaden.

"Wenn wir hier in Deutschland die zehn Grundchemikalien nicht mehr haben – weil wir sie verlieren oder die Lieferketten zusammenbrechen –, haben wir ein ernstes Problem", warnt SKW-Manager Franzke.

IGBCE-Chef Michael Vassiliadis mahnt zudem, dass Ammoniak-Importe nicht nur Abhängigkeiten vertiefen, sondern auch erhebliche neue Infrastrukturen für den Transport des giftigen Gases erfordern würden. Die Zeit für europäische Grundsatzdebatten wird knapp.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.icis.com/explore/resources/news/2026/03/31/11193802/europe-ethylene-cp-rises-a-record-450-tonne-for-april-on-middle-east-conflict/
[2] https://www.basf.com/global/de/media/news-releases/2026/03/p-26-052
[3] https://cefic.org/facts-and-figures-of-the-european-chemical-industry/
[4] https://www.telepolis.de/article/Hohe-Gaspreise-Spediteure-warnen-vor-Ausfall-Hunderttausender-LKW-7256270.html
[5] https://www.bloomberg.com/graphics/2026-europe-chemicals-iran-war/
[6] https://single-market-economy.ec.europa.eu/news/commission-announces-launch-critical-chemicals-alliance-strengthen-europes-chemical-sector-2025-10-28_en
[7] https://www.heise.de/tp/article/Wenn-Geopolitik-und-Klima-gemeinsam-die-Ernte-vernichten-11255913.html

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Chinas Wasserstoff-Turboprop absolviert Erstflug: Meilenstein oder Fernziel?

Von Heise — 15. April 2026 um 14:00
Flugzeug auf Startbahn

Der Erprobungsflug ist am 4. April erfolgt

(Bild: CGTN/Facebook)

Ein Frachtflugzeug flog erstmals mit einem Wasserstoff-Triebwerk der Megawatt-Klasse. Experten sehen wichtigen Schritt – warnen aber vor zu hohen Erwartungen.

China hat nach eigenen Angaben den weltweit ersten Flugtest eines wasserstoffbetriebenen Turboprop-Triebwerks der Megawatt-Klasse durchgeführt.

Am 4. April hob ein unbemanntes Frachtflugzeug mit einem Gewicht von rund 7,5 Tonnen am Flughafen der Stadt Zhuzhou in der zentralchinesischen Provinz Hunan ab und absolvierte einen 16-minütigen Testflug, wie der chinesische Triebwerkhersteller Aero Engine Corporation of China [1] (AECC) mitteilte [2].

Das Flugzeug wurde vom AEP100 angetrieben, einem in China eigenständig entwickelten Turboprop-Triebwerk, das mit flüssigem Wasserstoff betrieben wird. Während des Fluges legte die Maschine eine Strecke von 36 Kilometern zurück, erreichte eine Geschwindigkeit von rund 220 km/h und flog in einer Höhe von etwa 300 Metern.

Laut AECC lief das Triebwerk während des gesamten Fluges stabil, alle geplanten Manöver wurden absolviert und das Flugzeug kehrte sicher zum Flughafen zurück.

Vom Labor in die Luft

Dem Erstflug waren umfangreiche Bodentests vorausgegangen [3]. Ende März hatte das vom AECC Hunan Aviation Powerplant Research Institute in Zhuzhou entwickelte Triebwerk sämtliche Bodenversuche bestanden, wie die chinesische Global Times berichtete.

Bei den Zündungs- und Leistungstests unter Bodenbedingungen hätten alle Kennwerte des Triebwerks und des Flüssigwasserstoff-Transportsystems im Normbereich gelegen.

Experten der AECC bewerteten den erfolgreichen Erstflug als Nachweis dafür, dass China nun über eine vollständige technologische Kette für wasserstoffbetriebene Flugtriebwerke verfüge – von den Kernkomponenten bis zur Integration in ein Gesamtsystem. Der Flug markiere den Übergang von der experimentellen Forschung hin zur praktischen Ingenieursanwendung.

Einsatz zunächst bei Drohnen und Insellogistik

Ein Turbiprop-Triebwerk
Modell des wasserstoff-basierten Turboprop-Antriebs
(Bild: China Daily/X [4])

Kurzfristig soll die Technologie vor allem im Bereich des sogenannten Niedrigflugbetriebs zum Einsatz kommen: bei unbemannten Frachtflügen und der Versorgung abgelegener oder schwer zugänglicher Regionen wie Inseln. Mittelfristig könnten Regionalflugzeuge folgen, langfristig auch größere Passagiermaschinen – so die Einschätzung der am Projekt beteiligten Fachleute.

Die Entwicklung soll zudem Impulse für die gesamte Wasserstoff-Wertschöpfungskette geben: von der Produktion von grünem Wasserstoff über Verflüssigung, Lagerung und Transport bis hin zu Betankungsinfrastruktur und der Fertigung von Hochleistungskomponenten und neuen Materialien.

Experte mahnt zur Vorsicht

Nicht alle teilen den Optimismus uneingeschränkt. Wang Yanan, Chefredakteur der in Peking erscheinenden Fachzeitschrift Aerospace Knowledge, ordnete die Entwicklung nüchterner ein. Flüssigwasserstoff-Triebwerke befänden sich weltweit noch in einem frühen Erkundungsstadium, sagte Wang gegenüber der Global Times.

Einschränkungen bei der Lebensdauer der Komponenten, den Speicherkosten, der Energiedichte und der Sicherheit machten einen Einsatz in der kommerziellen Passagierluftfahrt auf absehbare Zeit unwahrscheinlich.

"Um bestehende Triebwerkssysteme zu ersetzen, müssen neue Technologien zwei Kernbedingungen erfüllen: Sie müssen die Dekarbonisierung vorantreiben und gleichzeitig sicherstellen, dass Kosten, Leistung, Sicherheit und Zuverlässigkeit nicht hinter das heutige Niveau zurückfallen", erklärte Wang. Selbst die Eignung für den aufkommenden Niedrigflugbetrieb sei noch nicht hinreichend nachgewiesen.

Sinkende Wasserstoffkosten als Schlüssel

Ob sich die Technologie auch wirtschaftlich durchsetzen kann, hängt nach Einschätzung der beteiligten Experten maßgeblich von den Produktionskosten für grünen Wasserstoff ab. Fallen diese weiter, würden wasserstoffbetriebene Triebwerke sowohl ökonomisch als auch unter dem Gesichtspunkt der Energiesicherheit zunehmend attraktiv.

Flüssiger Wasserstoff gilt wegen seiner hohen Energiedichte und seiner emissionsfreien Verbrennung als vielversprechender Kandidat für die Dekarbonisierung der Luftfahrt. Der erfolgreiche Testflug in Zhuzhou zeigt, dass die Technologie grundsätzlich funktioniert. Bis sie den konventionellen Kerosinantrieb ablösen kann, ist es allerdings noch ein weiter Weg.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Aero_Engine_Corporation_of_China
[2] https://news.cgtn.com/news/2026-04-05/Megawatt-hydrogen-turboprop-engine-completes-maiden-flight-in-China-1M5w0iIbEpG/p.html
[3] https://www.globaltimes.cn/page/202603/1357798.shtml
[4] https://x.com/ChinaDaily/status/2041048264167018770/photo/1

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GKV-Sparpaket: Was Warkens 20-Milliarden-Plan für Versicherte bedeutet

Von Heise — 15. April 2026 um 13:30
Ein Stethoskop liegt neben einem Taschenrechner und Quittungen auf einem Holztisch.

(Bild: Billion Photos / Shutterstock.com)

Gesundheitsministerin Warken plant massive GKV-Einsparungen. Kliniken, Kassen und Opposition kritisieren – Versicherte müssen mit Mehrbelastungen rechnen.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sorgt für Furore. Sie möchte im Gesundheitswesen sparen und hat dafür ein entsprechendes Maßnahmenpaket vorgelegt, mit dem die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) um rund 20 Milliarden Euro im Jahr 2027 entlasten werden soll.

Grundlage ist der Bericht der von Warken einberufenen FinanzKommission Gesundheit, die 66 Empfehlungen erarbeitet hat. Ziel sei es, eine "Beitragsspirale" zu stoppen und steigende Zusatzbeiträge zu verhindern. Doch von Krankenhäusern über Krankenkassen bis zur Opposition hagelt es Kritik.

Der Hintergrund ist dramatisch: Ohne Reformen droht der GKV laut Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums [1] bis 2027 eine Finanzlücke von circa 15 Milliarden Euro, bis 2030 sogar von rund 40 Milliarden Euro.

Als Haupttreiber gelten Ärzte, Kliniken und die Pharmaindustrie, für die immer mehr ausgegeben werden muss. Auch die versicherungsfremden Leistungen, die aus Kassenbeiträgen statt aus Steuermitteln finanziert werden, gehören demnach zu den Kostentreibern.

Familienversicherung und Zuzahlungen im Visier

Besonders brisant für alle, die über die GKV versichert sind: Die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der Familienversicherung soll eingeschränkt werden. Konkrete Ausnahmen – etwa für Kinder – sind bislang nicht im Detail kommuniziert worden. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) warnt vor einem "falschen Signal" und sozialen Härten für Familien.

Ferner sollen die Zuzahlungen für Medikamente steigen. Gerade einkommensschwache Haushalte dürften davon überproportional betroffen sein – eine Sorge, die mehrere Kassenverbände und Patientenschutzorganisationen teilen.

Weitere Maßnahmen zielen darauf ab, die Ausgaben bei Praxen, Kliniken und in der Pharmabranche zu beschränken. Welche Folgen das für die Versorgung der Patienten haben wird, muss sich dann zeigen. Schon heute kennen viele Patienten das Phänomen, dass ihr Hausarzt pünktlich zur Mitte des Quartals die Praxis schließt und scheinbar Urlaub feiert. Erst zum neuen Quartal wird wieder geöffnet.

Der Hintergrund ist, dass schon heute viele Ärzte darüber klagen, dass es sich für sie nicht mehr lohnt, neue Patienten aufzunehmen oder die Praxis das ganze Quartal über geöffnet zu haben. Im Gespräch mit Ärzten wird immer wieder betont, dass sie ab einem gewissen Punkt kostenlos arbeiten müssten. Und gerade in Regionen, die nicht mit Ärzten gesättigt sind, führt das schnell zu einem Engpass bei der Versorgung.

Jetzt soll die sogenannte Meistbegünstigungsklausel für Krankenhäuser gestrichen und die teuren Zuschläge für die Terminvermittlung bei Fachärzten abgeschafft werden. Im Bereich Digitalisierung empfiehlt die Kommission unter anderem, die Vergütung von Ärzten für die elektronische Patientenakte (ePA) ab 2027 zu streichen – das allein könnte rund 600 Millionen Euro jährlich einsparen, da die Prozesse zunehmend automatisiert laufen.

Kliniken warnen vor "staatlich veranlasstem Kliniksterben"

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) reagiert mit ungewöhnlich scharfen Worten. DKG-Chef Gerald Gaß nannte die Pläne [2] "maßlos, realitätsfern und brandgefährlich".

Insbesondere auf dem Land drohten Klinikschließungen, die zu längeren Wegen für Patienten und einer ausgedünnten Notfallversorgung führen würden.

Der Verfassungsanspruch auf gleichwertige Versorgung in Stadt und Land werde damit unterlaufen. Einen Ausgleich – etwa durch weniger Bürokratie – sehe das Paket nicht vor.

Kassen sehen unfaire Lastenverteilung

Auch die großen Krankenkassen üben deutliche Kritik. DAK-Chef Andreas Storm sprach [3] von einer "extremen Schlagseite" und einer unfairen Lastenverteilung. AOK-Chefin Carola Reimann monierte, dass mehr als ein Drittel der Einsparungen von Beitragszahlern getragen werden solle.

Jens Baas von der Techniker Krankenkasse (TK) begrüßte zwar einzelne Elemente wie neue Rabattverträge für Arzneimittel, mahnte aber an, zuerst alle Sparpotenziale auf der Ausgabenseite auszuschöpfen, bevor Versicherte stärker belastet werden.

Aus der Opposition kommen ebenfalls kritische Töne. Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen nannte das Paket "unausgewogen und eine echte Enttäuschung" – Lobbys würden geschont, während Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Hauptlast trügen.

Die Linke fordert als Alternative die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze, was höhere Beiträge für Gutverdiener und damit eine Umverteilung zugunsten von Geringverdienern bedeuten würde. Die SPD als Koalitionspartner prüft die Vorschläge noch, betont aber, dass es keine weiteren Leistungskürzungen geben dürfe.

Ferdinand Gerlach, stellvertretender Vorsitzender der FinanzKommission, verteidigte den Kurs: Die Hauptquelle der Einsparungen liege bei den Leistungserbringern, nicht bei den Beitragszahlern. Ohne Reformen würden die Zusatzbeiträge weiter steigen – und damit die Belastung der Versicherten erst recht.


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/finanzkommission-gesundheit
[2] https://www.n-tv.de/ticker/Krankenhaeuser-warnen-vor-schlechterer-Versorgung-wegen-geplanter-Gesundheitsreform-id30714131.html
[3] https://www.spiegel.de/wirtschaft/krankenkassen-warken-konkretisiert-sparplaene-fuer-20-milliarden-euro-a-9b9eeefd-022b-4596-98e0-a3c8a2ee578c

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Strategische Mineralien: Wie der Iran-Krieg die Versorgung erschüttert

Von Heise — 15. April 2026 um 09:00
Wolfram im Periodensystem der Elemente

(Bild: Intothelight Photography, shutterstock)

China kontrolliert die Lieferketten und will seinen Kontrahenten nicht das Feld überlassen. Doch wie geht es nun weiter?

Der militärische Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran legt eine bedeutsame Schwachstelle westlicher Rüstungsproduktion offen [1]: die Abhängigkeit von strategischen Metallen, deren Lieferketten weitgehend von China kontrolliert werden.

Was auf den Schlachtfeldern des Nahen Ostens und der Ukraine an Munition verpulvert wird, lässt sich nicht mehr ohne Weiteres ersetzen. Jede abgefeuerte Rakete, jedes panzerbrechende Geschoss verbraucht strategische Metalle. Besonders kritisch ist Wolfram, das wegen seiner außergewöhnlichen Dichte und Hitzebeständigkeit in der Rüstungsindustrie unverzichtbar ist.

Anders als etwa bei einem Bohrer, der recycelt werden kann, ist Wolfram in Munition nach der Explosion für immer verloren. Der Preis für ein bedeutendes Zwischenprodukt der Wolframherstellung schnellte nach Angaben [2] der chinesischen Agentur Shanghai Metals Market denn auch von unter 400 US-Dollar pro Tonne vor einem Jahr auf über 2.200 Dollar hoch.

Wolfram wird knapp

Auch andere für die Rüstung essenzielle Metalle wie Antimon für Infrarotdetektoren, Germanium für Wärmebildsysteme sowie Tantal und Niob verzeichneten deutliche Preissteigerungen.

Die USA fördern seit über einem Jahrzehnt kein Wolfram mehr in industriellem Maßstab und sind nahezu vollständig auf Importe angewiesen. Bei Antimon decken die USA etwa 85 Prozent ihres Bedarfs durch Importe, bei Gallium liegt die Importabhängigkeit bei fast 100 Prozent, wie der US Geological Survey feststellt.

Der Weltmarkt für Wolfram ist klein mit einer weltweiten Produktionsmenge von knapp über 100.000 Tonnen im geschätzten Wert [3] von rund fünf Milliarden US-Dollar im Jahr 2023. Davon werden jährlich mindestens 2.500 Tonnen allein für militärische Panzerungsanwendungen benötigt [4], wovon traditionell rund 40 Prozent auf die USA entfallen.

Die Rüstungsprogramme der NATO-Staaten werden den Wolframverbrauch im Verteidigungsbereich bis 2035 voraussichtlich um 25 bis 30 Prozent steigern.

Chinas Dominanz zeigt Wirkung

China kontrolliert schätzungsweise 80 Prozent der weltweiten Wolframproduktion und -verarbeitung, 60 bis 70 Prozent bei Antimon und über 90 Prozent bei Gallium. Auch bei der Raffination von Kobalt (70 bis 80 Prozent), Lithium (65 bis 70 Prozent) und Seltenen Erden (etwa 90 Prozent) hat die Volksrepublik zumindest derzeit das Sagen.

Im Mai 2025 verschärfte [5] Peking seine Exportkontrollen für strategische Mineralien als Reaktion auf US-Zölle. Seither sind die chinesischen Exporte um fast 40 Prozent zurückgegangen.

Gleichzeitig sank die chinesische Förderung 2025 um 10 Prozent auf 61.000 Tonnen – vor allem aufgrund geringerer staatlicher Quoten und Umweltauflagen für kleinere Minen, von denen viele dichtgemacht haben. Zudem verbraucht China inzwischen selbst mehr Wolfram.

Das Pentagon reagiert

Das US-Kriegsministerium reagierte fristgerecht auf die Versorgungskrise: Am 27. Februar – einen Tag vor Beginn des unprovozierten völkerrechtswidrigen Kriegs gegen Iran – forderte [6] das Pentagon die Industrie auf, frische Lieferungen von 13 kritischen Mineralien bereitzustellen, darunter auch Wolfram.

Washington vergibt zudem Gelder an Unternehmen wie Guardian Metal Resources für Studien zur Lagerstätte Pilot Mountain in Nevada oder an Amermin für erweiterte Recyclingkapazitäten. Das Problem: Diese Firmen werden erst in ein paar Jahren produzieren.

Kasachstan und Kongo

Parallel dazu ist Washington bemüht, alternative Lieferketten außerhalb Chinas aufzubauen. Im November unterzeichnete [7] die Investmentfirma Cove Capital einen Vertrag zur Erschließung einer großen Wolframlagerstätte in Kasachstan – unterstützt durch 900 Millionen US-Dollar von der US-Exportimportbank.

Die bereits produzierende Mine Boguty in Kasachstan trug 2025 wesentlich dazu bei, dass die Produktion außerhalb Chinas um 20 Prozent auf 19.000 Tonnen stieg.

Auch in Afrika intensiviert Washington seine Bemühungen. Im Dezember 2025 schloss [8] die Demokratische Republik Kongo eine strategische Partnerschaft mit den USA zur Lieferung vor allem von Kobalt. Und im März 2026 hat die US-amerikanische Virtus Minerals die Chemaf gekauft, die Kobalt und Kupfer produziert.

Milliarden für strategische Reserven

Um die Zeit bis zur heimischen Produktion zu überbrücken, starteten die USA das Projekt Vault – eine strategische Reserve mit zwölf Milliarden US-Dollar Finanzierung zur Bevorratung kritischer Mineralien. Die geplante [9] Reserve soll alle 60 Mineralien umfassen, die auf der Liste kritischer Mineralien des US-Geological Survey von 2025 stehen.

Insgesamt haben die USA nach Angaben von Vizepräsident JD Vance in den vergangenen sechs Monaten gemeinsam mit dem Privatsektor mehr als 30 Milliarden US-Dollar für entsprechende Projekte zugesagt. Die meisten Projekte dürften allerdings erst nach 2028 mit der Produktion beginnen und bieten also keine kurzfristige Entlastung.

Militär gegen zivile Industrie

Die wachsende militärische Nachfrage verschärft den Wettbewerb mit zivilen Industrien um die knappen Metalle. Der Verteidigungssektor machte 2025 etwa zehn Prozent des weltweiten Wolframverbrauchs aus. Dieser Anteil dürfte steigen, da westliche Länder, insbesondere die USA, ihre Munitionsbestände nach den Verlusten im Ukraine-Krieg und nun im Nahen Osten wieder auffüllen müssen.

Militärische Abnehmer können zivile Käufer stets überbieten, was Probleme für Hightech-Hersteller bedeuten könnte, die Wolfram für Halbleiter, Leiterplatten und Solarpaneele verwenden. Elektronik ist ein schnell wachsender Bereich der Wolframnachfrage und ergänzt die Verwendung des Metalls in Hartmetallwerkzeugen für Bau, Bergbau sowie die Öl- und Gasindustrie.

China will seinen Kontrahenten nicht in die Hände spielen

Das chinesische Handelsministerium hatte bereits im Mai 2025 angekündigt [10], die Kontrolle über die gesamten Exportketten strategischer Mineralien zu verstärken. "Da die Exportkontrolle strategischer Mineralien viel mit der nationalen Sicherheit zu tun hat, ist die Stärkung der Kontrolle der gesamten Exportkette der Schlüssel", teilte das Ministerium mit.

Laut [11] Reuters fallen darunter Antimon, Bismuth, Gallium, Germanium, Grafit, Indium, Molybdän, Tellur und Wolfram sowie Verarbeitungstechnologien für batteriefähiges Lithium und Gallium

Im Januar 2026 verhängte China überdies Exportkontrollen für Dual-Use-Güter nach Japan. Alle Dual-Use-Artikel sind für den Export an japanische militärische Nutzer oder für militärische Zwecke sowie für Endverwendungen verboten [12], die zu Japans Aufrüstung beitragen.

Kritische Mineralien wichtiger als Kapital

Ein Bericht der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften vom Januar 2026 stellte fest [13], dass sich der Wettbewerb um kritische Mineralien über Abbaurechte hinaus auf Transportsicherheit, Abfangrisiken auf hoher See und die Umstrukturierung globaler Rohstoffpreissysteme ausweitet.

Die Kontrolle über Lieferketten werde zu einem wichtigeren Maßstab für nationale Stärke und industrielle Führerschaft als bloße Kapitalkraft.


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https://www.heise.de/-11255097

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/metals/030426-critical-minerals-shortage-threatens-us-military-production-capacity
[2] https://www.reuters.com/markets/commodities/every-missile-fired-over-iran-is-burning-through-us-tungsten-stocks-2026-03-23/
[3] https://almonty.com/tungsten-at-the-front-line/
[4] https://www.hartpunkt.de/chinas-dominanz-bei-wolfram-wird-fuer-die-ruestungsindustrie-zur-herausforderung/
[5] https://www.reuters.com/markets/asia/china-strengthen-control-over-strategic-minerals-exports-2025-05-12/
[6] https://www.businesstimes.com.sg/international/global/how-iran-war-set-global-scramble-strategic-metals
[7] https://de.marketscreener.com/boerse-nachrichten/cove-capital-baut-wolframvorkommen-in-kasachstan-aus-von-trump-angekuendigtes-abkommen-staerkt-us-kaz-ce7d5cd3da89fe27
[8] https://www.ft.com/content/4a8efcb3-b8d2-439d-ba34-505698f69446?syn-25a6b1a6=1
[9] https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-02/usa-reserve-seltene-erden-boersen-project-vault
[10] https://www.globaltimes.cn/page/202505/1334054.shtml
[11] https://www.reuters.com/world/china/chinas-curbs-exports-strategic-minerals-2025-10-09/
[12] https://www.bhfs.com/insight/china-strengthens-export-controls-on-dual-use-items-to-japan/
[13] https://www.businesstimes.com.sg/international/global/how-iran-war-set-global-scramble-strategic-metals

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Digitale Gewalt: Wenn das Gesetz Täter schützt und Opfer bestraft

Von Heise — 15. April 2026 um 08:00
Boxhandschuh kommt an Extension aus Smartphone

Griechenlands Revenge-Porn-Gesetz gilt als Vorbild – doch selbst dort landen Opfer vor Gericht, während Täter feiern gehen.

Angesichts der Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann fordert Bundesjustizministerin Stefanie Hubig ein härteres Durchgreifen des Rechtsstaats.

Hubigs Vorstoß nach den Vorwürfen von Collien Fernandes

Um Frauen besser vor digitaler Gewalt zu schützen, plant das Ministerium, Gesetzeslücken zu schließen. Laut Hubig müsse klargestellt werden, dass das Netz kein rechtsfreier Raum ist und Täter mit spürbaren Konsequenzen rechnen müssen. Collien Fernandes verwies in der Talkshow von Caren Miosga auf strengere Gesetze, zum Beispiel in Spanien. Sie nannte Deutschland ein "Täterparadies".

Tatsächlich ist Spanien nicht der einzige Staat, der digitalen sexualisierten Missbrauch streng unter Strafe stellt. Auch in Griechenland gelten besonders strenge Gesetze. Interessant ist, dass sie von einer liberal-nationalkonservativen Regierung erlassen wurden. Also eigentlich aus der politischen Ecke, die nun in Deutschland ihren Unmut über den Vorstoß von Hubig äußert.

Konservative Medien gegen den Begriff "digitale Gewalt"

Die Begriffe "digitale Gewalt" und "virtuell vergewaltigt" stünden gemäß Cicero für eine politische Agenda [1]. Fatina Keilani sieht in der Welt die "Empörung im Fall Ulmen/Fernandes als Vehikel für staatlichen Durchgriff [2]".

Cicero und Welt stehen publizistisch der politischen Ausrichtung der Nea Dimokratia (ND) sehr nah. Die griechische Regierungspartei ist im Kern das Pendant zur CDU, hat aber – bedingt durch die griechische Geschichte – einen etwas ausgeprägteren Fokus auf einen starken Nationalstaat und in wirtschaftlichen Fragen oft eine noch deutlichere liberale Kante. Die ND setzt auf Law & Order, Eigenverantwortung der Bürger, die Gesetze des Marktes und einen möglichst schlanken Staat.

Der Fall Panagiotopoulos: Griechenlands Initialzündung

Hervorzuheben ist, dass vor dem Erlassen eines spezifischen Gesetzes für "Revenge Porn [3]" auch in Griechenland ein prominenter Fall die Schlagzeilen bestimmte. Der Comedy-Star Stathis Panagiotopoulos [4], Mitglied der populären Comedy-Gruppe Radio Arvila hatte zulasten einer früheren Freundin kompromittierende Bilder und Videos der Frau ins Netz gestellt.

Die Tat wurde 2018 begangen, und bis Ende 2021 gab es für Panagiotopoulos keinerlei Konsequenzen, auch, weil er durch vorgebliche plötzliche Unpässlichkeiten das Gerichtsverfahren immer weiter verzögern konnte. Es gab für ihn erst im Mai 2025 die Verurteilung. Drei Jahre Haft auf Bewährung, so lautete das Urteil.

Im November 2025 gab es eine erneute Verurteilung in einem weiteren Fall. Wieder belief sich die Strafe auf drei Jahre Haft auf Bewährung. Gegen den 61-Jährigen läuft ein weiteres Verfahren wegen eines dritten Opfers.

Milde Strafen mangels passender Paragrafen

Weil Griechenland zum Zeitpunkt der Taten Panagiotopoulos noch über keinen spezifischen Paragrafen gegen Cyber-Gewalt [5] verfügte, griffen nur juristische Hilfskonstrukte wie die entsprechenden Paragrafen für den Schutz persönlicher Daten, Beleidigungsparagrafen und Ähnliches. Die Strafen fielen mild aus, weil die Gerichte zum Schluss kamen, dass der frühere Star nicht aus Boshaftigkeit gehandelt habe.

Demgegenüber steht die Strenge des nun geltenden Strafrechtsartikels 346. Er ist in Griechenland allgemein als "Revenge-Porn-Gesetz" bekannt:

Artikel 346 Straftaten gegen das Sexualleben

1) Wer ohne Berechtigung ein echtes, verändertes oder bearbeitetes Bild oder sonstiges visuelles oder audiovisuelles Material, das eine nicht-öffentliche Handlung eines anderen im Zusammenhang mit dessen Sexualleben darstellt, einem Dritten zugänglich macht oder öffentlich zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe von mindestens drei (3) Jahren und einer Geldstrafe bestraft.

2) Wer einen anderen mit der Begehung der in Absatz 1 genannten Straftaten bedroht, wird mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem (1) Jahr bestraft. Zwingt der Täter der Straftat nach dem vorstehenden Absatz einen anderen zu einer Handlung, Unterlassung oder Duldung, zu der dieser nicht verpflichtet ist, wird er mit Freiheitsstrafe von mindestens zwei (2) Jahren bestraft.

3) Die Straftat nach Absatz 1 ist mit Zuchthaus von bis zu acht (8) Jahren und einer Geldstrafe belegt, wenn sie begangen wird:

a) durch Veröffentlichung im Internet oder in einem sozialen Netzwerk mit unbestimmter Empfängerzahl,

b) von einem Erwachsenen begangen wird und einen Minderjährigen betrifft,

c) gegenüber dem gegenwärtigen oder früheren Ehegatten oder Lebenspartner des Täters oder gegenüber einer Person, die mit ihm zusammenlebt, mit ihm in einem Arbeits- oder Dienstverhältnis steht, unter seiner Obhut oder seinem Schutz steht oder sich nicht selbst verteidigen kann,

d) mit dem Ziel, dass der Täter sich oder einer anderen Person einen materiellen Vorteil verschafft.

4) Führt eine der Handlungen gemäß den vorstehenden Absätzen beim Opfer zu einem Selbstmordversuch, so wird eine Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe verhängt. Führt die Handlung gemäß dem vorstehenden Absatz zum Tod, so wird eine Zuchthausstrafe von mindestens zehn (10) Jahren und eine Geldstrafe verhängt.

Parlament debattiert – doch nur Frauen sind anwesend

Aktuell wird im parlamentarischen Unterausschuss zur Bekämpfung des Menschenhandels und der Ausbeutung von Menschen des Ständigen Sonderausschusses für Gleichstellung, Jugend und Menschenrechte der Vouli der Hellenen darüber diskutiert, ob der Gesetzesrahmen ausreichend ist. Bezeichnend ist, dass bei der Sitzung am 19. März nur Politikerinnen im Sitzungssaal anwesend waren.

Männliche Volksvertreter glänzten durch Abwesenheit. Ob, und wenn ja, wie viele Parlamentarier die Diskussion online verfolgten, darüber gibt es keine belastbaren Daten. Thema der Sitzung war "Revenge Porn".

Polizei plädiert für schärfere Begriffe

Die sehr regierungsnahe Kathimerini kommentiert [6], dass es leider als Frauenthema gelte. Die Zeitung zitiert den Polizeidirektor Anastasios Papathanasiou von der Abteilung für Cyberkriminalität und dessen Sicht auf den Begriff "Rachepornografie". Papathanasiou findet ihn "in gewissem Maße irreführend, da Pornografie Zustimmung oder Beteiligung impliziert, wir aber in Wirklichkeit von sexuellem Missbrauch durch Bilder und Videos sprechen".

Papathanasiou sprach über eine Novellierung des Strafrechtsartikels:

"Manchmal liegt lediglich eine Einwilligung zur Aufnahme vor, nicht aber die Einwilligung zur Veröffentlichung und Verbreitung des Materials. Korrektere Begriffe wären daher, falls eine Änderung des entsprechenden Artikels in Erwägung gezogen wird, nicht einvernehmliche Pornografie oder sexueller Missbrauch, Ausbeutung durch Bilder."

Für den Chef der Cyberkriminalitätspolizei gilt, "das ist Gewalt, die mittels Technologie ausgeübt wird."

KI-Fakes und Fotomontagen: Das Gesetz greift weit

Zumindest ist das griechische Gesetz in seiner Formulierung so weit gefasst, dass es auch mit KI oder Fotomontagen erstelltes Material einbezieht.

Es ist erstaunlich, dass mit "sonstiges visuelles oder audiovisuelles Material, das eine nicht-öffentliche Handlung eines anderen im Zusammenhang mit dessen Sexualleben darstellt" auch die von Collien Fernandes beklagte Zusendung eines ihrer Brust täuschend ähnlich sehenden Bildes einer unbekannten Frau durch den mutmaßlichen Täter an einen Produzenten miterfasst ist.

Die griechische Polizeiabteilung für Cyberkriminalität bearbeitete im ersten Jahr des Gesetzes, 2022, fünfundzwanzig Fälle gemäß Artikel 346. 2023 waren es bereits 210 Fälle. Ein Jahr später wurden 265 Fälle angezeigt. Im vergangenen Jahr waren es 278 Fälle. Mitte März verzeichnete die Polizeistatistik 24 Fälle.

Opferschutz in der Praxis: Zwischen Recht und Realität

Eine Tat wie die, die dem Ehemann von Collien Fernandes vorgeworfen wird, wird vom griechischen Gesetzgeber als Straftat gegen die sexuelle Freiheit, sowie mögliche Straftat der wirtschaftlichen Ausbeutung des Sexuallebens eingestuft. Wie aber sieht es in der Praxis mit den Rechten der Opfer aus?

Die Kathimerini beklagt, dass ein prominentes Opfer sich im Gerichtssaal achtmal das sie betreffende Porno-Video ansehen musste. Schließlich wurden die zwei Täter verurteilt.

Als das Opfer die erstinstanzliche Verurteilung in einem Live-Musikclub feiern wollte, musste sie entdecken, dass einer der Täter, nur wenige Tische von ihr entfernt, seinen Frust über den verlorenen Prozess beim Feiern vergessen wollte. Sie verlangte, dass der Verurteilte, dem noch Rechtsmittel gegen seine Strafe zur Verfügung stehen, aus dem Laden geworfen werden solle.

Als dies nicht geschah, postete sie ein aktuelles Video vom Täter [7] aus dem Musikclub, sowie dessen Name samt dem Hinweis auf die Verurteilung auf Instagram. Sie fand sich in Haft wieder.

Der Vorwurf lautet Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht des Täters. Auf Befehl des Staatsanwalts wurde sie aus der Haft entlassen, muss sich aber vor Gericht verantworten.

Wenn sich Opfer strafbar machen – der Fall Klavdia

Der griechische Staat verfolgt den sexuellen Missbrauch durch Bilder und Videos streng. Er ist aber ebenso unerbittlich, wenn es um Rechte der mutmaßlichen oder verurteilten Täter geht. Das musste auch die letztjährige Repräsentantin Griechenlands beim Eurovision Song Contest, Klavdia [8], erfahren. Die Sängerin erwartet im Juli eine Gerichtsverhandlung.

Sie hatte in der Vergangenheit eine flüchtige Beziehung zu einem Musikproduzenten, dem sie private Fotos geschickt hatte. Das hatte sie nach der Trennung bereut und wirkte auf die Vernichtung der Bilder von allen Datenträgern hin.

Dafür suchte sie ihren Ex-Partner in dessen Wohnung auf. Der wiederum behauptet nun, in seinem eigenen Haus widerrechtlich festgehalten, körperlicher Gewalt ausgesetzt und massiv bedroht worden zu sein.

Seine Anwältin, Sally Kalkini, hat Medien gegenüber erklärt, ihr Mandant sei so verängstigt gewesen, dass er sein Haus verlassen musste. Die Sängerin weist dagegen jegliche Gewaltvorwürfe zurück und behauptet, das Treffen sei geplant gewesen und habe in ruhiger Atmosphäre stattgefunden.

So gesehen, wäre auch Griechenland aus subjektiver Sicht der Sängerin oder pars pro toto für das vorher erwähnte Opfer ein "Täterparadies". Was meinen Sie?


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.cicero.de/innenpolitik/caren-miosga-und-der-fall-fernandes-der-autoritare-hilferuf
[2] https://www.welt.de/debatte/plus69c99a2db33459bf52773ce3/das-opfer-bei-caren-miosga-die-empoerung-im-fall-ulmen-fernandes-als-vehikel-fuer-staatlichen-durchgriff.html
[3] https://www.lifo.gr/now/greece/stathis-panagiotopoylos-tria-hronia-fylakisi-gia-tin-ypothesi-revenge-porn
[4] https://www.ethnos.gr/greece/article/187116/stathhspanagiotopoylostorevengeporntotelosapotoradioarbylakaihkatakraygh
[5] https://www.coe.int/en/web/cyberviolence
[6] https://www.kathimerini.gr/society/reportaz/564151174/revenge-porn-giati-ta-thymata-paramenoyn-aprostateyta/
[7] https://www.kathimerini.gr/society/564161416/synelifthi-i-ioanna-toyni-meta-apo-minysi-enos-ek-ton-katadikasthenton-gia-revenge-porn/
[8] https://www.youtube.com/watch?v=1qbWRl6h6to

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Vom Irak zum Iran: Wie US-Thinktanks den Krieg vorbereitet haben

Von Heise — 15. April 2026 um 06:00
Trump liest einen Zettel

Welche Rolle haben neokonservative Thinktanks bei der Vorbereitung des Iran-Krieges gespielt?

(Bild: rawpixel.com/Shutterstock.com)

Analyse zeigt: US-Thinktanks trieben den Iran-Krieg voran. Es sind dieselben Netzwerke, die bereits zuvor den Irak-Krieg vorbereitet haben. Ein Gastbeitrag.

Sollte der US-israelische Krieg gegen den Iran [1] am Ende als Niederlage bewertet werden, ließe sich ein Teil der Verantwortung fünf pro-israelischen Thinktanks zuschreiben. Diese propagierten in den acht Monaten vor Kriegsbeginn konsequent ein militärisches Vorgehen gegen die Islamische Republik – so die Auswertung von vier unterschiedlichen, weit verbreiteten KI-Programmen.

Laut den KI-Modellen gehörten die Foundation for Defense of Democracies [2] (FDD), das American Enterprise Institute [3] (AEI), das Hudson Institute [4] und das Washington Institute for Near East Policy [5] (WINEP) zu den sechs führenden Denkfabriken, die in der Zeit zwischen dem "Zwölf-Tage-Krieg [6]" im Juni 2025 und dem Beginn des aktuellen Krieges am 28. Februar militärische Maßnahmen gegen Teheran am deutlichsten vorantrieben.

Ein fünfter Thinktank, die traditionell eher rechtsgerichtete Heritage Foundation [7], wurde ebenfalls von drei der Anwendungen unter den sechs wichtigsten Befürwortern militärischer Schritte gegen den Iran geführt.

America First?

Jim Lobe
Unser Gastautor Jim Lobe
(Bild: RS [8])

Wenig überraschend identifizierten vier Plattformen – Gemini, ChatGPT, Claude und Grok – dieselben fünf in Washington ansässigen Institutionen auch als zentrale Akteure bei der Befürwortung der US-Invasion im Irak vor 23 Jahren.

Vier dieser fünf Institutionen – FDD, AEI, Hudson und WINEP – sind dem neokonservativen Lager [9] der außenpolitischen Hardliner in den USA zuzuordnen. Für sie stellt die Unterstützung Israels ein zentrales Prinzip ihrer Weltanschauung und Arbeit dar. Tatsächlich belegte die FDD in allen vier KI-Auswertungen den ersten Platz hinsichtlich ihrer Prominenz bei der Förderung eines Krieges gegen den Iran.

In ihrem ursprünglichen Antrag bei der US-Steuerbehörde aus dem Jahr 2001 beschrieb [10] die FDD ihre Mission wie folgt: "Bildung zu fördern, um das Image Israels in Nordamerika zu verbessern und das Verständnis der Öffentlichkeit für Fragen der israelisch-arabischen Beziehungen zu vertiefen."

Die Heritage Foundation, die sich selbst einer "America First"-Außenpolitik verpflichtet sieht [11], setzt sich seit Langem für enge Beziehungen zu Israel ein. In einem im März 2025 veröffentlichten "Sonderbericht [12]" wurde gefordert, die US-israelischen Beziehungen von einer bloßen "besonderen Beziehung" zu einer "strategischen Partnerschaft" auszubauen.

"Experten" aus allen fünf Organisationen vertraten immer wieder ähnliche Kernthesen: Irans Atomprogramm und Raketenarsenal stellten eine inakzeptable Bedrohung für Israel und letztlich auch für das US-Heimatland dar. Das Regime sei weiterhin "der weltweit führende staatliche Sponsor des Terrorismus [13]" und befinde sich seit der Revolution von 1979 an seinem schwächsten Punkt.

Klare Agenda

Sie brachten diese Argumente in Anhörungen im Kongress, in Gastbeiträgen und Artikeln großer Print- und Online-Medien, in Fernseh- und Radiointerviews sowie in sozialen Medien [14] – insbesondere auf X – vor. Dabei verfolgten sie erkennbar das Ziel, Eliten und Öffentlichkeit von der Notwendigkeit militärischer Maßnahmen gegen die Islamische Republik zu überzeugen.

Diese Argumentationslinien spiegelten die gleichen Themen wider, die auch vom israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu sowie von bekannten pro-israelischen Hardlinern im US-Kongress – etwa Senator Lindsey Graham – in US-Medienauftritten vertreten wurden.

Wie aus der untenstehenden Tabelle hervorgeht, identifizierten drei der KI-Anwendungen weitere von Neokonservativen geprägte Thinktanks unter den sechs wichtigsten Befürwortern militärischer Maßnahmen. Dazu zählen das "Jewish Institute for National Security of America [15]" (JINSA), das "Center for Security Policy [16]" (CSP) und das "Institute for the Study of War [17]" (ISW), das 2007 von der neokonservativen Militäranalystin Kimberly Kagan gegründet wurde.

"Auch wenn sich das ISW eher als analytisch denn als advokatorisch positioniert, stützt seine Darstellung iranischer Bedrohungen konsequent die Argumente für militärische Maßnahmen", so Claude.

Analyse oder Kriegsvorbereitung?

In den vergangenen 25 Jahren war die außenpolitische Ausrichtung von FDD, AEI, Hudson, JINSA und CSP durchgehend hart neokonservativ. Ihre Positionen, insbesondere in Bezug auf den Nahen Osten, spiegelten im Allgemeinen die Ansichten von Netanjahus Likud-Partei wider. WINEP, das 1985 als Ausgründung des American Israel Public Affairs Committee entstand, beschäftigt hingegen auch Experten mit breiter gefächerten Ansichten, insbesondere in Bezug auf die israelisch-palästinensischen Beziehungen.

ChatGPT führte zudem das Center for Strategic and International Studies (CSIS) und den Atlantic Council (AC) unter den sechs wichtigsten Kriegsbefürwortern auf und bezeichnete sie als "Mainstream-Sicherheits-Thinktanks". Zum CSIS merkte ChatGPT an: "Seine Position wird häufig als ‚strategische Analyse‘ dargestellt, doch viele Veröffentlichungen behandeln die Umsetzbarkeit und strategischen Vorteile militärischer Schläge." Über den Atlantic Council hieß es: "Intern gemischte Ansichten, aber mehrere Fellows haben militärische Maßnahmen als Abschreckung befürwortet."

Alle vier Anwendungen wurden gebeten, "die zehn US-Thinktanks zu identifizieren, die zwischen dem 1. Juli 2025 und dem 27. Februar 2026 in US-Printmedien, Rundfunk, Online-Medien und sozialen Medien am präsentesten waren, wenn es darum ging, einen US-Angriff auf den Iran zu befürworten, in absteigender Reihenfolge ihrer Prominenz".

Jede definierte "Prominenz" dabei auf eigene Weise. So verstand ChatGPT darunter "die Institutionen, die in den verschiedenen Medien am konstantesten sichtbar waren", während Grok nur jene berücksichtigte, "deren Experten die Anhörungen im Kongress dominierten, unterstützende Gastbeiträge und Positionspapiere verfassten, in Sendungen auftraten, die Angriffe oder Eskalation rechtfertigten oder vorantrieben und Online- sowie Social-Media-Inhalte prägten, die solche Maßnahmen als notwendig für eine Schwächung oder Kapitulation des Regimes darstellten".

Im Gegensatz zu den anderen Anwendungen, die jeweils zehn Thinktanks auflisteten, nannte Grok nur sechs und merkte an, dass die "Spitzengruppe klar" sei, während die Prominenz weiterer Akteure, die als echte "Befürworter" gelten könnten, nach Platz sechs stark abfalle.

Die Ergebnisse

Eine Tabelle
Welche Thinktanks haben den Iran-Krieg im Vorfeld am stärksten befürwortet?

Anschließend wurden die vier Anwendungen mit der Frage konfrontiert: "Welche Überschneidungen gibt es zwischen diesen Thinktanks und jenen, die in den acht Monaten vor dem 19. März 2003 die militärische Invasion des Irak befürworteten?"

Welche Thinktanks haben den Irakkrieg 2003 am stärksten befürwortet?

Gemini stellte fest, dass "die Überschneidung zwischen den Thinktank-Landschaften von 2003 und 2026 erheblich ist, da mehrere Institutionen, die die intellektuelle Architektur für den Irakkrieg lieferten, auch die wichtigsten Treiber der Narrative zugunsten militärischer Maßnahmen gegen den Iran blieben".

Fürsten der Finsternis

Auch wenn Grok die FDD an erster Stelle nannte, ist anzumerken, dass die Organisation 2003 erst zwei Jahre alt war und stark im Schatten etablierterer neokonservativer Thinktanks stand, von denen das American Enterprise Institute (AEI) klar dominierte – nicht zuletzt dank seines "Fürsten der Finsternis [18]", Richard Perle.

Perle [19] war in beratenden oder leitenden Gremien von FDD, WINEP, Hudson, CSP und JINSA tätig, gehörte 1997 zu den Gründungsunterzeichnern des "Project for the New American Century [20]" (PNAC) und arbeitete eng mit den entschiedensten Befürwortern einer Irak-Invasion in der späteren Regierung George W. Bushs zusammen. Dazu zählten Dick Cheney [21], Donald Rumsfeld [22], Paul Wolfowitz [23] und Elliott Abrams [24], die allesamt seit den 1970er Jahren Perles Weggefährten waren.

Angesichts dieser engen Verbindungen und seiner Rolle im Defense Policy Board [25] unter Rumsfeld spielte Perle im Vorfeld der Invasion eine besondere Rolle [26] – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Regierung – beim Aufbau und der Verstärkung einer Echokammer, deren koordinierte Botschaften in den Massenmedien und in der breiten Öffentlichkeit [27] weit stärker verfingen als im Vorfeld [28] des Krieges zwischen den USA und Israel gegen den Iran.

Neokonservativer Kern

Im Vergleich zu den prominentesten Iran-Hardlinern bildeten die Irak-Befürworter laut Grok "einen engeren neokonservativen Kern (AEI, Heritage, Hudson, CSP, PNAC, FDD)", der sich auf Regimewechsel, Massenvernichtungswaffenängste und die Chancen nach 9/11 konzentrierte.

Diese Themen bereiteten den Boden und verstärkten die Botschaften aus dem Weißen Haus unter Bush und dem Pentagon, insbesondere zwischen Cheneys Rede vor der American Legion im August 2002, in der er die nicht existente nukleare Bedrohung durch Saddam Hussein betonte, und der Invasion im März 2003.

Bis 2005 war offensichtlich geworden, dass sich die Invasion zu einem Desaster entwickelt hatte. Die neokonservativen Hardliner innerhalb der Regierung – darunter Wolfowitz und sein Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik sowie Perle-Schützling Douglas Feith [29] – wurden faktisch entmachtet und fanden sich ebenso außerhalb der Regierung wieder wie Cheneys Nationaler Sicherheitsberater Scooter Libby [30]. (Sowohl Feith als auch Libby gingen später zum Hudson Institute.)

PNAC löste sich Anfang 2006 auf und Rumsfeld schied noch im selben Jahr aus dem Amt.

Im Mai 2007 veranstaltete die FDD einen Wochenend-Workshop [31] im Our Lucaya Resort in Freeport auf den Bahamas, bei dem alle Kosten übernommen wurden. An dem Workshop nahmen mehr als zwei Dutzend überwiegend neokonservative Größen aus Thinktanks und Medien teil.

Der Titel lautete: "Die iranische Bedrohung konfrontieren: Der Weg nach vorn". Kurz darauf wechselten mit Reuel Marc Gerecht und dem inzwischen verstorbenen Michael Ledeen zwei Perle-Schützlinge zur FDD. Beide waren zuvor feste Größen bei den "Black Coffee Briefings" des AEI im Vorfeld der Irak-Invasion. Laut Claude ist die FDD "faktisch zum Nachfolgevehikel des neokonservativen Netzwerks des Irakkriegs geworden, neu gebrandet und auf den Iran ausgerichtet".

Doch "die personelle und ideologische Kontinuität (Drehtüren in die Regierung, Bedrohungsüberhöhung, mediale Verstärkung) ist bemerkenswert", so Grok. "Dieselben Netzwerke trieben beide Kampagnen im Abstand von zwei Jahrzehnten voran."

Jim Lobe ist Redakteur bei Responsible Statecraft. Von 1980 bis 1985 und erneut von 1989 bis 2015 war er Leiter des Washingtoner Büros von Inter Press Service.

Dieser Text erschien zuerst bei unserem Partnerportal Responsible Statecraft [32] auf Englisch.


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Hormus-Blockade: Saudi-Arabien drängt USA an den Verhandlungstisch

Von Matthias Lindner — 14. April 2026 um 15:45
Ein großer Supertanker fährt auf dem Meer.

Ein Öltanker fährt auf dem Meer, während Saudi-Arabien die USA an den Verhandlungstisch drängt, um die Gefahr einer iranischen Blockade der Meerenge Bab al-Mandeb zu mindern.

(Bild: Sven Hansche / Shutterstock.com)

Das Königreich fürchtet, Iran könnte die Meerenge Bab al-Mandeb sperren und damit Riads umgeleitete Ölexporte über das Rote Meer gefährden.

Saudi-Arabien fordert die US-Regierung auf, die am Montag in Kraft getretene Seeblockade iranischer Häfen in der Straße von Hormus aufzuheben und stattdessen auf Diplomatie zu setzen. Wie das Wall Street Journal (WSJ) [1] unter Berufung auf arabische Beamte berichtet, warnt Riad vor einer gefährlichen Eskalationsspirale: Der Iran könnte als Vergeltung die Meerenge Bab al-Mandeb am Roten Meer sperren lassen – jene Engstelle, über die Saudi-Arabien derzeit den Großteil seiner Ölexporte abwickelt.

Die Blockade trat am 13. April um 16:00 Uhr MESZ in Kraft, nachdem Verhandlungen am Wochenende in Islamabad gescheitert waren. Sie richtet sich laut einer CENTCOM-Erklärung [2] gegen sämtlichen Schiffsverkehr von und zu iranischen Häfen im Arabischen Golf und Golf von Oman.

Die freie Durchfahrt durch die Straße von Hormus zu nicht-iranischen Häfen soll davon unberührt bleiben. Sprecherin Anna Kelly betonte, Präsident Trump wolle "die vollständige Öffnung der Straße von Hormus […], um den freien Energiefluss zu gewährleisten".

Bereits am ersten Tag zeigte sich allerdings, dass die Durchsetzung Lücken aufweist: Mehrere sanktionierte Tanker passierten die Meerenge [3], darunter der chinesische Tanker "Rich Starry" mit rund 250.000 Barrel Methanol an Bord. Insgesamt durchquerten mindestens vier mit dem Iran in Verbindung stehende Schiffe die Wasserstraße. China bezeichnete die Blockade als "gefährlich und unverantwortlich".

Saudische Pipeline als verwundbare Lebensader

Saudi-Arabien hat seine Ölexporte seit Kriegsbeginn am 28. Februar logistisch umgestellt. Das Königreich leitet sein Rohöl per Pipeline von der Anlage in Ras Tanura am Persischen Golf quer durch die Wüste zum Hafen Yanbu am Roten Meer. So konnte Riad seine Exporte trotz der Hormus-Krise wieder auf das Vorkriegsniveau von rund sieben Millionen Barrel pro Tag steigern.

Doch genau diese Alternativroute wäre gefährdet, sollte auch der Ausgang zum Roten Meer blockiert werden.

Houthis als strategische Reserve des Iran

Die Bab-al-Mandeb-Straße – arabisch "Tor der Tränen" – verbindet das Rote Meer mit dem Indischen Ozean und ist eine der wichtigsten Verbindungen für den Schiffsverkehr zwischen Asien und Europa über den Suezkanal.

Vor dem Gaza-Krieg passierten täglich 9,3 Millionen Barrel Öl und Erdölprodukte die Engstelle, so die US-Energieinformationsbehörde. Die Houthi-Angriffe während des Gaza-Konflikts halbierten dieses Volumen.

Die mit dem Iran verbündeten Houthis im Jemen kontrollieren einen langen Küstenabschnitt nahe der Meerenge. Zwar halten sie sich seit dem Ende einer 53-tägigen US-Offensive vor einem Jahr weitgehend aus dem aktuellen US-Iran-Konflikt heraus. Doch sie bleiben ein zentraler Bestandteil des iranischen Miliznetzwerks. Nach Angaben arabischer Beamter übt Teheran Druck auf die Gruppe aus, die Engstelle erneut zu sperren. Adam Baron, Jemen-Experte beim Washingtoner Institut New America, sagte dem WSJ:

"Wenn der Iran Bab al-Mandeb tatsächlich sperren will, sind die Houthis der naheliegende Partner dafür, und ihre Reaktion auf den Gaza-Konflikt zeigt, dass sie dazu in der Lage sind."

Drohgebärden beider Seiten

Die iranische Seite verschärft den Ton: Ali Akbar Velayati, außenpolitischer Berater des obersten Führers, erklärte Anfang April in sozialen Medien, der Iran betrachte Bab al-Mandeb "genauso wie Hormus". Der globale Energie- und Handelsfluss könne "mit einem einzigen Signal unterbrochen werden". Die iranischen Streitkräfte warnten zudem über die staatlichen Rundfunk IRIB, kein Hafen im Persischen Golf werde sicher sein [4], sollte die Sicherheit iranischer Häfen bedroht werden.

Saudi-arabische Energiebeamte teilten dem WSJ mit, das Königreich habe von den Houthis zwar die Zusicherung erhalten, weder Saudi-Arabien noch dessen Schiffe anzugreifen. Die Lage bleibe jedoch unbeständig.

Erik Meyersson, Chefstratege für Schwellenländer bei der schwedischen Bank SEB, brachte das iranische Kalkül laut WSJ auf den Punkt: "Wenn ihr unsere Ölexporte einschränkt, werden wir eure Exporte über den Terminal in Yanbu stören".

Trotz der öffentlichen Konfrontation arbeiten laut den arabischen Beamten beide Seiten aktiv mit Vermittlern zusammen. Pakistan hat inzwischen angekündigt, eine zweite Gesprächsrunde zu vermitteln; Teheran drohte gleichzeitig mit Angriffen auf Ziele in der Region. Die Golfstaaten drängen geschlossen auf eine diplomatische Lösung – denn ungeachtet der Blockade stiegen die Ölterminpreise bereits auf über 100 Dollar pro Barrel.

Die Sperrung der Straße von Hormus hatte zu Kriegsbeginn rund dreizehn Millionen Barrel täglicher Ölexporte unterbrochen.


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https://www.heise.de/-11257240

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.wsj.com/world/middle-east/saudi-arabia-us-strait-of-hormuz-blockade-25fbd430
[2] https://www.centcom.mil/MEDIA/PRESS-RELEASES/Press-Release-View/Article/4457255/us-to-blockade-ships-entering-or-exiting-iranian-ports/
[3] https://www.heise.de/tp/article/Trotz-US-Blockade-Sanktionierte-Tanker-passieren-Strasse-von-Hormus-11256565.html
[4] https://www.aa.com.tr/en/world/iran-warns-no-port-in-gulf-sea-of-oman-will-be-safe-after-us-naval-blockade/3903616

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James-Webb-Teleskop liefert stärksten Hinweis auf erste Sterne

Von Kai Imhoff — 14. April 2026 um 15:00
Abstrakter Hintergrund mit vertikalen Lichtstrahlen und Sternen.

Das James-Webb-Teleskop hat bei der Galaxie GN-z11 Hinweise auf die ersten Sterne entdeckt.

(Bild: Mia Stendal / Shutterstock.com)

Zwei Forscherteams haben mit dem JWST bei der Galaxie GN-z11 Helium- und Wasserstoffsignale entdeckt, die auf die allererste Sternengeneration hindeuten.

Astronomen haben mit dem James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) den bislang überzeugendsten Beleg für die Existenz sogenannter Population-III-Sterne gefunden – jener allerersten Sterne also, die wohl nach dem Urknall im Kosmos entstanden.

Zwei unabhängige Forscherteams identifizierten bei der Galaxie GN-z11 charakteristische Spektralsignaturen, die sich am plausibelsten durch diese urtümlichen Himmelskörper erklären lassen.

Die Ergebnisse stammen aus zwei Vorveröffentlichungen auf dem Preprint-Server arXiv.

Beide Forscherteams untersuchten ein kompaktes Begleitobjekt der Galaxie GN-z11, das die Forscher "Hebe" tauften. GN-z11 zählt mit einer Rotverschiebung von z=10,6 zu den frühesten bekannten Galaxien überhaupt.

Das Licht, das das JWST einfing, war bereits unterwegs, als das Universum gerade einmal rund 420 Millionen Jahre alt war – etwa drei Prozent seines heutigen Alters von 13,8 Milliarden Jahren.

Das Team um Roberto Maiolino [1] von der University of Cambridge bestätigte mithilfe hochauflösender NIRSpec-IFU-Spektroskopie (Auflösung R~2700) ein bereits 2024 erstmals schwach registriertes Signal von einfach ionisiertem Helium (HeII λ1640). Die neue Messung erreichte eine Signifikanz von 6 Sigma und zeigte sogar zwei getrennte Komponenten, die um rund 120 Kilometer pro Sekunde voneinander verschoben sind. Gleichzeitig fehlten im Spektrum sämtliche Spuren schwererer Elemente wie Kohlenstoff, Stickstoff oder Sauerstoff.

Reines Helium und Wasserstoff als Fingerabdruck

Genau dieses Muster – starkes Heliumsignal bei vollständiger Abwesenheit von Metallen – gilt als theoretischer Fingerabdruck von Population-III-Sternen. Anders als alle heute beobachtbaren Sterne bestanden sie aus nahezu reinem Wasserstoff und Helium. Schwerere Elemente existierten schlicht noch nicht.

Theoretische Modelle sagen voraus, dass diese Ursterne extrem massereich und heiß waren, ihren Brennstoff rasch verbrauchten und in gewaltigen Supernovae endeten. Erst deren Explosionen reicherten das interstellare Medium mit schweren Elementen an und schufen so die Voraussetzungen für alle späteren Sternengenerationen.

Ein zweites Team unter Leitung von Elka Rusta [2] vom italienischen Nationalinstitut für Astrophysik (INAF) schloss aus dem Verhältnis der Helium- zur Wasserstoffemission, dass die Population-III-Sterne in Hebe vermutlich zehn- bis hundertmal so massereich waren wie unsere Sonne.

Die geschätzte Gesamtmasse an Population-III-Sternen in dem Objekt liegt demnach zwischen 20.000 und 600.000 Sonnenmassen. Beide Befunde decken sich gut mit bisherigen theoretischen Vorhersagen.

Abgrenzung zu jüngeren Sterntypen

Die Besonderheit der Messungen liegt in den hohen Äquivalentbreiten der Heliumlinie von über 20 Ångström. Sterne der nächsten Generation – sogenannte Population-II-Sterne – erreichen typischerweise Werte unter 20 Ångström und zeigen zudem stets Metalllinien in ihren Spektren.

Dass bei Hebe trotz intensiver Suche keinerlei Hinweise auf Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff oder Neon auftraten, stärkt die Interpretation als Population-III-Objekt erheblich. Die Forscher schätzen, dass mehr als 50 Prozent der Sterne in Hebe tatsächlich zur Population III gehören.

Die Entdeckung ergänzt einen kürzlich gemeldeten Fund in unserer kosmischen Nachbarschaft: Erst Anfang April hatten Astronomen den chemisch ursprünglichsten bislang bekannten Stern im Universum identifiziert. Der Himmelskörper SDSS J0715−7334 weist eine extrem niedrige Metallizität auf und besteht fast ausschließlich aus Wasserstoff und Helium – ein lokaler Hinweis auf die Bedingungen im frühen Universum.

Während dieser Stern ein Überbleibsel späterer, metallarmer Generationen darstellt, würden die nun bei GN-z11 gefundenen Signaturen direkt von der allerersten Sternengeneration stammen.

Weitere Beobachtungen nötig

Trotz der überzeugenden Datenlage betonen beide Forscherteams, dass zusätzliche Beobachtungen mit dem JWST erforderlich sind, um die Ergebnisse abschließend zu bestätigen. Insbesondere tiefere Spektralmessungen könnten helfen, den diffusen Hintergrund besser zu charakterisieren und die Massenverteilung der Population-III-Sterne genauer einzugrenzen. Konkrete Folgeprogramme sind bislang nicht öffentlich angekündigt.

Die insgesamt 38,8 Stunden Belichtungszeit, die das JWST auf das Ziel richtete, zeigen eindrücklich das Potenzial des Infrarotteleskops für die Erforschung des frühesten Universums. Sollten sich die Befunde bestätigen, wäre dies ein entscheidender Schritt zum Verständnis, wie die ersten Strukturen im Kosmos entstanden.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11256709

Links in diesem Artikel:
[1] https://arxiv.org/pdf/2603.20362
[2] https://arxiv.org/pdf/2603.20363

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Trotz US-Blockade: Sanktionierte Tanker passieren Straße von Hormus

Von Marcel Kunzmann — 14. April 2026 um 14:00
Ein Öltanker vor einer symbolisierten Karte der Straße von Hormus

Mehrere Öltanker haben die Straße von Hormus seit Trumps Blockadestart am Montag durchquert

(Bild: GreenOak/Shutterstock.com)

Mehrere Schiffe durchqueren die Meerenge, darunter ein chinesischer Tanker. Experten warnen vor einer gefährlichen Eskalationsspirale. Ein Überblick.

Bereits am ersten Tag der von US-Präsident Donald Trump verhängten Seeblockade gegen iranische Häfen haben mehrere sanktionierte Schiffe die Straße von Hormus passiert. Darunter befindet sich auch der chinesische Tanker "Rich Starry", der laut Daten [1] des Analysedienstes Kpler rund 250.000 Barrel Methanol geladen hat und mit chinesischer Besatzung unterwegs ist.

Wie die BBC unter Berufung auf Schiffsverfolgungsdaten von MarineTraffic berichtet [2], haben insgesamt vier mit dem Iran in Zusammenhang stehende Schiffe die Meerenge durchquert.

Vier Schiffe durchqueren Hormus

Neben der "Rich Starry", die von der US-sanktionierten Shanghaier Reederei Xuanrun Shipping betrieben wird, passierten auch der ebenfalls sanktionierte Tanker "Murlikishan" sowie der Massengutfrachter "Christianna" und der Tanker "Elpis" die Wasserstraße. Letztere beiden hatten zuvor iranische Häfen angelaufen – die "Christianna" den Hafen Bandar Imam Chomeini, die "Elpis" den Hafen Buschehr.

Reuters berichtet zudem über den unter panamaischer Flagge fahrenden Tanker "Peace Gulf", der Richtung Hamriyah in den Vereinigten Arabischen Emiraten unterwegs sei und typischerweise iranisches Naphtha – einen petrochemischen Grundstoff – zu anderen Häfen in der Region transportiere.

Die BBC weist darauf hin, dass die Schiffe möglicherweise falsche Positionsdaten senden könnten – ein als "Spoofing" bekanntes Verfahren, um den tatsächlichen Standort zu verschleiern. Das US-Militär hatte erklärt, die Blockade gelte ab Montag 14:00 Uhr GMT für "sämtlichen Schiffsverkehr von und zu iranischen Häfen", die freie Durchfahrt durch die Straße von Hormus zu nicht-iranischen Häfen aber nicht einzuschränken.

Chinas Außenministerium bezeichnete die Blockade am Dienstag als "gefährlich und unverantwortlich" und warnte, sie werde die Spannungen nur verschärfen, wie Reuters meldet. Ob sich chinesische Schiffe in der Meerenge befänden, ließ Peking offen.

Blockade als Kriegshandlung

Trump hatte die Blockade am Sonntag angekündigt, nachdem Friedensgespräche zwischen den USA und Iran am Wochenende in Islamabad ohne Einigung geendet waren. Die Logik dahinter: Werden Teherans Ölexporte abgeschnitten, bleibe dem Regime nichts anderes übrig, als einzulenken.

Dieses Kalkül hält [3] Eldar Mamedov, Analyst beim US-Thinktank Responsible Statecraft, für eine "als Strategie getarnte Wunschvorstellung".

Eine Seeblockade sei kein geschickter Ersatz für Militärschläge, sondern faktisch eine Kriegshandlung. Mamedov verweist auf Artikel 3(c) der UN-Aggressionsdefinition von 1974, wonach die Blockade der Küsten eines souveränen Staates als bewaffnete Aggression gilt. Damit stehe Iran das Recht zu, sich mit allen notwendigen Mitteln zu verteidigen.

Einflussreiche Stimmen in Washington sehen das anders. Der frühere Nahost-Unterhändler Dennis Ross argumentierte auf der Plattform X, "die Blockade war immer sinnvoller als die Einnahme der Insel Kharg. Sie stoppt Irans Exporte, seine Einnahmen, und ist ein Gegengewicht zur Schließung der Meerenge."

Zudem werde China unter Druck gesetzt, seinerseits auf Iran einzuwirken. Richard Haass, ehemaliger Präsident des Council on Foreign Relations, begrüßte die Ankündigung ebenfalls und regte eine neue Verwaltungsstruktur für die Straße von Hormus an, an der Iran beteiligt, aber nicht tonangebend sein solle.

Globale Folgen und das China-Risiko

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind bereits spürbar. Am Montag stieg der Ölpreis wieder auf über 100 US-Dollar pro Barrel und hat sich seither auf diesem Niveau eingependelt. Rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases werden normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert. Die Vereinten Nationen warnen, dass Millionen Menschen infolge der Störungen von Hunger bedroht sein könnten.

"Ross behauptet, eine Blockade übe lediglich 'größeren Druck auf Iran aus'. In Wirklichkeit würde sie jede Volkswirtschaft treffen, die von Energie aus dem Golf abhängig ist – von Asien bis Europa. Und die Schuld fiele eindeutig auf Washington", schreibt Mamedov.

Doch das wohl gefährlichste Szenario werde von keinem Befürworter der Blockade thematisiert, warnt der Analyst: Große Abnehmer iranischen Öls – allen voran China – könnten entscheiden, ihre Tanker mit eigenen Kriegsschiffen zu eskortieren. "Was würde die US-Marine dann tun? Auf chinesische Kriegsschiffe feuern? Die Konvois passieren lassen und damit die Blockade faktisch beenden? Eine direkte Konfrontation mit einer Atommacht über Öl-Schifffahrtsrouten in Hormus riskieren?", fragt Mamedov.

Die Frage ist umso brisanter, als Trump derzeit einen Staatsbesuch in China mit einem Gipfeltreffen mit Präsident Xi Jinping vorbereitet. Dieses Treffen wurde wegen des Konflikts mit Iran bereits einmal verschoben.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11256565

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.reuters.com/business/energy/us-sanctioned-chinese-tanker-passes-strait-hormuz-despite-us-blockade-data-shows-2026-04-14/
[2] https://www.bbc.com/news/live/cp9vm5ezxz4t?post=asset%3A8349c098-43ca-45c8-877c-3fd8dda1c31c#post
[3] https://responsiblestatecraft.org/trump-blockade-hormuz/

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Deutschlands Autobauer: Zu langsam, zu teuer, zu selbstgefällig

Von Marcus Schwarzbach — 14. April 2026 um 08:00
Chinesisches Auto überholt EU-Auto

Deutsche Autobauer verlieren den Anschluss an China – und Schuld daran sind nicht Löhne oder Zölle, sondern die Manager selbst.

Die deutsche Automobilbranche ist in der Krise. Es erfolgt ein tiefgreifender Strukturwandel hin zum E-Auto. Konzerne beklagen sinkende Gewinne.

Manager skizzieren eine dramatische Lage durch geopolitische Spannungen, Trumps Import-Zölle und die gestiegene Konkurrenz für E-Autos auf dem chinesischen Markt. Die Ursachen sehen die Firmenlenker immer bei anderen.

Auch Personal soll abgebaut und Löhne sollen gesenkt werden. "Auf eine sinkende Profitabilität im Sektor reagiert die Mehrzahl der Hersteller mit Stellenabbau und auch Werkschließungen, um Lohnkosten zu reduzieren und ihre Renditen zu steigern", schreiben die Arbeitssoziologen Karla Zierold und Stefan Schmalz von der Universität Jena in einer Studie [1], für die sie die Strategien der 111 größten Autobauer und Zulieferbetriebe in den letzten beiden Jahren hierzulande auswerteten.

Eine langfristige staatliche Förderung der E-Mobilität, die neben Marktanreizen und Kaufprämien auch auf Investitionen in Zukunftstechnologien und günstige Fahrzeugmodelle setzt, könnte eine "Perspektive für hiesige Hersteller" bieten, so die Wissenschaftler.

Verantwortung deutscher Manager für die Krise

Übersehen wird dabei die Verantwortung der Unternehmensmanager für die Entwicklung. Die Probleme sind vielfältig. Deutsche Hersteller haben bei Fahrzeugsoftware den Anschluss verpasst, während das Volkswagen-Management Milliarden für den Bau von teuren Sportwagen verschwendet.

Selbst auf dem europäischen Markt fährt die Konkurrenz davon. Während es dem französischen Hersteller Renault beispielsweise gelungen ist, ein Elektro-Einstiegsmodell für 25.000 Euro zu entwickeln, startet entsprechend der günstigste VW bei 40.000 Euro.

Dass die Probleme deutscher Autobauer nicht mit den Löhnen zusammenhängen, zeigt die aktuelle Studie "China Speed [2]" der Unternehmensberatung Roland Berger:

"Chinesische Industrieunternehmen setzen weltweit Maßstäbe bei Entwicklungsgeschwindigkeit und Kosten. Im Automobilsektor entwickeln chinesische Hersteller neue Fahrzeuge heute 25–30 Prozent schneller als europäische Wettbewerber und halten gleichzeitig einen Kostenvorteil von 20 bis 30 Prozent. In anderen Industrien sind die Unterschiede teils noch größer."

Selbst wenn chinesische Hersteller Teile der Produktion nach Europa verlagern, bleiben mehr als 50 Prozent, in einzelnen Fällen sogar bis zu 80 Prozent ihrer Effizienz erhalten, so die Berater. Die Studie [3] basiert auf detaillierten Kosten- und Entwicklungszeitvergleichen zwischen chinesischen, europäischen und internationalen Herstellern.

"China Speed ist kein kulturelles Phänomen, sondern das Ergebnis klarer Entscheidungen bezüglich Produktdesign, Portfoliokomplexität und der Lieferantenbasis", sagt Oliver Knapp, Senior Partner bei Roland Berger.

Chinesische Autobauer bringen neue Modelle im Schnitt 14 Monate schneller auf den Markt als VW oder BMW. Das Konzept basiert auf wenigen Elementen:

  • Deutlich kürzere Entscheidungsphasen
  • Parallele Entwicklung von Software und Hardware
  • Weniger Bauteile: Begrenzung auf das Wesentliche.
  • Nutzenorientierung im Kundensinne, d. h. Funktionen, die der Kunde wirklich nutzt.

Das Ergebnis ist ein Preis, der bis zu 30 Prozent unter dem der deutschen Konkurrenz liegt – und das bei vergleichbarer Technik. Für deutsche Manager wird dies zur großen Herausforderung.

"Denn wer nicht mit dem China-Spirit mithält, könnte bald zum reinen Lieferanten der Hülle für technologischen Fortschritt absteigen. Das gilt auch für die Ingenieure aus der alten Welt."

VDI-Nachrichten [4]

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther kritisierte [5] Ende letzten Jahres die deutsche Autoindustrie. Anlass ist das Scheitern des Akkufabrik-Projekts von Northvolt in Heide, das aus seiner Sicht Schwächen in der strategischen Ausrichtung der Branche offenlegt. Er wirft den Konzernen mangelndes Engagement beim Aufbau einer Batterieproduktion in Deutschland vor und warnt vor langfristigen Folgen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-11254065

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.econstor.eu/bitstream/10419/339610/1/1967625808.pdf
[2] https://www.presseportal.de/pm/32053/6234997
[3] https://2936738.fs1.hubspotusercontent-na1.net/hubfs/2936738/07_presse/Roland%20Berger%20Report_China%20Speed.pdf
[4] https://www.vdi-nachrichten.com/technik/mobilitaet/china-entwickelt-automodelle-im-eiltempo/
[5] https://ecomento.de/2025/12/22/zu-wenig-batterien-aus-deutschland-schleswig-holsteins-ministerpraesident-kritisiert-autobauer/

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Nach Artemis II: Was kommt als Nächstes auf dem Weg zum Mond?

Von Marcel Kunzmann — 14. April 2026 um 06:00
Eine Rakete vor Sternemhimmel

Künstlerische Darstellung des Space Launch System: Artemis 2 war relativ einfach im Vergleich zu dem, was kommt

(Bild: Dima Zel/Shutterstock.com)

Die erste bemannte Mondumrundung seit 1972 ist geglückt. Doch die größten Herausforderungen stehen Nasa erst noch bevor. Wie geht es jetzt weiter im Programm?

Am Freitagabend wasserte die Orion-Kapsel mit vier Astronauten sicher im Pazifik vor der Küste Kaliforniens. Nach zehn Tagen und rund 1,1 Millionen Kilometern Flugstrecke um den Mond endete [1] mit der Artemis-2-Mission die erste bemannte Reise zum Mond seit Apollo 17 im Jahr 1972 mit einer Bilderbuchlandung.

Ein Erfolg, der bei Nasa und ihren internationalen Partnern für Erleichterung sorgte. Doch hinter den Kulissen richtet sich der Blick bereits nach vorn, und die kommenden Schritte sind um ein Vielfaches komplexer.

"Die Arbeit, die vor uns liegt, ist größer als die, die hinter uns liegt", sagte der stellvertretender Nasa-Leiter Amit Kshatriya nach der Landung am Freitag.

Artemis 3: Testmission im Erdorbit

Ursprünglich sollte Artemis 3 Astronauten auf die Mondoberfläche bringen. Doch Anfang März verkündete [2] Nasa-Administrator Jared Isaacman eine grundlegende Planänderung: Artemis 3 wird nun im Erdorbit stattfinden und dort das Andocken der Orion-Kapsel an eine oder beide privat entwickelten Landefähren testen – das Starship von SpaceX und Blue Moon von Blue Origin. Der Start ist für Mitte 2027 geplant.

Die erste bemannte Mondlandung des Artemis-Programms verschiebt sich damit auf Artemis 4, voraussichtlich Ende 2028, wenn Astronauten in der Nähe des Mond-Südpols aufsetzen sollen.

Bereits vor der Rückkehr von Artemis 2 fand laut Isaacman die "erste hochrangige Designbesprechung für Artemis 3" statt. Ob die Mission in einem niedrigen oder hohen Erdorbit stattfinden wird, sei jedoch noch offen [3]. "Es gibt Vor- und Nachteile für beide Optionen", so Isaacman. Die Entscheidung hänge unter anderem von der Startkadenz der beiden Landefähren-Anbieter ab.

Teile der SLS-Rakete für Artemis 3 befinden sich laut Kshatriya bereits am Startgelände im Kennedy Space Center in Florida, weitere sollen noch im April aus der Montagehalle in Louisiana verschifft werden. Auch die Namen der Artemis-3-Crew sollen "bald" bekanntgegeben werden.

Technische Baustellen bei Orion und SLS

Obwohl Artemis 2 als Erfolg gewertet wird, traten während der Mission Probleme auf, die vor den nächsten Flügen gelöst werden müssen.

Im Antriebssystem des in Europa entwickelten Orion-Servicemoduls wurde ein Heliumleck festgestellt. Das Helium wird verwendet, um Treibstoff aus den Tanks in die Triebwerke zu drücken.

Die beobachtete Leckrate sei zwar noch akzeptabel gewesen, werde aber laut Kshatriya "wahrscheinlich zu einem umfassenden Neudesign des Ventilsystems führen". Für eine Erdorbitmission wie Artemis 3 sei das Problem beherrschbar, für eine Mondorbitmission wie Artemis 4 müsse es jedoch zwingend behoben werden.

Auch die Bordtoilette der Orion-Kapsel bereitete während des Flugs Schwierigkeiten und könnte Anpassungen erfordern. Beim Hitzeschild plant die Nasa bereits ab dem nächsten Raumschiff eine verbesserte, durchlässigere Variante einzusetzen.

Die SLS-Rakete selbst habe laut mehreren Nasa-Verantwortlichen bei Artemis 2 hervorragend funktioniert und die Zielumlaufbahn mit über 99 Prozent Genauigkeit getroffen. Allerdings steht nur noch eine einzige Oberstufe des bisherigen Typs zur Verfügung. Ob diese für Artemis 3 oder erst für Artemis 4 eingesetzt wird, ist noch nicht entschieden. Ab Artemis 5 soll eine neue Centaur-V-Oberstufe zum Einsatz kommen.

Die größte Hürde: Die privat entwickelten Landefähren

Die mit Abstand größte Herausforderung für das gesamte Programm stellen die Mondlandefähren dar, wie das Technologieportal Ars Technica hervorhebt [4]. Weder das Starship von SpaceX noch Blue Origins Blue Moon haben bisher ihre Tauglichkeit für bemannte Mondmissionen unter Beweis gestellt.

Starship hat bislang elf suborbitale Testflüge absolviert, die letzten beiden davon erfolgreich. Doch das Raumschiff hat noch nie den Orbit erreicht, keine Betankung im All demonstriert – eine Voraussetzung für Mond- und Marsmissionen – und verfügt noch über kein Lebenserhaltungssystem. Blue Moon ist bisher überhaupt nicht geflogen.

Lori Glaze, Nasas Leiterin für Exploration, sagte gegenüber Ars Technica, beide Unternehmen zeigten "echtes Engagement". Dennoch sei der Weg von den aktuellen Prototypen zu zertifizierten, bemannten Landefahrzeugen noch weit.

Beide Firmen müssen den umfangreichen "Human Rating"-Prozess der Nasa durchlaufen, bevor ihre Fahrzeuge an Orion andocken dürfen. Selbst die Angleichung des Kabinendrucks zwischen zwei Raumfahrzeugen sei dabei keine triviale Aufgabe. All dies innerhalb von 12 bis 18 Monaten zu schaffen, werde laut Ars Technica "ein schwieriger Anstieg".

Für Artemis 4 kommen weitere Hürden hinzu: SpaceX muss die orbitale Betankung des Starship nicht nur testen, sondern effizient beherrschen. Blue Origin muss eine leistungsfähigere Version seiner noch ungetesteten Blue-Moon-Landefähre entwickeln. Beide Unternehmen müssen zudem lernen, im Mondorbit zu operieren, auf der Mondoberfläche zu landen und wieder abzuheben.

Raumanzüge: Nur ein Anbieter übrig

Auch bei den Raumanzügen gibt es Engpässe. Das Unternehmen Axiom Space ist derzeit der einzige Anbieter für Mondanzüge, nachdem Collins Aerospace 2024 aus dem Programm ausgestiegen war.

Der sogenannte AxEMU-Anzug hat im vergangenen August drei bemannte Unterwassertests bestanden, doch über den genauen Entwicklungsstand ist wenig bekannt. Isaacman hat den Wunsch geäußert, bereits bei Artemis 3 mindestens einen AxEMU-Anzug in der Schwerelosigkeit zu testen.

Kommerzielle Mondlandungen und der Weg zur Mondbasis

Parallel zu den bemannten Missionen setzt Nasa auf kommerzielle Unternehmen, die im Rahmen des CLPS-Programms (Commercial Lunar Payload Services) kleinere Nutzlasten zum Mond bringen.

Von den bisherigen Versuchen scheiterte Astrobotics Mission, Fireflys gelang, und Intuitive Machines verzeichnete einen weitgehend erfolgreichen sowie einen weitgehend gescheiterten Flug. Bis zu vier weitere CLPS-Missionen könnten in den nächsten zwölf Monaten starten.

Diese kommerziellen Lander sind zwar nicht entscheidend für die ersten bemannten Mondlandungen, aber unverzichtbar für den langfristigen Plan: den Aufbau einer permanenten Mondbasis. Isaacman stellte dafür kürzlich bei einer Veranstaltung in Washington einen Dreiphasenplan vor. Bis 2032 soll eine bewohnte Station auf der Mondoberfläche entstehen, die als Sprungbrett für spätere Marsmissionen dienen soll.

Ein langer Weg mit vielen Unbekannten

Die Artemis-2-Mission hat gezeigt, dass die Nasa in der Lage ist, Menschen sicher zum Mond und zurück zu bringen. Doch wie Ars Technica nüchtern bilanziert, war dieser Flug "die am niedrigsten hängende Frucht des Artemis-Programms". Was folgt, erfordert das Zusammenspiel mehrerer Fahrzeuge, unerprobte Technologien und letztlich die Landung auf einem anderen Himmelskörper.

"Das ist erst der Anfang", sagte Isaacman unmittelbar nach der Wasserlandung am Freitag. "Wir werden regelmäßig Missionen zum Mond schicken, bis wir 2028 dort landen und mit dem Bau unserer Basis beginnen."

Ob dieser ehrgeizige Zeitplan eingehalten werden kann, hängt vor allem davon ab, wie schnell SpaceX und Blue Origin ihre Landefähren einsatzbereit machen – und ob die zahlreichen technischen Hürden rechtzeitig überwunden werden können. Die Menschheit hat noch nie einen Außenposten auf einem anderen Himmelskörper errichtet.

Dass dies kein leichtes Unterfangen wird, darüber sind sich alle Beteiligten einig. Doch die Zeit drängt: China steht bereits in den Startlöchern und hat dieses Jahr einen erfolgreichen Test seiner Mondrakete und des zugehörigen Crewmoduls abgeschlossen [5].


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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-raumfahrt-artemis-104.html
[2] https://x.com/NASAAdmin/status/2028958216218874175
[3] https://www.space.com/space-exploration/artemis/nasa-is-overhauling-its-artemis-program-what-does-that-mean-for-humanitys-return-to-the-moon
[4] https://arstechnica.com/space/2026/04/the-artemis-ii-mission-has-ended-where-does-nasa-go-from-here/
[5] https://www.universetoday.com/articles/china-successfully-tests-their-new-rocket-and-lunar-crew-capsule-placing-them-on-track-to-reach-the

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