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Noch ist die Liste der Atomkraftwerke in Afrika ziemlich übersichtlich. Doch das dürfte sich bald ändern. Eine neue Technik spielt dabei eine besondere Rolle.
Derzeit betreibt Südafrika das einzige [1] in Betrieb befindliche Atomkraftwerk in Koeberg [2] bei Kapstadt mit zwei Reaktorblöcken, die 1.854 MW leisten.
Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) zählt [3] jedoch mittlerweile 16 weitere afrikanische Länder auf, die Atomkraftwerke bauen oder bauen wollen: Ägypten, Algerien, Äthiopien, Burkina Faso, Ghana, Kenia, Marokko, Niger, Nigeria, Ruanda, Senegal, Sudan, Tansania, Tunesien, Uganda und Sambia.
Und diese Liste ist nicht einmal vollständig. Denn inzwischen verfolgen auch Mali [4] und Namibia [5] solche Pläne. Allerdings sind die meisten dieser Vorhaben bloße Absichtserklärungen und haben derzeit das Stadium konkreter Planungen noch nicht erreicht.
Derzeit baut der russische Staatskonzern Rosatom das größte Nuklearprojekt auf dem Kontinent, das Großkraftwerk El Dabaa [6] in Ägypten. Einmal fertiggestellt sollen dort vier russische WER-1200 Reaktoren der dritten Generation je 1.200 MW liefern.
Der russische Konzern hat überdies Rahmenabkommen oder Absichtserklärungen mit über einem Dutzend afrikanischer Staaten unterzeichnet (u.a. Nigeria, Kenia, Äthiopien [7], und Sambia). Auch Nigers [8] Bergbauminister Ousmane Abarchi gab die Pläne bekannt, zwei 2.000-Megawatt-Kernreaktoren in Partnerschaft mit Rosatom zu errichten. Die Militärjunta in Niamey unterhält gute Verbindungen zum Kreml.
Dies ist vor allem die Folge von mehreren diplomatischen Coups, die Moskau auf seinem ersten Atomgipfel [9] gelungen sind. Den Gipfel hatte der staatliche Energiekonzern Rosatom Ende September 2025 ausgerichtet.
Bedeutend ist Atomkraft nicht nur als Exportschlager, denn Bau und Betrieb der Reaktoren verlangen überdies nach langfristigen und stabilen politischen Beziehungen: Der Bau eines Atomkraftwerks dauert zehn Jahre, seine Lebensdauer beträgt etwa 60 Jahre. Die Stilllegung der radioaktiven Reaktoren benötigt weitere 10 bis 20 Jahre.
Derartige (Geschäfts-)Beziehungen reichen also selbst über die langlaufenden Verträge für Pipeline-Liefergeschäfte hinaus.
Es ist also nicht übertrieben, wenn man annimmt, dass ein Land, das ein Atomkraftwerk importiert sich auf eine Partnerschaft einlässt, die bis zu hundert Jahre dauern kann. Denn es geht nicht nur um den Bau der Anlagen. Es geht um das gesamte nukleare "Ökosystem" und seine hochspezifischen Voraussetzungen vor allem für Ersatzteillieferungen.
Auch Peking baut seine nuklearen Kooperationen mit afrikanischen Ländern stetig aus [10]. So besteht schon seit 2015 ein Rahmenabkommen mit Kenia. Demnach will China bis 2034 einen 1.000 MW Atomkraftwerk für das ostafrikanische Land fertigstellen.
Die taz hat schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen [11], dass Peking 2016 eine Übereinkunft mit dem Sudan getroffen hat, zwei Reaktoren mit je 600 MW Leistung zu errichten. Deren Bau hat allerdings bis heute nicht begonnen [12]. Auch zwischen Kairo und Peking existiert [13] bereits seit 2015 eine Vereinbarung, die sich jedoch auf Forschung und Entwicklung beschränkt.
Neueren Datums sind die Atommemoranden, die China mit Nigeria (2024) und Südafrika (2025) abgestimmt hat. So will die China National Nuclear Corporation (CNNC) in Nigeria in den 2030er Jahren Atomkraftwerke in Betrieb nehmen. Und auch in Ghana soll ein Hualong One Reaktor gebaut werden.
Bedeutender ist die 2025 eingeleitete chinesische-südafrikanische Nuklearkooperation. Darüber hinaus geht es um die angestrebte Verlängerung des Betriebs des SAFARI-1-Reaktors im Kernforschungszentrum Pelindaba. Auch sind Planungen für einen neuen Mehrzweckreaktor sind im Gange, für das es jedoch weiterer Investitionen bedarf.
Aber es geht überdies um den Kernbrennstoffkreislauf (Wiederaufarbeitung), den Einsatz kleiner modularer Reaktoren und die Zusammenarbeit bei Brennstoffen wie schwach angereichertem Uran zu fördern.
Der kenianische Präsident William Ruto hat Pläne vorgestellt, nach denen das ostafrikanische Land seine Energieproduktion in den nächsten Jahren um zehn Gigawatt ausbauen will, davon drei GW Atomenergie. Im Zentrum dieser Planungen steht ein 2.000 MW Kernkraftwerk, das bis 2034 im Landkreis Siaya [14] bei Kisumu am Victoriasee errichtet werden soll.
Ein Projekt an der Küste des Indischen Ozeans in Kilifi bei Mombasa ist wegen Anwohnerprotesten bereits aufgegeben [15] worden. Auch am neuen Standort regt sich bereits Widerstand [16] der vergleichsweise gut organisierten kenianischen Zivilgesellschaft.
Die Kosten für das Projekt werden derzeit auf 646 Mrd. kenianische Shilling beziffert [17]. Nach aktuellem Wechselkurs sind knapp fünf Mrd. US-Dollar. Im Endeffekt dürfte das Projekt wesentlich teurer werden, da die Kosten solcher Investitionen im Verlauf der Projektlaufzeit stetig steigen und der Schilling gegenüber westlichen Währungen ebenso stetig an Wert verliert.
Deshalb werden immer häufiger kleine modulare Reaktoren (Small Modular Reactor, SMR) ins Spiel gebracht. Mit der Skalierbarkeit der Gewinnung von Atomstrom auch außerhalb militärischer Anwendungen, steht mittlerweile eine ganze Palette von Anlagen zur Verfügung.
Die kleinsten Anlagen (Nano Nuclear Energy [18]) sind schon ab etwa 25 Millionen US-Dollar zu haben und sind teilweise sogar mobil. Aber sie liefern auch nur etwa 1 bis 1,5 MW, deutlich weniger als ein großes Windrad. Die Palette endet bei formidablen Atomkraftwerken, die zum Beispiel 125 MW (Linglong One [19]; etwa 700. Mio. US-Dollar) oder 300 MW (Westinghouse AP300 [20]; ca. eine Milliarde US-Dollar).
Obwohl immer noch teuer und kompliziert, sind solche Meiler viel erschwinglicher für Entwicklungs- und Schwellenländer als die riesigen herkömmlichen AKWs. Auch können sie den Energiebedürfnissen besser angepasst werden.
Und inzwischen ist es selbstverständlich, dass kleinere Staaten sich an alle Seiten wenden, um möglichst vorteilhafte Konditionen herauszuschlagen. So kooperiert Ghana nicht nur mit China, sondern treibt auch Pläne für die Nutzung von SMRs voran. Und die will Accra im Westen kaufen.
2024 haben die Projektgesellschaft Nuclear Power Ghana und die Regnum Technology Group ein Handelsabkommen unterzeichnet [21], das die Lieferung eines NuScale VOYGR-12 [22]-Kraftwerks vorsieht, das aus zwölf einzelnen Modulen besteht. Deren Gesamtleistung erreicht etwa 925 MW.
Erst im Mai hat Ruanda ein Abkommen mit den USA zur zivilen Nutzung von Atomenergie geschlossen [23]. Demnach soll Holtec International in den 2030er Jahren SMRs mit 300 MW Leistung in Betrieb nehmen. Parallel dazu unterhält [24] Kigali weiterhin F&E-Kontakte zu Russland.
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Ob Jobabbau oder Softwarefehler: Gerne machen wir Algorithmen zum Sündenbock. Doch hinter jeder Entscheidung steht am Ende ein Mensch.
"Die Künstliche Intelligenz kostet Jobs", "Das war die KI", "Wir können nichts tun. Der Computer ist schuld", das sind nur wenige der Ausreden, die oft genutzt werden. Wir verlernen dabei, dass fast ausschließlich menschliche Entscheidungen und Anordnungen die jeweilige Sachlage ausgelöst haben.
Die wohlfeilen Ausreden helfen uns, die persönliche Verantwortung beiseitezuschieben. Es geht nicht um die Frage der Integration der KI in immer mehr Lebensbereiche. Es geht darum, wie wir es tun.
Personalberater beklagen sich oft, dass sie trotz des oft zitierten Fachkräftemangels keine Arbeitsstelle für hochqualifizierte Bewerber aus der Altersklasse 50+ finden. Es heißt dann regelmäßig, dass die Lebensläufe dieser Bewerber schon im Vorfeld durch die KI aussortiert werden. Offiziell zugeben möchte das niemand. Schließlich sollte das Aussortieren von Bewerbern nicht nach diskriminierenden Maßstäben und erst recht nicht maschinell geschehen.
Kein KI-System wird so eine Entscheidung treffen, ohne dass vorher die Parameter entsprechend gestellt wurden. Das Einzige, was die KI in diesem Fall machen kann, ist, den gesamten Ablehnungsvorgang zu beschleunigen.
Außerdem müssen sich die abgewiesenen Bewerber die Frage stellen, wie glücklich sie bei einem Unternehmen wären, das die Altersdiskriminierung wortwörtlich im Programm hat.
Um im Jargon der beginnenden Fußball-WM zu bleiben, der Ball liegt in diesem Fall auch bei den Medien. Ihnen obliegt – ob mit oder ohne KI-Einsatz – die Aufgabe aufzuzeigen, ob die jeweils jammernden Unternehmen unter einem wirklichen Fachkräftemangel leiden. Schließlich muss die Politik entscheiden, wie sie die verlangte Verlängerung von Lebensarbeitszeiten real ermöglicht und wie sie Altersdiskriminierung nachhaltig unterbindet.
In dieser Kategorie, der Arbeitskräftevermittlung, hat die griechische Regierung, respektive das Arbeitsministerium wahrlich Unnachahmliches geleistet. Auch bei den unter Geburtenmangel leidenden Hellenen gibt es Bedarf für längere Lebensarbeitszeiten.
Um die Beschäftigung zu fördern, nutzte das Arbeitsministerium Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Es wurden mit Fördermitteln bezahlte Arbeitsplatzberater eingestellt, die zum Beispiel Langzeitarbeitslose ab 30 in geförderte Arbeitsverhältnisse vermittelten.
Die Fördermittel laufen aus. Ab Juli kommt daher eine – mit EU-Mitteln subventionierte KI-basierte Softwarelösung zum Einsatz. Sie übernimmt ab Juli die Aufgaben der in die Arbeitslosigkeit entlassenen Berater.
Bevor die Berater am 30. Juni ihren letzten Arbeitstag haben, steht ihnen noch etwas bevor. Sie werden in der Benutzung und Betreuung der neuen KI-Systeme geschult. Mit Fördermitteln und mit externen, vom Ministerium engagierten Schulungskräften.
Für Ökonomen liegt hier ein Automatisierungsparadox vor. Um Arbeitsplätze effizienter zu machen, investiert man in Technologien. Diese machen langfristig diese Arbeitsplätze obsolet. Es sei denn, man nutzt die Erfahrung und die freiwerdenden Kapazitäten der Menschen, um neue, produktivere Tätigkeiten oder mehr Effizienz zu ermöglichen. So, wie die Regierung verfährt, wird jedoch nur erneut Arbeitslosigkeit erzeugt.
In absehbarer Zeit stehen Wahlen bevor. Seitens der Regierung wird deshalb avisiert, neue Arbeitsplätze für die Entlassenen zu schaffen. Dabei ist das "für" mehr als fraglich. Denn erste intern bekannte Ausschreibungsversionen setzen eine längere Arbeitslosigkeit als Einstellungsbedingung voraus.
Zudem sollen Lebenslauf und eventuelle akademische Qualifikationen nur zu vierzig Prozent ins Gewicht fallen. Den Löwenanteil für die Entscheidung macht mit sechzig Prozent das Vorstellungsgespräch aus. Ein Schelm, wer hier an die Versorgung potenzieller Wähler denkt.
In diesem gesamten Chaos wird der eigentliche Sinn der Förderung vergessen. Niemand stellt sich die Frage, ob Langzeitarbeitslose, pauschal über genügend Kenntnisse verfügen, um niederschwellig mit moderner KI umzugehen. Wobei mit "niemand" sowohl die griechische Regierung als auch die dieses Oxymoron finanziell ermöglichende Europäische Union gemeint ist.
Festzuhalten bleibt, dass die betreffenden Arbeitsplätze nicht durch die KI, sondern allein durch politische Entscheidungen verloren gehen.
Die griechische Regierung sorgt auch an anderer Stelle für ein unerwartetes Ergebnis der Digitalisierung. Nahezu pünktlich zur Geburtstagsfeier für sechs Jahre digitales Staatswesen, gov.gr, sorgt ein staatlicher Computerfehler bei rund 25.000 Kleinunternehmern für Chaos.
Die einheitliche elektronische Sozialversicherungskasse e-EFKA bekam eine neue, modernere Software. Das wurde am 2. Juni mit einer Präsentation gefeiert. Damit soll nun in naher Zukunft das komplette Arbeitsleben der Griechen – auch aus analoger Zeit – digital abrufbar und dann komplett per KI verarbeitbar sein. Rentenberechnungen und Zahlungen sind damit erheblich schneller möglich.
Leider hat das neue EDV-System einen tragischen Fehler. Eventuell falsch gesetzte Parameter und eine Verzögerung in der Datenerfassung sorgen dafür, dass rund 25.000 Kleinunternehmer, die gleichzeitig einer abhängigen Beschäftigung nachgehen, nun ohne jede Schuld als Schuldner geführt werden.
Sie müssten theoretisch erneut für November und Dezember 2025 die kompletten Versicherungsbeiträge zahlen, obwohl dies gesetzeskonform mit dem jeweiligen Haupterwerbsjob abgegolten sein soll.
Der Computerfehler scheint simpel zu sein. Man hat die parallelen Beschäftigungsverhältnisse nicht korrekt erfasst. Gleichzeitig aber gibt es keine Möglichkeit die automatische Sanktionierung von Versicherungsschulden abzuschalten. So erhielten die 25.000 Betroffenen eine verbindliche Zahlungsaufforderung, deren erste Rate schon am 29. Mai ablief.
Der Versicherungsträger hat per Ankündigung darüber informiert, dass die Beträge nicht gezahlt werden müssen. Trotzdem können die Phantomschuldner nun keine Bestätigung erhalten, dass ihre Beiträge ordnungsgemäß bezahlt wurden. Diese Bescheinigung ist jedoch für einige Rechtsgeschäfte Pflicht. So heißt es nun – abwarten.
Am vergangenen Dienstag freute sich der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis bei der Geburtstagsfeier von gov.gr, dass ChatGPT die nächsten Parlamentswahlen in Griechenland 2027, und damit am Ende der Legislaturperiode erwarten würde.
Der Premier steht wegen einer Reihe von Skandalen und Affären unter Druck. Die Umfragewerte für seine Partei sinken und sind weit von der 2023 erreichten absoluten Parlamentsmehrheit entfernt. Mitsotakis nutzte die KI-Aussage, um hartnäckigen Gerüchten zu vorgezogenen Neuwahlen entgegenzuwirken.
Mit dem vom Premier zitierten Prompt gibt es jedoch auch zusätzliche Informationen. Gerade der zweite Teil von ChatGPTs Antwort dürfte dem Regierungschef nicht gefallen:
"Die nächsten Parlamentswahlen in Griechenland werden üblicherweise 2027 erwartet, da die letzten Wahlen im Juni 2023 stattfanden und die Legislaturperiode vier Jahre beträgt. Natürlich sind vorgezogene Neuwahlen in der griechischen Politik fast schon Tradition, daher können sie theoretisch auch früher angesetzt werden, wenn es zu gravierenden politischen Entwicklungen kommt."
ChatGPT schließt die in Griechenland üblichen vorgezogenen Neuwahlen explizit nicht aus. Zwar gibt es bei erneuter Eingabe des gleichen Prompts leichte Variationen der Antwort. Jedoch gibt es auch nach zehn Versuchen kein einziges Mal eine Version, die wie vom Premier insinuiert, einen vorgezogenen Wahltermin ausschließt.
Die großen Sprachmodelle (LLMs) sind nicht immer so ehrlich mit uns. Sie neigen dazu, uns zu schmeicheln. Der Sozialwissenschaftler Marko Kovic warnt [1] daher in seiner jüngsten, sehr lesenswerten Kolumne vor einem Abbau der Sozialkompetenz durch KI-Benutzung. Kovic verweist dafür auf einschlägige Studien.
Wenn man sich zu sehr auf die Chat-Bots einlässt und verlässt, dann wird es gefährlich. Eine Lehre, die man sich für alle Aspekte der neuen Technologien zu Herzen nehmen sollte. So klagen aktuell wieder vermehrt Youtube-Kanal-Betreiber über eine erneute Demonetarisierungswelle [2].
Die zu Googles Imperium Alphabet gehörende Videoplattform setzt KI ein um KI-Slop [3] oder was als solcher eingestuft wird und "nicht authentischen Inhalt" herauszufiltern. Dass Google selbst KI-Tools im Programm hat und bei Youtube explizit selbst anbietet, ist in diesem Fall ein interessantes Detail.
Entsprechende Videos und Kanäle werden dabei nicht abgeschaltet. Ihnen wird schlicht die Möglichkeit genommen, über entsprechend hohe Klickzahlen eine Bezahlung für ihre Inhalte zu bekommen. Darüber, inwieweit die aktuellen Maßnahmen von Youtube [4] gerechtfertigt sind oder nicht, gibt es kontroverse Diskussionen.
Es ist aber nicht das erste Mal, dass die Videoplattform die Regeln ändert. So mussten vor knapp dreieinhalb Jahren Nutzer mit Videos in denen geflucht wird auf Einnahmen verzichten [5].
Ob es sich lohnt gegen die oft als Zensur empfundene Demonetarisierung zu klagen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Dazu sollte man aber lieber einen Anwalt konsultieren, statt sich allein auf einen informativen Dialog mit ChatGPT zu verlassen.
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Wohin geht die deutsche Sozialpolitik unter Merz?
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Sanktionen, Streichungen, Schikanen: Was bleibt von einem Sozialstaat, der seine Schwächsten unter Generalverdacht stellt? Ein Kommentar.
Die Ästhetik der Härte ist zurück: Unter der Merz-Koalition erlebt die Agenda aus arbeitsmarktpolitischer Gängelung, Arbeitszwang und Leistungsideologie eine konsequente Neuauflage.
Die zugespitzte Fortsetzung der Agenda 2010 [1] – nur verschärft, unverblümter, ideologisch aufgeladen, rhetorisch unbeholfen-nackter. Die unbeliebteste Bundesregierung aller Zeiten [2] regiert nicht nur am Puls der Krise vorbei – sie nutzt sie politisch [3]. Die Agenda 2030 [4] als Klassenkampf von oben?
Ob unterkühlter Umgangston gegenüber einer krebskranken Frau [5], die köchelnde Debatte um Abgeordnetendiäten [6] oder Merz' Stolz, qua Geburt privatversichert [7]gewesen zu sein – das Bild ist konsistent: eine Regierung ohne Draht [8]zur Lebensrealität der Deutschen. Linken-Chef Jan van Aken brachte [9] es auf dem Chemnitzer Parteitag auf den Punkt: Merz sei ein "abgehobener Kanzler".
Dabei blieb die eigene Arbeitsbilanz [10] nach einem Jahr Regierung mager: nur rund 190 Gesetze und Maßnahmen, weit hinter den Reformerwartungen, kein Sitz im UN-Sicherheitsrat [11], geopolitischer Niedergang, wirtschaftliche Depression. Doch die Koalition predigt weiterhin unablässig – wie ein vom evangelischen Arbeitseifer ergriffener Priester, Verzicht [12] und Mehrarbeit.
Merz' Auftritt auf dem CDU-Wirtschaftstag im Mai 2025 [13], dort sprach er davon, dass wieder mehr und härter gearbeitet werden müsse, markierte nicht etwa den Abschluss einer rhetorischen Spirale – sondern deren Beginn. In der ersten Regierungserklärung vom 14. Mai 2025 wurde nachgelegt [14]: "Leistung müsse sich wieder lohnen." Ein Satz, wie eine Drohung.
Besonders im Visier: der erkämpfte Acht-Stunden-Tag, Überstunden, Krankheitstage [15]. Merz schwamm dabei im Fahrwasser europäischer Geistesbrüder – ÖVP-Kanzler Kurz verankerte [16] in Österreich den Zwölf-Stunden-Tag, das wirtschaftlich strangulierte Griechenland sogar dreizehn Stunden [17].
Merz rief [18] zur Mehrarbeit auf – ausgerechnet mit Verweis auf die Schweiz, einem Land, das in Europa kaum auf Basis seiner Lage, seiner vermeintlichen Neutralität oder seiner wirtschaftlichen Finanzstellung, ein Vergleichswert ist.
Nach massiver Kritik ruderte [19]Merz zwar in Teilen zurück – im Kern bleibt er seinen Forderungen treu. Doch seine rhetorischen Entgleisungen sind keine Ausrutscher, sondern ideologische Programmatik: Schon 2024 hatte er dem Bürgergeld vorgeworfen [20], "falsche Anreize" zu setzen. Der Subtext war unmissverständlich: Wer keine Arbeit hat, will keine finden, liebt die soziale Hängematte. Dabei suchen heute wie damalig [21] so viele Menschen eine Stelle wie noch nie – während die Zahl offener Stellen rapide sinkt. [22]
Der eigentliche Angriff gilt nicht nur den Beschäftigten – sondern auch jenen ohne aktuelle Verwertungsmöglichkeit. Als direkter Druckfaktor auf Löhne, Krankheitstage und Rechtsforderungen der Beschäftigten fungiert [23] die industrielle Reservearmee als Hebel.
Zum 1. Juni 2026 trat die entscheidende Reform [24]in Kraft: Das Bürgergeld wurde zur "Grundsicherung für Arbeitsuchende." Eine Rückkehr zu "Fördern und Fordern" – und eine deutliche Verschärfung: das finanzielle Schonvermögen wird eingeschränkt, Sanktionen greifen schneller [25], Schutzregelungen entfallen [26].
Sozialverbände kritisieren [27] die Novelle massiv. Zwei Einschnitte stechen heraus: Das Schlichtungsverfahren beim Streit mit dem Jobcenter entfällt – obwohl es bundesweit jährlich rund 500.000 Widersprüche und 53.000 Klagen gibt [28]. Und: Das Jobcenter kann künftig die Mietzahlung verweigern [29]– ein Urteil zur faktischen Obdachlosigkeit.
Jene Politik folgt einer bestimmten Logik: Abbau des sozialpartnerschaftlichen Korporatismus, Aktivierung statt Absicherung, Disziplinierung statt Teilhabe. Unter dem Eindruck einer zur Kriegswirtschaft tendierenden Volkswirtscha [30]ft – eingebettet in einen europäischen Rüstungskapitalismus [31]– muss auf "Sozialklimbim" verzichtet werden.
Der Staatshaushalt wird durch Aufrüstung massiv belastet, Gelder fehlen an allen Ecken. Hinter den Umbaumaßnahmen verbirgt sich dennoch eine weitere Dimension: Disziplinierung, Druck – die Herstellung einer Heimatfront für ein stark-militarisiertes Deutschland.
In der Melange aus verdichteter Arbeitszeit, höherer Erwerbsbeteiligungsquote und repressiver Disziplinierung der Ausgestoßenen werden [32] nicht nur billige Arbeitskräfte verfügbar gehalten, sondern auch soziale Grundrechte zur Verhandlungsmasse degradiert. Die deutschen Regelungen des 1. Juni sind die heimische Variante der Mileischen Reformen in Argentinien [33], des Trumpschen Staatsumbaus oder der französischen Kürzungspolitik, noch auf niederer Intensität.
Die konsequenteste Umsetzung liefert [34] ausgerechnet ein SPD-regierter Landkreis: In Nordhausen werden [35] seit Ende 2025 unter SPD-Landrat Matthias Jendricke [36] arbeitsfähige Bürgergeld-Empfänger unter 25 Jahren zu gemeinnützigen Tätigkeiten herangezogen – bei Weigerung droht Vollsanktionierung, bei Einsatz ein haftähnlicher Stundenlohn von 1,20 Euro [37]. Medial wird das Gruselexperiment als Sozialprojekt gefeiert.
Das mecklenburgische Schwerin wollte nachziehen – mit einem bedeutenden Unterschied: dort sollten gleich alle Jobsuchenden ohne Altersgrenze als Ein-Euro-Kräfte eingesetzt [38] werden können und auch Asylsuchende ausgebeutet werden, aktuell ist nach rechtlichen Bedenken offen, ob es dazu noch kommen wird.
Fakt bleibt: Mit solchen, im vorauseilenden Gehorsam verfassten Maßnahmen wird die arbeitsrechtliche Mindestsicherung auf historisches Steinzeit-Niveau zurückgeworfen und der Boden für eine militarisierte, kommunale Kommandowirtschaft bereitet.
Das Feindbild der Faulen ist somit vorerst zementiert – eine bekannte Formel aus dem Werkzeugkasten von Reaganomics und Thatcherismus, die soziale Unterschiede durch moralische Frontstellung zu nivellieren suchten. Merz konnte auf ein bestehendes Amalgam – einer Mischung aus faschistischem Erbe und ideologischem BRD-Sozialkorporatismus-Kitsch der Unterteiling in Strebsam und Arbeitsscheu rekurrieren.
Erstaunlich bleibt, wie erfolgreich der Diskurs dennoch verschoben wurde: Der breite gesellschaftliche Aufschrei blieb bisher aus. Im Angesicht geopolitischer Verwerfungen – Krieg, ausfallende Energielieferanten, verschärfte Rivalität mit China, Niedergang des EU-Binnenmarktes – wird es immer wahrscheinlicher, dass breitere Kreise von Jobverlust betroffen sein werden. Massenproteste wie gegen die Agenda 2010 wären folgerichtig.
Die wahren Motive liegen derweil leicht verschleiert: Wenn Standortkonkurrenz und stagnierende Wachstumsraten die Profitraten drücken [39], geben Unternehmen diesen Druck weiter – an Beschäftigte oder per Inflation und Preisaufschlag an Kunden. Forderungen nach niedrigeren Löhnen, höherer Produktivität und flexibleren Arbeitszeiten sind die Kehrseite einer kriselnden Wirtschaft.
Staatsnahe Expertenstimmen sprechen den Merz-Maßnahmen derweil im eigenen Feld die Wirkung ab: Arbeitsmarktforscher Joachim Wolff bezweifelt [40] nach eingehenden Studien, dass Sanktionen Arbeitsanreize schaffen.
Die Bertelsmann-Studie aus 2025 verweist [41] auf den hohen Anteil Chronischkranker und familiär Gebundener unter Arbeitssuchenden. Die OECD betont [42] das Qualifikations-Mismatch: Offene Stellen sind nicht per se passende Stellen.
Man darf gespannt sein, ob diese Sozialpolitik den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der AfD auch nur eine Sekunde verlangsamt – ob sie Vertrauen in Staat und Politik wiederherstellt – und ob soziale Proteste nun an Fahrt gewinnen. Die Linke und der DGB versuchten [43] sich zuletzt weitgehend erfolglos an deren halbherziger Entzündung.
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Ermittlungen wegen Rechtsbeugung in Derbyshire – zeitgleich startet die Regierung ihr 75-Millionen-Pfund-Programm PoliceAI.
Gegen einen Polizisten der britischen Polizei in Derbyshire wird wegen des Verdachts der Rechtsbeugung (im Original: perverting the course of justice) ermittelt, da er in mehreren Fällen Beweismaterial mithilfe von KI-Systemen gefälscht haben soll.
Wie die Times berichtet, arbeitet die Staatsanwaltschaft bereits [1] mit Gerichten zusammen, um potenziell betroffene Strafverfahren zu identifizieren.
Der Fall enthüllt eine tiefe Kluft in der britischen Strafverfolgung: Ausgerechnet in der Woche, in der die Regierung ihr neues, 75 Millionen Pfund schweres Programm "PoliceAI" offiziell vorgestellt hat [2], zeigt sich, wie unkontrolliert die Technologie von Beamten eingesetzt werden kann. Denn klare Leitplanken fehlen bisher völlig.
Der beschuldigte Beamte wurde vom aktiven Dienst abgezogen, Festnahmen gab es bislang aber keine.
Während das nationale Zentrum "PoliceAI" eigentlich gestartet wurde, um jährlich 6 Millionen Arbeitsstunden einzusparen und Beamte zu entlasten, zeigt der Missbrauch in Derbyshire das immense Risiko eines verfrühten KI-Einsatzes im Justizsystem.
Der Fall in Derbyshire ist kein isolierter Ausrutscher. Bereits zuvor hatte die Polizei der West Midlands KI-generierte Falschinformationen in eine sicherheitspolitische Entscheidung einfließen lassen.
Bei einer Risikoanalyse zum Europa-League-Spiel zwischen Aston Villa und Maccabi Tel Aviv stützte sich die Behörde auf ein angebliches Match zwischen Maccabi und West Ham United – ein Spiel, das nie stattgefunden hat [3]. Die Halluzination stammte aus Microsoft Copilot.
Chief Constable Craig Guildford hatte zunächst vor dem Home-Affairs-Ausschuss des Parlaments bestritten, KI eingesetzt zu haben, musste dies später korrigieren und ging vorzeitig in den Ruhestand.
Ungeachtet solcher Vorfälle treibt die Regierung ihr Programm voran. PoliceAI, angesiedelt am College of Policing mit rund 50 Mitarbeitenden, soll für alle 43 Polizeibehörden in England und Wales KI-Werkzeuge testen und ausrollen.
Polizeiministerin Sarah Jones erklärte bei der Vorstellung [4], man wolle "Millionen von Stunden an Polizeizeit freisetzen" und "mehr Fälle schneller vor Gericht bringen".
Insgesamt fließen 140 Millionen Pfund in KI-Technologien, darunter 40 neue Einheiten für Echtzeit-Gesichtserkennung. Pilotprojekte in bis zu zehn Behörden starten 2026, der landesweite Rollout ist für 2027 geplant.
Ein öffentliches Register aller polizeilich eingesetzten KI-Tools soll erst im Herbst kommen. KI-Modelle will man künftig unabhängig auf Genauigkeit und Bias prüfen lassen.
Interimsdirektor Alex Murray betonte gegenüber dem NPCC [5], jede im Strafrechtssystem eingesetzte Technologie müsse einen Standard erfüllen, der "jeden vernünftigen Zweifel ausschließt".
Genau hier liegt das Dilemma: Die Werkzeuge werden verteilt, bevor die Leitplanken stehen.
In Derbyshire gab es nach Angaben der Polizei keinerlei Beschränkungen für den KI-Einsatz durch Beamte. Die internen Richtlinien verlangten zwar eine manuelle Prüfung vor der Verwendung in Verfahren – offensichtlich ohne Wirkung.
Wenn Halluzinationen eines Sprachmodells über Schuld und Unschuld oder über Polizeimaßnahmen mitentscheiden, steht nicht nur die Effizienz der Polizei auf dem Spiel, sondern das Fundament britischer Strafverfolgung: Policing by Consent – Polizeiarbeit mit Zustimmung der Bürger.
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Amsterdam. Bild: GaudiLab / Shutterstock.com / Grafik "Wurst-Verbotsschild": TP
Amsterdam verbannt Fleisch- und Auto-Werbung von Plakatwänden. Die Fleischindustrie kritisiert die Maßnahme scharf.
Während deutsche Städte sich schwer tun, auf umweltschädliche Einwegverpackungen eine Umweltsteuer zu erheben und die Regierung des bayerischen Freistaats eine derartige Belastung der Systemgastronomie gleich ganz verboten und dafür noch 140 Millionen Euro [1] Bundessteuern verschenkt hat, macht die niederländische Hauptstadt kurzen Prozess.
Als weltweit erste Großstadt legt Amsterdam fest, dass Außen-Werbeflächen künftig nicht mehr für klimaschädliche Produkte gebucht werden dürfen. Damit ist Reklame für Fleisch und Wurstwaren sowie Anbieter fossiler Energie seit dem 1. Mai 2026 [2] tabu.
Dies betrifft jedoch nur die Affichenwerbung, also die Werbeplakate an Litfaßsäulen und Plakatwänden. Alle anderen Werbeformen sind von dem Verbot nicht betroffen, weil die Stadt dort kein Hausrecht besitzt.
Seit 1. Mai [3] also ist im öffentlichen Raum, also an Straßen, Plätzen und Haltestellen von Bahnen und ÖPNV sowie in U-Bahn-Stationen keine Werbung mehr etwa für Hamburger, Kreuzfahrten, Dieselautos oder Flugreisen erlaubt. Eine Mehrheit des Gemeinderats stimmte dem Verbot zu. Nach Angaben der Stadt ist Amsterdam damit die erste Hauptstadt der Welt, die Fleisch-Reklame verbietet. Werbung in Fernsehen, Internet oder Supermärkten bleibt weiterhin erlaubt. Im Übergangsjahr 2026 setzt Amsterdam das Verbot zunächst ohne Bußgelder durch – Strafen folgen erst ab 2027 [4].
An deren Stelle sollen dann etwa an Bushaltestellen plakative Anzeigen für Kultur, für das Rijksmuseum oder Konzertveranstaltungen treten. Hinter dem Verbot steckt eine strategische Absicht. Die Stadt will ihr Straßenbild mit den selbst gesteckten Klimazielen abgleichen [5], wie die BBC berichtet.
Denn man strebt an, bis 2050 CO2-neutral zu werden. Im gleichen Zeitraum soll der Fleischkonsum halbiert werden. Das müsse auch die öffentliche Werbung widerspiegeln.
"Most people don't understand why the municipality should make money out of renting our public space with something that we are actively having policies against."
BBC
Die Grüne Partei GroenLinks, eine der Initiatoren des Verbotes, sprach von einem "wichtigen Sieg für das Klima und die öffentliche Gesundheit." "Für Werbung großer Unternehmen, die die Klimakrise vorantreiben, ist in Amsterdam kein Platz mehr", sagte [6] die grüne Stadtabgeordnete Jenneke van Pijpen [7].
Es kommt Zuspruch vonseiten der Wissenschaft. So verweist die Epidemiologin Joreintje Mackenbach auf eine Studie, die zeigt, dass Londons nahverkehrsweites Junkfood-Werbeverbot von 2019 zu weniger Konsum führte.
Schon 2020 wollte Amsterdam sogenannte fossile Reklame verbieten. Doch bisher kam es nicht dazu. Reklame-Verbote für Dienste oder Produkte, die fossile Energie nutzen und dem Klima schaden, gibt es jedoch bereits in anderen niederländischen Städten. Reklame für Fleisch wurde bisher nicht verboten. Im vergangenen Jahr hatte ein Gericht in Den Haag eine Klage von Reiseveranstaltern gegen das Reklame-Verbot abgewiesen.
Die Stadt Den Haag, in der die niederländische Regierung ihren Sitz hat, hatte schon ab dem 1. Januar 2025 [8] fossile Werbung im öffentlichen Raum für Flugreisen, Kreuzfahrten oder Autos mit Verbrennungsmotor untersagt. "Die Meinungsfreiheit gilt auch für Unternehmen und Marken", sagte der Direktor [9] des Verbandes der Reiseveranstalter ANVR, Frank Radstake [10] dem TV-Magazin Nieuwsuur.
Die niederländische Stadt Haarlem [11] war 2022 Vorreiter bei den Werbeverboten und untersagte Werbung für Fleisch in öffentlichen Räumen. Das Verbot trat 2024 in Kraft. Utrecht und Nijmegen folgten.
Auch international gewinnt das Thema an Relevanz: Städte wie Edinburgh, Sheffield, Stockholm und Florenz haben Verbote für Werbung für fossile Brennstoffe erlassen. In Frankreich erfolgte dieses Verbot sogar landesweit, was kaum Aufsehen erregte, weil die Werbung einfach aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand.
Die Plakatwerbung wird anders als Internet- oder TV-Werbung, die man abschalten kann, mehr im Vorübergehen wahrgenommen und prägt sich ungewollt ohne direkten Werbebezug ein. Untersuchungen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass die Affichenwerbung sich bestens mit Rundfunkwerbung kombinieren lässt und so effiziente Erinnerungspotentiale weckt wie TV-Werbung, aber zu einem deutlich niedrigeren Preis.
Die wissenschaftliche Theorie hinter dem Affichenverbot: Durch eine überall sichtbare Werbung normalisieren sich bestimmte politisch nicht mehr gewollte Konsummuster. Ohne diesen permanenten visuellen Reiz im öffentlichen Raum könnten sich gesellschaftliche Normen durchaus verschieben, ähnlich wie beim Tabakwerbeverbot. Und so hofft man in den Niederlanden auf einen Tabak-Moment für stark verarbeitete Lebensmittel.
Kritik an den Werbeverboten kommt wie zu erwarten von der Fleisch verarbeitenden Industrie. Der niederländische Fleischverband sieht darin eine aus seiner Sicht unerwünschte Beeinflussung des Verbraucherverhaltens. Die Lösung, ein begrenztes Werbeverbot auszusprechen, dürfte für alle Seiten erträglicher sein als eine direkte Beteiligung der Verursacher an den Kosten, wie es beispielsweise mit Karl [12] ansteht.
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Milliarden fließen aus Krypto-ETFs ab. Investoren schichten ihr Kapital offenbar direkt in Elon Musks Raumfahrt-Konzern um.
Der Börsengang von SpaceX ist von historischem Ausmaß gewesen: Anleger fragten die Aktien in einem Gesamtwert von 350 Milliarden US-Dollar nach; allein Privatanleger gaben Aufträge von über 100 Milliarden Dollar aus. Und das setze letztlich auch den Kryptomarkt massiv unter Druck.
Während US-Spot-Bitcoin-ETFs mit Abflüssen von 5,8 Milliarden Dollar [1] die bisher längste Verlustserie seit ihrer Zulassung verzeichnet haben, wandert das spekulative Risikokapital der Wall Street in Richtung Elon Musk.
Bitcoin fiel in der vergangenen Woche auf 59.100 US-Dollar und notierte zuletzt bei rund 63.600 Dollar.
Geoffrey Kendrick von Standard Chartered vermutet [2] laut einem Bloomberg-Bericht, dass einige ETF-Halter Positionen liquidierten, um Kapital für den SpaceX-Börsengang freizusetzen.
Einen direkten Beweis dafür gibt es bisher nicht, doch die zeitliche Koinzidenz ist laut Kendrick auffällig – und sie trifft die Krypto-Welt zu einem empfindlichen Zeitpunkt.
Der SpaceX-IPO illustriert ein Phänomen, das Leerverkäufer Jim Chanos als [3] "IPO der Hoffnungen und Träume" gegenüber Bloomberg bezeichnete. Charismatische Gründer verwandeln Narrative in Kapitalströme – und diese Ströme kannibalisieren sich gegenseitig.
Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel Michael Saylors Firma Strategy, das einstige Flaggschiff der Bitcoin-Maximalisten. Wie Telepolis kürzlich berichtete [4], verkaufte Saylors Unternehmen erstmals seit 2022 Bitcoin, um Dividenden auf Vorzugsaktien zu bedienen.
Und Saylor räumte jetzt laut Bloomberg selbst ein, dass die Krypto-Welt mit KI- und Raumfahrt-Titeln um spekulatives Privatkapital konkurriere.
Hinter dem Börsengeschehen steckt auch ein struktureller Mechanismus. Nasdaq und FTSE Russell änderten ihre Indexregeln [5], um Mega-IPOs wie SpaceX binnen weniger Handelstage in ihre Leitindizes aufzunehmen.
Das hat zur Folge, dass ETFs und passive Fonds die Aktie dann kaufen müssen – unabhängig von der Meinung ihrer Anleger. Einzig S&P hielt an seiner zwölfmonatigen Wartefrist fest [6].
Für europäische Anleger, die Bitcoin über ETPs halten, bleibt die Lage unübersichtlich: Regionale Umschichtungsdaten für den DACH-Raum existieren kaum, obwohl Produkte wie das Bitwise Physical Bitcoin ETP mit rund 1,2 Milliarden Euro Fondsgröße [7] durchaus Gewicht haben.
Ein dänischer Fonds kritisierte [8] Musks Unternehmensführung als "katastrophal" – doch bei institutionellen Anlegern scheint das "Wette nicht gegen Musk"-Narrativ stärker zu wiegen.
Trotz des Kapitalabflusses zeigen Bitcoin-Kennzahlen Signale, die in früheren Zyklen Wendepunkte markierten. Die sogenannte Long-Term Holder Supply – Bitcoin-Bestände, die lange nicht bewegt wurden – nähert sich 16 Millionen BTC.
Nur noch 45 Prozent aller Coins werden im Gewinn gehalten, ein Niveau, das historisch entweder finale Kapitulation oder den Beginn einer Erholung einleitete. Zudem sank die durchschnittliche jährliche Volatilität von 73,6 Prozent im Zeitraum 2019 bis 2022 auf 47,3 Prozent seit 2023.
CryptoQuant mahnt laut Bloomberg dennoch zur Vorsicht: Das aktuelle Preisniveau sei als "Kandidat für eine Bewertungsuntergrenze" zu verstehen, nicht als bestätigter Zyklustiefpunkt.
Vermögensverwalter Bitwise bezeichnete Bitcoin derweil [9] als "Kanarienvogel im Kohlebergwerk" der Finanzmärkte – seine Korrektur könnte anzeigen, dass die globale Liquidität knapper wird, als Aktienmärkte wahrhaben wollen.
Solange aber KI-Börsengänge von OpenAI und Anthropic am Horizont stehen, dürfte Bitcoin der Treibstoff für neue Höchststände fehlen. Wer jetzt einsteigen möchte, benötigt neben Geld in erster Linie Geduld für einen zähen Verteilungskampf um das spekulative Kapital der Welt.
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Mensch und Maschine – aber wer bedient wen?
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Im Interview erklärt der FAZ-Journalist unter anderem, warum Künstliche Intelligenz im Vergleich zu alten Medien eine neue Gefahr der Indoktrination birgt.
KI macht Arbeit billiger, schneller, kontrollierbarer – so lautet das Versprechen. Doch wer profitiert davon, und auf wessen Kosten? Der Schriftsteller und Journalist Dietmar Dath, Autor zahlreicher Science-Fiction-Romane, zieht eine nüchterne Bilanz: KI automatisiert unter den aktuellen Verhältnissen nicht das Stumpfsinnige, sondern das Interessante – und hinterlässt den Menschen den Rest.
Im Gespräch mit Telepolis analysiert Dath, warum der Einsatz von KI in Newsrooms weniger eine technische als eine politische Entscheidung ist, was die Halluzinationen der Sprachmodelle über gesellschaftliche Machtverhältnisse verraten – und weshalb er im Kern eine einfache These vertritt: KI ist kollektive menschliche Arbeit, nur unsichtbar gemacht.
▶ Technische Innovationen finden unter konkreten gesellschaftlichen Bedingungen statt und werden von ihnen geformt. Welche Faktoren tragen zu einer regressiven Weiterentwicklung von KI bei?
Dath: Wenn das Kapital und die Monopole ein großes Interesse an billiger Arbeit haben, dann heißt das, sie haben ein großes Interesse an niedrig qualifizierter Arbeit. Dann wird die Bildung schlecht.
Die Leute lernen dann nur noch konkrete Handgriffe und Skills für eine jeweilige Aufgabe – aber keine Übersicht mehr, kein tieferes Verständnis der Zusammenhänge, nicht einmal der technischen. Es gibt auf der Seite der Management-Beratung schon die Idee, gar keine Fortbildungen mehr für die abhängig beschäftigten einzurichten, sondern alles live im Job zu vermitteln [3], umzubauen, umzulernen.
Und wenn die Besitzlosen keine Ahnung haben, wie die Produktionsmittel funktionieren, wird deren Weiterentwicklung der lebendigen Arbeit und ihren Interessen immer mehr Terrain wegnehmen.
KI wird dann nicht benutzt, um stumpfsinnige Arbeit zu automatisieren und den abhängig Beschäftigten mehr Zeit für interessante Aufgaben zu lassen. Sondern es wird einfach das automatisiert, was sich am leichtesten von der Maschine imitieren lässt, selbst wenn es interessant wäre, das selbst zu machen. Dann müssen die abhängig Beschäftigten noch mehr von jener stumpfsinnigen Arbeit selbst tun, welche nicht automatisiert wird.
▶ Was könnte einer progressiven Richtung Vorschub leisten?
Dath: Man könnte die Ausbildung und die Produktion der Tendenz nach immer mehr so gestalten, dass es irgendwann kaum noch ungelernte, stumpfe Tätigkeiten gibt und mehr Zeit für interessante Arbeitsschritte bleibt.
Allerdings: Solange ein Staat – auch ein sozialistischer – auf dem Weltmarkt konkurrieren muss, hat er leider auch ein Interesse an billiger Arbeit. Dann muss er sparen. Entscheidend aber ist, ob er an der Bildung spart – wenn er das macht, ist er bald weg vom Fenster.
Für KI gilt, was für jede Produktivkraftentwicklung gilt: im Sozialismus, wo über Gebrauchswert diskutiert werden darf und muss, geht sie langsamer, aber zielgerichteter. Eine regressive Entwicklung heißt für mich vor allem chaotisch und unter sinnlosen Zwecken – zum Beispiel um zahlungskräftiger Nachfrage zu gehorchen.
▶ Welche Entwicklungen nimmst Du gerade in der journalistischen Branche wahr?
Dath: Tatsächlich hat sich seit der Corona-Pandemie vieles verändert. Vor Corona war es so, dass beispielsweise bei Spiegel Online auf der Startseite etwas zur Weltpolitik gezeigt wurde, dann kam vielleicht irgendein buntes Thema und dann oft auch schon recht weit oben Kultur. Das fiel während Corona auf Platz 38.
Erstens, weil es keine Sachen mehr gab. Wenn keine Filme starten, keine Konzerte stattfinden, keine Platten herauskommen, ist das so. Aber eben auch, weil die Krawatten, die in Entscheidungspositionen sitzen, sich lauter Sachen nicht trauen, die irgendwie unberechenbar aussehen.
Dieses Verhalten wird von der verwendeten KI in den Newsrooms der Zeitungsredaktionen eins zu eins übernommen. Im Kulturjournalismus ist das fatal. Dessen Abschaffung wird dann mit Klickzahlen, KI-Trendforschung in Echtzeit und ähnlichem begründet.
▶ Trägt der verstärkte KI-Einsatz im Journalismus denn zu einer Erhöhung der Aufrufe bei?
Dath: Das interessante ist: Die technische Notwendigkeit für all die Maßnahmen, mit denen der Einsatz von KI im Unternehmen begründet wird, existiert so nicht. Diese Newsrooms funktionieren intern ja in etwa so wie der Gemüsemarkt, wo die Marktschreier rufen: "Hier gibt es Erdbeeren!" und dann schreien alle herum und der Kollege im Newsroom sagt: "Okay, jetzt gibt es Erdbeeren." In diesem Spiel hat beispielsweise ein Vergewaltigungsskandal von Till Lindemann die besseren Karten als eine neue Ausstellung im Louvre.
Anderes Beispiel: Nehmen wir einen Nachruf, jemand stirbt. Vorher war es so, wir machen eine Meldung, oder haben etwas bereitliegen, weil er schon 90 war – oder jemand schreibt etwas. Jetzt heißt es, ihr müsst so schnell sein wie möglich, denn wenn die Konkurrenz den Toten fünf Minuten früher online hat, wird sie schneller geklickt und von den Suchmaschinen bevorzugt ausgespuckt.
Niemand sagt Dir dann: Benutze KI für Deinen Nachruftext. Es wird nur gesagt: Je schneller Du bist, desto besser. Und Du als Journalist bist dann der Verantwortliche. Das Endergebnis ist, dass die eigentlichen Schreibprodukte von Maschinen erstellt werden, während die Menschen sich auf den Konferenzen um die knapper werdenden Plätze für ihre eigenen Inhalte streiten.
▶ Wie kann man sich dagegen wehren?
Dath: Man könnte vielleicht einfach mal eine Rechenschaft einfordern. Können wir nach zwei, drei Monaten einfach mal auf die Zahlen schauen, ob das neue System wirklich zu höheren Klickraten und Abos führt?
Ein Schwachpunkt in den Argumentationen der Rationalisierungsmaßnahmen ist tatsächlich die Frage nach Kosten und Nutzen. Ob die vorgegebenen Zwecke für die Einführung der Mittel tatsächlich eintreten. Sagen wir, die Abos kommen – aber wann werden sie wieder gekündigt? Es handelt sich oft genug um eine Pseudo-Zweck-Rationalität.
▶ Du meintest, Fortbildungen live on the job nehmen zu, man bildet nicht mehr weiter fort. Wie wird die Fortbildungs- mit der Arbeitszeit vereinbart? Wird die Fortbildung noch zertifiziert?
Dath: Nein, es gilt: Sink or swim. Es wird noch angeboten, die Grundzüge zu vermitteln und vielleicht jemand dafür Designierten zu beauftragen, bei Nachzüglern nachzufassen, wenn die Leute es nicht begriffen haben. Aber de facto ist es so: Diese Leute sind dann die, die real auch die Arbeit machen.
Es ist aber noch schlimmer. Die neuen Fortbildungen sind geprägt von einem Misstrauen gegenüber den Systemen, die dort vermittelt werden. Die in der Chefetage wissen schon, dass es Quatsch wäre, jetzt fundamental in neue Systeme einzuweisen wie früher in der Ausbildung, weil das in zwei Jahren obsolet sein könnte. Die ideale Einstellung, die vermittelt werden soll, ist die der permanenten leichten Überforderung [4].
▶ Wie wird diese Überforderung hergestellt?
Dath: Durch Zielvereinbarungen. Militärisch würde man sagen, dass es weniger Befehle und mehr Aufträge gibt. Wenn ich Dir sage, Du musst das machen und es geht schief, bin ich schuld. Wenn ich Dir sage, bis dann muss dieses und jenes passieren, aber es ist mir egal, wie Du das machst, und es geht schief, bist Du schuld. Ich habe Dir ja nicht gesagt, wie Du es machen sollst, Du hättest es anders machen und so schaffen können.
Der Spruch "Du bist verantwortlich" ist überall, implizit oder offen ausgesprochen. Das ist wie in kriminellen Syndikaten, wo getestet wird, ob Du mitziehst. So ist das System.
▶ Was müssen wir angesichts der Entwicklungen von KI in der Arbeitswelt jetzt schnell lernen – und was besser verlernen?
Dath: Die Angst, die viele – auch ich – hatten, dass eine Verdinglichung des Humanen stattfindet, symmetrisch zu einer Humanisierung der KI, als würde man mit einem Subjekt reden, einem neuen Kollegen – dieser Fall ist nicht so breit eingetreten wie befürchtet. Die Leute durchschauen oft, dass es Glückssache ist, welches Muster ich als Antwort kriege.
Aber es ist, wie wenn ich einem Bild-Leser sage, dass das Lügen sind und er mir antwortet: Das weiß ich, ich lese das zur Unterhaltung. So ein komischer Zynismus, der da um sich greift.
Ich würde mir wünschen, dass man Bildung ausprobiert, wo gezeigt wird, dass die Halluzinationen und Verzerrungen der KI-Antworten auch Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte sind. Wenn ich mathematische Definitionen mit KI überprüfe, habe ich eine hohe Erfolgsquote. Warum? Mathematik ist in der Regel open source und es gibt einen hohen Konsens. In gesellschaftlichen Bereichen, wo wichtig ist, dass wir weiter diskutieren, eignet sich KI schon weit weniger.
Man müsste durch Bildung ein Bewusstsein herausarbeiten: Wo kommt das her? Wer hat das erarbeitet? Was erarbeitest Du gerade, während Du die KI benutzt – und wie wird Dir das weggenommen?
Mir scheint gerade das Gefährlichste nicht der Aberglaube an KI als menschliche Person – sondern zu vergessen, dass da menschliche Arbeit drin steckt. Dass hier menschliche Arbeit miteinander neu vernetzt wird. Aber anders als in der Fabrik, wo wir einander sehen und gemeinsam einen Streik organisieren können. Wenn ich die Leute nicht mehr finde, mit denen zusammen ich ausgebeutet werde, wird es schwierig. Wir müssen Transparenz herstellen: AI is collective labor made invisible [5].
▶ Die Faschisten des 20. Jahrhunderts bedienten sich der Massenmedien als Kampfmittel: Rundfunk, Film und Zeitung. Inwieweit eignet sich KI dafür, autoritären und faschistischen Bewegungen heute Vorschub zu leisten?
Dath: KI ist als Dialogmaschine leistungsfähiger für Gleichschaltung und Mob-Bildungen als Hitlers Radio und das Fernsehen des Imperialismus der Nachkriegszeit, weil KI in die Hetze Informationen über diejenigen einarbeiten kann, die von der Propaganda indoktriniert werden sollen.
Die liefern diese Informationen sogar "freiwillig": beim Arbeiten mit KI, beim Kaufen und Verkaufen, bei der Pflege von Hobbys und ähnlichem – also: Selbsthypnose statt Hypnose. "Indoctrination does not feel like you’re being indoctrinated, it feels like you’re at home." [6]
▶ Auch Antifaschisten wie Willi Münzenberg und Bertolt Brecht versuchten, die Medien ihrer Zeit für ihren Kampf zu nutzen. Welche linken Ansätze zur politischen Arbeit und Konfliktführung mit KI wären denkbar? Was wird bereits getan?
Dath: So lange die leistungsstarken Rechner, die Software – von Graphen über künstliche neuronale Netze bis zu Programmen für Quantencomputer – für Nichtmonopol-Leute unerschwinglich sind, fällt mir nur Sabotage ein. Das war mit den Druckereien und Zeitungen in Zeiten starker Bewegung der lebendigen Arbeit anders.
Aber natürlich wird das Zeug billiger und modularer, und dann darf und soll gebastelt werden.
▶ Der Realsozialismus schaffte es nicht, die globalen Ursachen von Faschismus und Rechtsentwicklung zu beseitigen – auch, weil er die planwirtschaftlichen Möglichkeiten von Computerisierung und Kybernetik nicht erschloss. Welche Potenziale birgt KI für demokratische Planung und wie können sie von Bewegungen und Staaten genutzt werden?
Dath: Audre Lorde schrieb einst: "The master’s tools will never dismantle the master’s house.” Aber die Wahrheit ist, es sind nicht die Tools des Masters und es ist nicht sein Haus. Wir haben beide hergestellt, und in der Zurichtung und Anpassung der Tools und des Hauses liegt immer auch die Chance der Umfunktionierung.
KI ist: mehr Mustererkennung in kürzerer Zeit. Aber: Planung muss diskutierbar sein, und deshalb ist der Vorteil der Beschleunigung des Nachrichtenaustauschs nur bedingt einer, der auch in nicht-naturwüchsiger, geplanter Produktion etwas bringt. Über die Köpfe der Menschen hinweg und hinter ihrem Rücken sollte nicht geplant werden.
Früher dauerte es Monate, bis sich eine Knappheit in einem Produktionszweig auf die Finanzierungsverhältnisse in anderen auswirkte, weil man die Folgen in den Lieferketten erst erleben musste und nicht vorausberechnen konnte. Diese Zeit hat man jetzt gewonnen, weil die Modelle schneller und genauer sind. Dann hat man auch mehr Zeit für Diskussionen: Woher nehmen wir das, was jetzt fehlt? Wer muss zurückstecken und wie? Wenn man diese Diskussionen aber nicht führt, ist die Modellpotenz nutzlos.
Es ist denkbar, dass gewisse superschnelle Leistungen von KI einfach Kuriositäten sind, für die sich außerhalb sehr spezieller menschlicher Tätigkeitsfelder – etwa hochkomplizierte Kalkulationen oder Beweise in der Mathematik – niemand interessieren muss.
Es kann sein, dass "die KI", wie sie jetzt entwickelt wurde, im Wirtschaftswesen nur zur Ausbeutung und Unterdrückung taugt. Dann würde man das alles doch zurückfahren im Sozialismus.
Man würde ja auch, wenn kein Imperialismus oder Faschismus von außen droht, eher weniger Atomraketen bauen. Höchstens noch, um Himmelskörper abzuschießen, die uns den Spaß verderben wollen.
Benjamin Roth sprach mit Dietmar Dath. Dath ist Journalist und Science-Fiction-Autor. Im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt er regelmäßig über die Entwicklungen und Auswirkungen von KI in diversen Branchen. Zuletzt erschien sein Roman "Skyrmionen [7]" im Verlag Matthes & Seitz.
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Kiew will bis zu der Hälfte der Infanterie mit ausländischen Legionären besetzen – angeworben von privaten Headhuntern, bezahlt mit EU-Milliarden.
Im fünften Jahr des Krieges mit Russland greift die Ukraine zu einem drastischen Mittel gegen den akuten Personalmangel an der Front: Kiew will künftig bis zur Hälfte aller Infanterieposten mit ausländischen Legionären besetzen.
Mit einem Sold von bis zu 11.000 Dollar sollen sie gelockt und von privaten Headhuntern angeworben werden. Das Geld für diese massive Sold-Offensive fließt auch unmittelbar aus Brüssel über ein EU-Darlehen von 90 Milliarden Euro.
Wie aus dem Reformportal des ukrainischen Verteidigungsministeriums [1] hervorgeht, sollen künftig 30 bis 50 Prozent aller Sturm- und Infanterieposten an der vordersten Linie mit ausländischen Kämpfern besetzt werden.
Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi bestätigte das Ziel auf dem Telegram-Kanal des Generalstabs [2]: Man öffne den "Rekrutierungsmarkt für Ausländer", um die Kampfeinheiten zu verstärken und "das Leben ukrainischer Soldaten zu schützen".
Präsident Wolodymyr Selenskyj ordnete in seiner täglichen Ansprache [3] an, "deutlich mehr Möglichkeiten zur Rekrutierung ausländischer Freiwilliger" zu schaffen. Seit 2022 haben sich nach ukrainischen Angaben rund 10.000 Freiwillige aus mehr als 70 Ländern den Streitkräften angeschlossen.
Jetzt soll daraus ein systematisches, institutionalisiertes Programm werden – mit einer entscheidenden Besonderheit: Die Anwerbung übernimmt nicht mehr der Staat selbst.
Laut Reformportal des Verteidigungsministeriums lagert Kiew Rekrutierung, Sicherheitsüberprüfung und Transport der Kandidaten an private Rekrutierungsunternehmen aus.
Diese Agenturen erhalten eine direkte Auszahlung für jeden Rekruten, der in der Ukraine eintrifft und einen Vertrag mit den Streitkräften unterschreibt – de facto ein Kopfgeld pro geliefertem Soldaten.
Namen oder Lizenzanforderungen für diese Firmen nennt das Ministerium bislang nicht. Spezifische Aufsichtsmechanismen gegen Missbrauch oder Menschenhandel sind in den veröffentlichten Dokumenten nicht erkennbar.
Ausländische Legionäre gelten rechtlich als vollwertige Angehörige der ukrainischen Streitkräfte, nicht als Söldner. Sie unterliegen dem ukrainischen Militärrecht und haben Anspruch auf medizinische Versorgung sowie Veteranenleistungen.
Familien Gefallener erhalten eine staatliche Entschädigung von 15 Millionen Hrywnja – umgerechnet rund 365.000 US-Dollar. Gesetzesänderungen ermöglichen zudem eine erleichterte Einbürgerung bei herausragenden Verdiensten.
Warum sich ein Ausländer für ein fremdes Land in den Schützengraben legen sollte, beantwortet die Vergütungsstruktur des neuen "Infanterie-Sturm-Kontrakts".
Der Basissold beträgt 20.000 Hrywnja pro Monat. Hinzu kommen gestaffelte Tageszulagen: 10.000 Hrywnja für Positionsarbeit, 20.000 für Such- und Angriffsaktionen und bis zu 40.000 Hrywnja – rund 1000 US-Dollar – für aktive Sturmangriffe mit Vorrücken.
Im Durchschnitt ergibt sich daraus ein Monatseinkommen von etwa 300.000 Hrywnja, was rund 7.000 US-Dollar entspricht. Das Maximum liegt laut Ministerium bei 460.000 Hrywnja, umgerechnet etwa 11.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Ein Logistiker im sicheren Hinterland erhält 30.000 Hrywnja – rund 700 Dollar.
Selenskyj kündigte zudem befristete Kampfverträge über 10, 14 oder 24 Monate mit garantierter vorübergehender Entlassung an. Premierministerin Julija Swyrydenko erklärte [4] gegenüber Interfax, das Leitprinzip der Reform sei "Respekt vor jedem Soldaten" – jeder müsse wissen, wo und wie lange er diene.
Die Liquidität für diese Sold-Offensive speist sich unmittelbar aus westlichen Töpfen. Wie Reuters berichtet, hat sich die Ukraine ein EU-Darlehen über 90 Milliarden Euro gesichert, dessen Mittel noch in diesem Monat fließen sollen [5].
Damit steigen die Verteidigungsausgaben auf den Rekordwert von 4,4 Billionen Hrywnja – rund 97 Milliarden US-Dollar und knapp 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Parallel dazu fordert Kiew von den Verbündeten weitere 20 Milliarden US-Dollar für Fernschläge [6] gegen russische Infrastruktur.
Ohne die europäischen Finanzhilfen wäre die massive Solderhöhung und die Anwerbung ausländischer Kämpfer schlicht unbezahlbar.
Die Reform hat auch eine innenpolitische Dimension. Syrskyi verkauft den Umbau als Voraussetzung dafür, lang dienende ukrainische Frontsoldaten bis Jahresende schrittweise aus dem Dienst zu entlassen.
Gleichzeitig erwägt die EU, den vorübergehenden Schutzstatus für ukrainische Männer im Wehrpflichtalter [7] bei Neuanträgen einzuschränken – explizit mit dem Argument, die Rekrutierungsbasis der Ukraine zu stärken.
Die Ukraine transformiert ihre Armee damit von einer Bürgerarmee hin zu einer hoch bezahlten, teilprivatisierten Streitmacht – ein historisches Experiment unter dem Druck eines Zermürbungskrieges, dessen Ausgang offen bleibt.
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Wo immer Biber auftauchen, geraten sie in Konflikt mit der Landnutzung. Doch sie fördern auch Artenvielfalt und helfen im Kampf gegen den Klimawandel.
Hinrich Knoke und Lars Rathing bewirtschaften ihre Äcker an der Saale, ein Nebenfluss der Leine bei Hameln und Hildesheim. Der Biber hat sich hier bereits vor fast 30 Jahren angesiedelt. Inzwischen wird die Gegend von zahlreichen Biberfamilien [1] bevölkert. Die Nager bauen zahlreiche Dämme in den Bach, die das Wasser aufstauen.
Die Landwirte hatten zuvor ihre feuchten, flussnahen Standorte drainiert und Kunststoffrohre in den Ackerboden verlegt, um das überschüssige Wasser in die Saale zu leiten. Werde der Fluss jedoch aufgestaut, funktioniere die Entwässerung bei Starkregen nicht. Sollten sich die Biber weiter vermehren, rechnen die Landwirte mit Ernteeinbußen.
Etwa 25 Kilometer von der Saale entfernt, am Rössingbach in Nordstemmen, betreibt Stephan Mund zusammen mit zwei weiteren Landwirten eine Betriebsgemeinschaft. Wegen Überflutung seiner Ackerflächen hatte einer von ihnen innerhalb der letzten drei Jahre Schäden in Höhe von insgesamt 35.000 Euro zu verbuchen.
Die Schäden sollten von der Allgemeinheit getragen werden, fordert er. Für den Landwirt ist das Maß voll.
Ralf Schulte vom Nabu Niedersachsen freut sich über die Rückkehr der Biber. Auch wenn an der Saale noch Biber dazukämen, sei das kein Problem, glaubt der Biber-Experte. Biberfamilien nehmen einen großen Lebensraum ein. Wenn sich aufgrund ihrer Aktivitäten der Grundwasserspiegel erhöht, wirke sich dies positiv auf die Bodenfeuchte aus. Außerdem helfen sie, Hochwasserwellen zu kappen.
Biber fällen Gehölze, bauen Dämme und schaffen neue Lebensräume für andere Arten. Gleichzeitig helfen ihre Bauwerke dabei, Wasser in der Fläche zu halten. Doch die Dämme können auch überlaufen: Steigt der Wasserstand, drohen Überschwemmungen auf angrenzenden Flächen.
Ab Mai, wenn der Nachwuchs aufgezogen wird, dürfen die Tiere nicht gestört werden. Die Naturschutzbehörde des Landkreises Hameln-Pyrmont appelliert an Landwirte, Probleme frühzeitig zu melden, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Besonders entlang von großen Flüssen wie der Elbe sind sie weit verbreitet. Allein im Biosphärenreservat Mittelelbe [2] leben 1.200 Elbebiber. Auch an Donau, Mulde und Saale sowie deren Nebenflüssen vermehren sich die wieder angesiedelten Biber schnell und erobern immer neue Lebensräume.
In Sachsen-Anhalt leben nach Angaben des Umweltministeriums derzeit rund 3.600 Tiere in etwa 1.150 Revieren – hauptsächlich entlang der Elbe sowie an Mulde und Havel und im Drömling [3]. Doch aufgrund lang anhaltender Trockenphasen sowie stark besiedelter Lebensräume ging die Zahl der Biber in den vergangenen Jahren zurück. Neue, geeignete Reviere werden immer knapper.
In einem Teil des Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft dürfen seit Herbst vergangenen Jahres Biber abgeschossen werden. Die Tötung komme jedoch nur in Betracht, wenn alle Mittel ausgeschöpft seien, wie es heißt. Vorher sollen die Tiere bevorzugt lebend gefangen und nach Frankreich umgesiedelt werden.
Den Antrag auf Abschuss [4]hatte ein Teichwirt gestellt, dessen Angaben zufolge Biber beträchtliche Schäden verursacht hatten, die innerhalb mehrerer Jahre auf eine Summe von 190.000 Euro aufliefen.
Zudem kam es zu einem Dammbruch [5] am Teichzuleiter der Teichgruppe Kreba-West, der zusätzlich 50.000 Euro Schaden verursachte. Werde nicht eingegriffen, müsse künftig mit derartigen Schäden regelmäßig gerechnet werden, wie es hieß.
Etliche Naturschutzverbände in Sachsen fordern nun die Landesdirektionen auf, die Ausnahmegenehmigung für den Abschuss zurückzunehmen und "den Fokus auf innovative Prävention und naturnahe Bewirtschaftung [6] zu legen". So könne man dem Pächter alternative Flächen zur Bewirtschaftung anzubieten, um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen.
Wie Erfahrungen aus Bayern zeigen, lösen Tötungen das Problem keineswegs. Die Schäden seien gestiegen, nahezu im selben Maß wie die Zahl der getöteten Biber, denn frei gewordene Reviere würden rasch neu besiedelt.
Nach Schätzungen des Hessischen Bauernverbandes ist die Zahl der Biber in Hessen auf fast 2.000 angestiegen. Hier besiedelt er auch kleinere Bäche, Gräben und Kanäle.
Was für den Naturschutz ein Erfolg ist, wird mitunter zum Problem, vorrangig für Landwirte. Besonders im Süd- und Osthessen werden immer öfter Äcker und Wiesen überflutet und Drainagen beschädigt.
Infolgedessen müssen Bauern Ertragsverluste hinnehmen. In kleineren Gewässern reicht ein kleiner Rückstau, sodass Wiesen vernässen, Drainagen verstopfen oder sich Wasser aufstaut. Die Brüder Lars und Björn Hild zum Beispiel bewirtschaften ihre Flächen in der Wetterau. Seit 2017 haben sie mit Bibern zu kämpfen.
Inzwischen sind 7.500 bis 8.000 Quadratmeter Grünland wegen Nässe praktisch nicht mehr nutzbar [7]. Das Gras sei als Futter für ihre Milchkühe kaum noch zu gebrauchen, klagt Lars Hild gegenüber dem Hessischen Rundfunk.
Seit April dieses Jahres verspricht eine neue Biber-Billigkeitsrichtlinie [8] Entschädigung: Laut Ministerium werden bis zu 90 Prozent der anerkannten Schadenshöhe erstattet, maximal 25.000 Euro pro Fall. Für 2026 stünden zunächst 300.000 Euro zur Verfügung.
Der Mittelbedarf soll regelmäßig überprüft und angepasst werden. Biberberater und Mitarbeiter von Hessen Forst sollen die Geschädigten begleiten, aber auch bei Schutzmaßnahmen beraten.
Die neue Richtlinie sei nur ein Baustein in einem umfassenderen Bibermanagement. Sie soll das System ergänzen um die Möglichkeit, finanzielle Schäden zumindest teilweise auszugleichen.
Mit der Entschädigungsmaßnahme will das Land nicht nur die Bauern schützen, sondern auch die Biber. Denn: wer entschädigt wird, versucht die Tiere nicht eigenmächtig zu bekämpfen. Bisher kommt es immer vor, dass Biberburgen mithilfe von schwerem Gerät zerstört [9] werden.
In Baden-Württemberg wird die Population aktuell auf rund 12.400 Tiere geschätzt. Landwirte beklagen Schäden auf ihren Feldern. Seit Anfang des Jahres soll eine neue Verordnung das bisherige Bibermanagement erweitern: Beauftragte Fachleute sollen Biber nun vergrämen können. Als letztes Mittel – wenn nichts anderes hilft und hohe wirtschaftliche Schäden drohen – sollen die Tiere getötet werden.
Naturschutzverbände wie BUND und Nabu sehen in der Verordnung einen Rückschritt für den Artenschutz [10], der das funktionierende Bibermanagement im Land gefährde.
Die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht sowie die Biberverordnung im Land scheinen Teil einer politischen Strategie zu sein, die den Artenschutz insgesamt schwächen will, kritisieren sie. In einer Petition [11], die am 20. März endete und die von 14.400 Menschen unterstützt wurde, forderten sie die Rücknahme der Verordnung zum leichteren Abschuss von "Problem-Bibern".
Der Eurasische Biber, das größte europäische Nagetier, besiedelt Europa seit 15 Millionen Jahren. Lange Zeit wurden die Tiere stark bejagt – wegen ihres Pelzes, ihres Fleisches, aber auch zur Gewinnung eines wertvollen Sekrets namens Bibergeil oder Castoreum [12].
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Biber in nahezu ganz Europa ausgestorben. Die Trockenlegung von Landschaften, Flussbegradigungen, Wirtschaftsforste und intensive Landwirtschaft während des 20. Jahrhunderts gab den verbliebenen Bibern den Rest. Heute leben auf dem Kontinent schätzungsweise wieder anderthalb Millionen Tiere.
Mitte der 1950er Jahre wurden erstmals Biber wieder neu angesiedelt, zunächst in der Schweiz, später in Österreich und Deutschland. Seit Ende der 1970er Jahre ist der europaweite Schutz des Bibers verankert, etwa durch die Berner Konvention [13] und die Richtlinie 92/43/EWG (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU) streng geschützt [14].
Dank Schutzmaßnahmen und gezielter Wiederansiedlungen leben hierzulande wieder schätzungsweise 40.000 Biber – etwa die Hälfte davon in Bayern und Baden-Württemberg. Inzwischen besiedelt er nahezu alle Naturräume mit geeigneten Gewässern in fast allen Landkreisen in Bayern [15].
In einem ehemaligen Wirtschaftswald nördlich von Zürich sind viele Bäume abgestorben. Der ehemalige Waldboden steht knietief unter Wasser. Hier erforschen Ökologen, Botaniker und Zoologen die Lebensweise des Eurasischen Bibers. Biber ernähren sich von Baumrinden, frischen Trieben und Kräutern, aber auch von kultivierten Feldfrüchten wie Mais oder Weizen.
An Flüssen und Bächen errichten Biber stattliche Burgen, um sie mit ihren Familien zu bewohnen. Dafür verbauen sie Unmengen an Material, Äste und Zweige, die sie aufwändig heranschleppen.
Damit werden die Gewässer angestaut, sodass Teiche entstehen und die Burg im Wasser versinkt, denn der Eingang muss unter Wasser sein. Der Nachwuchs verlässt nach spätestens zwei Jahren die Burg, um sich eigene Reviere zu suchen.
Entstehen hohe Dämme, profitieren die Fische bei Niedrigwasser. Oberhalb der Dämme gibt es größere Fische und mehr Arten als unterhalb, fanden die Forscher heraus. In einem Biberteich gibt es bis zu 40 Prozent mehr Plankton-Arten. Wegen der langsameren Fließgeschwindigkeit entsteht zudem mehr als das Doppelte der Biomasse.
Verwandelt sich ein Bach in einen Teich, entsteht ein Feuchtgebiet, was sich wiederum auf die Zusammensetzung der Organismen auswirkt: So leben in Biberteichen zweieinhalbmal so viele Arten und siebenmal mehr Individuen wie in Flussabschnitten ohne Biber. Davon profitieren vorwiegend Vögel, aber auch Fledermäuse, die hier ideale Jagdbedingungen vorfinden.
Wenn der Biber das Wasser in der Umgebung verteilt, wird das Wasser mit dem Grundwasser ausgetauscht, das sich wieder auffüllt, erklärt der Ökologe Valentin Moser im Interview [16] mit 3sat. Bei Trockenheit läuft dieses Wasser länger in den Bach weiter unten als ohne Damm.
Lässt man die Nager unkontrolliert bauen und stauen, verwandeln sie ganze Landstriche in einzigartige Sumpfgebiete. Das nützt auch dem Klima: In der Nähe von Biberteichen werden 50 Prozent mehr Kohlenstoff gebunden als in weiter entfernten Böden, wie Sedimentanalysen zeigen.
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Kiew verlangt von den Verbündeten Milliarden für Fernschläge. Das Ziel ist es, die russische Wirtschaft und Frontlogistik zu zerstören.
Die Ukraine fordert von ihren Verbündeten weitere 20 Milliarden US-Dollar an Militärhilfe. Mit diesen Geldern soll der vermeintliche Vorteil, den die Ukraine aktuell auf dem Schlachtfeld genießt, ausgebaut werden.
Das Geld soll beim Treffen der sogenannten Ukraine Defense Contact Group am 18. Juni im Ramstein-Format beantragt werden, wie Politico unter Berufung auf einen hochrangigen ukrainischen Verteidigungsbeamten [1] berichtet.
"Jeder sieht, dass Russland brennt, und wir wollen, dass es noch stärker brennt, aber dafür brauchen wir finanzielle Mittel", sagte der Beamte gegenüber Politico.
Die einzelnen Verbündeten sollen jeweils zwischen 2 und 6 Milliarden Dollar beitragen – als Hilfe oder als Darlehen.
Laut Bericht haben sich die Partnerländer für dieses Jahr bereits zu 38 Milliarden Dollar Militärhilfe verpflichtet. Mit den zusätzlichen 20 Milliarden käme die Ukraine nahe an die von Nato-Generalsekretär Mark Rutte angestrebten 60 Milliarden Dollar bilateraler Unterstützung.
Der ukrainische Verteidigungsetat liegt bereits bei 4,4 Billionen Hrywnja – rund 85 Milliarden Euro und etwa 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, der höchste Anteil weltweit.
Als Beleg für die Wirksamkeit bisheriger Investitionen legte das ukrainische Verteidigungsministerium seinen Mai-Bericht über Operationen [2] weit hinter der russischen Grenze vor. Demnach trafen ukrainische Drohnen und Raketen mindestens 18 große Ölraffinerien und Kraftstoffanlagen in über zehn russischen Regionen – der weiteste Schlag reichte 1.700 Kilometer ins russische Hinterland.
Zu den strategisch bedeutendsten Zielen zählt die Raffinerie Kirishi im Gebiet Leningrad. Mit einer Verarbeitungskapazität von 20 bis 21 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr macht sie allein über 6 Prozent der gesamten russischen Raffineriekapazität aus.
In der Oblast Moskau traf ein Präzisionsangriff die Pumpstation Solnechnogorskaya, einen kritischen Knotenpunkt des Pipeline-Rings, der die Moskauer Flughäfen Scheremetjewo, Domodedowo und Wnukowo mit Treibstoff versorgt.
Parallel attackierten die ukrainischen Streitkräfte Tanker der russischen Schattenflotte im Schwarzen und im Asowschen Meer – Schiffe, die unter Umgehung westlicher Sanktionen Rohöl exportierten und dem russischen Staat Kriegseinnahmen verschafften.
Die zusätzlichen Milliarden sollen laut dem Politico-Bericht in Luftabwehr, Drohnen, Munition, elektronische Kriegsführung und Langstreckenwaffen fließen.
Konkret verhandelt Kiew mit Berlin über die beschleunigte Lieferung von PAC-3-Raketen für Patriot-Systeme über den JUMPSTART-Mechanismus sowie über IRIS-T-Munition und die sogenannte Prioritised Ukraine Requirements List (PURL), wie das ukrainische Verteidigungsministerium mitteilte [3].
Mit Frankreich geht es [4] um Radarsysteme, Aster-30-Raketen und mögliche SAMP/T-NG-Lieferungen.
Lettland engagiert sich [5] in der Drohnenkoalition und stellt 0,25 Prozent seines BIP für die Ukraine bereit.
Neben westlicher Technik setzt Kiew zunehmend auf in der Ukraine hergestellte glasfasergesteuerte FPV-Drohnen und will die heimische Rüstungsproduktion mit EU-Darlehensmitteln skalieren.
Parallel hat Selenskyj laut [6] Reuters eine Solderhöhung angekündigt. Der Grundlohn für Soldaten steigt um ein Drittel auf 30.000 Hrywnja. Infanteristen an der Front sollen künftig durchschnittlich 300.000 Hrywnja monatlich erhalten – umgerechnet rund 7000 US-Dollar.
Neue befristete Verträge für Kampfeinsätze, die über 10, 14 oder 24 Monate laufen, sollen die Rekrutierung flexibilisieren. Finanziert wird das indirekt auch über ein EU-Darlehen (Gesamtrahmen: 90 Milliarden Euro, für 2026 zunächst bis zu 45 Milliarden freigegeben), das ab dem zweiten Quartal 2026 ausgezahlt werden soll.
Hinter der Dringlichkeit steht ein strategisches Kalkül: Die Ukraine sieht ein Zeitfenster von sechs bis acht Monaten, in dem sie die Initiative hält. Russlands Vormarsch kam im Mai praktisch zum Erliegen, während Mittelstreckendrohnen die Frontlogistik störten und Langstreckenangriffe den Energiesektor trafen.
Der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, Robert Brovdi, erklärte gegenüber Reuters, die Produktionskapazitäten und Besatzungen reichten aus, "um der russischen Wirtschaft verheerende Schläge zu versetzen und ihre Logistik lahmzulegen".
Doch die Finanzierungsbasis bröckelt an anderer Stelle: Die Prager Artillerie-Initiative verlor seit Dezember die Hälfte ihrer Geberländer [7] – neun von ehemals 18 Staaten stiegen aus dem Programm aus, das bislang 4,4 Millionen Schuss schwerer Artilleriemunition lieferte.
Ob die 20-Milliarden-Forderung diese Lücke schließen kann, wird sich beim Nato-Gipfel im Juli in Ankara zeigen, an dem Selenskyj am Rande teilnehmen will.
Moskau reagierte erwartbar. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa nannte die Forderung "politische Selbstverletzung". Putin erklärte vergangene Woche, er sehe kein Risiko für die russische Wirtschaft – räumte aber ein, dass ukrainische Angriffe Schaden anrichteten.
Ob die Verhandlungsbereitschaft beider Seiten ausreicht, um den Krieg am Tisch zu beenden, bleibt offen. Analysten sehen zwar Wege zum Frieden, bezweifeln aber den politischen Willen [8] in Berlin wie Brüssel.
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Die Dürre bedroht Brandenburgs Äcker im Klimawandel. Forscher entwickeln jetzt völlig neue Ideen zur Rettung unserer Ernte. Ein Ortsbesuch.
"Viermal B: Bauer Blume bietet Bestes." Diesen Spruch liebt Bauer Blume, der im Osten Brandenburgs, im Landkreis Oder-Spree einen 340 Hektar großen Familienbetrieb leitet. Der 43-Jährige trägt Verantwortung für mehr als 200 Rinder, von denen derzeit 60 Mütter Milch geben.
Aktuell aber kann Blume nicht sein Beste bieten: Auf seinen Feldern hat es in diesem Frühjahr viel zu wenig geregnet, der Dürremonitor [1], den das Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung betreibt, weist null Prozent pflanzenverfügbares Wasser aus, im Unterboden eine zehnjährige Dürre. "Ohne Wasser kann nichts wachsen", sagt Blume.
Tatsächlich sagen Klimamodelle voraus, dass es im deutschen Osten künftig deutlich trockener wird als in der Zeit vor dem Klimawandel. "Die Entwicklung kann man bereits heute nachweisen", sagt Andreas Walter vom Deutschen Wetterdienst.
Ein Indiz liefert eine Liste, mit in der Vergangenheit gemessenen "Heißen Tage" – laut Definition des Deutschen Wetterdienstes [2] solche, an denen das Thermometer die 30-Grad-Marke überschreitet – die Walter hervorkramt. "Sie sehen: Über Jahre hat ihre Anzahl sehr stark zugenommen." An heißen Tagen verdunsten die Pflanzen sehr viel mehr Wasser. Kommt dann kein Regen nach, entsteht Dürre.
Was das für die Zukunft bedeutet, kann Claas Nendel beantworten, der die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland erforscht. "Mein Gewächshaus ist der Computer", sagt der Geoökologe. "Atmung, Fotosynthese, Entwicklung, Ertrag – alles funktioniert wie bei einem richtigen Gewächs." Nur dass die Früchte seiner Arbeit nicht aus Getreidekörnern oder Kartoffeln bestehen, sondern aus mathematischen Formeln.
Nendel ist der Gegenwart voraus, sein Ziel ist die Pflanze der Zukunft wachsen zu lassen, und zwar einmal in einer Welt, in der die Menschheit keinen Klimaschutz betrieben hat – das RCP8.5-Szenario [3] des Weltklimarates IPCC. Um dann vergleichen zu können, wie es der Pflanze ergeht, wenn die Menschheit jetzt doch noch mit strengen Emissionsminderungen beginnt und die Klimaerhitzung begrenzt wird.
Der Professor sitzt im Haus 45 auf dem Wissenschaftscampus der Stadt Müncheberg [4] mit knapp 7.000 Einwohnern im Osten Brandenburgs, die sich selbst "Forscherstadt" nennt. 1928 wurde hier das "Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung [5]" gegründet, eine der ersten Wissenschaftseinrichtungen, die sich der Kulturpflanzenzucht widmeten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die DDR neu anfangen, sie gründete am Standort die "Zentralforschungsanstalt für Pflanzenzucht". Der heutige Nachfolger ZALF [6], das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, beschäftigt mehr als 600 Menschen.
Hinter dem Bürokomplex liegt das drei Hektar große Versuchsfeld. Kleine Schläge Gerste, Roggen oder Mais wurden hier nebeneinander ausgesät, über den Saaten drehen sich Drachen im Wind, um Vögel zu verscheuchen. Überall sind rote Plastikfüchse aufgestellt, mit dem Ziel, Kaninchen zu vertreiben. Möglichst nichts soll die Experimente auf den Forschungsfeldern stören.
Nendel, Mitte 50, trägt Lederhut, randlose Brille, Kinnbart, Sportschuhe. Auf dem Weg zu den "echten" Pflanzen stehen alle 20 Meter Schaltkästen. "Im Boden sind Unmengen von Sensoren eingelassen", erklärt der Professor, der an der Universität Potsdam lehrt.
Fahrzeuge, die an Golfbuggys erinnern, rollen durch die Reihen, bestückt mit landwirtschaftlichen Geräten. Es gibt eine mobile Beregnungsanlage und einen Rainout-Shelter, eine Art Gewächshaus, das über einem Versuchsfeld aufgespannt wird und so die Trockenheit der Zukunft simulieren kann.
"Hier überprüfen wir, ob sich unsere virtuelle Pflanze nach einer gewissen Versuchsdauer richtig verhält", erklärt Nendel. Er und sein Team sagen dem Computergewächs in Programmsprache, unter welchen Bedingungen es sich entwickeln muss.
Draußen auf dem Acker realisieren die Gärtner dann exakt die gleichen Verhältnisse auf dem Versuchsfeld.
"Stimmen Entwicklungsparameter wie Größe, Blattfläche, Gewicht, Wassergehalt bei der Computerpflanze nach einer Wachstumsperiode mit dem Feldgewächs überein, dann ist das mathematische Modell geeignet, künftige Verhältnisse abzubilden."
Claas Nendel
Geht das Experiment schief muss er nacharbeiten – "die virtuelle Pflanze realer machen."
Dass der Klimawandel in Deutschland längst Realität ist, spüren Landwirte am deutlichsten. Nach dem jüngsten Bericht des Deutschen Wetterdienstes [7] liegt die Durchschnittstemperatur hierzulande bereits 2,5 Grad über der zu der Zeit, als es noch keinen Klimawandel gab.
"Eine einzelne Hitzewelle, das ist bloß Wetter. Aber mehrere Jahre mit etlichen Hitzewellen nacheinander, das ist Klimawandel", sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands.
Die Folgen für die Landwirtschaft sind vielfältig: Mildere Winter führen zum Beispiel zu früherer Keimung und früherem Wachstum der Pflanzen. Wenn Regen fehlt oder in extremen Mengen als Starkregen niedergeht, sorgt das gleichermaßen für verminderte Erntequalität und geringeren Ertrag – bis hin zum Totalverlust. Bauern können weniger sicher planen, weil sie nicht wissen, wie die Ernte ausfällt.
Die alten Bauernregeln, dokumentierte "Best practice" der Landwirtschaft seit 1509 [8], sind längst nicht mehr gültig.
Viele unserer bisherigen Ackerpflanzen werden in den kommenden Jahrzehnten erhebliche Probleme bekommen. Die Frühjahre und Sommer der Zukunft bringen mehr Trockenheit und mehr Hitze. Dabei sind Phasen der Samen- und Fruchtbildung oder das Entfalten der Blüte zum Beispiel bei Getreide oft sehr temperaturempfindlich.
"Um acht Milliarden Menschen satt zu bekommen, müssen wir unsere Ernährung neu denken", sagt Claas Nendel. Denn der Klimawandel sei ja nur ein Problem. Weltweit geht zudem immer mehr Anbaufläche verloren, weil sie versiegelt, vergiftet oder übernutzt wird.
"Soja könnte zum Beispiel helfen", sagt Claas Nendel, der die Anbaubedingungen dieser Hülsenfrucht in unseren Breiten untersuchte. Die Bohnen des Schmetterlingsblütlers enthalten bis zu 37 Prozent Eiweiß. Und die Qualität des Sojaproteins ist mit der von tierischem Eiweiß vergleichbar. Nendel: "Der Vorteil ist: Mit dem Sojaanbau kommen wir direkt zu Proteinen, ohne den uneffizienten Umweg eines Tiermagens." Für die Viehhaltung sei sehr viel Fläche nötig, "Fläche, die wir nicht mehr haben".
Der Nachteil: Sojapflanzen wachsen in Mitteleuropa nicht sehr gut. Während in Brasilien vor zwei Jahren 74 Millionen Tonnen Bohnen geerntet wurden, waren es in Deutschland ganze 90.000 Tonnen. Ein Grund dafür ist das gemäßigte Klima in unseren Breiten, die Sojabohne mag es warm und trocken. Der andere Grund: Soja ist eine Kurztagpflanze. Also eine, die unter kurzen Sommernächten leidet.
Auch Hirse könnte helfen, Linsen auch.
"Das Spannende an diesen Kulturen ist: Sie hören einfach auf zu wachsen, wenn es zu trocken wird. Sie warten dann auf bessere Bedingungen."
Claas Nendel
Gerste oder Roggen haben solche Eigenschaften nicht, "sie gehen bei anhaltender Trockenheit in die Notreife". Bauern sprechen dann vom "Schmachtkorn": kleine Körner mit wenig Inhalt.
Linsen und Hirse sei eine Zeit ohne Nass dagegen egal. Regnet es eines Tages wieder, würden solche Kulturen aus dem Wartezustand in den Wachstumszustand zurückwechseln. "Was fehlt, ist agronomisches Wissen", sagt Claas Nendel: "Wie sind die Fruchtfolgen? Wie kontrollieren wir die Verunkrautung? Welchen Pflanzenschutz brauchen wir? Wir müssen das ausprobieren!"
Nendel ist sich sicher, dass schon in wenigen Jahren der 500-PS-Traktor Geschichte ist. Säen, Unkrautjäten, Düngen, Ernten: "Stattdessen übernehmen paketgroße Ernteroboter alle Dienste auf dem Feld". Felder, so wie wir sie heute kennen, werde es Mitte des Jahrhunderts nicht mehr geben, "es wird viel kleinteiliger angebaut", sagt Claas Nendel.
Auf sandigen Kuppen werden eher trockenheitsresistentere Nutzpflanzen wie Roggen ausgesät, in den feuchteren Niederungen dagegen zum Beispiel Weizen." Autonome Erntemaschinen würden das Korn erkennen, zuordnen und sortenrein ernten. Der Bauer der Zukunft sitzt immer seltener selbst im Traktor: "Selbstfahrende Feldroboter brauchen weder Pause noch Nachtschlaf."
Ohnehin steht die Landwirtschaft wegen der Digitalisierung vor einem gravierenden Wandel:
"Apps, mit deren Hilfe der Bauer Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge erkennen kann, die gibt es schon – inklusive automatischer Ratschläge, welches Mittel er dagegen einsetzen muss. Genauso wie Sensoren auf dem Traktor, die dem Bauern anzeigen, wie viel Nährstoffe in der Pflanze vor ihm enthalten sind."
In Müncheberg testen sie diese Dinge auf den Versuchsfeldern genauso aus wie im Computer. Diesmal ist es die "Echte Kicher" mit der experimentiert wird – eine Pflanzenart aus der Gattung der Kichererbsen.
"Ich will nicht falsch verstanden werden", sagt Bauer Blume: "Viermal B – ich bin gerne Bauer!" Immer an der Luft, immer im Kontakt mit seinen Tieren, immer sein eigener Herr sein: "So ein Leben hat nicht jeder!" Allerdings werde es zunehmend schwer, wirtschaftlich zu überleben.
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Litauischer Soldat in Militärtarnung in der Nähe eines deutschen Panzers. Foto (November 2025): Shutterstock.com
Wolfgang Richter hält viele Warnungen vor einem russischen Angriff auf Nato-Staaten für überzogen. Warum er dennoch mehr Verteidigungsfähigkeit fordert.
Kaum ein Thema prägt die sicherheitspolitische Debatte derzeit stärker als die Frage, ob Russland nach dem Krieg in der Ukraine auch Nato-Staaten bedrohen könnte. Wolfgang Richter, Oberst a. D., früherer Sicherheitsexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und heute Associate Fellow am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP [1]), hält viele der kursierenden Bedrohungsszenarien für überzogen.
Telepolis hat mit ihm über die militärischen Kräfteverhältnisse in Europa, die Risiken von Fehlwahrnehmungen und die Frage gesprochen, ob Europa neben Abschreckung nicht auch wieder stärker auf Dialog und Rüstungskontrolle setzen sollte.
▶ Herr Richter, im Kontext mit den wachsenden Militärausgaben in Europa wird öffentlich über einen möglichen Angriff Russlands gegen europäische Nato-Verbündete spekuliert. Wie ist Ihre Einschätzung der gegenwärtigen geopolitischen Situation? Und was denken Sie über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Russland und dem Westen seit 1990?
Wolfgang Richter: In einer Zeit zunehmender geopolitischer Rivalitäten und militärischer Gewaltanwendungen großer Mächte und einer ungewissen US-Bündnispolitik unter Präsident Trump steigen auch die Risiken für Deutschland und Europa. Die Verbesserung der europäischen Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit und angemessene militärische Beiträge Deutschlands liegen daher grundsätzlich im gemeinsamen Sicherheitsinteresse Europas.
Gleichwohl muss die Erosion der Sicherheitskooperation mit Russland, die 1990 begründet wurde und anfangs sehr erfolgreich war, auch im historischen Kontext bewertet werden, um ihre Ursachen zu verstehen und Auswege zu finden. Die Erosion zeichnete sich schon seit 2006 ab. Und sie war vermeidbar. Russland war bis dahin vertragstreu und hatte die größte Abrüstungsleistung in Friedenszeiten erbracht, gefolgt vom wiedervereinigten Deutschland.
Doch veränderten die regime-change-Interventionen von George W. Bush, seine Abkehr von der Rüstungskontrolle und sein Drängen auf eine Nato-Erweiterung bis zum Don, die geopolitische Lage und damit auch den konzeptionellen Kontext der Vereinbarungen.
Zwar haben nicht alle Nato-Staaten diesen Kurs gebilligt; insbesondere Deutschland hat dagegen Stellung bezogen, mit der Unterstützung Frankreichs und der meisten westeuropäischen Länder. Doch setzte Washington ausdrücklich nicht mehr auf die alten Verbündeten, sondern auf das "neue Europa" (Rumsfeld) und eine "Koalition der Willigen" aus mittelosteuropäischen Nato-Beitrittsländern.
Moskau reagierte darauf zunächst mit einer Versteifung seiner Positionen in den post-sowjetischen Territorialkonflikten und nach dem Georgien-Krieg mit einer Armeereform.
Die neuen Spannungen mündeten in den Kollaps der Sicherheits- und Rüstungskontrollvereinbarungen, zuletzt des New Start-Abkommens. Dies wird man nicht nur Moskau anlasten können. Seither gibt es keine Leitplanken mehr, die ein konventionelles und atomares Wettrüsten rechtswirksam begrenzen.
Vor diesem Hintergrund hat Moskau die Maidan-Revolte in Kiew als Fortsetzung westlicher regime-change-Politik, als Vorspiel zum Nato-Beitritt der Ukraine und als Bedrohung russischer Landsleute gedeutet. Auf die russische Annexion der Krim und Unterstützung von Anti-Maidan-Kräften in der Ostukraine 2014 reagierte die Nato militärisch.
Es ging um die Rückversicherung Polens und der baltischen Staaten, die sich nun bedroht sahen. Seither richtet sie ihre Strategie wieder auf die Landes- und Bündnisverteidigung aus. Die Vornepräsenz in den baltischen Staaten, Polen und Südosteuropa wurde schrittweise erhöht.
Deutschland und Frankreich haben das Minsker Abkommen von 2014/15 vermittelt, um die Kämpfe in der Ukraine zu beenden. Gemeinsam mit der Sonderbeobachtungsmission der OSZE konnten sie zwar eine operative Ausweitung der Kämpfe verhindern, aber nicht die vereinbarte politische Friedensregelung durchsetzen und den Waffenstillstand stabilisieren. Stattdessen versuchten beide Konfliktparteien ihre Positionen auch militärisch zu stärken.
Für Kiew spielte die Bündnispolitik mit westlichen Partnern ab 2020 eine entscheidende Rolle. Sie schloss auch Waffen- und Ausbildungshilfen ein.
Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hat die Allianz ihre Verteidigungsausgaben auf das Ziel von fünf Prozent der nationalen BIPs angehoben, die militärischen Fähigkeitsprofile erheblich erweitert, die Nato-Ostflanke verstärkt und die bisher neutralen Staaten Finnland und Schweden in die Nato aufgenommen. Parallel dazu unterstützt die Koalition der Willigen die Ukraine finanziell und mit Waffen- und Ausbildungshilfe.
Zugleich versucht sie, Russland mit Wirtschaftssanktionen in die Knie zu zwingen. Gleichwohl bestehen in den baltischen Staaten, Polen und Deutschland Befürchtungen, Russland könne sie – und damit die Nato selbst – möglicherweise ab 2029 angreifen.
▶ Wie realistisch sind solche Bedrohungsperzeptionen und wäre Nato-Europa fähig und willens zur Abwehr?
Wolfgang Richter: Um Bedrohungsperzeptionen zu validieren, müssen die erkennbaren politischen Absichten und militärischen Fähigkeiten nüchtern bewertet werden. Eine politische Absicht Moskaus, die Nato als das stärkste Militärbündnis weltweit anzugreifen, ist nicht nachweisbar und wäre nicht plausibel, solange Russland nicht selbst existentiell bedroht ist. Seine militärischen Fähigkeiten reichen dazu in der überschaubaren Zukunft nicht aus, selbst wenn es zu einer Waffenruhe in der Ukraine käme.
Erlauben Sie mir einige Erläuterungen. Zunächst zu den Absichten. Wenn eine große Militärmacht Gewalt gegen andere Staaten anwendet, um ihren politischen Willen unter Verletzung des Völkerrechts durchzusetzen, so ist dies für die Nachbarn Anlass genug, auf der Hut zu sein. Die Erhöhung der Wachsamkeit und die Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit sind somit grundsätzlich notwendig und gerechtfertigt.
Gleichwohl muss dies mit Augenmaß geschehen und den internationalen Kontext mitbewerten. Dämonisierung, selektive Verurteilung von Völkerrechtsbruch und dessen Relativierung, wenn Verbündete Völkerrecht brechen, stärken die eigene Glaubwürdigkeit im internationalen Umfeld nicht. Zudem müssen die spezifischen Gründe für das Verhalten des Angreifers berücksichtigt und dessen möglicherweise weitergehenden Ambitionen – auch im Kontext seiner militärischen Fähigkeiten – realistisch eingeschätzt werden.
Eine erklärte Absicht Moskaus, die Nato anzugreifen, gibt es nicht. Putin hat bei mehreren Gelegenheiten betont, dass er diese Diskussion im Westen für Unsinn halte. Doch hat er Bedingungen formuliert, unter denen der Krieg gegen die Ukraine beendet werden soll, die vergleichsweise begrenzt wirken: vollständige russische Kontrolle des Donbas; Einfrieren der Frontlinien in Cherson und Saporischschja; kein Nato-Beitritt und keine Stationierung westlicher Truppen in der Ukraine.
Dies kann und wird man als völkerrechtswidrigen Eingriff in die inneren Angelegenheiten von Nachbarstaaten verurteilen; doch ist das eher in einen spezifischen, historisch-kulturellen und strategischen Kontext einzuordnen als in eine allgemeine Absicht, Nato-Europa anzugreifen.
Die strategischen Bedrohungsperzeptionen Moskaus sind uns seit über 30 Jahren bekannt. Sie sehen die geopolitische Annäherung der Nato unter der Führung der Atommacht USA an das russische Kernterritorium als Bruch früherer Vereinbarungen und als nuklear-strategisches Risiko.
Dies gilt insbesondere für die strategische Raketenabwehr und die regionale Vorwärtsstationierung weitreichender Präzisionswaffen, die aus Moskaus Sicht die vereinbarte nukleare Balance unterminieren und sich zu einer existentiellen Gefährdung ausweiten können.
Darüber kann man reden, wie es die USA tun. Mit anderen Worten, eigene Bedrohungsperzeptionen müssen mit denen des potentiellen Gegners abgeglichen werden, um zu einem realistischen Bild zu kommen. Dass sie immer subjektiv sind und sich diametral unterscheiden können, ist kein Argument dagegen, zuzuhören und einen Ausgleich über Rüstungskontrollverhandlungen zu suchen.
▶ Und wie sieht es mit den militärischen Fähigkeiten aus?
Wolfgang Richter: Die jüngste Nationale Sicherheitsstrategie der USA stellt zu Recht fest, dass die konventionellen Fähigkeiten Europas denjenigen Russlands deutlich überlegen sind. Zudem ist zu berücksichtigen, dass 80 Prozent der russischen Landstreitkräfte in der Ukraine gebunden sind und hohe Verluste erleiden. Sie können zwar noch ersetzt werden, doch vom Ziel, den Personalumfang der Streitkräfte auf 1,5 Millionen zu erhöhen, ist man weit entfernt.
Vorläufig veraltet die russische Panzerwaffe, weil die aktiven Bestände einer hohen Ausfallrate unterliegen und die Industrie vor allem ältere Lagerbestände instandsetzt, um sie zu ersetzen. Dagegen ist die Neuproduktion gering. Die taktischen Luftstreitkräfte werden durch die Dauerbeanspruchung technisch verschlissen, können aber nicht angemessen überholt, ersetzt oder modernisiert werden. Quantitativ und qualitativ sind die europäischen Luftwaffen und Seestreitkräfte weit überlegen.
Vorteile Moskaus ergeben sich bei der Neuproduktion von Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Allerdings werden sie durch den hohen Verbrauch täglich dezimiert. Ihr Masseneinsatz schädigt die Energie- und Waffenproduktion im Hinterland, führt jedoch an der Front zu einem operativen Stillstand. Deutschland und Verbündete haben begonnen, ihre Raketen- und Drohnenabwehr und die elektronischen und weltraumgestützten Fähigkeiten zur Aufklärung und Führung vernetzter Operationen auszubauen.
Die Notwendigkeit, im Abnutzungskrieg über vollausgestattete Verbände mit einem ausreichenden Personalumfang zu verfügen und eine hohe Bevorratung, sichere Transportwege, eine steigerungsfähige Massenproduktion und auch Personalersatz zu gewährleisten, ist mittlerweile in die Bundeswehrplanung eingeflossen.
Natürlich wäre eine nur statische Beurteilung militärischer Fähigkeiten unvollständig, wenn neben den "Kräften" nicht auch die operativen Faktoren "Zeit" und "Raum" berücksichtigt würden. Das gilt allerdings für beide Seiten und erlaubt das Durchdenken von "Szenarien".
Die Erwartung, Russland könne seine Streitkräfte aus der Bindung in der Ukraine rasch lösen, um sich gegen europäische Nato-Nachbarn zu konzentrieren, ist unrealistisch, selbst wenn es bald zu einem Waffenstillstand käme. Moskau wird noch für Jahre das Risiko einkalkulieren müssen, dass Kiew bei günstigerer Lage eine Revision territorialer Verluste anstreben wird. Aber selbst wenn man das außer Acht lässt, würde Moskau keine militärische Parität mit den europäischen Alliierten erreichen.
Um dennoch einem regionalen russischen Kräfteansatz gegen das Baltikum zu begegnen – Stichworte "Kaliningrad", "Suwalki-Gap", "Narwa" –, hat die Nato ihre Vornepräsenz ausgeweitet, mit Deutschland in der Führungsrolle in Litauen. Die Frage, ob die Nato auf einen begrenzten russischen Angriff reagieren und Truppen entsenden würde (Carlo Masala), stellt sich nicht. Sie ist schon vor Ort!
Auch die Norderweiterung hat die Risiken Russlands deutlich erhöht. Der Sinn, die Nato zu "testen", erschließt sich nicht. Welcher "Test" würde es rechtfertigen, einen großangelegten Krieg mit dem stärksten Militärbündnis der Welt zu riskieren, der sich zu einer existentiellen Bedrohung für Russland entwickeln könnte?
Solche Szenarien verdeutlichen allerdings die Brisanz der politischen und militärischen Spannungen und die Notwendigkeit, die Risiken – auch einer unbeabsichtigten Eskalation – unter Kontrolle zu halten und zu minimieren.
▶ Wie schätzen Sie die Risiken ein, die aus unbeabsichtigten militärischen Zwischenfällen und Fehlbewertungen resultieren könnten?
Wolfgang Richter: Die Risiken, die aus unbeabsichtigten militärischen Zwischenfällen und Fehlbewertungen entstehen können, sind deutlich gestiegen. Dazu tragen worst case-Annahmen auf beiden Seiten der langen gemeinsamen Grenzen zwischen der Nato und Russland ebenso bei wie umfangreiche Truppenkonzentrationen in Grenznähe und zahlreiche Luft- und Seepatrouillen in und über den europäischen Randmeeren. Risikoreduzierung ist daher das Gebot der Stunde.
Um Eskalationsrisiken unter Kontrolle zu halten und zu reduzieren, muss der Dialog zwischen europäischen Staaten und Russland erneuert werden. Ziel sollte es sein, stabilisierende Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen zu verhandeln, um Berechenbarkeit zu schaffen und die Lage zu deeskalieren.
Langfristig geht es darum, im Sicherheitsinteresse Europas eine Dauerkonfrontation mit Russland zu verhindern und zu einem Modus Vivendi zu kommen, der auf dem Prinzip gegenseitiger strategischer Zurückhaltung fußt. Der Dialog über die europäische Sicherheit darf nicht der Trump-Administration überlassen bleiben.
Schon der Harmel-Bericht der Nato von 1967 hat erkannt, dass Abschreckung zwar notwendig ist, Abschreckung allein aber instabil. Sicherheit muss daher auf zwei Säulen ruhen: Verteidigungsfähigkeit und stabilisierender Dialog mit dem Ziel gegenseitiger militärischer Zurückhaltung durch Rüstungskontrolle. Dies ist heute wieder aktuell.
Im eigenen Sicherheitsinteresse muss daher der Dialog mit Moskau gesucht werden. Dies können wir nicht Trump überlassen. Er vertritt keine europäischen Interessen und hat keine Vision von einer künftigen europäischen Sicherheitsordnung.
▶ Zum Abschluss eine Frage zu möglichen regionalen Szenarien: Würden Nato-Verstärkungstruppen das Baltikum im Konfliktfall erreichen können?
Wolfgang Richter: Mit Blick auf die russischen A2/AD-Fähigkeiten ("Anti-access/area denial" zur Sperrung von Schlüsselräumen) in Kaliningrad (Stichwort: Iskander) und die Suwalki-Enge zwischen Kaliningrad und Belarus wird das mitunter bezweifelt. Das Szenario lässt allerdings mehrere Faktoren außer Acht:
Der Sinn, die Nato zu "testen", erschließt sich nicht. Welcher "Test" würde es rechtfertigen, einen großangelegten Krieg mit dem stärksten Militärbündnis der Welt zu riskieren, der sich zu einer existentiellen Bedrohung für Russland entwickeln könnte?
▶ Danke schön, Herr Richter.
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Die US-Regierung ordnet die Abschaltung der KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 an.
(Bild: Nwz / Shutterstock.com)
Das US-Handelsministerium erzwingt per Exportkontrolle die weltweite Abschaltung der neuen KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 von Anthropic.
Drei Tage nach dem Start seiner bislang leistungsfähigsten KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 [1] muss Anthropic beide Systeme weltweit offline nehmen.
Das US-Handelsministerium hat dem Unternehmen am Abend des 12. Juni eine Exportkontrollverfügung zugestellt, die den Zugriff für sämtliche ausländische Staatsangehörige untersagt – unabhängig davon, ob diese sich in den USA aufhalten oder nicht.
Wie Anthropic in einem Statement [2] mitteilte, ging die Anordnung um 17:21 Uhr Ostküstenzeit ein. Da das Verbot nicht nur ausländische Endkunden, sondern ausdrücklich auch eigene Mitarbeiter ohne US-Staatsbürgerschaft einschließe, könne eine gezielte Filterung auf Accountebene nicht kurzfristig umgesetzt werden.
Anthropic habe sich deshalb entschieden, beide Modelle für sämtliche Nutzer zu deaktivieren. Alle übrigen Claude-Modelle bleiben verfügbar.
Die Verfügung stützt sich auf die Export-Administration-Regulations (EAR), die das Bureau of Industry and Security (BIS) verwaltet.
Traditionell zielen US-Exportkontrollen im KI-Bereich auf Hardware wie Hochleistungs-GPUs. Seit 2025 erweitert das BIS seinen Rahmen aber explizit um KI-Modellgewichte und fortgeschrittene Systeme.
Laut einem Bericht [3] von Axios stuft Handelsminister Howard Lutnick Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 ähnlich ein wie kontrollierte Dual-Use-Güter. Für jeden Export oder Transfer sei eine individuelle Lizenz erforderlich. Bei Zuwiderhandlung drohen erhebliche zivil- und strafrechtliche Konsequenzen.
Dass Washington dabei ausgerechnet Anthropic trifft, überrascht: Das Unternehmen hatte vor dem Launch über Tausende Stunden hinweg Red-Team-Tests mit der US-Regierung, der britischen AISI und externen Organisationen durchgeführt.
Erst am selben Tag hatte Anthropic verdeckte Sicherheitseingriffe bei Fable 5 abgestellt [4] und mehr Transparenz versprochen.
Der konkrete Anlass für die Anordnung wirkt aus technischer Sicht bemerkenswert banal. Wie Anthropic erläutert, hat die Regierung bislang nur mündliche Hinweise auf einen sogenannten nichtuniversellen Jailbreak geliefert.
Die Methode bestehe im Wesentlichen darin, das Modell aufzufordern, eine bestimmte Codebasis zu lesen und vorhandene Softwarefehler zu beheben – also eine Tätigkeit, die in der Branche als automatisiertes Debugging bekannt ist.
Anthropic prüfte nach eigener Darstellung den Bericht, der der Regierung als Grundlage diente. Das Ergebnis: Die dabei gezeigten Fähigkeiten seien bei Konkurrenzmodellen weit verbreitet, darunter OpenAIs GPT-5.5 [5], und würden täglich von Sicherheitsfachleuten zur Verteidigung von IT-Systemen genutzt.
Kein universeller Jailbreak sei gefunden worden, der die Schutzmechanismen des Modells breit aushebeln könne. Die gemeldeten Befunde seien entweder harmlos oder geringfügig und böten keinen spezifischen Vorteil gegenüber dem ohnehin öffentlich Verfügbaren.
Unabhängige Stimmen aus der Security-Community sehen das offenbar ähnlich. In Fachforen und auf Social-Media-Plattformen äußern Entwickler und Sicherheitsforscher Unverständnis darüber, dass ausgerechnet automatisches Code-Audit als Anlass für eine Exportkontrolle dient, während andere Frontier-Modelle vergleichbare Funktionen bieten. Wer nachvollziehen will, was Claude Fable 5 im Praxistest tatsächlich leistet, findet eine Einordnung im heise-Plus-Test [6].
Anthropic formuliert seine Kritik ungewöhnlich deutlich. Die Entdeckung eines begrenzten potenziellen Jailbreaks solle kein Grund sein, ein kommerzielles Modell zurückzurufen, das bei Hunderten von Millionen Menschen im Einsatz sei.
Würde dieser Maßstab branchenweit gelten, kämen im Wesentlichen alle neuen Modelle sämtlicher Anbieter von Frontier-Modellen zum Erliegen.
Das Unternehmen betont zugleich, die Regierung solle unsichere Deployments grundsätzlich stoppen dürfen – aber nur im Rahmen eines gesetzlichen Verfahrens, das transparent, fair und auf technischen Fakten gegründet sei. Die aktuelle Maßnahme erfülle diese Kriterien nicht.
Für europäische Nutzer und Unternehmen wirft der Fall eine grundsätzliche Frage auf: Wenn US-Exportkontrollen Cloud-basierte KI-Modelle innerhalb weniger Stunden global abschalten können, wächst der Druck auf eigene europäische Alternativen.
Konkrete Hinweise auf ähnliche Verfügungen gegen andere Anbieter wie OpenAI, Google oder Meta sind bislang nicht bekannt. Allerdings erlaubt der regulatorische Rahmen des BIS strukturell, vergleichbare Auflagen künftig auch auf andere Frontier-Modelle anzuwenden.
Anthropic kündigte an, innerhalb von 24 Stunden weitere Details zu veröffentlichen. Das Unternehmen bezeichnete [7] die Maßnahme gegenüber AP News inzwischen als "Missverständnis" und strebt eine schnellstmögliche Wiederfreischaltung der Modelle an.
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Die Bundeswirtschaftsministerin wollte in Peking faire Bedingungen einfordern. Doch angesichts dramatischer Abhängigkeiten blieb nur Schweigen.
Katherina Reiche wollte den deutschen Kurs gegenüber China konsequenter gestalten. "Wir haben unsere Interessen in der Vergangenheit nicht klar genug benannt", erwähnte Reiche [1] vor ihrer Reise. Doch die Süddeutsche stellte schon am 28. Mai fest [2]:
"Die Ministerin folgt bei ihrer ersten China-Reise einer bewährten deutschen Strategie: staunen und schweigen."
Als Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sich im Mai 2026 zu ihrer ersten offiziellen Wirtschaftsreise nach Fernost aufmachte, waren ihre Wirtschaftsbegleiter bemüht, die Reise als völlig unspektakulär darzustellen, weil sie ihre Ziele möglichst geräuschlos erreichen wollten.
Nur Reiche versuchte die politische Zuspitzung. Im Zentrum ihrer Gespräche in Peking und Kanton sollten die Forderung nach fairen Wettbewerbsbedingungen sowie die Bewältigung des Handelsungleichgewichts zwischen beiden Ländern stehen.
Das Problem [3] hinter dem zunehmenden Ungleichgewicht ist die Tatsache, dass die Nachfrage nach deutschen Produkten in China zurückgeht, während chinesische Produkte in Deutschland faktisch immer beliebter werden. Dies beruht weniger auf besonderer Beliebtheit von "Made in China", sondern eher auf der Entwicklung, dass viele deutsche Marken inzwischen, soweit sie überlebt haben, in China produzieren lassen.
Und manche Produktgruppen wie Medikamente und Smartphones kommen heute fast ausschließlich aus dem Reich der Mitte. Nur Samsung produziert noch in Südkorea und die ehemalige Siemens-Marke Gigaset fertigt zwar noch in Bocholt, ist jedoch vollständig im Besitz des Hongkonger Konzerns VTech.
Die deutschen Exporte nach China brachen im ersten Quartal um 12,5 Prozent auf 18 Milliarden Euro ein. Damit rutschte China auf Platz neun der wichtigsten Abnehmermärkte deutscher Waren. Da sich die strukturelle Nachfrageschwäche im chinesischen Binnenmarkt nicht schnell erholen dürfte, verschärft sich das Handelsungleichgewicht weiter.
Die Situation im deutschen Außenhandel mit China ist inzwischen so prekär, dass ein früher gerne zumindest gegenüber der Öffentlichkeit vorgebrachtes Thema wie die Menschenrechtsverstöße [4] in China schlicht nicht mehr existiert.
Deutschland muss inzwischen mehr auf seine Zukunft im Welthandel achten, da kann man sich solche Anwürfe nicht mehr leisten. Hatte die verflossene Ampel-Regierung im Juli 2023 noch eine China-Strategie [5] verabschiedet, die als Ziel formulierte, Abhängigkeiten in kritischen Bereichen zu verringern, haben sich die deutschen Abhängigkeiten von China unter schwarz-rot eher noch verstärkt.
Laut einer aktuellen Studie [6] der Friedrich-Naumann-Stiftung, ist Chinas Anteil an deutschen Importen bei wiederaufladbaren Lithium-Batterien zwischen 2023 und 2025 von 49,7 auf 66,5 Prozent gestiegen.
Bei Antibiotika kletterte der chinesische Anteil von 65,3 auf 72,9 Prozent, bei Vitaminen und Provitaminen von 71,3 auf 81,6 Prozent.
Und bei PV-Panels erreichte China laut der Stiftung einen neuen Höchstwert von 92,6 Prozent des gesamten Imports.
Bei strategisch wichtigen Seltenen Erden [7] wie Praseodym, Neodym und Samarium, wichtig für die Produktion von Elektromotoren, bleibt China praktisch der einzige Lieferant. Die Importmenge dieser Warengruppe stieg von 3,1 Tonnen im Jahr 2023 auf 13,0 Tonnen im Jahr 2025. China kann aufgrund seiner Monopolposition festlegen, welchem Unternehmen welche Menge der gesuchten Produkte zugeteilt wird.
Bei der Chinareise sollte es neben der Rohstofffrage vorrangig um die Handelsbeziehungen und künftigen Investitionsbedingungen für deutsche Firmen in der Volksrepublik gehen.
Ganz offensichtlich war schon die Reisevorbereitung etwas chaotisch, was für das reiseerprobte Wirtschaftsministerium sonst eher selten der Fall und deshalb eher ungewöhnlich ist.
Während Reiche ankündigte die deutschen Wirtschaftsinteressen [8] gegenüber der chinesischen Führungsriege in Peking und der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou ruhig und lösungsorientiert angehen [9] zu wollen, kamen von den mitreisenden Vertretern der deutschen Wirtschaft gänzlich unterschiedliche Argumente.
So forderte der Maschinenbauverband VDMA, Reiche müsse unmissverständlich klarmachen, dass die Bundesregierung systematische Wettbewerbsverzerrungen nicht länger hinnehme, während Miguel López [10], Vorstandschef bei Thyssenkrupp postulierte:
"Wir sollten chinesische Unternehmen einladen, nach Europa zu kommen, in Europa zu produzieren."
Die Tatsache, dass es im Nachgang der China-Reise von Ministerin Reiche keine Pressemeldung aus dem Ministerium zu dem Vorgang gab, lässt sich wohl damit erklären, dass sich die beiden Seiten ihre Vorstellungen zwar gegenseitig artig vorgetragen haben, aber es zu keinen gemeinsamen Erklärungen kam.
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Seeschlacht des zweiten Englisch-niederländischen Krieges 1665
(Bild: National Maritime Museum London/Commons)
Zwei Republiken, ein Ozean – und kein Platz für beide: Wie die Niederlande und England drei Jahrzehnte lang um die Hegemonie auf den Weltmeeren kämpften.
In einem Zeitalter der Monarchien traten zwei Republiken in den Kampf um die Vorherrschaft auf den Ozeanen ein: die Vereinigten Niederlanden und die englisch-schottisch-irische Republik (Commonwealth).
Die Unabhängigkeit der Niederlande von Spanien, endgültig am 30. Januar 1648 in Münster als Bestandteil des Westfälischen Friedens festgehalten, und die Ausrufung der Republik am 19. Mai 1649 in London als Folge der Hinrichtung König Karls I., setzten expansive Energien frei, die unmittelbar darauf zu mehreren Kriegen um die Herrschaft auf den Meeren führten.
Zu Lande hatte Cromwells Streitmacht die Iren (1649–52) brutal niedergeworfen und die Schotten (1650/51) gefügig gemacht. Die Niederländer behaupteten sich gegen die überlegene spanische Militärmaschine, die seit 1566 jahrzehntelang versucht hatte die Unabhängigkeit der sieben nördlichen Provinzen Holland, Seeland, Friesland, Groningen, Overijssel, Geldern und Utrecht zu verhindern.
Thomas Hobbes, Zeitzeuge der englischen Revolution [1], hatte in seinem Spätwerk "Behemoth" als eine Ursache des Bürgerkriegs den Neid des englischen, besonders des Londoner Großbürgertums auf die Profite der Niederländer im Seehandel ausgemacht. Die Handels-, Finanz- und Manufakturkapitalisten auf der Insel sahen, wie die Niederländer hohe Gewinne mit dem Zwischenhandel aller möglichen Waren, mit dem Gewürz- und Sklavenhandel sowie der Ausbeutung der Kolonien machten.
Die Engländer begannen eine eigene koloniale Expansion. Im Jahre 1651 eigneten sie sich Surinam an und 1655 eroberten sie auf Initiative Cromwells das bis dahin spanische Jamaika. In Nordamerika starteten sie erste Versuche von Ansiedlungen. Aber die Niederländer waren meist schon da und ließen sich nicht so einfach aus den lukrativen Geschäften mit der kolonialen Ausbeutung verdrängen. Sie schienen den Briten gewachsen zu sein. Spaniens Militärmacht dagegen befand sich zu Lande und zur See auf dem absteigenden Ast.
So erließ Cromwell 1651 die sogenannte Navigationsakte (navigation act), nach der Waren nach England nur auf britischen Schiffen oder von solchen des Erzeugerlandes transportiert werden durften. Das gefährdete das niederländische Handelsmonopol zur See und war Auslöser von drei niederländisch-englischen Seekriegen, die die Engländer Dutch Wars und die Holländer Engelse Oorlogen nannten.
Zwischen 1652 und 54 versuchten die sieben vereinigten Provinzen der Niederlande die Rücknahme der Navigationsakte zu erreichen. Anfang März 1652 beschlossen sie ihre Flotte aufzurüsten. Die Engländer verfügten bereits seit den 1630ern über größere und besser bewaffnete Kriegsschiffe mit bis zu drei Batteriedecks und 100 Kanonen, die noch unter König Karl I. in Dienst gestellt worden waren. Die Republik der Engländer, Schotten und Iren, wie das Cromwellsche Staatswesen nun hieß, erbte diese modernen schweren Galeonen.
Durch die bessere Bewaffnung und das eingeübte taktische Verhalten im Gefecht blieben die Engländer in den Seeschlachten von Dover (1652) und Scheveningen (1653) den Niederländern überlegen. Ansonsten attackierten sich die Gegner mit Angriffen auf die jeweils feindlichen Handelskonvois, Hafenblockaden und Kaperüberfällen auf einzelne Handelsschiffe. Die Holländer erkannten ihre Defizite und akzeptierten im Frieden von Westminster 1654 die Navigationsakte.
Damit war die Konkurrenz zwischen den beiden aufstrebenden Mächten aber nicht verschwunden. Die Niederländer zogen die Lehren aus dem verlorenen 1. Seekrieg: sie bauten besser bewaffnete Schiffe und suchten sich Verbündete in den Dänen, die für den Ostseezugang wichtig waren, und den Franzosen, die gerade unter Ludwig XIV. Heer und Flotte aufrüsteten und in den kolonialen Wettlauf eintraten.
Derweil tat sich in Britannien Erstaunliches: mit dem Tod des Lordprotektors und Diktators Cromwell am 3. September 1658 geriet die junge Republik nach elfjähriger Existenz ins Wanken. Zuletzt rief man die Stuarts zurück. Karl II., der Sohn des geköpften Karls I. wurde König und die Monarchie erneut eingeführt – allerdings mit konstitutionellen Beschränkungen. So beschäftigt, dauerte es einige Jahre bis es wieder zum Konflikt kam.
König Karl II. versuchte seine innenpolitischen Einschränkungen, die ihm durch das Parlament auferlegt wurden, durch aggressive Außenpolitik auszugleichen. Die Navigationsakte erfuhr eine Verschärfung, die englischen Kolonien blieben fremden Schiffen und fremden Handel verschlossen. Der Bruder des Königs, der Herzog von York, eroberte 1664 die niederländischen Siedlungen der Kolonie Neu-Niederlande um Neu-Amsterdam an der Südspitze von Manhattan.
Sie bestanden seit 1625 und florierten gut. Mit der englischen Eroberung wurde ihr Hauptort in New York umbenannt. Durch die Erfolge seines Bruders animiert, erklärte König Karl II. im März 1665 den Niederlanden den Krieg. Den katholischen Bischof von Münster stachelte er durch Subsidien auf zu Lande in die Vereinigten Provinzen einzufallen.
Die Entscheidungen aber fielen in mehreren Seegefechten im Ärmelkanal. Die erste Schlacht Mitte Juni 1665 bei Lowestoft gewannen die Briten. Sie verfügten immer noch über die leistungsstärkere Artillerie und beherrschten die neuen Taktiken der Kiellinie und des Angriffs aus der Luvposition besser.
Einen Flottenverband von bis zu 100 Schiffen im Geschwader zu führen und dann alle Schiffe in einer Linie gleichmäßig angreifen zu lassen, bedurfte längerer Übung sowie seemännischer Erfahrung und Geschick. Hier hatten die Briten den Niederländern Einiges voraus. Auch in der Geschlossenheit der Führung lagen die Vorteile auf englischer Seite.
Die niederländischen Flotten bestanden aus den Kontingenten der sieben vereinigten Provinzen mit ihren jeweiligen Kommandeuren. Da gab es Reibungsverluste durch Kompetenzstreitigkeiten und Rivalitäten unter den Admirälen, in deren Folge es z. B. zur Niederlage im St. Jamesʼ Day Fight kam.
Aber an Geschick fehlte es den Niederländern nicht. Admiral de Ruyter, der ein Flaggschiff führte, das nicht zufällig "Die sieben Provinzen" hieß, machte die technisch-taktischen Vorteile der Engländer durch seine brillante Führung wett. In der Vier-Tage-Schlacht vom 11. bis 14. Juni 1666 vor der flandrischen Küste wurden die Engländer besiegt.
Die Reste ihrer stark angeschlagenen Flotte schleppten sich zurück in die Heimathäfen. Die Stimmung in England erreichte einen Tiefpunkt, als im selben Jahr London niederbrannte und die Pest im Lande wütete. Und dann erfolgte das Meisterstück der Holländer: Im Juni 1667 überfielen sie die in den Docks von Chatham in der Medwaymündung vor sich hin tümpelnden englischen Kriegsschiffe, verbrannten diese, raubten einige der besten Exemplare und brachten sie nach Amsterdam.
Eine schlimmere Demütigung hatte die Royal Navy noch nicht erlebt. Einen Monat später zeigten sich die Engländer bereit zum Frieden, der im nordbrabantischen Breda geschlossen wurde und wieder einen Kompromiss darstellte. Der navigation act wurde abgemildert.
Waren aus dem Heiligen Römischen Reich und den südlichen Niederlanden (auch spanische Niederlande genannt, heute im Wesentlichen Belgien und Luxemburg) durften auf niederländischen Schiffen nach England gebracht werden. Surinam und Poeloe Run (in Indonesien) fielen an die Niederlande. New York samt Umland blieb britisch. Welche Tragweite das später haben sollte, wusste damals keiner.
Zum dritten Mal bekämpften sich Engländer und Niederländer zur See in den Jahren 1672-74. König Ludwig XIV. von Frankreich hatte sich inzwischen eine Flotte und ein mächtiges Landheer zugelegt. Durch Colberts Reformen verfügte er auch über genügend Geld um sich Verbündete zu kaufen.
Im Reich bezahlte er Katholiken, den Kurfürsten und Erzbischof von Köln und den Fürstbischof von Münster, für Angriffe auf die reformierten Niederlande. Zur See überzeugte er mit reichlich Subsidien den stets klammen König von England zum Mittun. Ziel des Sonnenkönigs war die Eroberung der südlichen Niederlande, woran er 1667/68 noch gescheitert war.
Zur See hielten die Holländer stand. Unter Führung des großartigen de Ruyter schlugen sie die Engländer mehrfach. Sogar New York gewannen sie 1673 vorübergehend zurück. Zu Lande jedoch gerieten sie in große Not. Sie durchlitten das sogenannte Rampjaar (niederländisch für Katastrophenjahr). Gegen die französischen Armeen erlitten sie Niederlagen. Ihr einziger Verbündeter, der Kurfürst von Brandenburg, mühte sich redlich, konnte aber nicht entscheidend helfen.
Erst als angesichts der französischen Erfolge die Habsburger in Österreich und Spanien auf Seiten der Niederlande eingriffen, dazu der Herzog von Lothringen, schied England aus und schloss im Februar 1674 separat Frieden mit den Niederländern. Ludwig XIV. eignete sich in den Friedensschlüssen von 1678/79 Grenzstreifen und Festungen in den südlichen Niederlanden an. Das Reich musste ihm Lothringen und die Freigrafschaft Burgund abtreten. Der Niederlande blieben furchtbare Verwüstungen ihres Landgebietes.
Obwohl die Niederländer auch im 3. Seekrieg mit England siegreich blieben, schwand von da an nach und nach ihre Machtstellung auf den Weltmeeren. In einer Seeschlacht gegen die Franzosen vor Sizilien im April 1676 verloren sie ihren besten Mann: Admiral de Ruyter wurde der rechte Fuß zerschossen, woran er eine Woche später starb.
Die Position der Republik der Vereinigten Niederlanden nahm Großbritannien ein. Dort hatte sich allerdings 1688 Glorreiches ereignet. Ein Niederländer, Wilhelm III. von Oranien, stürzte im Herbst den Stuartkönigs Jakob II. vom Thron und beendete dessen frankophile Politik. Von da an hatten sich die Briten mehr als ein Jahrhundert lang der Konkurrenz der Franzosen auf den Ozeanen zu erwehren.
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62 Euro zahlen deutsche Haushalte im Schnitt für digitale Dienste. Weil die Kosten steigen, verlieren Einzel-Abos an Reiz – und Bundles boomen.
Der deutsche Markt für digitale Abonnements verändert sich. Während die Ausgaben der Haushalte weiter steigen, verlieren klassische Einzelangebote an Attraktivität. Gefragt sind zunehmend Bündel aus mehreren Diensten.
So geht es den Kunden im Abomarkt derzeit weniger um den besten Einzeldienst, sondern mehr um das leistungsfähigste digitale Ökosystem, wie etwa aus der aktuellen BearingPoint Submix-Studie 2026 hervorgeht. Für die Studie wurden rund 7.500 Personen in Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich befragt.
Die Fachseite Digitalfernsehen.de [1] fasst zentrale Ergebnisse der Studie zusammen. Demnach sind die monatlichen Haushaltsausgaben für digitale Abonnements in Deutschland auf durchschnittlich 62 Euro gestiegen – nach 55 Euro im Vorjahr. Gleichzeitig wächst der Anteil der Haushalte, die mehr als 100 Euro pro Monat für digitale Dienste ausgeben, von 15 auf 19 Prozent.
Fast jeder dritte Deutsche (28 Prozent) zahlt inzwischen für exklusive Inhalte von Content-Erstellern – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr (23 Prozent). Ob YouTube, Instagram, TikTok oder Twitch: Die Bereitschaft wächst, digitale Inhalte direkt bei ihren Urhebern zu finanzieren.
Zugleich geben 27 Prozent der Befragten an, wegen ihres Social-Media-Konsums weniger Zeit für klassische Bezahlangebote aufzuwenden. Besonders betroffen sind laut Studie Streaming-Dienste wie Netflix oder Disney+, aber auch TV-Angebote über Internetverträge und Musik-Streaming.
Rückläufig entwickelt sich zudem der Markt für digitale Presse-Abonnements. Nur noch 14 Prozent der Haushalte verfügen über ein entsprechendes Angebot, nach 19 Prozent im Vorjahr. Als wichtigste Kündigungsgründe nennen die Befragten die Kosten und die wahrgenommene Qualität der Inhalte.
Parallel wächst die Nachfrage nach Bündelangeboten. Bereits 29 Prozent der Konsumenten nutzen sogenannte Bundles, also mehrere Dienste in einem Paket. Besonders gefragt sind Kombinationen aus Medienangeboten, Lieferdiensten, Mobilität oder Finanzdienstleistungen.
Begünstigt durch den Wegfall des Nebenkostenprivilegs legten TV-Dienste, die direkt über Internetverträge angeboten werden, deutlich zu. Auch Online-Gaming-Abonnements wachsen weiter und erreichen inzwischen 25 Prozent der Haushalte.
Der Trend zu Bundles passt zu einer Entwicklung, die sich auch international beobachten lässt: Viele Anbieter versuchen, Kunden nicht mehr nur mit einzelnen Inhalten, sondern mit umfassenden Angebotswelten an sich zu binden.
Trotz verschärfter Regeln gegen das Teilen von Zugängen bleibt Passwort-Sharing weit verbreitet.
Laut der Studie ist die Nutzung gemeinsamer Konten außerhalb des eigenen Haushalts bei mehreren großen Plattformen wieder angestiegen, darunter Netflix, Disney+ und YouTube Premium.
Auch werbefinanzierte Angebote gewinnen an Akzeptanz. Rund die Hälfte der Befragten akzeptiert Werbeeinblendungen, wenn dadurch die Kosten sinken.
Bemerkenswert hoch fällt zudem die Zustimmung zur Nutzung personenbezogener Daten für KI-gestützte Dienste aus. 71 Prozent der deutschen Befragten zeigen sich dafür grundsätzlich offen. 29 Prozent würden einer solchen Nutzung sogar zustimmen, ohne vorher ausdrücklich darüber informiert werden zu wollen.
Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf Deutschland. Das Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford stellt in seinem Digital News Report 2025 fest, dass in 20 wohlhabenderen Ländern durchschnittlich lediglich 18 Prozent der Menschen für Online-Nachrichten bezahlen (ox.ac.uk [2]).
Gleichzeitig treiben große Medienunternehmen den Bündel-Trend voran. Anbieter wie die New York Times bauen ihre Angebote zu umfassenden Paketen aus, während Streaming-Dienste verstärkt auf werbefinanzierte Modelle setzen.
Auch außerhalb der Medienbranche gewinnen Abonnements an Bedeutung. Laut dem Zahlungsdienstleister Bango ist der Einzelhandel inzwischen die zweitgrößte Kategorie für bezahlte Abonnements geworden – noch vor Musik, Gaming, Sport und Nachrichten (bango.com [3]). Programme wie Amazon Prime oder Walmart+ zeigen, wie sich Bündelangebote aus Handel, Unterhaltung und digitalen Diensten zunehmend vermischen.
Hinter vielen dieser Entwicklungen steht ein gemeinsamer Trend: Aufmerksamkeit wird knapper. Verbraucher verwalten immer mehr digitale Dienste, während Plattformen und Medienunternehmen nach Wegen suchen, ihre Kunden langfristig zu binden.
Ob sich der Trend zu Bündelangeboten und vernetzten Plattformen dauerhaft durchsetzt oder ob es künftig wieder eine Gegenbewegung zu einfacheren Angeboten gibt, bleibt offen. Die aktuellen Daten sprechen jedoch dafür, dass die Zukunft digitaler Abonnements zunehmend in Bündeln, Plattformen und vernetzten Angebotswelten liegt.
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Zu Russland widersprechen sich zwei Nato-Generäle offen auf derselben Messe. Dahinter stecken Milliarden, Macht und ein leiser Abzug. Ein Leitartikel.
Auf derselben Messe, am selben Tag, in derselben Stadt – und doch in zwei verschiedenen Welten: Generalleutnant Christian Freuding, Inspekteur des Heeres, erklärte auf der ILA Berlin, Deutschland müsse bis 2029 kampfbereit sein.
Wenige Meter weiter sagte der Oberbefehlshaber der alliierten NATO-Streitkräfte in Europa (SACEUR), US-General Alexus Grynkewich, Russland "suche keinen Konflikt".
Dass hier zwei diametral entgegengesetzte Ansichten geäußert wurden, ist kein Missverständnis zwischen Verbündeten. Das ist das Symptom dafür, dass sich die Prioritäten auf dem geopolitischen Schachbrett verschieben, wobei Europa an Gewicht verliert und zur nachgeordneten Front wird.
Freuding betonte laut [1] Politico, 2029 sei "kein deutscher Zeitplan", sondern "von der Nato bestätigte Geheimdienstinformationen". Alle 32 Partner seien sich einig, dass Russland bis dahin in der Lage sein könnte, ein Bündnisland anzugreifen.
"Geschwindigkeit ist jetzt entscheidend", sagte er und forderte "Zwischenlösungen" für die marode Bundeswehr. Damit meint er, dass militärische Systeme bevorzugt werden sollen, die kurzfristig verfügbar sind, statt auf Großprogramme zu warten, mit denen man erst in etlichen Jahren rechnen kann.
Die Zeitmarke 2029 kommt Berlin gelegen. Das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ist weitgehend verplant, die Wehrpflichtdebatte stockt, und die Industrie braucht Planungssicherheit für neue Aufträge.
Ein konkretes, nahes Ablaufdatum für den Frieden erzeugt jenen politischen Druck, der Milliardenbudgets legitimiert und mehr Opferbereitschaft in der Gesellschaft und von Familien sichert.
Dass Berlin parallel das deutsch-französische Kampfjet-Projekt FCAS beerdigt hat [2] und nun die alleinige Führung in der europäischen Militär-Luftfahrt beansprucht, passt ins Bild: Wer Bedrohung predigt, kann Geld fordern – und industriepolitische Alleingänge rechtfertigen.
Dabei stellt sich die Frage, wie belastbar die Bedrohungsanalyse tatsächlich ist. Eine aktuelle Greenpeace-Studie [3] kommt zu dem Ergebnis, dass Europas Militärpotenzial Russlands Fähigkeiten bei weitem übersteigt – das Problem sei weniger der Mangel an Gesamtkapazität als die politische und industrielle Umsetzung.
Die Nato-Staaten sind den russischen Streitkräften finanziell und konventionell vielfach überlegen. Was fehlt, sind Munitionsvorräte, Ersatzteile, Logistikketten, durchhaltefähige Verbände und Soldaten, die bereit sind, ihr Leben für das Vaterland zu geben.
Grynkewich hingegen muss beruhigen – aus purem Eigeninteresse. Wie die Financial Times berichtet, bestätigte er erstmals [4] offiziell geplante Kürzungen im Nato-Kräftemodell.
Abgezogen werden sollen unter anderem eine US-Flugzeugträgerkampfgruppe, sämtliche U-Boote mit Marschflugkörpern, Poseidon-Seeaufklärer, Luftbetankungsflugzeuge sowie F-16- und F-15E-Kampfjets. Hinzu kommen 5.000 Soldaten, die bislang in Deutschland stationiert waren.
Würde Grynkewich die Bedrohung durch Russland genauso dramatisch einschätzen wie sein deutscher Kollege, müsste er den Abzug dieser Ressourcen als strategische Unterlassung erklären.
Die Beruhigungspille – "Russland sucht keinen Konflikt" – dient dazu, den Transfer nach Asien moralisch abzufedern. "Es handelt sich um eine Reihe von Luft- und Seestreitkräften, die wir in den USA im Falle eines Konflikts im Pazifik benötigen", sagte er nüchtern.
China ist für Washington also die Priorität, Europa nur noch der Nebenschauplatz.
Der eigentliche Befund ist unbequem für beide Seiten. Deutschland hat sich jahrzehntelang unter dem nuklearen und konventionellen Schutzschirm der USA eingerichtet – und steht nun vor einer physischen Lücke, die sich mit Rhetorik nicht füllen lässt.
Aber das weckt auch alte Ängste in Europa. Wie Telepolis bereits in einer Analyse zur Rückkehr der "Deutschen Frage" [5] zeigte, wächst jetzt Deutschlands militärische Rolle in Europa rasant – und die Nachbarn der Bundesrepublik fürchten wieder die deutsche Hegemonie, die den Kontinent schon zweimal in die Katastrophe führte.
Die Debatte um 2029 ist weniger eine exakte Kriegsprognose als ein Stresstest für Europas Abhängigkeit von Washington.
Die wahre Gefahr besteht nicht darin, dass russische Panzer morgen am Rhein stehen. Sie besteht darin, dass die europäische Politik unfähig scheint, sich einzugestehen, dass der amerikanische Schutzpatron bereits die Koffer packt.
Berlin rüstet nicht für den Sieg – es betreibt Schadensbegrenzung für ein gescheitertes transatlantisches Geschäftsmodell.
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Vom gefeierten Friedensnobelpreisträger zum harten Autokraten: Der dramatische Wandel des äthiopischen Regierungschefs.
Im Dezember 2019 spricht ein junger Mann in Stockholm über die Liebe. "Frieden ist eine Herzensangelegenheit", sagt er, "Frieden ist ein Werk der Liebe." Es ist die Dankesrede für den Friedensnobelpreis. Drei Jahre später sind in seinem Land mehr als 600.000 Menschen tot, über 120.000 Frauen vergewaltigt, fast zwei Millionen vertrieben. Sein Name: Abiy Ahmed, Ministerpräsident Äthiopiens.
Auch deutsche Medien feierten ihn damals: der charismatische Reformer, der einen jahrzehntelangen Konflikt beendet und sein Land zur Demokratie führen will. Wir haben ihn bejubelt. Wir haben uns geirrt.
Am 1. Juni dieses Jahres wurde in Äthiopien ein neues Parlament gewählt, das Ergebnis wird bis zum 11. Juni erwartet. Die Frage, die über diesen Wahlen schwebt, ist nicht, wer gewinnt – sondern: Wie wurde aus einem Friedensnobelpreisträger ein Kriegsherr?
Der Mann, der 2018 an die Macht kam, schien wie geschaffen für die Hoffnung. Geboren als Kind einer multiethnischen Ehe – der Vater Oromo, die Mutter Amhara –, einst Funker einer Armee-Einheit im Grenzkrieg gegen Eritrea, später Aufsteiger in der Regierungspartei EPRDF. 2018 wurde er deren Vorsitzender und Premierminister.
Sein Schlagwort: "Medemer", amharisch für "Zusammenkommen". Es war Buchtitel, Slogan und politisches Programm zugleich. Die Idee: Das tief gespaltene Land – über 80 Ethnien, mehr als 135 Millionen Einwohner – durch ein Gefühl nationaler Einheit zusammenhalten.
"In der Praxis geht es bei Medemer darum, das Beste aus unserer Vergangenheit zu nutzen, um eine neue Gesellschaft aufzubauen, die auf Toleranz, Verständnis und Höflichkeit beruht", erklärte Abiy Ahmed.
Auch Prinz Asfa-Wossen Asserate, in Deutschland lebender Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, bestätigte: Viele Äthiopier unterstützten Abiy, weil sie sich von ihm eine bessere Zukunft versprachen.
Doch kaum ein Jahr nach Stockholm zeigte sich der Riss. Abiys Kompromissfähigkeit, in der Theorie das Herzstück von "Medemer", erwies sich in der Praxis als Schwäche. Statt die ethnischen Spannungen durch Aushandlung zu lösen, versuchte er sie von oben zu überdecken: Er wandelte die multiethnische EPRDF in eine "Prosperity Party" um, die sich demonstrativ als nicht-ethnisch verstand.
Der eigentliche Konflikt aber ließ sich nicht wegdefinieren. 2020 eskalierte er.
Die Corona-Pandemie diente Abiy als Begründung, die Parlamentswahl zu verschieben. Die mächtige Regionalregierung des Bundesstaats Tigray, geführt von der TPLF, akzeptierte das nicht und hielt im September 2020 eigene Wahlen ab – nach eigenen Angaben mit 98,2 Prozent Zustimmung. Addis Abeba erklärte sie für ungültig. Auf den Plakaten in Tigray war Abiy längst verschwunden; man sah nur noch das Gesicht seines verstorbenen Vorgängers Meles Zenawi.
Nach Überfällen auf Militärstützpunkte schickte Abiy Truppen nach Mekelle, die Hauptstadt Tigrays. Der Krieg begann.
Was folgte, gehört zu den blutigsten Konflikten des 21. Jahrhunderts – und blieb im Westen weitgehend unbeachtet. Eritreische Soldaten kämpften, plünderten und terrorisierten an Abiys Seite. Es geschah nicht nur Raub: Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International dokumentierten Erschießungen, Folter und systematische sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen.
Die Bilanz nach zwei Jahren Krieg: mehr als 600.000 Tote, über 120.000 vergewaltigte Frauen, fast zwei Millionen Vertriebene.
Der "Kamerad in Frieden" von 2019, Eritreas Diktator Isayas Afeworki, war zum Komplizen geworden. Vieles deutet darauf hin, dass Abiy sich mit ihm arrangierte, um seine innenpolitischen Gegner auszuschalten.
Der Grenzkrieg 1998–2000
Vom 6. Mai 1998 bis zum 18. Juni 2000 führten Äthiopien und Eritrea einen blutigen Grenzkrieg mit bis zu 150.000 Toten.
Die Wurzeln reichen weit zurück: Während Äthiopien im 19. Jahrhundert seine Unabhängigkeit bewahrte, wurde Eritrea italienische Kolonie – mit nie genau markierten Grenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwaltete Äthiopien das Gebiet, in den 1960er Jahren annektierte es Eritrea unter Kaiser Haile Selassie. Es entstand die Untergrundbewegung EPLF unter Isayas Afeworki.
In den 1970er Jahren verbündete sich die EPLF mit der tigrinischen TPLF gegen den sozialistischen Diktator Mengistu Haile Mariam. 1991 eroberten sie gemeinsam Addis Abeba; Meles Zenawi wurde Ministerpräsident und gewährte Eritrea 1993 die Unabhängigkeit. Doch wirtschaftliche Streitigkeiten führten zum Bruch – und schließlich zum Krieg.
Wie konnte der Mann von Stockholm zu diesem werden? Ein Schlüssel liegt womöglich in seinem Selbstverständnis. Abiy spricht häufig von "Visionen" und einer "dauerhaften Vision", die der Frieden brauche. Er gibt sich als Auserwählter – und wer einer höheren Bestimmung folgt, ist gegen Kritik immun.
Abiy gehört dem "Mulu Wongel Believers Movement" an, einer Pfingstkirche, die in ganz Afrika rasant wächst und 4,5 Millionen Mitglieder in Äthiopien zählt. Pastoren solcher Kirchen zählen oft zu den engsten Beratern afrikanischer Staatschefs.
Der Journalist René Lefort formuliert es bei Ethiopia Insight zugespitzt: "Sein Glaube diktiert seine politischen Visionen und sein Handeln." Die offene Frage: Nutzt Abiy diesen Glauben, um seine Macht autokratisch auszubauen?
Sechs Jahre nach Stockholm sind rund 50 Millionen der 135 Millionen Äthiopier stimmberechtigt. Über 2.000 Kandidaten bewerben sich um 502 Mandate, 47 Parteien sind zugelassen. Auf dem Papier ein demokratischer Wettbewerb.
Die Realität ist eine andere. Gegen Oppositionelle wird seit Jahren hart durchgegriffen, Journalisten werden abgehört und verhaftet. Korrespondenten der Deutschen Welle wurde teils die Akkreditierung entzogen. Der Bundesstaat Tigray nimmt an der Wahl nicht teil.
Wie kann eine Regierung von "freien und fairen Wahlen" sprechen, wenn die Opposition verfolgt, die Presse behindert und eine ganze Region ausgeschlossen wird?
Viele Äthiopier befürchten, dass das Ergebnis längst feststeht. Und dennoch hoffen sie – auf Arbeit, auf eine Perspektive. Gerade junge Menschen sind oft arbeitslos, in ländlichen Gebieten herrschen Armut und Analphabetismus. Hinzu kommt, dass Treibstoff und Lebensmittel in den Städten knapp und teuer geworden sind.
Die Gefahren häufen sich. Der Friedensvertrag mit der TPLF von 2022 hat den Krieg beendet, nicht die Spannungen – die offiziell verbotene TPLF will die Kontrolle über Tigray zurück. Zugleich fordert Abiy einen Zugang zum Roten Meer, was den alten Konflikt mit Eritrea neu entfachen könnte. Damit wäre der Grund für seinen Nobelpreis endgültig Makulatur.
Inzwischen wirft Addis Abeba ausgerechnet dem einstigen "Kamerad in Frieden" vor, Rebellengruppen zu unterstützen. Ein Stellvertreterkrieg droht.
Die Risiken reichen über die Grenzen hinaus: ein schwelender Gebietsstreit mit dem Sudan; die Vereinigten Arabischen Emirate, die Äthiopien mit Drohnen beliefern und denen UN-Experten zugleich Unterstützung der sudanesischen RSF-Milizen vorwerfen; vor allem aber der Konflikt mit Ägypten um den Staudamm GERD am Blauen Nil – die Lebensader des Nildeltas.
Im schlimmsten Fall zerbricht das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas an seinen inneren und äußeren Konflikten. Unterdrückte Ethnien könnten zu Gewalt greifen, neue Massaker drohen. Selbst bei den Oromo, seiner eigenen und größten Bevölkerungsgruppe, hat Abiy kaum noch Rückhalt.
Was wurde aus "Medemer", der schönen Idee vom Zusammenkommen? Hängt Abiy Ahmeds Herz noch an der friedlichen Lösung von Konflikten? Oder folgt er nun dem Weg seiner Vorgänger – vom Hoffnungsträger zum Autokraten?
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Iran entwickelte sie. Russland perfektionierte sie. Jetzt kopieren Staaten rund um den Globus das erfolgreichste Drohnenkonzept der Gegenwart.
Über 900 Drohnen hat Saudi-Arabien nach Zählung der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu [1] allein in den ersten 41 Tagen des Irankrieges abgefangen. Dass sich Riad nun entschieden hat, dieselbe Waffe selbst zu produzieren, ist die folgerichtige Konsequenz aus einer militärischen Realität, die der Krieg unübersehbar gemacht hat.
Die iranische Shahed-136 hat sich als performantes, kostengünstiges und in großen Stückzahlen einsetzbares Mittel erwiesen, gegen das selbst hochgerüstete Luftabwehrsysteme an ihre Grenzen stoßen.
Das US-saudische Joint Venture SR2Vector [2]hat im Mai mit dem Bau einer Produktionsanlage in der Nähe von Riad begonnen. Entstehen soll die SkyWasp — eine Einwegdrohne mit einer Reichweite von 1.500 Kilometern, konstruktiv und operativ eng an der Shahed-136 orientiert.
Dabei ist Saudi-Arabien nur das jüngste Beispiel einer Entwicklung, die sich seit dem Ukraine-Krieg beschleunigt hat und inzwischen eine neue Qualität erreicht hat: Die Shahed-136 hat sich zur meist kopierten Drohnenplattform der Welt entwickelt.
Die Vereinigten Staaten setzten im Februar 2026 beim Auftakt ihrer Angriffe gegen den Iran erstmals ihre Lucas-Drohnen ein – ein offen als Reverse Engineering [3] der iranischen Shahed-136 entwickeltes System, das seit 2025 in Dienst ist.
Die Türkei präsentierte im Mai 2026 auf der Rüstungsmesse SAHA den Kuzgun – eine von STM entwickelte Langstrecken-Einwegdrohne mit einer Reichweite von über 1.000 Kilometern [4], die für Operationen und Tiefschläge gegen kritische Ziele hinter feindlichen Linien ausgelegt ist.
Taiwan stellte ebenfalls im Mai die „Papa Delta" vor – ein von Thunder Tiger Corp. [5] entwickeltes System, das für Langstreckenschläge gegen Ziele auf dem chinesischen Festland konzipiert wurde. Ukraine selbst präsentierte am 22. Mai den Behemoth, ebenfalls eine Shahed-inspirierte Drohne mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern und einem 75-Kilogramm-Tandemgefechtskopf.
Die geografische Reichweite der Proliferation illustriert ein Vorfall aus Mali [6]: Im Mai 2026 schossen Rebellen im Norden des Landes erstmals eine russische Shahed-136 ab, die durch Russland unterstützte Truppen eingesetzt wurden.
Im Mai 2026 erreichte der Einsatz strategischer Drohnen gegen die Ukraine einen neuen Rekordwert: Nach Angaben des Analyseaccounts ShahedTracker [7] wurden allein in diesem Monat 8.150 Shahed-artige Einwegdrohnen abgefeuert – mehr als je zuvor in einem einzelnen Monat.
Die ukrainische Luftwaffe meldete eine Abfangquote von angeblich 92 Prozent, ein durchschnittlicher Angriff umfasste demnach 263 Drohnen. Dass nach dieser Rechnung dennoch 508 Drohnen ihre Ziele erreichten, verdeutlicht die schiere Wirkung der Masse: Selbst eine wahrscheinlich zunehmend hohe Abfangquote schützt nicht vor den Treffern, die durchkommen.
Es ist ein technisches Katz-und-Maus-Spiel: Russland hat auf die steigenden ukrainischen Abfangerfolge mit einer systematischen Weiterentwicklung der Geran-Familie reagiert.
Die Geran-2, die seit 2023 in russischer Lizenzproduktion hergestellt wird und die Basis des Langstrecken-Drohnenprogramms bildet, fliegt mit einem Kolbenmotor bei rund 180 km/h – eine Geschwindigkeit, die ukrainische Abfang-Drohnen zunehmend problemlos erreichen. Nach Angaben des Fachmagazins Hartpunkt [8] hat Russland deshalb die Geran-4 als direkte Gegenmaßnahme entwickelt.
Diese verfügt über eine vollständig neu konstruierte Zelle, nachdem sich die Struktur der Geran-3 – die lediglich den Rumpf der Geran-2 mit einem Strahltriebwerk kombinierte – bei Hochgeschwindigkeitsflügen als aerodynamisch unvorteilhaft erwiesen hatte.
Die neue Zelle ermöglicht aktives Manövrieren bei 300 bis 400 km/h, eine Höchstgeschwindigkeit [9] von bis zu 500 km/h und Flughöhen von bis zu 5.000 Metern. Die Drohne erreichte im Mai 2026 die Einsatzreife.
Der Geschwindigkeitsgewinn hat jedoch seinen Preis. Die Reichweite der Geran-4 beträgt nach GUR-Angaben maximal 450 Kilometer – gegenüber bis zu 2.500 Kilometern bei der propellergetriebenen Geran-2 ein Verlust von über 80 Prozent.
Damit ist die Geran-4 auf Ziele beschränkt, die von russischem Territorium aus innerhalb einer Eindringtiefe von rund 350 Kilometern liegen – was die ukrainische Hauptstadt Kyiv sowie zahlreiche Bevölkerungszentren im Osten des Landes einschließt, aber den strategischen Tiefschlag gegen westukrainische Infrastruktur erheblich erschwert.
Noch einen Schritt weiter geht die Geran-5 [10], die Russland am 9. Mai 2026 im Rahmen der Siegesfeierlichkeiten offiziell vorstellte. Mit sechs Metern Länge, 5,5 Metern Spannweite und einem Gefechtskopf von 90 Kilogramm – erweiterbar auf bis zu 130 Kilogramm – ist die Geran-5 deutlich größer als ihre Vorgänger.
Ihre Reichweite wird auf rund 1.000 Kilometer geschätzt, die Höchstgeschwindigkeit auf bis zu 800 km/h. Laut Flug Revue [11] soll die Geran-5 auch vom russischen Erdkampfflugzeug Su-25 aus gestartet werden können.
Die technische Weiterentwicklung der Geran-Familie geht mit einer ebenso konsequenten taktischen Evolution einher. Russland setzt die Shahed-artigen Drohnen längst nicht mehr nur als einfache Einwegmunition gegen feste Infrastrukturziele ein.
Neben dem bereits dokumentierten Einsatz von Mesh-Netzwerken, die einzelne Drohnen als Signalrelais für andere nutzen, hat Russland eine neue Doppelschlag-Taktik [12] eingeführt.
Dabei wird zunächst eine Drohne eingesetzt, um ukrainische Luftabwehrpositionen zur Reaktion zu zwingen und deren Standort zu identifizieren – eine zweite schlägt dann auf das so enttarnte Ziel ein. Darüber hinaus werden Shaheds inzwischen auch zum Minenlegen [13] eingesetzt: Jede so ausgerüstete Drohne kann acht Minen aus kreisförmigen Behältern unter den Tragflächen abwerfen.
Eine bisher kaum beachtete Einsatzvariante zeigte sich am 6. Juni 2026 im Schwarzen Meer: Russland setzte Geran-2-Drohnen erstmals gezielt gegen bewegliche Seeziele [14] ein und versenkte dabei zwei ukrainische Schnellboote vor der Küste Odessas.
Abfang-Drohnen waren nach ukrainischen Angaben [15] beim Großangriff vom 24. Mai 2026 für mehr als 40 Prozent aller abgeschossenen Shaheds verantwortlich. Wie der Kyiv Independent [16] berichtete, hat Ukraine in den vergangenen vier Monaten den Anteil der durch Abfang-Drohnen abgeschossenen Shaheds verdoppelt.
Anfang Mai gelang auch der erste bestätigte Abschuss [17] einer Geran-4. Die ukrainischen Unternehmen General Cherry und STRIX haben ihre Drohne „Bullet“ sogar mit einer Mini-Raketenstufe [18] ausgestattet, um noch schnellere Düsen-Shaheds einzuholen. Folgerichtig arbeitet Kyiv an kostengünstigen Abfang-Raketen.
Unterstützung kommt inzwischen auch aus Japan: Das Unternehmen Terra Drone hat seine Abfang-Drohne „Terra A1 [19]“ seit Mitte April in der Ukraine im Einsatz – zu einem Stückpreis von rund 2.500 US-Dollar.
Was Iran als kostengünstige Massenwaffe entwickelte, hat sich in vier Jahren zu einer globalen Blaupause entwickelt, die Staaten von den USA bis Taiwan, von der Türkei bis Saudi-Arabien als Vorlage nutzen. Russland hat die Plattform technisch weiterentwickelt und taktisch ausgeweitet – von der Infrastrukturwaffe zur Seekriegsdrohne, vom Einweggeschoss zum Aufklärungsrelais.
Die Ukraine hat im Gegenzug eine eigenständige Abwehrindustrie aufgebaut, die ihrerseits exportiert wird. Die Shahed und ihre Derivate verkörpern dabei den Kern eines tiefergehenden Paradigmenwechsels: von der Plattformkriegsführung zur Wirkmittelkriegsführung.
In der Plattformlogik, die westliche Streitkräfte über Jahrzehnte geprägt hat, investiert man in hochentwickelte, kostspielige Einzelsysteme – den Kampfjet, den Zerstörer, die Präzisionsrakete – und leitet daraus Überlegenheit ab.
Die Wirkmittellogik macht dieses Prinzip obsolet: Entscheidend ist nicht die Qualität der einzelnen Plattform, sondern die Fähigkeit, Wirkung in industriellen Stückzahlen zu erzeugen.
Eine Drohne, die 35.000 Dollar kostet und zu 92 Prozent abgeschossen wird, erfüllt ihren Zweck dennoch – weil die verbleibenden acht Prozent Treffer mehr Schaden anrichten, als die Abwehr kostet, und weil die Produktion schneller skaliert als die Gegenmaßnahmen.
Dass nun Staaten rund um den Globus dieselbe Schlussfolgerung ziehen und eigene Shahed-Varianten bauen, ist die logische Konsequenz einer militärischen Realität, die der Krieg in der Ukraine und der US-Angriff auf den Iran unübersehbar gemacht haben.
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Nicht Fakten, sondern Gefühle entscheiden heute über politischen Erfolg – und das bedroht die Grundlage der Demokratie.
Die Politik erlebt eine ausgesprochen paradoxe Entwicklung. Entscheidungsträger verfügen über so viele Daten [1], Studien und akademische Erkenntnisse wie nie zuvor.
Gleichwohl scheint der Einfluss empirischer Evidenz auf öffentliche Diskurse abzunehmen. Dafür nehmen Narrative einen höheren Stellenwert ein, also Erzählungen, die Komplexitäten in einfache Deutungsmuster übersetzen.
Ob es um Migration, Klimawandel, wirtschaftliche oder internationale Konflikte geht: Es entscheidet nicht die Stärke der Faktenlage über die politische Dynamik, sondern welche Geschichte Menschen beeinflusst. Politik wird zum Wettbewerb der Interpretationen.
Moderne Gesellschaften sind vielschichtig. Globale Lieferketten, digitale Vernetzung, geopolitische Konflikte und technologische Umbrüche erzeugen Zusammenhänge, die schwer zu überblicken sind. Angesichts dessen wächst die Nachfrage nach Orientierung [2].
Narrative erfüllen diese Funktion. Sie reduzieren Komplexität, schaffen Klarheit und ordnen Ereignisse verständlich ein. Sie beantworten wichtige Fragen wie: Wer trägt Verantwortung? Wer profitiert? Wer bedroht unsere Interessen? Und welche Lösungen erscheinen logisch?
Aus politischer Sicht sind Narrative unverzichtbar. Kein Wahlprogramm, keine Reform und keine außenpolitische Strategie kommen ohne eine wirkungsvolle Geschichte aus. Problematisch wird es, wenn Narrative nicht auf Fakten aufbauen, sondern danach ausgewählt werden, ob sie zur gewünschten Erzählung passen.
Die Digitalisierung hat diesen Trend erheblich beschleunigt. Soziale Medien belohnen Aufmerksamkeit anstelle der Genauigkeit. Algorithmen bevorzugen Inhalte, die starke Reaktionen auslösen [3]: Empörung, Angst, Zustimmung oder Begeisterung. Nüchterne Analysen haben signifikant schlechtere Chancen [4] als zugespitzte Botschaften.
Wer differenziert argumentiert, konkurriert mit Inhalten, die anspruchsvolle Sachverhalte auf knappe Schlagworte reduzieren.
Internetnutzer können heutzutage Informationsräume aufsuchen, die ihre Gesinnungen bestätigen. Darum entstehen parallele Wirklichkeiten. Ungleiche gesellschaftliche Gruppierungen beziehen ihr Wissen aus verschiedenen Informationsquellen und konstruieren widersprüchliche Annahmen, was überhaupt als Faktum gilt.
Die Konsequenz ist verheerend: Diskussionen drehen sich weniger um divergente Bewertungen derselben Realität als um konkurrierende Realitätsbeschreibungen.
Ersichtlich wird diese Veränderung im Umgang mit wissenschaftlicher Expertise. Forschung liefert selten absolute Gewissheiten. Wissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, Unsicherheiten und fortlaufender Überprüfung.
Politik und Öffentlichkeit verlangen klare Antworten. Aussagen wie "Die Datenlage spricht mit hoher Wahrscheinlichkeit für diese Entwicklung" wirken ungenauer als eine eindeutige Behauptung.
So geraten analytische Erkenntnisse in eine Zwangslage. Studien werden selektiv zitiert sowie Forschungsergebnisse in bestehende Narrative eingeordnet. Zumeist bestimmt die politische Zugehörigkeit, welche wissenschaftlichen Quellen als glaubwürdig gelten.
Das verändert die Funktion von Expertise radikal. Wissenschaft dient folglich sekundär als Instrument der Erkenntnisgewinnung. Sie ist primär Ressource im politischen Meinungskampf.
Menschen treffen Urteile nicht allein auf dem Fundament rationaler Abwägungen. Emotionen sind ausschlaggebend [5] für die Wahrnehmung von Risiken, Chancen und Bedrohungen. Eine einzelne persönliche Geschichte kann größeren Effekt entfalten als umfangreiche Statistiken. Bilder, Symbole und emotionale Erfahrungen bleiben im Gedächtnis [6]. Tabellen und Wahrscheinlichkeitswerte meist nicht.
Politische Akteure wissen das. Wer Unterstützung mobilisieren möchte, muss sowohl Fakten als auch Emotionen ansprechen. Das erklärt, warum Narrative eine gewaltige Macht besitzen.
Hier liegt die Gefahr: Wenn emotionale Wirkung zum Maßstab politischer Kommunikation wird, werden empirische Befunde nebensächlich. Dann zählt nicht mehr, was nachweisbar ist, sondern was plausibel erscheint.
Demokratien leben vom offenen Streit über politische Prioritäten [7]. Dieser Streit setzt eine gemeinschaftliche Tatsachengrundlage voraus. Abweichende politische Lager müssen sich zumindest verständigen können, welche Fakten als Ausgangspunkt der Kontroverse gelten.
Wenn diese Basis erodiert, wird demokratische Verständigung aufwendiger. Kompromisse werden seltener, weil sich Auseinandersetzungen nicht ausschließlich um Interessen oder Werte drehen, sondern um die Realität selbst.
Hinzu kommt ein wachsender Vertrauensverlust gegenüber Institutionen. Medien, Wissenschaft, Gerichte sowie staatliche Behörden sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, Teil konkurrierender Fraktionen zu sein. Ihre Autorität wird zunehmend skeptisch begutachtet.
Langfristig kann dies die Fähigkeit demokratischer Systeme schwächen, Herausforderungen zu bewältigen. Themen wie Klimapolitik, künstliche Intelligenz, demografischer Wandel oder internationale Sicherheit erfordern Prozesse, die auf belastbaren Informationen statt kurzfristigen Stimmungslagen beruhen.
Narrative [8] werden aus der Politik niemals verschwinden. Das sollten sie auch nicht. Gesellschaften benötigen gemeinsame Erzählungen, um Orientierung zu schaffen, politische Ziele zu formulieren und kollektives Handeln zu ermöglichen.
Eine demokratische Öffentlichkeit kann verschiedene politische Visionen aushalten. Sie kann über Werte streiten, Interessen verhandeln und Prioritäten neu setzen. Schwieriger wird es, wenn der gemeinsame Ausgangspunkt überprüfbarer Tatsachen wegfällt.
Der Konflikt der Gegenwart geht nicht zwischen Fakten und Narrativen vonstatten. Er vollzieht sich zwischen Narrativen, die sich an der Wirklichkeit messen lassen, und solchen, die sich von ihr lösen. Die Zukunft demokratischer Entscheidungsprozesse ist abhängig davon, ob es gelingt, beide enger miteinander zu verknüpfen.
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